Donnerstag, 5. Februar 2026

4352 Die Gesichter

 



0:08 a.m.  Es sind viele Gesichter hier im Zimmer, die mich anschauen (mehr oder weniger). Die einen befinden sich auf Fotos, die anderen auf Kunstkarten, wieder andere auf realen Zeichnungen; sie alle lehnen entweder an den Büchern im Regal, hängen an der Wand oder sind auf Kästen getackert. Wie sie mich anschauen bemerke ich meistens nicht. Um genau zu sehen bin ich am Bett von den meisten zu weit weg und es ist sehr düster hier. Ich fühle mich nicht beobachtet, schon gar nicht bedroht, nein, das ist es nicht, was mich heute beschäftigt. Mir ist nur aufgegangen, dass ich hier eine illustre Gesellschaft habe; ihr seid eingeladen! Gut, ich rede auch mit dem Holzraben am Fenster und mit der Holzmöwe über meinem Kopf, und wenn ich beim Umhergehen unabsichtlich gegen einen Kasten zum Beispiel stoße, entschuldige ich mich bei dem Ding. Es muß etwas kein Gesicht haben, damit ich es anspreche. Aber heute sind mir die Gesichter aufgefallen und dass ich mit ihnen in Blickkontakt treten und sie photographieren könnte (er kommt sich gebildet, lässig, anarchisch und cool vor, wenn er Foto mit F und beim Verbum dann trotzig zum geliebten Ph zurückkehrt, und als tragisch-pathetisch Zerrissener in zwei Welten – der innere Spötter). Gut, meine Generation hat ja wirklich die Zeitenwende 1967 miterlebt. Was hat das jetzt mit den Gesichtern zu tun? Nicht viel. Vielleicht, dass die alle so ungeordnet, ohne Hierarchie und popmäßig nebeneinander hängen. Der Christus zum Beispiel neben einer Kinderzeichnung, die mich darstellt, eine orthodoxe Ikone (Foto!) neben was auch immer. Ich werde jetzt aber im Bett hocken bleiben, mich gut zudecken, das Licht abdrehen und in die Dunkelheit starren.


(4.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite