Freitag, 20. Februar 2026

4370 Der Tag danach

 



16:32.  Und? Wie ist der nächste Tag? Wie fühlt es sich an? Erstaunlich ruhig, fast friedlich. Meine Körperfunktionen funktionieren: ich bekomme Hunger, kann essen, muß aufs Klo, kann schlafen. Aber ein wenig taub. Ein wenig taub fühlt sich alles an, als hätte ich zu allem eine Distanz. Ich kann reden, sogar plaudern, aber es fühlt sich an, als würde ich lügen, oder zumindest bloß zum Schein mitmachen. Als käme alles bei mir nicht ganz an. Ein gewisser Reaktionsautomatismus, der fast ohne mich abläuft.

Ich fühle mich wie ein Hund, der in seinen Hundekäfig zurückgepfiffen wurde. Zu seinen Hundekäfigträumen. Es war gestern schon eine Konfrontation mit der festen Realität, und ich empfinde es schon so, dass ich Flausen im Kopf hatte: ein völlig unrealistisches Bild von der Welt und vor allem: von mir. Mit eingezogenen Schwanz zurück in den Käfig. Sitz! Couch! Mir ekelt immer noch vor mir selbst, aber – wie schon gesagt – essen, scheißen, schlafen kann ich; ich war heute sogar brav im Fitnesstudio; ist auch erstaunlich gut gegangen; mußte nicht vor Erschöpfung abbrechen wie beim letzten Mal. Ich schüttle über mich selber den Kopf. Wie kann man nur so daneben sein? Verstehen kann ich es nicht. Nein, verstehen kann ich es nicht.


(20.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 19. Februar 2026

4369 Beim Psychiater

 



10:45 a.m.  Ich sitze nach dem unsäglichen Psychiatertermin in meinem Lieblingscafé – das wollte ich mir spontan gönnen, um mir etwas Gutes zu tun – meine Nase rinnt, genauer: tröpfelt - ich sitze also zum ersten Mal beim schönen Holzofen, neben einem alten Photo eines tätowierten katholischen oder eher anglikanischen Priesters mit von einem von ehemaligem Schmuck vergrößerten Ohrenläppchen – vermutlich ein Maori – in seiner Soutane.

Als ich vor diesem Termin mit dem Psychiater etwas zu früh angereist in den Straßen der Umgebung herumgetanzt bin, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, tauchte über mir plötzlich ein Schwarm schreiender Krähen auf, aus dem dann die eine mit versehrtem, wie zerrissenem Flügel umgedreht ist und von ihrer Gesellschaft weg flog. Ich sitze hier unter einer Box und auch das Gerede hier in dem hinteren Raum des Lokals ist sehr laut.

Was den Termin mit dem Psychiater betrifft: meine Vorbereitungen und Überlegungen haben mir überhaupt nichts geholfen. Allein schon seine stattliche Erscheinung, einen Kopf größer – ich hatte sein Aussehen nicht mehr in Erinnerung – hat mich sofort eingeschüchtert und alle Vorsätze und zurechtgelegten Strategien waren weggeblasen und vergessen. Sein maskenhaftes, strenges, feindseliges, unerbittliches Gesicht hat ganze Arbeit geleistet. Der neutrale, über allem stehende, natürlich gaaanz objektive, naturwissenschaftliche Begutachter, der sich in Wirklichkeit zum Büttel der fehlgeleiteten Politik der kranken Gesundheitskasse gemacht hat.

Das passiert mir immer so. Solche Kämpfe kann ich nicht gewinnen. Er hat überhaupt nichts aufkommen lassen, mich gleich mit seinen Fragen bedrängt, ja bloßgestellt, es war sofort klar, dass ich zu nichts berechtigt bin und mir höchstens Gnade gewährt wird. Gleich einmal die Frage, wann ich zum Psychiater gehe und mir Psychopharmaka verschreiben lasse. Nicht ob, warum eher nicht oder so etwas, sondern sogleich die unabwendbare Forderung und als Vorwurf. Ich bin mir wie vor einem Inquisitionstribunal vorgekommen. Ich hatte keine Chance, meine Bedenken bezüglich staatlich unterstützter Drogensucht anzubringen. Ich hatte keine Chance, aber nutzte sie (Achternbusch; die Atlantikschwimmer) und so bekomme ich jetzt bis August doch eine Teilrückvergütung. Aber ich fühle mich arschgefickt und es graut mir vor mir selber. Ich kann nur zu Boden schauen. Ich esse jetzt im Lokal, um irgendwie dagegenzusteuern, sogar das zum Kaffee gereichte Schnittenstück, aber ehrlich, die extreme Süße ist grauslich und ich empfinde den Geschmack im Mund als ziemlich unangenehm; vielleicht helfen wenigstens die Kalorien. Ich hole mir eine Zeitung; Ablenkung ist angesagt. Ablenkung um jeden Preis.

Ich komme auch in der Reflexion gegen diesen Typen nicht an. Er hat meinen Antrag auf Teilrückvergütung zu einem Machtkampf gemacht, wo die reale Verteilung der institutionellen Macht mir keine Chance gelassen hat (Heinrich Gross en miniature); nichts von einer grundsätzlich wohlwollenden Überprüfung des Anliegens, ein reiner Unterwerfungsakt. Selbst die Gewährung der Teilrückvergütung ist mit einer Art Drohung versehen: dass ich nicht glaube, dass das so weitergeht. Ich bin voll ins Schuldgefühl hinein getreten worden, dass ich eine ungerechtfertigte Förderung ergattert habe. Ich nehme mir wieder vor, das niemals mehr zu beantragen. Ich werde mich niemals mehr überreden lassen, noch einmal dort hinzugehen.


13:16. Ehrlich gesagt, bin ich richtig enttäuscht von mir: ich hoffte doch immer wieder, dass es einmal reicht und ich zurückschlage; aber nein, ich kann mich nicht und nicht derwehren. Warum lasse ich mir das gefallen und schlage nicht zurück? Wie viel Demütigungen braucht es noch, bis das Fass überläuft und ich aggressiv werde? Ich kann mir das nicht verzeihen, dass ich mitgemacht und nun wieder wie arschgefickt herumlaufe und meine Trümmer zusammenklaube so nach dem Motto: mehr steht dir nicht zu und du bezahlst dafür mit Unterwerfung. Vielleicht war es das, was mir die Krähe mit dem verletzten, gespaltenem Flügel zeigen wollte: du hast in dieser Gesellschaft nichts zu melden und nichts verloren. Geh weg! Dreh um und geh gar nicht hin! Geh weg! Aus Selbstschutz. Mehr steht dir wirklich nicht zu.


14:23. Ich mach hald (sic!) alles, was ich nach solchen Erlebnissen seit meiner Jugend mache: ich höre meine Musik, lenke mich irgendwie ab und versuche, meine Fassungslosigkeit zu fassen. Ich tue irgendwie herum, bis ich das Ganze geschluckt, mich an meine Niederlage gewöhnt habe und mich auch nur halbwegs auszuhalten fähig bin und mein Selbstbild korrigiert und zurückgeschraubt habe. Gleichzeitig komme ich mir extrem größenwahnsinnig vor, weil ich mir eine andere, anständige Behandlung durchzusetzen oder auch nur klar artikuliert einfordern zu können erwartet hatte. Werch ein illtum! Ich kann nur an mir und meinem Selbstbild Abstriche machen und meine Wertlosigkeit zur Kenntnis nehmen und irgendwie, irgendwie aushalten. Trotz Schuldgefühle und Scham.


(19.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 18. Februar 2026

4368 Schwerer Gang

 



11:00 a.m.  Nach dem Aufwachen, als mir die diversen Arzttermine eingefallen sind, speziell der Psychiatertermin morgen, hat mich wieder eine grauenhafte Angst gepackt, wo ich nicht wußte, wie ich der auskommen könnte. Meine Tricks, wie sich gestreckt auf den Rücken legen; tief einatmen usw. hatte ich komplett vergessen. Ich war dieser Angst völlig ausgeliefert. Es war ein stundenlanger Kampf, bis es mir endlich gelang, die Bettdecke zurückzuschlagen und aufzustehen. Die Angst ist immer noch da, aber ich bin nicht mehr so gelähmt und kann mich bewegen. Was für eine Panik! Ich glaube, dass ich keine Niederlagen und Demütigungen mehr ertragen kann, dass meine Fähigkeit, das auszuhalten, erschöpft ist und denke dann nur mehr daran, wie ich von dieser Welt, die mich heillos überfordert, verschwinden kann, und muß alle meine geistigen Kräfte aufwenden, um das in meinem Inneren zurechtzurücken.

Mir ist immer noch ein wenig schlecht vor Angst, mein Unterkiefer zittert, ich habe mich gezwungen, ein Frühstück hinunter zu würgen, weil ein voller Magen die Angst dämpfen sollte. Der heutige Arzttermin mag unangenehm sein (Urologe), aber harmlos, aber morgen der Psychiatertermin bedroht mein letztes, fragiles Gleichgewicht. Nur weil ich einen teilweisen Kostenersatz für meine Psychotherapie beantragen will, muß ich mich dem aussetzen und dem arroganten Psychiater – das sage ich aus den Erfahrungen der letzten Begegnungen – im ungeschützten Raum meine Psyche präsentieren, auf dass er, weil er für die kranke Gesundheitskasse solche Anträge abwimmeln soll, süffisant und zynisch darauf herumtrampeln kann. Wir Menschen sind zerbrechliche Wesen und ich wäre vor Jahrzehnten beinahe daran gestorben, dass mein fragiles „Ich“ zertreten wurde. Lebensangst. Todesangst. Für heute bin ich über den Berg – so hoffe ich – aber wie wird es morgen sein? Ein Gang wie zur seelischen Hinrichtung.


(18.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 17. Februar 2026

4367 Der innere Spötter

 



11:06 a.m.  Nach dem Aufwachen ist plötzlich wie aus dem Nichts eine Wahnsinnsangst eingefahren, die in mir einen Abgrund aufgerissen hat, in den ich in freiem Fall stürzte, was ich körperlich als Ruck und als realen Schock in meiner Leibesmitte spürte, aber jetzt, hier im Lieblingscafé, gleich einmal schöne Musik, mein Stammplatz ist frei und der Cappuccino steht schon auf dem Tisch.


11:56 a.m.  Es ist nicht nötig, dass ich beim „Lichtengel“ Schutz suche – ich bin hart im Nehmen (hihhi – der innere Spötter) – aber hinschauen kann ich ja trotzdem (mein Gott! Übertreibt er wieder! „Schutz suchen“, so ein Blödsinn! - der innere Spötter). Heute bereichern zwei Babys mit ihrer Anwesenheit die Stimmung hier im Lokal; ihr staunendes Umherschauen ist so berührend; sie sehen noch die Wunder rundherum.


12.26.  Es geht nicht viel weiter mit meiner Arbeit (hihihi – der innere Spötter); einiges ist ins Stocken geraten (nur weil ihm nichts einfällt, versucht er mit Weltschmerzpathos zu punkten und produziert doch nur windiges Psycho-Bahöö – der innere Spötter).

Ist er nicht gut, mein innerer Spötter!? Die Musik (unter anderem) aus meiner Jugend (Crosby, Stills, Nash & Young; The Doors … - vielleicht Coverversionen. Weil die, wenn sie doch original sind, vermutlich remixt sind, erkenne ich sie nicht mit Sicherheit als die alten Versionen. Mein nachlassendes Gedächtnis spielt auch eine Rolle). Ich sehe hier drei – drei! - Personen, die händisch in ein Notizbuch mit dem Lesezeichenbändchen auf das Kaffehaustischchen ausgelegt schreiben. Bäume und Gesträuch draußen sind ziemlich völlig kahl (Oida! - der innere Spötter); ich bilde mir ein, das war beim letzten Besuch noch nicht so (jetzt muß er noch hinschreiben, dass er sich dessen natürlich nicht ganz sicher ist – der innere Spötter), aber genau kann ich mich nicht erinnern. Die Platane trägt noch etwas vertrocknetes Laub, und dass sie als laubabwerfende bis halbimmergrüne Art nicht so schnell und nicht so gern abwirft, könnte tatsächlich der Fall sein (ja, ja, die Welt ist alles, was der Fall ist – der innere Spötter). Ein ordentlicher Schluck Wasser. Die Bändchen-Notizbuch-Schreiberin drüben an der Wand dreht sich versonnen auf ihrem Barhocker mit drehbarer Sitzfläche hin und her. Der Notizbuchschreiber links von mir ist inzwischen auf elektronisches Schreibzeug umgestiegen. Macht nichts! (Er verkneift es sich, nix zu schreiben – der innere Spötter.) Mein Geist dreht sich von Halbgedanken zu Halbgedanken, aber nur im Kreis; er kommt nirgends an.
Es kommen viele Leute herein – ich sollte doch gehen.


(17.2.2026)


©Peter Alois Rumpf    Februar 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 16. Februar 2026

4366 Schneeflocken

 



13:07.  Beim Anmarsch über die Roßauerbrücke habe ich seit längerem wieder mein Vier-Elemente-Ritual in seiner Langform ausgeführt und dann den schönen, dichten Schneeflocken (nicht zu fett, nicht zu mager) zugeschaut, wie sie in einem schönen, wirbelnden Lebenstanz massenweise und ständig in den Donaukanal fallen und sich auflösen. Gut, man kann natürlich sagen: sie kehren in ihren Ursprung zurück; sie schweben dorthin, wo sie hergekommen sind (aber kann man sagen, was ihr eigentlicher Zustand ist? Der als in der Masse aufgelöster und mit den anderen verbundener Wassertropfen oder der als Schneeflocke? - der innere Spötter). (Man könnte jedoch auch behaupten, dass der Schneeflockenzustand der individuellste ist, wo sozusagen die jeweilige Persönlichkeit am deutlichsten entfaltet und ausgestaltet ist, oder? - der innere Schmähführer.) Jetzt jedenfalls sitze ich im Weltcafé und bereite mich mit Kaffee auf meine Psychotherapiestunde vor und versuche, mich vom Gerede ein paar Tische weiter nicht ablenken und triggern zu lassen. Genau weiß ich noch nicht, was mich tendenziell aufregt; vielleicht dieser intellektuelle, leidenschaftslose, lebensschwächelnde Tonfall der zwei Typen. Und, au weh!, der Begriff Dialektik fällt, da bin ich schon auf – wie sagt man? - 120 (ha, ha, ha, dein Blutdruck pflegt so um die 170 herumzuzappeln, und das zu Hause in deinem Zimmer, ohne die Herausforderung des Mithörens – der innere Spötter). Friede! Friede! Friede! Ich verordne mir Beruhigung, innere Distanz und Vorurteilskritik (meiner eigenen). Au weh! Antiisraelische Politik fällt. Ein heikles Thema! Nein, ich muß aufhören; ich weiß ja nicht wirklich, ob sie im zustimmenden oder ablehnenden Sinn davon gesprochen haben; so genau kann ich dem Gespräch nicht folgen und manche Argumentationsfiguren und Begriffe kenne und verstehe ich nicht. Abgesehen davon, dass ich selbst aus dieser kurzen Entfernung schlecht höre – ob aus äußeren oder inneren Gründen. Enthaltsamkeit ist angesagt! Strenge, geistige und emotionale Askese! Ich weiß ja nicht, was da wirklich gesprochen wird, und ob meine sofort aufgetauchten Ahnungen und vorauseilenden Interpretationen des schlecht Gehörten stimmen. Ich werde mir zur Stärkung und zur Ablenkung einen Schinken/Käse-Toast bestellen, weniger aus Hunger. Und ich gehe aufs Klo, um kurz aus diesem Setting auszusteigen und die Fixierung zu brechen.

Ich nehme wieder Augenkontakt mit der Steckdose gegenüber auf, diesmal sitzt niemand neben ihr. Nun aber blicke ich schräg in den anderen Raum hinüber und beim Fenster hinaus auf die Schwarzspanierstraße, wo man von Zeit zu Zeit jemand vorbeieilen sieht. Ich bestelle den eingeplanten Kaffee und den eingeplanten Toast, obwohl es zeitlich schon etwas knapp ist. Ich komme zeitlich ins Gedränge!


(16.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4365 Pflanzen gießen

 



9:19 a.m.  Ich habe meine tägliche Weltkonstruktion noch nicht fertig, die heutige Schöpfung noch nicht ganz aufgebaut und ruhe noch, bevor die Erschaffung der Welt abgeschlossen ist. Überhaupt durcheinander: schreiben kann ich schon, denken nicht und meine Gefühle habe ich noch nicht parat. Der dreifaltige Baum steht auch schon mitten im unfertigen Paradies, aber Früchte trägt er keine (nur eine kleine Papierkugel, die einen Lampion darstellen soll, ohne einer zu sein). Den Husten habe ich schon fertig; muß sagen, recht gut hinbekommen: nicht zu häufig und nicht so trocken, wie er schon war. Ich knabbere bereits an Orangenscheiben und Fenchelschnipsel – das geht auch schon (dabei ist mir soeben ein saftiges Orangenstückchen von der Gabel und auf mein Pyjamaleiberl – eigentlich ein alter, zerschlissener Rollkragenpulli – gefallen und hat dort einen Fleck hinterlassen, was mir völlig egal sein sollte). Das Schüsselchen mit dem Fenchel-Orangen-Mix habe ich jetzt wirklich leer gegessen, wobei es nicht ganz leicht bis unmöglich war, die letzten, kleinsten Stückchen auf die Gabel zu spießen, aber – schlau wie ich bin – habe ich die mit dem Lackerl Orangensaft, das sich am Grunde des Schüsselchen angesammelt hatte, in einem Schwung in den Mund gespült. Pflanzen gießen nicht vergessen!

11:58  a.m. In einem Kokon aus Knarren und Knacksen bewege ich mich durch die obere Wohnung und gieße die Pflanzen, einige scheinen einzugehen, aber c’est la vie! (von all den Pflanzen oben und unten sind nur zwei von mir; alle anderen sind mir zugewachsen).

Wieder einmal ein fernes Flugzeug in der Sonntagsruhe. Ich muß unten auch noch gießen. So ruhig bin ich nicht.


