Freitag, 27. März 2026

4402 Plötzlich

 



9:06 a.m.  Der Sturm heult, klappert und zerrt. Als meine Augen zufallen, erschrecke ich, weil es plötzlich ganz finster ist (finsterer als ansonsten bei geschlossenen Augen, wo ja ein roter Schimmer bleibt!). Der Holzrabe am Fenster schaukelt in der Zugluft. Der Sturm legt eine Pause ein. Jetzt bekomme ich die Augen nicht mehr auf. Es läuft nicht so, wie ich es will. Okay, dann ruhe ich hald (sic!) noch; das tut mir immer so gut. Plötzlich kommt mir vor, mein Notizbuch fällt hinunter und ich greife erschrocken und blitzschnell danach. Aber es liegt ganz normal auf der Bettdecke vor mir und von dort kann es einfach so gar nicht hinunterfallen. Das taktile Empfinden, wie es aus der Hand in eine Tiefe rutscht, war ganz realistisch.

Eigentlich ist es höchste Zeit, aber ich mag immer noch nicht aufstehen.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4401 Bewegt er sich?

 



0:03 a.m.  Ich bewege die Leselampe vom Bett weg und jage damit die Schatten der Kabel des Zedeplayers über die Seitenwand des kleinen Kastens unter dem Schreibtisch drüben. Der starke Wind rüttelt ständig an den schlecht schließenden Fensterflügeln. Morgen will ich wieder ins Fitnesstudio (sic!) gehen. Heute bin ich sehr müde. Ich habe viel gelesen (Fräulein Schmillas Gespür …). Ich will herausfinden, ob der schwarze Holzrabe am Fenster im Luftzug schaukelt. Anscheinend rührt er sich doch nicht, aber vorhin ist es mir so vorgekommen, als bewegte er sich ein wenig. Manchmal scheinen mich meine müden Augen zu necken und ich glaube dann, eine Bewegung wahrnehmen zu können. Zur Überprüfung leuchte ich den Raben mit der wieder her- und jetzt hochgedrehten Leselampe an. Ich bin mir nicht sicher. Es ist nicht eindeutig. Ach, ich bin wirklich müde.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4400 Silbenuntersuchung

 



8:05 a.m.  Es regnet. Im Bett ist es warm und gemütlich. Ich habe das Rollo hochgezogen (ein wenig stolpere ich darüber, dass ich ja die Rollo sagen würde und auch nicht hochziehen, sondern raufziehen) und lasse das graue Licht in mein Zimmer und jetzt zähle ich die Silben der Vornamen in unserer Familie, vielleicht sagt das etwas aus. Zum Beispiel haben meine Töchter die selbe Silbenzahl und in der gleichen Altersreihenfolge wie meine Schwestern, sowohl in den Tauf-, als auch in den Kosenamen. Ganz ernst betreibe ich diese Untersuchung nicht. Ich lasse das auch schon fallen und horche lieber auf das angenehme Geräusch des Regens. Weil mir nichts einfällt, weite ich meine Silbenuntersuchung doch wieder aus, was interessanterweise bei mir ein ziemlich unangenehmes Gefühl erzeugt, vermutlich weil sich doch keine klaren Muster erkennen lassen, was ja unser (unser aller!) kindischer Geist schwer aushält.
Ich döse vor mich hin – ich liebe diesen Zustand und seine Wahrnehmungsverschiebungen – und empfinde meinen rechten Arm als rechts an die Wand gestützt, obwohl ich weiß, dass er ganz normal auf dem Notizbuch auf meiner Bettdecke vor mir aufliegt. „Also dein Vater! Was ist mit ihm?“ lasse ich (?) in meinem Geist eine mir vage erfasste Figur sagen und bin dann verwirrt, weil ich weder weiß, wer das gesagt haben soll, noch zu wem, noch welcher Vater gemeint ist.

Der Regen dürfte ein wenig nachgelassen haben, wenn ich die Geräusche richtig deute. Jetzt gerate ich in eine Krimiszene, aber genauso unklar und chaotisch wie alles. Irgendjemand sagt „dot, dot, dot!“ als ich mir gerade vorstelle, wie Norddeutschland wegen des steigenden Meeresspiegels versinkt und die Fische die untergegangenen Supermärkte plündern und im für sie (noch! Es geht ja schnell) ungewöhnlichen Ambiente ihre neuen Wohnplätze herrichten (ich hatte die Vision eines plötzlichen Anstiegs des Meeresspiegels, ohne ein Erklärung für die Plötzlichkeit vorbereitet zu haben. Irgendwas mit gleichzeitigen Hangrutschungen an den Küsten weltweit und plötzliches, allgemeines Eisschmelzen).

Jetzt plätschert es draußen wieder richtig. Frühstück? Dann lesen?


(26.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4399 Mit gezücktem Stift

 



9:15 a.m.  Ich hocke da und – da ich kein konkretes Thema habe – habe ich mir gedacht, ich lasse einfach so die Gedanken vorbeiziehen und dann schauen wir, ob etwas dabei ist. Von einem Red-Hot-Chili-Peppers-Song (I could have lied) zu (m)einer illegalen Wohnung vor Jahrzehnten und dann zum Monsignore P.S.. Weiter zu … mir ist davon schwindlig geworden. Aber das Ganze dreht sich weiter in Spiralen und obwohl ich es mir vorgenommen habe, bekomme ich nichts so recht zu fassen. Ich denke an die Zeit, als ich mit meinem Lebensgefühl oben war und was ich da alles angerichtet habe. Ich seufze und schon dreht sich wieder alles weiter. Jetzt geht es mehr um die heutige Tagesgestaltung (was ich wo in den Rucksack gebe und ähnliches). Nun bin ich bei meinem Surren in den Ohren und vertiefe mich hörend in die heute recht komplexen und für einen monotonen Geräuschestrom abwechslungsreichen Abläufe. Jetzt ist meine Aufmerksamkeit mehr bei den Geräuschen des Hauses. Eine Tür schlägt zu, Kinder johlen im Stiegenhaus, nochmals eine Tür, in der Ferne entdecke ich etwas, was ich als Rauschen der Stadt bezeichnen würde, vermutlich hauptsächlich entfernter Autoverkehr, aber irgendein ein wenig näheres Gerät mit Motor müßte auch dabei sein. Wenn mich nicht alles täuscht. Wie sich das hier anhören würde, wenn für eine Stunde wirklich alle Räder still stünden? Ich könnte noch ein wenig dösen. Ich döse mit gezücktem Pilotstift. Mein Kopf kippt zur Seite.


(25.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 24. März 2026

4398 Die Wanderung

 



Ich liebe es immer mehr, durch die Stadt zu wandern; diesmal habe ich von meinem Lieblingscafé Espresso Burggasse nach Hause einen großen Umweg gewählt, und mir war nicht richtig bewußt, dass ich da durch Gegenden gehe, mit denen ich früher viel zu tun hatte. So ist es eine Wanderung durch meine Vergangenheit geworden.

Hier der siebente Bezirk – da habe ich gewohnt, ich werfe einen Blick auf meine ehemaligen Fenster. Hinter dem Häuserblock da hat damals meine Geliebte gewohnt und da vorne war (ist) die Bluebox, mein täglich besuchtes Lieblingslokal zu dieser Zeit (Achzigerjahre). Und die vielen Künstler-Wohngemeinschaften, hauptsächlich von TirolerInnen, wo ich fast immer jemanden zufällig getroffen habe oder mir jemand von einem Fenster zugewunken hat, wenn ich die Neubaugasse oder Nebengassen entlang gegangen bin.

Und jetzt komme ich in den sechsten Bezirk. Hier habe ich jahrelang bei meiner damaligen Freundin gewohnt (auch hier werfe ich einen Blick auf ihre ehemaligen Fenster hoch oben über der Gumpendorferstraße mit dem weiten Ausblick nach Süden) und hier habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet. Viele Erinnerungen und Szenen wehen mich an. (Wird das das große Abschiednehmen? - der innere Spötter.)

Ich überschreite den Wienfluß und damit die Grenze zum fünften Bezirk und wandere die Pilgramgasse hinauf zur Margarethenstraße. Da hat ein langjähriger Freund und mein Trauzeuge seine Firma, und wie es ausschaut, blüht und gedeiht sie, denn anscheinend wurden die Büros erweitert. Und da, die Margarethenstraße hinunter Richtung Innenstadt, habe ich eine Zeit lang in einer Tischlerei gearbeitet, ewig her und nicht sehr erfolgreich (gelinde gesagt – der innere Spötter) und weiter unten das Geschäft eines ehemaligen Arbeitskollegen. Geschlossen, ob vorübergehend oder für immer, ist mir unklar, eher vorübergehend, vermute ich.

