Montag, 3. November 2025

4277 Dekolleté

 



13:01.  Schon wieder in einem Café, wo ich die Zeit zum Therapietermin absitze (ich bin so früh von Zuhause weg, weil ein Tagesmutter-Kontroll-Besuch angekündigt war und ich als darin überflüssiger Störer dem lieber ausweiche). Ich sitze jetzt also im Welt-Café, weil ich auch vom Espresso Burggasse zu früh weggewandert bin und bei meinem Fußmarsch viel schneller war, als in meinem scheinanwesenden Kopf berechnet. Frühstücke gäbe es hier viele verschiedene, wäre das auch einmal eine Option? Mir fehlen die Zeitungen. Ist es hier zu bunt? Nein, ich glaube nicht. Es ist das ein Studentencafé, was mir meine Anwesenheit etwas peinlich macht, aber trotzdem gefällt. Von Gesprächen rundherum bin ich eingehüllt, ohne mich darauf konzentrieren zu können oder zu wollen. Blöderweise fange ich jetzt an, darüber nachzudenken, wie meine Anwesenheit für die anderen hier ist. Nehmen sie mich wahr und als was? Ich versuche, irgendwelche Anzeichen für irgendwas zu finden, bemerke jedoch nichts. So lasse ich meine Augen über die Bilder an der Wand, über den Gästen gleiten; Bilder, die mir nicht sehr, aber auch nicht nicht gefallen. Jetzt blicke auf den braunen Parkettboden und die herumstehenden in unterschiedlichen Farben und Mustern gepolsterten Hocker bei den niederen Kaffeetischchen an den großzügigen, gepolsterten, die gesamten zwei Wände entlang laufenden Sitzbänken in diesem langen, schmalen Raum. Vor Verlegenheit und Scham lege ich in gespielter Müdigkeit meine rechte Hand auf meine Augen, um sie abzudecken, damit sie nichts sehen [vor allem die junge Frau schräg gegenüber mit dem weiten Dekolleté (das hat er falsch geschrieben und der Korrektur im Internet nicht glauben wollen; erst ein klassisches Wörterbuch hat ihn überzeugt – der innere Spötter)]. Es gelingt, das Hinschauen halbwegs zu vermeiden. Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank! Schwer und unbeholfen – und so fühle ich mich auch – erhebe ich mich von der Bank, um aufs Klo zu gehen. Auf dem Weg sehe ich, dass es draußen nicht mehr nieselt, sondern die Sonne scheint, sodass ich auch umherwandern könnte. Ich entscheide mich jedoch, den diesmal koffeinfreien Cappuccino langsam auszutrinken und noch ein wenig zu rasten. Mein Schrittzähler zeigt, dass mein Tagessoll noch nicht erreicht ist. Das Bild links in der Reihe mag ich am meisten, ohne damit ein Qualitätsurteil abgeben zu wollen. Ich registriere, dass die Sonne wieder weg ist, aber regnen wird es wohl nicht mehr (das ist wichtig, denn ich habe meine zwar bequemen Schuhe mit den extra dicken Sohlen an, aber bei beiden sind diese Sohlen aufgerissen, durch deren Spalten man jedoch gegebenenfalls das Wasser auf den Wegen hochquetschen kann – also unabsichtlich, durch schieren Vorgang des Gehens selbst). Die Kaffeehaustischchen sind in orientalischer Manier mit Fliesen belegt. Ich werde hinausgehen, um dem Anblick der dekolletierten Frau zu entgehen (Im übrigen und damit das klar ist: ich beschwere mich nicht und ich kritisiere die Frau nicht; ich versuche nur, damit irgendwie und einigermaßen – was immer das genau heißt – zu recht zu kommen).


(3.11.2025)


Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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