Sonntag, 30. November 2025

4292 Mimimimimi

 



10:25 a.m.  Die erste Kerze am Adventkranz brennt und im dreifaltigen Wohnzimmerbaum hat sich die kleine Lichterkette – von einem Tageskind programmiert – eingeschaltet, während wir im Bett hocken und dieses schöne grün-weiße Ambiente Baum-Tischdecke-Blumen betrachten (aber: pfui Rapid!) und dabei wortlos, aber von Hustenanfällen unterbrochen unser Frühstücksmüsli auslöffeln. Danach ist es bei uns an Wochenenden der Brauch, dass wir den Laptop holen und meine liebe Frau meine neuen Texte der vergangenen Woche hier auf der Schublade vorliest. Aber diesmal gibt es keine, denn ich habe zehn Tage lang nicht geschrieben. Mir ist der Mut ausgegangen, weil ich mich als so minderwertig empfunden habe, dass es mir als Anmaßung vorgekommen wäre, die Welt mit meiner Schreiberei zu belästigen, noch dazu, weil es dabei meistens um die Beschreibung der eigenen Gefühle, Gedanken und faden Erlebnisse geht (der Vorwurf lautet: mimimimimimimimi!). Selbst die Anregung zweier unabhängiger Personen, doch wiedereinmal eine Lesung abzuhalten, konnte mich aus meinem Unwert nicht herausholen (bei Depression ist das Gehirn seit seiner frühesten Sozialisation und Beschickung mit den Glaubenssätzen der Umgebung darauf trainiert, solche positiven Rückmeldungen sofort umzudeuten und zu relativieren oder als Missverständnisse zu interpretieren).

Weil es also keine neuen Texte gibt und wir beide akut unter einem Husten leiden, hatte meine Frau schon gestern vorgeschlagen, stattdessen in der Suchfunktion meiner Schublade das Stichwort Husten einzugeben und zu schauen, welche Texte kommen (bei 4291 Texten habe ich schon längst die Übersicht verloren und viele, viele Texte vergessen). Gestern habe ich das noch abgelehnt, aber heute habe ich nachgegeben. Und siehe da: an die beiden Texte 3981 Im Sitzen und 619 Themenwechsel konnte ich mich tatsächlich überhaupt nicht mehr erinnern und war wirklich erstaunt und überrascht, was ich da Tolles zu hören bekam. Ich konnte es gar nicht glauben, dass diese Texte von mir sind, weil aber alle Texte auf der Schublade von mir sind und ich das weiß, flüchte ich sofort in die Vorstellung, dass man (ich) beim Schreiben – vielleicht in einer Art leichten Trance – eine äußere Kraft anzapft, die einem im Schreibfluß inspiriert (oder doch eine innere Kraft? Oder eine innere, die mit einer äußeren verbunden ist?).

Wie auch immer. Jetzt habe ich doch wieder geschrieben und mir kommt vor, nun sehe ich unseren Wohnzimmerbaum klarer und plastischer und noch grüner und herrlicher. Ach ja, ich muß ihn heute noch gießen!


(30.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 20. November 2025

4291 Eine Zumutung

 



11:44 a.m.  Der unsägliche, widerliche – verdammt! Jetzt fällt mir nicht einmal dieser Name ein! Dabei habe ich ihn erst bei der Fixierung der Teilnahme unser Fußballer an der Fußballweltmeisterschaft 2026 gehört – und dorten kann ich das auch verzeihen, das I am from Austria – singt. Ich kann sein Gesicht vor mir sehen, kann seine Stimme in meinem Inneren – obwohl inzwischen ein anderer Song eines anderen Interpreten läuft – abrufen – der in Österreich weltbekannte Name liegt mir auf der Zunge, aber will und will mir nicht einfallen – während ich das hergeschrieben habe, hatte ich schon mindestens sechs Mal den Eindruck: jetzt, jetzt gleich fällte er mir ein, aber nein, die heranschwebende Erinnerungsblase zerplatzte jedesmal. Damit das klar ist: natürlich weiß ich, wer das ist, nur der Name ist weg (Namen werden angeblich in einer separaten Gehirnregion gespeichert) – also ein unsäglicher, widerlicher Dingsschlager wurde in der Radioberieselung im Café im Boesner unter der Kirche 4 abgespielt. Jetzt ist übrigens ein erträglicher alter Hit, dessen Name und Interpret mir auch nicht einfallen will – aber den will ich jetzt nicht suchen – dran. Ah! Jetzt hab’ ich’s: Reinhard Fendrich! Ich finde, beim Boesner, wo auch Künstler einkaufen und verkehren, sollten die Pächter des Cafés vertraglich verpflichtet werden, ein höheres musikalisches Niveau einzuhalten! Das ist ja nicht auszuhalten! Eine Zumutung! Sicherlich, es sind die Künstler selber schuld, wenn sie alle hier einkaufen und deswegen all die anderen, kleinen Geschäfte des Künstlerbedarfs eingegangen sind (erstens: hast du diese Behauptung, nämlich dass die kleinen Geschäfte alle eingegangen sind, auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft? Und zweitens: ist dieses Herumschimpfen und die aggressive Arroganz letztlich und à la longue wirklich besser als jammern? - der innere Spötter). Der Kaffee ist schon gut hier; am Fenster habe ich Aussicht auf Straße und Parkplatz, auch nicht sooo toll – obwohl mir der Weg von der U-Bahnstation Simmerring da herunter stadtlandschaftlich irgendwie gefällt – trotz dieser typisch scheußlichen Stadtrandarchitektur da herunten. Ich habe vor, gleich hier herinnen meine neu erstandenen Bleistifte und damit meine Zeichenlust auszuprobieren, aber ich weiß noch nicht, ob ich mich traue und ob ich es mir zutraue. Soeben parkt vor meinem Sitzplatz ein SUV ein und verstellt mir die Sicht (bei den normalen Autos daneben sehe ich drüber). Die gehörten wirklich sonderbesteuert, die nehmen unverschämt viel Raum ein; dem seine Schnauze stößt fast an die Fensterscheibe bei meinem Sitzplatz und seine Höhe verdeckt mir den Ausblick auf das bisschen Horizont und Gegend, das es hier gäbe, die zu zeichnen ich versuchen wollte.

