4597 Der traurig pfeifende Sänger
11:41 a.m. Nach sehr langer Lektüre habe ich es gerade noch geschafft, vor High Noon (falsch! Wir haben Sommerzeit! - der innere Korrektor) zum Schreibzeug zu greifen und somit meiner kindischen Bevorzugung von Ante-Meridiem-Zeiten zu frönen. Denn schreiben kann ich das hier noch nicht nennen. Die Sonne gibt meiner Selbstkritik recht und verdunkelt sich auch auf der – ungefähr – Nordseite deutlich (naja, 39°NO sind Hausfront, Tür und Fenster; mein Blick geradeaus 302°NW). Auch auf die Gefahr hin, immer und immer wieder das Gleiche herzunotieren (er will nicht immer -schreiben schreiben – der innere Spötter): die schöne, schwermütige Musik geht mir weit in meine Seele (oder doch Psyche? - der innere Spötter) hinein und macht mich angenehm. Mir gefällt sogar der traurig pfeifende Sänger – was an und für sich grenzwertig wäre (der Konjunktiv als ständige Tarnung – der innere Spötter). Um mich von meinen vergeblichen Denk- und Formulierungsversuchen abzulenken, wische ich drei von mir selbst hinterlassene Brösel vom Tisch. Ein schönes Lied soeben, kein Country, aber leicht davon angehaucht. Den Johnny Cash verdanke ich übrigens irgendwie meiner Mutter, das nur nebenbei. Das Stück hier war kein Cash, nur ein Hauch von Country. Kurz ist mir in einzelnen Stimmmomenten vorgekommen, es könnte ein mir völlig unbekannter Bob Dylan sein, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Jetzt ein schönes, feines, weibliches Lied, ein bißchen Shanty oder Folk. Schon vorbei (ich komme mit dem Schreiben nicht nach). John Frusciante fragt einmal live sein Publikum, ob ihm, dem Publikum, traurige Musik happy macht. Die Stimme der Sängerin kommt mir schon bekannt vor.
Ach, wie ist diese Musik schön! (Heulst du schon? - der innere Spötter.) Nein.
Meine Lebensfragen sind ungelöst und es besteht wenig Aussicht auf g’scheite Antworten. Das auszuhalten ist ein bißchen viel verlangt. Aber hier geht es ganz gut. Musik spielt auch eine wichtige Rolle. Mein Gott! Ist dieses Lied jetzt wieder schön!
Fast kann nun das Eigentliche (was ist das? - der innere Spötter) durch Fassaden und Glaswände und die Geräusche der Dualität durchkommen, fast. Ich bestelle meine dritte Melange. Ein Hauch von Tabakrauch weht herein und affiziert sofort mein Nervensystem (hoffentlich ist affizieren nicht affenhaft affektiert! - der innere Spötter). (Und der Schmäh nicht zu billig! - der noch innerere Spötter.) Nach diesem kurzen Ausflug ins Diesseitige versinke ich wieder langsam ins … was weiß ich was. Die gebrauchten Gläser und Tassen am soeben verlassenen Tisch beim Fenster – weil vor allem Glas Licht reflektiert – jetzt wird der Tisch gerade abgeräumt – ergeben ein elegisches Stillleben (-leben passt, weil die Leute, die dort gesessen sind, sozusagen ex negativo noch ätherisch anwesend sind, bevor ihre Aura verraucht sein wird. (Übrigens, weil er gerade von einer Pause zurückkommt – er ist immer recht zufrieden mit sich und seinem Leben, wenn er seine Texte eintippselt – der Tipper.)
Wie schön jetzt dieser Song ist! Auf meinem T-Shirt steht Im Traum kann ich durch Wände gehen, obwohl ich mich an keinen solchen erinnern kann; aber grundsätzlich geht es; das weiß ich. Ich lege meine linke Wange in die aufgestützte linke Hand auf deren Rückseite und höre zu. Ich mache mir im Moment keine Gedanken über den Papst, sein Alter, die Politik oder so etwas, nur über mich und meine Reise durchs Universum – sozusagen – und was ich da noch erfahren kann (im wahrsten Sinne des Wortes). Gut. Es wird wohl Zeit sein, meine Fußwanderung durch die Stadt anzutreten (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein Ruck geht durch mich, ich trinke aus, besuche sicherheitshalber noch die Toilette (so viel Realitätssinn muß sein! - der innere Spötter), zahle und gehe (nur die Musik aus den Boxen will mich nicht ziehen lassen).
14:37. Auf meiner Stadtwanderung habe ich in der Innenstadt vergeblich nach dem Max-Weiler-Platz gesucht; ich steuere gern solche Lichtpunkte an, wie ein Pilger auf seiner Pilgerfahrt seine Kirchen, Kapellen, Marterl und Wegkreuze, auf dass wir auf unserer Reise in der Fremde nicht so verloren sind (ich sitze jetzt übrigens vor der ehemaligen Karmeliterkirche). (Offensichtlich bin ich über den Max-Weiler-Platz marschiert, ohne es mitbekommen zu haben, wie meine Recherche am Stadtplan ergeben hat.)
(3.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com