(15.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Samstag, 14. Februar 2026

4364 Fieber

 



22:02.  Ich bin in einem unsichtbaren Fieber, das mich beinahe delirieren läßt. Dumpf lehne ich da, und dumpf und schwerfällig, wie in Zeitlupe bin ich heute meine paar Wege gegangen. Mein Husten versucht etwas loszuwerden, aber wird es nicht los. Um es klar und deutlich zu sagen: ich habe kein Fieber, aber ich fühle mich so und empfinde meine Augen als glasig. Zwischendurch scheint für eine Weile alles normal zu sein, aber dann entgleitet mir etwas und und das dunkle Meer schlägt über mir zusammen. Ich bin dann nicht verzweifelt, nein das nicht. Zumindest würde ich es nicht so nennen, aber eine starke Trauer spüre ich ganz körperlich, sie hüllt mich ein, läßt mich innen stumm werden und abdriften. Eine Trauer, die ich für völlig angemessen und gerechtfertigt halte. Nichts ist gegen sie zu sagen. Sie ist voll und ganz berechtigt. Übrigens heißt das Stumm-werden nicht, dass ich dabei nicht reden könnte. Doch! Unbefangen kann ich dann plaudern, aber bin ich richtig dabei? Oder ich rege mich auf, glaube mir selbst fast die Empörung, aber wirklich? Regt mich das wirklich auf? Nur wenn ich dann jemanden verletze und in meinem vordergründigen Eifer mein verletzendes Verhalten zunächst nicht wahrnehmen will, kann es mich durch meine Dumpfheit hindurch dann doch erwischen. Aber nur kurz. Dann senkt sich wieder der Schleier dieses „Fiebers“ über mich. Oder was das ist.


(14.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 13. Februar 2026

4363 Nix da!

 



10:11 a.m.  Nix da! Die Fensterflügel klappern im Wind und ich mußte mich bis zum Recken durch die Nacht husten. Ich bin müde und antriebslos, meine Augen sind verklebt, nur der Blutdruck war heute früh unter der vorgegebenen Obergrenze. Auch jetzt plagen mich Hustenanfälle, aber ich kann mich nicht aufraffen, zum Arzt zu gehen. Nächste Woche kommt es dann sowieso Schlag auf Schlag mit den Arztterminen, einer nach dem andern, vor denen mir graut (und am Wochenende, wenn die Ordinationen geschlossen sein werden, wird er sich in den Arsch beißen, wenn er sich schlaflos und hustend durch Tag und Nacht quälen muß, weil er sich nicht rechtzeitig um Medikamente gekümmert hat – der innere Spötter). Aber so ist das bei Depression: man hat Hemmungen, so viel für sich zu beanspruchen und mit seinen Wehwehchen so viel Aufwand zu betreiben und Kosten zu verursachen. Vielleicht bringt mich meine schmerzende Brust doch noch dazu, zum Arzt zu gehen. Ich habe ja sonst nichts zu tun und das Bett wird mir schon unbequem.


13:26.  Das Zum-Arzt-Gehen war ganz problemlos (eigentlich das Beim-Arzt-Sein, das Losgehen kostete ihm Überwindung – der innere Spötter). Ich bin hingegangen, ohne Termin, habe mein Anliegen geschildert, habe nur kurz warten müssen, bin aufgerufen worden (Rumpf ist über Lautsprecher kaum zu verstehen: kurz, einsilbig, dunkelster Vokal, verschluckendes Wortende), wurde abgehorcht und habe das Rezept für die Medikamente für und gegen den Husten auf die E-Card bekommen (das stimmt: eines für den Husten, das das Abhusten des Schleimes in der Lunge fördert für den Tag, und eines gegen den Husten, das den Hustenreiz einbremst, für die Nacht – der innere … äh …?). Die Ärztin war freundlich, niemand hat mit mir geschimpft und keiner hat mir vorgeworfen, wegen einer solchen Lappalie das Gesundheitssystem zu belasten.


(13.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 12. Februar 2026

4362 Blutdruck

 



8:28 a.m.  Gut ist mir nicht. Körperlich fühle ich mich schwach. Viel gehustet, schlecht geschlafen. Im Kopf durcheinander. Ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie Gott die seine im biblischen Schöpfungsbericht (in dem einen Schöpfungsbericht; es gibt ja mehrere): hell - dunkel, oben – unten, das Identitätsgewölbe aufbauen, trocken – nass, und die Namen nicht vergessen: wie alles heißt und definiert ist, und eine Tagesordnung schaffen – zum Beispiel ante meridiem – post meridiem, und eine für die Zeit überhaupt: zum Beispiel jung – alt, und dass alles gut ist, etcetera, etcetera, etcetera. Ohne dem weiß ich weder, was ich heute tun will, noch, was ich tun kann. Der Pflichttermin ist erst um 5 p.m. nachmittags.

Ich würd’ schon sagen, dass ich krank bin, auch wenn ich kein Fieber habe (Witze über Männerschnupfen fallen mir ein – der innere Spötter). Habe ich Hunger? Mag ich frühstücken? Unentschieden: was da im Magen knurrt, könnte Hunger sein, aber gleichzeitig ekelt es mich so ganz unspezifisch. Ich lauere auf irgendwelche Hinweise, die mir weiterhelfen könnten. Ich phantasiere davon, dass ich ein reicher Galerist und Kunstsammler bin und eine Ausstellung von Thomas Jocher vorbereite und ihn dazu bringen will, einfach die Bilder für sich sprechen zu lassen, ohne allzu viele aufwändige Installationen. Soll ich die Reihe mona gone I und II in den Vordergrund stellen, oder abstracts von 2024? Oder ganz anders? Meine Zeichnerei ist schon wieder erloschen, bevor sie brauchbare Ergebnisse gebracht hat, und flammt nur alle paar Wochen kurz, vergeblich und unbefriedigend auf. Aufflammen ist möglicherweise übertrieben; es kommt eher aus Schuld- und Pflichtgefühl: wenn ich jetzt schon so viel Geld für Zeichenmaterial ausgegeben habe, muß ich es auch verbrauchen (Spießer hald (sic!) – der innere Spötter). Mein Gott! Was für ein fragwürdiges Leben! Kein Wunder, dass mir vor Ekel schlecht ist (naja, irgendwann im Laufe des Tages wird er dann eine ganze volle Schüssel Nahrung in sich hineinstopfen – der innere Spötter). Vom Husten rinnen mir Tränen über die Wangen.

Jetzt kommt ein weiteres Problem hinzu: Weil ich es nicht geschafft habe, vor 9:15 a.m. mein Frühstücksmüsli zu verzehren und bald die Tageskinder kommen, kann ich nicht im Pyjama (kein Problem; ich kann mich anziehen) und ohne Gebiss in die Küche hinunter gehen und das Müsli essen, denn heute kommt auch eine Praktikantin. Aber mit Gebiss das Müsli essen, das ist schmerzhaft. Denn das Gebiss sitzt schlecht und einige Körner geraten dabei immer unter die Plastikteile und stechen dann bei jedem Bissen. Der Husten ist jetzt etwas schwächer und erzeugt keine Tränen mehr. Der nächste ordentliche Anfall kommt bestimmt. Und ist schon da.


12:12. Seit ich dieses Blutdrucksenkermedikament nehme, fühlt es sich an, als wäre ich plötzlich und mit einem Schlag um zehn Jahre gealtert. Ich schleppe mich mühsam umher, kann nur mehr langsam gehen und empfinde meine vertraute Depression viel, viel körperlicher; als würde mir jetzt auch der Körper sagen: „Ich mag nicht! Ich kann nicht mehr! Gib doch endlich auf! Ich will in Frieden ruhen!“ Eine schwache, wirklich nur leichte, aber ständige Übelkeit als Hintergrundrauschen, ebenso eine Weinerlichkeit, die jederzeit aufsteigen kann – ich weiß auch nicht wirklich, warum es mir so wichtig ist, zu betonen: aber ich weine nicht.

So schleppe ich mich durch die Stadt. Kleine Scherze sind jederzeit möglich, so wie vorhin am Haustor, als auch ein anderer alter Mann mit gezücktem Schlüssel langsam aufs Haustor zu getrippelt ist und ich schneller am Tor war und beim Reinstecken des Schlüssels ins Schloss – wo ich oftmals länger brauche, bis ich den richtig angesetzt habe – gesagt habe: “Jetzt muß ich aber schnell sein, sonst ist mein Vordrängen nicht gerechtfertigt!“ und der andere Mann antwortet: „Nur keinen Stress, ich habe Zeit!“

Ich freue mich über solche Begegnungen und meine Seele hellt sich auf (nicht weil ich schneller bei der Tür war, sondern wegen der kleinen Kommunikation), aber zwei Minuten später schlägt das dunkle Meer der Depression wieder über mir zusammen und das Hinaufsteigen in den zweiten Stock geht nicht ohne Mühe. Genau dieser Mechanismus hat sich seit der depperten Blutdrucksenkung – wobei der Blutdruck dem ärztlichen Schema nach immer noch zu hoch ist – unglaublich verstärkt, und statt die letzten fünf Texte zügig einzutippen, wie ich es vorhatte, hocke ich auf dem Bett und habe das unüberwindliche Gefühl, mich erholen zu müssen.


