Dienstag, 10. Februar 2026

4357 Schotterweg

 



10:05 a.m.  W. ist der Mann der Schwester des Ex-Mannes meiner Frau. Ihm verdanke ich, dieses wunderbare Lokal kennengelernt zu haben (er hat mich seinem Gesprächspartner als Mann der Exfrau des Bruders seiner Frau vorgestellt). Der erste Cappuccino wird mir schon ohne Bestellung serviert; sie kennen mich hier schon. Hergefahren bin ich wie in schwerfälliger Trance; gesund bin ich nicht, aber Fieber – so glaube ich – habe ich nicht. Das wöchentliche Frühstück hier im Espresso Burggasse – auf das ich mich die ganze Woche freue – wird mir schwer fallen, einzusparen. Einmal in der Woche ein „Souverän“, der bestellen und bezahlen kann und ein ordentliches oder vernünftiges Trinkgeld gibt (meistens – der innere Spötter). Der erste Schluck Kaffee auf nüchternem Magen treibt sofort meinen Herzschlag in die Höhe (könnte nach dem Blick auf den Herzschlagmesser tatsächlich stimmen – der innere Korrektor). Mein erster Blick heute durch die Glasfront auf die Burggasse und die eine Platane hinaus, die von hier aus sichtbar ist. Die zweite Platane liegt außerhalb meines jetzigen Wahrnehmungsfeldes. Mir ist gleich zum Weinen zumute (aber er weint nicht – der innere Korrektor).

Das große Wiener Frühstück hat mich gestärkt. Meine Stimme ist von der Erkältung tief und rau (um nicht sehr männlich zu sagen – der innere Spötter) und die Musik ist heute besonders schön. Zeitung.

Jetzt ist mir etwas schummrig. Soll ich besser nach Hause gehen? (Anscheinend verträgt er das Blutdrucksenkungsmedikament nicht gut – der innere Korrektor.) Alles fühlt sich an wie Endzeit. Nur keine Apokalypse herbeireden! (weder äußere noch innere). Ich würde hinter der Apokalypse nicht erlöst, befreit und erneuert hervorkommen. Ich gehöre nicht zu den Auserwählten (solltest du nicht, bevor du das schreibst, einmal die Apokalypse des Johannes lesen? - der innere Spötter). In allem ist ein eigenartiger Ton, auch in der Musik jetzt, aber ich kann ihn nicht benennen. Alte Herren strecken sich, auch im Lokal. Beim Heimgehen fotografieren für das Album Der Wanderer nicht vergessen! (klingt alles nach mehr als es ist – der innere Spötter).

Die Straßenbahn fährt mit solch unglaublicher Traurigkeit zur Kreuzung hin und bleibt dann bei rot stehen (49; Bellariastraße/Museumsstraße).

Ich gehe auf dem unasphaltierten Schotterweg hinter dem Naturhistorischem Museum Richtung Ring. Die Wasserlacken rufen uralte, ferne Erinnerungen auf; vielleicht sogar von Admont. Es läutet von den Kirchen Mittag.

Ich stehe an der roten Ampel und die Autos rasen am Kaiser-Franz-Josephs-Kai so schnell vorbei, dass mir angst und bang und schwindlig wird; als würden die Autos Stücke meiner Seele mitreißen. (Autos sind falsche Selbste! - der innere Wichtigtuer.) Ich huste.

Die vier Elemente grüße ich auf der Salztorbrücke nur mit „Hallo alle vier!“ (er will sagen: „so erschöpft bin ich“ – der innere Spötter.)

Wie ein Dummsel ziehe ich ständig meine rutschende Hose mit Griffen unter Mantel, Sakko und Pullover über den Bauch hinauf und zurre vergeblich den ausgeleierten Gürtel fest. (Ihr fragt euch, warum er sich keinen neuen Gürtel kauft? Ich mich auch. Er behauptet, bei Depressionen ist das so (wegen dem sich warat’s) – der innere Spötter.)


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf     Februar 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

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