Dienstag, 4. November 2025

4278 Die Bourgeoisie

 



11:11 a.m.  Die Kleine Zeitung fehlt seit Tagen. Egal, ich werde mich umstellen – keine Todesanzeigen aus dem Bezirk Liezen mehr. Fünf Tauben fressen irgendwas von den Zweigen der Laube draußen. Könnte das wilder Wein sein? Ich kann es von hier aus nicht feststellen; Trauben sehe ich keine (beim Weggehen überprüft – es sind kleine, wilde Weintrauben – der Korrektor). Der Kellner vertreibt sie, die Tauben, damit sie nicht den Schanigarten vollscheißen. Auf der Kreidetafel neben dem Spiegel steht heute nichts. Aus den Boxen angenehme Chicha-Musik. Oh! Jetzt fällt es mir erst auf: der Lichtengel ist wieder vollständig: die zweite Leuchte hat eine neue Glühbirne bekommen. Gibt es sonst noch etwas zu berichten? Eine Flaute, mir fällt nichts ein. Schaukeln wir hald (sic!) ein wenig im schönen, weiten Schwermutmeer (er ist nicht unglücklich! Seine Schwermut hat eher mit dem Bewußtsein, besser mit der Ahnung zu tun, dass es jenseits dieser bekannten Welt tiefere Dimensionen, atemberaubende Wunderwelten gibt, die den Menschen prinzipiell zugänglich wären, aber schwer zu erreichen, sodass es ihm mit seinen halbherzigen Versuchen nicht gelingt – der innere Korrektor).

Die Bourgeoisie kann echt nervend sein, wie ich auf Grund des Nebentisches nun feststellen muß. Ich bin schreiberisch aus der Bahn geworfen, weil ich gegen den Dialog nebenan sowohl mit der akustischen Abschirmung, als auch in meinem Inneren nicht ankomme. Allein schon diese Sprachmelodie von ihr und die unecht bekräftelte, aber tendenziell gicksende Stimme von ihm gehen mir gegen den Strich. Aus der bequemen Flaute aufgescheucht, aber jetzt mit kaputter Steuerung. Chicha scheint ein brauchbares Gegenmittel zu sein; ich beruhige mich ein wenig. In solchen Momenten bin ich froh, es nicht geschafft zu haben (er meint nach oben – der innere Spötter). (Der Text erweist sich in seiner Herstellung als ziemlich mühsam und in seinem – vorläufigen – Ergebnis als sehr holprig, stimmt’s!?! - der innere Spötter.) Na gut, vielleicht beneide ich sie auch um ihr – wenn auch dummes – Selbstbewußtsein. Ich gehöre nicht nach oben, ich gehöre nicht nach unten, ich gehöre nicht in die Mitte. Jetzt kommt – trotz allem – eine gewisse Feierlichkeit über mich. Das finde ich schon wieder witzig (soll ich mich wieder einmal über das eine gewisse lustig machen? Indem ich frage, was damit wirklich gemeint ist, und eine ungewisse als zutreffendere Formulierung vorschlage? - der innere Spötter). Aber diese leicht in die Länge gezogenen Vokale nebenan! Ein Anhauch von Schönbrunnerisch, aber zurückhaltend und dezidiert nur als Anklang und damit auf noch edler! Aaahh! Meine aggressiven Gedanken haben sie jetzt in den Schanigarten vertrieben! Boah! Bin ich mental stark! Und jetzt kommt der Dialog am anderen Nebentisch auf: sie sagt Ṩopron, nicht [Sch]opron (lieber Freund! Ich glaube es ist besser, du machst dich auf zu deiner schrittezählenden Stadtwanderung – der innere Spötter). Ja, aber jetzt spielt es gerade eine so schöne, sanfte E-Gitarrenmusik. Der gespiegelte Sonnenlichtfleck liegt genau auf der korbähnlich geflochtenen Rückenlehne eines der Barhocker vor dem Spiegel gegenüber und durchstrahlt dieses Geflecht von hinten und läßt es so richtig aufleuchten (das so gehört nicht zum richtig, denn das wäre fast präfaschistische Sprache, sondern ist eigenständig, also: auf diese Weise – der innere Korrektor). Der unaufhörliche Strom des Straßenverkehrs draußen – von der Laube und den Platanen akustisch und optisch ein wenig abgeschirmt.

Ich glaub, jetzt reicht es mir hier mit mir. Aber bevor ich losmarschiere will ich noch festhalten: ich habe eine unbefangene, keinen äußeren Zwecken unterworfene Liebe zum Wissen. Darum schaue ich auch nach, ob die Tauben dort in der Laube wirklich wilde Trauben gefunden haben.


(4.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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