Dienstag, 24. März 2026

4398 Die Wanderung

 



Ich liebe es immer mehr, durch die Stadt zu wandern; diesmal habe ich von meinem Lieblingscafé Espresso Burggasse nach Hause einen großen Umweg gewählt, und mir war nicht richtig bewußt, dass ich da durch Gegenden gehe, mit denen ich früher viel zu tun hatte. So ist es eine Wanderung durch meine Vergangenheit geworden.

Hier der siebente Bezirk – da habe ich gewohnt, ich werfe einen Blick auf meine ehemaligen Fenster. Hinter dem Häuserblock da hat damals meine Geliebte gewohnt und da vorne war (ist) die Bluebox, mein täglich besuchtes Lieblingslokal zu dieser Zeit (Achzigerjahre). Und die vielen Künstler-Wohngemeinschaften, hauptsächlich von TirolerInnen, wo ich fast immer jemanden zufällig getroffen habe oder mir jemand von einem Fenster zugewunken hat, wenn ich die Neubaugasse oder Nebengassen entlang gegangen bin.

Und jetzt komme ich in den sechsten Bezirk. Hier habe ich jahrelang bei meiner damaligen Freundin gewohnt (auch hier werfe ich einen Blick auf ihre ehemaligen Fenster hoch oben über der Gumpendorferstraße mit dem weiten Ausblick nach Süden) und hier habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet. Viele Erinnerungen und Szenen wehen mich an. (Wird das das große Abschiednehmen? - der innere Spötter.)

Ich überschreite den Wienfluß und damit die Grenze zum fünften Bezirk und wandere die Pilgramgasse hinauf zur Margarethenstraße. Da hat ein langjähriger Freund und mein Trauzeuge seine Firma, und wie es ausschaut, blüht und gedeiht sie, denn anscheinend wurden die Büros erweitert. Und da, die Margarethenstraße hinunter Richtung Innenstadt, habe ich eine Zeit lang in einer Tischlerei gearbeitet, ewig her und nicht sehr erfolgreich (gelinde gesagt – der innere Spötter) und weiter unten das Geschäft eines ehemaligen Arbeitskollegen. Geschlossen, ob vorübergehend oder für immer, ist mir unklar, eher vorübergehend, vermute ich.

Nun nähere ich mich dem Mozartplatz, dem Standort der Galerie unserer Künstlergruppe REM. Dort setze ich mich auf eine Bank. Nicht weit von hier habe ich auch ein paar Jahre gewohnt. Das war damals eine ereignisreiche Zeit, in der ich trotz allem (trotz allem, was dagegen spricht) irgendwie oben auf war (zumindest beruflich, im Gegensatz zu heute – wie gesagt: trotz allem). Hier habe ich unter anderem meine Aktion „Haut an Haut“ durchgeführt und im Keller ein Gehege gebaut und mich darin darin zehn Tage lang eingesperrt. Viele, auch lustige Erinnerungen! Nicht weit das Café, wo Jandl und Mayröcker verkehrt sind und ich manchmal ihre Gespräche belauscht habe („Aus der Fremde“). Ich gehe auch am Haus meiner damals (illegalen) Wohnstätte vorbei.


13:41.  Jetzt sitze ich am Karlsplatz vor dem großen Teich vor der großen Kirche, voll der aufgewühlten Erinnerungen, der alten aufgeworfenen Hoffnungen und halbvergessenen Lebensträume, die – ich weiß nicht – ob den Bach oder was auch immer hinuntergegangen sind. Aufgewühlt von meiner zumindest bewußt ungeplanten, vielleicht jedoch mit unbewußter Absicht angetretenen Wanderung durch meine Lebensgeschichte. Mein Herz ist schwer – einerseits; andererseits erstaunt mich die Fülle meines Lebens, wie voll, reich, aufregend und spannend mein Leben war, alles viel mehr und intensiver, als ich es abgespeichert und überschrieben habe („Voll, reich, spannend“ hätte ich nicht als Überschrift über meine Leben gewählt). Das ist jetzt kein schlechtes Gefühl (hat er am Lebensende doch etwas abzugeben und nicht nur seine vergrabenen Talente in der Hand? – der innere Spötter)!

Ich atme unfreiwillig die ausgeatmete Nikotinluft vom Typen auf der Nachbarbank ein, der jetzt aufsteht und geht, aber um meinen kleinen Husten zu verhindern, ist das zu spät. Das halte ich auch noch aus. Die MA 3435 (falsch! MA 42? oder 34? – der unsichere innere Korrektor) fährt mit orangenem Blaulicht vorbei; zwei Typen sitzen im Auto und scheinen ihren Status zu genießen. Jetzt kommt ein älterer Mann mit Ziegenbart und in weiblicher Begleitung (der Bart wäre meinem nicht unähnlich, wenn ich ihn länger wachsen ließe) und mit langen, teuflisch hochgebürsteten Augenbrauen vorbei. Wahrscheinlich glaubt er, das sei kreativ und keck (was ich gut verstehen kann; ich mache auch immer wieder solche Fauxpas).

Eines der Minarette der Karlskirche ist eingerüstet. Im Teich ist schon Wasser (oder ist es über den Winter gar nicht ausgelassen worden?); mir kommt vor, im Sommer ist der Wasserstand höher.

Viele Leute sind hier, aber der Platz ist groß und weit. Ein buddhistischer Mönch und eine buddhistische Nonne in Begleitung dreier älterer Frauen photographieren sich vor der Karlskirche hin und her (also: einmal photographiert der/die eine die andern dann umgekehrt und in verschiedenen Kombinationen). Eine Gruppe Touristen steht beisammen und sie hören einem zu und dann klatschen sie, bevor auch sie sich zum Fotografieren auf den Rand des Wasserbeckens setzen (der Mönch und die Nonne repräsentieren etwas Altes, darum „ph“; die Touristen etwas Zeitgeistiges, deshalb „f“ – der innere Spötter).

Oh! Erst jetzt merke ich es: die Henry-Moore-Skulptur ist auch durch eine Art vierseitigem Paravent versteckt, natürlich (meistens ist das „natürliche“ unnatürlich) sind auf allen vier Abdeckflächen Fotos der Skulptur aufgedruckt.

Jetzt kommt die traktor-motorisierte Armada der Arbeiter der MA Gartenbau (42 – der Tipper).

Ich fange zufällig einen zufälligen Blick einer Touristin (?) auf, während ich am Nagelbett meines rechten Ringfingers ein abstehendes Hautstückchen spüre und so entdecke. Vom Spielplatz kommt lautes Geschrei und Gekreische der vielen Kinder. Ich werde wohl weiterwandern, aber nicht deswegen.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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