Dienstag, 10. Februar 2026

4357 Schotterweg

 



10:05 a.m.  W. ist der Mann der Schwester des Ex-Mannes meiner Frau. Ihm verdanke ich, dieses wunderbare Lokal kennengelernt zu haben (er hat mich seinem Gesprächspartner als Mann der Exfrau des Bruders seiner Frau vorgestellt). Der erste Cappuccino wird mir schon ohne Bestellung serviert; sie kennen mich hier schon. Hergefahren bin ich wie in schwerfälliger Trance; gesund bin ich nicht, aber Fieber – so glaube ich – habe ich nicht. Das wöchentliche Frühstück hier im Espresso Burggasse – auf das ich mich die ganze Woche freue – wird mir schwer fallen, einzusparen. Einmal in der Woche ein „Souverän“, der bestellen und bezahlen kann und ein ordentliches oder vernünftiges Trinkgeld gibt (meistens – der innere Spötter). Der erste Schluck Kaffee auf nüchternem Magen treibt sofort meinen Herzschlag in die Höhe (könnte nach dem Blick auf den Herzschlagmesser tatsächlich stimmen – der innere Korrektor). Mein erster Blick heute durch die Glasfront auf die Burggasse und die eine Platane hinaus, die von hier aus sichtbar ist. Die zweite Platane liegt außerhalb meines jetzigen Wahrnehmungsfeldes. Mir ist gleich zum Weinen zumute (aber er weint nicht – der innere Korrektor).

Das große Wiener Frühstück hat mich gestärkt. Meine Stimme ist von der Erkältung tief und rau (um nicht sehr männlich zu sagen – der innere Spötter) und die Musik ist heute besonders schön. Zeitung.

Jetzt ist mir etwas schummrig. Soll ich besser nach Hause gehen? (Anscheinend verträgt er das Blutdrucksenkungsmedikament nicht gut – der innere Korrektor.) Alles fühlt sich an wie Endzeit. Nur keine Apokalypse herbeireden! (weder äußere noch innere). Ich würde hinter der Apokalypse nicht erlöst, befreit und erneuert hervorkommen. Ich gehöre nicht zu den Auserwählten (solltest du nicht, bevor du das schreibst, einmal die Apokalypse des Johannes lesen? - der innere Spötter). In allem ist ein eigenartiger Ton, auch in der Musik jetzt, aber ich kann ihn nicht benennen. Alte Herren strecken sich, auch im Lokal. Beim Heimgehen fotografieren für das Album Der Wanderer nicht vergessen! (klingt alles nach mehr als es ist – der innere Spötter).

Die Straßenbahn fährt mit solch unglaublicher Traurigkeit zur Kreuzung hin und bleibt dann bei rot stehen (49; Bellariastraße/Museumsstraße).

Ich gehe auf dem unasphaltierten Schotterweg hinter dem Naturhistorischem Museum Richtung Ring. Die Wasserlacken rufen uralte, ferne Erinnerungen auf; vielleicht sogar von Admont. Es läutet von den Kirchen Mittag.

Ich stehe an der roten Ampel und die Autos rasen am Kaiser-Franz-Josephs-Kai so schnell vorbei, dass mir angst und bang und schwindlig wird; als würden die Autos Stücke meiner Seele mitreißen. (Autos sind falsche Selbste! - der innere Wichtigtuer.) Ich huste.

Die vier Elemente grüße ich auf der Salztorbrücke nur mit „Hallo alle vier!“ (er will sagen: „so erschöpft bin ich“ – der innere Spötter.)

Wie ein Dummsel ziehe ich ständig meine rutschende Hose mit Griffen unter Mantel, Sakko und Pullover über den Bauch hinauf und zurre vergeblich den ausgeleierten Gürtel fest. (Ihr fragt euch, warum er sich keinen neuen Gürtel kauft? Ich mich auch. Er behauptet, bei Depressionen ist das so (wegen dem sich warat’s) – der innere Spötter.)