Nun nähere ich mich dem Mozartplatz, dem Standort der Galerie unserer Künstlergruppe REM. Dort setze ich mich auf eine Bank. Nicht weit von hier habe ich auch ein paar Jahre gewohnt. Das war damals eine ereignisreiche Zeit, in der ich trotz allem (trotz allem, was dagegen spricht) irgendwie oben auf war (zumindest beruflich, im Gegensatz zu heute – wie gesagt: trotz allem). Hier habe ich unter anderem meine Aktion „Haut an Haut“ durchgeführt und im Keller ein Gehege gebaut und mich darin darin zehn Tage lang eingesperrt. Viele, auch lustige Erinnerungen! Nicht weit das Café, wo Jandl und Mayröcker verkehrt sind und ich manchmal ihre Gespräche belauscht habe („Aus der Fremde“). Ich gehe auch am Haus meiner damals (illegalen) Wohnstätte vorbei.


13:41.  Jetzt sitze ich am Karlsplatz vor dem großen Teich vor der großen Kirche, voll der aufgewühlten Erinnerungen, der alten aufgeworfenen Hoffnungen und halbvergessenen Lebensträume, die – ich weiß nicht – ob den Bach oder was auch immer hinuntergegangen sind. Aufgewühlt von meiner zumindest bewußt ungeplanten, vielleicht jedoch mit unbewußter Absicht angetretenen Wanderung durch meine Lebensgeschichte. Mein Herz ist schwer – einerseits; andererseits erstaunt mich die Fülle meines Lebens, wie voll, reich, aufregend und spannend mein Leben war, alles viel mehr und intensiver, als ich es abgespeichert und überschrieben habe („Voll, reich, spannend“ hätte ich nicht als Überschrift über meine Leben gewählt). Das ist jetzt kein schlechtes Gefühl (hat er am Lebensende doch etwas abzugeben und nicht nur seine vergrabenen Talente in der Hand? – der innere Spötter)!

Ich atme unfreiwillig die ausgeatmete Nikotinluft vom Typen auf der Nachbarbank ein, der jetzt aufsteht und geht, aber um meinen kleinen Husten zu verhindern, ist das zu spät. Das halte ich auch noch aus. Die MA 3435 (falsch! MA 42? oder 34? – der unsichere innere Korrektor) fährt mit orangenem Blaulicht vorbei; zwei Typen sitzen im Auto und scheinen ihren Status zu genießen. Jetzt kommt ein älterer Mann mit Ziegenbart und in weiblicher Begleitung (der Bart wäre meinem nicht unähnlich, wenn ich ihn länger wachsen ließe) und mit langen, teuflisch hochgebürsteten Augenbrauen vorbei. Wahrscheinlich glaubt er, das sei kreativ und keck (was ich gut verstehen kann; ich mache auch immer wieder solche Fauxpas).

Eines der Minarette der Karlskirche ist eingerüstet. Im Teich ist schon Wasser (oder ist es über den Winter gar nicht ausgelassen worden?); mir kommt vor, im Sommer ist der Wasserstand höher.

Viele Leute sind hier, aber der Platz ist groß und weit. Ein buddhistischer Mönch und eine buddhistische Nonne in Begleitung dreier älterer Frauen photographieren sich vor der Karlskirche hin und her (also: einmal photographiert der/die eine die andern dann umgekehrt und in verschiedenen Kombinationen). Eine Gruppe Touristen steht beisammen und sie hören einem zu und dann klatschen sie, bevor auch sie sich zum Fotografieren auf den Rand des Wasserbeckens setzen (der Mönch und die Nonne repräsentieren etwas Altes, darum „ph“; die Touristen etwas Zeitgeistiges, deshalb „f“ – der innere Spötter).

Oh! Erst jetzt merke ich es: die Henry-Moore-Skulptur ist auch durch eine Art vierseitigem Paravent versteckt, natürlich (meistens ist das „natürliche“ unnatürlich) sind auf allen vier Abdeckflächen Fotos der Skulptur aufgedruckt.

Jetzt kommt die traktor-motorisierte Armada der Arbeiter der MA Gartenbau (42 – der Tipper).

Ich fange zufällig einen zufälligen Blick einer Touristin (?) auf, während ich am Nagelbett meines rechten Ringfingers ein abstehendes Hautstückchen spüre und so entdecke. Vom Spielplatz kommt lautes Geschrei und Gekreische der vielen Kinder. Ich werde wohl weiterwandern, aber nicht deswegen.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 23. März 2026

4397 Vershattert

 



10:28 a.m.  Ich sitze ganz hinten neben dem Zugang zum Herrenklo, ein schöner Nischenplatz mit Aussicht auf die Eingangstür im vorderen Raum und durch diese auf die Burggasse, unter dem Licht der Wandlampe links, die ein schönes, kurviges und stellenweise verschwommenes Lichtmuster auf die weiße Wand wirft, das sich als eine Variante einer zweidimensionalen Spirale zeigt (besser kann er es nicht beschreiben. Stellt euch vor, ihr zeichnet eine einfache Spirale aufs Papier; so ungefähr, nur aus Licht – der innere Spötter).Wenn ich meinen Kopf vorbeuge, stoße ich an diese schöne Lampe und sie wärmt mir sofort mein drittes Auge auf der Stirn meines etwas zu klein geratenen Hauptes, das kaum die Kappe ausfüllt, die ich zurzeit zu tragen pflege. Aber jetzt ist das Frühstück da; diesmal nur das kleine Wiener Frühstück um Geld zu sparen und weil ich deswegen schon zu Hause ein Müsli gegessen habe.

11:55 a.m.  Mindestens fünf Mal bin ich schon hinter meinem Tischchen hervorgekrochen auf meinem Weg zum Klo oder zum Zeitungsständer. Die Ansage des Kellners, dass ich hier immer willkommen bin und – unausgesprochen: auch wenn ich wenig Geld für Frühstück vel (und/oder) drei Cappuccini habe – er mir immer ein Glas Wasser servieren wird, hat mich zu stillen, schwer sichtbaren Tränen gerührt. Ich lehne in „meiner“ Nische ganz hinten und blicke im Raum – dem hinteren – umher und muß aufpassen, dass ich die anderen Gäste nicht auffällig anstarre. In diesem Raum bin ich selten, darum betrachte ich zum ersten Mal genauer die blaue Wand gegenüber mit ihrem Regal für Bücher, Zeitschriften (?), Gläser, Flaschen, Nippes, Pflanzen in Töpfen und leeren Vasen, sowie deren Schatten. Die Schatten fallen mir auf, wenn mein Blick die Gegenstände abgegrast hat, aber sie sind auch immer irgendwie interessant, egal ob scharf konturiert oder verschwommen, ob dicht oder durch Mehrfachbeleuchtung diffus und die Ränder sozusagen vershattert. („vershattert“ – diese Bezeichnung kenne ich noch aus der Zeit, als man die Vorlagen für Flugblätter händisch herstellen mußte und die Überschriften am besten aus einem vorgedruckten, schwarzen Set mit aufklebbaren Buchstaben zusammengebastelt hat, und mir von damals unter den vielen Vorlagenvarianten der Schriftname „Shatter“ in Erinnerung geblieben ist.)

Vokuhila scheint wieder in zu sein oder zu werden, wie ich an einem Gast (eigentlich Gästin – der innere Spötter) sehe (bei mir ginge nur noch „Vonixhila“, aber heuer habe ich meine Haare wieder auf zwei Millimeter schneiden lassen). Ich hebe mein Gesicht nach oben zu Decke und dann so weit es geht hinten hinunter, um durch das kleine Fenster hinter mir verkehrt in den faden Hof, aber doch auch in den nicht strahlenden, aber blauen Himmel zu schauen.

