Freitag, 19. Juni 2026

4517 Lange Sommerhose

 



10:55 a.m.  Im Espresso Burggasse. Standard zurückgelegt, Kleine Zeitung geholt. Der erste Cappuccino zur Hälfte ausgetrunken. Plötzlicher Drang zu schreiben, obwohl noch nicht alles gelesen. Ist das Trotz? (siehe Nummer 4516 Keinen Kopf machen). Heute habe ich keine REMbox mit! In der Hitze zu schwere Schlepperei (die Medien warnen vor Überanstrengung im Alter). Und jetzt? Ein Schluck Kaffee, die Kleine Zeitung/Ennstal/Todesanzeigen-Bezirk Liezen.

11:21 a.m. (Ich schreibe hald (sic!) so gern ante meridiem). Ohne REMbox weiß ich nicht so recht, was ich jetzt mit meinen Händen, meinen Augen und meiner Aufmerksamkeit anfangen soll. Gut, der Lichtengel wie immer; Cappuccino II und Schnittlauchbrot bestellt. Ich sollte mir vielleicht eine leichte lange Sommerhose zulegen; kann ich noch in der Öffentlichkeit meine nackten Beine herzeigen?

Ich verschiebe die Entscheidung bezüglich langer Sommerhose und esse das Schnittlauchbrot. Ich bin nicht der einzige Danebene hier – wie ich gerade an einer Gast-sucht-die-ausgestellten-Mehlspeisen-Szene ablesen kann. Heute ist die Musik weiblich (wie auch besagter Gast). Das Welttheater ist gar nicht so uninteressant. Ich schau mich um und genieße meine Abseitsposition (so gut es geht – der innere Spötter). Ja, ich finde es wirklich schön, elegisch und bedeutungsvoll, wie da die Menschen draußen vorübergehen und der leichte Wind die Zweige der Platane, die schon ihre Früchte ausbildet … denk beim Schreiben, dass du das alles zeitnahe eintippen mußt, denn es könnte ja sein, dass dich die Götter z’fleiß bei deiner lächerlichen, leicht durchschaubaren, folkloristischen und unglaubwürdigen Todessehnsucht erhören – im Gegensatz zu deiner Sehnsucht nach einem ordentlichen Lottogewinn, der dich von einigen deiner Sorgen befreien würde (und dir jede Menge neuer bescheren – der innere Spötter). Der – von mir aus gesehen – rechte Flügel des Lichtengels wird wirklich immer schwächer. Oh, gedankenlos habe ich ein vermeintliches Stäubchen vom Notizbuch gewischt, vielleicht jedoch war das ein kleines Insekt, das ich jetzt getötet habe. Wenn ja, muß ich mit den Konsequenzen leben. Ich beobachte die Gesten der Gäste in der Laube draußen und ziehe – gottseidank – keine Schlüsse daraus (was sich im Paralleluniversum abspielt, weiß ich natürlich nicht). Langsam werde ich unruhig. Bald breche ich zur Stadtwanderung durch die Hitze auf. Die junge Frau am Nebentisch scheint etwas Mathematisches zu lernen oder zu erarbeiten, aber was weiß ich.


(19.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4516 Keinen Kopf machen

 