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf     Februar 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4356 Rascheln

 



1:03 a.m.  Da sind wir wieder nach Mitternacht und hocken im Bett, gelesen haben wir schon, der Blutdruck ist immer noch zu hoch und ich huste wie gehabt. Kalt ist es, wie es zu dieser kaputten Jahreszeit gehört. Was wird es im Zimmer haben? 18? 19 Grad? Ich steh jetzt nicht auf und schaue nach. Die zwei auseinander geschnittenen Zwiebelhälften, die ich im Zimmer zur Vertreibung der Erkältung aufgehängt habe, haben das meiste ihrer Kraft schon an die Zimmerluft abgegeben und duften nur noch schwach. Ich weiß nicht, ob ich morgen eine neue Zwiebel aufschneiden werde, denn ich weiß auch nicht wirklich, ob diese Prozedur hilft. Ich erinnere mich schon, dass sie zumindest ein Mal eine herangeschlichene Erkältung abgefangen hat, aber manchmal war es entweder schon zu spät oder hat einfach nicht gewirkt. Jetzt hocke ich also da und schreibe zufrieden vor mich hin – ich bin immer zufrieden, wenn ich schreibe – auch wenn mir allmählich die Schreibideen auszugehen drohen (als hätte dich das jemals abgehalten! - der innere Spötter). Macht nichts, ich kann ja einen Punkt machen und aufhören. Ich mache aber keinen Schlusspunkt und gehe aufs Klo.

Dafür mußte ich vom Bett aufstehen, „und“, dachte ich mir, „ich kann gleich zum Zimmerthermometer gehen und die Temperatur ablesen“. Gedacht, getan: ich drehe die Schreibtischlampe auf, nehme das Thermometer von der Wand, halte es unter das Licht und lese 19,5 Grad ab. 19,5 Grad! Warum ist mir dann so kalt? Ich versteh das nicht, dass mir immer so kalt ist.

Der Besuch am Klo – kleine Seite – war übrigens nicht sehr ergiebig; der Drang kam wohl eher von Kälte und Nervosität als von einer vollen Blase. Das Bett wird sich schon wieder aufwärmen; in der Früh ist mir immer auch schon vorm Anspringen der Heizung unter der Decke richtig angenehm warm.

Meinem Ohrengesumse hat sich jetzt ein Ton beigesellt, den ich fast als Rascheln wahrnehme. Auffällig lebhaft und variantenreich das Ganze heute.


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 9. Februar 2026

4355 Geschirr!

 



14:56.  Nach der Therapie auf einen Cappuccino im Weltcafé. Leute, ich bin so schlapp! Ich schleppe mich mühsam umher. Ich mußte heute mein Fitnessprogramm nach einer Stunde aufgeben, weil mir die Kraft ausgegangen ist und dann gefehlt hat. Als trüge ich einen Altersanzug – ich meine den, der auch Alterssimulator heißt. So kannte ich das bisher nicht. Meine Handschrift hat die Farbe getrockneten Blutes; das werdet ihr Leser in der getippten Fassung nicht sehen können (Freundchen! Du stierlst schon wieder nach Leidenspluspunkten! Die gibt es im Universum nicht! - der innere Spötter, auch müde). Schlafen. Schlafen ist besser als wachen. Ich schau mich um und habe keine Ahnung (Oida! - der innere Spötter). Es gerät alles aus den Fugen. Mein Geist ist auch so schwerfällig, außer „welches Gerät“ und „welche Fuge? BWV welche Nummer?“ fällt ihm nichts ein. Heute gehen mir die Bilder an der Wand gegenüber ein wenig auf die Nerven; so gleichgültig hingeworfen (wie deine Texte? - der innere Spötter). Das Ballett der versäumten Gelegenheiten und Chancen. Schwermut ist es nicht, was mich heute niederdrückt, sondern Erschöpfung und Müdigkeit. Dann fällt mir auf, dass ich immer ein unaufmerksamer Mensch war. Diese Erkenntnis verpufft genauso wie alle anderen. „Bastelt der schon wieder an einer Jammeriade?“ denkt sich müde der innere Spötter, aber schafft es jetzt auch nicht, einen richtigen Spott oder wenigstens eine konsistente (er gibt wieder an; dabei hat er nachschauen müssen, was konsistent genau heißt – der innere Spötter) Aussage zu machen. Altersanzug trifft es ganz gut.