(12.2.2026)


©Peter Alois Rumpf    Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4361 Nachgerade

 



23:56.  Es tropft aufs Fensterblech, also muß es regnen oder geregnet haben; sehen kann ich nichts, denn ich habe das Rollo schon längst heruntergezogen. Ich habe heute geruht, kaum etwas getan, Wohnung und Haus nicht verlassen. Schon wieder ist mir etwas zu kalt. Der Blutdruck ist immer noch zu hoch und husten muß ich auch. Ich glaube fest daran, dass das diesmal keine acht Wochen dauern wird. Es tropft nur mehr selten, die Abstände sich sehr groß, also regnet es nicht mehr. Ich blicke auf meine Notizen und erschrecke für einen Moment über die Leere darin. Daran kann auch die verschiedenfarbige Schrift nichts ändern. Das unverdeckte Weiß des Papiers blendet mich nachgerade (nachgerade – was soll diese komische Wortkombination denn heißen und wo kommt sie her? - der innere Spötter). Manchmal bin ich froh, dass du auftauchst, Spötter! Aber jetzt will ich schlafen.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4360 Marod

 



15:41.  Direkt aus der heißen Badewanne unter die Decke (naja, abgetrocknet hat er sich schon – der innere Spötter), unglaubliche Müdigkeit und Erschöpfung: im Moment jedoch eher ein angenehmer Zustand. Alle inneren und äußeren Verpflichtungen abgesagt oder vergessen. So will ich meine Erkältung auskurieren. Ich will nicht wieder acht Wochen marod herumhängen. Ich bleibe im Bett und werde lesen. Morgen, spätestens übermorgen bin ich wieder fit.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4359 FInanz

 



4:55 a.m.  Jetzt ist es sehr still. Kein Fenster leuchtet irgendwo. Kein Auto ist unterwegs. Ich frage mich gerade, ob der Türsteher Gottes, der Heilige Petrus, vorm Himmelstor steht (also: Schütze) oder hinter dem Tor (also im Steinbock)? Zu einer eindeutigen Lösung komme ich nicht. Dafür düdelt mein Handy. Angeblich ist es das Finanzamt (wäre eindeutig Steinbock, wenn es stimmte), das mir per SMS mitteilt, dass meine FinanzOnlineIdentität abläuft und eine Verlängerung braucht. Ich wüßte gar nicht, dass ich eine solche hätte. Habe ich auch nicht und keine Steuererklärung abgegeben. Wie sollte ich? Ich habe weder Geld, noch Vermögen, noch kann ich mein Leben steuern und bei der angegebenen Internetadresse steht FInanz oder sollte das Flanz heißen? (Es passt aber, dass er sich dessen nicht sicher ist und sich von diesem Fake-Scheiß tatsächlich verunsichern läßt. Wegen seiner Depression und seiner schwächelnden Identität weiß er wirklich nicht genau, was er in seinem Leben wann, wo und überhaupt gemacht hat – der Tipper.)

Unsicherheit und Ärger steigen auf und schade um die tiefe Stille vorhin. Ich schreibe jetzt nicht mehr weiter. Ich habe Angst, mich flach hinzulegen, ich bleibe noch hocken. Meine Augen fühlen sich von innen fiebrig an, die Stirn ist aber nicht heiß.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar   2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4358 Weiterlesen

 



23:42.  Vor Mitternacht. Es ist vor Mitternacht (so redet es in ihm! - der innere Spötter). Meine Finger sind kalt. Höre ich Schritte? Oder knackst die Stiege nur so? Die innere Stimme sagt nichts mehr; oder geht sie im Lärm der Stille unter? (Reiß dich ein wenig zusammen und konzentrier dich! - der innere Spötter.) Ich lege mir die linke Hand mit ihren kalten Fingern an die Stirn. Die Finger der rechten Hand sind warm. Ich huste ein wenig. Geht das wieder los? Letzte Nacht konnte ich deswegen kaum schlafen und mußte im Bett aufrecht hocken bleiben, um den Hustenreiz zu dämpfen. Die Stäubchen tanzen immer noch im Lichtkegel der Leselampe. Ein wenig Mißmut. Ein wenig Überdruß. Ein wenig Unruhe. Fast ärgerlich und zwanghaft bewege ich meine Zehen und drehe die Füße hin und her. Ich mißtraue den Medikamenten immer mehr. Meine Augen jucken ein wenig. So fürchte ich mich vor der Nacht. Ich könnte weiterlesen.


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf       Februar 2026        peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 10. Februar 2026

4357 Schotterweg

 



10:05 a.m.  W. ist der Mann der Schwester des Ex-Mannes meiner Frau. Ihm verdanke ich, dieses wunderbare Lokal kennengelernt zu haben (er hat mich seinem Gesprächspartner als Mann der Exfrau des Bruders seiner Frau vorgestellt). Der erste Cappuccino wird mir schon ohne Bestellung serviert; sie kennen mich hier schon. Hergefahren bin ich wie in schwerfälliger Trance; gesund bin ich nicht, aber Fieber – so glaube ich – habe ich nicht. Das wöchentliche Frühstück hier im Espresso Burggasse – auf das ich mich die ganze Woche freue – wird mir schwer fallen, einzusparen. Einmal in der Woche ein „Souverän“, der bestellen und bezahlen kann und ein ordentliches oder vernünftiges Trinkgeld gibt (meistens – der innere Spötter). Der erste Schluck Kaffee auf nüchternem Magen treibt sofort meinen Herzschlag in die Höhe (könnte nach dem Blick auf den Herzschlagmesser tatsächlich stimmen – der innere Korrektor). Mein erster Blick heute durch die Glasfront auf die Burggasse und die eine Platane hinaus, die von hier aus sichtbar ist. Die zweite Platane liegt außerhalb meines jetzigen Wahrnehmungsfeldes. Mir ist gleich zum Weinen zumute (aber er weint nicht – der innere Korrektor).

Das große Wiener Frühstück hat mich gestärkt. Meine Stimme ist von der Erkältung tief und rau (um nicht sehr männlich zu sagen – der innere Spötter) und die Musik ist heute besonders schön. Zeitung.

Jetzt ist mir etwas schummrig. Soll ich besser nach Hause gehen? (Anscheinend verträgt er das Blutdrucksenkungsmedikament nicht gut – der innere Korrektor.) Alles fühlt sich an wie Endzeit. Nur keine Apokalypse herbeireden! (weder äußere noch innere). Ich würde hinter der Apokalypse nicht erlöst, befreit und erneuert hervorkommen. Ich gehöre nicht zu den Auserwählten (solltest du nicht, bevor du das schreibst, einmal die Apokalypse des Johannes lesen? - der innere Spötter). In allem ist ein eigenartiger Ton, auch in der Musik jetzt, aber ich kann ihn nicht benennen. Alte Herren strecken sich, auch im Lokal. Beim Heimgehen fotografieren für das Album Der Wanderer nicht vergessen! (klingt alles nach mehr als es ist – der innere Spötter).

Die Straßenbahn fährt mit solch unglaublicher Traurigkeit zur Kreuzung hin und bleibt dann bei rot stehen (49; Bellariastraße/Museumsstraße).

Ich gehe auf dem unasphaltierten Schotterweg hinter dem Naturhistorischem Museum Richtung Ring. Die Wasserlacken rufen uralte, ferne Erinnerungen auf; vielleicht sogar von Admont. Es läutet von den Kirchen Mittag.

Ich stehe an der roten Ampel und die Autos rasen am Kaiser-Franz-Josephs-Kai so schnell vorbei, dass mir angst und bang und schwindlig wird; als würden die Autos Stücke meiner Seele mitreißen. (Autos sind falsche Selbste! - der innere Wichtigtuer.) Ich huste.

Die vier Elemente grüße ich auf der Salztorbrücke nur mit „Hallo alle vier!“ (er will sagen: „so erschöpft bin ich“ – der innere Spötter.)

Wie ein Dummsel ziehe ich ständig meine rutschende Hose mit Griffen unter Mantel, Sakko und Pullover über den Bauch hinauf und zurre vergeblich den ausgeleierten Gürtel fest. (Ihr fragt euch, warum er sich keinen neuen Gürtel kauft? Ich mich auch. Er behauptet, bei Depressionen ist das so (wegen dem sich warat’s) – der innere Spötter.)


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf     Februar 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4356 Rascheln

 



1:03 a.m.  Da sind wir wieder nach Mitternacht und hocken im Bett, gelesen haben wir schon, der Blutdruck ist immer noch zu hoch und ich huste wie gehabt. Kalt ist es, wie es zu dieser kaputten Jahreszeit gehört. Was wird es im Zimmer haben? 18? 19 Grad? Ich steh jetzt nicht auf und schaue nach. Die zwei auseinander geschnittenen Zwiebelhälften, die ich im Zimmer zur Vertreibung der Erkältung aufgehängt habe, haben das meiste ihrer Kraft schon an die Zimmerluft abgegeben und duften nur noch schwach. Ich weiß nicht, ob ich morgen eine neue Zwiebel aufschneiden werde, denn ich weiß auch nicht wirklich, ob diese Prozedur hilft. Ich erinnere mich schon, dass sie zumindest ein Mal eine herangeschlichene Erkältung abgefangen hat, aber manchmal war es entweder schon zu spät oder hat einfach nicht gewirkt. Jetzt hocke ich also da und schreibe zufrieden vor mich hin – ich bin immer zufrieden, wenn ich schreibe – auch wenn mir allmählich die Schreibideen auszugehen drohen (als hätte dich das jemals abgehalten! - der innere Spötter). Macht nichts, ich kann ja einen Punkt machen und aufhören. Ich mache aber keinen Schlusspunkt und gehe aufs Klo.

Dafür mußte ich vom Bett aufstehen, „und“, dachte ich mir, „ich kann gleich zum Zimmerthermometer gehen und die Temperatur ablesen“. Gedacht, getan: ich drehe die Schreibtischlampe auf, nehme das Thermometer von der Wand, halte es unter das Licht und lese 19,5 Grad ab. 19,5 Grad! Warum ist mir dann so kalt? Ich versteh das nicht, dass mir immer so kalt ist.

Der Besuch am Klo – kleine Seite – war übrigens nicht sehr ergiebig; der Drang kam wohl eher von Kälte und Nervosität als von einer vollen Blase. Das Bett wird sich schon wieder aufwärmen; in der Früh ist mir immer auch schon vorm Anspringen der Heizung unter der Decke richtig angenehm warm.

Meinem Ohrengesumse hat sich jetzt ein Ton beigesellt, den ich fast als Rascheln wahrnehme. Auffällig lebhaft und variantenreich das Ganze heute.


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 9. Februar 2026

4355 Geschirr!

 



14:56.  Nach der Therapie auf einen Cappuccino im Weltcafé. Leute, ich bin so schlapp! Ich schleppe mich mühsam umher. Ich mußte heute mein Fitnessprogramm nach einer Stunde aufgeben, weil mir die Kraft ausgegangen ist und dann gefehlt hat. Als trüge ich einen Altersanzug – ich meine den, der auch Alterssimulator heißt. So kannte ich das bisher nicht. Meine Handschrift hat die Farbe getrockneten Blutes; das werdet ihr Leser in der getippten Fassung nicht sehen können (Freundchen! Du stierlst schon wieder nach Leidenspluspunkten! Die gibt es im Universum nicht! - der innere Spötter, auch müde). Schlafen. Schlafen ist besser als wachen. Ich schau mich um und habe keine Ahnung (Oida! - der innere Spötter). Es gerät alles aus den Fugen. Mein Geist ist auch so schwerfällig, außer „welches Gerät“ und „welche Fuge? BWV welche Nummer?“ fällt ihm nichts ein. Heute gehen mir die Bilder an der Wand gegenüber ein wenig auf die Nerven; so gleichgültig hingeworfen (wie deine Texte? - der innere Spötter). Das Ballett der versäumten Gelegenheiten und Chancen. Schwermut ist es nicht, was mich heute niederdrückt, sondern Erschöpfung und Müdigkeit. Dann fällt mir auf, dass ich immer ein unaufmerksamer Mensch war. Diese Erkenntnis verpufft genauso wie alle anderen. „Bastelt der schon wieder an einer Jammeriade?“ denkt sich müde der innere Spötter, aber schafft es jetzt auch nicht, einen richtigen Spott oder wenigstens eine konsistente (er gibt wieder an; dabei hat er nachschauen müssen, was konsistent genau heißt – der innere Spötter) Aussage zu machen. Altersanzug trifft es ganz gut.

Mir scheint, heute beobachten die Leute mich mehr, als ich sie beobachte; ich schaue eh herum, aber das löst nichts aus (genaugenommen kann er die von seinen Wahrnehmungen angerissenen Assoziationen und Gedanken vor Müdigkeit und geistiger Trägheit nicht weiterführen, sie stürzen alle ab – der innere Korrektor). Ah! Du meldest dich auch wieder einmal! Meine Schreibhand hat schon Muskelschmerzen. Ein Kinderwagen wird vorbeigezogen (ja, gezogen! Nicht geschoben). Ich nehme Augenkontakt mit einer Steckdose gegenüber – ungefähr auf gleicher Höhe – auf. Wir starren uns eine Weile an (und? Hast du dabei Energie geladen? - der innere Spötter). Ich mag nicht nach Hause gehen; dort wartet das Geschirr. Das stellt sich eh immer als halb so schlimm heraus. Aber ich mag nicht. Ist das da draußen schon so eine Art Dämmerung? Kann fast nicht sein. Wurscht! Ich bestelle noch einen Kaffee, sonst schaffe ich es nicht nach Hause zum Abwaschen. Ist das hier ein guter Ort für den nachmittäglichen Übergang, in dem sich schon – für mich zumindest – der Abend vorzubereiten beginnt. Es heißt Lebensabend. Ich werde eines eigenartigen Objektes an der Bar um die Ecke ansichtig; vielleicht eine abstrahierte, dreidimensionale Darstellung der Weltkugel. Ich bin zu weit weg. Mein „kindisches“ Kunstobjekt Planetensystem fällt mir ein. Das „kindisch“ ward in einer Tiroler Kunstkritik anlässlich meiner Ausstellung in Zirl geschrieben. Aber keine Sorge, ihr Tiroler und ihr Kunstkritiker und du, du bayrischer Affenarsch, die Objekte sind alle schon seit den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zerstört (nicht kaputt gegangen; zerstört!).

Meine Augen fühlen sich von innen glasig an. Vielleicht kann es der zweite Kaffee richten? (Er meint: ihn auf – der innere Spötter.) Ich lese am Handy: die guten Ärzte gehen in Pension. Ich möchte auch in Pension gehen. Richtig in Pension, mit Ruhe und sozialer Absicherung, aber ich war kein guter Arzt. Und einfach hier sterben? Den letzten Blick auf die Bilder, die du heute nicht so magst? (Wie wäre es mit dem letzten Blick in die Steckdose? - der innere Spötter.) Du bist hier nicht richtiger Stammgast, nicht richtig heimisch, macht dir das nichts? Oder ist es dir so recht? Ich bin zu müde, das Steuer herumzureißen. Verdammt, was ist wirklich los? Ist das eine körperliche, keine seelische Schwermut? (Nein, das reicht jetzt! - der innere Was-weiß-ich-was.) Mionetto steht auf einem kleinen Polster gegenüber auf der Sitzbank. Auf der Kaffeetasse steht Gusto Giusto. Das Lokal leert sich. Die Leere, bevor der Abend kommt, wird eingeleitet. Ich könnte im Zerfall versinken. Mein Pflichtgefühl sagt „Geschirrabwaschen!“ - aber wie aus der Ferne, wie hinter einer schalldämmenden, durchsichtigen Schicht hindurch (… in Begleitung ertrunkener Sterne. Christine Lavant; eines der schönsten Gedichte, die ich kenne). [Liebe LeserInnen, bitte nehmt das ernst! Dieses Gedicht von Christine Lavant Mein Schatten kann über Wasser gehen, im Büchlein im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Thomas Bernhard, Seite 54, ist es wirklich wert, gelesen und erinnert zu werden. Er mag als Schriftsteller gescheitert sein, unser Schreiber hier, aber dieser unangebrachte, nur dahergeblödelte Hinweis ist in sich richtig! - das sagt der Hüter der Vollkommenheit; ich bin der Einzige hier, der sich nicht gehen läßt.]

Im Lokal hat der Schichtwechsel soeben schon stattgefunden. Nicht nur beim Personal, auch beim Publikum. Nur ich bleibe picken. Eine frisch hereingekommene Frau gähnt direkt neben „meiner“ Steckdose (der Augenkontakt zur Steckdose ist noch möglich) und obwohl sie keine Hand vorhält, trotzdem damenhaft. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Trink aus, steckt dein Schreibzeug ein und geh heim! Die Frau neben der Steckdose putzt lautlos und sehr elegant ihre Nase und macht sich schön, indem sie die Lippen mit dem Lippenstift nachzieht. Ich muß natürlich sofort ordinär wie ein Prolet husten, das bin ich meinem Pariastatus schuldig. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Diese Rufe erreichen meine inneres Handlungszentrum nicht. Das Bündchen der Wollweste der eleganten Dame gegenüber bei meiner Steckdose ist doch etwas …, zu elegant um wirklich elegant zu sein.

Ich smige beide wange in mine hant (beide! Wie der Plural von hant geht, weiß ich nicht! Genauso nicht von wange), die Beine habe ich auch übereinander geschlagen, und gebe mich nachdenklich (obwohl er dabei zwar lautlos, aber doch wie ein Prolet seinen Zwiebelgestank vom Mittagessen hochrülpst – der innere Spötter). Geschirr! Geschirr! Geschirr! Jetzt kommt ein unbeabsichtigter, echter Seufzerlaut aus! Das ist schlimmer, als den Proleten zu geben! Geschirr! Geschirr! Geschirr! (Was ist eigentlich die Etymologie von Geschirr?) (Von scheren – der Tipper.) Ich bin wirklich kein gescheites Gegenüber; ich falle immer um und grinse blöde (hier: in mich hinein). Geschirr! Geschirr! Geschirr!