Heute in der Früh beim Aufwachen habe ich mir gedacht: ich muß ja nicht alles verstehen! Für großartige Erkundungen und Erforschungen, inneren oder äußeren Reisen, überwältigenden Erkenntnissen ist es zu spät (außer für die, die einem beim Sterben geoffenbart werden werden), also nimm alles, wie es kommt und staune oder wundere dich und grüße freundlich.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4396 Das Gähnen hört nicht auf

 



23:56.  Ich lache still in mich hinein. Was finde ich so witzig? Das habe ich bereits vergessen. Mein innerer Gedankenstrom ist nicht einzufangen. Dafür muß ich jetzt ausführlich gähnen. Ich blättere um, obwohl auf der verlassenen Seite noch ein paar Wörter Platz gefunden hätten. Vielleicht locken die leeren Seiten mehr Worte, Gedanken und Bilder hervor. Wieder wandern die Staubflankerln von links nach rechts. Das ist mir ein Rätsel. Ich stecke meinen Finger in den Mund und halte ihn dann aufrecht in die Luft. Tatsächlich scheint im Zimmer an dieser Stelle ein leichter Luftzug von links nach rechts zu gehen. Ich habe den Finger sogar gedreht und ihn dann nach unten gehalten, die kühlere Seite war immer die, die nach links schaute. Das Gähnen hört nicht auf (und bei deinen LeserInnen? - der innere Spötter). Vielleicht sollte ich es mit schlafen versuchen.


(21.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4395 Kleiner Ausblick

 



14:21.  Ich sitze im Licht unter der sechslampigen Deckenleuchte, von der nur fünf Glühbirnen brennen. Draußen ist es etwas düster; es schaut immer wieder nach Regen aus, aber bis jetzt ist es trocken geblieben. Vielleicht wandere ich zu Fuß nach Hause. Der Weg von Sievering geht sanft bergab. Momentan ist es windstill. Nur ab und zu ein Auto auf der ansonsten viel befahrenen Straße; die Küchenuhr tickt; der Kühlschrank in der Küche brummt und meine Ohren surren mitten am hellichten Tag (sic! Ich mag dieses Drei-Konsonanten-Anhäufungs-Gesetz nicht! Man kennt sich auch bei zwei aus). Die Thujen bedecken das halbe Wohnzimmerfenster, aber ich sehe noch genug von den baumbestandenen Gärten und das Nebengebäude des Heurigen (wenn ich richtig orientiert bin) und das Grundstück der abgerissenen Flotow-Villa, das jetzt schon lange brach liegt. Die Laubbäume im Südosten (148°) zeichnen sich vorm Hintergrund eines hellen Himmels graphisch so schön ab mit ihren schwarzen Ästen und Zweigen und interessant gewachsenen Stämmen und ihren Misteln, und am Rand dann die Nadelbäume.


(21.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 20. März 2026

4394 Nein! Nicht dorthin!

 



12:04.  Unglaublich, wie schnell ich ermüde. Ich sitze in der Albertina, jetzt zur Erholung vor den geliebten Werefkins. Die vertrauten Bilder und Räume beruhigen mich. Während ein Mann irgendwo im Saal niest, läuft mir ein Schauder über den Rücken. Ich überrede mich, trotz der vielen Menschen noch ein wenig hier zu verweilen und lasse meine Augen über die zwei Bilder der Werefkin gleiten. Ich vertiefe mich in die Details und es ist, als würde davon ein Flash durch mein Bewußtsein gehen. Heute ist es vor allem der Nachtschwärmer, die Bäume machen mich irre. Wahnsinn! So toll! Hier wird heute fast nur französisch gesprochen.


Und nun raste ich bei den zwei Kokoschkas, meine Lieblingsbilder hier (London, Dresden). Meine Erschöpfung ist enorm. Es sind fast nur seine Städtebilder, die mich so stark ansprechen. Ich werde bald gehen müssen, alles ist mir zu viel.


Vorlauter körperlicher Erschöpfung raste ich noch ein wenig im Stiegenhaus bei den Sphinxen (er ist zu müde, um sein übliches Adjektiv depperten bei diesen Figuren anzubringen – der innere Spötter). Langsam bin ich aus dem Ausstellungsräumen geeilt, Klee, Giacometti habe ich gestreift. Mich biegt es brutal zusammen; ich kann meinen Oberkörper nicht gerade halten. Wahrscheinlich bräuchte ich einfach Kaffee. Aber ich verbiete es mir, mein letztes Taschengeld schon heute zur Monatsmitte in einem Kaffeehaus auszugeben, in dem ich wieder eindrucksmäßig überfordert wäre (mein Lieblingscafé spare ich mir auf; hier ist nur eines von den anstrengenden klassischen Wiener Kaffeehäusern in der Nähe. Nein! Nicht dorthin!). Wenn es nur um die Droge geht, kann ich mir auch zu Hause einen Kaffee machen. Jetzt hüpfen sie alle die Stufen zwischen den Sphinxen herunter. Naja, nicht alle. Ich muß raus ins Freie, die Luft hier halte ich nicht mehr aus.


Im Freien auf einer Parkbank vor der Albertina. Ein angenehmes Lüftchen. Werde ich es schaffen, zu Fuß nach Hause zu gehen? Nur wegen meinem Schritt-Zähl-Wahn will ich nicht mit der U-Bahn fahren. Der Wind rollt einen eingerollten Kassenbon über den Asphalt. Sind es die vielen Menschen, die mich anstrengen? Nur ihre Anwesenheit? Oder die feudalen, Macht demonstrierenden Prachtgebäude? Oder die kastrierten, beschnittenen Bäume hier? Was weiß ich! „Ich sehne mich fortzugehen vom Geklapper verbrauchter Lügen, vom Geschrei alter Ängste, das schrecklicher wird, wenn der Tag über die Berge schwindet ins Meer … Ich sehne mich fortzugehen, aber ich fürchte, etwas vom unverbrauchten Leben wird bersten aus alten, am Boden brennenden Lügen, die in der Luft explodieren und mich fast blenden.“ (von Dylan Thomas; in: Carlos Castaneda, Die Kunst des Träumens, Seite 206; Übersetzung: Thomas Lindquist)


(19.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4393 Presslufthammer

 



7:18 a.m.  Heute habe ich der morgendlichen Angst ein Schnippchen geschlagen. Weder weiß ich, wie das zustande gekommen ist, noch, worauf dieses Redewendung zurückgeht. Der Holzrabe am Fenster schaukelt wie verrückt, weil ich das Rollo hochgezogen habe und einen fernen Presslufthammer kann ich auch hören. Die Sonne scheint – nicht in mein Zimmerchen, aber beim Gang aufs Klo konnte ich ihr Licht im Hof auf den Hausfassaden sehen. Durch meinen Oberkörper gehen Wellen, die meinen in die Pölster gelehnten Kopf leicht wackeln lassen und mein Kinn zittern. Ein Staubsauger im Lichtschacht? Klingt so, aber wird wohl woanders sein. Ach ja, damit ich’s nicht vergesse: ich war vorhin ein wenig eingenickt. Und nun der Hubschrauber, von der Verkehrsüberwachung nehme ich an.


(19.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 17. März 2026

4392 Basteln

 



7:49 a.m.  Ich wache mit und in so viel Grauen auf, dass ich mich nicht rühren mag. Das wird aus den verstörenden Träumen kommen, aber auch der neue Tag vor mir kommt nicht mit Freude und Neugier, sondern verhangen und von Sorgen belastet. Auch vor ihm graut mir. Und ich weiß nicht, was ich mit seinen Möglichkeiten anfangen kann. Ich schaffe es dann schon noch heraus aus meiner Lähmung – ich bin noch immer aufgestanden – aber Kraft und Zuversicht schauen anders aus. So blicke ich verloren und mit verschwommenem, unzentrierten Blick auf mein Bücherregal (das ich auch aufgeben und leeren müssen werde), höre dem Knacken der anspringenden Heizung zu und weiß nicht, wozu ich in der Welt bin. Sicher, es ist genug eingeübte Routine da - zum Beispiel werde ich bald zum Frühstück hinuntergehen – sodass ich den Tag irgendwie hinbringe (wobei ich ich nicht nur das Papier, auf dem ich schreibe, quälen werde).

8:38 a.m. Ich bin hinunter gegangen. Ich habe gefrühstückt. Ich habe den Geschirrspüler eingeräumt und in Betrieb gesetzt. Genug Weltumgang, um ein kleines Gleichgewicht herzustellen. So habe ich mich zum Lesen wieder ins Bett gelegt.