8:49 a.m.  Satt, mit vollem Bauch hocke ich im Bett; die Lesebrille verschmiert, so dass sie meine Sicht trübt; ein heißer Morgen, ich versuche, mit meinem Leiberl die Brille zu putzen, was leidlich gelingt; bin voller Erwartung, was der Tag bringen wird (in meiner Planung wird er gemütlich); ich spüre ein wenig in mich hinein und deswegen fällt es mir auf und ich entspanne meine zur Faust verkrampfte linke Hand und strecke die Finger. Genau genommen zweifle ich immer noch an meiner Schreiberei, genauer gesagt: mein Urteil besagt, dass solche Selbstbetrachtungen und Selbstbeschreibungen die Menschheit nicht weiterbringen und deshalb sinnlos sind. Irgendwas in mir wehrt sich gegen dieses Urteil, aber kommt nicht dagegen an und kann nicht einmal für sich selbst seine Einwände artikulieren. Aber ich habe mir das Schreiben angewöhnt und könnte es vermutlich ohne Entzug nicht loswerden. Ich seh schon ein, dass solche Betrachtungen für die Leser und Leserinnen fad sind, weil ich den Punkt, wo das Unendliche auf das Endliche trifft – oder umgekehrt – verpasse. Gottseidank gibt’s die Fußballweltmeisterschaft. Ganz so leicht ist es ja nicht, ein sinnloses Leben zu Ende zu leben (Männer definieren sich vor allem über ihren Beruf, ihre Arbeit, ihren gesellschaftlichen Status), aber die Bühne bietet doch genug Ablenkung und Möglichkeiten zum Selbstbetrug an. Und man kann ja immer ins Gelächter flüchten, zumindest so lange, bis es ernst wird und einem das Lachen vergeht (Halt! Ich möchte darauf hinweisen, das du damals, als du dich schon aufzulösen begonnen hast und dabei warst, deinen Körper zu verlassen, durch zuerst einen Wut-, und deswegen dann einen Lachanfall zurück gekommen bist - der innere Korrektor). Stimmt auch wieder. Vielleicht kann man wirklich lachend sterben. Man wird ja sehen! Da muß ich mir jetzt keinen Kopf machen. Auf ins Espresso Burggasse!


(19.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4515 Für sie

 



0:29 a.m.  Eine kleine Mücke tanzt im Licht der Leselampe rasant im Kreis. Dann krabbelt sie wieder auf dem Notizbuch umher. Dann ein Zick-Zack-Kurs. Das kleine Insekt löst tatsächlich kleine Staubwölkchen aus, wenn sie innen im Lampenschirm kreisen muß. Ich werde für sie (die Mücke) bald das Licht abdrehen.


(19.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4514 Gedankenlos

 



17:05.  Das Lesezeichenbändchen grau auf braun (Kaffeeamtstisch) kommt auch gut. Ich hatte den Falter aus seinem unhandlichen Gestell genommen, um ihn ganzseitig lesen zu können; das war etwas mühsam; noch mühsamer war es, das Ganze wieder – sozusagen – einzufädeln (obwohl es sich dabei um viel Papier, aber keinen Faden gehandelt hat) und wieder hinein zu klemmen. Ich glaube, ich habe hier auch schon ein Bild hinterlassen – jedenfalls erkennen sie mich wieder und vielleicht lachen sie. Ich verrate, dass ich zur Zeit meine ich-bezogene Schreiberei als äußerst fragwürdig empfinde, sodass ich nur noch mit leicht schlechtem Gewissen schreibe, aber aufhören will oder kann ich nicht. Wie ein abseitiger Narr, der seinen (beruflichen) Platz nie gefunden hat, und jetzt auf seinem Abstellplatz irgendwo in den Sand irgendwelche Linien zeichnet, schreibt, zieht – gedankenlos - wollte ich schon schreiben, aber Gedanken sind viele da, denen es jedoch meist an Denken mangelt. Bald sperren sie hier zu. Ich werde gehen müssen. Wie symbolträchtig!


17:54.  Mein Blutdruckmesser – was hat er? Warum fährt er nochmals hoch und erhöht nochmals den Druck; findet er keinen Puls? Ich sitze zu Hause am Schreibtisch und will brav meinen Blutdruck messen, wie es mir die Ärzte aufgetragen haben. 129. Das ist nicht zu hoch – so viel ich weiß. Dabei habe ich vorhin zwei Cappuccini getrunken, bin flippig und zittrig, durchaus konfus. Ich kann mit dieser Blutdruckmesserei nichts anfangen, weil ich die Ergebnisse nicht interpretieren kann und auch keinen Zusammenhang zwischen meinem Verhalten und den Resultaten finden, sodass ich keinerlei Anleitungen zu irgendwelchen Verhaltensänderungen ableiten kann. Und kein Arzt und auch keine Ärztin wird sich meine Sammlung von Listen mit den Messergebnissen je anschauen. Wurscht!