(9.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4354 semper et ubique

 



13:12.  Ich schleiche und stapfe schwerfällig, angeschlagen und wie betäubt herum wie der Prinz Claus (der Niederlande und Jonkheer van Amsberg) in seinen besten Zeiten, aber immerhin sitze ich nun mit meiner glücklichen Königin in der Lucy Bar im Belvedere 21 umbenamsten Zwanzgerhaus bei jazziger Barmusik aus den Boxen in Erwartung eines halbwegs guten Cappuccinos. Der Kellner stellt das Tablett am Tisch ab, aber stellt die jeweiligen Getränke nicht zu den jeweiligen Konsumenten. Ein Minuspunkt (wenn ich schon schwer deprimiert bin, will ich wenigstens streng sein). Der Cappuccino ist schon okay, wenn auch etwas dünn, aber das geht und passt schon (für mehr Strenge reicht meine seelische Energie nicht aus). Das Kakaopulver am Cappuccino ist recht viel, aber das ist mir nun wirklich recht, ohne wenn und aber (was steht als erstes Wort nach dem vorigen Beistrich? - der innere Spötter). Ich fordere meine Königin auf, von ihrem Sodazitron, das schon eine geraume Zeit wahrlich sinnlos am Tisch herumsteht, zu trinken, indem ich feststelle: du trinkst dein Sodazitron gar nicht! (dafür reicht die „seelische Energie“! - der innere Spötter). Ich gestehe, dass mir dünner, aber guter Kaffee eh lieber ist als ein fetter. Meine Verdauung spinnt auch irgendwie (die neu verschriebenen Blutdrucksenker?). Das Alter ist immer und überall, man sieht es auch auf der Straße. Die Ausstellung im Erdgeschoß erinnert uns (also beide) an die Vikingertherapie (Original: Den Sidste Viking) (mehr will er nicht preisgeben: einerseits, weil er seine LeserInnen papierln will, und andrerseits, weil angeblich seine seelische Energie nicht ausreicht, das genauer zu beschreiben und besser zu erörtern – der innere Spötter). Nein, der Cappuccino ist schon richtig gut! Das Saxophon jammert angenehm dahin, aber das kann ich besser (das Jammern, nicht das Saxophonspielen, das ich in meiner Jugend auch einmal lernen wollte, aber nie gelernt habe. Ursprünglich hätte ich gerne Gitarre gelernt, wurde aber abgelehnt). (Ein Schütze, dem man das Gitarrespielen ausredet!)

Zurück in die wunderschöne Lucy Bar mit den großzügigen Glaswänden. Der Wind bewegt die etwas einfallslosen und farblich und designlich schwächelnde Fahnen vorm Eingang so schön, und wird nach meinem Kommentar hier – ich wette, der Wind oder die drei Fahnen haben das mitgekriegt – stärker. Ist schon gut! Ihr müßt wegen meiner Meckerei nicht aufdrehen! Ich find nur, dass die Fahnen, die ausschauen wie die von Autohäusern, eines Kunsttempel unwürdig sind, aber wenn ihr mich frägt, wie ich sie anders gestalten würde, fällt mir auch nix ein. Die weißen Fahnen mit dem bißchen Schrift und der Zeichnung drauf, werden im Wind unleserlich – was man schon so lassen kann – aber das Weiß der Fahnenfläche finde ich etwas fade. Nochmals: ich weiß auch keine bessere Lösung. Vielleicht muß es so sein; ich kann mir – obwohl ich schon minutenlang hinstarre – auch keine andere Farbe vorstellen. Die Lampenschirme hier in der Bar sind großartig und begeistern mich bei jedem Besuch aufs Neue. Dieses ganze Ensemble sehr verschiedener Lampenschirmkunstwerke gefällt mir einfach und veredelt den Raum. Vielleicht müssen die Fahnen vorm Hintergrund der grauen Glasbauten wirklich weiß sein. Ich weiß es nicht (das schreibt er jetzt nur wegen weiß (Farbe) und weiß (wissen); das gehört auch zum Papierln – der innere Spötter).

Ich lege mein Schreibzeug und die Brille ab und plaudere – zwei Cappuccini! - meine Königin an und kann nicht mehr aufhören, erzähle alles, verrate alles, gebe alles preis und vertreibe sie damit (die glückliche Königin fährt jetzt nach Hause um zu kochen!). Ich bleibe noch da, bei meinem zweiten Cappuccino, bin aufgeregt wie der fahnenschwingende Wind (so gut er es bei den einmal längs, einmal quer festgezurrten Fahnen hald (sich!) kann), begrüße das nun zu erwartende Dahinblödeln und hoffe auf wieder verstärkten Schreibfluß, weil ich niemanden anquatschen und mein angestochener Mitteilungsdrang (seine Handschrift wird immer unleserlicher – der innere Spötter) nur mehr aufs Papier ausrinnen kann, wenn ich nicht in ausufernde innere Monologe abheben will (schreiben bremst). Die eine junge Frau dort drüben fotografiert exzessiv, die andere junge Frau weiter hinten zeigt zeitweise ihr Profil. Ihr Mittelscheitel – sie schaut jetzt nicht mehr zum Fenster hinaus, sondern vor sich auf den Tisch – ist – soweit ich es sehen kann – perfekt. Ein Gesicht wie von einem alten Gemälde! (Oida! Es gibt unzählige, sehr unterschiedliche Gesichter auf alten Gemälden! Deine Aussage ist nichtssagend; höchstens, dass mitteleuropäische Gene gerne in Mitteleuropa weitergegeben werden – der innere Spötter.)

Das mit den festgezurrten Bewegungen der Fahnen – damit hat es etwas! (ja, ja, leicht zu durchschauen! Du willst auf Canetti hindeuten. Auch das sagt nichts wirklich Relevantes aus! - der innere Spötter). (Genauso pflegt er sich und seine Texte aufzublustern – mit nicht weiter ausgeführten Andeutungen – der innere Spötter.) Ach und so schöne schwermütige und schwermütig gesungene Musik! Trauer und Schmerz sind immer und überall (semper et ubique – gottseidank rauche ich nicht mehr!) (Wieder so eine Andeutung, mit der er sich kryptisch gibt und die LeserInnen papierlt! Wer weiß denn noch, dass auf der Packung der Zigaretten der Sorte Smart export um das Logo semper et ubique gestanden ist? - der innere Spötter.) Smrt wäre zutreffender gewesen (da! Schon wieder! Wer weiß schon, dass slowenisch smrt auf Deutsch Tod heißt? - der innere Spötter. Smrt fašizmu!).

Jetzt beginnen die Assoziationswellen auszuufern und sich zu überschlagen – der Lampenschirm vor (nicht über) mir passt mit seinem kreisenden orangen Liniengewirr exakt dazu und auf der anderen Seite des Lokals wird von Klagenfurt/Celovec geredet.

Schwerfällig und gekrümmt wie ein alter Mann (wie ist gut! - der innere Spötter) erhebe ich mich vom gepolsterten Sessel und schleppe mich aufs Klo. Dort gibt es einen großen, bis zum Boden reichenden Wandspiegel – eh mit einem aber doch wieder transparenten Vorhang, den man vor den Spiegel ziehen kann, wenn einem der nackte Anblick zu viel ist – und wie ich mich da so mit heruntergelassenen Hosen von der Seite sitzen sehe - die Wampe wölbt sich vor fast bis zu den Knien – muß ich sagen: ich bin kein schöner Mann! (kein schöner Mann in unsrer Zeit … - der innere Spötter).

Trinken wir aus und gehen oder fahren wir nach Hause, nachschauen, was die Königin essensmäßig vor- und zubereitet hat. Amen.

Ich bin jetzt nochmals durch die Ausstellung gegangen, und zwar mehr mitten durch und nicht mehr bloß am Rand, und jetzt beeindrucken mich diese flechtenfarbigen Stoffwesen mit „abgeschlagenen“ Köpfen (Vikingertherapieassoziation) mit der fluiden klanginstallierten Musik doch! Ein Bedrohung andeutender Wald (Canetti!) bei düsterer Beleuchtung und es wirkt auch durch die großen Glasfronten so, als wäre es draußen ganz düster. Die kahlen Äste der Bäume des Schweizergartens hinten verstärken diesen Eindruck und ich staune immer wieder über die graphische Schönheit dieser wirren, dichten Äste und Zweige, die sich so traurig und mit vielversprochenem, vielleicht auch vergeblichen Glauben nach oben strecken.

Jetzt aber schnell nach Hause zum späten Mittagessen, Depression hin oder her! (So schwer kann sie dann nicht sein, die Depression, wie er behauptet hat – der innere Spötter.)


(8.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 5. Februar 2026

4353 Diese Träume!

 



9:20 a.m.  Diese Träume! Immer unterwegs auf dem Weg nach Hause, von dem ich meist gar nicht mehr weiß, wo und was es ist. Oft mit Familie, aber die sind undeutlich und irgendwer oder alle kommen abhanden und ich finde sie nicht mehr. Ebenso das Gepäck: alles auf einmal konnte ich nicht schleppen - wenn wir zum Beispiel umsteigen mußten – aber wenn ich das zurückgelassene holen will, finde ich es nicht mehr, oder ich finde den Platz oder gar den Zug nicht mehr, wo ich den ersten Teil abgelegt habe. Der Zug – es sind immer Züge – fährt dann doch nicht oder fährt irgendwo ganz anders hin. Oder kommt erst gar nicht und wir stehen an einem abgelegenen Bahnhof (der auch verschwinden kann) und es gibt keine Chance, herauszufinden, wie wir von da wieder wegkommen. Wenn ich ankomme, ist es immer eine fremde Wohnung, also eine, an die ich mich nicht oder kaum erinnere, oder eine, die nicht mir gehört, sondern zum Beispiel einer Ex. Und ich sollte nicht dort sein. Finde mich aber auch nicht in der Stadt zurecht und entweder weiß ich nicht mehr, wo ich wirklich wohne, oder finde den Weg dorthin nicht (fahre zum Beispiel mit einer Straßenbahn, die endlos in den Außenbezirken herumkurvt). Wenn ich in der fremden Wohnung bin, stimmt auch einiges nicht. Fast immer bin ich dort allein, die Wohnungsinhaberin ist nicht da. Manchmal kommen fremde Leute herein (heute zum Beispiel ist ein unbekanntes Mädchen – schätze so um die zehn, zwölf Jahre – bei der Tür – wörtlich – hereingerollt. Das Ganze ist ein einziges Chaos, wo nichts feststeht und stabil ist, wo nichts irgendwo hinführt, nichts gelingt, alles fremd bleibt oder verfremdet wird oder überhaupt vergessen ist. Ich kenne mich einfach nie aus. Genau wie in meinem Leben. Ich halte mein Notizbuch beim Schreiben wieder völlig verkrampft fest, wie ich erst jetzt bemerke; es sollte mir wohl als Rettungsanker dienen.


