4284 Gilet
16:22. Zum Schreiben hier bräuchte ich eine leereres Café; ich weiß, das ist viel verlangt, außerdem sitze ich ausblicksmäßig nicht so günstig. An und für sich mag ich die Kreuzung Wollzeile/Riemergasse, aber mein bevorzugte Platz mit Aussicht auf den kleinen Platz war heute besetzt. Ach, es ist ja schon Dämmerung, also gegen Abend, der jahreszeitlich frühe und langsame Übergang vom Tag in die Nacht, wo alle Lichter schon leuchten und ein Unbehagen verscheuchen wollen. Die Zeit, wo alle Junkies aller Art nervös werden und besonders gefährdet sind (auch ich habe zum Kaffee eine Torte konsumiert), die Zeit, wo ein Patt zwischen den Kräften und zwischen den Geistern eintritt, eine Flaute, die man nicht spüren, aber überspielen will. Ja, und das Licht – ich meine das künstliche – das sich gegen das vergehende natürliche Licht dann behaupten wird und jetzt noch Verwirrung stiftet. Der ganz alte Mann fragt die Kellnerin verwirrt, ob sie hier die Neue Zeit haben, aber erstens sind wir hier in Wien und nicht in Graz und zweitens gibt es diese sozialdemokratische Zeitung schon lange, lange nicht mehr (2001 eingestellt – der Tipper). Außerdem hat der Herr zum besseren Umblättern seine Finger in aller Öffentlichkeit mit Spucke befeuchtet – ich beneide ihn; diese Coolheit möchte ich auch haben (lieber Freund! Bist du dir sicher? Das wird wohl eher Verwirrung und Altersdemenz sein – der innere Spötter). Jetzt verläßt er das Lokal. Selbst hier im Aida bin ich nicht standesgemäß. Eine alte Frau ißt im Vorbeigehen ein Restl von einem anderen Tisch (vielleicht gehe ich hier doch als leidlich „gehoben“ durch). Das Ganz hier ist schon von einem spießigen (selber! - der innere Spötter), kleinbürgerlichen (selber! - der innere Spötter) Dämmerungswahnsinn unterlegt. Ich wollte schon gehen, aber jetzt bleibe ich, bestelle noch einen Kaffee und schau mir das an.
Die vorbeieilenden düsteren Gestalten da draußen in der herbstlichen Dämmerung. Und wieder – wie schon vor längerer Zeit – spricht hier im Café jemand – auch ein alter Mann – über spirituelle Ereignisse (oder spiritistische? - fragt mein Mißtrauen). Ich empfinde dabei eine spöttische, herbeigebogene Sympathie (wobei ich selber Ereignisse jenseits der Alltagswelt für möglich halte, die sich der gute Mann sicherlich gar nicht vorstellen kann). Er redet auch sehr vorsichtig – das kann ich verstehen – und sehr stockend und leise; vielleicht hat er genug Prügel für seine abseitigen Ansichten einstecken müssen (vielleicht auch nicht – der innere Spötter). Werde ich im Finstern zu Fuß nach Hause gehen? Ich bin es nicht mehr gewohnt, des nachts unterwegs zu sein und fürchte mich. Ich bleibe noch im mit zunehmender Dunkelheit immer weniger fragwürdigen Licht des Cafés. Der alte Mann redet tatsächlich von der Apokalypse des Johannes. Auch so ein übrig Gebliebener, aber einer von den etablierten, dem seine soziale Sicherheit und Geborgenheit inzwischen zwar abhanden gekommen ist, aber dieses die gute Höhe seiner Pension nicht mehr tangiert hat. Heutzutage hätte er keine Chance (was du alles weißt! - der innere Spötter). Willst du mit ihm tauschen oder nicht? Ehrlich? Ich muß kurz nachdenken, aber sage: nein. Meine Verrücktheit ist viel besser! Auch wenn sie mehr schmerzt (was willst du wissen, was dieser alte Mann gedacht, erlebt und erlitten hat! - der zornige innere Spötter). Werde ich wirklich wegen der Fragen von Hannes und vom Schu wieder zu zeichnen beginnen? Ein Zeichenbüchlein habe ich mir schon gekauft, muß nur noch schauen, ob ich noch brauchbare Stifte habe. Der alte Mann mit der Apokalypse könnte ein emeritierter Theologe sein, Aussehen und Gesichtsausdruck würden passen. Zu Fuß nach Hause gehen werde ich nicht, denn das vorhin beim Herder gekaufte Buch (Götz Aly, Wie konnte das geschehen?) mit seinen 762 Seiten passt nicht in mein Albertinatascherl und ich mag es auf so langer Strecke nicht in der Hand tragen. Mein Schreibstift geht jetzt aus, ein Wink des Schicksals - oder des Herrgottes – wenn wir schon theologienahe sitzen – dass ich mit dem Schreiben sofort aufhören soll. Zumindest für heute. Hinter mir wird übrigens Spanisch gesprochen. Die Kleidung des alten Mannes passt auch zu einem emeritierten Theologen der alten Schule: Anzug mit Gilet (mein Gott, ist das Rechtschreibprogramm ungebildet! Kennt nicht einmal das Wort Gilet!). (Naja, nachschauen, wie man es schreibt, hast du auch müssen! – der innere Spötter.)
(10.11.2025)
Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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