Mir scheint, heute beobachten die Leute mich mehr, als ich sie beobachte; ich schaue eh herum, aber das löst nichts aus (genaugenommen kann er die von seinen Wahrnehmungen angerissenen Assoziationen und Gedanken vor Müdigkeit und geistiger Trägheit nicht weiterführen, sie stürzen alle ab – der innere Korrektor). Ah! Du meldest dich auch wieder einmal! Meine Schreibhand hat schon Muskelschmerzen. Ein Kinderwagen wird vorbeigezogen (ja, gezogen! Nicht geschoben). Ich nehme Augenkontakt mit einer Steckdose gegenüber – ungefähr auf gleicher Höhe – auf. Wir starren uns eine Weile an (und? Hast du dabei Energie geladen? - der innere Spötter). Ich mag nicht nach Hause gehen; dort wartet das Geschirr. Das stellt sich eh immer als halb so schlimm heraus. Aber ich mag nicht. Ist das da draußen schon so eine Art Dämmerung? Kann fast nicht sein. Wurscht! Ich bestelle noch einen Kaffee, sonst schaffe ich es nicht nach Hause zum Abwaschen. Ist das hier ein guter Ort für den nachmittäglichen Übergang, in dem sich schon – für mich zumindest – der Abend vorzubereiten beginnt. Es heißt Lebensabend. Ich werde eines eigenartigen Objektes an der Bar um die Ecke ansichtig; vielleicht eine abstrahierte, dreidimensionale Darstellung der Weltkugel. Ich bin zu weit weg. Mein „kindisches“ Kunstobjekt Planetensystem fällt mir ein. Das „kindisch“ ward in einer Tiroler Kunstkritik anlässlich meiner Ausstellung in Zirl geschrieben. Aber keine Sorge, ihr Tiroler und ihr Kunstkritiker und du, du bayrischer Affenarsch, die Objekte sind alle schon seit den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts zerstört (nicht kaputt gegangen; zerstört!).

Meine Augen fühlen sich von innen glasig an. Vielleicht kann es der zweite Kaffee richten? (Er meint: ihn auf – der innere Spötter.) Ich lese am Handy: die guten Ärzte gehen in Pension. Ich möchte auch in Pension gehen. Richtig in Pension, mit Ruhe und sozialer Absicherung, aber ich war kein guter Arzt. Und einfach hier sterben? Den letzten Blick auf die Bilder, die du heute nicht so magst? (Wie wäre es mit dem letzten Blick in die Steckdose? - der innere Spötter.) Du bist hier nicht richtiger Stammgast, nicht richtig heimisch, macht dir das nichts? Oder ist es dir so recht? Ich bin zu müde, das Steuer herumzureißen. Verdammt, was ist wirklich los? Ist das eine körperliche, keine seelische Schwermut? (Nein, das reicht jetzt! - der innere Was-weiß-ich-was.) Mionetto steht auf einem kleinen Polster gegenüber auf der Sitzbank. Auf der Kaffeetasse steht Gusto Giusto. Das Lokal leert sich. Die Leere, bevor der Abend kommt, wird eingeleitet. Ich könnte im Zerfall versinken. Mein Pflichtgefühl sagt „Geschirrabwaschen!“ - aber wie aus der Ferne, wie hinter einer schalldämmenden, durchsichtigen Schicht hindurch (… in Begleitung ertrunkener Sterne. Christine Lavant; eines der schönsten Gedichte, die ich kenne). [Liebe LeserInnen, bitte nehmt das ernst! Dieses Gedicht von Christine Lavant Mein Schatten kann über Wasser gehen, im Büchlein im Suhrkamp Verlag, herausgegeben von Thomas Bernhard, Seite 54, ist es wirklich wert, gelesen und erinnert zu werden. Er mag als Schriftsteller gescheitert sein, unser Schreiber hier, aber dieser unangebrachte, nur dahergeblödelte Hinweis ist in sich richtig! - das sagt der Hüter der Vollkommenheit; ich bin der Einzige hier, der sich nicht gehen läßt.]