11:00 a.m. Ich liege immer noch im Bett. Ich habe keine Lust, irgendwo hinaus zu gehen. Ich wüßte nicht wofür. Das Buch habe ich schon vor einer Viertelstunde weggelegt und dann die Augen geschlossen. Was ich zu sehen bekommen habe war eine gewölbte Fläche aus hauptsächlich roten und braunen Flecken, die sich später in blaue und braune verwandelt haben. Eine interessante, unbekannte, erstaunlich bunte Schicht der Wirklichkeitszwiebel, die noch öfters vor allem die Farbe, weniger die Struktur geändert hat, ohne dass ich mir das alles merken konnte. Beinahe wäre ich wieder eingeschlafen, aber der Harndrang wird mich jetzt endgültig aus dem Bett und ins Bad treiben und irgendwie werde ich mir einen Tag aus den Trümmern meines Lebens basteln müssen.

Wenn ich sage, ich mag nicht mehr kämpfen, heißt das nicht, dass ich aufgegeben habe. Ich halte immer noch schüchtern Ausschau nach seelischer Heilung (… aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.). Ich will nur nicht daran zerbrechen, wenn es nicht gelingt.


(17.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4391 Singen

 



22:23.  Trauer und Schmerz sind sehr stark. Das ist mir nur recht, dass ich das spüren kann, auch wenn ich etwas weinerlich unterwegs bin. Aber dafür kann ich so gut Musik hören (schöner, oder richtiger gesagt: besser wäre es, ich würde den Schmerz selber hinaus singen – aber das geht nicht). Ich werde ein wenig lesen. Das hilft auch.


23:23.  Jetzt ist es richtig Nacht. Und still. Nur der Wind klappert ein wenig mit dem schlecht schließenden Fensterflügel. Ich bin in ratloser Erwartung. Als würde ich auf etwas warten, aber weiß überhaupt nicht, worauf. Und auch nicht, ob es gut oder schlecht für mich ist. Und auch nicht, ob es überhaupt eintritt. Vielleicht war es das schon für heute. Dabei surrt es um meine Ohren ganz aufgeregt und wie im Alarm. Aber mein Kopf ist schwer und müde und neigt sich zur Seite.


Aber ich drehe das Licht nicht ab und lege mich nicht flach. Das schreibe ich jetzt her, weil der Satz vorhin so geklungen hat, als würde ich mich zum Schlafen betten wollen. So war es auch, jedoch mache ich es nicht. Ist es Angst? Eine wahnsinnige und wahnsinnig vertraute Fremdheit umhüllt mich, wie die Erinnerung an tausende vergebliche Abende. Das Klappern der Fensterflügel wird stärker und häufiger und bekommt einen bedrohlichen Touch. Ich kann jetzt den Wind sogar heulen hören. Mein hölzerner Fensterrabe schaukelt im Luftzug, der durch das geschlossene Doppelfenster und das Rollo kommt. Ich sitze so da und kann nicht vor und nicht zurück. Die Welt jedenfalls hat ihr Versprechen nicht eingelöst; der Wind muß mir nun drohen. Ich schreibe jetzt nur, um nicht einfach nur da zu hocken. Vielleicht ist es doch Angst. Es gibt keine Erlösung – so schaut es zumindest aus. Mein altes, schleißiges Second-Hand-Hemd hängt so erbärmlich an der Zimmertür (First Hand war die meines Vaters. Das ist ja auch ein Witz, was ich so alles auftrage). Die Schatten in meinem Zimmer und dort, wo es hinfällt, das Licht sind von bedrohlicher Stummheit. Dabei könnten sie mir etwas Wichtiges sagen.


(16.3.2026)


©Peter Alois Rumpf      März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4390 Schade

 



19:51.  Es ist Nacht geworden. Das Deckenlicht im Zimmer hat diese Farbe, diesen Glanz, der die Nacht anzeigt. Es ist noch nicht die stille Nacht. Der Abend ist noch nah. Das Tagewerk oder sonstwas Ähnliches ist noch nicht vorbei. Mich sucht Trauer heim, aber das macht nichts; ich habe dafür genug Lieder. Ich habe heute auf der Straße geweint (nachdem mir von der Österreichischen Gesundheitskasse von der Honorarrechnung über 5 Therapiesitzungen, für die ich € 250.- bezahlt habe, nur der Rückvergütungssatz einer Therapiestunde von zirka 38.- rückvergütet wurde, und mir deswegen jetzt in der Monatsmitte das Geld ausgegangen ist, und mir an der ÖGK-Stelle Lasallestraße, wo ich persönlich aufgetaucht bin, nicht geholfen werden konnte und ich dann auf die Straße hinausgegangen bin, konnte ich nicht mehr an mich halten und habe geweint), nur kurz, abgehackt, irgendwie hat es für mich unecht geklungen, aber Wasser ist mir aus den Augen geronnen, das kann ich bezeugen. Darüber bin zur Hälfte froh (ganz froh wäre ich, wenn ich ordentlich und nicht verhalten geweint hätte). Mein kleiner innerer Großinquisitor hat mir verächtlich Selbstmitleid vorgeworfen (und da zucke ich sofort schuldbewußt zusammen und schäme mich), aber es ist wirklich schade um mich. Schade, dass ich meine Talente nicht richtig entfalten konnte (und nicht nur, weil ich dann eine höhere Pension hätte!). Damit das klar ist: ich klage nicht. Ich erzähle und beschreibe.


(16.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4389 Staubteilchen

 



23:52.  Die Staubteilchen – ich nehme an, hauptsächlich Abrieb vom Bettzeug – fliegen nur so durch die Luft und queren den Lichtkegel der Leselampe vor meinem Gesicht. Alle von links nach rechts, als herrschte in meiner Kemenate eine heimliche Drift. Ich habe mich schon zu Bett begeben und will zur Ruhe kommen und da begegnet mir meistens die Trauer. Nicht, dass ich unglücklich wäre; einfach eine Trauer, ohne konkreten Anlass oder Anhaltspunkt. Diese Trauer habe ich ganz gern. Wie schon öfters gesagt: ich finde sie angemessen.


(15.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März   2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4388 Aus der Traum

 



8:29 a.m.  Aus der Traum! An den ich mich gar nicht erinnern kann. Aber noch richtig verschlafen bin ich. Übrigens: der Traum vom Reichtum hat sich – wie zu erwarten – nicht erfüllt. Es geht dabei darum, ab und zu dem Schicksal die Chance zu geben, mir Wohlstand zu schenken, wenn es das will (dass es mir nicht so geht wie in dem herrlichen jüdischen Witz, wo der Junge und dann Mann täglich sein ganzes Leben lang Gott um einen Lottogewinn bittet, und wo dann zu seinem achtzigsten Geburtstag vom Himmel eine Stimme erschallt: „NN, gib mir eine Chance! Kauf dir endlich ein Los!“). Aber so viel ich über die Gesetze des Universums weiß – und ich weiß nicht viel – ist das nicht drin. Das Schicksal läßt sich nicht anbetteln.


14:04.  Der Wind treibt das Licht vorm Fenster auf und ab und ein Lachen bei der offenen Tür herein. Die unglaublich hohen Fichten wanken schon unheimlich hin und her. Schlank sind sie, ihre Äste sind nicht weit ausgestreckt, so eng stehen sie beisammen, wie eine statische, aber wankende Armee. Dort drüben sehe ich viele Misteln in den kahlen Laubbäumen. Oder sind diese „Fichten“ von vorhin in Wirklichkeit Tannen? Ich merke mir nie den Unterschied, obwohl ich den schon oft nachgelesen habe. Sonst weiß ich jetzt nichts zu schreiben. Ein bißchen verloren sitze ich da. Eh angenehm, denn ich bin müde. Mein Bewußtsein plätschert so dahin, nimmt nur schlampig auf, was rundherum passiert, registriert so ungefähr die sich bewegenden Lichtflecken auf dem Tisch, streift gelangweilt nochmals die Fichten-Tannen-Frage und läßt sie wieder fallen. Jetzt hat mein Bewußtsein doch zugegriffen und meinem Körper den Befehl erteilt, am Handy im Internet den Unterschied Fichte-Tanne nachzuschauen, aber ich weiß es noch immer nicht. Die Bilder sind mir nicht deutlich genug (Zeichnungen wären klarer als Fotos. Der Fehler der Realitätsfanatiker). Egal.


(14.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 13. März 2026

4387 Die Sonn’ im Nacken

 



10:19 a.m.  Die Sonne im Nacken (wirft genau an die jeweilige Stellen, wo ich mit dem Pilotstift schreibe, einen Schatten auf das Papier). (Die Sonne wirft die Schatten? - der innere Spötter.)

