Freitag, 31. Juli 2026

4563 Pack mas

 



12:28.  Ich wandere durch die Albertina und mir dämmert, dass ich die zwei unteren Ausstellungen schon gesehen habe, weiß es jedoch nicht sicher (das hat mit meinem depressionsverseuchten Gehirn zu tun, das im ständigen Alarm- und Überlebensmodus jederzeit neue überraschende Angriffe erwartet und ständig neue Löcher in der Abwehr meldet und dabei keine Zeit und Ruhe hat, das Erlebte in eine sinnvolle Ordnung und eine stringente Erzählung zu bringen; somit weiß ich fast nie etwas mit Sicherheit, weil das Wahrgenommene und Erlebte nur irgendwo hineingeworfen ist und nicht verarbeitet und weil mir so der Bezugsrahmen und die „Landkarte“ fehlt, beziehungsweise solches bestenfalls nur fragmentarisch und nur zeitweise zur Verfügung steht. Also kein „Rahmen“, nur ein paar Trümmer). Ansonsten genieße ich die Kühle hier (obwohl er niesen muß – der innere Spötter) und beruhige mich bei der Betrachtung der monochromen Bildreihe in Grau vor mir. Aber ich steige jetzt hinauf zu meinen Lieblingsbildern und hoffe, dass sie noch da sind.

In der Batliner-Sammlung ist andrangsmäßig die Hölle los. Schwer, vor den Bildern zu verweilen (apropos: mich stört, dass das Batlinerporträt von Weiler am Eingang der Sammlung abgehängt wurde).
Vuillard, das blaue Zimmer und Manguin, Rückenakt unter Bäumen sind noch da. Auch Der Nachtschwärmer und Sturmwind von der Werefkin hängen noch. Von Jawlensky sind jetzt andere Bilder da (wenn ich mich richtig erinnere!), aber das geht, obwohl mir der Berg abgeht. Ich darf nicht so eigensinnig sein (gell! - der innere Spötter). Vor den auseinander gehängten Städten Kokoschkas (Dresden, London) finde ich sogar einen Sitzplatz auf der Bank. Ich atme tief auf und meine Seele erholt und weitet sich. In Dresden ist der Himmel immer noch dräuend und wolkenverhangen und London leuchtet auf und wird immer noch in den Himmel gehoben. Das sind meine unschlagbaren Favoriten! Ich erinnere mich, das Londonbild im Zeichenunterricht im Gymnasium schon gesehen zu haben und erinnere mich auch an einen Satz der Erklärung des Zeichenprofessors. Ich weiß schon, dass ich Begabungen habe; der Schmerz ist, dass es mir nicht gelungen ist, sie in einen fruchtbaren Austausch mit der Gesellschaft zu bringen. Das ist ein großer Schmerz. Dieses London! Knapp vor der Erlösung und so ein wunderbares Gemälde! Ich wollte jetzt hinschreiben: „davor könnte ich stundenlang sitzen“ - aber das werde ich nicht, somit weiß ich nicht, ob ich mir den Satz glauben kann. (Auf meinem T-Shirt steht ich brauch nix.)

Nun grase ich den Klee ab (zum Beispiel die versandete Siedelung) und raste beim depperten Kardinal (von Mansù) und sehe mich im wandhohen Spiegel. Ziemlich wampert! (der Spiegel im Haus Karin in Leibnitz/Lipnica hat mich viel schlanker gemacht), mein Bauch wölbt sich vorne und die Hüfte seitlich nur so über den Gürtel. Das Gesicht bleibt im Rückenlicht dunkel. Meine Beine könnten noch durchgehen, aber man sieht im Spiegel die Besenreiser nicht. Der Kardinal ist einfach eine Witzfigur. Sie würde mich stören, wenn sie sich nicht so gut zum Schimpfen und Spotten eignen würde (wer weiß, was du da alles los wirst! - der innere Spötter) (loszuwerden versuchst! - der innere Korrektor). Auch beim Klee gibt es neue Bilder, aber meine geliebte Landschaft zwischen Winter und Frühling (Villenviertel) ist noch da. So ein tolles Bild!