Jetzt hocke ich bequem im Bett und überlege, welches aus den zwei Stapeln ungelesener Bücher neben dem Bett ich nehmen und als nächstes lesen könnte. Oder doch lieber Internet? Ein Krimi? Ich bleibe einmal hier und verschnaufe. Soll ich doch wieder Antidepressiva nehmen? Eine Ader meines linken Unterarms schlägt nervös gegen das Uhrband, in unregelmäßigem Pochen. Eher wie Zucken. Baut in kleinen Zuckungen Druck auf, den sie von Zeit zu Zeit in einer größeren, stärkeren, großflächigeren zuckenden Entladung abbaut. Ein bißchen unheimlich, das zu beobachten. Ach! Egal! Ich leg das Schreibzeug weg.


(18.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4513 Ganz wild

 



11:26 a.m.  Heute gehe ich es ganz wild an: der erste Cappuccino ist nicht einmal ausgetrunken, schon lege ich die REMbox auf den mit roter Resopalplatte versehenen, quadratischen Kaffeehaustisch, auf dem das blaue und das rote Lesezeichenbändchen der REMbox sowie das graue meines Notizbuches nahe beieinander liegend um farbliche Aufmerksamkeit buhlen. Der Lichtengel leuchtet immer noch asymmetrisch. Alte Hits aus den Boxen, aber wirklich fast nur die guten; das ist wichtig, denn ich bin nicht nostalgisch (jetzt zum Beispiel fifty ways to leave your lover). Ist es doch dieses Lied, das mir die Tränen in die Augen treibt oder dort der unperfekte Lichtengel, der so hoffnungsvoll seine ungleichen Flügel ausgebreitet hat und doch nicht fliegen kann? Ich bewundere den ganz gerade gewachsenen, rindenbunten Stamm der Platane draußen in der Laube, deren Zweige ganz lieb und leicht im einfühlsamen Wind schaukeln. Ich sehe nur den unteren Teil ihrer Krone, die sich wie ein riesiger Sonnenschirm über die Laube wölbt, aber jetzt beginnt, sich majestätisch tanzend - aber nicht kokett - hin und her zu drehen. Der Oldie jetzt ist mir zu konventionell; ich weiß nicht, wer das ist, kenne aber den Song, weil der damals unvermeidlich war.

Was zieht mich da alles an? (Weil diese Oldies vermutlich geremastert sind, oder weil die Anlage besser ist als mein kleines Kofferradio damals, haben sie bei aller Vertrautheit etwas leicht Entfremdetes, aber jedenfalls Schärferes, Klareres; die einzelnen Stimmen und Instrumente sind als individuelle Linien besser heraushörbar.)

Ich sollte jetzt etwas essen, obwohl ich nicht wirklich hungrig bin; ich weiß auch schon, was. Ich warte aber noch mit dem Bestellen und lege mein graues Notizbuchbändchen am roten Tisch quer über das blau-violette der REMbox; das ebenfalls angepeilte rote hatte es verfehlt. 12:00. Eleanor Rigby (das erste und vielleicht einzige Beatleslied, wo ich damals den Text zu verstehen versucht habe). Was weht mich da alles an?


14:39.  Jazz aus den Katscheliboxen. Ich starre auf die Leinwand, wo morgen früh das Fußballspiel gezeigt werden wird – so Gott will. Jetzt ist es im Lokal sehr ruhig, obwohl alle Tische besetzt sind. Ich bin es, der mit seinen blöden Witzen die Ruhe unbedingt stören muß. Was ist denn los? Ginge ich jetzt schnurstracks nach Hause, käme ich voll in die Abholzeit mit ihrem Gedränge im Vorzimmer; das muß nicht sein. So warte ich noch ein wenig ab. Draußen sitzt niemand. Die Stimmung ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm. Fragt sich, welcher Sturm, oder? Alle hier arbeiten an ihren Laptops oder Dings (Notebooks – der Tipper), nur ich schreibe händisch auf Papier. Nachdem die Posaune geblasen hat, klimpert das Klavier, alles sehr dezent, ausgewogen und … bis ein Handy düdelt. Bin ich froh, dass es nicht meines war (Präteritum: inzwischen hat es schon aufgehört; so schnell bin ich beim Schreiben nicht). Komm! Entspann dich! Leg Griffel und Brille weg und lehne dich zurück! Wieder Schweißbogen-Sternspritzer-Lichtreflexionen, diesmal von einer Frontscheibe eines Autos.


