4355 Geschirr!
14:56. Nach der Therapie auf einen Cappuccino im Weltcafé. Leute, ich bin so schlapp! Ich schleppe mich mühsam umher. Ich mußte heute mein Fitnessprogramm nach einer Stunde aufgeben, weil mir die Kraft ausgegangen ist und dann gefehlt hat. Als trüge ich einen Altersanzug – ich meine den, der auch Alterssimulator heißt. So kannte ich das bisher nicht. Meine Handschrift hat die Farbe getrockneten Blutes; das werdet ihr Leser in der getippten Fassung nicht sehen können (Freundchen! Du stierlst schon wieder nach Leidenspluspunkten! Die gibt es im Universum nicht! - der innere Spötter, auch müde). Schlafen. Schlafen ist besser als wachen. Ich schau mich um und habe keine Ahnung (Oida! - der innere Spötter). Es gerät alles aus den Fugen. Mein Geist ist auch so schwerfällig, außer „welches Gerät“ und „welche Fuge? BWV welche Nummer?“ fällt ihm nichts ein. Heute gehen mir die Bilder an der Wand gegenüber ein wenig auf die Nerven; so gleichgültig hingeworfen (wie deine Texte? - der innere Spötter). Das Ballett der versäumten Gelegenheiten und Chancen. Schwermut ist es nicht, was mich heute niederdrückt, sondern Erschöpfung und Müdigkeit. Dann fällt mir auf, dass ich immer ein unaufmerksamer Mensch war. Diese Erkenntnis verpufft genauso wie alle anderen. „Bastelt der schon wieder an einer Jammeriade?“ denkt sich müde der innere Spötter, aber schafft es jetzt auch nicht, einen richtigen Spott oder wenigstens eine konsistente (er gibt wieder an; dabei hat er nachschauen müssen, was konsistent genau heißt – der innere Spötter) Aussage zu machen. Altersanzug trifft es ganz gut.
Mir scheint, heute beobachten die Leute mich mehr, als ich sie beobachte; ich schaue eh herum, aber das löst nichts aus (genaugenommen kann er die von seinen Wahrnehmungen angerissenen Assoziationen und Gedanken vor Müdigkeit und geistiger Trägheit nicht weiterführen, sie stürzen alle ab – der innere Korrektor). Ah! Du meldest dich auch wieder einmal! Meine Schreibhand hat schon Muskelschmerzen. Ein Kinderwagen wird vorbeigezogen (ja, gezogen! Nicht geschoben). Ich nehme Augenkontakt mit einer Steckdose gegenüber – ungefähr auf gleicher Höhe – auf. Wir starren uns eine Weile an (und? Hast du dabei Energie geladen? - der innere Spötter). Ich mag nicht nach Hause gehen; dort wartet das Geschirr. Das stellt sich eh immer als halb so schlimm heraus. Aber ich mag nicht. Ist das da draußen schon so eine Art Dämmerung? Kann fast nicht sein. Wurscht! Ich bestelle noch einen Kaffee, sonst schaffe ich es nicht nach Hause zum Abwaschen. Ist das hier ein guter Ort für den nachmittäglichen Übergang, in dem sich schon – für mich zumindest – der Abend vorzubereiten beginnt. Es heißt Lebensabend. Ich werde eines eigenartigen Objektes an der Bar um die Ecke ansichtig; vielleicht eine abstrahierte, dreidimensionale Darstellung der Weltkugel. Ich bin zu weit weg. Mein „kindisches“ Kunstobjekt Planetensystem fällt mir ein. Das „kindisch“ ward in einer Tiroler Kunstkritik anlässlich meiner Ausstellung in Zirl geschrieben. Aber keine Sorge, ihr Tiroler und ihr Kunstkritiker und du, du bayrischer Affenarsch, die Objekte sind alle schon seit den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zerstört (nicht kaputt gegangen; zerstört!).