Ach ja! Der Papierdrache von Chagall. Dieses betörende Blau!

Giacometti ist auch noch da mit seinem Porträt und mitsamt ihren Schatten die Vier Frauen auf Sockel.

14:03. Ich raste ein wenig bei den Sphinxen. Dann verlasse ich die Albertina. Wien, Innere Stadt: 38°C offiziell und gemessen bei wissenschaftlich eingerichteten Messstellen.

Ich raste in der Aida in der Wollzeile und gönne mir den ersten Eiskaffee des Jahres (wenn ich mich richtig erinnere). Ich will auch in der Hitze meine zehntausend Schritte gehen, brauche jedoch Pausen. Eiskaffee als Flüssigkeitszufuhr ist wahrscheinlich nicht so gescheit. Ich betrachte etwas schlampig und hitzetrübe die Passanten an dieser interessanten Kreuzung hier (deswegen und weil meistens ein Fensterplatz frei ist kehre ich hier manchmal ein).

Pack mas? Pack mas!


(31.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4562 Sekundär

 



10:24 a.m.  Heute sitze ich – sekundär – näher am Fenster [also: sekundär heißt: zuerst saß ich auf meinem Stammplatz, dann habe ich einer Familie, damit sie zwei Tische zusammenschieben kann, Platz gemacht und bin einen Tisch nach rechts gerückt. Das ist eigentlich alles. (Daniil Charms)]. Kein schlechter Platz. Den Lichtengel könnte ich von hier aus nicht sehen, aber der leuchtet sowieso nicht mehr. Ich blicke aus geringerer Distanz zur herrlichen Platane hinaus (draußen wachsen zwei, aber aus meiner Perspektive ist nur eine zu sehen). 33°C wird als offizielle Messung für den Bezirk Neubau angezeigt. Mir fällt auf, dass ich in letzter Zeit die dem Kaffee beigelegten Schnitten esse, die ich früher nur selten verzehrt habe. Übrigens haben sie vorhin aus den Boxen von XTC Nigel gespielt (meine REM-Zeit!). Das jetzige kenne ich auch, aber der Titel fällt mir nicht ein. Ich glaube, auch von XTC; ich bin mir ziemlich sicher (geh bitte! Was druckst du so pseudobescheiden und feig herum?! Lehn’ dich aus dem Fenster! Sage ja, das ist XTC. Eigentlich bist du sicher. Du kennst den Sound – zum Beispiel die typische Gitarre – und die Stimme des Leadsängers – der innere Spötter). Das ist jetzt nicht mehr XTC; ich kenne die nicht, aber sehr schön.

Der Blick von schräg unten in die Krone der Platane hinein ist wirklich tröstlich und ergreifend; obwohl ich ja nicht direkt darunter sitze, fühle ich mich wie unter einem Schirm beschützt. (love will tear us apart again aus den Boxen.) Eine kleine Erinnerung meines richtigen und da bestätigt erfolgreichen Kommentars in einem Gespräch mit einem – damals – jugoslawischen Künstler in Miholašćica auf Cres in so einer Art „Pidgin-English“ aus dem Jahre 1987 fällt mir unvermittelt ein („Die Neuen Wilden malen nicht aus dem Bauch, sondern wie der Kopf denkt, dass der Bauch malt.“). Ja, damals war ich ein bisschen besser im Geschäft – für meine Verhältnisse UND von jetzt aus gesehen. Ich klage nicht. Ich habe mich auf meinem Abstellgeleise gemütlich eingerichtet (das ist KEINE Komfortzone, sondern ein Asyl, mit allem, was dazu gehört!). Jetzt The Smiths! Ach Gott! Meine Blue-Box-Zeit!

Jetzt Roxy Music (11:21 a.m.) Love Is the Drug, aus meiner Grazer Zeit (die LP habe ich nach dem Döbereinercrash aus Angst und Schuldgefühl weggeworfen).

