Donnerstag, 6. August 2026

4571 Durchs Heckenlabyrinth

 



Auf dem Marsch vom Unteren ins Obere Belvedere wähle ich die Wege durchs Heckenlabyrinth, um – so gut es geht – im Schatten zu wandeln. Dabei gerate ich wieder ins ergreifende Mittagsläuten. Fast ein bißchen zu heiß für ein sich erhebendes Herz.


12:25.   Das Obere Belvedere habe ich gar nicht aufgesucht, sondern bin schnurstracks zum Belvedere 21 aka Museum des 21.Jahrhunderts aka Zwanzgerhaus gegangen und sogleich in die Lucy-Bar eingekehrt, wo ich völlig verschwitzt ein alkoholfreies Gösser trinke. Pah, ist es hier schön und angenehm! Der Tag ist jetzt schon sehr ergiebig und reich. Ich betrachte die feinen Wasserfontänen, die von den Wassersprühstangen in die heiße Luft entlassen werden und vom Wind mal schwächer, mal stärker in alle möglichen Richtungen, mehr nach oben, mehr nach unten etcetera geblasen werden. Auch das ist schön anzuschauen.

Während ich hier sitze und mir die langen Sacherwürstel einverleibe, bilde ich mir wirklich ein, meine Schreiberei rechtfertige diesen Luxus (auf meinem T-Shirt steht Bin in der Arbeit), wann, wo und warum kommen dann immer die Zweifel?

Vom Händewaschen zurück (genau das! Wörtlich! Nichts anderes) steht der Cappuccino schon am Tisch (hier sind sie auch schon so freundlich zu mir wie im Katscheli, Espresso Burggasse, Kaffeeamt und Leo). 6.494 Schritte; das ist noch nicht allzu viel! 34°C im Schatten. Ich bin wieder beim Wassernebel draußen (mit den Augen). Was mich ein wenig stört: dass genau hinter diesem Nebel das Riesenplakat einer jungen Frau als Werbung für den Fitnessclub dort im Erdgeschoß die schöne, natürlich-abstrakte Wasser-Schwerkraft-und-Wind-Perfomance mit seiner (des Plakates) menschenzentrierten Aufdringlichkeit irritiert.

Vorgestern habe ich die Goeschl-Skulptur da draußen als ein wenig lächerlich bezeichnet, heute nehme ich das zurück; die Ästhetik der Fünfziger-Sechzigerjahre ist angenehmer als all die post- und postpostmoderne Aufgeblähtheit und zum Beispiel fotorealistische Glätte und Plakatgefälligkeit à la Fitnesswerbung. Und abstrakter, was sehr wohltuend sein kann.

Zurück zum Wassernebel (Des Menschen Tage, sie gleichem den Gras; er blüht wie die Blume des Feldes; ein Hauch des Windes, und schon ist sie dahin; und der Ort, wo sie stand, er hat sie vergessen. Angeblich Psalm 103, 15-16.). Wenn ich noch ein wenig Zeit schinden will, könnte ich mich ins Blickle-Kino setzen (Oida! Du bist sterblich! Welche Zeit glaubst du, dass du dabei tot schlägst? - der innere Spötter). Der Wind weht jetzt den Wassernebel kräftig an und treibt ihn schnell und weit nach Süden (glaube ich), so weit, dass er noch hinter der Goeschl-Skulptur zu sehen ist (wer das überprüfen will: ich sitze wieder am Platz mit dem erotischen Lampenschirm und habe den Stuhl ein wenig vom Tisch – der übrigens auch eine schöne und stabile Form hat - abgerückt, sodass ich gut auf den Hydranten mit der Wassernebelstange blicken kann. Meine Wasser-Nebel-Aufmerksamkeitsspanne ist nicht allzu groß; ständig schweift mein Geist mit seiner Aufmerksamkeit ab. Übrigens: der Besuch im Blickle-Kino war keine Zeitverschwendung sondern interessant!