Im Lokal hat der Schichtwechsel soeben schon stattgefunden. Nicht nur beim Personal, auch beim Publikum. Nur ich bleibe picken. Eine frisch hereingekommene Frau gähnt direkt neben „meiner“ Steckdose (der Augenkontakt zur Steckdose ist noch möglich) und obwohl sie keine Hand vorhält, trotzdem damenhaft. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Trink aus, steckt dein Schreibzeug ein und geh heim! Die Frau neben der Steckdose putzt lautlos und sehr elegant ihre Nase und macht sich schön, indem sie die Lippen mit dem Lippenstift nachzieht. Ich muß natürlich sofort ordinär wie ein Prolet husten, das bin ich meinem Pariastatus schuldig. Geschirr! Geschirr! Geschirr! Diese Rufe erreichen meine inneres Handlungszentrum nicht. Das Bündchen der Wollweste der eleganten Dame gegenüber bei meiner Steckdose ist doch etwas …, zu elegant um wirklich elegant zu sein.

Ich smige beide wange in mine hant (beide! Wie der Plural von hant geht, weiß ich nicht! Genauso nicht von wange), die Beine habe ich auch übereinander geschlagen, und gebe mich nachdenklich (obwohl er dabei zwar lautlos, aber doch wie ein Prolet seinen Zwiebelgestank vom Mittagessen hochrülpst – der innere Spötter). Geschirr! Geschirr! Geschirr! Jetzt kommt ein unbeabsichtigter, echter Seufzerlaut aus! Das ist schlimmer, als den Proleten zu geben! Geschirr! Geschirr! Geschirr! (Was ist eigentlich die Etymologie von Geschirr?) (Von scheren – der Tipper.) Ich bin wirklich kein gescheites Gegenüber; ich falle immer um und grinse blöde (hier: in mich hinein). Geschirr! Geschirr! Geschirr!


(9.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4354 semper et ubique

 



13:12.  Ich schleiche und stapfe schwerfällig, angeschlagen und wie betäubt herum wie der Prinz Claus (der Niederlande und Jonkheer van Amsberg) in seinen besten Zeiten, aber immerhin sitze ich nun mit meiner glücklichen Königin in der Lucy Bar im Belvedere 21 umbenamsten Zwanzgerhaus bei jazziger Barmusik aus den Boxen in Erwartung eines halbwegs guten Cappuccinos. Der Kellner stellt das Tablett am Tisch ab, aber stellt die jeweiligen Getränke nicht zu den jeweiligen Konsumenten. Ein Minuspunkt (wenn ich schon schwer deprimiert bin, will ich wenigstens streng sein). Der Cappuccino ist schon okay, wenn auch etwas dünn, aber das geht und passt schon (für mehr Strenge reicht meine seelische Energie nicht aus). Das Kakaopulver am Cappuccino ist recht viel, aber das ist mir nun wirklich recht, ohne wenn und aber (was steht als erstes Wort nach dem vorigen Beistrich? - der innere Spötter). Ich fordere meine Königin auf, von ihrem Sodazitron, das schon eine geraume Zeit wahrlich sinnlos am Tisch herumsteht, zu trinken, indem ich feststelle: du trinkst dein Sodazitron gar nicht! (dafür reicht die „seelische Energie“! - der innere Spötter). Ich gestehe, dass mir dünner, aber guter Kaffee eh lieber ist als ein fetter. Meine Verdauung spinnt auch irgendwie (die neu verschriebenen Blutdrucksenker?). Das Alter ist immer und überall, man sieht es auch auf der Straße. Die Ausstellung im Erdgeschoß erinnert uns (also beide) an die Vikingertherapie (Original: Den Sidste Viking) (mehr will er nicht preisgeben: einerseits, weil er seine LeserInnen papierln will, und andrerseits, weil angeblich seine seelische Energie nicht ausreicht, das genauer zu beschreiben und besser zu erörtern – der innere Spötter). Nein, der Cappuccino ist schon richtig gut! Das Saxophon jammert angenehm dahin, aber das kann ich besser (das Jammern, nicht das Saxophonspielen, das ich in meiner Jugend auch einmal lernen wollte, aber nie gelernt habe. Ursprünglich hätte ich gerne Gitarre gelernt, wurde aber abgelehnt). (Ein Schütze, dem man das Gitarrespielen ausredet!)