Den ersten Versuch seit Jahren zu zeichnen habe ich absolviert. Ich bin nicht zufrieden, aber verwerfe meine Zeichnerei noch nicht zur Gänze. Es dürfte weitere Versuche geben. Meine Hand ist – was sie vielleicht immer schon war – so ungelenkt und patschert.


(20.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4290 Another sinking ship

 



Sticking to the scipt
We built another sinking ship …

(Fake as Fuck, Red Hot Chili Peppers)


11:11 a.m.  Die angenehme Barmusik plätschert herzrührend an mein Ohr. Das Lokal ist inzwischen angenehm leer. Frühstück und Lektüre ist gut über die Bühne meines Lebens gegangen; also alles bereitet für meine Schreiberei. Mir fällt auf, ich habe länger nichts geschrieben und jetzt nur aus Gewohnheit mein Notizbuch auf den Tisch gelegt; dabei gibt es inneren Widerstand. Ich denke seit Tagen daran, wieso ich mein Zimmer nicht staubsauge und wenigstens die ärgsten Stellen abwische. Zugegeben, das ist in meiner kleinen, überladenen, verstellten Kemenate, in der man bei jeder Bewegung aufpassen muß, nichts umzustoßen, nicht so einfach – aber genau so liebe ich mein Zimmer – aber das rechtfertigt nicht die Vernachlässigung. Mir ist schon klar, dass das mit mangelnder Selbstachtung zu tun hat und vermutlich mit dem wahrlich ungesunden Selbstmitleid, aber das ändert nichts an den beinah unüberwindlichen Barrieren. Ich habe doch schon so viele Anläufe genommen – und nun bin ich alt und möchte nicht mehr kämpfen. Ich wurde schon mehrfach (gib nicht so an! Zweimal – der innere Spötter) gefragt, wann ich wieder eine Lesung abhalte, aber ich kann mich nicht aufraffen. Ich finde zur Zeit meine Texte Scheiße; nicht einmal eines Regional-Lokal-Hobby-Schreiberlings würdig. Gut, nennen wir das hald (sic!) eine handfeste Depression. Na und? Damit hat das Ding einen Namen, aber geändert hat sich nichts. (Oder sollen wir es Selbsterkenntnis nennen? - der innere Spötter.) Ich kann nicht mehr. Oder richtiger: ich glaube, nicht mehr zu können (noch richtiger: du genießt es, nicht mehr zu können zu glauben – der innere Spötter). Sogar bei meinem Gehprogramm – täglich mindestens 6000 Schritte – habe ich nachgelassen (und am heutigen 20.11. schon wieder – der Tipper). Und auch bei meinen auf dreimal die Woche angepeilten Fitnessstudiobesuchen. Hier in meinem Lieblingslokal fühle ich mich durchaus wohl, aber um hierherzukommen mußte ich inneren Widerstand und nervöse Übelkeit überwinden. Wirklich wohl fühle ich mich, wenn ich nach dem Aufwachen aufgesetzt und mit Pölstern abgestützt im Bett zugedeckt bis zum Kinn am Rücken liege und nichts mache. Das ist mir der angenehmste Zustand. Ich betrachte meine Hände, auch ein überflüssiges Ritual, das ich mir sinnlos anzugewöhnen versuche, inspiriert von einer dummen, unrealistischen und vergeblichen Hoffnung. Ich will auch keine Ratschläge mehr hören, die sowieso nur aus den jeweiligen Egos kommen und nichts wahrgenommen haben (dafür, dass du angeblich eine Schreibblockade hast, jammerst du eh ganz flott dahin! - der innere Spötter). (Vielleicht wäre eine richtige Schreibpause genau der richtige Zustand, um wenigstens ein minimales Niveau zu halten – der innere Spötter.)

Erst jetzt beginne ich, das Lokal ein wenig wahrzunehmen, aber der innere Tsunami rauscht noch blind durch mein Bewußtsein. Oh! Ein Mistelzweig über dem Eingang. Ich freue mich und klammere mich an seine angeblich segnende Wirkung, ohne daran zu glauben. Genaugenommen „glaube“ ich sogar an seine heilende Wirkung – zumindest lasse ich es offen – aber ich kann nicht glauben, dass es diesen Segen auch für mich gibt. So schaut’s aus!

Cappuccino Nummer 4 – diesmal koffeinfrei. Gibt es eigentlich eine Studie über den Zusammenhang vom Kaffeemißbrauch und Depression? So, und jetzt? Das melancholische Lied der Sängerin träufelt in mein angeditschtes Bewußtsein. Der „Lichtengel“ ist bloß ein simpler Lichteffekt einer Doppelwandlampe. Ich muß innerlich ein wenig lachen, wegen einer Szene nebenan, die ich sofort im Geist weitergesponnen habe. Mein Herz klopft stark – heute keine Fitness. Dabei hätte ich unserer Fußballnationalmannschaft, wenn ich ihr meine anstrengenden Fitnessübungen gewidmet, nein, geopfert hätte, sicherlich beim heutigen Spiel geholfen! Ein rotes Licht leuchtet hinter der Bar hervor, ich nehme es aber nicht als Haltesignal für meine ausufernden Betrachtungen. Eine gewisse Willkürlichkeit ist meinen Interpretationen der Wirklichkeit nicht absprechbar; ich bin ja doch popverseucht (wie schon ein selber schwächlicher Kaplan 1971 feststellte). (Was da so alles hochkommt! - der innere Zensor.)

Jetzt muß noch etwas anderes kommen, so darf ich den Text nicht abschließen. „Sprüche aus dem Leben geholt“ wird am Nebentisch gesagt (Nebentisch ist auch nicht präzise, das Ganze ein paar Tische weiter – der innere Korrektor). Offensichtlich bin ich nicht der einzige, der sich nur mit Schmerzen aus der Hocke erheben kann – wie ich am wirklichen Nebentisch beobachten kann. Gerade wollte mir die Musik etwas fad vorkommen, aber nun höre ich aufmerksamer hin und sie ist reich und gekonnt und schön. Das ist ein angemessener Abschluß, sogar mit Jazztrompeter.