10:51 a.m.  (Ist diese Uhrzeitmanie nicht schon etwas peinlich? - der innere Spötter.) Naja, ich weiß nicht. Es ist schon auch eine Information, die das Verstehen fördern könnte. Zumindest die, ob es Morgen, Mittag, Abend oder Nacht ist. Nun habe ich ein wenig mit der Lokalchefin geplaudert. Über Krankheiten, wie es sich für einen alten Mann geziemet. In Linz müßte man sein. (Er will diesen Einschub nicht erklären; diesmal weiß er jedoch, warum er drauf gekommen ist – der innere Spötter.) Also gut: aus einem Lokalgespräch Linz aufgeschnappt. Mehr sage ich nicht. Ich kann mich schwer konzentrieren. Ein lautes Gespräch im fast leeren Lokal (alle sitzen draußen) kann sehr ablenkend sein. Oder zu etwas hinführen, was man anschauen sollte. Alkoholismus z.B., Parkinson z.B., Demenz z.B.. Freitag der Dreizehnte ist heute. Das ändert nichts daran, dass mir deutlich wird, wie sehr ich weg vom Fenster bin. Vom Leben. Das Leben spielt sich weit weg von mir ab. Okay. So ist es. (Oder falle ich auf etwas herein? Ich bin so leicht zu beeindrucken.) Bestimmung oder nicht. Okay. Okay, okay, okay (die eigentliche Frage wäre: ist das Leben weit weg von ihm, oder er vom Leben? Beziehungsweise: läßt er das Leben, das ihn umgibt, nicht an sich heran? - der innere Spötter.) Ich trinke aus und werde heimgehen (dort wo auch Leben zu Hause ist).


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4386 Hecke

 



6:50 a.m.  Wie so oft: ich wache friedlich in angenehmer Wärme unter der Bettdecke auf. Leichte, ganz leichte Kreuzschmerzen (die vergehen werden, wenn ich mich wieder bewegen werde). So liege ich da, noch ganz ohne Gedanken, ohne Bilder, ohne Plan. Und da, plötzlich, fährt eine Angst ein, eine Panik wie aus dem Nichts. Mit nichts verbunden, ohne Bild, ohne Idee, ohne Begriffe. Ich kann nicht sagen: mir ist dies oder das eingefallen, und da ist die Angst gekommen. Nein, und trotzdem muß etwas wach geworden sein. Vielleicht bin ich mir – noch ohne Bilder oder Gedanken, sozusagen verzippt – meiner und meines Lebens bewußt geworden und davon schockiert. Die Begegnung mit dem Destillat meines Lebens. Dass mein Bewußtsein sich in diesem Moment an seinen Inhalt (mein Leben, meine Erfahrungen, meinen Status quo) erinnert. Wie gesagt: keine Bilder, keine einzelnen, konkreten Inhalte, keine Sätze, sondern die Quintessenz. Ja, es ist ein Erschrecken, ein Schock, was solch eine Angst auslöst. Das sitzt nicht nur im Geist, es sitzt auch im Körper; im Leib, und wacht – ein wenig verzögert – mit den Bewußtsein auf. Schreiben ist übrigens eine Technik, diese namenlose, große, überwältigende Angst – nun ja: in den Griff zu bekommen wäre übertrieben, sagen wir: um sie einzuhegen. Freilich weiß man, dass das bloß ein Trick ist, der im letzten, entscheidenden Moment, wenn die schützende Hecke dem Ansturm nicht mehr standhält, nicht funktionieren wird.


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4385 Weinerlich

 



23:42.  Jetzt bewegt sich nichts. Nur kurz verrutscht mein Notizbuch auf der Bettdecke über meinen angezogenen Beinen und der Pilotstift, den meine rechte Hand über das Papier führt, und manchmal ist es ein tiefer Atemzug, der meinen Bauch und damit die Bettdecke darüber anhebt. Aber sonst bewegt sich nichts. Heute hätte ich gerne geweint, aber das geht nicht; ich nehme es wohl nicht echt und ernst genug. Aber müde und erschöpft sind meine Augen schon und – wenn man das so sagen kann – weinerlich. Ich vertiefe mich ein wenig in die Mechanik meiner Schreibtischlampe vor meiner Nase, die ich als Leselicht neben dem Bett installiert habe. Nur so, ohne Grund, höchstens aus ein wenig verlegener Neugier. Aber ich bin einfach zu müde.


(12.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4384 So früh

 



7:04 a.m.  So früh beim Zahnarzt! Im Warteraum (= der Flur). Boah! Ich bin noch nicht ganz wach. Träume ich? Nein, nein, diese Fremdheit da ist schon die Realität. Ich bin zu früh hier, vor lauter Angst, zu spät zu kommen und den Termin zu versäumen. Noch kein Alltagsgerede stabilisiert das Ganze da; alle sitzen stumm herum. Im Gegenteil: die sanften Geräusche der Lüftung oder Heizung – was weiß ich, was das ist – wollen mich wieder abziehen und wegtragen. Sehr verführerisch! Mein Blick bleibt am Schild Desinfektion hängen, mit dem Symbolbild einer nach oben geöffneten Hand, auf die drei Tropfen Flüssigkeit fallen. In einem angenehmen, dunklen Blau gehalten.

Ui! Jetzt geht der Bildschirm los! Das ist unangenehm; viel zu aufdringlich, entweder kindische Comics oder von glatter, geschleckter, medizinischer Scheißästhetik. Obwohl ich gerade gegenüber sitze - wäre der Bildschirm bei der Platzwahl schon gelaufen, hätte ich mich so gesetzt, dass ich ihn nicht sehen kann – versuche ich nicht hinzuschauen. Der Sog der bewegten Bilder ist freilich groß. Den Sitzplatz wechsle ich nicht.


(12.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4383 Schon

 



22:35.  Schon im Bett. Erschöpft. Okay.


(10.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 10. März 2026

4382 Fröhlich

 



9:27 a.m.  Mein Lichtengel ist immer noch einflügelig (eine Lampe ist ausgefallen), aber das wird kompensiert durch ein unglaublich schönes Schattenmuster darüber, vermutlich von der Beschriftung und Bebilderung der lokalen Fensterscheibe. Der Kaffee ist schon da und ich nehme den ersten Schluck. Eine unglaubliche Fröhlichkeit hat mich ergriffen und hereingeweht, fast hüpfend bin ich ins Espresso Burggasse eingelaufen (wahrscheinlich weil er gestern auf ein paar Lottotipps gesetzt hat und jetzt davon träumt, seine finanziellen Sorgen los zu sein und sich bald ein großes Atelier, ein Haus am Land und das Österreichticket plus Absteigen in Hotels leisten zu können. Dabei übersieht er, welche Sorgen ihm der Reichtum bringen würde. Voller Illusionen glaubt er, dem Sog dazu widerstehen zu können – der innere Spötter). Wurscht. Jetzt bin ich fröhlich; auch in der Vorfreude aufs bereits bestellte Breakfast d’anglais. Da kommt es schon.