Zurück in die wunderschöne Lucy Bar mit den großzügigen Glaswänden. Der Wind bewegt die etwas einfallslosen und farblich und designlich schwächelnde Fahnen vorm Eingang so schön, und wird nach meinem Kommentar hier – ich wette, der Wind oder die drei Fahnen haben das mitgekriegt – stärker. Ist schon gut! Ihr müßt wegen meiner Meckerei nicht aufdrehen! Ich find nur, dass die Fahnen, die ausschauen wie die von Autohäusern, eines Kunsttempel unwürdig sind, aber wenn ihr mich frägt, wie ich sie anders gestalten würde, fällt mir auch nix ein. Die weißen Fahnen mit dem bißchen Schrift und der Zeichnung drauf, werden im Wind unleserlich – was man schon so lassen kann – aber das Weiß der Fahnenfläche finde ich etwas fade. Nochmals: ich weiß auch keine bessere Lösung. Vielleicht muß es so sein; ich kann mir – obwohl ich schon minutenlang hinstarre – auch keine andere Farbe vorstellen. Die Lampenschirme hier in der Bar sind großartig und begeistern mich bei jedem Besuch aufs Neue. Dieses ganze Ensemble sehr verschiedener Lampenschirmkunstwerke gefällt mir einfach und veredelt den Raum. Vielleicht müssen die Fahnen vorm Hintergrund der grauen Glasbauten wirklich weiß sein. Ich weiß es nicht (das schreibt er jetzt nur wegen weiß (Farbe) und weiß (wissen); das gehört auch zum Papierln – der innere Spötter).

Ich lege mein Schreibzeug und die Brille ab und plaudere – zwei Cappuccini! - meine Königin an und kann nicht mehr aufhören, erzähle alles, verrate alles, gebe alles preis und vertreibe sie damit (die glückliche Königin fährt jetzt nach Hause um zu kochen!). Ich bleibe noch da, bei meinem zweiten Cappuccino, bin aufgeregt wie der fahnenschwingende Wind (so gut er es bei den einmal längs, einmal quer festgezurrten Fahnen hald (sich!) kann), begrüße das nun zu erwartende Dahinblödeln und hoffe auf wieder verstärkten Schreibfluß, weil ich niemanden anquatschen und mein angestochener Mitteilungsdrang (seine Handschrift wird immer unleserlicher – der innere Spötter) nur mehr aufs Papier ausrinnen kann, wenn ich nicht in ausufernde innere Monologe abheben will (schreiben bremst). Die eine junge Frau dort drüben fotografiert exzessiv, die andere junge Frau weiter hinten zeigt zeitweise ihr Profil. Ihr Mittelscheitel – sie schaut jetzt nicht mehr zum Fenster hinaus, sondern vor sich auf den Tisch – ist – soweit ich es sehen kann – perfekt. Ein Gesicht wie von einem alten Gemälde! (Oida! Es gibt unzählige, sehr unterschiedliche Gesichter auf alten Gemälden! Deine Aussage ist nichtssagend; höchstens, dass mitteleuropäische Gene gerne in Mitteleuropa weitergegeben werden – der innere Spötter.)

Das mit den festgezurrten Bewegungen der Fahnen – damit hat es etwas! (ja, ja, leicht zu durchschauen! Du willst auf Canetti hindeuten. Auch das sagt nichts wirklich Relevantes aus! - der innere Spötter). (Genauso pflegt er sich und seine Texte aufzublustern – mit nicht weiter ausgeführten Andeutungen – der innere Spötter.) Ach und so schöne schwermütige und schwermütig gesungene Musik! Trauer und Schmerz sind immer und überall (semper et ubique – gottseidank rauche ich nicht mehr!) (Wieder so eine Andeutung, mit der er sich kryptisch gibt und die LeserInnen papierlt! Wer weiß denn noch, dass auf der Packung der Zigaretten der Sorte Smart export um das Logo semper et ubique gestanden ist? - der innere Spötter.) Smrt wäre zutreffender gewesen (da! Schon wieder! Wer weiß schon, dass slowenisch smrt auf Deutsch Tod heißt? - der innere Spötter. Smrt fašizmu!).