(18.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4289 Ein Blatt im Wind

 



11:17 a.m.  Die Uhr in der kalten Halle stimmt so einigermaßen, nicht ganz, um zirka fünf Minuten geht sie nach. Das kann man aushalten. Viel Weiß und viel Silber. Das Holz edles Dunkelbraun. Eigentlich wollte ich mir eine Schreibpause verordnen. Aber ich habe ja sonst nichts zu tun, sozusagen. Eine Blasmusikversion eines Hits meiner Jugend aus den Boxen; Titel und Originalinterpreten wollen mir nicht einfallen. Motownsound, glaube ich. Ich kann einen Ausschnitt aus diesem Hit in meinem Inneren abspielen und regelrecht hören, und die männliche, schwarze Gesangsstimme (selbst jetzt am 20.11. beim Abtippen spielt dieses Musikfetzerl unaufgefordert in meinem Inneren wieder ab – der Tipper), aber mehr fällt mir nicht und nicht ein. Wahrscheinlich könnte ich diese Passage sogar halbwegs richtig nachsingen, aber ich will es hier in dieser heiligen Jugendstilhalle nicht probieren. Das trau ich mich nicht, einerseits, andrerseits hielte ich es auch für rücksichtslos. Die kleine Schreibpause kommt ganz von allein, aber so war es nicht vorgesehen (ich weiß auch nicht, was er damit gemeint hat – der Tipper). Mysteriöse Anrufe vom Orthopädiezentrum, die ich nicht läuten gehört habe. Beim Rückruf wird nicht abgehoben.

Mir fällt auf, dass mir bestimmte Wörter und Redewendungen, die ich besonders von meiner Mutter geerbt habe, gefallen: halbwegs; aufpassen wie ein Haftelmacher, …

Ortswechsel. Die Anrufe haben sich geklärt: ich habe meine MRT-Überweisung am Schalter liegen gelassen. Wen’s interessiert: seitdem sitze ich wie auf Nadeln (auch so eine Redewendung) und will sofort hin, obwohl die bis 18 Uhr offen haben. Ich muß mich zwingen, im Katscheli sitzen zu bleiben und den Kräutertee nicht gleich hinunterzustürzen. Der Zwang, den Fehler sofort auszubügeln und nicht – sagen wir – eine Stunde stehen lassen können. Ich muß mir echt gut zureden: „Trink in Ruhe den Tee aus; es ist genug Zeit; niemand bestraft dich; es ist völlig egal, ob du den Fehler sofort oder in fünf Stunden, oder gar erst am nächsten Tag korrigierst!“ – nein, in meinem Inneren finde ich keine Ruhe, solange das nicht erledigt ist.

Ein Blatt im Wind. Möglicherweise wegen Bodenfeuchtigkeit vorübergehend festgeklebt.

(Ich habe den gesuchten Hit jetzt am 20.11. beim Abtippen laut gesungen in der Hoffnung, dass mir dann Titel und Interpret doch einfallen - aber nein! - der Tipper.)  


(14.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4288 -iv

 



16:31.  Es ist schon dunkel, aber noch nicht ganz finster. Normalerweise bin ich um diese Zeit nicht hier. In der Laube unter den Platanen leuchten die bunten Lampen. Mein sogenannter „Lichtengel“ strahlt deutlich auf die blaue Wand der Fensternische (schon wieder muß ich den Pilotstift wechseln – wen’s hald (sic!) interessiert). Der Typ auf dem Odeon-Serapionstheater-Plakat schielt, was ihn interessant macht. Kalt ist es geworden (4°C); ich bin zu leicht angezogen (verkühlt hat er sich erst, nachdem er auf Winterkleidung umgestellt hat – das spoilert der Tipper am 20.11.) (wen’s hald – sic! - interessiert) (er testet diese andere Variante – der innere Spötter). Wenn mein Pulver für heute schon verschossen ist, muß ich mich nicht beklagen (sonst schon? - der innere Spötter).

Ich schreib jetzt nur aus Verlegenheit, um meiner Anwesenheit hier einen plausiblen Anstrich zu verpassen. Und dieser Ansatz ist nicht besonders innovativ, nicht besonders kreativ und nicht besonders intuitiv (besonders primit-iv würde reimtechnisch auch passen - der innere Spötter).


(12.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4287 Sprich:

 



12:16.  Heute ist der Ofen aus. Im Hinterzimmer (Kaminausschleifen, wie die Chefin erklärt). Über einer schwarz gekleideten Dame am Tisch gegenüber mit dem rabenschwarzen Haar schwebt das bronzene Segelschiff à la Fünfzigerjahre. (Wen’s interessiert: ich ziehe meinen orangenen Pullover aus und das abgelegte Sakko an.) Was das Segelschiffrelief, ich meine die Wanddekoration, betrifft: seine Farbe ist bronze; aus welchem Material es ist, weiß ich nicht; wiewohl ich auf Blech tippen würde. Die schwarze Dame zieht einen roten Schal an und geht. Außer ihrem Schal sind alle sichtbaren Kleidungsstücke und ihre Handtasche schwarz, nur ihre schwarzen Schuhe haben drei weiße Streifen. Ich warte auf meine Tochter, mit der ich verabredet bin; sie will mehr über die problematische Familiengeschichte – sprich: die Verstrickung meiner Herkunftsfamilie in den Nationalsozialismus – erfahren. Bei diesem Thema bin ich unsicherer denn je, was meine Reaktionen und Gedanken und Überlegungen betrifft; sprich: die Ahnung, wie sehr meine innere Welt (auch mit ihren äußeren Folgen) gegen meine bewußte Absicht darin verstrickt ist; sprich: unbewußt den ererbten destruktiven Mustern folgt.

Jetzt fällt mir der wirklich schöne Schatten des Segelschiffes an der blauen Wand auf. Ich schätze: es stellt ein barockes Kriegsschiff mit neun Kanonen an jeder Flanke dar. Ein echtes Relief ist es eigentlich auch nicht; ich weiß nicht, wie so etwas heißt, wenn wie hier eine Wandskulptur aus einem halben Schiffskörper plus Masten und Segeln aus – wie ich vermute – Blech gebaut ist, aber ich verspreche, das zu recherchieren (über Wanddekoration bin ich nicht hinausgekommen – der Tipper).


(12.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4286 Mevekrei

 



8:06 a.m.  Mein Geist stolpert herum, alles mögliche fällt ihm ein, aber sogleich wieder zu Boden, er kommt dabei schon in Bewegung, aber unkoordiniert und taumelnd. Nichts von den Gedanken, Szenen, Erinnerungen und aufpoppenden Phantasien schafft es ins Notizbuch. Aber die Stille hier ist schön, und für meine Seele erholsam. Ein kleiner Schock, weil plötzlich eine Vision aufgetaucht ist, wo auch andere in meine Schublade hineinschreiben und ich nicht der einzige Autor meiner Texte bin; ihre Namen waren spanisch oder portugiesisch; ich konnte sie nicht so schnell erfassen, sie sind nur kurz aufgetaucht. Noch ein Name taucht auf, aber ein ganz anderer: Mevekrei. Hat der was mit Menetekel zu tun und warum weint er? Oder kommt das von Crayon und er schreibt tatsächlich an meinen Texten mit? (Meveo wäre Miau auf Maori.) Stellt sich die Frage, ob er direkt bei meinem Schreiben mitmischt, oder ob er an den Texten, wenn sie schon in der Schublade abgelegt sind, herummanipuliert? Nein, nein, nein, ich schau mir jetzt mein Schubladenarchiv nicht durch! Viel zu mühsam! Ich hab doch schon längst jeden Überblick verloren und das meiste vergessen.


(12.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 11. November 2025

4285 Wohinein?

 



10:49 a.m.  Ich bin auf der Brücke gestanden und habe die Donau, die Sonne, den Wind und die Erde gegrüßt. Und mir beim Runterschauen ins Wasser gedacht: es ist gar nicht schad’ um mich; die paar hingeworfenen Texte rechtfertigen nicht meine Ansprüche und auch sonst nichts. Ich sollte einfach still und dankbar sein und keinen Bahöö veranstalten. Andere sind … zwei Männer kommen ins Café, reden überlaut und selbstverständlich und vorbei ist es mit meiner angeblichen „Demut“. Sie reden auch blöd, finde ich. Arrogant über andere (hahaha, hihihi – der innere Spötter). In ihren Firmen vermutlich mittlere Führungsetage, oder doch eher unten gerade noch über den Arbeitern. Ingenieure? Die dialektal-technoide Sprechweise würde passen. Der eine unterschreibt ständig irgendwelche Listen, eine nach der anderen blättert er um und unterschreibt oder paraphiert. Anwesenheitslisten? Arbeitszeitbestätigungen? Arbeitsstatistiken? Deportationslisten werden es hoffentlich keine sein.

An und für sich ist es jetzt eher leer hier: die idealen Bedingungen für meine schwermütig depressive, jämmerliche Schreiberei, aber das unwegschiebbare Gerede der zwei läßt mich nicht einsinken (wohinein? Ins wohlige Selbstmitleid? - der innere Spötter). Der eine korrigiert den Spruch Geld regiert die Welt auf Geld regiert jeden. (Du, Peter, wirst ihnen schon Unrecht tun. Du weißt nichts, kennst sie nicht und hörst schlecht – der innere Spötter.) Sie habe Angst um ihre Arbeitsplätze; auch darüber reden sie indirekt: sie betonen, dass sie eh alles im Griff haben, aber das Thema Kündigung und ihre Folgen beschäftigt sie. Über Frauen reden sie auch (und da willst du dich aufregen? Gerade du?! - der innere Spötter). Besser ich geh spazieren (gell, das ist schon ungeheuer arrogant und unverschämt anspruchs-voll, die Welt um dich herum nach deinen Ansprüchen gestaltet und leergeräumt zu erwarten! - der innere Spötter).


11:40 a.m.  In den Höfen des alten AKH ist es doch kalt, denn die durchaus noch wärmende Sonne kommt kaum über die Dächer herauf. Und ein Schauer von abfallenden Kastanienblättern hat mir am Weg hierher mein nahes Endstadium angezeigt. Wurscht, ich muß ja nichts mehr wollen. Außerdem habe ich eine Bank gefunden, die noch von der dunstschwächelnden Sonne erreicht wird.


(11.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4284 Gilet

 



16:22.  Zum Schreiben hier bräuchte ich eine leereres Café; ich weiß, das ist viel verlangt, außerdem sitze ich ausblicksmäßig nicht so günstig. An und für sich mag ich die Kreuzung Wollzeile/Riemergasse, aber mein bevorzugte Platz mit Aussicht auf den kleinen Platz war heute besetzt. Ach, es ist ja schon Dämmerung, also gegen Abend, der jahreszeitlich frühe und langsame Übergang vom Tag in die Nacht, wo alle Lichter schon leuchten und ein Unbehagen verscheuchen wollen. Die Zeit, wo alle Junkies aller Art nervös werden und besonders gefährdet sind (auch ich habe zum Kaffee eine Torte konsumiert), die Zeit, wo ein Patt zwischen den Kräften und zwischen den Geistern eintritt, eine Flaute, die man nicht spüren, aber überspielen will. Ja, und das Licht – ich meine das künstliche – das sich gegen das vergehende natürliche Licht dann behaupten wird und jetzt noch Verwirrung stiftet. Der ganz alte Mann fragt die Kellnerin verwirrt, ob sie hier die Neue Zeit haben, aber erstens sind wir hier in Wien und nicht in Graz und zweitens gibt es diese sozialdemokratische Zeitung schon lange, lange nicht mehr (2001 eingestellt – der Tipper). Außerdem hat der Herr zum besseren Umblättern seine Finger in aller Öffentlichkeit mit Spucke befeuchtet – ich beneide ihn; diese Coolheit möchte ich auch haben (lieber Freund! Bist du dir sicher? Das wird wohl eher Verwirrung und Altersdemenz sein – der innere Spötter). Jetzt verläßt er das Lokal. Selbst hier im Aida bin ich nicht standesgemäß. Eine alte Frau ißt im Vorbeigehen ein Restl von einem anderen Tisch (vielleicht gehe ich hier doch als leidlich „gehoben“ durch). Das Ganz hier ist schon von einem spießigen (selber! - der innere Spötter), kleinbürgerlichen (selber! - der innere Spötter) Dämmerungswahnsinn unterlegt. Ich wollte schon gehen, aber jetzt bleibe ich, bestelle noch einen Kaffee und schau mir das an.