(4.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4352 Die Gesichter

 



0:08 a.m.  Es sind viele Gesichter hier im Zimmer, die mich anschauen (mehr oder weniger). Die einen befinden sich auf Fotos, die anderen auf Kunstkarten, wieder andere auf realen Zeichnungen; sie alle lehnen entweder an den Büchern im Regal, hängen an der Wand oder sind auf Kästen getackert. Wie sie mich anschauen bemerke ich meistens nicht. Um genau zu sehen bin ich am Bett von den meisten zu weit weg und es ist sehr düster hier. Ich fühle mich nicht beobachtet, schon gar nicht bedroht, nein, das ist es nicht, was mich heute beschäftigt. Mir ist nur aufgegangen, dass ich hier eine illustre Gesellschaft habe; ihr seid eingeladen! Gut, ich rede auch mit dem Holzraben am Fenster und mit der Holzmöwe über meinem Kopf, und wenn ich beim Umhergehen unabsichtlich gegen einen Kasten zum Beispiel stoße, entschuldige ich mich bei dem Ding. Es muß etwas kein Gesicht haben, damit ich es anspreche. Aber heute sind mir die Gesichter aufgefallen und dass ich mit ihnen in Blickkontakt treten und sie photographieren könnte (er kommt sich gebildet, lässig, anarchisch und cool vor, wenn er Foto mit F und beim Verbum dann trotzig zum geliebten Ph zurückkehrt, und als tragisch-pathetisch Zerrissener in zwei Welten – der innere Spötter). Gut, meine Generation hat ja wirklich die Zeitenwende 1967 miterlebt. Was hat das jetzt mit den Gesichtern zu tun? Nicht viel. Vielleicht, dass die alle so ungeordnet, ohne Hierarchie und popmäßig nebeneinander hängen. Der Christus zum Beispiel neben einer Kinderzeichnung, die mich darstellt, eine orthodoxe Ikone (Foto!) neben was auch immer. Ich werde jetzt aber im Bett hocken bleiben, mich gut zudecken, das Licht abdrehen und in die Dunkelheit starren.


(4.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4351 Zwei

 



12:12.  (geschwindelt: genaugenommen ist es 12:11) Im Lieblingscafé. (Neben mir schreibt auch einer einen längeren Text in ein Notizbüchlein.) [Ihn habe ich wegen der Zuckerdose angeredet: weil ich nämlich nach dem Hereinkommen und der Platzwahl die Zuckerdose am Tisch, die ich nicht brauche und mir nur Raum, den ich fürs Frühstückstablett und die Kaffeetasse verwenden will, verstellt, an einen der Nebentische ohne Zuckerdose deponieren wollte, mußte ich mich entscheiden, ob auf den linken leeren Tisch oder auf den rechten leeren Tisch (das Leben besteht nur aus Entscheidungen – der innere Spötter). Ich habe mich für den linken Tisch entschieden. Dann ist der dann auch schreibende Mann hereingekommen und hat sich an den rechten Nachbartisch gesetzt. Und als ihm sein Kaffee serviert wurde (du hast tatsächlich versiert geschrieben – der innere Spötter) ist jener Mann aufgestanden und hat sich die Zuckerdose vom Tisch links von mir geholt. Da habe ich ihn angesprochen und gesagt: „Dann hätte ich den Zucker doch rechts abstellen sollen!“ Worauf er geantwortet hat: „Bewegung ist immer gesund!“]

Auch am Weg hierher war es lustig: bei unserem Zugang zur U2/4 gibt es zwei Lifte, von denen mindestens alle zwei Wochen einer außer Betrieb ist und lange so bleibt, bis er repariert wird. Heute waren alle beide kaputt und man mußte die wirklich vielen Stockwerke zu den U-Bahngeleisen hinuntersteigen. Zwei Karawanen bewegten sich über die Stiegen, eine eher mühsam hinauf, eine hinunter. Es kommen ein Herr und eine Frau heraufgestapft, die über die häufigen Ausfälle der Lifte hier reden. Ich schalte mich gleich ungefragt ins Gespräch ein - immerhin ist mir diese Liftgeschichte als ein mich ständig ärgerndes ein Lieblingsthema – und sage: “Ja, das stimmt! Mindestens alle zwei Wochen fällt ein Lift aus. Die Reparaturfirma ist entweder unfähig oder sie reparieren absichtlich schlecht, um Aufträge zu requirieren!“ (Naja, so gut hatte ich das live nicht formuliert, in Aufregung und Ärger ist mir das schöne Wort requirieren nicht eingefallen). Der aufsteigende Mann und ich absteigender haben uns ein wenig und ganz lustig zu diesem Thema unterhalten und uns beim Abschied freundlich, fröhlich, ja, fast liebevoll einen schönen Tag gewünscht. Das hat meiner Seele gut getan! Übrigens: bevor ich die Treppen runtergegangen bin, bin ich zu den Liftreparaturarbeitern gegangen, die im Liftschacht auf einem der Lifte gestanden sind und fleißig auf Metall geklopft haben (ich nehme schon an sinnvoll und nicht zum Spaß), von denen ich aber nur die Beine sehen konnte, bin also vor die Glaswand und habe ihnen (aber eben nicht ins Gesicht) „Pfuscher!“ zugerufen. Erst im hinuntersteigen ist mir eingefallen, ich hätte das genauer und ausführlicher ausführen sollen. Leise Zweifel, ob ich wirklich verstehe, was sich hier abspielt, sind mir auch gekommen, ganz leise.

Noch etwas Lustiges ist passiert, aber das habe ich schon vergessen (Liebe LeserInnen: macht euch nichts draus! Wenn das da oben die zwei lustigsten Ereignisse sind, wird das dritte noch weniger lustig gewesen sein – der innere Spötter).

Nun sitze ich also in dem sich immer stärker füllenden Espresso Burggasse (ich sitze schon zu lange beim zweiten Cappuccino; ich muß, um meine ausufernde Anwesenheit zu rechtfertigen, schnell noch den dritten bestellen) und genieße das Ganze und viele seiner Teile (zum Beispiel: wie sich die Frau ganz links, soeben hereingekommen, aus ihrer Winterjacke schüttelt, oder wie die zwei jungen Frauen ganz rechts von ihren (Psycho)Therapien reden – da fühlt sich unsereiner gleich ganz wohl und weniger fremd).

Jetzt ist es schon 13:19, aber nein, nach Hause gehen wir nicht, bis dass der Tag abbricht! Das Leben ist so lustig, ich blicke nur aus Gewohnheit auf meinen „Lichtengel“ in der Fensternische. Sittin on the dock of the bay aus den Boxen. Und schon jetzt, erst beim ersten Schluck des dritten Cappuccino … ich werde um einen Platzwechsel gebeten und habe gern zugestimmt. Ein ganzer Schwarm junger Frauen kommt herein und setzt sich an die für sie freigewordenen und zusammengeschobenen Tische unter dem fetten, großen, roten Bild an der Wand, auf das jetzt mein Blick geht. Das Licht/Schattenspiel der zwei Doppellampen an der Wand dort ist auch nicht schlecht; es entstehen jedoch wegen der netzartigen Struktur der metallenen Lampenschirme keine Engelsflügel, sondern … nun, andere, karierte Muster.

Von hier aus ist die alte, nicht übertünchte rudimentäre Wand- und Deckenbemalung wirklich recht schön. Es ist nun richtig voll hier und das macht mich etwas nervös. Ein Verlegenheitsblick rauf zum Hirschgeweih links (weiht es dich, das Hischgeweih? Zu was? - der innere Spötter). Es wird voller und voller, langsam krieg ich Koller (jetzt bist du auf deinem wirklichen Niveau! - der innere Spötter). Ich spiele – auch aus Verlegenheit – mit dem grauen Lesezeichenbändchen meines Notizbuches auf der hier grauen Tischplatte (beim vorigen Notizbuch war das Bändchen rot und bei meinem Stammplatz ist es die Tischplatte ebenfalls). Es ist einfach Zeit zu gehen.


(3.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4350 Geschafft!

 



1:19 a.m.  Aus dem Ärgsten bin ich raus. Nach der heutigen Therapiestunde (Dank an die Therapeutin!) habe ich die Angst vorm Psychiatertermin vorläufig einmal im Griff. Ich sehe nicht mehr schwarz und gebe mir eine Chance. Ich konnte soeben am Laptop bei einem Sketch von Ingo Appelt herzlich lachen. Noch bin ich nicht verloren. Und ich werde mir einen Satz, einen Spruch suchen und gut einprägen, an den ich mich klammern kann, wenn dieser Scheißtermin doch schiefläuft. Was weiß ich: den Tod als Ratgeber benutzen oder wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her (naja, dieser Satz verspricht mehr, als er halten kann – der innere Spötter). Im Ernst: mir fällt jetzt wirklich kein zweiter brauchbarer Satz ein. Der erste ist wahrscheinlich eh der beste.