(16.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 15. Juni 2026

4512 Ende der Durchsage

 



12:35.  Ich bin so müde. Aber ich habe es ins Weltcafé geschafft; zu Fuß. Ich habe mich ins Innere geschlichen, ohne dass es jemand bemerkt hat. Nun sitze ich da und warte, bis ich wahrgenommen werde und bestellen kann. Schon passiert (von sich aus meldet er sich nicht – der innere Spötter). Ich bin so müde. Meine Wahrnehmung franst aus. Im Innenhof, auf der Seite, wo ich kaum je durchs Fenster geschaut habe, schaukeln die riesigen Blätter eines mir unbekannten Baumes in einer leichten Brise auf und nieder, ohne ihre fast waagrechte Ausrichtung aufzugeben, als würden sie flach auf mehrstöckigem Wasser schwimmen.

Gestärkt wende ich mich wieder der Umgebung zu. Eigenartige Blickachsen ergeben sich (wem? - der innere Spötter) und Anblicke eigenartig kauender Menschen (selbstvergessen oder über-ichbewußt?). Mein Gedankenfluß stockt und kommt nicht weiter; dreht sich im Kreis, hat sich in Dickicht verfangen (vielleicht staut er sich auf und du kannst darin baden?! - der innere Spötter). Jetzt einmal huste ich bloß. Oder läßt mein Gehirn nach, organisch, denn statt bloß habe ich block hingeschrieben; solches passiert mir in letzter Zeit oft. Mein Gott! Ich habe doch gar nichts zu sagen! Deswegen fällt meine Schreiberei ins Leere. Ach, meine linke Hand halte ich wie fast immer zu einer schwachen Faust geschlossen. Was will ich festhalten? Was will ich nicht, dass es mir aus der Hand fällt? Ich entdecke getrockneten Zahnpastaschleim auf dem rechten Handgelenk und reibe ihn mit der Linken plus Spucke ab. Die Barbara Frischmuth ist so eine tolle Schriftstellerin! Wie sie beschreibt, ihre Geschichten aufbaut, fortführt und beendet! Mich frißt der Neid! Aber ohne es ihr nicht zu vergönnen! (Geht das überhaupt? Beziehungsweise: was ist Neid? - der innere Spötter.) Ich bleibe hocken; habe keine Lust, in die Parks nebenan zu gehen, obwohl die Sonne scheint. Ich sehne mich nach Landschaft, nach richtiger Landschaft mit ins weite Tal hereinziehenden Wolken zum Beispiel. Die können sich natürlich auch auflösen und der Sonne und dem weiten Himmel Platz machen, so weit es der Hügel oder der Berge wegen geht. Es muß eh nicht das steirische Ennstal sein, meinetwegen Ost- oder Südsteiermark, oder Slowenien. Und ich bin sicher, wir würden auch in anderen Bundesländern die richtigen Plätze finden. Ist ja wurscht!

Schmeckt der Kaffee gut! Jetzt hat er die angenehmste Trinktemperatur. Ich habe es – ganz einfach gesagt – zu nichts gebracht. Ich bin mir deswegen nicht böse; es ist nur schad’ um mich. Ich bin der innere Kritiker und schreite jetzt ein: Stopp! Halt! Nicht weiter! Dein Selbstmitleid in Ehren, aber das geht nicht! Nicht in einem Text, den du veröffentlichen wirst! Und – du weißt das genau! - auch nicht vor deiner inneren Wahrheit. So! Ende der Durchsage!


(15.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4511 Ruhe

 



9:36 a.m.  Ich liege im Bett, schlafe, döse und denke: ich sehne mich nach Ruhe. Als dann die Tageskinder johlend die Stiegen heraufkommen, merke ich erst, wie sehr ich soeben die Ruhe hatte. Und mir fällt erst jetzt auf, dass ich gegen meine Gewohnheit noch nicht gefrühstückt habe. Allerdings habe ich gar keinen Hunger; was mich auch wundert. Soweit dieser Morgen, an dem ich nun – nachdem ich mein Gesicht mit kaltem Wasser aufgeweckt habe – im Bett hocke und lesen will. Das Büchlein liegt schon unter dem Notizbuch auf meinem Schoß bereit.


(15.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com