Montag, 2. November 2026

4667 Was anderes

 



10:20 a.m.  Sturm geht auf dem Zahnfleisch daher – habe ich im Internet gelesen – und ich fürchte, es stimmt (er meint SK Puntigamer Sturm Graz – der innere Spötter).

Was anderes: Was wäre, wenn das mein letzter Tag auf Erden ist? (Er meint nicht die Himmelfahrt, sondern den Tod – der innere Spötter.) Am Morgen Angst, Übelkeit, die Wäsche in die Waschmaschine, kein Appetit, ohne Frühstück gestartet, Medikamente besorgt (die letzten Tage hatte ich keine mehr; mußte auf die Novemberpension warten), auch anderer Nachschub war zu kaufen, wie Slipeinlagen (for men natürlich! – der innere Spötter). Also rechnet mein Verstand nicht wirklich mit dem Ende (oder könnte man sagen: „Wenn ich wüßte, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch Slipeinlagen kaufen!“? - der innere Spötter). In der Apotheke wurde mir dann schwindlig und schummrig – die sinnliche Wahrnehmung hat geflimmert und die Optik sich verschoben. Aber es ist ein moderater Herbsttag und nicht unschön: zunächst ein paar blaue Himmelsflecken, dann bewölkt, leichtes Nieseln; alles in allem geht es schon.
Nun im Kaffeeamt – schlechtes Gewissen, weil ich nichts esse, sondern nur einen Kaffee konsumiere – also alles wie immer – der erste Schluck, der Standard ist besetzt, wird später frei – aber geht, es geht schon. Als letzter Tag? Naja, wird man gefragt?


16:31.  Zu Hause dann, am Bett, als ich beim Lesen zuerst eingenickt bin und dann aufgewacht, hat mir mein Kratzelbild am Kasten am Bettende den Anblick eines am Ufer teilweise mit Schilf verwachsenen Sees gezeigt, fast idyllisch, mit einer großen Brücke weiter hinten über dem Wasser und niedere Berge am Horizont.

Jetzt, beim Aufschreiben, ist davon nichts mehr zu sehen.


(2.11.2026)


©Peter Alois Rumpf    November 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4666 Gepölster

 



8:29 a.m.  Mein Gott! Ist das manchmal kompliziert und umständlich, bis man die Pölster im Rücken so platziert und zurechtgerückt hat, dass es einigermaßen bequem ist! Genau genommen passt es immer noch nicht und ich hocke ein wenig verkrampft und unbequem da und muß meinen Rücken an die Wand pressen, damit mir mein Gepölster nicht wegrutscht. Aus der Küche kommt Barockmusik und das Gesprudel siedenden Wassers. Mein Magen knurrt. Unser dreifaltiger Wohnzimmerbaum kommt mir heute etwas mager vor, obwohl sich an ihm sicherlich nichts verändert hat. Jetzt dominiert in der Küche das Geräusch der handbetriebenen Kaffeemühle, in der die gerösteten Embryos der Kaffeepflanze zermahlen werden. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil ich heute meiner Frau nicht angeboten habe, diese Arbeit zu erledigen, aber ich bin noch so verschlafen und müde im Kopf und außerdem müßte ich nachher die Polsterung im Rücken neu aufbauen, die garantiert umgestürzt wäre. Nein, es ist schon besser so!

Aber als mir das Schüsselchen mit der Frühstücksvorspeise gebracht wird und ich mich, um es zu ergreifen, nach vorne beugen muß, wären mir die Pölster im Rücken beinahe wieder verrutscht und abgestürzt, aber in einer flinken Rückwärtsbewegung konnte ich den Zusammenfall stoppen.

Nun bearbeite ich mit der Zunge meine Zähne, um die Orangen-, Salat- und Fenchelreste aus den Zahnspalten zu bekommen. Ich nehme dabei den warmen Zitronensaft zu Hilfe – beim Vorbeugen, um das Glas zu derlangen wird es wieder gefährlich – indem ich mit jedem Schluck, bevor ich ihn hinunterschlucke, die Mundhöhle sozusagen ausspüle, aber irgendein Salatstückchen hängt immer noch zwischen zwei Zähnen fest.

Jetzt ist das Müsli da und die Szenerie hat sich grundlegend verändert. Und was mir noch aufgefallen ist: wenn ich die Tropfen des Vitamin-D-Präparates auf den Löffel fallend (es sind natürlich die Tropfen, die fallen! - der innere Spötter) zähle, müssen meine Kaubewegungen mit den fallenden Tropfen synchron sein, sonst verzähle ich mich, weil mein eigenartiges Bewußtsein sofort die Kaubewegungen zu zählen beginnt. Sehr interessant! Wo könnte ich diese wissenschaftliche Entdeckung veröffentlichen?


(30.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4665 Alles verkehrt

 



13:10.  Alles verkehrt! Ich sitze mit dem Rücken zum Lichtengel. Vor mir blättert meine Frau im Falter – das ist eh richtig – aber der Blick an die Wand hinter ihr geht zu kurz; die Wand ist zu nah. Der Tisch ist zu voll geräumt. Die Musik kommt von hinten, was gewöhnungsbedürftig ist, und – was eh schon klar ist, wenn ich es einigermaßen verständlich beschrieben habe – das Lokal, die meisten Gäste, das Geschehen an der Bar und im Gastraum kann ich nicht sehen, weil hinter mir. Dafür jedoch sehe ich eine Krähe am Dach des Sonnen- und heute Regensegels draußen in der Laube. Und: meine Frau, die mich sowieso schon zum wirklich guten Essen hier eingeladen hat, genehmigt noch einen zweiten Cappuccino und die Hälfte einer Torte. In einem Fenster in der Häuserfront gegenüber auf der anderen Seite der Burggasse entdecke ich eine interessante Deckenlampe: drei Leuchtringe, übereinander angeordnet, vom größeren oben zum kleinsten unten; schaut toll aus. Vom Raum und seiner Möblierung sehe ich nichts.

Da hier handelt es sich um eine Mohntorte. Köstlich. Die bipolare Wandlampe hier herinnen an der Wand gegenüber wirft auch ein schönes Licht-Schatten-Gitter in die hellblaue Wandfläche. Die Musik aus den Boxen ist schön, fast meine ich, eine E-Zither zu hören, die wunderschön gezupft wird. Nun ist die Drei-Ring-Lampe im Haus gegenüber ausgeschaltet; ich weiß gar nicht mehr, in welchem Fenster sie sichtbar war. Ein paar tapfere Leute sitzen noch in der Laube draußen (12°C), ich vermute, es könnte mit rauchen zu tun haben.

Es wäre jetzt genug Platz im Lokal, dass ich mich umsetzen könnte, um statt an die Wand in den Raum zu schauen, aber ich tue es nicht. Ich will die „verkehrte“ Sitzung erforschen und was daraus eine Erkenntnis ist, ist, dass es mich fürs Schreiben (und Genießen) zu nervös macht, wenn ich Menschen und Geschehen im Rücken habe.


(29.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com