Donnerstag, 16. Juli 2026

4548 Der schmerzensreiche Rosenkranz

 



(1) …, der für uns Blut geschwitzt hat

Ein bisschen ungemütlich, wie Petrus und Johannes schlafen. Johannes liegt flach, verkrampft und streckt seine Nase gen Himmel, noch irgendwie verdreht. Petrus schläft überhaupt im Halbsitzen, ohne dass man sieht, wo er sich anlehnen könnte. Schaut also falsch aus. Vom Mund her könnte es sein, dass er schnarcht. Jesus verdreht theatralisch den Kopf und faltet die Hände ins Nichts. Die Gelsen stechen (mich). Jesus kniet. Die Augen wirken glasig, der Mund ist nach unten verzogen. Der Ausdruck im Gesicht hat etwas. Ist es Angst, was sich zeigt? Ich weiß es nicht. Hinter Johannes sind Lüftungsschlitze im Mauerwerk.
 

(2) …, der für uns gegeißelt worden ist

Dieser Jesus ist farblos, ganz blaß und unbemalt. Der Geißler schlägt sich fast selbst die Rute ins Gesicht, steht zu weit weg, ist eitel und scheint mit seinem erhobenen linken Arm seinen rechten beim Zuschlagen zu behindern. Er schaut auch ganz woanders hin. Rechts neben Jesus liegt schon wieder einer am Boden und schläft, wieder halb aufgerichtet, stützt sich nur mit seinem rechten Arm ab; wenn ich Gesicht und Frisur richtig deute, könnte das der Petrus sein. Aber wieso? Was macht der Feigling so nahe an der Szene? Und schlafend? Oder ist es doch ein weiterer, müde gewordener Schläger? Der weiße Jesus steht so da, mit den Händen an einen Block gefesselt, leicht verdreht und im Gesicht erinnert er mich an einen der Highwaymen, dessen Name ich nicht parat habe, den Mund leicht geöffnet, als fange er gleich ins Mikrophon zu singen an.


(3) …, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist

Jetzt ist der Jesus wieder bemalt und hat schon die Dornenkrone auf. Sein Mantel purpur, mit grünem Band. Die zwei Soldaten brechen gerade jeder einen weiteren Zweig. Wirken auch eitel und eigentlich gelangweilt. Sie stieren ins Leere; auch etwas verdreht (das Pseudoreligiöse scheint das Verdrehte zu bevorzugen), schauen weder auf den Gefolterten, noch zu uns Betrachter und Spötter. Der linke Folterknecht tanzt beinahe. Hier hat Jesus ein feines, schönes Gesicht. Die zwei Folterer haben überdeutliche Gesichter.


(4) …, der für uns das schwere Kreuz getragen hat

Maria schaut beleidigt drein, dreht den Körper von Jesus weg, nur den Kopf in ungefähr in seine Richtung, aber findet ihn nicht und schaut an ihm vorbei. Sie ist beleidigt, dass ihr großartiger, wundertätiger Sohn so endet und will das nicht sehen. Der Jesus schaut einfach deppert drein. Sein Bart wirkt aufgepickt, wie bei einem Laiendarsteller; schlechter Visagist. Das Holzkreuz scheint er nicht zu spüren – es liegt auf seiner Schulter und er braucht es anscheinend nicht beachten – aber sein Kreuz tut ihm schon lange weh, so wie er dasteht. Und auch sein linkes Knie. Jooo, soga, da dokta hot gsog, i muass opariern, und dann Reha, die Kranknkassa zohlt’s eh!


(5) …, der für uns gekreuzigt worden ist

Der rechte und der linke Schächer schauen nicht soo verschieden aus, wie sonst bei den Kreuzigungsszenen üblich, aber ich kann dem linken schlecht ins Gesicht schauen, weil genau hinter seinem Kopf die Sonne steht und mich blendet. Etwas traurig Verzweifeltes meine ich schon zu sehen (während mich eine Wespe umkreist und belästigt und gegen mein Gesicht anfliegt). Der rechte Schächer hat schon etwas Abgeklärtes in seinem Gesicht. Der Jesus ist fertig. Die Maria schaut so betroppezt drein, der Johannes faltet und hebt seine Hände wie ein ungeübter Laiendarsteller in eine sinnlose Höhe. Dem Jesus reißt es schon den Leib auf und der Lack geht ab. Aber sein Gesicht: irgendwie schön. Die Nasenlöcher der Maria dürften irgendwelche Insekten mit einem Insektenhotel verwechselt und zur Eiablage benutzt zu haben. Es wölbt sich ein halb blauer, halb wolkiger Himmel über das Geschehen (abgesehen davon, dass es von ständigem Autolärm begleitet wird).



©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4547 Der Baum ist tot

 



11:41 a.m.  Der riesige Baum ist tot. Es schaut so aus, als wäre er zu Tode geschnitten worden. Alle Äste sind beschnitten. Aber ich weiß nicht, was passiert ist - ich sehe nur den toten Baum vor mir.

Hinter mir klappern die Störche, die hier mitten in der kleinen Stadt auf einem kleinen Schlot nisten. Die Turmuhr schlägt Dreiviertel. Eigentlich wollte ich mich in die Kirche setzen, aber dort hat es mir nicht behagt (wegen dem Sargtransportwagen, der im Mittelgang abgestellt ist? - der innere Spötter). Also sitze ich heraußen vorm typischen Kriegerdenkmal mit Blick auf den toten, zugerichteten Baum (342°N). Ein Passant pfeift eine unangenehme Melodie. Zwei Zweige – ich bemerke es erst jetzt – scheinen kleine Blättchen ausgetrieben zu haben (vor oder nach dem Baumschnitt? - das ist die entscheidende Frage).


(16.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4546 Wieder im Stadel

 



16:36.  Wieder im Stadel. Beschallt von Autos und einer Fernsehkomödie von nebenan, einer Amsel, Motorräder, dem Surren in den Ohren, aber herinnen säuselt nicht einmal der sanfte Wind. Eine Krähe. Geschirr – alles draußen. Das Auto jetzt muß einen Anhänger haben. Meine Nase juckt. Meine Brille, die ich auf den Holztisch gelegt habe, weil ich sie zum Schreiben gar nicht brauche, darf ich nicht vergessen. Die Turmuhr von Frauenberg schlägt Viertel. Mein Handy düdelt. Der Fernseher nebenan ist aus. Verkehrslärm und der in den Ohren. Gezwitscher von Spatzen (umgangssprachlich). Moped. Ich gehe ins Quartier lesen. Oder essen.


18:11.  Auf der Terrasse des gehobenen Restaurants wuselt es nur so von Menschen. Der mächtige Weinberg drüben links leuchtet im Abendlicht, während im Norden schon die Bewölkung aufzieht (348°N). Die Kirchturmuhr von Frauenberg schlägt Viertel. Das helle, gelb durchleuchtete Grün an den Bäumen zwischen dem satteren der Blätter im Schatten. Das ist ja eine Platane, realisiere ich erst jetzt. Und der andere Riesenbaum wird eine Linde sein. Der trächtige Apfelbaum rechts, bescheiden neigt er sich ein wenig. Eine Amsel überprüft mich, weil sie an die Äpfel will – unterstelle ich mal. Oder sie sucht nach Regenwürmern. Ganze Karawanen an Fußwallfahrern sind bergan unterwegs zum Frauenberg. Die lauteste und auffälligste Dramatik spielt sich jedoch auf den drei Straßen ab, obwohl die so eintönig ist. Der Wind bewegt die leeren Sitze der Kinderschaukel und den großen Sonnenschirm. Auch im Westen türmen sich die Wolken, aber die sind heller; der Osten ist ebenfalls überzogen, jedoch von flacherem Wolkengebild (Wolkengebild - gratuliere zu dieser Bezeichnung – der innere Spötter), nur der Süden ist noch frei. Kann das da wirklich eine Bachstelze sein? Die wird mir doch nicht vom Sulmbad hierher gefolgt sein! Ich wußte nicht, dass sich Bachstelzen so weit vom Wasser entfernen. Der mächtige Weinberg dort drüben gerät immer mehr in den Schatten. Schwalben sausen auch herum (oder sind es Mauersegler?). Weit drüben krähte der Hahn.


