Dienstag, 29. September 2026

4628 Es geht

 



8:47 a.m.  Auch jetzt bin ich satt. Meine Augen sind noch ganz vom Schlaf verklebt, aber ich raste noch ein wenig und sammle mich, bevor ich zur Morgentoilette ins Bad gehe. Und schon verliere ich mich in Gedankenreisen und habe vergessen, mitzuschreiben. Ich habe heute vor, in mein Lieblingscafé zu kommen und freu mich und bin ganz aufgeregt, aber ganz angstfrei ist der Start in den Tag trotzdem nicht. Aber es geht.


(29.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4627 Das Zeug weglegen

 



21:53.  Manchmal sehne ich mich unglaublich nach Ruhe und nach Feierabend auch für die Seele, dass sie sich nicht ständig so quälen muß. Deshalb habe ich mich schon zu Bett begeben, hocke noch bei Leselicht mit den Pölstern im Rücken da und horche mich außen und innen um. Ich will nichts. Trotzdem klopft mein Herz aufgeregt, was ich als einen Widerspruch zu meiner müden Trauer um die Augen herum empfinde. Ich lasse alles wie es ist. Ich bin auch satt. Die Augen fallen mir immer wieder zu. Ich spüre mein Herz arbeiten; ganz deutlich spüre ich, wie es pumpt. Ich muß seufzen. Vom Flur kommen Stimmen herein. Kurz, dann höre ich, wie eine Tür geschlossen und abgesperrt wird.

Ich werde jetzt das Zeug weglegen, das Licht abdrehen und in die Dunkelheit starren.


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4626 Ein Schippel

 



12:11.  Ein gelber Hubschrauber fliegt diagonal über die Sorbait-Tor-Ecke des beschaulichen Hofes mit der Nummer 5 und macht viel Lärm. Ein fast spätsommerlicher Herbsttag, sonnig, warm, blauer Himmel. Ich wollte gar nichts schreiben – eigentlich bin ich heute vor meiner Psychotherapiestunde schmähstad – aber die Macht der Gewohnheit … - oder was das wirklich ist. Sanft raschelt der Wind mit den dürren, mottenzerfressenen Blättern im Kastanienbaum. Viele Rosskastanien liegen schon blank, in Schale oder mit Stachelkappe herum. Wirklich still ist es hier nicht, aber ruhig. Die komplett leeren Fahrradständer – zur Gänze in der Sonne – werfen ihre regelmäßig und geordneten Schatten zu Boden. Werfen? Gut, sie lassen sie zu Boden. Sie schicken sie zu Boden. Nein, auch nicht. Die Schatten sind einfach da. Ich komme mir ziemlich herzlos vor, dass ich da sitze und schreibe. Mir fällt die grüne Treffpunkt-Tafel auf. Hier also soll ein markierter Treffpunkt sein. Meinetwegen. Manchmal gehen, laufen oder skaten Leute durch den Hof. Die fallenden Kastanien schlagen mit dumpfen Knall am Boden auf. Ein älterer Mann telefoniert und ruft: „Schau ma mal!“ Ich bin hier – soweit ich weiß – nicht allzu weit von den zum Sezieren aufbewahrten Leichen entfernt. Der Geräuschpegel sinkt fast bis zur Stille ab. Fast. Und nur kurz. Der Verkehrslärm legt wieder zu. Schritte im Laub und raschelndes Papier. Ich bekomme auch Hunger, zumindest Appetit, aber ich werde es mir verkneifen, zum Supermarkt vorzugehen und etwas zum Essen zu kaufen. Ich werde unruhig und ein ganzes Schippel Kastanien knallt gleichzeitig auf den Boden. Ich werde zu unruhig. Zu Hause hatte ich noch im Internet eine der üblichen, vermutlich nicht ganz seriösen, wahrscheinlich nicht ganz falschen Listen der Merkmale der Narzissten gelesen. Und wie immer, wenn ich so etwas lese, denke ich: Die treffen alle auf mich zu! Und gleichzeitig: Verdammt! Ich bin schon leicht zu beeinflußen!


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4625 Freiheit

 



8:36 a.m.  Das Frühstücksmüsli habe ich schon verzehrt und bin wieder unter die warme Decke geschlüpft und damit meine Leserinnen und Leser dazu keine allzu romantischen Vorstellungen aufbauen: das Handy habe ich schon in einer Bauchtasche umgeschnallt. Tränenreiche Niesanfälle suchen mich heim und wollen mich zu einer Schreibunterbrechung – mindestens! - zwingen, aber ich gebe nicht nach und schreibe fast blind weiter, egal, ob es die GötterInnen und SchutzpatroneInnen der Schreibenden oder die der Lesenden sind, die mich abhalten wollen.

Jetzt habe ich brav um Recht und Möglichkeit zu schreiben gekämpft, aber einfallen will mir nichts mehr. Vermutlich habe ich das Pferd von der falschen Seite her aufzuzäumen versucht: es gehört doch zuerst der Inhalt, dann die Form. Auf meinem Abstellgeleise ist mir das aber schon wurscht; so weit weg von jeder gesellschaftlichen, akademischen, religiösen, literarischen oder sonst irgendeiner Relevanz schreibt es sich irgendwie frei und unbekümmert und ich brauche auf überhaupt keine stilistischen oder literarischen oder grammatikalischen oder sonst welche Regeln Rücksicht nehmen (zum Beispiel, dass man nicht dauernd irgend- schreibt und auch nicht ständig die eigene Schreiberei zum Thema macht). Das ist auch eine Art Freiheit, und sei es die wirkungslose Freiheit eines Narren.

Was mir zur wirklichen Freiheit fehlt, ist, dass ich mir noch immer Gedanken und Sorgen mache, was mit meinen Texten nach meinem Tod passieren wird. Wenn ich das loslassen könnte, wäre ich sozusagen „schriftstellerisch“ – ich rede nur auf der Ebene der Freiheit eines Schreibenden – wirklich fröhlich und frei.

Jetzt sind es Hustenanfälle, die mich einbremsen wollen.


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4624 Unsichere Rechnung

 



0:40 a.m.  Die Sonne steigt noch nicht auf, aber in zirka zwanzig Minuten wird sie damit beginnen, während in meinem Zimmer, nachdem ich mich zu Bett begeben und zugedeckt habe, die Staubflankerln im Lichtkegel der Leselampe nur so umherwirbeln. Jetzt denke ich gerade daran, dass, wenn ich mir ein super Energiesparhaus bauen lasse, ich trotzdem auf einen Raum mit Herd oder Ofen bestehen würde, für den Fall, dass durch irgendeine Katastrophe oder einen Krieg die Infrastruktur in Österreich so zerstört ist, dass die professionelle Wartung komplexer Heizungsanlagen und die Lieferung elektronischer Ersatzteile nicht mehr gewährleistet ist, und ich dann dennoch wenigstens einen Raum mit Holz aus dem Wald zum Beispiel heizen kann, wenn mein Haus noch bewohnbar ist. Damit beschäftigt sich mein Geist interessanterweise immer wieder (dem inneren Spötter fällt jetzt gar nichts ein, dabei müsste das für ihn doch ein aufgelegter Elfer sein!). Ja, und heute Abend hat die österreichische Nationalmannschaft gegen Kosovo 3:1 gewonnen, ohne den gerechtfertigten Elfer zugesprochen bekommen zu haben.

Jetzt ist gleich die Tiefe der Nacht durchschritten und – Moment! Sonnenuntergang und Sonnenaufgang müssen nicht exakt gleich weit von Mitternacht entfernt sein, oder? Das wird mir jetzt zu viel Rechnerei. Nein, ich belasse es dabei: der tiefste Moment der Nacht. Wenn der Tipper will, kann er es ja noch tagsüber recherchieren; ich bin müde (Sonnenuntergang: 18:44; Sonnenaufgang: 6:50. Das heißt: 6 Stunden 16 Minuten vom Untergang bis Mitternacht; und – der Tipper hat große Schwierigkeiten, das alles auszurechnen und ist sich überhaupt nicht sicher, ob die Rechnung stimmt – 5:50 bis Sonnenaufgang – der brave, aber überforderte Tipper).


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 24. September 2026

4623 Partout

 



11:37 a.m.  Es ist ja so: ich nehme das Notizbuch zur Hand, den Pilotstift – wobei ich vorher eine Farbe auswähle – jetzt gerade hatte ich die gewünschte nicht dabei – setze – in letzter Zeit immer seltener – die Lesebrille auf und meistens habe ich keine Idee, was ich schreiben könnte. Nur ganz selten habe ich eine vage Idee zu einem ersten Satz, den Öffner, nach dem alles (im Guten wie im Bösen – der innere Spötter) nur so heraussprudelt – so wie jetzt auch. Aber ich habe ein immer sichereres Vertrauen, dass aus meinem reichen (oder wegen der Fixierungen armen – der innere Spötter) und stark bebilderten und reichlich verbalisierten Innenleben sich immer etwas zu schreiben anbietet (wie gesagt: im Guten wie im Bösen – der innere Spötter). Jetzt kommt aus den Boxen gerade eine sehr schöne, nicht nur, aber stark instrumentalisierte Fassung von Hair und Let the sunshine …, die ich noch nicht kannte. Und der kurze Gesang der unbekannten Sängerin erst gegen Schluß war schön, beeindruckend, dezent und überzeugend. Übrigens sitze ich heute ganz hinten beim gekippten Hoffenster, wo ich durchs ganze Lokal hindurch einen kleinen Ausschnitt der Gartenlaube und der beregneten Burggasse sehe. Ich halte inne und schaue den paar von hier aus sichtbaren Platanenzweigen zu, wie sie sich dem Wind hingeben und sich sanft schaukeln lassen. Ist das freiwillig? Zumindest die Windbestäuber unter den Pflanzen müssen den Wind im Programm haben. Als Egozentriker frage ich gleich (wen eigentlich? - der innere Spötter), was ich im Programm habe. Die Tür mit der Aufschrift Privat keine zwei Meter links vor mir, kann mich nicht daran hindern, mir solche Blößen zu geben. Auch hier sind die Leute so tüchtig, selbst wenn sie etwas unsicher von draußen hereinkommen. Gleich rechts von mir an der Nischenwand hängt eine Schielereproduktion – den Schiele hasse ich und kann ihn nicht mehr sehen – aber dieses Bild hier – Bäume bei untergehender Sonne – geht. Die Farbflächen sind noch nicht zu Ende – ornamentisiert ist nicht das richtige Wort – aber wie sage ich? - … im Farbauftrag ist noch etwas Lebendiges (schweig still, Schwätzer! - der innere Spötter). Ich schaue auf die Uhr und überlege, ob ich gehen soll, aber weil ein Kellner in den hinteren Gastraum kommt, herumschaut, ob alle Gäste zufrieden sind, und dabei auch zu mir einen fragenden Blick wirft, bestelle ich noch einen Kaffee. Mir fällt auf, dass ich immer öfter das zum Kaffee gereichte Schnittenstück verzehre; früher habe ich es meist liegen lassen (innerer Spötter! Falls du dich über diese Erzählungen, die niemand interessieren können, mokieren willst, erinnere ich dich: ich schreibe nur mehr fürs Protokoll!). Die Musik jetzt: leicht lateinamerikanische Rhythmen, jazzige Instrumentierung und Melodienführung und mit englischsprachigem, soulangehauchten, dezent Tom-Jones-ähnlichem männlichen Gesang – sehr tolle Melange und angenehme Musik! (… und im Abgang … - der innere Spötter). Ich schmunzle innerlich beim Gedanken, wie ich so durchs Leben schwimme und drifte, so ohne Plan, ohne Strategie und ohne bewußtes Ziel. Was letztlich auf mich zukommt, das ist absehbar. Trotzdem lasse ich mich jetzt in die Musik, das lokalinterne Stimmen- und Geräuschgewirr, den optischen Reizen - wie die schwankende Deckenlampe, an der sich soeben ein Gast den Kopf angehaut hat - und überhaupt in die dezente Buntheit hier, sowie in das ziellose, passive und ambitionslose Zuschauen der Lebensbewegungen hier sinken und meinetwegen könnte ich untergehen oder wenigstens einschlafen. Zuschauer! Das ist es! Wenn ich wach bin, schaue ich dem Leben zu, sonst schlafe ich (nach dieser großartigen Erkenntnis könntest du das Schreibzeug weglegen und Ruhe geben – der innere Spötter). Eine sehr schöne, trauernde Klarinette, ein sehr schöner, sanfter Frauengesang und schöne, disziplinierte Perkussion; und der Bass weiß auch, was er tut und trumpft nicht unnötig auf - es gibt wirklich viel, viel schöne Musik auf dieser Welt.


14:15.  Auf meinem pilgerartig betriebenen Fußmarsch nach Hause hat es mich weit abgetragen, weil ich partout bisher unbekannte Wege gehen wollte.


(24.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4622 So tüchtig

 



14:38.  Die Menschen sind so tüchtig! Ich sehe das rundherum (er verkneift sich das „alle, außer mir“ dazuzuschreiben, weil ihm schon klar ist, dass das als kokettierende Übertreibung eine Selbsterhöhung ex negativo – im übertragenen, aber eigentlich wörtlichen Sinn – ist und jeder überreißt, dass es so nicht stimmt und zu auffällig ist, um als Demut missverstanden zu werden. So blöd ist er nicht, um sich so so angreifbar zu machen. Aber ich bin sicher, er wird das Thema und seine Selbsterhöhung - so rum oder anders rum – irgendwo anders und bemüht unauffälliger unterbringen – der innere Spötter). Ein extrem hysterischer kleiner Hund kläfft in ohrenbeleidigendem Tonfall und ohrenbetäubender Lautstärke unter dem Tisch seines Frauchens hervor. Nein, nein, ich bewundere wirklich die Tüchtigkeit der Menschen, wie gekonnt sie ihrer Arbeit zum Beispiel nachgehen, wissen, was zu tun ist, wie man sich benimmt und wissen, wie man nicht in Selbstzweifel fällt und dauernd über sich stolpert (seht ihr! Was habe ich gesagt! - der innere Spötter). Jetzt fällt mir nichts Rechtes mehr ein; das Lokal ist um diese Uhrzeit eher leer; da gibt es nicht so viel zu sehen, was ich beschreiben könnte (Ausrede! Und Feigheit - der innere Spötter). Ein bißchen muß ich noch ausharren, damit ich zu Hause nicht in die Tageskinder-Abholzeit komme.

Ich könnte jetzt aber ein paar Einkäufe erledigen, dann geht es sich zeitlich aus. Die Wäsche in der Waschmaschine könnte auch schon fertig sein.


(23.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com