13:55.  Ich gehe in den Garten und Skulpturenpark hinaus und es überrascht mich bei dieser Hitze intensives Vogelgezwitscher. Dann stelle ich mich bei Thomas Baumanns Wellenmaschine am Ende des Wasserbeckens an die kleine schattige Stelle und warte, ob die Wellen kommen. Aber sie kommen nicht. Oder doch? Ja! Jetzt! Aber sehr mickrig! Das war doch einmal stärker, oder!? Ich gehen zum anderen Ende näher zur Maschine und sehe eine Ente in diesem Wasser schwimmen, während ich knackend und krachend über die unzähligen Eicheln schreite, die der riesige Eichenbaum, der guten Schatten spendet, abgeworfen hat. Auch jetzt fallen noch Früchte auf den gepflasterten Grund, ich kann sie aufschlagen hören.

Ich gehe dann einfach durch den Schweizergarten ab und zertrete dabei noch unzählige Früchte der Linden.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com




4570 Weinen

 



9:52 a.m.  Ich sitze im Kaffeeamt, lese im Standard den Bericht über die Salzburger Aufführung von Messiaen’s Saint François d’Assise und fange richtig zu weinen an. Ich schlage meine Hände vors Gesicht und muß den Tränen kurz freien Lauf lassen. Verdammt! Ich wußte nicht, dass ich eine solche Gottessehnsucht habe! Dabei mag ich den Franziskus gar nicht (siehe Text Nummer 8 „Über das Heilige und das Unheilige II“ auf dieser Schublade). So sitze ich also hier, halte meinen Kopf gesenkt, dass man meine Tränen nicht sieht und versuche übers Beschreiben wieder Contenance und Oberhand zu gewinnen. Ich werfe mir mein Geheule nicht vor; ich will damit nur nicht anecken und meine tiefsten Sehnsüchte nicht irgendjemandem Unwürdigen oder einem blöd grinsenden Zyniker zeigen. Mir fallen dazu schon Geschichten meiner Kindheit ein, aber so weit möchte ich das Analysieren jetzt nicht treiben. Das unkontrollierte Weinen ist nun gestoppt.

So, durch weiteres Zeitungslesen bin ich wieder normal. Aber der da zum Vorschein gekommen ist, der ist schon der echtere, der ich – sozusagen – „wirklicher“ bin.


11:20 a.m.  Zum Analysieren und Infragestellen gäbe es natürlich viel. Und ich meine nicht nur die psychologischen, soziologischen Vorbehalte, die zwar auch angebracht sein können, aber nie so tief gehen wie Kritik und Vorbehalte der (echten) Seher (dazu gäbe es noch viel zu sagen; das habe ich aber alles schon hier in der Schublade geschrieben). Erinnerungen meiner Kindheit in einer teilweise und oft versteckten religionsfeindlichen Umgebung fallen mir ein; mein kindlicher Wunsch, Priester zu werden (den ich heute noch als ernstzunehmend einschätze und nicht als infantil!); meine erste, kurze Miniaturbegegnung mit der Musik von Olivier Messiaen als Jugendlicher (als ich noch viele Lebenshoffnungen hatte) über den Musiker Peter Dankelmaier; mein Hang zu einer gewissen, gefährlichen, geistigen Radikalität, die der des Franziskus ähnlich sein könnte.

Momentan sitze ich im Unteren Belvedere vor den prächtigen Textilarbeiten der Anni Albers, genieße deren Schönheit, die Stille und die Kühle des Raumes (draußen hat es 33°C – das ist auch heiß!). Mit den anderen Besuchern der Ausstellung bin ich ungeduldig.


11:48 a.m. Uff! Rasten! Neben mir trinkt ein polnisches (?) Kleinkind im Buggy Wasser, das ihm seine Mutter reicht. Und immer wieder denke ich mir tagträumerische Geschichten aus, in denen mein Leben bereichert und wirklich verändert wird. Das alles auf den Sitzbänken vor der Ausstellung von Erna Rosenstein.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 5. August 2026

4569 Hinweg und Rückweg

 



10:42 a.m.  Brav bringe ich jedes Monat meinen Psychotherapie-Kosten-Teil-Rückvergütungs-Antrag persönlich in die Österreichische-Gesundheits-Kasse-Stelle oben in der Lassalle-Straße (ich weiß, näher an der Donau kann nicht oben sein, weil Flüsse immer unten sind, aber hier schaut es einfach so aus, als wäre das hier oben, vermutlich wegen der Auffahrt zur Reichsbrücke – als führe die Lassalle-Straße hinauf). Gerne gehe ich nach dem Einwerfen des Briefes in die Service-Box zu Fuß zum Praterstern „hinunter“. So auch heute. Und immer, wenn ich die Lassalle-Straße entlang wandere, denke ich: die wäre eigentlich ein prächtiger Boulevard! Wenn … ja, was wenn? Jedenfalls wenn es einige einladende Cafés gäbe. Eine Klientel, die mehr Zeit und Muße hat? Andere Firmen? Studenten? (aber nicht von TU und WU!)


12:52. Jetzt hocke ich wieder in der Tonspurpassage im MuseumsQuartier. Die ist freilich nicht klimatisiert, da sie bloß ein Durchgang von einem Hof zum anderen ist, aber es weht gelegentlich ein kleiner, warmer Wind durch, der einen schon ein wenig kühlt. Wieder lausche ich der schon bekannten Tonspur, aber nicht mehr so andächtig wie beim ersten Mal. Der Weg von hier ins Mumok ist mir trotz der Kühlung im Gebäude dort zu sonnig und zu heiß. Ich werde mich außen im Schatten an den Mauern der ehemaligen Hofstallungen entlangschleichen (selber schuld! Warum willst du an einem hitzeverwarnten Tag unbedingt deine zehntausend Schritte gehen – der innere Spötter). Man könnte auch so sagen: Romantiker verdienen es nicht anders, als zu scheitern. Nur: den reinen Technokraten gehört trotzdem eine in die Goschn! (Sind eh die zwei Seiten der selben Medaille.)


13:45.  (Innere Stadt: 39°C) Auch bei großen Kreuzungen und Fußgängerquerungen wie zum Beispiel bei den Wienzeilen/Naschmarkt unten beim Verkehrsbüro gehörten die Fußgängerampeln so geschaltet, dass sogar ein leicht maroder Fußgänger in einem, ich betone: in einem von der einen Seite Linke Wienzeile zur anderen Seite Rechte Wienzeile hinüberkommt (oder umgekehrt). Es ist bei dieser Hitze unzumutbar, in der prallen Sonne auf einer Verkehrsinsel, oder wie hier auf dem Naschmarktplateau mitten in den überhitzten Ausdünstungen und Hitzeabstrahlungen der Autos auf die Grünphase der zweiten Ampel zu warten und ausharren zu müssen. Die in den klimatisierten Autos und SUVs können ruhig länger auf ihre Grünphase warten. Das gilt mutatis mutandis auch bei Regen. Und überhaupt. Verbrenner raus aus der Stadt!


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4568 Die Kugellampen

 



11:07 a.m.  Es ist zu heiß zum Schreiben. Oder fehlt bloß der Kaffee? Da ist er schon. Layla schweißt und jault so schön aus den Boxen. Mir fehlt die Zeitung.

11:48 a.m.  Doch noch die richtige Zeitung gefunden. Es ist irre heiß: 37°C. Zu Hause würde ich es auch nicht aushalten, da dürfte es jetzt auch 30°C haben (aktuell 16:20 knapp über 30°C im Zimmer – der Tipper). Ich glaube, ich lasse das Schreiben heute. Wohin könnte ich gehen?

Während mein dritter Cappuccino kommt, beobachte ich die Gäste in der Laube via Spiegelung in der offenen Glastüre (keine Sorge, das schaut mehr wie gestikulierende Schattenwesen aus; ein Theaterspiel, das man nicht entschlüsseln kann, aber als solches schön – der innere Spötter). (Innerer Spötter, warum hast du mir diesen Satz gestohlen? Der passt gar nicht zu dir! – der Autor.) Die gläserne Eingangstür ist nicht der einzige Spiegel: die Blätter der Bäume und der Büsche spiegeln sich in der Glasvitrine der Mehlspeisen beim Fenster und im Schutzglas eines in der Fensternische neben der Lichtengel-Lampe aufgehängten Bildes (das ist kein Bild, sondern das Zertifikat eines Weines in einem rahmenlosen Wechselrahmen – auch rahmenloser Bildhalter genannt - der Korrektor, der aufgestanden und hingegangen ist).

Ich starre ins Licht der beiden kristallinen Kugellampen, die vom Deckenventilator leicht bewegt werden. Die kugelförmigen Oberflächen der Lampen scheinen sich zu verändern; sie bekommen Dellen und Ausbeulungen, was nichts mit der an sich schon unruhigen Oberfläche aus Glasstückchen zu tun hat. Vor allem die nähere Lampe, die den runden Motorteil im Zentrum des Ventilators verdeckt, so dass nur dessen Flügelspitzen hinter der Lampe diese umkreisen, erscheint in einer tollen optischen „Situation“ (er meint, er würde so beinahe sehen. Kannst du eine „Entrückung“ hier im Lokal wirklich brauchen? Na also! - der innere Spötter). Nun starre ich auf die andere Deckenlampe hinter dem Ventilator. Sie schaukelt leicht mit der Musik und leuchtet schön und mit sanftem Stolz wie eine milde, versöhnliche, erträgliche Sonne. Ja, und ich kann die Aura sehen! (Oida! Kein Wunder, wenn du lange in das Licht starrst! - der innere Spötter.) Auch dieser Lichtkörper bekommt Dellen und Wülste, wenn ich länger hinschaue. Jetzt versuche ich, irgendwie beide Lampen gleichzeitig im Blick zu halten, was nicht so leicht geht (aber seine Stimmung hebt und er vergißt fast die Hitze – der innere Spötter). Wie machen wir das mit dem Heimweg? Bei allen Museen am Weg zur Kühlung einkehren? Mich würde interessieren, wie viel Grad es hier herinnen hat; draußen offizielle 37°C im Schatten.
(Jetzt zu Hause im Atelier, wo ich eintippe: knapp über 31°C - der Tipper.)


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 4. August 2026

4567 Nicht rauf in die Hitze

 



11:07 a.m.  Endlich in der Lucy-Bar. Soda-Zitron gegen den Durst. Schön kühl hier.

Ich versinke im großen Sessel. Der Lampenschirm über mir (an dem er sich beim Aufstehen schon den Kopf angehaut hat – der innere Spötter) ist erotisch (da schorsch, da schorsch håd wimmerl am oasch – der innere Spötter). Fast alle Lampenschirme hier sind toll und künstlerisch gestaltet. Meine verschwitzte Wanderererscheinung passt nicht so ganz in dieses edle Ambiente, aber ich harre aus und habe ganz fest vor, hier verweilend meine Zeit hier auf Erden zu genießen. Jazzig angehauchte Popmusik aus den Boxen. Das Blau der Fauteuils ist in echt sehr schön und beeinflußt durch die große Anzahl das optische und sonstige Raumklima positiv. Ich betrachte durch das große Fenster den stummen Autoverkehr draußen, den Wind in den Fahnen und Bäumen, die schon ein wenig lächerliche Goeschl-Skulptur, den unbenutzten „Burggraben“ und die Bauten dieses neuen Viertels beim Hauptbahnhof. Und die Passanten, natürlich. Jetzt in die Ausstellungen?


12:33.  (38°C)  Jetzt endlich Kaffee. Mein Herz klopft bereits ordentlich. Hat es überhaupt einen Sinn zu schreiben, wenn ich alles zensuriere? Der Wind draußen ist zeitweise heftig und flattert (transitiv!) die Fahnen vorne und die Sonnenschirme hinten (gemeint: hinter dem schönen Gebäude des Zwanzigerhauses auf der Gartenseite – der innere Spötter). Ach was! Ich gönne mir einen zweiten Kaffee! Haut’s mich um, haut’s mich hald (sic!) um! Der Kaffee wirkt schon gut auf die Stimmung (Darm-Hirn-Konnektion?) (wenn man ein gewisses Überkandidel mag, bevor es ins Depressive oder Aggressive kippt – der innere Spötter). Gottseidank gibt es legale Drogen wie Kaffee (Alkohol mag ich gar nicht mehr). Die Lucy-Bar ist leidlich voll (das heißt: es ist noch genug Platz – der innere Spötter). Nun erst habe ich den zweiten Cappuccino bestellt. Ich bin eh froh, wenn ich dabei etwas Zeit schinden kann (im Sinne: die Sitzzeit möglichst auszudehnen – der innere Spötter). Der erste Schluck vom zweiten Durchgang. Herrlich! Aaaah! Wie schön und köstlich bitterer Kakao vom Milchschaum mitgeschwemmt wird. Realitätsaufmerksam bin ich nicht: am Tisch vor mir hat sich zum jungen Mann (naja, soo jung ist er auch nicht mehr, schon ein paar graue Strähnen im allerdings beeindruckend vollen Haupthaar) eine wirklich junge Frau gesetzt und ich habe das nicht bemerkt. Ein Handwerker mit Handwerkszeug und einer großen Kabel- oder Seilrolle latscht müde durch das Café (das ist keine Kritik!). Der Wind draußen schaut so interessant aus! Natürlich biegt er auch Bäume und Gebüsch. Beobachten ist schon böse, wenn man mit Moral arbeiten will. Aber eigentlich bin ich da wie ein Kind, das in die Welt der Erwachsenen schaut, in der es noch nicht mitmachen und nicht mitreden darf. Nur dass dieses noch in meinem Alter längst ein falsches Versprechen ist und in meinem Leben nie mehr eingelöst werden wird. Meine Kaffeeeuphorie nähert sich ihrer Klimax. Ich lache vor mich hin, lege das Schreibzeug weg (Brillen brauche ich in letzter Zeit nicht mehr zum Schreiben) und wische mit meinen Händen über mein Gesicht; laute Selbstgespräche führe ich noch nicht (oder sehr selten – der innere Spötter). Aber es ist so schön hier! Wen könnte ich begeistern? Die Leute rundherum wirken zu selbstverständlich und zu etabliert (und – gib’s doch zu – deine Anliegen und Geschichten, die du anbringen willst, sind – zumindest aus deinem Mund – viel zu fragwürdig – der innere Spötter). Das Wasserglas schien mir aus der Hand rutschen zu wollen. Okay, gehen wir hinaus in die Hitze, aber heute gehe ich nicht zu Fuß heim, sondern fahre öffentlich. (Das würde mich noch interessieren: ob dieser Aufbruchsimpuls tatsächlich meine innere Stimme ist, oder eine fremde Installation, die mir wegen meiner Herumsitzerei ein schlechtes Gewissen macht, so in dem Sinn: das steht dir nicht zu! Raus aus der Komfortzone!) (Letzteres ist einer der blödesten Sprüche, die ich kenne. Nicht so sehr wegen seinem Inhalt – der kann vielleicht, eventuell, in einzelnen Fällen, manchmal berechtigt sein – sondern wer das üblicherweise wie und zu wem sagt; es sind meistens die größten Trottel, die damit herumschlagen, während sie in ihren Komfortzonen hocken.)


14:01.  (39°C)  Ich warte in der S-Bahnstation Quartier Belvedere seit über einer dreiviertel Stunde auf einen Zug in meine Richtung. Ich gehe jedoch nicht rauf in die Hitze.


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4566 Zwanzig Minuten

 