Die vorbeieilenden düsteren Gestalten da draußen in der herbstlichen Dämmerung. Und wieder – wie schon vor längerer Zeit – spricht hier im Café jemand – auch ein alter Mann – über spirituelle Ereignisse (oder spiritistische? - fragt mein Mißtrauen). Ich empfinde dabei eine spöttische, herbeigebogene Sympathie (wobei ich selber Ereignisse jenseits der Alltagswelt für möglich halte, die sich der gute Mann sicherlich gar nicht vorstellen kann). Er redet auch sehr vorsichtig – das kann ich verstehen – und sehr stockend und leise; vielleicht hat er genug Prügel für seine abseitigen Ansichten einstecken müssen (vielleicht auch nicht – der innere Spötter). Werde ich im Finstern zu Fuß nach Hause gehen? Ich bin es nicht mehr gewohnt, des nachts unterwegs zu sein und fürchte mich. Ich bleibe noch im mit zunehmender Dunkelheit immer weniger fragwürdigen Licht des Cafés. Der alte Mann redet tatsächlich von der Apokalypse des Johannes. Auch so ein übrig Gebliebener, aber einer von den etablierten, dem seine soziale Sicherheit und Geborgenheit inzwischen zwar abhanden gekommen ist, aber dieses die gute Höhe seiner Pension nicht mehr tangiert hat. Heutzutage hätte er keine Chance (was du alles weißt! - der innere Spötter). Willst du mit ihm tauschen oder nicht? Ehrlich? Ich muß kurz nachdenken, aber sage: nein. Meine Verrücktheit ist viel besser! Auch wenn sie mehr schmerzt (was willst du wissen, was dieser alte Mann gedacht, erlebt und erlitten hat! - der zornige innere Spötter). Werde ich wirklich wegen der Fragen von Hannes und vom Schu wieder zu zeichnen beginnen? Ein Zeichenbüchlein habe ich mir schon gekauft, muß nur noch schauen, ob ich noch brauchbare Stifte habe. Der alte Mann mit der Apokalypse könnte ein emeritierter Theologe sein, Aussehen und Gesichtsausdruck würden passen. Zu Fuß nach Hause gehen werde ich nicht, denn das vorhin beim Herder gekaufte Buch (Götz Aly, Wie konnte das geschehen?) mit seinen 762 Seiten passt nicht in mein Albertinatascherl und ich mag es auf so langer Strecke nicht in der Hand tragen. Mein Schreibstift geht jetzt aus, ein Wink des Schicksals - oder des Herrgottes – wenn wir schon theologienahe sitzen – dass ich mit dem Schreiben sofort aufhören soll. Zumindest für heute. Hinter mir wird übrigens Spanisch gesprochen. Die Kleidung des alten Mannes passt auch zu einem emeritierten Theologen der alten Schule: Anzug mit Gilet (mein Gott, ist das Rechtschreibprogramm ungebildet! Kennt nicht einmal das Wort Gilet!). (Naja, nachschauen, wie man es schreibt, hast du auch müssen! – der innere Spötter.)


(10.11.2025) 


Peter Alois Rumpf   November 2025  peteraloisrumpf@gmail.com

4283 Leergeschrieben

 



8:48 a.m.  Die Angst kommt in pulsierenden Wellen und hüllt mich dann ein. Ich liege im Bett und rühre mich in dieser Götterdämmerung nicht. Nicht einmal das Rollo habe ich hochziehen können. Ich halte meine Augen geschlossen, wenn es geht. Von irgendwoher wird eine Zeitung gebracht, aber bevor ich sie nehmen kann, ist sie wieder verschwunden. Alles scheint sich aufzulösen, aber nichts vergeht. Zum Schreiben habe ich mich aufgesetzt. Die Angstwellen schlagen nicht mehr so leicht über mir zusammen. Ein erster tiefer Atemzug. Ich will mir die Fotos dieser Wellen am Handy anschauen, aber auch das bleibt un-an-greif-bar und verschwindet. Ich sehe meine Frau im Café Mima frühstücken, aber das ist eine falsche Vision. Das kann nicht sein. Das weiß ich, dass sie arbeitet. Ich lasse meine Augen jetzt länger offen.

Ich prüfe nun taktilisch die Länge meiner Fingernägel, die Augen öffne ich dafür nicht. Mein wirkliches Handy am Nachtkasten schreit mich mit seinem Gedüdel an. Ich schaue nicht nach. In meinem drüberen Notizbuch kann ich nichts lesen. Ein Knacken im Vorzimmer schreckt mich auf. Was !?! Die sollen ein Paar gewesen sein?!? Auch das muß eine falsche Vision sein. Der plötzliche Druck auf der Handkante meiner Schreibhand schreckt mich auf. Es war aber nur der Gegendruck meines Notizbuches, weil meine Hand verrutscht zu sein scheint. Bald habe ich diese Phase leergeschrieben. Ich kann Stimmen hören – ich tippe auf Nebenhaus. Aber jetzt höre ich die Tageskinder im Stiegenaufgang; die Realität wird fester und stabiler. Ich lege Schreibzeug, Notizbuch und Brille weg und lösche das Leselicht. Ich decke mich wieder bis zum Hals zu und lasse so meine Seele ausheilen. Ich döse dabei ein, aber wie ich aufwache, ist in meinem Geist alles geordnet und ich weiß meine nächsten Schritte und Handlungen.


