4676 Die Angst vor der Kälte
10:35 a.m. Ich habe Angst vor der Kälte. Das stelle ich immer wieder und immer öfter fest. Und mir ist immer öfter kalt, auch wenn es 20 Grad in der Wohnung hat. Mit Schaudern und Schrecken denke ich an meine acht Jahre in der Denglergasse zurück, wo ich nur einmal, höchstens zweimal die Woche eingeheizt habe und es im Winter oft nur 12 Grad in der Wohnung hatte. Der Rekord lag bei 8 Grad, da war ich nahe am Durchdrehen. Ich vermute, dass meine aktuelle Angst mit diesen Erfahrungen zu tun hat. Auch meine Hände sind ständig kalt und so wie jetzt beim Öffnen von Servietten und Zeitungsseiten stellen sich meine Finger wie erfroren an. Damals, in der unbeheizten Zeit, ist es nur ums Überleben gegangen, da mußte ich alle meine Ängste und Panik einfach ständig abwehren und verdrängen. Es ist ja einiges dazugekommen: über 40 Grad Fieber ohne Krankenversicherung und ohne mir eine Behandlung leisten zu können. Ich dachte schon, jetzt ist es aus und ich muß sterben, oder bleibe nach dem Zeckenbiss vorher bestenfalls mit geschädigtem Gehirn zurück. Jetzt allerdings sitze ich im Kaffeeamt und gönne mir ein köstliches und üppiges Frühstück: ein Traum von einem getoasteten Brioche mit allem möglichen aufgepackt (Mach’s Madam heißt es und ich hatte schon Hemmungen, die Bestellung der Kellnerin gegenüber auszusprechen) und jetzt habe ich mir noch so ein richtiges, gehoben rustikales Waldviertler Schinkenbrot bestellt, das soeben serviert worden ist.
Warum prasse ich heute so? Ich hätte ja noch Lust auf etwas Süßes. Nun, es hat sich so ergeben, weil meine liebe Frau verreist ist (wie war das mit den Mäusen, die Kirtag feiern?) und somit kein Frühstücksmüsli da ist und ich keine Lust hatte, mir ein Frühstück zu bereiten – wozu ich, nämlich eines zuzubereiten – ohne Probleme in der Lage wäre – nur, damit es kein Mißverständnis gibt.
Hier ist es heute Samstag so richtig voll und es herrscht Hochbetrieb (und das in einem Lokal, wo fast nur Frauen arbeiten) (aber es frauscht Hochbetrieb klingt auch blöd – der innere Spötter). Ah! Heute ist der Geburtstag meiner Mutter, wie mir bei einem Blick aufs Datum auffällt. Das ist natürlich eine große Provokation für sie, so ohne Not und gegen alle Vernunft und Disziplin das Geld aus dem Fenster zu werfen, das mir am Monatsende fehlen wird (die untergründigen Zusammenhänge der Themen, die sich da auftun, bis zu dem zwischen Mutter und Kälte sind ihm durchaus und sehr peinlich – der innere Spötter).
Der große Baum dort an der Straßenkreuzung läßt seine sonnigen Zweige so schön tanzen, und die EU-Fahne vorm Vermessungsamt zappelt vor Freude aus dem Schatten heraus mit. Ich rede mir ein, meine heutige Konsumation rechtfertigt es, dass ich noch bei einem dritten Cappuccino ein wenig sitzen bleibe, obwohl immer wieder Leute das Lokal betreten, die keinen freien Sitzplatz finden. Leicht fällt es mir nicht, aber übersatt wie ich bin, bewahrt mich meine körperliche Trägheit, aufzuspringen und voller Schuldgefühle (die Schuld zu leben und einen Lebensraum zu beanspruchen) meinen Platz freizugeben.
Das ist etwas Neues: im vollen Lokal und bei Besucherandrang nur mehr Kaffee zu trinken und zu schreiben; ich gäbe viel dafür, wenn mir – sagen wir: zwanzig erfolgreiche Publikationen finanziell und psychisch den Rücken stärken würden. Aber es ist hald (sic!) nicht drin! (Und wer weiß, ob du dich dann getraut hättest, hald im Gegensatz zu allen Ableitungen von halten mit weichem d zu schreiben; so jetzt, bei deiner sehr überschaubaren Leserschar, handelst du dir damit keine Zurechtweisungen, keine Konflikte und keine Streitereien mit Lektoren ein – der innere Spötter.)
Aber ganz entspannt bin ich nun nicht, als der letzte leere Teller des Karottenkuchens abgeräumt ist. Ich blicke mich um und sehe sogar Leute, die bei einem Wasserglas ruhig und skrupellos (Gottseidank!) in ihr Handy starren. Mir kommt der Gedanke, ich könnte den zweiten Sitzplatz am Tisch für einen wartenden Gast freigeben, aber das wäre doch auch peinlich (lieber Freund, deine Unterwürfigkeit in Ehren, aber jetzt hör endlich auf damit! Reiß dich endlich zusammen! - der innere Spötter). Die Zweige des Kreuzungsbaumes winken mir zu und flüstern: Beruhige dich! Beruhige dich! Denke positiv! Schau, die Sonne scheint so schön auf alle nieder! (Auf die Guten und die Bösen, die Sieger und Verlierer, auf die Erfolgreichen und auf die Versager, auf die Überlebenden und die Untergängler … - der innere Spötter.) Okay, ich trinke aus und gehe.
(7.11.2026)
©Peter Alois Rumpf November 2026 peteraloisrumpf@gmail.com