10:15 a.m.  (33°C)  Ich bin von zu Hause zu Fuß zum Einundzwanzigerhaus, das noch geschlossen ist, gewandert. Ich habe dafür 75 Minuten und 7901 Schritte gebraucht und bin dabei zirka 5 Kilometer gegangen. Noch geschlossen, also nichts mit einem ersten Kaffee in der wunderschönen Lucy-Bar. So sitze ich im Schweizergarten im Schatten, irgendwo heult eine Maschine (ob Garten oder Baustelle) und nervt. Ich bin verschwitzt und eine Nebelkrähe schaut mich an, dann geht sie weiter. Ich habe es befürchtet, dass das Belvedere 21 erst um 11 Uhr aufsperrt, aber fest daran geglaubt, dass um 10 Uhr aufgesperrt wird (wie sagt Luther? „Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer“ - oder so ähnlich – der innere Spötter). Einen Trinkbrunnen sehe ich hier im Park nicht. Ein Mann übt unter einem Baum Tai Chi. Mir gibt es sofort einen Stich, weil ich Tensegrity (magical passes) seit Jahren nicht mehr übe und es nicht schaffe, damit wieder anzufangen; denn die Sehnsucht danach ist groß. Den Vögeln ist auch heiß, alle haben ihren Schnabel offen. Ein Mähtraktor fährt fröhlich vorbei und stinkt unbekümmert, die Frauen auf der Nebenbank führen ein tiefes Gespräch mit Gebeten und so, links vor mir unter einem jungen, etwas vertrockneten Ahornbaum blüht eine geliebte Wegwarte (siehste! Geht doch! - der innere Spötter). Direkt vor mir auf der anderen Seite des Weges, der vorbei führt, steht ein Mistkübel – wenn das alles keine kosmische Versuchsanordnung - wie für mich gemacht - ist! Nehme ich die Einladung an? (Auf meinem T-Shirt steht Kein Interesse.) Drüben hinter der Baumgruppe tollt eine Kindergruppe unter lauter und akustisch scharfzüngiger Anleitung der russisch (?) sprechenden Pädagogin (oder so ähnlich) auf der vertrockneten, gelb-braunen Wiese umher; und nochmals dahinter wird der bereits verschwundene Rasen gesprengt (mit Wasser natürlich, mit Wasser). In 20 Minuten von jetzt an sollte die Lucy-Bar aufsperren. Eine der Damen nebenan spricht Vorarlbergerisch und erwähnt die Schesaplana, deren Name in Verbindung mit Vorarlberg mich als Kind irritiert und jedoch schon sofort fasziniert hat (damals wußte ich noch nichts von unserem romanischen Erbe). Zwanzig Minuten, das ist noch lang. Ein Hund mit um-, aber ausgehängtem Beißkorb läuft allein und sichtlich entspannt vorbei; kein menschlicher Begleiter weit und breit. Hinter der Wegwarte – die gehören zu meinen Lieblingsblumen; ich wünschte mir nur einen schöneren Namen; -warte, das klingt für mich nach Deutschtümelei und Nazizeit, wegen Blockwart – hinter der Wegwarte also wächst eine Melde (Familie der Fuchsschwanzgewächse; keine Sorge, ich mußte das auch erst googeln (und? Was meldet dir die Melde? Von wegen kosmischer Versuchsanordnung - der innere Spötter.). Außerdem: das Deutschtümelnde im Namen der Wegwarte mag ja falsch sein, aber ich assoziiere das sofort und immer). Die Kinder der Feriengruppe müssen Sackhüpfen spielen, während die Kommandantin sie filmt. Ich muß einen Trinkbrunnen suchen (und er hat keinen gefunden – der Tipper).


[Andere Namen für die Wegwarte laut KI (pfui! - der innere Kritiker): Zichorie, Wegleuchte, Blaue Distel, Sonnendraht, Sonnenwirbel, Sonnengold, Arme-Sünder-Blume (siehste! Passt wie oben! - der innere Spötter), Faule Gretel – der Tipper, der immer recherchieren muß.]


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 3. August 2026

4565 Nur in Gedanken

 



10:56 a.m.  Mein Lieblingslokal hat heute wegen Hitze geschlossen (Erholung fürs tüchtige Personal) und meine Idee, alternativ ins Belvedere 21 und die Lucy-Bar zu reisen, geht auch nicht, denn die haben heute Montag ihren regulären Schließtag. Aus Ratlosigkeit (wohin?) habe zu Hause meinen Rasierapparat gereinigt – was höchste Zeit war. Welches Museum könnte ich aufsuchen? Die Ausstellungen in Albertina und Mumok kenne ich schon; die Ausstellung in der Albertina modern interessiert mich nicht [ich mag keine Comicfiguren, schon gar nicht als Kunst, obwohl ich selbst einmal versucht habe, welche zu malen. Aber das hat mich nur in meiner Abneigung bestätigt, obwohl ich dieses Bild damals (~1989) bei einer Ausstellung in einem Café über der Zeitschriftenablage (mit Comics) platziert habe. Dass dieses Bild meine döbranitische Bildvernichtung auch nicht überlebt hat, stört mich - im Gegensatz zu den anderen Bildern – nicht].