Jetzt beginnen die Assoziationswellen auszuufern und sich zu überschlagen – der Lampenschirm vor (nicht über) mir passt mit seinem kreisenden orangen Liniengewirr exakt dazu und auf der anderen Seite des Lokals wird von Klagenfurt/Celovec geredet.

Schwerfällig und gekrümmt wie ein alter Mann (wie ist gut! - der innere Spötter) erhebe ich mich vom gepolsterten Sessel und schleppe mich aufs Klo. Dort gibt es einen großen, bis zum Boden reichenden Wandspiegel – eh mit einem aber doch wieder transparenten Vorhang, den man vor den Spiegel ziehen kann, wenn einem der nackte Anblick zu viel ist – und wie ich mich da so mit heruntergelassenen Hosen von der Seite sitzen sehe - die Wampe wölbt sich vor fast bis zu den Knien – muß ich sagen: ich bin kein schöner Mann! (kein schöner Mann in unsrer Zeit … - der innere Spötter).

Trinken wir aus und gehen oder fahren wir nach Hause, nachschauen, was die Königin essensmäßig vor- und zubereitet hat. Amen.

Ich bin jetzt nochmals durch die Ausstellung gegangen, und zwar mehr mitten durch und nicht mehr bloß am Rand, und jetzt beeindrucken mich diese flechtenfarbigen Stoffwesen mit „abgeschlagenen“ Köpfen (Vikingertherapieassoziation) mit der fluiden klanginstallierten Musik doch! Ein Bedrohung andeutender Wald (Canetti!) bei düsterer Beleuchtung und es wirkt auch durch die großen Glasfronten so, als wäre es draußen ganz düster. Die kahlen Äste der Bäume des Schweizergartens hinten verstärken diesen Eindruck und ich staune immer wieder über die graphische Schönheit dieser wirren, dichten Äste und Zweige, die sich so traurig und mit vielversprochenem, vielleicht auch vergeblichen Glauben nach oben strecken.

Jetzt aber schnell nach Hause zum späten Mittagessen, Depression hin oder her! (So schwer kann sie dann nicht sein, die Depression, wie er behauptet hat – der innere Spötter.)


(8.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 5. Februar 2026

4353 Diese Träume!

 



9:20 a.m.  Diese Träume! Immer unterwegs auf dem Weg nach Hause, von dem ich meist gar nicht mehr weiß, wo und was es ist. Oft mit Familie, aber die sind undeutlich und irgendwer oder alle kommen abhanden und ich finde sie nicht mehr. Ebenso das Gepäck: alles auf einmal konnte ich nicht schleppen - wenn wir zum Beispiel umsteigen mußten – aber wenn ich das zurückgelassene holen will, finde ich es nicht mehr, oder ich finde den Platz oder gar den Zug nicht mehr, wo ich den ersten Teil abgelegt habe. Der Zug – es sind immer Züge – fährt dann doch nicht oder fährt irgendwo ganz anders hin. Oder kommt erst gar nicht und wir stehen an einem abgelegenen Bahnhof (der auch verschwinden kann) und es gibt keine Chance, herauszufinden, wie wir von da wieder wegkommen. Wenn ich ankomme, ist es immer eine fremde Wohnung, also eine, an die ich mich nicht oder kaum erinnere, oder eine, die nicht mir gehört, sondern zum Beispiel einer Ex. Und ich sollte nicht dort sein. Finde mich aber auch nicht in der Stadt zurecht und entweder weiß ich nicht mehr, wo ich wirklich wohne, oder finde den Weg dorthin nicht (fahre zum Beispiel mit einer Straßenbahn, die endlos in den Außenbezirken herumkurvt). Wenn ich in der fremden Wohnung bin, stimmt auch einiges nicht. Fast immer bin ich dort allein, die Wohnungsinhaberin ist nicht da. Manchmal kommen fremde Leute herein (heute zum Beispiel ist ein unbekanntes Mädchen – schätze so um die zehn, zwölf Jahre – bei der Tür – wörtlich – hereingerollt. Das Ganze ist ein einziges Chaos, wo nichts feststeht und stabil ist, wo nichts irgendwo hinführt, nichts gelingt, alles fremd bleibt oder verfremdet wird oder überhaupt vergessen ist. Ich kenne mich einfach nie aus. Genau wie in meinem Leben. Ich halte mein Notizbuch beim Schreiben wieder völlig verkrampft fest, wie ich erst jetzt bemerke; es sollte mir wohl als Rettungsanker dienen.


(4.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4352 Die Gesichter

 



0:08 a.m.  Es sind viele Gesichter hier im Zimmer, die mich anschauen (mehr oder weniger). Die einen befinden sich auf Fotos, die anderen auf Kunstkarten, wieder andere auf realen Zeichnungen; sie alle lehnen entweder an den Büchern im Regal, hängen an der Wand oder sind auf Kästen getackert. Wie sie mich anschauen bemerke ich meistens nicht. Um genau zu sehen bin ich am Bett von den meisten zu weit weg und es ist sehr düster hier. Ich fühle mich nicht beobachtet, schon gar nicht bedroht, nein, das ist es nicht, was mich heute beschäftigt. Mir ist nur aufgegangen, dass ich hier eine illustre Gesellschaft habe; ihr seid eingeladen! Gut, ich rede auch mit dem Holzraben am Fenster und mit der Holzmöwe über meinem Kopf, und wenn ich beim Umhergehen unabsichtlich gegen einen Kasten zum Beispiel stoße, entschuldige ich mich bei dem Ding. Es muß etwas kein Gesicht haben, damit ich es anspreche. Aber heute sind mir die Gesichter aufgefallen und dass ich mit ihnen in Blickkontakt treten und sie photographieren könnte (er kommt sich gebildet, lässig, anarchisch und cool vor, wenn er Foto mit F und beim Verbum dann trotzig zum geliebten Ph zurückkehrt, und als tragisch-pathetisch Zerrissener in zwei Welten – der innere Spötter). Gut, meine Generation hat ja wirklich die Zeitenwende 1967 miterlebt. Was hat das jetzt mit den Gesichtern zu tun? Nicht viel. Vielleicht, dass die alle so ungeordnet, ohne Hierarchie und popmäßig nebeneinander hängen. Der Christus zum Beispiel neben einer Kinderzeichnung, die mich darstellt, eine orthodoxe Ikone (Foto!) neben was auch immer. Ich werde jetzt aber im Bett hocken bleiben, mich gut zudecken, das Licht abdrehen und in die Dunkelheit starren.


(4.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4351 Zwei

 



12:12.  (geschwindelt: genaugenommen ist es 12:11) Im Lieblingscafé. (Neben mir schreibt auch einer einen längeren Text in ein Notizbüchlein.) [Ihn habe ich wegen der Zuckerdose angeredet: weil ich nämlich nach dem Hereinkommen und der Platzwahl die Zuckerdose am Tisch, die ich nicht brauche und mir nur Raum, den ich fürs Frühstückstablett und die Kaffeetasse verwenden will, verstellt, an einen der Nebentische ohne Zuckerdose deponieren wollte, mußte ich mich entscheiden, ob auf den linken leeren Tisch oder auf den rechten leeren Tisch (das Leben besteht nur aus Entscheidungen – der innere Spötter). Ich habe mich für den linken Tisch entschieden. Dann ist der dann auch schreibende Mann hereingekommen und hat sich an den rechten Nachbartisch gesetzt. Und als ihm sein Kaffee serviert wurde (du hast tatsächlich versiert geschrieben – der innere Spötter) ist jener Mann aufgestanden und hat sich die Zuckerdose vom Tisch links von mir geholt. Da habe ich ihn angesprochen und gesagt: „Dann hätte ich den Zucker doch rechts abstellen sollen!“ Worauf er geantwortet hat: „Bewegung ist immer gesund!“]

