4599 Die Europafahne
14:06. Gegenüber dem Amt für Eich- und Vermessungswesen sitze ich im Amt für Kaffee und gähne und gähne, obwohl meine Kaffeetasse schon zur Hälfte ausgetrunken ist. Die tiefblaue Europafahne mit ihren gelben Sternen auf der anderen Straßenseite ist eigentlich sehr schön, wirklich sehr schön mit ihrem transparenten Stoff. Da! Wow! Ich bekomme hier einen zweiten Cappuccino geschenkt! Vom Kaffeeamt. Das ist völlig unerwartet; ich werde gleich alle umarmen und abbusseln! (das macht er natürlich nicht; dazu ist er viel zu gedankenschwer, lebensängstlich und feig – der innere Spötter). (Das hat ihn jetzt ganz aus der Bahn geworfen; worüber soll er nun jammern? - der innere Spötter.) Mein depressiv formatiertes Gehirn sucht jetzt krampfhaft irgendeinen Pferdefuß und ich selber bin ganz aufgescheucht [Die Sache ist ganz einfach zu erklären: die Geschäftsführerin hat eine Jobbewerberin gebeten, als Test an der Kaffeemaschine einen Cappuccino zu machen. Selber wollte ihn um diese späte Uhrzeit keine vom Personal trinken – vermutlich weil schon genug Kaffee intus – also haben sie an diesen halben Stammgast gedacht, von dem sie auf Grund seiner üblichen Bestellungen schon wußten, dass er kaffeesüchtig ist, und ihm den Kaffee offeriert. That’s it – der Tipper. Aber danke!].
Langsam und leicht bewegt sich die schöne Europafahne, dreht sich hin und her, wendet sich ab, faltet sich der Länge nach zusammen, öffnet sich wieder, dann legt sie sich um den Fahnenmasten und löst sich wieder ein wenig. Die Musik aus den Boxen fällt mir erst jetzt auf und passt. Zwei helle, weiße Pünktchen schweben draußen durch die Luft; vermutlich sonnenbeschienene Insekten. Ich beginne, wieder zu schwitzen. Ich gehe noch nicht, weil zu Hause gerade die Tageskinderabholzeit ist. Zur Fahne muß ich noch klarstellen, dass sie sowohl oben mit einem Querholz als auch unten ohne Verstärkung in der Mitte ihrer Breite an der Stange befestigt ist. Der Wind wird stärker und rüttelt und zupft auch an irgendwelchen Planen, die geparkte Motorräder? - ich kann das von hier aus nicht klar erkennen – abdecken, und an den noch jungen Kletterpflanzen am Gestell für das Sonnensegel des Gastgartens herum.
Jetzt sehe ich es: die Fahne hat mittig ihrer Länge nach ein Drahtseil laufen, an das sie alle paar Zentimeter mit Ringen festgemacht ist, und diese Drahtseil läuft von der Spitze des Fahnenmasten bis zu seinem Fuß, wo es ebenfalls befestigt ist.
(4.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com