4276 Ornamentreste
11:59 a.m. Demütig sitze ich heute vor, fast unter der Bar, ein Ausweichplatz, weil alles so voll ist, devot wie ein braver Laufbursche auf Abruf. Dabei wurde mir ein Platz im hinteren Raum angeboten, aber da ich nicht frühstücke, wollte ich diese Variante ausprobieren. Ich blicke also zu der Wand, an der ich normalerweise sitze und im Rücken habe und registriere die schönen Ornamentreste im Bogen unter dem Plafond und an der gewölbten Decke selbst. Natürlich gerät mir auch die Reihe der auf der Bank sitzenden Gäste, lauter Frauen, manchmal, fast unabsichtlich ins Blickfeld, und eine junge Frau, die mich schon mehrmals beobachtet hat, grinst beim Telefonieren mit weit auseinander geschobenen Lippen. Gehsteig und Schanigarten draußen, wo der Herbst sein Laubwerk vollbringt und der Wind das widerstehende Gezweig kräftig schüttelt, sind viel näher als sonst (das nächste Mal könnte ich den kleinen Platz bei der schon so oft beschriebenen Spiegelwand probieren).
Jetzt habe ich den Kellnern alles erzählt; wie es sich in einem Stammlokal gehört. Davon war ich jedoch so verwirrt, dass ich nach Verlassen des Lokals an der Kreuzung Neubaugasse/Burggasse bei Rot über die Straße ging, obwohl ein Bus dahergekommen ist, ohne die Ampel überhaupt wahrgenommen zu haben – und ich kenne die Kreuzung gut! – und ehrlich erstaunt darüber, wie sich die Realität langsam in meine Scheinanwesenheit hinein zu zeigen beginnt.
(3.11.2025)
Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite