Freitag, 23. Oktober 2026

4662 Ich drehe mich um

 



16:23.  Ich sitze am Zusammenfluß der Leopoldsgasse mit Im Werd und habe die schönen Bäume im Rücken. Wenn ich sie anschauen wollte, müßte ich von der Holzbank auf die Steinbank gegenüber wechseln, aber ich fürchte, da würde mir der Hintern zu kalt werden und das kann ich mir alter Mann gerontologisch und urologisch nicht mehr leisten. So starre ich statt auf die schönen Bäume auf den hässlichen Neubau von 1990 unter Bürgermeister Zilk. Die schlichte Stein- wohl richtiger: Betonbank davor gefällt mir in ihrer schönen Form allerdings schon. Wichtig ist: ich bin kein Nostalgiker! Was mir am Bau vor mir mißfällt ist nicht, dass er neu ist, sondern dass er ästhetisch mißglückt ist. Als hätte ein unbedarftes Kind mit vorgegebenen Legosteinen ein Haus gebaut, aber konnte den spießigen, kleinstbürgerlichen Legovorgaben nicht entkommen. Genug davon. Warum jedoch sitze ich da? Weil ich mein Kaffeehausgeld für diesen Monat schon verbraucht habe (Eigentlich all sein Geld. Hätte er zehn Euro, würde er im Kaffeehaus sitzen – der innere Spötter). Ich hatte mir zu Hause eh einen - dünnen – Kaffee gemacht, genug Coffein, um in keinen Entzug zu geraten, aber das ist nicht das Gleiche wie im Kaffeeamt, Leo, Katscheli oder Espresso Burggasse. Die Zeitungen fehlen, der überaus freundliche Service, die Musik aus den Boxen, die Stimmen und die Gestik der anderen Gäste … (über die er dann in seinen Texten gerne Witze macht oder meckert – der innere Spötter).

Huch! Kalt ist es. Ein Mann auf der Straße redet in Gesten mit sich selbst, oder – weil er vor einem dort geparkten Motorroller steht – vollführt so eine Art Fahrzeugsegnung. Eher letzteres. Zuerst hat er sich umgeschaut – mich hat er übersehen – dann hat er ganz verhalten, aber deutlich seine Hände wie segnend – wie bei einer Handauflegung aus der Distanz – zum Roller hingehalten. Mir kommt vor, er hat den nicht selber hingestellt, sondern das Fahrzeug stand schon da, aber sicher bin ich mir nicht; ich hatte meinen Kopf schreibend über das Notizbuch gebeugt.

So etwas Ähnliches jedoch könnte ich mir auch überlegen: mein gelegentliches und phasenweise regelmäßiges Reden mit Donau, Sonne, Wind und Erde und das gelegentliche und phasenweise regelmäßige Grüßen von Bäumen und Krähen zum Beispiel könnte ich tatsächlich ausbauen! Aber Motorfahrzeuge werden es eher nicht sein, aber wie ist es mit Sitzbänken, Häusern, Fahrrädern? (letztere nur ohne Motor!) mit Straßen, Gehwegen, Kinderrollern? Verkehrszeichen (ich weiß nicht …), Mistkübeln, Pflastersteinen, Stränden? Mit Ländern? Sprachen? Restaurants (zum Beispiel die schöne Perle), Cafés (siehe oben)? Die Wolken am Himmel? Die schönen gelben Blätter am Boden? Na, egal, ich werde darüber nachdenken. Ich gehe nach Hause in die warme Stube (naja: in seine Kemenate; 21°C – der innere Spötter).

Ich erhebe mich nicht ohne Mühe von der Sitzbank, drehe mich um, betrachte noch kurz die schönen Bäume und gehe los. Weit habe ich es nicht.


(23.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 22. Oktober 2026

4661 Zwanzig Euro

 



12:11.  Ich sitze in der Albertina modern in der sogenannten Cafeteria neben dem Stiegenaufgang, nachdem ich die Vasarely-Adrian-Ausstellung angeschaut habe und wie der letzte Junkie habe ich mir beim dortigen Kaffeeautomaten einen Cappuccino runtergezogen – nicht ohne Hilfe der Dame, die sich hinter mir angestellt hatte, und die mir angesagt hat, wo ich wann drücken muß – manchmal kommt mir vor, ich bin, was den Savoir-technique betrifft, ein Dodel aus dem vorvorigen Jahrhundert – einen Cappuccino also, ein Euro zwanzig – dachte ich – geht sich noch aus.

Übrigens bereiten sie hier eine große Franz-West-Ausstellung vor, wie ich durch die Glastür sehen konnte, und irgendwie freue ich mich auf diese, obwohl ich dem West gegenüber eine gewisse Reserviertheit habe. Aber auf eine seiner Skulpturen – den Namen habe ich vergessen – bin ich total abgefahren und habe sie – als sie vor Jahren hier ausgestellt war – obwohl es keine Sitzgelegenheit gab – stundenlang und immer wieder und bis zu Tränen gerührt betrachtet (naja, stundenlang ist übertrieben, aber für seine Verhältnisse sehr, sehr lang; wir reden von Viertel-, halbe, Dreiviertelstunden - der innere Korrektor).

Die Vasarely-Adrian-Ausstellung hat mir mehr gefallen, als erwartet – Adrian war ja auch ein REM-Freund (erinnerst du dich da richtig? Das Ganze ist unbelegt! - der innere Korrektor) – und ich habe viel photographiert. Aber der Kaffee! Viel zu süß; ich mag ihn nur bitter; kein ohne-Zucker-Knopf am Automaten gefunden.


13:03.  Auf dem Weg von der Albertina modern (= Künstlerhaus) ins Mumok bin ich ins Wien-Museum geraten und sitze jetzt hinter den Donnerbrunnen-Figuren, der Hintern der Dame – keine Ahnung, ob sie die Enns ist - es ist nichts angeschrieben; alles nur mehr mit Handy abrufbar – direkt vor meiner Nase und von rechts schaut mich der detailgenaue nackte Arsch eines jungen Mannes an – ich weiß auch nicht, ob das der Inn ist. Mir ist sowieso alles zu viel; die vielen Texte lesen - nur diese Aufschriften gibt es anscheinend nicht (er macht sich nachträglich Sorgen, dass er diese übersehen haben könnte, deshalb jetzt auf einmal „anscheinend“; das war vorher noch nicht im Text – der Tipper) – diese Texte alle lesen: nein danke! Schon genug! Videos, Filme, andere Berieselungen gehen.

Interessant: der Jüngling mit dem nackten Hintern scheint die Traun darzustellen. Aha: die Enns wird von einem alten Fährmann präsentiert. Der junge weibliche Hintern direkt vor mir gehört der Ybbs. Soll mir auch recht sein. Das alles mußte ich erst am Handy googeln. Ich gehe weiter.


14:27.   Völlig erschöpft und mit wehen Fiaß (okay: mit wehen Beinen) sitze ich im Wienmuseum unten in der Vorhalle und habe doch nur dreieinhalb tausend Schritte absolviert. Ich bin erledigt. Soll ich noch ins Mumok gehen? Mit müden Augen und unkonzentriert blicke ich in den Park hinaus und durch eine Lücke im Bewuchs auf Autos und Straßenbahnen in etwa vom Künstlerhaus. Ich kann und will noch nicht weiterwandern, aber nehme mir bereits vor, vorher jedenfalls aufs Klo zu gehen. Wir sind schon ein alter Herr! [den Pluralis Majestatis kannst du dir sparen! Und ebenso den „Herr“! Mann! Mann! Mann! (kopfschüttel) – der innere Spötter]. Zwanzig Jahre meines Nachruhms für zwanzig Euro! Damit ich auf der Stelle in ein gutes Kaffeehaus gehen kann, Kaffee trinken, Zeitung lesen, eine Kleinigkeit essen (du bist nicht Grillparzer! Auch wenn du vorhin die Rekonstruktion seines Zimmers hier im Wienmuseum angeschaut hast! - der innere Spötter). (Außerdem: wie wäre es mit Nach-Hause-Gehen? Dort gibt es genug Nahrung und sogar Kaffee? - der innere Spötter.) Regnet es jetzt? Schaut durch das Glas der Frontscheiben so aus. Dann hätte ich eine Ausrede, einfach mit den Öffis heimzufahren und auf die zehntausend Schritte zu pfeifen. Ffffffüüüü! (Es hat nicht geregnet; er ist brav nach Hause gegangen – der Tipper.)


(22.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4660 Einfach herrlich

 



0:26 a.m.  Es regnet und ich habe im Zimmerfenster zwischen die Scheiben drei Küchenrollen ausgelegt, weil das Außenfenster undicht ist. Noch werde ich nicht hysterisch, aber es bahnt sich die nächste Überforderung an. Jetzt lasse ich mich auf keine Sorgen ein.


10:41 a.m.  Gott! War das jetzt schön! Ich bin beim Betthocken nochmals eingeschlafen – im Sitzen also – gut und warm zugedeckt; das ist natürlich kein tiefer Schlaf – ich höre von unten die Stimmen der Tageskinder, döse weg in kurze Traumsequenzen, wache immer wieder auf; das war so angenehm! So beglückend! Ich fühle mich so erholt, so erholt, wie schon seit Jahrhunderten nicht. Herrlich! Einfach herrlich!


(22.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 21. Oktober 2026

4659 Ich darf jetzt

 



8:39 a.m.  Mein Plan für heute war Fitnessstudio (diese drei „s“ schauen einfach beschissen aus! - der Tipper), aber das verschiebe ich auf morgen. Die körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Tage fordern ihren Tribut und so war das die dritte Nacht, in der ich schlecht geschlafen habe. Ich liege zwar 6, 7 oder 8 Stunden im Bett, erhole mich wohl auch ein wenig, aber an Tiefschlaf ist nicht zu denken; gefühlt alle Augenblicke reißt es mich hoch. Nach diesem tagelangen „Ich muß! Ich muß!“ kann ich mich nicht mehr richtig entspannen. Diese ganzen unangenehmen Erledigungen und überfordernden Entscheidungen, mit denen ich nichts zu tun haben will. Das ständige innerliche „Reiß dich zusammen!“ obwohl einem zum Heulen, Schreien und Hinschmeißen ist … davon will, nein muß ich runterkommen. Das gestrige Eintippen der Texte bis nach Mitternacht war auch nicht ohne. Darum habe ich mir heute das Frühstücksmüsli herauf geholt, um dem „Ich muß schnell runter in die Küche frühstücken, bevor die Tageskinder kommen!“ zu entgehen. Essen kann ich aber noch nicht. So hocke ich im Bett – beim flach Liegen habe ich mich auch nur mehr unruhig unter „Ich sollte noch schlafen!“ und mit leicht schmerzenden Beinen hin und her gewälzt – und seufze jetzt tief. ICH DARF JETZT DA IM BETT HOCKEN UND NICHTS TUN! Wir sind nicht im Krieg! (bist du sicher? - der innere Spötter.) Endlich kommen die tiefen Atemzüge, einer nach dem andern, und der Nervenknoten im Bauch beginnt sich zu lockern. Genau! Das am Morgen für zehn, fünfzehn Minuten gut zugedeckt im Bett Hocken, das mir so gut tut und das ich mir angewöhnt hatte, hatte ich im Stress der letzten Tage vergessen. Vergessen, nicht übergangen. Jetzt hole ich es nach, so lange und so viel ich davon brauche. Und frühstücken werde ich, wenn ich Hunger habe, und nicht, wenn es den Umständen passt. Ach ja! Blutdruckmessen und Medikamente nicht vergessen!


15:59.  Das letzte Kapitel der Handy-Internet-Malaise ist abgeschlossen; soeben habe ich das letzte Trumm zurückgebracht. Ich habe es verdient, im Kaffeeamt zu sitzen, Zeitung zu lesen und reichlich verspätet den ersten Kaffee des Tages zu trinken. Mehr wird sich finanziell nicht mehr ausgehen. Ich verplempere die letzten Euro des Monats.

Und erschöpft bin ich sowieso, dabei ist der Kaffee schon ausgetrunken. Und Fitness war ich heute auch.


(21.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 20. Oktober 2026

4658 Mit federndem Schritt

 



11:19 a.m.  Mit federndem Schritt bin ich im Espresso Burggasse eingetroffen, mit einem Weiler-Buch, das mir bei Wienerroither & Kohlbacher geschenkt wurde! Ich bin so glücklich!


12:03.  Emerson, Lake and Palmer habe ich aus Boxen gehört und irgendwann auch The Cream, den Standard habe ich gelesen, das wunderschöne Buch über eine Ausstellung von Max Weiler habe ich durchgeblättert … ich sitze im hinteren Raum, an der Wand gegenüber das prächtige, blecherne Segelschiff – von hinten beleuchtet, was es noch eindrucksvoller und dreidimensionaler macht. Meine Sorgensachen der letzten Tage habe ich inzwischen alle abgearbeitet und kann sagen: jetzt bin ich frei! (bis zum nächsten Mal – der innere Spötter)

Vor lauter Glück kann ich meine Gedanken gar nicht ordnen (hast du das jemals können? - der innere Spötter). Bei Wienerroither & Kohlbacher / Fine Art Vienna haben sie mich ermuntert, immer wenn die ausgestellten Bilderanschauen mag, anzuläuten. Ich hätte mich das als finanziell Impotenter nie getraut.
Die Wende ist so gekommen:
Beim Wienrroither & Kohlbacher haben sie heraußen vor der Tür einen Tisch stehen, wo sie Kunstkataloge zur freien Entnahme anbieten. Als ich heute am Weg von der Zahnambulanz in mein Lieblingscafé bei W&K vorbeiwandere, legt ein Mann aus dem Geschäft gerade Bildbände heraus. Ich gehe neugierig hin und der Mann drückt mir einen Band in die Hand. Ich sehe, dass es ein Klimtbildband ist und gebe ihn sogleich zurück und sage: „Den Klimt kann ich nicht mehr sehen!“ Um W&K, ihn und seine Freundlichkeit nicht zu kränken, füge ich wahrheitsgemäß an: „Aber ich schaue immer, wenn ich vorbeigehe, durch die Fenster, ob ich einen Weiler hängen sehe!“ [sie haben dort irgendwie mit dem Weilernachlass zu tun] und zeige auf das eine Weilerbild an der Wand. Darauf sagt der Mann: „Ich kann Ihnen auch einen Weilerbildband schenken!“ und lädt mich ein, doch einzutreten. Allein schon, dass ich das Geschäft betreten darf, rührt mich zutiefst. Ich schaue mir drinnen die Bilder an den Wänden an, besonders das Weilerbild, während der freundliche Mann nach hinten geht, um den versprochenen Band zu holen. Dabei komme mit dem ebenfalls freundlichen Mann am Schreibtisch im vorderen Raum ins Plaudern. Dass der Weiler einer meiner Lieblingsmaler ist, dass ich vor Jahrzehnten öfters zu Besuch in seine Klasse an der Kunstakademie war, weil ich einige seiner StudentInnen kannte und so weiter, bis ich auch von REM und der REMbox erzähle. Der Mann am Schreibtisch lädt mich tatsächlich ein, öfters hereinzukommen und mich hier umzusehen. Ich betone noch, dass ich kein Käufer sein kann und frage noch ganz erstaunt: „Ich kann an der Tür läuten und hereinkommen, obwohl ich aus finanziellen Gründen nichts kaufen kann?“ „Aber ja!“ war seine Antwort und er schlägt vor, meine E-mail-Adresse in die Liste einzutragen, um mich von Veranstaltungen informieren zu können. Ich jedoch bin so euphorisch, dass ich das nicht mache, sondern gleich meine Visitenkarte hinlegen will. Das gerät allerdings etwas umständlich, denn zuerst fällt mir nicht ein, wo ich die Karten eingesteckt habe – meine aktuelle Jacke hat keine dafür geeignete Tasche – und als mir einfällt, dass ich sie rückwärts in meinem Bauchtäschchen, in dem ich vorne mein Handy mit Schrittzähler trage, also in der am Körper anliegenden Seite verwahre, wird es erst recht umständlich, zunächst meine Jacke mit dem leicht klemmenden Reißverschluß aufzumachen, jene auszuziehen, den Pullover hochheben, und, weil ich an die Rückseite des Täschchens herankommen muß, und schließlich das Bauchtäschchen abzuschnallen. Und nachdem ich euphorisch mein Kärtchen übergeben habe, wieder der ganze Vorgang retour. Ich mache schon noch eine Bemerkung darüber, wie das für Passanten draußen komisch ausgesehen haben muß – aber egal, es macht mir jetzt meine Umständlichkeit nichts aus und beglückt und für meine Verhältnisse überschwänglich bedanke ich mich (dein Eifer wird dich verraten – der innere Spötter) und marschiere mit federndem Schritt von dannen, das Weilerbuch mit beiden Händen glücklich umklammernd (ich hatte keine Rucksack dabei).

So sitze ich jetzt da, werde bald trotz nahender Pleite einen zweiten Cappuccino bestellen und blättere beglückt, staunend und ergriffen den Katalog durch, besonders die ausklappbaren Seiten mit den großformatigen Arbeiten haben es mir angetan. Ich zittere vor Glück (und ein wenig kalt ist dir auch – der innere Spötter). Vor lauter euphorischer Unruhe und Aufgeregtheit kann ich nicht schreiben und muß pausieren und vor lauter … – wie oben – lese ich die Salzburger Nachrichten.

Inzwischen habe ich sie wieder in den Zeitungsständer gesteckt und mische mich sogar in die auf Tirolerisch geführte Diskussion am Tisch gegenüber über die Ofenrohre hier im Lokal ein – vorher ging es ihnen um das Genitiv „s“. Das Blech-Segelschiff an der Wand fährt tatsächlich in Gegenwart, Anwesenheit und mein Bewußtsein. Ich schaue wieder in den Weilerband (Max Weiler, 1910 – 2001, Vier Wände, Four Walls) und hebe ihn dabei hoch, weil ich den Tirolertisch beeindrucken will, wo ich hoffe, dass jemand zufällig herschaut, denn ich traue ihnen zu, dass sie den Weiler kennen. Ob’s zutrifft, weiß ich natürlich nicht. Aber als dann wirklich wer herschaut, hatte ich den Bildband schon neben mir auf der Bank abgelegt.
Ich zapple schon vor Ungeduld auf das Eintippen dieses Textes (allerdings muß er vorher noch einige depressive abarbeiten – der innere Spötter). Ja, ja, das kriegen wir schon hin; mit Pausen, Essen als Stärkung und herumhüpfen im ehemaligen Atelier, wo das für die Schublade zuständige Laptop steht (ganz so ist es nicht gekommen: es ist 22:59 und ich bin immer noch nicht fertig, Pausen waren zu wenige, mir tut der Rücken weh, ich bin müde und herumgehüpft bin ich auch nicht – der Tipper). Blöd ist nur, dass ich für die weite Wanderung durch die Stadt keinen Rucksack für den Bildband mithabe. War ja alles nicht geplant.


(20.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4657 Zeichnen

 



15:22.  Ich sitze im Augarten und warte darauf, das Handy von der Reparatur abholen zu können. Ich sitze in einem Bereich, wo ich gewöhnlich kaum durchgehe und „natürlich“ tuckern, kreischen und jaulen irgendwelche von hier aus unsichtbaren Maschinen und Geräte auf von hier aus unsichtbaren Baustellen. Übrigens sind es Stand jetzt 19 498 Schritte, die ich absolviert habe, und somit sitze ich völlig zu recht und muß mir weder Faulheit noch Trägheit vorwerfen lassen (ach, meine zermarterte Seele! Wann wird sie endlich Ruhe finden?). Die Bäume hier sind beeindruckend, nur der, unter dem ich sitze – dort steht hald (sic!) die Sitzbank – wirkt nicht ganz gesund; seine Blätter scheinen zerfressen und von irgendetwas befallen.
Ist das eine Föhre da drüben? Die Nadeln schauen etwas anders aus, aber die leicht rötliche Färbung des Stammes tät’ passen. Zeichnen? Probieren wir es.

15:48.  Es ist so: beim Zeichnen bin ich in leichte Panik geraten, als würde ich etwas Verbotenes tun. Streng Verbotenes! (Ich weiß, welchem Arschloch ich das verdanke.) Die Panik war leicht, aber schon real; ich habe nach zwei Versuchen gleich aufgehört. Ich kann mir nicht noch mehr Verwirrung in meinem Leben erlauben. Ich versuche das Zeichnen seit Jahren; selten zwar finde ich den Mut, aber ich versuche es immer wieder und immer wieder und scheitere jedesmal.


(19.10.2026)


0:24 a.m.  Kann ich über diesen Tag ein Résumé schreiben? Immerhin war er anstrengend und - für meine Verhältnisse – turbulent. Nein, kann ich nicht; mein Geist ist zu müde und unkonzentriert. Erst jetzt kommt mir in den Sinn, durchzuatmen. Ich bin nämlich oft schon von kleinen Schwierigkeiten überfordert, weil sie für mich groß sind.


(20.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4656 Die Roßkastanie

 



12:31.  Trotz meiner Verzweiflung habe ich auf dem Weg hierher in den Hof 5 mit schwachem zwar, aber doch Vergnügen eine Roßkastanie, die mit vielen anderen am Boden gelegen ist, mit dem Fuß weggekickt (ob zu ihrem Glück oder Unglück weiß er nicht – der innere Spötter). Nun sitze ich bei den Kastanienbäumen, deren Blätter schon braun und gelb sind, wobei ich nicht weiß, welchen Anteil davon die Miniermotten und welchen der Herbst hat. Bei den Lindenbäumen ist die Sachlage eindeutiger: da ist es einzig der Herbst, der die Blätter so schön verfärbt. Einen sonnigen Sitzplatz habe ich nicht gefunden, aber ein wenig blinzelt die Herbstsonne durch das Geäst. Der Wind raschelt im verdorrten Laub und treibt einzelne Blätter vor allem am Asphalt der Parkwege umher. Ein schwarzes Eichkätzchen läuft schnell zum großen Baum und ich frage mich, wovon es hier im kleinen Hof lebt. Nussbäume oder Haselnusssträucher (diese 3 „s“ schauen einfach so deppert aus!) sehe ich nicht; die Früchte der Linden und der Kastanien hätte ich nicht als Nahrungsquelle für Eichhörnchen vermutet. Ich weiß es freilich nicht und googeln kann ich es ohne Handy auch nicht. Gut, das Eichkätzchen wird schon wissen, was es hier macht. Oder ist es auch von den guten Plätzen abgedrängt worden und hat sich nicht behaupten können? (Schluß mit den Projektionen und der Jammerei! - der innere Kritiker.) (Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann. Kann!)


Was kann ich noch bis zur Psychotherapiestunde um 14h tun? Mit dem jämmerlichen Geschreibsel soll ich aufhören; bleibt mir nur, hier im Campus im Kreis zu gehen. Fürs längere Herumsitzen im Freien ist es zu kalt und außerdem tut mir schon der Hintern von der Holzbank weh.


(Er ist an diesem Tag 22 543 Schritte gegangen und zwei-, dreimal die Woche trainiert er im Gym – also sagt ihm ja nicht, er soll gegen seine Depression mehr Sport betreiben, ihr Ignoranten! – der Tipper, der auch schon Depri-angekränkelt scheint.)


(19.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com