Freitag, 20. März 2026

4394 Nein! Nicht dorthin!

 



12:04.  Unglaublich, wie schnell ich ermüde. Ich sitze in der Albertina, jetzt zur Erholung vor den geliebten Werefkins. Die vertrauten Bilder und Räume beruhigen mich. Während ein Mann irgendwo im Saal niest, läuft mir ein Schauder über den Rücken. Ich überrede mich, trotz der vielen Menschen noch ein wenig hier zu verweilen und lasse meine Augen über die zwei Bilder der Werefkin gleiten. Ich vertiefe mich in die Details und es ist, als würde davon ein Flash durch mein Bewußtsein gehen. Heute ist es vor allem der Nachtschwärmer, die Bäume machen mich irre. Wahnsinn! So toll! Hier wird heute fast nur französisch gesprochen.


Und nun raste ich bei den zwei Kokoschkas, meine Lieblingsbilder hier (London, Dresden). Meine Erschöpfung ist enorm. Es sind fast nur seine Städtebilder, die mich so stark ansprechen. Ich werde bald gehen müssen, alles ist mir zu viel.


Vorlauter körperlicher Erschöpfung raste ich noch ein wenig im Stiegenhaus bei den Sphinxen (er ist zu müde, um sein übliches Adjektiv depperten bei diesen Figuren anzubringen – der innere Spötter). Langsam bin ich aus dem Ausstellungsräumen geeilt, Klee, Giacometti habe ich gestreift. Mich biegt es brutal zusammen; ich kann meinen Oberkörper nicht gerade halten. Wahrscheinlich bräuchte ich einfach Kaffee. Aber ich verbiete es mir, mein letztes Taschengeld schon heute zur Monatsmitte in einem Kaffeehaus auszugeben, in dem ich wieder eindrucksmäßig überfordert wäre (mein Lieblingscafé spare ich mir auf; hier ist nur eines von den anstrengenden klassischen Wiener Kaffeehäusern in der Nähe. Nein! Nicht dorthin!). Wenn es nur um die Droge geht, kann ich mir auch zu Hause einen Kaffee machen. Jetzt hüpfen sie alle die Stufen zwischen den Sphinxen herunter. Naja, nicht alle. Ich muß raus ins Freie, die Luft hier halte ich nicht mehr aus.


Im Freien auf einer Parkbank vor der Albertina. Ein angenehmes Lüftchen. Werde ich es schaffen, zu Fuß nach Hause zu gehen? Nur wegen meinem Schritt-Zähl-Wahn will ich nicht mit der U-Bahn fahren. Der Wind rollt einen eingerollten Kassenbon über den Asphalt. Sind es die vielen Menschen, die mich anstrengen? Nur ihre Anwesenheit? Oder die feudalen, Macht demonstrierenden Prachtgebäude? Oder die kastrierten, beschnittenen Bäume hier? Was weiß ich! „Ich sehne mich fortzugehen vom Geklapper verbrauchter Lügen, vom Geschrei alter Ängste, das schrecklicher wird, wenn der Tag über die Berge schwindet ins Meer … Ich sehne mich fortzugehen, aber ich fürchte, etwas vom unverbrauchten Leben wird bersten aus alten, am Boden brennenden Lügen, die in der Luft explodieren und mich fast blenden.“ (von Dylan Thomas; in: Carlos Castaneda, Die Kunst des Träumens, Seite 206; Übersetzung: Thomas Lindquist)


(19.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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