10:42 a.m.  Jetzt sind die schönen Schatten beim halben Lichtengel weg. Der eine Flügel leuchtet nun deutlicher. Die Tischlampe am Wandbord daneben, die mit dem großen Schirm oben am Kopf sozusagen (Melania Trump assoziiert), strahlt – im Gegensatz zu der in den Klammern – erhaben und majestätisch. Ich fürchte mich ein bisschen vorm soeben bestellten dritten Cappuccino; werde ich das aushalten? Noch dazu, wo ich eine Wanderung vom Denepark zu den Steinhofgründen hinauf vorhabe? Werden das mein Herz und mein Knie aushalten? Der melodische Rhythmus aus den Boxen sickert angenehm ein. Jetzt kommt die weibliche, leicht soulige Stimme dazu. Eine Art Ernüchterung und Entmystifizierung tritt stimmungs- und wahrnehmungsmäßig ein. Und so eine Art seelische Müdigkeit. Jetzt machen die Boxen ladinomäßig weiter. Die Welt ist alles, was der Fall ist. Hoffentlich fällt sie nicht zu tief! (Traktiere die Leut’ nicht mit pseudophilosophisch angehauchten, sich literarisch gebenden unlustigen Scherzen – der innere Spötter.) Ich bin ein alter Mann, denke ich, weil mich eine eintretende junge Frau kurz anlächelt, und ich bin auch hier im Lokal nichts, weder Inhaber, noch offizieller, pragmatisierter, aktenkundiger und amtlich registrierter Stammkunde, sondern – so mein Feeling – einer auf Widerruf, kein Platzhirsch (dessen Überreste hängen hoch über dem Fenster in der Nische); ich darf gar nicht stellvertretend oder repräsentativ für die Gäste hier den Gruß erwidern, nur weil ich nahe bei der Eingangstür sitze, denn dazu habe ich kein Mandat! Wenn das geklärt ist, könnte ich einfach so den Gruß erwidern und zurücklächeln, aber dafür ist es längst zu spät. Jetzt sind wir wieder beim Soul. Auf meinem Nacken spielt sich etwas ab; ich kann es nicht benennen, aber gerade noch fühlen. Nur so schaue ich auf mein Handy; ich habe nicht wirklich erwartet, dass dort eine Botschaft abgelegt ist. Ich denke, ich werde bald meine Wanderung antreten, bevor es zu spät ist. Weil ich für meine letzten Schlucke Kaffee, die ich noch genießen will, mein Schreibzeug und die Brille abgelegt und meine Hände ganz profan auf dem Kaffeehaustisch abgestützt gefaltet habe, um meinen Kopf kurz darauf aufzulegen, habe ich – als ich merke, dass ich unabsichtlich in eine Gebetshaltung geraten bin – tatsächlich zu beten begonnen. Ich weiß selber nie, ob ich das ernst meine oder nicht.


12:29.  Vom Rande der Steinhofgründe blicke ich auf die Berge des Wienerwaldes im Süden (eigentlich 244° SW) (und von hier aus sind sie ihm zu groß, um sie noch z’fleiß Hügel zu nennen – der innere Spötter), während mich im Nacken ein kühles Lüftchen anweht und ich nicht weiß, ob das unangenehme Folgen haben wird. Der Ausblick jedenfalls ist wunderbar, und die Rufe der Krähen, selbst das ferne Baggergeräusch geht. Das ausgebreitete, aber von hier aus nicht wirklich einsichtige Rosental mit seinen Hangsiedlungen erscheint mir im leicht verschleierten Sonnenlicht elegisch, die einzelnen Häuser mehr oder weniger gelungene Manifestationen der menschlichen Tüchtigkeit, in ihrer Ansammlung vielleicht nur aus der Distanz (Luftlinie ein Kilometer?) erträglich. Diese Wienerwaldhügel, wie sie sich da wölben und senken, versprechen etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, und von dem ich nicht glaube, dass sie es einhalten können. Vielleicht Fernweh nach Süden, oder überhaupt nach der Unendlichkeit. In dieser Jahreszeit erinnern mich die gerade erst grünenden und stellenweise noch braunen Wiesen und Leiten an die Osterbesuche meiner Kindheit bei den Großeltern auf der Buchau. Die Bäume noch ohne Laub, aber der Frühling ist schon gestartet (obwohl es das auch mit Schnee gegeben hat). Hier die Flugzeuge und Krähen. Dunst in den Tälern zwischen den Hügeln. Irgendwo eine Motorsense (wenn ich das Geräusch richtig deute. Auf der Buchau hat noch mein Großvater händisch gemäht und gedengelt).

Ich wollte zeichnen. Wirklich blöd, dass ich den Bleistift vergessen habe. Eine kleine Zeichnung mit Kugelschreiber. Mehr traue ich mich nicht, weil mich sofort eine große Aufregung, fast Panik erfaßt. Als verletzte ich ein strenges Tabu. So sitze ich einfach in der Sonne und schaue dem kleinen Wind zu, wie er noch ein paar braune Blätter aus dem Gras hebt und herumtreibt. Ist diese Pflanze dort, die sich da herüberbiegt und im Wind ständig schaukelt, wirklich ein einzelnes, dürres Schilfrohr? Passt wohl nicht hierher an diese trockene Stelle, aber nicht allzu weit gibt es einen kleinen Teich.

Soll ich den Berg weiter hinauf gehen? Dort oben war ich schon jahrelang nicht mehr. Schaffen ich, mein Knie und mein Herz das? Wie heißt es dort oben? Zu den drei Eichen? (Kreuzeichenwiese – der Tipper).

Ich bilde mir ein, man sieht es älteren und alten Männern an, wenn sie auch nur ein einigermaßen erfolgreiches Berufsleben hinter sich haben (und umgekehrt). Wegen der zwei Passanten; nicht nur Kleidung und Stil, auch Gesichtsausdruck, Auftreten und Gesprächsselbstverständlichkeit. Zur Strafe wandere ich jetzt wirklich den steilen Berg hinauf.


13:43.  Der Weg durch den braunen, braunen, braunen Wald. Lediglich ein paar Efeus, Gundelreben und irgendein Strauch tüpfeln ein wenig grün. Und an manchen Stellen Bärlauch und ein paar andere, die ich nicht kenne. (Und das Moos auf den Baumrinden – der innere Korrektor.) Hier ist es windstill. Erst beim „Einstieg“ zum letzten Aufstieg weht mir der frisch aufgekommene Wind einige Blätter quer über den Weg, als würde er mich vom Weitergehen abhalten wollen. Aber nachdem ich diese Grenze überschritten habe, bläst ein anderer Wind unzählige Blätter neben mir her, als würde mich ein ganzes Schippel lebhafter Kinder auf meiner Wanderung begleiten, oder kleine, freundliche Geister, die sich freuen, neben her zu rennen. Bin ich nun in das Revier eines anderen magischen Herrschers eingetreten, der nichts dagegen hat, dass ich sein Gebiet durchwandere? Oder? Es wird wieder windstill; nur vereinzelt dreht ein leichtes Lüftchen einzelne Blätter vor mir um, wie um ein Orakel aufzuschlagen oder mich unbedingt die Rückseite und das Kleingedruckte lesen zu lassen. Aber ich kann das nicht lesen. Der letzte Aufstieg war dann kürzer, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Oben am Plateau rennen und spielen die Hunde. Ein großes Flugzeug fliegt auf Schwechat zu, das nächste grollt schon heran, dann das nächste, und wieder das nächste …

Nach kurzer Zeit werde ich wieder in die Niederungen der Dualität hinunterwandern. That’s it. Die erste Biene des Jahres. Vermutlich eine der einzeln lebenden. Ich überlasse ihr eines der Zuckerwürfelstückchen, die ich zur Behandlung von Bienen- oder Wespenstichen bei mir trage.


(10.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 9. März 2026

4381 Die Hereinkommenden

 



13:10.  Heute hebt der abgemagerte Asket draußen auf der Schwarzspanierstraße seine weggehungerten Hände beschwichtigend, als würde er mir empfehlen, es nicht zu übertreiben, aber was? Außerdem mißtraue ich Asketen (was nicht heißen soll, dass ich ihnen nicht auf den Leimgehen kann. Den Genußmenschen übrigens auch. Überhaupt allen, die nach Vorstellungen leben). Die Sonne scheint klar und nahezu ungetrübt und der Wind rüttelt den Säulenheilgen ein wenig hin und her (Auflösung des Asketen-Säulenheiligen-Rätsel unter Nummer 4373 Die Steckdose hier auf/in der Schublade). (Er mag nicht in jedem Text alles erklären – der innere Spötter.) Ein viel zu großes Kuchenstück habe ich gegessen. Solche Bestellungen sind absolute Ausnahmen. Die Leute, die hereinkommen, bewegen sich im Gegenlicht der starken Abstrahlung der Sonnenlichtflecken auf den Fensternischen (Naja, schon auch vom Licht, das schlicht und einfach und direkt bei den Fenstern hereinkommt – der innere Korrektor).

