Sonntag, 30. November 2025

4292 Mimimimimi

 



10:25 a.m.  Die erste Kerze am Adventkranz brennt und im dreifaltigen Wohnzimmerbaum hat sich die kleine Lichterkette – von einem Tageskind programmiert – eingeschaltet, während wir im Bett hocken und dieses schöne grün-weiße Ambiente Baum-Tischdecke-Blumen betrachten (aber: pfui Rapid!) und dabei wortlos, aber von Hustenanfällen unterbrochen unser Frühstücksmüsli auslöffeln. Danach ist es bei uns an Wochenenden der Brauch, dass wir den Laptop holen und meine liebe Frau meine neuen Texte der vergangenen Woche hier auf der Schublade vorliest. Aber diesmal gibt es keine, denn ich habe zehn Tage lang nicht geschrieben. Mir ist der Mut ausgegangen, weil ich mich als so minderwertig empfunden habe, dass es mir als Anmaßung vorgekommen wäre, die Welt mit meiner Schreiberei zu belästigen, noch dazu, weil es dabei meistens um die Beschreibung der eigenen Gefühle, Gedanken und faden Erlebnisse geht (der Vorwurf lautet: mimimimimimimimi!). Selbst die Anregung zweier unabhängiger Personen, doch wiedereinmal eine Lesung abzuhalten, konnte mich aus meinem Unwert nicht herausholen (bei Depression ist das Gehirn seit seiner frühesten Sozialisation und Beschickung mit den Glaubenssätzen der Umgebung darauf trainiert, solche positiven Rückmeldungen sofort umzudeuten und zu relativieren oder als Missverständnisse zu interpretieren).

Weil es also keine neuen Texte gibt und wir beide akut unter einem Husten leiden, hatte meine Frau schon gestern vorgeschlagen, stattdessen in der Suchfunktion meiner Schublade das Stichwort Husten einzugeben und zu schauen, welche Texte kommen (bei 4291 Texten habe ich schon längst die Übersicht verloren und viele, viele Texte vergessen). Gestern habe ich das noch abgelehnt, aber heute habe ich nachgegeben. Und siehe da: an die beiden Texte 3981 Im Sitzen und 619 Themenwechsel konnte ich mich tatsächlich überhaupt nicht mehr erinnern und war wirklich erstaunt und überrascht, was ich da Tolles zu hören bekam. Ich konnte es gar nicht glauben, dass diese Texte von mir sind, weil aber alle Texte auf der Schublade von mir sind und ich das weiß, flüchte ich sofort in die Vorstellung, dass man (ich) beim Schreiben – vielleicht in einer Art leichten Trance – eine äußere Kraft anzapft, die einem im Schreibfluß inspiriert (oder doch eine innere Kraft? Oder eine innere, die mit einer äußeren verbunden ist?).

Wie auch immer. Jetzt habe ich doch wieder geschrieben und mir kommt vor, nun sehe ich unseren Wohnzimmerbaum klarer und plastischer und noch grüner und herrlicher. Ach ja, ich muß ihn heute noch gießen!


(30.11.2025)


©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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