(10.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4282 Bannen

 



1:16 a.m.  Ich sehe mit der Lesebrille im Zimmer schlecht: alles im Abstand von mehr als einem Meter ist verschwommen. An der Unterseite einer CD im Zedeturm scheint ein Comic zu sein; das wäre mir bisher noch nie aufgefallen. Die Bilder überall nur Farbflecken. Als optische Täuschung sausen Fliegen lautlos durchs Zimmer, in auffällig sturem Geradeaus. Also können es keine Fliegen sein. Wenn ich nicht genau hinschaue, tanzen die Bücher im Regal. Jetzt schieben sie in geschlossener Reihe nach vor, bis ich sie mit meinem direkten Blick banne.


(10.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 7. November 2025

4281 Der Letzte Knall

 



10:11 a.m.  Ein Nachhall ist da, von etwas, das ich nicht mitbekommen habe. Eine Explosion so jenseitig, dass sie hier nicht wahrnehmbar ist. Ist Gott gestorben? In die Luft gesprengt (oder wie das Fluidum heißt, dass dort alles umgibt)? Oder jemand oder etwas ganz anderes? Nicht der Ur- sondern der Letzte Knall? Vielleicht braucht es Millionen oder Milliarden Jahre, bis das Universum mitbekommt, dass es nicht mehr existiert. Was weiß ich kleines Menschlein! Der Nachhall jedenfalls ist da. Ein ziemlich lautloser Nachhall. Vielleicht hat er mein Surren in den Ohren etwas verschoben, vielleicht die Tonhöhe verändert, nach oben, vielleicht die Lautstärke minimal hinaufgedreht; meine Sicht auf die Welt auf jeden Fall, wenn ich auch nicht angeben könnte, wie und inwiefern. Ist es Entsetzen, was da lautlos und unauffällig hereinsickert? Oder Gleichgültigkeit? Leere oder Zuviel?


(7.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4280 Vom Westen

 



13:58.  Heute ist einiges anders: ich habe mich dem Espresso Burggasse nicht von Osten, sondern vom Westen her (genau: 292°NW genähert), weil ich vorher übern Dehnepark zu den Steinhofgründen raufgewandert bin und die Johann-Staud-Straße hinunter und über die U3 hierher. Und ich habe kein Frühstück, sondern eine köstliche Lasagne gegessen, ein Luxus, den ich mir mit richtig schlechtem Gewissen erlaubt habe (Weihnachtsgeld!), indem ich den festen Vorsatz gefaßt habe, danach sofort mit solchen Exzessen und Extratouren wieder aufzuhören. Nur mein schlechtes Gewissen kann ich nicht gänzlich abwürgen. Und, was auch anders ist: ich esse danach beide meinen Cappuccini beigelegten Schnittchen. Das alles ist heute anders und vermutlich noch einiges mehr (πάνα ῥεῖ), das ich nicht aufschreibe oder registriere, sei es aus Unaufmerksamkeit, sei es aus Dummheit oder (vel) Ignoranz. Der (wirklich) alte Mann an der Bar, wo er gerade etwas bestellt, wippt fröhlich zur Musik aus den Boxen (ist es eigentlich notwendig, dass du immer aus den Boxen dazuschreibst? Ist das in einem Lokal tagsüber meistens nicht eh fast selbstverständlich? - der innere Spötter).

Ich schaue wieder einmal zum Hirschen in der Nische oben hinauf. Nur kurz, weil ich nicht weiß, wohin mit meinen Augen (beruhige dich! Jetzt, beim Schreiben, hast du sie eh brav auf den Seiten deines Notizbuches – der innere Spötter). Das schlechte Gewissen bekomme ich nicht weg. Mein innerer Kompass sagt mir: das steht dir nicht zu! Du lebst von anderen und schleuderst das wenige Geld, das dir aus eigener Leistung rechtmäßig zukommt, leichtsinnig und unsolidarisch zum Fenster hinaus. So geht das nicht! (Muß gehen! - der innere Spötter) (da schau her! Der innere Spötter ist auf meiner Seite! - der Kaffeehaussitzer) Also gut: gehen wir hald (sic!) nach Hause und machen den Geschirrspüler. Das ist übrigens heute auch anders: ich werde nicht nach Hause gehen, sondern öffentlich fahren.


(6.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4279 Tschilp

 



0:12 a.m.  Tschilp, tschilp, tschilp. Natürlich gibt es hier im Zimmer und auch im Lichtschacht keine Spatzen. Schon gar nicht mitten in der Nacht. Ich weiß auch nicht, was mir da eingefallen ist. Ich bin voll von einer völlig verrückten, ganz undeutlichen Hoffnung, und einer ebenso schrägen, aber müden Freude. Ich lache in mich hinein, weil nichts stimmt. Oder obwohl. Ich kratze mich am Kopf wie ein Narr, und komme mir dabei erhaben und edel vor. Mein Geist leckt noch am Roman, den ich soeben weggelegt habe, und ich, ich bin müde und will schlafen.


(6.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 4. November 2025

4278 Die Bourgeoisie

 



11:11 a.m.  Die Kleine Zeitung fehlt seit Tagen. Egal, ich werde mich umstellen – keine Todesanzeigen aus dem Bezirk Liezen mehr. Fünf Tauben fressen irgendwas von den Zweigen der Laube draußen. Könnte das wilder Wein sein? Ich kann es von hier aus nicht feststellen; Trauben sehe ich keine (beim Weggehen überprüft – es sind kleine, wilde Weintrauben – der Korrektor). Der Kellner vertreibt sie, die Tauben, damit sie nicht den Schanigarten vollscheißen. Auf der Kreidetafel neben dem Spiegel steht heute nichts. Aus den Boxen angenehme Chicha-Musik. Oh! Jetzt fällt es mir erst auf: der Lichtengel ist wieder vollständig: die zweite Leuchte hat eine neue Glühbirne bekommen. Gibt es sonst noch etwas zu berichten? Eine Flaute, mir fällt nichts ein. Schaukeln wir hald (sic!) ein wenig im schönen, weiten Schwermutmeer (er ist nicht unglücklich! Seine Schwermut hat eher mit dem Bewußtsein, besser mit der Ahnung zu tun, dass es jenseits dieser bekannten Welt tiefere Dimensionen, atemberaubende Wunderwelten gibt, die den Menschen prinzipiell zugänglich wären, aber schwer zu erreichen, sodass es ihm mit seinen halbherzigen Versuchen nicht gelingt – der innere Korrektor).