Auch am Weg hierher war es lustig: bei unserem Zugang zur U2/4 gibt es zwei Lifte, von denen mindestens alle zwei Wochen einer außer Betrieb ist und lange so bleibt, bis er repariert wird. Heute waren alle beide kaputt und man mußte die wirklich vielen Stockwerke zu den U-Bahngeleisen hinuntersteigen. Zwei Karawanen bewegten sich über die Stiegen, eine eher mühsam hinauf, eine hinunter. Es kommen ein Herr und eine Frau heraufgestapft, die über die häufigen Ausfälle der Lifte hier reden. Ich schalte mich gleich ungefragt ins Gespräch ein - immerhin ist mir diese Liftgeschichte als ein mich ständig ärgerndes ein Lieblingsthema – und sage: “Ja, das stimmt! Mindestens alle zwei Wochen fällt ein Lift aus. Die Reparaturfirma ist entweder unfähig oder sie reparieren absichtlich schlecht, um Aufträge zu requirieren!“ (Naja, so gut hatte ich das live nicht formuliert, in Aufregung und Ärger ist mir das schöne Wort requirieren nicht eingefallen). Der aufsteigende Mann und ich absteigender haben uns ein wenig und ganz lustig zu diesem Thema unterhalten und uns beim Abschied freundlich, fröhlich, ja, fast liebevoll einen schönen Tag gewünscht. Das hat meiner Seele gut getan! Übrigens: bevor ich die Treppen runtergegangen bin, bin ich zu den Liftreparaturarbeitern gegangen, die im Liftschacht auf einem der Lifte gestanden sind und fleißig auf Metall geklopft haben (ich nehme schon an sinnvoll und nicht zum Spaß), von denen ich aber nur die Beine sehen konnte, bin also vor die Glaswand und habe ihnen (aber eben nicht ins Gesicht) „Pfuscher!“ zugerufen. Erst im hinuntersteigen ist mir eingefallen, ich hätte das genauer und ausführlicher ausführen sollen. Leise Zweifel, ob ich wirklich verstehe, was sich hier abspielt, sind mir auch gekommen, ganz leise.

Noch etwas Lustiges ist passiert, aber das habe ich schon vergessen (Liebe LeserInnen: macht euch nichts draus! Wenn das da oben die zwei lustigsten Ereignisse sind, wird das dritte noch weniger lustig gewesen sein – der innere Spötter).

Nun sitze ich also in dem sich immer stärker füllenden Espresso Burggasse (ich sitze schon zu lange beim zweiten Cappuccino; ich muß, um meine ausufernde Anwesenheit zu rechtfertigen, schnell noch den dritten bestellen) und genieße das Ganze und viele seiner Teile (zum Beispiel: wie sich die Frau ganz links, soeben hereingekommen, aus ihrer Winterjacke schüttelt, oder wie die zwei jungen Frauen ganz rechts von ihren (Psycho)Therapien reden – da fühlt sich unsereiner gleich ganz wohl und weniger fremd).

Jetzt ist es schon 13:19, aber nein, nach Hause gehen wir nicht, bis dass der Tag abbricht! Das Leben ist so lustig, ich blicke nur aus Gewohnheit auf meinen „Lichtengel“ in der Fensternische. Sittin on the dock of the bay aus den Boxen. Und schon jetzt, erst beim ersten Schluck des dritten Cappuccino … ich werde um einen Platzwechsel gebeten und habe gern zugestimmt. Ein ganzer Schwarm junger Frauen kommt herein und setzt sich an die für sie freigewordenen und zusammengeschobenen Tische unter dem fetten, großen, roten Bild an der Wand, auf das jetzt mein Blick geht. Das Licht/Schattenspiel der zwei Doppellampen an der Wand dort ist auch nicht schlecht; es entstehen jedoch wegen der netzartigen Struktur der metallenen Lampenschirme keine Engelsflügel, sondern … nun, andere, karierte Muster.

Von hier aus ist die alte, nicht übertünchte rudimentäre Wand- und Deckenbemalung wirklich recht schön. Es ist nun richtig voll hier und das macht mich etwas nervös. Ein Verlegenheitsblick rauf zum Hirschgeweih links (weiht es dich, das Hischgeweih? Zu was? - der innere Spötter). Es wird voller und voller, langsam krieg ich Koller (jetzt bist du auf deinem wirklichen Niveau! - der innere Spötter). Ich spiele – auch aus Verlegenheit – mit dem grauen Lesezeichenbändchen meines Notizbuches auf der hier grauen Tischplatte (beim vorigen Notizbuch war das Bändchen rot und bei meinem Stammplatz ist es die Tischplatte ebenfalls). Es ist einfach Zeit zu gehen.


(3.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com