Dienstag, 15. September 2026

4611 Die Zisterzienser in England

 



10:21 a.m.  Nun bin ich in meinem Lieblingscafé angekommen. Ziemlich voll hier. Ich fühle mich schon schuldig, weil ich nur Kaffee trinke und nichts dazu esse und somit einen begehrten Platz versitze. Ich hatte schon im Vorfeld befürchtet, dass, wenn ich mich auf etwas freue, die Götter neidisch werden werden und mir hineinscheißen. Noch weiche ich nicht vor meinem schlechten Gewissen, das mir sagt, dass ich ein Versager bin, der es nicht geschafft hat und dem so etwas wie Kaffeehaussitzen und Zeitunglesen und gar Schreiben gar nicht zusteht. Vielleicht kann ich mich doch noch entspannen. Ich hole mir eine Zeitung.

Der Standard ist nicht in der Zeitungsablage. So nehme ich zuerst die Salzburger Nachrichten. Aber dann traue ich mich, in den Gastgarten zu gehen und den, der den Standard am Tisch liegen hat, ohne ihn zu lesen, zu fragen, ob er ihn noch braucht, und er überläßt ihn mir. Das sind die wichtigen kleinen Schritte gegen die Depression.

10:58 a.m.  Irgendwie funktioniert es heute nicht richtig. Ein (unbekannter!) Vorarlberger am Nebentisch lacht so laut schreiend, dass es mir in den Ohren weh tut. Ich kann mich nicht entspannen.

Jetzt wird es leerer herinnen, weil es wärmer wird und immer mehr Leute draußen in der Laube sitzen. So kann ich besser atmen (das sind schon größenwahnsinnige Ansprüche, dass ein Lokal, dass er frequentiert, leer sein soll! Und dann trinkt er nur ein, zwei Kaffees! - der innere Spötter). In meinem Geiste gehe ich auf Reisen (auf seinem T-Shirt steht Geisterfahrer – der innere Spötter) und beschäftige mich mit kruh und chleb. Dieses Ausweichmanöver hilft mir aber schon, mich zu entspannen und nicht mehr wie auf Nadeln zu sitzen.

Zur Lesung heute, zu der ich persönlich eingeladen worden bin, werde ich trotz Zusage doch nicht gehen; die Ansammlung so gescheiter, gebildeter, mehr oder weniger fröhlicher, erfolgreicher Schriftsteller halte ich in meiner Depri nicht aus; ich würde mir dort wie der letzte, dumme, stinkende Trottel vorkommen (das sind alles seine Dämonen! - der innere Spötter). Das würde mein labiles System nicht aushalten. Das kommt mir selbst sehr unvernünftig vor, denn solche Kontakte können einem Schreiberling nützlich sein, aber – das stelle ich mehr fest, als dass ich mich dazu entschlossen habe – ich habe es anscheinend aufgegeben, mit meiner Schreiberei irgendwo irgendwie zu reüssieren zu wollen und bezweifle selber deren Qualität. Ich scheibe sozusagen nur mehr fürs Protokoll (die letzten 11 schubladisiereten Texte haben keine LeserInnen gefunden – der Tipper) und strebe auch keine Lesungen mehr an (obwohl meine Texte laut vorgelesen gehörten, um ihre Wirkung zu entfalten) (so sie eine haben - der innere Spötter).

11:29 a.m. Ach, erst jetzt mein erster Blick auf den hoffnungsvollen Lichtengel.

Ich versuche, alle schlechten Gedanken wegzuschieben beziehungsweise vorbeiziehen und am Ende des inneren Tunnels in den Abgrund abstürzen zu lassen. Sind das aus den Boxen schon die Posaunen von Jericho? Oder die des jüngsten Tages? (wie war das mit „die-schlechten-Gedanken-durchwinken“? - der innere Spötter.) Ich kann „Welt“ einfach nicht (und wie war das vorhin mit der „Eroberung des Standard“? - der innere Spötter). Ain’t Got No aus den Boxen von einer mir unbekannten Sängerin mit Klavierbegleitung (aber hair hast du auch nur mehr wenig am Kopf – der innere Spötter). Nach einem kurzen Geplauder mit einem Kellner bin ich ganz aufgewühlt - einfach nur, weil er mit mir geredet hat - und weil aus den Boxen jetzt Mercy, Mercy, Mercy von Joe Zawinul ertönt, schaue ich nach, woher der Name Zawinul kommt; ich hatte aus Rumänien vermutet, aber die KI sagt Südmähren. Oh! Ich sehe am Licht draußen auf der Burggasse, dass sich Wolken vor die Sonne geschoben haben. Die Depri ist aber verflogen; also ist alles gut gegangen. (Wenn ich nicht aufpasse wie ein Haftelmacher und auf manche Gedanken erst gar nicht einsteige, ist sie schnell wieder da. Sie hat mich schon wieder angehaucht.) Ich werde wohl meine Wanderung durch die Stadt bald antreten. Weil wir vorhin über die großen Vierkanthöfe in Oberösterreich gesprochen haben, fallen mir die Zisterzienser in England ein, die mit ihrer erfolgreichen Landwirtschaft mit fabrikartiger Arbeitsdisziplin und ohne Erbteilungen den freien Bauernstand ruiniert haben und deren große, reiche Güter nach dem Bruch mit der katholischen Kirche unter Heinrich VIII an dessen Gefolgsleute vergeben wurden, weshalb es viele reiche Landlords gibt. Das erkläre ich in Gedanken dem englischen Kellner. So! Jetzt ist es genug! Abmarsch! (manchmal muß er mit sich streng sein – der innere Spötter). Aber mit ein bisserl echter und ein bisserl phantasierter Kommunikation halte ich mich über Wasser. Da kannst du sagen, was du willst!