Die Bourgeoisie kann echt nervend sein, wie ich auf Grund des Nebentisches nun feststellen muß. Ich bin schreiberisch aus der Bahn geworfen, weil ich gegen den Dialog nebenan sowohl mit der akustischen Abschirmung, als auch in meinem Inneren nicht ankomme. Allein schon diese Sprachmelodie von ihr und die unecht bekräftelte, aber tendenziell gicksende Stimme von ihm gehen mir gegen den Strich. Aus der bequemen Flaute aufgescheucht, aber jetzt mit kaputter Steuerung. Chicha scheint ein brauchbares Gegenmittel zu sein; ich beruhige mich ein wenig. In solchen Momenten bin ich froh, es nicht geschafft zu haben (er meint nach oben – der innere Spötter). (Der Text erweist sich in seiner Herstellung als ziemlich mühsam und in seinem – vorläufigen – Ergebnis als sehr holprig, stimmt’s!?! - der innere Spötter.) Na gut, vielleicht beneide ich sie auch um ihr – wenn auch dummes – Selbstbewußtsein. Ich gehöre nicht nach oben, ich gehöre nicht nach unten, ich gehöre nicht in die Mitte. Jetzt kommt – trotz allem – eine gewisse Feierlichkeit über mich. Das finde ich schon wieder witzig (soll ich mich wieder einmal über das eine gewisse lustig machen? Indem ich frage, was damit wirklich gemeint ist, und eine ungewisse als zutreffendere Formulierung vorschlage? - der innere Spötter). Aber diese leicht in die Länge gezogenen Vokale nebenan! Ein Anhauch von Schönbrunnerisch, aber zurückhaltend und dezidiert nur als Anklang und damit auf noch edler! Aaahh! Meine aggressiven Gedanken haben sie jetzt in den Schanigarten vertrieben! Boah! Bin ich mental stark! Und jetzt kommt der Dialog am anderen Nebentisch auf: sie sagt Ṩopron, nicht [Sch]opron (lieber Freund! Ich glaube es ist besser, du machst dich auf zu deiner schrittezählenden Stadtwanderung – der innere Spötter). Ja, aber jetzt spielt es gerade eine so schöne, sanfte E-Gitarrenmusik. Der gespiegelte Sonnenlichtfleck liegt genau auf der korbähnlich geflochtenen Rückenlehne eines der Barhocker vor dem Spiegel gegenüber und durchstrahlt dieses Geflecht von hinten und läßt es so richtig aufleuchten (das so gehört nicht zum richtig, denn das wäre fast präfaschistische Sprache, sondern ist eigenständig, also: auf diese Weise – der innere Korrektor). Der unaufhörliche Strom des Straßenverkehrs draußen – von der Laube und den Platanen akustisch und optisch ein wenig abgeschirmt.

Ich glaub, jetzt reicht es mir hier mit mir. Aber bevor ich losmarschiere will ich noch festhalten: ich habe eine unbefangene, keinen äußeren Zwecken unterworfene Liebe zum Wissen. Darum schaue ich auch nach, ob die Tauben dort in der Laube wirklich wilde Trauben gefunden haben.


(4.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 3. November 2025

4277 Dekolleté

 



13:01.  Schon wieder in einem Café, wo ich die Zeit zum Therapietermin absitze (ich bin so früh von Zuhause weg, weil ein Tagesmutter-Kontroll-Besuch angekündigt war und ich als darin überflüssiger Störer dem lieber ausweiche). Ich sitze jetzt also im Welt-Café, weil ich auch vom Espresso Burggasse zu früh weggewandert bin und bei meinem Fußmarsch viel schneller war, als in meinem scheinanwesenden Kopf berechnet. Frühstücke gäbe es hier viele verschiedene, wäre das auch einmal eine Option? Mir fehlen die Zeitungen. Ist es hier zu bunt? Nein, ich glaube nicht. Es ist das ein Studentencafé, was mir meine Anwesenheit etwas peinlich macht, aber trotzdem gefällt. Von Gesprächen rundherum bin ich eingehüllt, ohne mich darauf konzentrieren zu können oder zu wollen. Blöderweise fange ich jetzt an, darüber nachzudenken, wie meine Anwesenheit für die anderen hier ist. Nehmen sie mich wahr und als was? Ich versuche, irgendwelche Anzeichen für irgendwas zu finden, bemerke jedoch nichts. So lasse ich meine Augen über die Bilder an der Wand, über den Gästen gleiten; Bilder, die mir nicht sehr, aber auch nicht nicht gefallen. Jetzt blicke auf den braunen Parkettboden und die herumstehenden in unterschiedlichen Farben und Mustern gepolsterten Hocker bei den niederen Kaffeetischchen an den großzügigen, gepolsterten, die gesamten zwei Wände entlang laufenden Sitzbänken in diesem langen, schmalen Raum. Vor Verlegenheit und Scham lege ich in gespielter Müdigkeit meine rechte Hand auf meine Augen, um sie abzudecken, damit sie nichts sehen [vor allem die junge Frau schräg gegenüber mit dem weiten Dekolleté (das hat er falsch geschrieben und der Korrektur im Internet nicht glauben wollen; erst ein klassisches Wörterbuch hat ihn überzeugt – der innere Spötter)]. Es gelingt, das Hinschauen halbwegs zu vermeiden. Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank! Schwer und unbeholfen – und so fühle ich mich auch – erhebe ich mich von der Bank, um aufs Klo zu gehen. Auf dem Weg sehe ich, dass es draußen nicht mehr nieselt, sondern die Sonne scheint, sodass ich auch umherwandern könnte. Ich entscheide mich jedoch, den diesmal koffeinfreien Cappuccino langsam auszutrinken und noch ein wenig zu rasten. Mein Schrittzähler zeigt, dass mein Tagessoll noch nicht erreicht ist. Das Bild links in der Reihe mag ich am meisten, ohne damit ein Qualitätsurteil abgeben zu wollen. Ich registriere, dass die Sonne wieder weg ist, aber regnen wird es wohl nicht mehr (das ist wichtig, denn ich habe meine zwar bequemen Schuhe mit den extra dicken Sohlen an, aber bei beiden sind diese Sohlen aufgerissen, durch deren Spalten man jedoch gegebenenfalls das Wasser auf den Wegen hochquetschen kann – also unabsichtlich, durch schieren Vorgang des Gehens selbst). Die Kaffeehaustischchen sind in orientalischer Manier mit Fliesen belegt. Ich werde hinausgehen, um dem Anblick der dekolletierten Frau zu entgehen (Im übrigen und damit das klar ist: ich beschwere mich nicht und ich kritisiere die Frau nicht; ich versuche nur, damit irgendwie und einigermaßen – was immer das genau heißt – zu recht zu kommen).