Also wo kann ich mich in der Hitze (eh nur 31°C – der innere Spötter) hin flüchten? In meinem Zimmer ist es auch zu heiß (27°C hatte es noch in der Nacht). Ich trinke den bestellten Kaffee.


[Jetzt wäre ein Abschnitt gekommen, den ich jedoch zensuriert und gestrichen habe.]


Ich gehe besser, bevor es zu peinlich wird. Aber die Musik ist schön und hält mich noch ein wenig hier. Ich wippe und schaukel ein wenig mit ihr, der Musik.


Mein T-Shirt trägt die Aufschrift Wundertäter und im Weggehen vom Café denke ich mir aus, wie ich den Kellnerinnen die Geschichte vom Wundertäter von Daniil Charms erzähle (eigentlich die Geschichte vom Schriftsteller, der eine Geschichte von einem Wundertäter erzählen will, der nie ein Wunder vollbringt; eine herrliche Erzählung! – der Korrektor). Ein ziemlich gut ausgearbeiteter Tagtraum mit Anfang, Hauptteil, Schluß, der mich im Gehen lächeln läßt. Alles denke ich mir bloß aus, als ich Richtung Schwedenplatz wandere.


33°C. Am Weg durch die Innenstadt mit ihren vielen Kirchen gerate ich ins Zwölf-Uhr-Läuten und wie immer: ich liebe das Glockengeläut; mit fällt sofort die Aufforderung ein: „Erhebet die Herzen!“ und mein Herz erhebt sich.


12:37.  36°C. Das Ziel meiner Wanderung war das Wien-Museum, dort soll es kühl sein, aber das hat auch montags geschlossen. Wohin jetzt? Ich sitze auf einem Steinmäuerchen unter Platanen am Karlsplatz. Was tun? Die REM-Galerie hier in der Nähe gibt es schon längst nicht mehr (flacher Witz! - der innere Spötter). Bei der Korbschaukel für Kinder dreht sich oben am Zenit im Wind eine Metallplatte mit je einem Bild eines Kinderbuchaffenkopfes auf jeder Seite. Wie passend! Ein Blütenblatt fällt in mein aufgeschlagenes Notizbuch und ich schnipse es rücksichtslos und unsensibel weg. In die Albertina modern direkt vor mir auf der anderen Seite der breiten, stark befahrenen Lothringer Straße gehe ich nicht, mir kommt vor, ich hätte die Ausstellung schon einmal besucht und für uninteressant befunden, aber erinnere mich nicht wirklich (wäre heute auch geschlossen gewesen – der Tipper; 38°C jetzt; im Zimmer: 29°C). In der Landschaft des Karlsplatzes kann man den Wind schon von Weitem näher kommen und sich wieder entfernen sehen.


12:52.  Ich bin tatsächlich zum Mozartplatz gegangen. Aber meine REM-Box-Euphorie ist nicht mehr abrufbar; die ist längst im depressiven Einheitsbrei der Bedeutungslosigkeit abgesoffen. Hier am Mozartplatz ist nichts los; ein bißchen Wind. Das war auch zu erwarten.


13:09.  Nun sitze ich in der Karlsgasse unter schattigen Platanen und weiß nicht weiter (37°C) (er kann die Übertreiberei nicht lassen! Es ist ganz einfach: er weiß nicht, ob er heimgehen soll, oder doch irgendwo einkehren, aber wo? Zum Essen oder auf ein Getränk? Auf einen Kaffee oder ein kaltes Getränk? Das ist alles; nichts Existentielles! - der innere Spötter).


Ich habe mich auf den Weg nach Hause gemacht – alles zu Fuß – und als ein Installateur-Firmenwagen eingebogen ist, aber die Fußgänger freundlich passieren lassen hat, habe ich den Tagtraum, den Beifahrer, der das Fenster offen hat, anzusprechen und zu sagen: „Sie haben Heizung am Auto stehen und damit trauen sie sich bei dieser Hitze durch die Stadt fahren?“ Möglicherweise ein blöder Scherz, aber ich kann dabei in mich hinein lächeln. Alles eh nur in Gedanken.


(3.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com