4369 Beim Psychiater
10:45 a.m. Ich sitze nach dem unsäglichen Psychiatertermin in meinem Lieblingscafé – das wollte ich mir spontan gönnen, um mir etwas Gutes zu tun – meine Nase rinnt, genauer: tröpfelt - ich sitze also zum ersten Mal beim schönen Holzofen, neben einem alten Photo eines tätowierten katholischen oder eher anglikanischen Priesters mit von einem von ehemaligem Schmuck vergrößerten Ohrenläppchen – vermutlich ein Maori – in seiner Soutane.
Als ich vor diesem Termin mit dem Psychiater etwas zu früh angereist in den Straßen der Umgebung herumgetanzt bin, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, tauchte über mir plötzlich ein Schwarm schreiender Krähen auf, aus dem dann die eine mit versehrtem, wie zerrissenem Flügel umgedreht ist und von ihrer Gesellschaft weg flog. Ich sitze hier unter einer Box und auch das Gerede hier in dem hinteren Raum des Lokals ist sehr laut.
Was den Termin mit dem Psychiater betrifft: meine Vorbereitungen und Überlegungen haben mir überhaupt nichts geholfen. Allein schon seine stattliche Erscheinung, einen Kopf größer – ich hatte sein Aussehen nicht mehr in Erinnerung – hat mich sofort eingeschüchtert und alle Vorsätze und zurechtgelegten Strategien waren weggeblasen und vergessen. Sein maskenhaftes, strenges, feindseliges, unerbittliches Gesicht hat ganze Arbeit geleistet. Der neutrale, über allem stehende, natürlich gaaanz objektive, naturwissenschaftliche Begutachter, der sich in Wirklichkeit zum Büttel der fehlgeleiteten Politik der kranken Gesundheitskasse gemacht hat.
Das passiert mir immer so. Solche Kämpfe kann ich nicht gewinnen. Er hat überhaupt nichts aufkommen lassen, mich gleich mit seinen Fragen bedrängt, ja bloßgestellt, es war sofort klar, dass ich zu nichts berechtigt bin und mir höchstens Gnade gewährt wird. Gleich einmal die Frage, wann ich zum Psychiater gehe und mir Psychopharmaka verschreiben lasse. Nicht ob, warum eher nicht oder so etwas, sondern sogleich die unabwendbare Forderung und als Vorwurf. Ich bin mir wie vor einem Inquisitionstribunal vorgekommen. Ich hatte keine Chance, meine Bedenken bezüglich staatlich unterstützter Drogensucht anzubringen. Ich hatte keine Chance, aber nutzte sie (Achternbusch; die Atlantikschwimmer) und so bekomme ich jetzt bis August doch eine Teilrückvergütung. Aber ich fühle mich arschgefickt und es graut mir vor mir selber. Ich kann nur zu Boden schauen. Ich esse jetzt im Lokal, um irgendwie dagegenzusteuern, sogar das zum Kaffee gereichte Schnittenstück, aber ehrlich, die extreme Süße ist grauslich und ich empfinde den Geschmack im Mund als ziemlich unangenehm; vielleicht helfen wenigstens die Kalorien. Ich hole mir eine Zeitung; Ablenkung ist angesagt. Ablenkung um jeden Preis.
Ich komme auch in der Reflexion gegen diesen Typen nicht an. Er hat meinen Antrag auf Teilrückvergütung zu einem Machtkampf gemacht, wo die reale Verteilung der institutionellen Macht mir keine Chance gelassen hat (Heinrich Gross en miniature); nichts von einer grundsätzlich wohlwollenden Überprüfung des Anliegens, ein reiner Unterwerfungsakt. Selbst die Gewährung der Teilrückvergütung ist mit einer Art Drohung versehen: dass ich nicht glaube, dass das so weitergeht. Ich bin voll ins Schuldgefühl hinein getreten worden, dass ich eine ungerechtfertigte Förderung ergattert habe. Ich nehme mir wieder vor, das niemals mehr zu beantragen. Ich werde mich niemals mehr überreden lassen, noch einmal dort hinzugehen.
13:16. Ehrlich gesagt, bin ich richtig enttäuscht von mir: ich hoffte doch immer wieder, dass es einmal reicht und ich zurückschlage; aber nein, ich kann mich nicht und nicht derwehren. Warum lasse ich mir das gefallen und schlage nicht zurück? Wie viel Demütigungen braucht es noch, bis das Fass überläuft und ich aggressiv werde? Ich kann mir das nicht verzeihen, dass ich mitgemacht und nun wieder wie arschgefickt herumlaufe und meine Trümmer zusammenklaube so nach dem Motto: mehr steht dir nicht zu und du bezahlst dafür mit Unterwerfung. Vielleicht war es das, was mir die Krähe mit dem verletzten, gespaltenem Flügel zeigen wollte: du hast in dieser Gesellschaft nichts zu melden und nichts verloren. Geh weg! Dreh um und geh gar nicht hin! Geh weg! Aus Selbstschutz. Mehr steht dir wirklich nicht zu.
14:23. Ich mach hald (sic!) alles, was ich nach solchen Erlebnissen seit meiner Jugend mache: ich höre meine Musik, lenke mich irgendwie ab und versuche, meine Fassungslosigkeit zu fassen. Ich tue irgendwie herum, bis ich das Ganze geschluckt, mich an meine Niederlage gewöhnt habe und mich auch nur halbwegs auszuhalten fähig bin und mein Selbstbild korrigiert und zurückgeschraubt habe. Gleichzeitig komme ich mir extrem größenwahnsinnig vor, weil ich mir eine andere, anständige Behandlung durchzusetzen oder auch nur klar artikuliert einfordern zu können erwartet hatte. Werch ein illtum! Ich kann nur an mir und meinem Selbstbild Abstriche machen und meine Wertlosigkeit zur Kenntnis nehmen und irgendwie, irgendwie aushalten. Trotz Schuldgefühle und Scham.
(19.2.2026)
©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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