(3.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4276 Ornamentreste

 



11:59 a.m.  Demütig sitze ich heute vor, fast unter der Bar, ein Ausweichplatz, weil alles so voll ist, devot wie ein braver Laufbursche auf Abruf. Dabei wurde mir ein Platz im hinteren Raum angeboten, aber da ich nicht frühstücke, wollte ich diese Variante ausprobieren. Ich blicke also zu der Wand, an der ich normalerweise sitze und im Rücken habe und registriere die schönen Ornamentreste im Bogen unter dem Plafond und an der gewölbten Decke selbst. Natürlich gerät mir auch die Reihe der auf der Bank sitzenden Gäste, lauter Frauen, manchmal, fast unabsichtlich ins Blickfeld, und eine junge Frau, die mich schon mehrmals beobachtet hat, grinst beim Telefonieren mit weit auseinander geschobenen Lippen. Gehsteig und Schanigarten draußen, wo der Herbst sein Laubwerk vollbringt und der Wind das widerstehende Gezweig kräftig schüttelt, sind viel näher als sonst (das nächste Mal könnte ich den kleinen Platz bei der schon so oft beschriebenen Spiegelwand probieren).

Jetzt habe ich den Kellnern alles erzählt; wie es sich in einem Stammlokal gehört. Davon war ich jedoch so verwirrt, dass ich nach Verlassen des Lokals an der Kreuzung Neubaugasse/Burggasse bei Rot über die Straße ging, obwohl ein Bus dahergekommen ist, ohne die Ampel überhaupt wahrgenommen zu haben – und ich kenne die Kreuzung gut! – und ehrlich erstaunt darüber, wie sich die Realität langsam in meine Scheinanwesenheit hinein zu zeigen beginnt.


(3.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4275 Gewißheiten

 



1:16 a.m. Regentropfen lassen sich an die Fensterscheiben fallen und auf das Blech am Rahmen. Ich lese einen Roman über jemandem, der eines Tages aufsteht, wegfährt und sein bisheriges Leben zurückläßt. Das wirft Fragen auf; welche, kann ich nicht formulieren, weil ich sie nicht weiß. Jedenfalls ist etwas offen, wie eine Lücke, die sich nicht schließen läßt. Durch die fallen alle Gewissheiten – ich weiß nicht: hinein oder heraus. Ich warte auf einen Kommentar des inneren Spötters, aber sein Beitrag scheint auch durch die Lücke gefallen zu sein. Weil ich sonst nichts zu tun habe, betrachte ich meine Hände, die ich hin und her drehe, und versuche, mir ihr Bild einzuprägen.


(3.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4274 Die Bäume wachsen nicht in den Himmel

 



9:21 a.m.  Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, auch unser dreifaltiger Wohnzimmerbaum nicht, in dem aber schon eine Laterne aus Papiermaché hängt, für das Laternenfest der Tageskinder – nennt es St.Martin oder Lichterfest, wie ihr wollt (geht vielleicht auf noch ältere Bräuche zurück). Jedenfalls gehe ich mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir. Ja, so ist es. Ich gehen dann auch hin, wenn sie sich im Park treffen, wenn alle Laternen fertig gebastelt sind. Nur: Laterne werde da ich keine tragen. Die Kirchenglocken laden nun zu Allerheiligen ein, ein großes, feierliche Geläut. Ich bin noch vorm Frühstück. In die Kirche gehe ich überhaupt nicht mehr; ich würde bei Herr, erbarme dich unser, bei erhebet die Herzen. Wir haben sie beim Herrn und bei o Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund! losheulen müssen.


(1.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4273 Die schöne Hand

 



15:05.  Nach einem Menü mit Grießnockerlsuppe und Forelle, gebraten, mit Petersilkartoffeln, einer halben Susitorte (also: Schöne Perle), liege ich wieder auf meinem Bett, habe gelesen und überlege, was ich am letzten Oktobertag schreiben könnte. Auch jetzt ist es hier so still, dass meine Seele fast loslassen will und wegfliegen, in die größere Stille hinein. Aber nein, lächle ich in mich hinein. Ich hole tief Luft und atme sie mit einem Seufzer aus. Eine schöne, leichte, schwermütige Heiterkeit ist da, und auch jetzt pickt mein edler Pilotstift ein wenig an den drei Fingern (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger) meiner rechten Schreibhand (Piloten ist nichts verboten und nicht mit der schirchen Hand! Nimm den Stift in das schöne Handi! - der innere Spötter). Deswegen schreib ich rechts. Es ist schon etwas wie Dämmerung (Götterdämmerung? - der innere Spötter) in meinem Zimmer, nur am Fenster ist noch graue Helle und das gelbe Licht der Leselampe um mich bringt Geborgenheit. Das ist mein Asyl, mîn lêhen, mein Gnadenhof, mein Ausgedinge, mein sicheres Abstellgeleis. In solchen Momenten möchte ich hier auf Erden mit nichts und niemandem tauschen (Sorgen machen ihm nur die vielen Schreibfehler, Verschreibungen, ausgelassene Buchstaben und Silben, was er als Probleme im Gehirn identifizieren will, und der jetzt einsetzende hartnäckige Husten, der sich anfühlt, als wäre Wasser in der Lunge, als Problem mit dem Herzen – der innere Spötter).


(31.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com