Ist das jetzt Souxsie? Wird schon stimmen (verdammt! Sag: es stimmt! - der innere Spötter). Und wieder The Smiths. Langsam stellt sich das Empfinden ein, dass meine Episode hier für heute zu Ende geht, dass der Bogen sich wieder nach unten neigt; der Gedanke an den Aufbruch wird stärker. Ein wenig zögere ich noch, in die Hitze (36°C offiziell) hinauszugehen.
Beim Zahlen merke ich: es hilft nichts; mein Eifer verrät mich.


(31.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 30. Juli 2026

4561 Tonspur

 



12:58.  Am Heimweg sitze ich im Mumok in der Tonspurpassage und höre mir die Tonspur an. Das ist jetzt genau das Richtige für mich. Was man spöttisch (und unbedarft) „Instrumentenstimmen“ nennen könnte; aber dieses Suchen, Nicht-Finden, Finden, und die (anscheinend - scheinbar) ratlosen Pausen gefallen mir – wobei der Durchmarsch einer organisierten Ferien-Kinder-Gruppe durch die Passage kurz einen ganz anderen Sound einbringt. Ja, und das exorbitante Ausklingen-Lassen mancher Töne; das suchende Geklopfe auf den Saiten, das alles passt jetzt für mich und meine Seele erholt sich dabei. Dann ein fast gedroschener Klavierakkord, der mich fast erschreckt. Eine Frau von der Reinigung schiebt ihren Putzwagen durch, was auf dem Asphalt wegen der kleinen Räder ordentlich rattert und noch eine Zeit lang im Sich-Entfernen hörbar bleibt. Diese fragmentarische Musik der Passage (von wo nach wo?) passt so gut zu meinem Leben! Immer wieder werden Melodien gesucht und ein paar Takte lang gefunden und dann wieder verloren oder absichtlich zerstört. Oder irgendwer kommt daher und lärmt durch die Musik und übertönt sie. Dann wieder so ein lauter Akkordeinbruch am Klavier, der meist ohne nachhaltige Auswirkungen verklingt (obwohl er natürlich mit seinem Schrecken alles andere verscheucht und den akustischen Nachraum sozusagen freiräumt und somit diesen doch indirekt mitdefiniert). Okay, ich gehe weiter ins Museum moderner Kunst, denn ich muß aufs Klo. Obwohl jetzt gerade eine so schöne, elegische, melancholische Phase gekommen ist. Jetzt ein Akkordeinbruch; ich nutze die Chance und gehe. Die Ausstellungen durchwandere ich bloß; ich hatte vergessen, dass ich sie schon gesehen habe.

13:46.  Ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause (37°C im Schatten).


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4560 Gratuliere

 



10:16 a.m.  Italienische Sommermusik aus den Boxen. Nicht mein Fall, obwohl auch sie melancholische Elemente mitbringt. Der Lichtengel leuchtet nicht mehr, ich versuche, am Schatten der Lampe irgendwelche Flügelstrukturen zu entdecken: nein, gibt es nicht wirklich, obwohl ich meine Wahrnehmung unbedingt da hinbiegen will. Was nicht heißt, dass die Schatten dort uninteressant wären: eine Struktur ähnlich einem luftigen Aussichtsturm (Oida! Halt an dich! - der innere Spötter). Bevor ich abhebe – sollte ich hier etwas essen? Mein Depressionsanfall von Sonntag ist vorbei, schon bevor ich gestern wieder Duloxetin eingenommen habe. Weil mir davon (?) recht übel geworden ist, habe ich es dabei belassen und heute keines mehr genommen. Mir geht es psychisch ja nicht mehr schlecht; im Gegenteil: ganz gut. Anscheinend hat mein Kampf, zu dem wahrscheinlich auch diese ganze Prozedur Psychoambulanz-Duloxetinrezept gehört hat, tatsächlich meine Depression von der ersten Stelle wieder weiter nach hinten verjagt. Ich darf mir dazu gratulieren. Jetzt eine italienische Version von Susanna; die gefällt mir gut. Fasziniert schaue ich den aktuellen Szenen hier herinnen zu. Irgendwie gehe ich mit, obwohl ich nur Beobachter am Rande bin; so ähnlich wie beim Aufkommen der ersten Kinos, wo die Zuschauer bei der Verfolgungsjagd zum Beispiel den von bösen Indianern verfolgten Helden unterstützen wollten, indem sie ihre jeweils vordere Sitzreihe in tranceartiger Verwechslung mit der gejagten Kutsche anschoben, manchmal bis jene umgefallen ist (so wurde berichtet). Was ich sagen will: meine Seele bewegt sich mit den Gesprächen und der Gestikulation mit, möchte dem einen sagen: „Jetzt! Jetzt sprich den Kellner an!“ oder: „Warte kurz! Der Kellner telephoniert!“ (Was ich sagen will: deine Bilder und Assoziationen für deine Zustände sind so etwas von daneben – der innere Spötter.)

