4290 Another sinking ship
Sticking to the scipt
We built another sinking ship …
(Fake as Fuck, Red Hot Chili Peppers)
11:11 a.m. Die angenehme Barmusik plätschert herzrührend an mein Ohr. Das Lokal ist inzwischen angenehm leer. Frühstück und Lektüre ist gut über die Bühne meines Lebens gegangen; also alles bereitet für meine Schreiberei. Mir fällt auf, ich habe länger nichts geschrieben und jetzt nur aus Gewohnheit mein Notizbuch auf den Tisch gelegt; dabei gibt es inneren Widerstand. Ich denke seit Tagen daran, wieso ich mein Zimmer nicht staubsauge und wenigstens die ärgsten Stellen abwische. Zugegeben, das ist in meiner kleinen, überladenen, verstellten Kemenate, in der man bei jeder Bewegung aufpassen muß, nichts umzustoßen, nicht so einfach – aber genau so liebe ich mein Zimmer – aber das rechtfertigt nicht die Vernachlässigung. Mir ist schon klar, dass das mit mangelnder Selbstachtung zu tun hat und vermutlich mit dem wahrlich ungesunden Selbstmitleid, aber das ändert nichts an den beinah unüberwindlichen Barrieren. Ich habe doch schon so viele Anläufe genommen – und nun bin ich alt und möchte nicht mehr kämpfen. Ich wurde schon mehrfach (gib nicht so an! Zweimal – der innere Spötter) gefragt, wann ich wieder eine Lesung abhalte, aber ich kann mich nicht aufraffen. Ich finde zur Zeit meine Texte Scheiße; nicht einmal eines Regional-Lokal-Hobby-Schreiberlings würdig. Gut, nennen wir das hald (sic!) eine handfeste Depression. Na und? Damit hat das Ding einen Namen, aber geändert hat sich nichts. (Oder sollen wir es Selbsterkenntnis nennen? - der innere Spötter.) Ich kann nicht mehr. Oder richtiger: ich glaube, nicht mehr zu können (noch richtiger: du genießt es, nicht mehr zu können zu glauben – der innere Spötter). Sogar bei meinem Gehprogramm – täglich mindestens 6000 Schritte – habe ich nachgelassen (und am heutigen 20.11. schon wieder – der Tipper). Und auch bei meinen auf dreimal die Woche angepeilten Fitnessstudiobesuchen. Hier in meinem Lieblingslokal fühle ich mich durchaus wohl, aber um hierherzukommen mußte ich inneren Widerstand und nervöse Übelkeit überwinden. Wirklich wohl fühle ich mich, wenn ich nach dem Aufwachen aufgesetzt und mit Pölstern abgestützt im Bett zugedeckt bis zum Kinn am Rücken liege und nichts mache. Das ist mir der angenehmste Zustand. Ich betrachte meine Hände, auch ein überflüssiges Ritual, das ich mir sinnlos anzugewöhnen versuche, inspiriert von einer dummen, unrealistischen und vergeblichen Hoffnung. Ich will auch keine Ratschläge mehr hören, die sowieso nur aus den jeweiligen Egos kommen und nichts wahrgenommen haben (dafür, dass du angeblich eine Schreibblockade hast, jammerst du eh ganz flott dahin! - der innere Spötter). (Vielleicht wäre eine richtige Schreibpause genau der richtige Zustand, um wenigstens ein minimales Niveau zu halten – der innere Spötter.)
Erst jetzt beginne ich, das Lokal ein wenig wahrzunehmen, aber der innere Tsunami rauscht noch blind durch mein Bewußtsein. Oh! Ein Mistelzweig über dem Eingang. Ich freue mich und klammere mich an seine angeblich segnende Wirkung, ohne daran zu glauben. Genaugenommen „glaube“ ich sogar an seine heilende Wirkung – zumindest lasse ich es offen – aber ich kann nicht glauben, dass es diesen Segen auch für mich gibt. So schaut’s aus!
Cappuccino Nummer 4 – diesmal koffeinfrei. Gibt es eigentlich eine Studie über den Zusammenhang vom Kaffeemißbrauch und Depression? So, und jetzt? Das melancholische Lied der Sängerin träufelt in mein angeditschtes Bewußtsein. Der „Lichtengel“ ist bloß ein simpler Lichteffekt einer Doppelwandlampe. Ich muß innerlich ein wenig lachen, wegen einer Szene nebenan, die ich sofort im Geist weitergesponnen habe. Mein Herz klopft stark – heute keine Fitness. Dabei hätte ich unserer Fußballnationalmannschaft, wenn ich ihr meine anstrengenden Fitnessübungen gewidmet, nein, geopfert hätte, sicherlich beim heutigen Spiel geholfen! Ein rotes Licht leuchtet hinter der Bar hervor, ich nehme es aber nicht als Haltesignal für meine ausufernden Betrachtungen. Eine gewisse Willkürlichkeit ist meinen Interpretationen der Wirklichkeit nicht absprechbar; ich bin ja doch popverseucht (wie schon ein selber schwächlicher Kaplan 1971 feststellte). (Was da so alles hochkommt! - der innere Zensor.)
Jetzt muß noch etwas anderes kommen, so darf ich den Text nicht abschließen. „Sprüche aus dem Leben geholt“ wird am Nebentisch gesagt (Nebentisch ist auch nicht präzise, das Ganze ein paar Tische weiter – der innere Korrektor). Offensichtlich bin ich nicht der einzige, der sich nur mit Schmerzen aus der Hocke erheben kann – wie ich am wirklichen Nebentisch beobachten kann. Gerade wollte mir die Musik etwas fad vorkommen, aber nun höre ich aufmerksamer hin und sie ist reich und gekonnt und schön. Das ist ein angemessener Abschluß, sogar mit Jazztrompeter.
(18.11.2025)
©Peter Alois Rumpf November 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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