(15.7.2026)


©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4545 Im Stadel

 



10:06 a.m.  Im Stadel. Es ist so schön, wie das Licht durch die Spalten zwischen den Brettern der Holzwand hereinkommt und streut. Rundherum wächst der wilde Wein außen an den hölzernen Stadelwänden. Sulmbad ist für heute wieder angesagt. Links an der Rückwand steht der Tischfußballautomat, rechts der Tischtennistisch. Eine blaue, möglicherweise säkularisierte Maria mit Kind steht auf einem Querbalken der Rückwand. Altes Handwerkszeug, Ski, Kinderstühle, eine Holzpaneelplatte zum Abdecken des Wutzlers bei Regen lehnt auch an der Wand. Ein alter Schlitten; Pferdegeschirr (Zuggeschirr), Joch. Der Drehteil einer alten Presse. Eine Waldtaube ruft.


12:09.  Eine Bachstelze schimpft mit mir, während ich im Sulmbad im Schatten unter dem Busch sitze, von dem ich nicht weiß, was für einer das ist. Dann hüpft und stolziert sie weiter – immer so typisch wippend – ziemlich weit zu Fuß. Dann sehe ich sie nicht mehr. Bin ich zu nahe am Nest? Keine Ahnung, wo und wie und wann die ihre Nester bauen. Dass sie mich wirklich angebettelt hat, kommt mir unwahrscheinlich vor; die sind doch Insektenjäger. Aber was weiß ich. Vielleicht war sie die Seele irgendeines Verstorbenen, oder die eines Träumers, einer Träumerin, die mir unbedingt etwas mitteilen wollte. Oder die vom bajuwarischen Affenarsch? Weil ich ihn heute beim Herwandern schon verflucht habe? (Das hättest gern! - der innere Spötter.) Es zieht schon etwas zu. Heute dürfte ein Gewitter kommen. Das ist auch angesagt. Geschirr scheppert im Buffet. Ein Flugzeug relativ nieder über uns. Vermutlich Graz/Thalerhof, oder? Die Sulm rauscht.


12:52.  Die fünf Menschen, die auf der Decke Karten spielen, wirken unter der mächtigen Weide ganz klein. Die Sonnenschirme, die nicht aufgespannt sind, wirken wie in gespannter Erwartung; im Gegensatz zu denen, die aufgespannt sind; die wirken entspannt. Es liegt schon etwas in der Luft (vermutlich das heranreisende Gewitter). „Meine“ Luftmatratze liegt unter der Erle. Die Elegie von Stromleitungsmasten aus Holz; der eine ragt über das Buffetgebäude. Und wieder kommt die Bachstelze von hinten über das Ufergebüsch geflogen, aber diesmal schimpft sie nicht mit mir. Die Insekten werden richtig lästig. Sogar die Fliegen beißen unangenehm.


(15.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 14. Juli 2026

4544 Horror Patriae

 



14:11.  Die Ameisen scheinen auf der kleinen Erle eine Blattlausfarm zu betreiben – wenn ich ihre Ameisenstraße richtig deute. Die Pfadfinderführer können genau so deppert schreien wie die anderen Schreier. Der Wind – soeben hat er sich gelegt – hatte ein unruhiges, aber schönes Licht-Schattenspiel auf meiner aufgeschlagenen Notizbuchseite produziert. Es ist sehr schön hier, aber irgendwie habe ich alles über; dieses Gefühl kommt aus meinem Inneren. Wie es genau dort hineingekommen ist, weiß ich nicht; nur ungefähr (ah geh! Das weiß du besser, als du zugibst! - der innere Spötter). (Ich wiederhole: es gibt auch einen inneren Zensor; der hat aber nichts mit dem vorher zu tun. Ich bin im Sulmbad Steinerne Wehr.)