Aber jetzt ist es wieder relativ leer herinnen (fast alle sitzen draußen in der Laube) und ich kann mir wieder überlegen, ob ich über die Stränge schlagen will und etwas essen, während der Italiener aus den Boxen vom Mare singt.

Während ich am Klo war, haben neue Gäste den Innenraum erobert beziehungsweise fürs Zahlen okkupiert und ich schaue wieder den „Szenen“ zu. Wo ist eigentlich meine Sonnenbrille? Ich konnte sie zu Hause nicht finden. Ich werde sie am Nachmittag nochmals suchen. Aber jetzt einmal essen und trinken. Zur italienischen Musik aus den Boxen möchte ich sagen, dass sie schon dem gehobenen Segment angehört, nur: mir liegt sie nicht. Jetzt singt eine Italienerin über das Mare (obwohl auch montano vorkommt). (Wer nichts zu sagen hat, schweige still – der innere Spötter.) Beim darauf folgendem Ausklicken meines Pilotstiftes rutscht mir dieser aus der Hand und fliegt – vom Rückstoß angetrieben – ein paar Zentimeter nach vor und landet auf der blanken Seite meines Notizbuches, die ich jedoch soeben zu beschreiben (wörtlich!) begonnen habe. Noch ein Mare-Sänger. Hat man meine schüchtern-aufdringliche Bestellung vergessen? Soll ich urgieren? (Was für ein komisches Wort!) Obwohl ich seit kurzem den Namen des Kellners weiß, traue ich mich nicht, ihn anzusprechen (oder gerade deswegen?). Aber nach einigem inneren Kampf werde ich es schon schaffen – ich bin durstig und hungrig. Geschafft (ohne Namensnennung). Vielleicht habe ich mich unbeliebt gemacht (so denkt mein depressionsverseuchtes Gehirn). Es ist furchtbar, aber ich kann nur schwer Menschen - vor allem beim Namen - ansprechen. Ich muß mir da innerlich immer einen Tritt geben; es fühlt sich so an, als stünde mir das nicht zu, weil ich nicht auf Augenhöhe bin. Aber dieses Dalit- oder Nicht-Initiierten-Syndrom habe ich eh schon öfters beschrieben. Isjawurscht, der bestellte Saft ist schon da und den Kren vom Schinkenbrot kann ich bereits riechen; es wird wohl bald kommen. Wenn ich es richtig höre, singen die Italiener nun von acqua.

Ich bin ganz unsicher jetzt, das Schinkenbrot kommt nicht; soll ich nochmals nachfragen? Sie haben in der Küche viel zu tun. Ich weiß nicht. Ich warte noch und trinke den Saft. Ich kann die Realität so schlecht einschätzen. Ein Gesicht fällt mir ein, kommt plötzlich vor mein inneres Auge, keine Ahnung, wo ich es hingeben soll. Ich sehe es vor mir, aber wer und woher? Übrigens: auf meinem T-Shirt steht scheinanwesend. Passt doch, oder? Oh! Das riesige Schinkenbrot ist jetzt da! Also wurde es nicht vergessen, sondern es gab viele Bestellungen für die Küche.

Die Boxen haben längst auf Englisch gewechselt, und obwohl ich Englisch nicht wesentlich besser verstehe als Italienisch, das ich gar nicht kann, gefällt mir die Musik mehr. Ich frage mich wieso und habe keine rechte Antwort. Ist es die andere Musikalität? Sind es die überbetonten Vokale? Die geographische Nachbarschaft? Romanisch versus „Germanisch“? (Vergleiche meine Studie über das stark unterschiedliche Rauschverhalten in den „germanischen“ und den romanischen Kulturen, das jeweils eine völlig andere Individuum-Konstruktion zeigt.) (Ist schon gut! Beruhige dich! - der innere Spötter.) Vielleicht ist es Zeit, meine Wanderung nach Hause anzutreten (35°C im Schatten). Ich gehöre eindeutig zum „germanischen“ Kulturbereich – ob’s mir passt oder nicht – mit barbarischem Minderwertigkeitsgefühl, das – nicht von mir, aber von den andern (Oida! - der innere Spötter) – nur rowdyhaft und vulgär kompensiert werden kann (ich habe gesagt, es genügt! Es ist zu heiß und du bist schon lange abgehängt. Außerdem spielst du dabei mit dem Feuer und deiner Depression! Willst du die wieder hervorlocken? - der innere Spötter). Gemma? Gemma! Die letzten zwei Schluck Kaffee noch austrinken, bitte. (37°C im Schatten.)


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 27. Juli 2026

4559 Die nächste Sache ist Geld

 



10:25 a.m.  Die nächste Sache ist das Geld. Die Jahreskarte für die Verkehrsbetriebe ist empfindlich teurer geworden, meine Steuern höher (die Pensionserhöhung ist so gut wie aufgefressen), die Teilrefundierung meiner Psychotherapie dürfte ausgelaufen sein, ein Betrag von zirka 100.- steht noch aus und kommt seit fast einem Jahr nicht (stimmt nicht! Die bewilligten Therapiestunden waren aufgebraucht - der Tipper, der recherchiert hat). Man ist so machtlos gegen die Tücken der Bürokratie. Und zu diesem Psychiater, der bei der kranken Gesundheitskasse für die Begutachtung der Antragsteller auf wenigstens teilweiser Refundierung der Behandlungskosten zuständig ist, gehe ich nicht mehr, denn der ist ein Kotzbrocken. Er hat von der kranken Gesundheitskasse offensichtlich nicht die Aufgabe, zu schauen, ob einer, ob eine psychisch und finanziell Hilfe notwendig hat, sondern potentielle AntragsstellerInnen zu entmutigen und zu verscheuchen. Einem Depressiven einfach so und um ihn abzuschrecken zu signalisieren und vorzuwerfen, dass er es nicht wert ist, unterstützt zu werden und Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist wirklich keine große Kunst, sondern eine Gemeinheit; und – ich gebe es zu – sehr effektiv, weil der bald zurückstecken wird.

Ich habe Angst vor der nächsten Hitzewelle und davor, meine Kaffeehausbesuche, die für mich wie schöne Lektüre- und Schreibarbeitsstunden waren, aufgeben zu müssen: später Vormittag ins Café, lesen, schreiben, dann die Fußwanderung nach Hause, dort Geschirr, Wäsche erledigen, spätes Mittagessen, dann die Vormittagstexte eintippen und dabei überarbeiten. Dann ist Abend. Das gab meinem Tag Struktur und Sinn und meinem Leben Halt (natürlich kann man einwenden, dass diese Arbeit kein Geld gebracht hat und darum nicht zählt).

Ich habe das Gefühl, die letzten einigermaßen guten Tage zu erleben, bis dann der große Zusammenbruch kommt. Ich muß natürlich aufpassen, dass mir mein depressionsverseuchtes Hirn nicht falsche Bilder der Realität und meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten vorspiegelt, aber diese alte Leier meiner Kindheit: „du bist nichts wert!“ wird in letzter Zeit unglaublich stark und entzündet sich schon auch an der Tatsache, dass es mir in meinem Leben nicht gelungen ist, beruflich, sozial und finanziell Boden unter die Füßen zu bekommen, was ich jetzt ausbaden muß. Dabei geht es schon auch, aber nicht nur um Geld (der Kapitalismus drückt seine „Wertschätzung“ in Geld aus und bevorzugt Rowdies, Betrüger, gierige Gauner und schief grinsende Trickser), sondern auch um Resonanz; und damit ist es bei mir auch nicht weit her; ich habe längst den Anschluß verloren.