Ich freue mich auf mein Kaffeehausfrühstück morgen. So ist es geplant. Ich darf nur nicht vergessen, mich zu duschen und ordentlich zu rasieren und frische Wäsche anzuziehen. Seit ein paar Stunden atme ich alle halben Stunden (in etwa) erleichtert in tiefen Seufzern auf (auch jetzt beim Eintippen! - der Tipper); schaut aus, als hätte ich es wirklich aus der Dunkelheit geschafft. Jetzt will ich versuchen zu schlafen.


(3.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4349 Was!

 



13:13.  Zweimal die Zahl Neptuns: ich gehe unter oder schwimme neuen Ufern zu. Scherz beiseite: ich habe mich ein wenig erholt (er wollte schon erhohlt schreiben – der innere Spötter). (Schön, dass du wieder da bist! Habe ich das Ärgste überwunden? - der Autor.) Ein Autor ohne Autorität (jetzt fängst du schon wieder an! - der innere Spötter als Freund). Was sagt ihr eigentlich zu Reizgasunterwäsche? Nichts? Ist das zu anstößig? Also nichts sagt ihr. Es interessiert euch nicht. Gut, kann ich verstehen. Ich muß aufs Klo. Aber meine Entscheidung für Erholung heute früh hat sich ausgezahlt. Übrigens (das Wort verwendet er auch etwas zu häufig – der innere Spötter) sitze ich im Weltcafé; zwar schlecht verankert in der Welt, aber gemütlich beim Kaffee, wenn auch ein wenig in Zugluft.

Ich bin mit den Gedanken schon wieder beim Psychiater. Bis zum Termin in zwei Wochen werde ich durchgedreht haben, wenn das so weitergeht. Durch die Eingangstür schleicht Zigarettenrauch herein und belästigt mich. Bin ich froh, dass Raucherlokale verboten sind! 13:28. Eine halbe Stunde noch bis zur Psychotherapiestunde. Die Kaffeetasse ist noch halb voll (er ist Optimist! - der innere Spötter). Sagen wir: ein Drittel Kaffee ist noch in der Tasse. Und wieder versuche ich, einer möglichen Anschuldigung des Psychiaters in zwei Wochen zu widerstehen; dabei rutsche ich am Sitzplatz aufgeregt hin und her und zucke im Gesicht und schneide Grimassen. Wenn es mich gepackt hat, kann ich das nicht mehr kontrollieren. Eine Frau schräg gegenüber schaut mich bereits vorsichtig an (was ich ihr nicht übel nehme; ich würde auch so oder so ähnlich reagieren). Eine wahnsinnig große, tiefe, weltweite Traurigkeit kommt über mich [er könnte Nestroy zitieren: Es wär’ ewig schad’ um mich! - der innere Spötter. (Was! Der Satz stammt von Ferdinand Raimund, behauptet eine KI! - der überraschte Tipper)]. Ein kleines Kind macht seine ersten selbständigen Schritte durchs Lokal und mir kommen die Tränen.


(2.2.2026)


©Peter Alois Rumpf  Februar 2026  peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 4. Februar 2026

4348 Reizgasunterwäsche

 



10:05 a.m.  Heute ist eigentlich der erste der drei geplanten Fitnesstage der Woche und ich bin seit 7 Uhr wach, aber der beschissene Psychiatertermin bereitet mir immer noch so viel Angst und Unruhe, dass ich mich wieder ins Bett gehockt, gut zugedeckt bis zum Hals und durch Wärme und Ruhe versucht habe, meine aufgescheuchte Seele zu beruhigen. Für heute ist der Besuch im Fitnessstudio gestrichen; lange hatte ich darum gekämpft, doch hinzugehen; an mehreren Zeitpunkten seit 7 Uhr war ich nahe daran, doch aufzustehen; letztlich waren es auch Schmerzen im Knie, die die Waagschale in Richtung Erholung absenken haben lassen. Aber vor meinem ständigen inneren Tribunal mußte ich versprechen, dafür wenigstens zu versuchen, einen Text zu schreiben. Trotzdem ist meine Erholung nicht frei von Schuldgefühlen. Im innersten Kern jedoch weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war.

Ich mag die Augen gar nicht aufmachen; ich möchte nur in diesem Halbdunkel dahinschweben, wobei ich immer wieder in kurzen Schlaf kippe, aus dem mich dann eine erschreckende Traumsequenz herausreißt. In diesem Schwebezustand „fahre“ ich nicht nur durch Traumfragmente, sondern auch durch alle möglichen Erinnerungsfetzen meines Lebens – die meisten unangenehm – oder durch kurze, plötzliche Phantasieszenen, oder stoße auf Einfälle für Wortspiele (zB Reizgasunterwäsche), dennoch empfinde ich diesen Schwebezustand als heilsam. Ich habe den deutlichen Eindruck, so heile ich aus und stärke meine eingeschüchterte Seele.

Jetzt ist es wieder so finster in meiner Kemenate, dass ich die Lampe neben dem Bett aufdrehen muß, um weiterschreiben zu können. Vorher war ich in Gedanken bei irgendeinem antiken Kirchenvater, der geschrieben hat, dass die Engel, weil geistigere Wesen, nach ihrem Sündenfall tiefer gefallen sind, als die Menschheit nach ihrem, denn die stärkere Verankerung in diese Alltagswelt über ihre physische Leiblichkeit macht es dem Menschen zwar schwerer, hoch zu steigen, deswegen kann er aber nicht so tief stürzen. Eine Argumentation, der ich einiges abgewinnen kann, und als Bestätigung dafür – mutatis mutandis - ist mir die Schilderung des inszenierten Gerichtsprozesses im Internat von Michael Köhlmeier eingefallen, den er so eindringlich beschreibt. So ungefähr arbeitet mein Geist, strengt sich an und erholt sich dabei. Den beschissenen Psychiater habe ich dabei fast vergessen. Fast. Ich atme tief durch und ich spüre, dass ich bald aufstehen und mich für meine Psychotherapiestunde rüsten werde, deren Teilrefundierung der Kosten mir dieser von der kranken Gesundheitskasse verordnete Psychiater in drei Wochen streitig machen wird. Bis zu diesem Termin werde ich meine Nerven schon hingeschmissen haben und wahrscheinlich völlig zermürbt sein.

(Ich bin immer wieder davon fasziniert, dass jedesmal, wenn ich beim Abschreiben des handgeschriebenen Textes etwas von „tief durchatmen“ eintippe – auch jetzt! - mein Körper sofort und unwillkürlich einen tiefen Atemzug macht, der die Brust richtig weitet und die Lunge richtig mit Luft füllt – der Tipper.)


(2.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4347 Unverschämtheit

 



23:27.  Ich hocke im Bett und das Fenster ist offen. Die kalte Luft zieht eigentlich unauffällig herein, aber kalt wird es doch im Zimmer. Ich bin wegen des Psychiatertermins immer noch verstört. Fast die gesamte wache Zeit spiele ich alle möglichen Varianten durch: wenn er das sagt, kann ich das antworten. Aber das wird mir nicht helfen; ich werde mich nicht schützen können. Das Setting ist nicht angemessen und nicht schützend: ich soll meine psychischen Probleme respektive Störungen erklären und plausibel machen, um zu beweisen, dass ich die Therapie brauche. Also müßte ich meine Seele offenlegen, aber das ist keine therapeutische Situation, sondern eine Prüfung, die von vornherein mit Unterstellungen arbeitet. Ist der Psychiater überhaupt zum Stillschweigen bezüglich der Krankheit verpflichtet? Was aber noch schlimmer ist: er hat die Aufgabe, für die kranke Gesundheitskasse Kosten einzusparen, und wie ich es beim letzten Mal erlebt habe, bezweifelt er einerseits meine seelische Not und wirft mir gleichzeitig vor, warum ich mich so lange damit herumschlage. Anders gesagt: ich soll ihm meine Seele präsentieren und er kann, nein!, soll hineintreten, um mich abzuschrecken. Ich soll ihm mein Leid schildern und er lehnt sich süffisant zurück und macht zynische, abwertende und gemeine Bemerkungen. Es fehlt jeder therapeutische Schutz, wo man davon ausgehen kann, dass man vom Therapeuten gewissenhaft und gründlich, anständig und vorurteilsfrei behandelt wird. Der Spin der ganzen Veranstaltung, die ein reines Unterwerfungsritual ist, geht auf „Dekonstruktion“ vulgo Zerstörung und Einschüchterung. Die Unterstellung ist: in bin nicht jemand in Not, ich bin nicht jemand, der unter einer Krankheit leidet, sondern ein Betrüger (wie absurd das ist, habe ich im Text 4344 nachzuweisen versucht). Und wenn wirklich abgelehnt werden muss – was ich bestreite, denn die Privatkliniken müssen ja nicht von den Kassenpatienten und Steuerzahlern finanziert werden – wenn wirklich abgelehnt werden muß, dann muß das zum Schutze des Patienten in einem anständigen, nicht demütigendem, grundsätzlich wohlwollendem Klima geschehen. Alles andere ist Unverschämtheit.

So hocke ich also im Bett, bin saumüde, aber kann nicht schlafen, weil mein Geist permanent überlegt, wie er meine Seele vor den Attacken des Psychiaters schützen kann; die ganze Zeit sucht er verzweifelt einen Ausweg aus dem Dilemma: hingehen oder nicht. Nicht hingehen bedeutet aber, meinen finanziellen Spielraum noch mehr einzuengen oder überhaupt auf die Therapie zu verzichten, von der ich glaube, dass ich sie dringend brauche.


(1.2.2026)


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