Der Asket wackelt immer noch auf der Stange. Weil ich gestern mit family hier gebruncht habe, sitze ich heute viel entspannter hier – sozusagen bürgerlich bewährt (obwohl er das alles gar nicht bezahlt hat – der innere Spötter). Ich wäre schon gern wohlhabend (schlecht geht es dir aber nicht! - der innere Korrektor), aber vielleicht würde ich das gar nicht derpacken. Meine armen Kinder erben hald (sic!) nichts. Sie haben nichts davon, dass es bei uns in Österreich keine Erbschaftssteuer gibt. Die Leute im Lokal werden von meinem Platz aus gesehen alle von hinten beleuchtet, sodaß ich ihre Gesichter kaum erkennen kann (das hat er mit Gegenlicht gemeint – der innere Spötter). Übrigens: bei den Hereinkommenden werden immer zuerst ihre Schatten am aufgezogenen Türvorhang sichtbar. Die Stunde der Psychotherapie naht. Langsam sollte ich an schnelleres Austrinken denken. Der Säulenheilige wackelt richtig wild; mindestens fünf Zentimeter hin und her oben bei seinem Schrumpfköpfchen. Ich vermeine in seinem „Gesicht“ (in Wirklichkeit ist der „Kopf“ nur der Knopf oben an der Spitze des nicht aufgespannten Sonnenschirms) den Blick himmelwärts gerichtet zu sehen. Weil ich das Ding spaßeshalber gegen den Strich als Heiligenfigur umdeute, oder weil Farb- und Lichtflecken am Knopf tatsächlich ein Gesicht mit Blick suggerieren?


(9.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4380 Bellevue

 



14:24.  Start in Grinzing Richtung Bellevuehöhe. Schattig und steil im ersten Abschnitt. Den Pliëntensattel werde ich nicht mehr schaffen. Und fast die ganze Strecke aufgegraben und mit Planken abgedeckt. Ich muß rasten; lang zögere ich es hinaus, doch dann muß ich verschnaufen. Kurz; länger erlaube ich es mir nicht. Es geht in den flacheren und sonnigeren Abschnitt. Es ist ja ein herrlicher Tag. Dann wird es wieder etwas steiler. Der Drache Sauseblut. Prinzessin. Nein. Doch Prinzessin! Jetzt glaube ich, mich zu erinnern. Ich hatte nie richtig zugehört, wenn meine Frau mit dem Erzählen dieser Sage die müden Kinder auf unseren Wanderungen abgelenkt und weitergelockt hat. Drache Sauseblut murmle ich vor mich hin, aber meine Frau lacht nur und beginnt nicht, die Geschichte zu erzählen. Sie ist fitter als ich. Er wird noch steiler. Der letzte Abschnitt durch den Wald ist nicht so schattig, wie ich es erwartet hatte, weil die Bäume noch kein Laub tragen. Am asphaltierten Weg liegen vereinzelt, aber doch einige violette Blüten. Vermutlich hat ein Kind gespielt. Und/oder Fronleichnam Preparación. Der Parkplatz oben ist komplett voll. Die letzten paar Schritte die letzte Kuppe zur Wiese hinauf gehe in betont langsam und feierlich (ein wenig tut er beschönigen; er derschnauft es kaum noch – der innere Spötter). Und dann dieser unglaubliche Ausblick auf die Stadt, wie er Schritt für Schritt in die Sichtbarkeit aufsteigt. Die Bellevue ist der schönste Platz von Wien. Der schönste Ausblick, wie die Stadt dort unten ausgebreitet liegt, nicht zu weit weg, nicht zu nah. Und der rechteckige Platz selbst ist so schön, hier, wo einmal dieses Stasirestaurant mit den unfreundlichen Stasikellnern gestanden ist, gottseidank schon längst abgerissen und vollständig verschwunden, aber der Platz, nun eine Wiese, noch von den Bäumen eingesäumt. Die Lagerwiese jenseits dieses Rechtecks, die sich so sanft und schön zum nächst gelegenen Weingarten Richtung Stadt absenkt, ist auch so schön und einladend. Die Stadt selbst unten in leichtem Dunst, aber der Stephansdom zum Beispiel ist leicht zu finden. Rechts die von hier aus geheimnisvoll und verschlossen wirkenden Hügel des Wienerwaldes. Ein deutlicher Wind geht, trotz des warmen Wetters etwas zu kühl für meinen Geschmack, aber schön ist es hier. Wirklich schön (wen es interessiert: ich vermute einen Mond-Venus-Platz; auf meiner astrologischen Karte würde auch eine Mond-Venus-Achse durchgehen). Der Wind wird doch unangenehm. Wir brechen auf, um auf der Sieveringer Seite hinunter zu gehen.


(8.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 6. März 2026

4379 Vor meinen müden Augen

 



23:08.  Vor meinen müden Augen verwandelt sich die Hafenstraße von Mali Lošinj in ein Tier, einem Eisbären ähnlich aber nicht gleich, das Beute mit dem Maul geschnappt hat und aus dem Meer zieht. Rettenschoess versinkt rechts in ein finsteres Loch. Veli Lošinj scheint jetzt stabil, aber das ändert nichts daran, dass es wie immer schon langsam von der aus dem Hintergrund heranwallenden reinen Energie aufgelöst wird, wenn man genau hinschaut. Ach, diese schöne Stille hier in meiner Kemenate! Sie wird nicht einmal von meiner Unzulänglichkeit vertrieben.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4378 Nicht ausgetrunken

 



9:45 a.m.  Der Lichtengel ist heute nur einflügelig. Und das Hergehen ohne Frühstück und mit leerem Magen wäre aufregender gewesen: das Hohle in der Leibesmitte zöge deutlicher ans Ziel und erzeugete eine größere Vorfreude, so, dass ich dann regelrecht jubelnd ins Espresso Burggasse geeilt wäre.

10:55 a.m.  Heute sitze ich so, dass ich direkt auf und durch die Fensterfront und weiter auf die Burggasse schaue. Wie auf einer Bühne des Lebens tauchen Gestalten und Gesichter auf und verschwinden meist wieder und ich sitze da und schaue ihnen bei alter Musik aus den Sechzigerjahren zu. Plötzlich heult alles andere übertönend und verdrängend ein Kranken- oder Polizeiwagen vorbei. Nur kurz, dann ist der Status quo ante (anscheinend) wieder hergestellt (er hat auch erst im Fremdwörterbuch nachschauen müssen, wie das genau heißt – der innere Spötter). Aber das ist nichts Neues. C’est la vie! (und der Tod). Ich betrachte die schöne Rinde der Platane draußen. Manche Passanten gehen nicht vorbei, sondern kehren in den wieder geöffneten Schanigarten ein. Manche Passanten werfen im Vorbeigehen einen Blick ins Lokal herein. Heute ist viel los hier. Ich breche jetzt auf. Oh! Ich habe noch gar nicht ganz ausgetrunken.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4377 Lesen

 



0:57 a.m.  Die Lektüre von Dimitré Dinevs Zeit der Mutigen berührt mich sehr. Ganz benommen bin ich vom Lesen (der innere Spötter wollte schon kommentieren „obwohl er nicht mutig ist“, aber ich habe es ihm verboten). (Weil dann offensichtlich geworden wäre, dass ihn das Buch so berührt, weil er nicht mutig ist; also sich die beschriebenen Abenteuer ausleihen will – der innere Spötter.) Lassen wir das. Ich liebe diese Stimmung, wenn ich aus einer tiefen lesenden Versunkenheit auftauche; selbst das Surren in den Ohren ist von den „empfangenen“ Bildern und Worten beeinflußt und die Luft rundherum sowieso.

Ich blicke auf den Holzraben am Fenster und verschwommen, wie ich wegen der Lesebrille wahrnehme, erscheint er mir fast lebendig und ich meine, ein Vibrieren durch seinen Körper laufen zu sehen, auch ganz leichtes Flügelschlagen, das ihn im Gleitflug hält, und immer wieder ein weißlich-hellgelbe Aura um seine Gestalt herum.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4376 Ein Hammer

 



16:50.  So! Jetzt noch der vierte Arzttermin innert vier Werktagen. Jetzt muß wieder a ruah sein! Schnell noch den ersten Kaffee des Tages bei einer U-Bahnstation. Hektisches Ambiente, aber der Kaffee ist gut. Wirklich gut. Jaaaa, wie meine schon aufgekratzten Nerven sich jetzt … ja was? beruhigen? Vorerst ja. Ein Kind schreit und Kommissarin Schnell lächelt von der Straßenbahn her (Kommissare gibt es in Österreich so nicht! - der Besserwisser). Es ist zu befürchten, dass dieser medizinische Termin einen weiteren nach sich ziehen wird. Aber der Kaffee ist richtig gut. Anruf von REM. Die Präsentation der REM-Buches wird ein Hammer!


