Freitag, 11. September 2026

4606 Über Nacht

 



8:51 a.m.  Endlich ist richtiger Regen da. Über Nacht hat es immer wieder geregnet. Ich spüre leichte Vibrationen in mir; ähnlich wenn man sehr aufgeregt ist; ein bewegungsloses Zittern. Ich wüßte nicht, dass und warum ich aufgeregt sein sollte. Oder genügt schon das Aufwachen in einen neuen Tag, der mich einfach von vornherein überfordert? Ich meine, es ist ja in meinem Leben vieles ungeklärt und scheint unlösbar, angefangen bei meiner sogenannten sozialen Sicherheit.

Nun beginnt es wieder zu regnen und das Geräusch ist so schön! Ich kann das genießen (außer es regnet so stark und böig, dass dir das Wasser bei der undichten Stelle am Fenster herein rinnt – der innere Spötter).

Es ist schon wahr, dass ich eigentlich angespannt bin und meine Ruhe bloß eine verschreckte Oberflächlichkeit à la Totstellen. Mein Gehirn vermutet überall Gefahren und in Wirklichkeit kommt mir vor, dass alles in mir, und rundherum die gegenständliche und gesellschaftliche Wirklichkeit zerbröselt und das Ganze bald zusammenbrechen wird. Ich empfinde mich in einer Endzeit (das ist ja schon von deinem Alter her nicht ganz falsch – der innere Spötter).

Aber ich genieße trotzdem das Rauschen des Regens, das melancholische Grau draußen und freue mich auf das üppige Frühstück, das ich mir bald bereiten werde. Aber jetzt will ich noch ein wenig im Bett lesen.


(11.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4605 Das Käuzchen ruft

 



23:49.  Lange ist es nicht mehr bis zur Geisterstunde (oder halten sich die Geister nicht an die Sommerzeit? - der innere Spötter). Ich habe den Tag genossen: wieder auf meine alte Art mit Käse und Gemüse gefrühstückt und mit Tee statt Kaffee; habe gelesen (van-Gogh-Briefe, sehr sehr interessant! Gehen mir zumindest stellenweise sehr nahe), einkaufen, dann die Walking-Runde 13475 Schritte, fast 10 Kilometer, dann habe ich mir Salat zubereitet, Buchweizen gekocht, Cremespinat dazu, dem ich etwas Knoblauch beigegeben habe. Nach dem Essen war ich richtig satt und voll. Ein bißchen Küchenarbeit, Internet, lesen … ein schöner Tag!

Ist das ein Käuzchen, das da ruft? Sind doch schon die Geister da? Ruft es noch? Ich werde aufstehen und nachschauen.

Ich bin aufgestanden und aus meinem Zimmer ins ehemalige Atelier gegangen und tatsächlich: auf der Hofseite ruft ein Käuzchen. Ich habe kein Licht aufgedreht, um in die Nacht hinaus sehen zu können, aber wie zu erwarten habe ich das Käuzchen nicht entdeckt. Aber seine Rufe sehr nahe und deutlich gehört. Und so schön! (Ich pfeife auf den Aberglauben) Danke, Universum, danke.

Natürlich habe ich heimlich spekuliert, dass es eine Botschaft für mich sein könnte (die Zeit wirft immer Bilder aus), und eine solche könnte ich brauchen. Freilich ist das eitel, kindisch und letztlich größenwahnsinnig. Und gäbe es wirklich eine Botschaft, wäre ich zu blöde, sie zu verstehen (sooo mußt du dich auch wieder nicht Rationalität und Vernunft unterwerfen – der innere Spötter).

Jetzt höre ich keine Rufe mehr. Zurück vom Atelier (ich) hat es (das Käuzchen) aufgehört zu rufen.

Und wie schön und schwarz die Götterbäume im Hof im Dunkeln über die Dächer ragten. Mir gehen die Rufe des Käuzchens ab; ich würde sie gerne noch länger hören. Bin ich zu früh zurück ins Zimmer gegangen? Mir war aber schon kalt und vom Stehen bekomme ich Kreuzweh.


(10.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 10. September 2026

4604 Eine zweite Maschine

 



15:08.  Der depressive Anfall von gestern ist vorbei (keine Sorge! Ein neuerlicher wird garantiert wieder kommen – der innere Spötter) und schon verprasse ich mein Geld (keine Sorge! Du wirst eh heute noch im Lotto gewinnen – der innere Spötter). Die Musik gefällt mir, unbekannterweise. Musik ist auch ein Argument fürs drinnen Sitzen. Ich muß zugeben: ohne depressiven Zustand schreibt’s sich schlecht. Was soll ich da schreiben? Dass meine Frau auch da herkommt? (warum nennst du sie nie mit Namen? - der innere Spötter). Tja, warum? Genau weiß ich es nicht. Wegen der archaischen Vorstellung, dass den Namen zu wissen Macht über die benannte Person bedeutet? Wer weiß. Jedenfalls habe ich ihr eine SMS geschickt, dass ich vergessen habe, die restliche Fischsuppe in den Kühlschrank zu stellen. Zu spät. Sie ist schon da. Die spinatgrüne Garderobenwand dort beim Eingang ist sehr schön. Also: Holzleisten in einem Grün, wie wenn man in den passierten Spinat das Eigelb vom Spiegelei schon ein wenig eingerührt hat, erzeugen in ihrer senkrechten Anordnung auf schwarzem Untergrund mit kleinen Abständen dazwischen ein gestreiftes Relief grün-schwarz, das sehr schön und sehr elegant ist. Ich meine das ernst!

Um mich abzulenken nehme ich das Angebot meiner Frau – ein halbes Croissant – an, esse es und schaue durchs Fenster zur Eingangstür des Amtes für Eich- und Vermessungswesen, in deren Glas sich alles mögliche spiegelt und collagiert. Und man hat einen Durchblick zum Hof dahinter, weil der Hinterausgang ebenfalls mit einer Glastüre versehen ist. Ich sehe einige undeutliche Gestalten meinen Durchblick querend in den Hof gehen. 15:45 – Amtsschluß? Ist im Hof der amtsinterne Parkplatz? Ich habe keine Ahnung. Die schöne Europafahne über dem Eingang begrüße ich wie eine alte Bekannte. Noch ist die Fahne ganz ruhig (es ist Wetterumschwung und Schlechtwetter angesagt); die Sonne ist schon verdeckt. Ja, der Hof ist ein Parkplatz; ich sehe ein Auto hinter der zweiten Glastüre vorbeigleiten. Wirklich schöne Musik aus den Boxen. Ich muß nach Hause zur Wäsche. Eine zweite Maschine voll wird noch nötig sein. Und das Geschirr auch.


(9.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 8. September 2026

4603 Ein Trick

 



8:10 a.m.  Mir ist nicht gut. Gut, das ist nicht so wichtig.


11:17 a.m.  Wirklich, ich fühle mich elend. Ich weiß nicht, was mir jetzt so schwer auf der Seele lastet (mir würde schon was einfallen: dass auf deinem Konto schon jetzt zu Monatsbeginn nur mehr € 40.- drauf sind – der innere Spötter). Der Lichtengel, zu dem ich nun ernsthaft um Hoffnung bittend hinschaue, ist nur eine schöne, hell strahlende Wandlampe, die ein wenig flimmert, wenn ich länger hinstarre. Meine Blicke, die ich da hin und dort hin werfe, auch zur Platane in der Laube draußen, sehen nichts, sondern fallen irgendwie durch alles hindurch, ohne auf etwas Festes zu stoßen. Und wenn ich ihn, den Blick, doch abbremse und er mir sagt, „dort steht eine Platane“, kann ich ihn kaum verstehen und glaube ihm nicht recht und bestenfalls antworte ich „na und?!“. Dabei ist sie, die Platane, ein Lebewesen mit Bewußtsein, mit dem man wirklich kommunizieren könnte. Ja, ich pfeife mein Geschau zurück, auf dass es sich ernsthaft anstrenge, nicht alles Erblickte zu verlieren, denn heute macht mir das ein wenig Angst. Selbst die gute Musik im Lokal macht mich unruhig und nervös. Zum ersten Mal, seit ich dieses Lokal besuche – und das sind einige Jahre – schaue ich mir die Pflastersteinstufen zur Laube hinauf an und betrachte länger ihre Form, ihre Farben, den Mörtel in den Fugen zwischen den einzelnen Steinen.

Die Zeitungen habe ich heute mehr durchgeblättert als aufmerksam gelesen; so etwas wie Überdruß. „Warum“ klebt über der Pissoirmuschel und das frage ich mich auch, aber heute entgleitet mir die Frage, fällt hinunter und verschwindet in einem vagen Abgrund unter dem angeblich stabilen Terrazzoboden. Ein Gelenkbus fährt hinter der Laube die Burggasse hinunter und hinterläßt einen unsichtbaren, tunnelartigen Sog. Die Passanten draußen bewegen sich wie, wie … ich wollte schreiben: wie in einem mechanischen Puppenspiel, aber das trifft es doch gar nicht! Den Song jetzt kann ich viel besser annehmen. Ich blicke auf meine am Kaffeehaustischchen abgelegte feminine Gary-Larson-Cartoon-Brille und frage mich, warum ich gerade diese als Lesebrille verwende, denn dieses komische Kuh-Flecken-Muster an Bügel und Gestell ist doch völlig lächerlich! Aber ändern wird diese Frage nichts – weder an meiner Brille, noch an meinem Leben, noch an der Weltgeschichte (bist du allmählich bereit, dein Haupt zu heben und deine Verzweiflung aufzugeben? - der innere Spötter). Oh ja! Jetzt jammert eine E-Gitarre gemeinsam mit ihrem Sänger so richtig aus den Boxen; darum bleibe ich noch ein wenig sitzen, bleibe noch ein wenig da.


12:10.  Auf dem Weg durch das Mittagsgeläut und durch die Stadt sehe ich, wie der Wind ein verdorrtes und abgefallenes Blatt über den Asphalt weht, dass es sich überschlägt.


12:52.  Ich sitze nun am Karlsplatz auf einer Bank im Schatten von Platanen und habe am Weg hierher ein paar Lottotipps abgegeben (guter Trick! Sehr gut! Jetzt mußt du jedenfalls die Ziehungen abwarten! - der innere Spötter) und versuche, die Beklemmung loszuwerden. Die Sonne blinzelt durch das Laub, die abgestorbenen Blätter liegen am Boden, kein Wind bewegt sie, eine Wespe überfliegt ein paar von ihnen anscheinend lustlos. That’s it. Laut ist es hier von der Straße (Friedrich-/Lothringer-) und einem Baulärm; das alles hinter meinem Rücken. Vor mir der Park, irgendein Denkmal – mir ist es zu blöd, aufzustehen, hinzugehen und nachzuschauen … ah, jetzt erkenne ich Kopf und Gestalt und kann auf einmal auch die Inschrift lesen (Brahms). Das Ganze spricht mich nicht an; ich verabscheue das Neunzehntes-Jahrhundert-Pathos. Egal! Ich lasse mich darauf nicht weiter ein. Die Karlskirche ist mir auch sowas von egal – ich kann mit dem pseudoreligiösen Theater des Barock nichts anfangen. Ein sanfter Wind kommt auf und schiebt die dürren, abgefallenen Blätter über das Straßenpflaster. Nur kurz. Eine telefonierende Frau nebenan schreit ins Handy, dass es in den Ohren weh tut; auch ihr Tonfall geht mir massiv auf die Nerven. Normalerweise werde ich solche Stimmungen beim Wandern los. Heute funktioniert es nicht. Auf! Los! Weiter!


(Das schöne Angelusläuten beim Eintippen! – der Tipper)


(8.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4602 Zeit zu schlafen

 



23:10.  Ich bin so müde und meine Augen sind mir mindestens so schwer wie mein Herz. Ich mag mich jetzt gar nicht fragen, woher das kommt und wie sich das zusammengebraut hat. Ich bin nämlich müde. Seelisch müde vor allem. So müde. Nachdem sich mir an der Wand meines „Hausaltars“ eine Gestalt halluziniert hat, die an ihren Konturen bunt, im Inneren jedoch leer ist und sich ein wenig bedrohlich bewegt hat, denke ich: es ist Zeit zu schlafen.


(7.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4601 Heilung der Seele

 



12:27.  Kaum ist etwas Geld hereingespült, prasse ich und brösel mein aufgeschlagenes Notizbuch am Kaffeehaustisch an. Dabei ist das heute gar kein regulärer Besuch hier. Mein üblicher Einkehrtag ist morgen. Fröhliche, eher ältere Sommerhitmusik aus den Boxen (wie in meiner Jugend um 11h im Radio), grenzwertig, aber geht heute, denn sie ruft das letzte Feriengefühl hervor. Die zwei Hirschen unter Tannenbaum und Schreibtischlampe, der Lichtengel an der Fensternischenwand angeschraubt. Der Deckenventilator dreht sich gegen den Uhrzeigersinn; vielleicht kann er den Fluß der Zeit etwas einbremsen, aber zurück will ich nicht (außer ich könnte alles Geschehene korrigieren und verbessern). Immer wieder schaue ich auf die Armbanduhr, weil ich heute meine Psychotherapie habe und bin unüblicherweise – ich schätze – eine dreiviertel Stunde Fußmarsch entfernt. Oh, jetzt spielen sie Nina Simone! Gleich erhellt sich in mir etwas; ich weiß nicht: ist es das Wiedererkennen der Stimme oder deren Ausdruck und Intensität. Ich lese zur Zeit van Goghs Briefe an seinen Bruder Theo aus seiner frühen Zeit und ich staune, wie viel mir – trotz aller Unterschiede – vertraut vorkommt. Zum Beispiel sein verzweifelter innerer Kampf um Daseinsberechtigung. Sein Kampf ums Zeichnen. Das nur so nebenbei. Ich sitze schon auf Nadeln, weil ich bald aufbrechen muß (er hat doch tatsächlich statt Nadeln ausgerechnet Nabeln hingeschrieben! - der innere Spötter). Ich fange das jetzt nicht zu deuten an.


13:26.  Also: der Fußweg dauerte in Wahrheit eine halbe Stunde. Dabei habe ich schon bei der dreiviertel Stunde noch einen Puffer von einer viertel Stunde extra dazugerechnet und bin trotzdem nicht eine Stunde vorm Therapietermin losmarschiert, sondern noch zehn Minuten früher. Das zu meiner ständigen Sorge, zu spät zu kommen und die auf mich warten, zu enttäuschen (im wirklichen Leben bin und habe ich das wirklich). Nun sitze ich in Hof 5, den ich mir heimlich (da schau her, er schreibt gar nicht klandestin! - der innere Spötter), den ich mir heimlich gerne als Hof eines Klosters phantasiere, wo ich Auskommen, Aufgabe und Ruhe gefunden habe; was heute nicht so leicht ist, weil eine Gruppe junger Mädchen – ich tippe auf Erstsemestrige oder Oberstufe Gymnasium – einen Tisch besetzt haben und sich sehr aufgeregt und laut kichernd austauschen. Passt schon. Geht schon. Ich halte das gut aus, weil es mich amüsiert. Der Wind ist auch ganz mild und das Wetter spätsommerlich. Die letzten Sommertage; diese Wehmut, Ende der Ferien, die Erwartungen haben sich nicht erfüllt, jetzt kann man bald nur noch heimgehen und im Zimmer Musik-hören. Immerhin trage ich Natriunhydroxid bei mir, das ich am Vormittag bei Neuber’s Enkel gekauft habe, womit wir verstopfte Ausgüsse und Abflußrohre reinigen.

An einem Feigenbaum, dem Narrenturm, dem Denkmal מרפא לנפש - Marpe Lanefesch - Heilung der Seele (das ehemalige Gebetshaus für die jüdischen Patienten des Allgemeinen Krankenhauses) und am großen, hohen, abgrundtief hässlichen Nebengebäude der Österreichischen Nationalbank vorbei wandere ich langsam Richtung Psychotherapie.


(7.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4600 Gebet eines Müden

 



23:31.  Lieber Gott, hilf mir in meiner Not. Staubflanken schweben durchs Zimmer, weil ich mich bewegt habe, und ich bin so müde. Die Nacht sagt mir nichts mehr und zeigt mir nichts und reißt mir nur mein Maul zu einem großen Gähnen auf. Mein innerer Spötter grinst schon wieder blöd, aber eingefallen ist ihm doch nichts. Daseinsberechtigung, das ist die Frage, aber was kann man da schon antworten?


(6.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026     peteraloisrumpf@gmail.com