Ich atme tief durch, nehme mir zum hunderttausendsten Mal vor, mich „zusammenzureißen“ und die Folgen meiner Lebensentscheidungen tapfer auszuhalten (dabei war es ja nicht so, dass mir nicht einige Arschlöcher reingecrasht sind und mich in den Straßengraben abgedrängt haben; besonders der bajuwarische Affenarsch). Ich will mich jetzt auch nicht auf das große Weh einlassen. Ich hole tief Luft, betrachte den Wind in der großen Platane draußen und will jetzt den zweiten Cappuccino und ein Schinkenbrot mit Kren bestellen. Auch wenn das so eine Art Henkersmahlzeit wird (So! Jetzt reicht’s! Bei aller Nachsicht: jetzt ist Schluß mit dem Gejammer! - der innere Korrektor). Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann.

Ich könnte natürlich auch die anderen Gäste hier beobachten und mich über sie lustig machen oder mokieren. Ich mache es nicht. Ich bekomme richtig Lust, mein letztes Geld in einem großartigen Wisch rauszuwerfen, aber ich halte an mich. Die melancholische Musik aus den Boxen gefällt mir sehr (no-na! - der innere Spötter).

Draußen hat der Wind zugelegt und Wolken müssen die Sonne verdeckt haben. Mehrere Gäste wechseln nach innen. Regen sehe ich nicht, obwohl es sogar herinnen nach Regen riecht.

11:56 a.m.  Das Essen hat mir gut getan. Das Schinkenbrot ist hier sehr üppig und dicht belegt. Langsam läßt der Druck auf meiner Brust nach. Ich überlege ernsthaft, doch wieder auf Medikamente gegen Depression zurückzugreifen, aber zögere noch (sind auch wieder Mehrkosten und ich möchte es gerne ohne hinbekommen. Ich war schon irgendwie stolz drauf, es jahrelang ohne geschafft zu haben). Jetzt fällt mir der Doderer ein mit seinem Sadismus und ich muß lachen. Wenn man es sich leisten kann, einen Hausmeister zu bezahlen dafür, dessen Frau schlagen zu dürfen. Ich muß lachen. Natürlich ist das verwerflich, aber ich muß lachen (es tut mir leid, Leute, aber Depression hat etwas mit zurückgestauter Aggression zu tun). So gesehen muß ich ja froh sein, dass ich nicht wohlhabend bin und nicht aus der Oberschicht stamme. Ein Hoch auf meinen massiv eingeschränkten Handlungsspielraum! Die Kugellampe über mir schaukelt sanft im Ventilatorwind. Ein Niesanfall treibt mir Tränen in die Augen (und den Rotz in die Nase, aus der er ihn kaum rausbekommt – der innere Spötter). Es könnte sein, dass es jetzt Zeit für meine Wanderung wird. Aber ich zögere noch. Summer of Sadness steht auf einem Plakat am Klo, das für Tage des traurigen Films wirbt. Es regnet jetzt und ich gehe freiwillig hinaus in den Regen (der sich als nicht wirklich ergiebig herausstellen wird).


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4558 Nicht schlecht

 



7:37 a.m.  Mein depressiver Anfall ist vorbei. Zwar bin ich mit etwas Angst aufgewacht, aber das ist etwas ganz anderes. Ich bin sogar gleich nach dem Aufwachen hinunter gegangen, um – zwar verschlafen, aber doch – meiner Frau einen guten Morgen zu wünschen. Meine morgendliche Lebensangst ist leicht und läßt mich nur wenig zittern. Das ist nicht schwer auszuhalten. Ich hocke nun im Bett und versuche, mich zu sammeln und zu festigen. Ich überlege meine nächsten Schritte und beruhige mich dabei. Das Zittern, das sowieso nicht stark war, ist so gut wie vorbei. Es schaut für heute nicht schlecht aus.