(4.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 4. März 2026

4375 Das Nichts

 



23:44.  Ich habe im Bett gelesen und hocke jetzt da vor dem Nichts und gaffe es an. Nein, kein schreckliches Nichts, nicht das große Nichts und nicht die Leere zwischen den Teilchen, nein, ein Nichts, das aus nichts anderem besteht, als dass ich nun nichts zu tun habe, morgen nicht früh raus muß, keine allzu großen Vorhaben erledigen muß, noch nicht ganz müde bin und eigentlich ganz zufrieden. Darum ist es ein angenehmes Nichts. Und still ist es auch um diese Zeit in meiner Kemenate. Dieses Nichts ist so angenehm, dass ich gerne darin verweile.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 3. März 2026

4374 Proskynese

 



11:17 a.m.  Jetzt im Leo (wir im Ennstal haben als Kinder zum Asylstein die Bande gesagt, vielleicht eine Verballhornung von Bahne?), aber auch hier kann ich keine aktuellen Zeitungen finden. Und der Leo-Artikel im Falter ist im hiesigen Exemplar ausgeschnitten und fehlt (weil er an der Wand hängt, was ich aber nicht gesehen hatte). Ganz hoch an der Wand – ich könnte sie nicht derglangen - hängt eine Kinderjacke. Musik und Einrichtung sprechen mich an. Auch hier eine abgescherte, aber nicht übertünchte Decke, was ich meist mag. Auch die hohen Fenster zur Leopoldsgasse hin gefallen mir. Die Vorbeieilenden - einer schleppt ein großes Trumm, anscheinend nicht allzu schwer – wirken wirklich alle in Eile; vielleicht doch nur ein verdrehter Dopplereffekt aus der Perspektive eines Sitzenden. Die Sonne kommt jetzt durch und beleuchtet die Glatze eines Passanten, sodass sie glänzt. Ich finde – im Moment – die Stadt schön (obwohl gerade ein schwarzer Hund sein Frauchen vorbeizieht und mir die verschissenen Trottoirs einfallen). Ein tiefes Saxophon als Intro der aktuellen, mir unbekannten Nummer aus den Boxen. Ich lächle in mich hinein – was man schon auch außen sehen könnte – weil ich mir gerade einen schönen Dialog hier im Leo über die Etymologie von Bahne/Bande und andere mit der Autorin des Falterartikels über Leo ausdenke. Whow! Gerade kommt sie wirklich und in echt bei der Tür herein! Ein Wunder! Aber ich traue mich nicht, sie anzusprechen (erstens: bin ich mir nicht hundert prozentig sicher, ob die hereingekommene Dame wirklich Frau Dusl (korrekter Name nachträglich recherchiert – der Tipper) ist; zweitens: überhaupt, vielleicht fühlte sie sich belästigt). Jetzt bin ich im Stress: ansprechen oder nicht? Wenn ich sie schon herbeiphantasiert habe! (jetzt glaubt er, er ist ein Wundertäter! - der innere Spötter.) Ein richtiges Abenteuer (bis jetzt nur im Kopf – der innere Spötter)! (Außerdem: wie nennt man das? Namedropping? - der innere Spötter.) (Bis jetzt ist ja nichts geschehen. Aber eine Etymologieexpertin!) Jetzt müßte ich noch herbeizaubern, dass jemand sie mit Namen anspricht, damit ich sicher bin (weil: ihren Namen habe ich, wie ich feststelle, nur undeutlich und schlampig, möglicherweise entstellt abgespeichert). Wie so oft traue ich mich nicht hinaus aus meinem Innenleben. Und wenn ich es doch versuche? Aber was sage ich? Dass wir im Ennstal - zum Wienerischen Leo - die Bande gesagt haben? Ist das nicht ein wenig mickrig?

Erst bei meinem Aufbruch und im Hinausgehen habe ich mich getraut, sie anzusprechen; sozusagen unmittelbar vor der Flucht aus dem Asyl. Und sie hat gelächelt! Ich bin high! Mein Glück kennt keine Grenzen, so eine schöne Proskynese (griechisch: Kniefall, liegende oder knieende Ehrenbezeugung; wörtlich: Anhündelung)!


13:02.  Natürlich denke ich mir jetzt: „was für ein unnötiger, peinlicher Auftritt! Ich habe mich nicht einmal vorgestellt. Außerdem hat sie gerade das aufgeschlagene Frühstücksei essen wollen und das ist durch mein Gequassel sicherlich zu sehr ausgekühlt.“ Wurscht! Ich muß trotzdem lachen. Dass ich mich zum Deppen mache, kenne ich schon und schreckt mich nicht mehr wirklich.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4373 Die Steckdose

 



9:44 a.m.  Vielleicht geht schreiben im (Welt)Café besser. Nein, geht nicht besser.


Nach dem Frühstück: besser? Bis jetzt nicht. Ist meine Schreiberlingsphase vorbei? Der eingerollte Sonnenschirm draußen im Schanigarten auf der Schwarzspanierstraße wirkt wie eine schmale Skulptur (Schau! Geht doch! - der innere Spötter). Gut, jetzt heißt’s einfach sitzen bleiben. Ich schlage die Beine übereinander (Vorbild: Walther von der Vogelweide – der innere Spötter), was den Schreibmodus fördert und stabilisiert. (Nach diesem beschissenen Psychiater muß ich alles neu lernen beziehungsweise neu aufrufen. Wobei ich oft nicht weiß, was ich da noch abgespeichert hatte.) Die Frühstücksspeisekarte habe ich schon fotografiert, eventuell für das Geburtstagsfrühstück mit meinen Töchtern. Die Bilder an der Wand Sch… - ich suche dennoch schöne Stellen. Die Steckdose gegenüber fällt mir wieder ein – sie ist frei, aber zeitweise durch den Kopf der jungen Frau verdeckt; also Augenkontakt mit ihr – der Steckdose – ist heute nicht möglich. Jetzt kurz doch: sie – die Steckdose – blickt still, ruhig und stabil zurück. Ein Schluck vom Kaffee. Die Frage, wie lange die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auch hier bei uns einigermaßen stabil und friedlich bleiben, stellt sich doch auch in meine Kaffeehausidylle herein. Der zusammengeklappte Schirm draußen – von grauer Farbe – wirkt tatsächlich mit dem kleinen, runden Knopf oben wie eine Karikatur einer barocken Heiligenfigur à la Dreifaltigkeitsbrunnen. Irgend so ein geschrumpfter, abgemagerter Asket, die Arme hat er sich schon weggehungert, aber noch steht er aufrecht und der Faltenwurf ist sehr überzeugend. Sein ovaler Heiligenschein – eine Lampenspiegelung im Fensterglas – verfehlt jedoch deutlich sein Schrumpfköpfchen. Aber obwohl die Arme fehlen, kann man am Faltenwurf seines Gewandes seine Arme und seine betenden, flehenden oder segnenden Hände erahnen. Wirklich! (Das Foto davon ist nichts geworden, entweder bin ich zu nahe, dann entsteht der Heiligeneffekt nicht, oder ich bin zu weit weg, dann schafft es die „Figur“ nicht in die fotografische Sichtbarkeit – der Autor.) Ob die fehlenden Arme auch noch Kraft hätten, weiß ich nicht. Ich muß seit Tagen an den Hauptquälgeist meiner Kindheit, den Hackl Sepp denken; soll schon länger tot sein. Wie schon betont: sitzen bleiben ist angesagt. Oder wo könnte ich hingehen? Hier gibt es keine gescheiten Zeitungen. Ich werde sehr unruhig.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4372 Achtung Sarkasmus

 



8:37 a.m.  Das Düdeln meines Handys jagt eine kleine Schockwelle über meinen ruhenden Körper. Die Message selbst holt mich etwas näher an die Alltagswelt heran. Dazwischen sind mindestens zehn Minuten verstrichen, in denen ich mit mir ringen mußte, das Handy in die Hand zu nehmen und die Botschaft zu lesen, und dann wieder, um nach dem Notizbuch zu greifen und es aufzuschreiben, denn dieser Impuls war tagelang schon komplett weg und folgerichtig fühlt sich mein Schreiben wie eine groteske, überdrehte Anmaßung gegenüber der Welt an, sodass ich gleich wieder aufhöre, denn mir fehlt zum und dennoch! die Kraft. Und ich habe ein Unbehagen, mich damit zu versündigen. Danke, Herr Psychiater! (Achtung Sarkasmus!)


(28.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4371 Fliegt vorbei

 



10:36 a.m.  El cóndor pasa aus den Boxen. Seit Tagen wieder einmal zum Notizbuch gegriffen, weil der Kondor vorbei geflogen ist.


(24.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com