Meine Augen fühlen sich von innen glasig an. Vielleicht kann es der zweite Kaffee richten? (Er meint: ihn auf – der innere Spötter.) Ich lese am Handy: die guten Ärzte gehen in Pension. Ich möchte auch in Pension gehen. Richtig in Pension, mit Ruhe und sozialer Absicherung, aber ich war kein guter Arzt. Und einfach hier sterben? Den letzten Blick auf die Bilder, die du heute nicht so magst? (Wie wäre es mit dem letzten Blick in die Steckdose? - der innere Spötter.) Du bist hier nicht richtiger Stammgast, nicht richtig heimisch, macht dir das nichts? Oder ist es dir so recht? Ich bin zu müde, das Steuer herumzureißen. Verdammt, was ist wirklich los? Ist das eine körperliche, keine seelische Schwermut? (Nein, das reicht jetzt! - der innere Was-weiß-ich-was.) Mionetto steht auf einem kleinen Polster gegenüber auf der Sitzbank. Auf der Kaffeetasse steht Gusto Giusto. Das Lokal leert sich. Die Leere, bevor der Abend kommt, wird eingeleitet. Ich könnte im Zerfall versinken. Mein Pflichtgefühl sagt „Geschirrabwaschen!“ - aber wie aus der Ferne, wie hinter einer schalldämmenden, durchsichtigen Schicht hindurch (… in Begleitung ertrunkener Sterne. Christine Lavant; eines der schönsten Gedichte, die ich kenne). [Liebe LeserInnen, bitte nehmt das ernst! Dieses Gedicht von Christine Lavant Mein Schatten kann über Wasser gehen, im Büchlein im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Thomas Bernhard, Seite 54, ist es wirklich wert, gelesen und erinnert zu werden. Er mag als Schriftsteller gescheitert sein, unser Schreiber hier, aber dieser unangebrachte, nur dahergeblödelte Hinweis ist in sich richtig! - das sagt der Hüter der Vollkommenheit; ich bin der Einzige hier, der sich nicht gehen läßt.]
Im Lokal hat der Schichtwechsel soeben schon stattgefunden. Nicht nur beim Personal, auch beim Publikum. Nur ich bleibe picken. Eine frisch hereingekommene Frau gähnt direkt neben „meiner“ Steckdose (der Augenkontakt zur Steckdose ist noch möglich) und obwohl sie keine Hand vorhält, trotzdem damenhaft. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Trink aus, steckt dein Schreibzeug ein und geh heim! Die Frau neben der Steckdose putzt lautlos und sehr elegant ihre Nase und macht sich schön, indem sie die Lippen mit dem Lippenstift nachzieht. Ich muß natürlich sofort ordinär wie ein Prolet husten, das bin ich meinem Pariastatus schuldig. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Diese Rufe erreichen meine inneres Handlungszentrum nicht. Das Bündchen der Wollweste der eleganten Dame gegenüber bei meiner Steckdose ist doch etwas …, zu elegant um wirklich elegant zu sein.
Ich smige beide wange in mine hant (beide! Wie der Plural von hant geht, weiß ich nicht! Genauso nicht von wange), die Beine habe ich auch übereinander geschlagen, und gebe mich nachdenklich (obwohl er dabei zwar lautlos, aber doch wie ein Prolet seinen Zwiebelgestank vom Mittagessen hochrülpst – der innere Spötter). Geschirr! Geschirr! Geschirr! Jetzt kommt ein unbeabsichtigter, echter Seufzerlaut aus! Das ist schlimmer, als den Proleten zu geben! Geschirr! Geschirr! Geschirr! (Was ist eigentlich die Etymologie von Geschirr?) (Von scheren – der Tipper.) Ich bin wirklich kein gescheites Gegenüber; ich falle immer um und grinse blöde (hier: in mich hinein). Geschirr! Geschirr! Geschirr!
(9.2.2026)
©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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