4348 Reizgasunterwäsche
10:05 a.m. Heute ist eigentlich der erste der drei geplanten Fitnesstage der Woche und ich bin seit 7 Uhr wach, aber der beschissene Psychiatertermin bereitet mir immer noch so viel Angst und Unruhe, dass ich mich wieder ins Bett gehockt, gut zugedeckt bis zum Hals und durch Wärme und Ruhe versucht habe, meine aufgescheuchte Seele zu beruhigen. Für heute ist der Besuch im Fitnessstudio gestrichen; lange hatte ich darum gekämpft, doch hinzugehen; an mehreren Zeitpunkten seit 7 Uhr war ich nahe daran, doch aufzustehen; letztlich waren es auch Schmerzen im Knie, die die Waagschale in Richtung Erholung absenken haben lassen. Aber vor meinem ständigen inneren Tribunal mußte ich versprechen, dafür wenigstens zu versuchen, einen Text zu schreiben. Trotzdem ist meine Erholung nicht frei von Schuldgefühlen. Im innersten Kern jedoch weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war.
Ich mag die Augen gar nicht aufmachen; ich möchte nur in diesem Halbdunkel dahinschweben, wobei ich immer wieder in kurzen Schlaf kippe, aus dem mich dann eine erschreckende Traumsequenz herausreißt. In diesem Schwebezustand „fahre“ ich nicht nur durch Traumfragmente, sondern auch durch alle möglichen Erinnerungsfetzen meines Lebens – die meisten unangenehm – oder durch kurze, plötzliche Phantasieszenen, oder stoße auf Einfälle für Wortspiele (zB Reizgasunterwäsche), dennoch empfinde ich diesen Schwebezustand als heilsam. Ich habe den deutlichen Eindruck, so heile ich aus und stärke meine eingeschüchterte Seele.
Jetzt ist es wieder so finster in meiner Kemenate, dass ich die Lampe neben dem Bett aufdrehen muß, um weiterschreiben zu können. Vorher war ich in Gedanken bei irgendeinem antiken Kirchenvater, der geschrieben hat, dass die Engel, weil geistigere Wesen, nach ihrem Sündenfall tiefer gefallen sind, als die Menschheit nach ihrem, denn die stärkere Verankerung in diese Alltagswelt über ihre physische Leiblichkeit macht es dem Menschen zwar schwerer, hoch zu steigen, deswegen kann er aber nicht so tief stürzen. Eine Argumentation, der ich einiges abgewinnen kann, und als Bestätigung dafür – mutatis mutandis - ist mir die Schilderung des inszenierten Gerichtsprozesses im Internat von Michael Köhlmeier eingefallen, den er so eindringlich beschreibt. So ungefähr arbeitet mein Geist, strengt sich an und erholt sich dabei. Den beschissenen Psychiater habe ich dabei fast vergessen. Fast. Ich atme tief durch und ich spüre, dass ich bald aufstehen und mich für meine Psychotherapiestunde rüsten werde, deren Teilrefundierung der Kosten mir dieser von der kranken Gesundheitskasse verordnete Psychiater in drei Wochen streitig machen wird. Bis zu diesem Termin werde ich meine Nerven schon hingeschmissen haben und wahrscheinlich völlig zermürbt sein.
(Ich bin immer wieder davon fasziniert, dass jedesmal, wenn ich beim Abschreiben des handgeschriebenen Textes etwas von „tief durchatmen“ eintippe – auch jetzt! - mein Körper sofort und unwillkürlich einen tiefen Atemzug macht, der die Brust richtig weitet und die Lunge richtig mit Luft füllt – der Tipper.)
(2.2.2026)
©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com