Ich sitze auf der langen Bank und als sich die Frau zwei Meter weiter von der Bank erhebt, erzittert die gesamte Holzbank der Länge nach. Ich beobachte, aber auch ich werde beobachtet, wenn ich nicht hinschaue, wie ich für den Bruchteil einer Sekunde feststellen konnte. Ich bin also nicht der einzige Beobachter hier. Absolut windstill ist es jetzt. Gerade als ich beobachte, kabbelt mir eine Fliege über die Hand und lenkt mich ab. Fürs Schwimmen habe ich einen zu vollen Bauch (ist das ein annehmbarer Ich-Text? Ich frage deine LeserInnen – der innere Spötter). Dort drüben sitzt so ein Boris-Johnson-Typ und raucht. Ich muß meine Frau dazu animieren, hier noch Kaffee zu trinken (schreib nur dazu, damit sie dich auch auf einen Kaffee einlädt! So früh im Monat blank zu sein, so eine Schande! Du Versager! - der innere HaSSer).

16:03.  Ich habe auf einen blaugrünen Fleck im Wald gestarrt und bin eingeschlafen. Dann wieder wach geworden und leicht verwirrt. Ich suche einen praktikablen Schattenplatz zum Schreiben und wechsle hin und her. Ich bin nicht zufrieden und überdrüssig (wessen, weiß ich auch nicht ganz genau). Meine Frau bespricht mit mir die nächsten Besorgungen.Ich richte mich ganz nach ihr. Ich blicke Richtung Campingplatz (143° SO). Die Pfadfinder brechen auf (das hat nichts mit dem Campingplatz zu tun). Wasser? Schwimmen? Ich weiß nicht. Ich könnte auf alles schimpfen und alles runtermachen. Ein Hubschrauber. Was will der noch?

16:46.  Meine Tragikomödie geht weiter (aber du weißt nicht wie, gell?! - der innere Spötter). Irgendwer in der Nähe räuspert sich und grunzt wie ein krankes Nilpferd. Ich schaue nicht hin, ich will nicht wissen, wer das ist; ich fühle mich hier fremd (na Gottseidank! Da kennst du dich aus – der innere Spötter). Offensichtlich geht es auf den Abend zu; schön, aber traurig. Ich winke meiner Frau zu, wo ich den Eindruck hatte, sie sucht jemanden oder etwas. Ich sollte nicht so viel schreiben; da muß ich wieder so viel tippen (wie wäre es mit streichen?! - der innere Spötter). Der Glatzkopf steht genauso blöd in der Sonne wie ich, wenn ich mich trocknen lassen will (jetzt habe ich etwas gestrichen!). Horror patriae hat jemand, der mit seinem Kind vorbei geht, auf seiner Tasche stehen. Hunde gibt es auch hier. Irgendetwas muß anders werden, ganz anders! (aber du weiß nicht was, stimmt’s? – der innere Spötter). Wie ein Raubvogel suche ich vor allem die Bäume nach etwas Brauchbarem ab (Botschaft, Erkenntnis, anorganische Lebewesen …). (Lieber Freund, das geht entschieden zu weit! Das mußt du streichen! - der innere Kritiker.) (Du wie ein Raubvogel! Dass ich nicht lache! - der innere Spötter.) Ein kleines Propellerflugzeug; was will mir das sagen? Röhrt und schraubt sich so dahin; schon längst kein Wunder mehr. Verlegen und ratlos lege ich Zeigefinger und Mittelfinger meiner linken Hand auf die aus den Holzbrettern der langen Bank herausstehenden Schraubenköpfe. That’s it. Ich hab es einfach nicht geschafft. Aber wenn ich mein Notizbuch auf der schrägen langen Bank ablegen will, kann ich seine Unterkante bei den herausragenden Schraubenköpfen so einhaken, dass es nicht abrutscht!


(13.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 13. Juli 2026

4543 Die steile Stiege hinunter

 



10:14 a.m.  Ich sitze in der Marienkirche am Frauenberg bei Leibnitz/Lipnica (Heilige Maria – Aufnahme in den Himmel – ich halte soetwas für wirklich möglich!), die Turmuhr schlägt Viertel, vier Kerzen à 1.- € habe ich schon angezündet, tatsächlich ein Vaterunser und ein Gegrüßetseistdu gebetet, nun also in der hintersten Kirchenbank; draußen im Friedhof, der die Kirche, wie es in alten Zeiten üblich war, umgibt, wird laut und von kurzen Rufen unterbrochen, Gras gemäht. Und zwar mit diesen – der Name ist schon so häßlich – Rasentrimmern (mußte erst nachschauen, wie die wirklich heißen; er hatte Seitenschneider geschrieben – der Tipper) – jedenfalls ein Spaß für jeden, der gerne Gas gibt; ein unglaublich nerviges Geräusch, als würde ein infantiler Trottel mit dem Gas eines Mopeds spielen und angeben. Aber immerhin haben sie da in der Kirche am Opferstock noch echte Kerzen. An und für sich habe ich heute ein schweres Herz, weswegen ich ja herauf gepilgert bin, aber im Moment bin ich dabei, in Arroganz und Verachtung für die Trotteln da abzurutschen. Direkt vor der Kirchentür wird wieder Gas gegeben, diese ruckartige Hochfahren der hoch aufheulenden Motoren geht mir so was auf die Nerven und läßt mir keine Besinnung aufkommen; dieser ganze barocke Freskenscheiß hier in der Kirche interessiert mich auch nicht, was sollen die in einer Welt, in der es im und rund um einem Gotteshaus keine Stille geben darf, wo sich die dumme Geschäftigkeit und die blinde Rationalität überall und jederzeit breit machen darf und alles andere vertreiben? Aber wahrscheinlich sind die Fresken da mit ihrer verlogenen und areligiösen Verdrehtheit und Theatralik auch schon Teil dieser fatalen Entwicklung. Lassen wir das.

Zurück ins Hier und Jetzt! Die Motormäher sind nun etwas weg vom Kirchentor … nein, ich gehe jetzt raus und steige zum heidnisch-römischen Tempel hinauf. Genauso sinnlos natürlich. Erlösung gibt es nirgends. Die Turmuhr schlägt Halb.

Jetzt sitze ich auf den Mauerresten des Mars-Latobius-Tempels – Siedlungs- und Kultgeschichte hier heroben 6500 Jahre – und erst vorhin, nachdem mich eine Frau angesprochen hat, habe ich gemerkt, dass ich nach dem Zähneputzen vergessen hatte, mein Gebiss reinzugeben. Mit dieser Frau habe noch völlig unbefangen geredet und nicht gewußt, dass ich dabei meine Zahnlücken herzeige. Aber das ist auch schon wurscht (würde mich darauf jemand ansprechen, würde ich eine erfundene Zahnfleischentzündung als Ausrede vorschieben). (Dafür kann ich jetzt im Sonnenlicht ohne Brille schreiben.). Aber das Ganze macht mich unruhig und nervös und ich will doch hinunter ins Quartier, den Fehler zu korrigieren.

Beim Hinuntersteigen über die schmalen Stiegen des Kalvarienberges – Kreuzigungsszene – ich mokiere mich nicht über Ausdruck und Haltung der Figuren daselbst – kurz nachdem mich eine Brennnessel erwischt hat – vermutlich eine Strafe für meinen Hochmut (ich geb schon zu, eine sehr milde Strafe und angeblich gesund) – dämmert mir, ich könnte vielleicht überhaupt auf das morgendliche Zähneputzen vergessen haben. Darüber sinnierend stapfe ich unsicher und leicht schwindelig – seit den scheiß Medikamenten häufiger! - die steile Stiege hinunter.


