11:19 a.m. Ich hebe meinen Kopf und blicke mich wie zum ersten Mal in meinem Lieblingscafé um. Die zwei kugeligen Deckenlampen leuchten, der geliebte „Lichtengel“ in der Nische und die anderen zwei- und dreifaltigen Wandlampen neben und hinter mir, auch die schöne, großschirmige Tischlampe auf der Konsole an der gegenüber liegenden Wand (den „inneren Spötter“ habe ich gestrichen), der wunderbare Sonnenlichtfleck am Terrazzoboden, der die stärkste Lichtquelle im Raum zu sein scheint und doch, hier auf der Nordseite, von einer Fenster- oder sonstigen Fassadenspiegelung gegenüber herkommen muß. Aber auch die Glatze des Mannes gegenüber auf der anderen Seite sendet leuchtendes Licht aus und die metallverkleidete Rundung des Baraufbaus, die Gläser in den verspiegelten Regalen, zusätzlich deren dezente Beleuchtung, die metallenen Füße der Tische, die im gespiegelten Sonnenlicht stehen. Auch die hellblauen Wände in abgeschwächter Intensität. Vergessen habe ich die stellenweise belichtete rote Polsterung der Sitzbänke, die an diesen Stellen fast weißes Licht abstrahlt.
„Schöner Herbst!“ sagt ein soeben eingetretener junger Mann, dessen Gesicht im Spiegel auch Helligkeit ausstrahlt (und es ist nicht das einzige Gesicht, das hier abstrahlt). Ahja, und der obligatorischen runde Lichtfleck am gewölbten Plafond, der immer wieder von Schatten der Platanenblätter an den Zweigen draußen durchkreuzt wird und zu diesem Zeitpunkt ganz bei der Kante zur Rückwand flimmert und – so vermute ich aus bisheriger Erfahrung – an der Decke in meine Richtung wandern wird.
11:44 a.m. Der Lichtfleck am Plafond ist schon in meine Richtung gewandert und hat sich dabei zerlegt: jetzt sind es zwei rundliche Flecken, der eine einigermaßen kompakt, der andere hat sich stärker ausdifferenziert und zeigt in seiner Mitte einen unidentifizierten Schatten und sonst sich bewegende Schattenstriche der Zweige der Platane.
Ein groß gewachsener Mann stapft ein wenig à la Jacques Tati durchs Lokal (solcher Spott steht dir nicht zu! - der innere Korrektor). (Ah geh! Red' doch mit dem inneren Spötter, der schont mich auch nicht!) Wie es inzwischen unvermeidlich ist, habe ich mir eine Kleinigkeit zu essen bestellt (Schinkenbrot mit Kren).
(Ich als dein innerer Kritiker muß schon noch etwas zu deinem Jacques-Tati-Spott sagen: du machst dich dabei über eine – im konkreten Fall vielleicht bloß unterstellte Ungeschicklichkeit, die im körperlichen Ausdruck sichtbar wird, lustig und das ist
deine Ungeschicklichkeit,
deine Weltfremdheit,
deine Uncoolness,
deine Lebensuntüchtigkeit,
deine Unbeholfenheit,
deine Sprödheit,
dein falscher Eifer, die du am anderen wahrnehmen willst und so auf ihn wie auf einen Sündenbock abschiebst! Denk darüber nach! Denk auch daran, wie du dich damals in Spanien zum ersten Mal in einem Video gesehen hast! Du warst schockiert darüber, wie du dich bewegst. Nein, denk darüber nach! Lächeln darfst du, aber in wohlwollender Solidarität.)
Nach dem Verzehr des köstlichen, wahrhaft üppigen Schinkenbrotes wische ich mir Mund und Hände in wahrlich klerikal-priesterlicher Manier ab und erst recht, wie ich das Schnittenstückchen über der Kaffeetasse aus der Verpackung nehme, damit kein Brösel verloren gehe, und es mit zwei Fingern haltend in öffentlicher Diskretheit andächtig in den Mund schiebe.
Das Lavabo soeben auf der Toilette wird auch danach ausgesehen haben (Psalm 26,6
Ich will meine Hände in Unschuld waschen – der innere Spötter). Und wirklich: ein junges Paar mit ganz jungem Baby habe ich heimlich und unauffällig – so von unter dem Tisch her – gesegnet (ich habe kein Problem mit dem segnenden Kreuzzeichen - als Symbol ist es älter als das Christentum und ich verwende es ja nicht konfessionell – schließlich stellt es die Verbindung diachron und synchron her: es zieht die Linie von den Vorfahren zu den Nachfahren, von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft und verbindet horizontal zu Gegenwart, Mitmenschen, Gesellschaft und der jetzigen Welt. Das gesegnete Wesen steht im Schnittpunkt. So stehen wir in der Welt).
(13.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026
peteraloisrumpf@gmail.com