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4557 Die inneren Dämonen

 



Wieder in Wien – ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat – hat mich ein ordentlicher depressiver Schub überrollt. Ich wache am Morgen auf, verschiedene Szenen meines Lebens – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter – fallen mir ein, alle beschämen mich oder klagen mich an. Ich beginne zu grübeln und meine Bilanz ist: rundum gescheitert. Ich denke mir nur mehr Selbstmordszenen aus (das sind reine Phantasien à la Tagträume, keine realistischen Vorbereitungen oder Planungen! Wobei der Gedanke, dass es endlich vorbei ist, schon verführerisch erscheint. Aber wir sind hier nur in Gedankenspielen und auf jeden Fall im falschen Film). Da ist jetzt überhaupt eine wichtige Zwischenbemerkung notwendig: ich habe schon vor langem einen Pakt mit mir geschlossen, dass ich das nie machen werde. Auch weil ich weiß, dass man sich damit nichts erspart. Was man so vermeiden will, wird einem im Tod unvermeidlich serviert. Ich rede nicht von irgendwelchen außerirdischen Scharfrichtern oder alten Deppen da oben, sondern von so einer Art Naturgesetz und davon, dass einem spätestens im Sterben der Energiekörper mit der Ganzheit des Selbst konfrontiert und wir die ganze, unverfälschte Wahrheit anschauen müssen und dürfen, sozusagen sub specie aeternitatis und nicht nach unserer fragmentierten Wahrnehmung und eingeschränkten Einsichten. Es funktioniert keine Abkürzung. Ende der Zwischenbemerkung.

Eine schwere Verzweiflung hat sich auf mich gelegt, die dann schon Richtung Resignation und Gleichgültigkeit abrutscht. Ich kämpfe mit aller geistigen Kraft gegen dieses einprogrammierte Selbstzerstörungsprogramm und halte immer wieder fest und sage es mir ständig vor: Das ist nicht meine innerste Stimme, das ist eine fremde Installation (ich werde die Definitionen meiner Kindheit nicht und nicht los). Ich kämpfe gegen meine inneren Dämonen und das ist so anstrengend, dass ich nicht nach außen kommunizieren kann. Ich rede auch meine Frau neben mir nicht an, weil mir vorkommt, dass mir das in meiner schmarotzerischen Wertlosigkeit nicht zusteht. Ich sage mir immer wieder vor, dass diese Denke das Ergebnis der Traumata meiner Kindheit ist und keine profunde Bilanz, dass ich beziehungsweise diese Fremdzuschreibung nicht in der Lage ist, mein ganzes Leben mit allem Drum und Dran zu bilanzieren und mehr den Hass von damals widerspiegelt. Und dass das Ganze deswegen wenig mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Als meine Frau das Frühstück bringt, esse ich stumm, aber ich registriere erleichtert, dass ich Appetit habe und mir das Essen schmeckt. Also sooo tief kann der Anfall nicht sein, ich muß nur noch ein wenig durchhalten. Ja, ich stehe auf, rasiere mich, putze mir die Zähne und setze mein Gebiss ein, arbeite beim Abbau der Urlaubsbewässerung und gieße dann ein noch wenig die Zimmerpflanzen und schaffe es gegen großen inneren Widerstand und Hoffnungslosigkeit doch wie gestern ausgemacht mit meiner Frau, mit der ich kaum rede, ins Fitnessstudio zu gehen. Und auch mein übliches Zwei-Stunden-Programm durchzuziehen. Dann ist mir etwas leichter. Ich bin richtig hungrig und meine Frau lädt mich in einem Restaurant zum Essen ein, das ich mit Appetit verzehre. Jetzt weiß ich: das Ärgste ist überwunden. Aber ich bleibe den ganzen Tag noch verschlossen und in mich gekehrt. Ich schreibe das auch auf (um 17:26), weil ich es nicht aussprechen kann, aber meine gute Frau wird den Text lesen. Vielleicht versteht sie dann meine Distanziertheit heute.


(26.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com