(13.7.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 12. Juli 2026

4542 So leicht!

 



11:43 a.m.  Am Steinernen Wehr kann ich ohne Brillen schreiben [Mein Gott! Da bist du an einem herrlichen Platz an der Sulm, eingesäumt von schönen großen Bäumen – ich vermute sogar einen Maulbeerbaum, habe jedoch keine Ahnung, ob das überhaupt möglich ist (möglich ja, aber das da ist kein Maulbeerbaum – der Tipper, der immer recherchieren muß) – warst schon im kühlen Wasser schwimmen und strömen, läßt dich in der Sonne trocknen, ein Urlaub, den du gar nicht selbst finanzierst, bekommst alles geschenkt inklusive Nahrung und Rückeneinschmieren, ein herrliches Sommerwetter, und noch vieles andere, und dir fällt nicht mehr ein, als dass du im Sonnenlicht ohne Brille schreiben kannst! Oida! - der innere Spötter]. Eine Frau spielt Gitarre, aber ist kaum zu hören, weil hier das übliche Badeplatzgeschrei – das so sehr mit den Ferien verbunden ist – fast alles übertönt. Die Sulm rauscht auch, insoferne sie über die Überlaufrohre der Wehr abrinnt und – sagen wir – einen Meter hinunterstürzt. Ansonsten fließt sie komplett still. Boote werden geräuschvoll und laut durch die Wiese, über den Sand und über Steine gezogen und entlang der Steinernen Wehr, bevor sie ins Wasser klatschen. Ich muß niesen und denke daran, dass ich noch die nasse Badehose anhabe. Eine junge Frau trägt einen Nasenschmuck, der mir beim ersten Anblick wie ein Chaplin-Bärtchen vorgekommen ist. Das soll jetzt aber nicht als letzter Satz dastehen, bevor ich eine Pause mache und Wasser trinken gehe.


12:34.  „Ich habe noch nie gesehen, wenn einer umfällt“, sagt ein Mann. Und ein anderer fragt mich, ob mein Tatoo mit einem Sternbild zu tun hat – er entschuldigt sich vorher für seine Neugier. Ich gebe brav Auskunft; und durchaus geschickt, sodass ich für die Deformierung des Orion eine plausible Ausrede habe. Ja, das ist gelungen! Ich nehme diese Argumentation in mein Repertoire auf (auch ihm selber gegenüber – der innere Spötter). (Und um sein Versagen beim Tätowieren zu minimieren – der noch innerere Spötter.) Die Kanuleute sprechen über ihre Kunden und rauchen und trinken Bier. Jetzt aber reden sie auch über die Tiere, die sie gesehen haben. Das ergibt bei mir ein paar Pluspunkte. Ich werde langsam hungrig.


14:06.  (Nach dem Essen) Die brauchen sich gar nicht aufregen, wenn ich mich in ihrer Nähe auf die lange Holzbank, die auch mit zum Trocknen ausgelegtem Badezeug belegt ist, setze! Sie regen sich eh nicht auf; aber sicherheitshalber stelle ich das hier schriftlich fest (und er befürchtet wirklich, verspaukt zu werden und fürchtet sich richtig davor – der innere Spötter). Die Kaffeeschlange ist sehr lang (beim Buffet drüben – schreibt das dazu! - der innere Spötter). Ein Baby schreit, bis die Mutter es stillt. Es kann nicht viel mehr als ein paar Tage alt sein. Dabei hätte ich auch gerne einen Kaffee, aber ich warte ab, bis der Andrang am Buffet nachläßt (lieber Freund, ich hab das mit den Ich-Texten schon kapiert und will trotz aller aktuellen Literaturkritik auch gar nicht schimpfen, aber das soll jemanden interessieren? Ich echt? Bitte! Denk ein wenig nach! - der innere Spötter). Ein leichter, angenehmer Wind (das schreibst du auch nicht zum ersten Mal! - der innere Spötter). (Der Wind weht auch nicht zum ersten Mal! - der Schreiber.) (Es gibt übrigens auch einen inneren Zensor! Nur dass das auch einmal gesagt ist! - der innere Zensor.)

In der Lücke zwischen den Bäumen dort im Wald türmen sich weiße Wolken. (M)Eine Frau schleicht umher, kommt näher und setzt sich neben mich auf die Bank, aber vorher verschiebt sie von jemand anderem zum Trocknen ausgebreitetes Badezeug, um Platz zu schaffen; ich sage noch: „Das kannst du nicht machen! Das gehört nicht dir!“, aber sie macht es einfach und lacht. So einfach kann das Leben sein! Zum Kaffee anstellen will sie sich nicht.


(12.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com