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4610 Notwendige Schritte

 



8:06 a.m.  Obwohl ich mich schon gestern dazu entschlossen hatte, trotz knapper Kasse mir heute zu erlauben, in mein Lieblingscafé zu gehen und sich mit dieser Entscheidung sofort meine depressive Stimmung aufgehellt hatte, weil ich mich darauf wirklich freue, muß ich mich heute nach dem Aufwachen trotzdem wieder durch einen Sumpf von lähmender Angst kämpfen, um mich überhaupt aufstehen zu trauen. Nur langsam überstrahlt das Bild, wie ich beim Lichtengel dort sitze, lese und schreibe, die diffuse, bildlose Angst. Aber jetzt werde ich es bald geschafft haben; Ich hocke schon im Bett und es kann nur mehr um Sekunden gehen, bis ich die Decke zurückwerfe, mich zur Bettkante drehe, meine Füße auf den Fußboden stelle und aufstehe. Wahrscheinlich werde ich mich für ein paar Sekunden an der Wand abstützen müssen, weil ich noch wanke, aber dann werde ich mit den notwendigen Schritten in den Tag und zum Espresso Burggasse starten.


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4609 Zwei Cappuccini

 



23:50.  Ich habe in meinem Leben so vieles verfehlt, aber genauer bekommt es mein müdes Gehirn nicht hin. Ich weiß nicht, wo ich die entscheidende falsche Abzweigung genommen habe, obwohl ich ein paar Situationen in Verdacht habe. Nun, für morgen habe ich vor, trotz knapper Kasse in mein Lieblingscafé zu gehen und zwei Cappuccini zu trinken. Auf das freue ich mich wirklich und das ist ein echter Lichtblick mitten in meinen trüben Gedanken.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4608 Okay

 



8:44 a.m.  Der Angst am Morgen ist kaum beizukommen; selbst der volle Magen nach dem Frühstück dämpft sie nur etwas ab. Ich bin vom Leben so überfordert. Das hört wohl nie auf. Okay, dann atme ich durch und werde lesen.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4607 Angenehm sitzen

 



12:30.  „Es ist angenehm da sitzen“ (Zitat D.H.) und gemeint ist die Lucy-Bar im Belvedere 21. Ich gehe heute etwas mühsam und auch das Hinsetzen ins bequeme Fauteuil (er muß immer nachschauen, wie man das schreibt – der innere Spötter) ist nicht leicht vor sich gegangen. Dabei hätte ich gesagt, mir tut heute nicht wirklich was weh. Bedacht, nichts aufs aufgeschlagene Notizbuch zu tropfen, schlecke ich den Kaffeelöffel des Cappuccino nach dem Umrühren vorsichtig ab. Die Kaffeemaschine rechts hinter der Bar zischt und gurgelt wild drauf los; ich wüßte jedoch nicht, wofür dies eine Bestätigung sein sollte. Sei’s drum! Der Kaffee wird wohl bald seine Wirkung entfalten. Die zwei Belvedere-21-Fahnen und die eine Lucy-Bar-Fahne dazwischen schlackern draußen diszipliniert im schwachen Wind um die Wette. Die Wolkendecke reißt auf, aber die Sonne ist noch nicht heraußen.

In diesem schönen Ambiente hier passt auch die typische Barmusik. Ich schaue auf den tollen orange gekratzelten Künstlerlampenschirm über dem nächsten Tisch und von hinten auf die Glatze des Mannes zwei Tische weiter und ich muß sagen, meine Glatze ist schöner und größer. Wenn schon, denn schon.

Die Straßenlaterne vorm Zwanzgerhaus breitet ihre Arme aus wie Jesus am Kreuz. Die grauen Autos kommen die Arsenalstraße herauf wie eine Fließbandkarawane. Légère nehme ich die Kaffeetasse mit meiner Schreibhand, ohne den Pilotstift wegzulegen, und führe sie achtsam zum Mund. Den „Burggraben“ – wie ich den schönen Graben zwischen dem Karl-Schwanzer-Bau und der Arenalstraße immer spöttisch nenne – müßte man doch für Theater, Performance oder eine adaptierte Version 2 meiner alten Gehege-Geschichte im REM nutzen können. Am Pissoir fällt mir ein, dass der Piss-en-lit in Frankreich der Löwenzahn ist. Kurz wanke ich, ob es nicht die Sellerie ist, aber dann fällt mir wieder ein, die wird in Wien auch Hemadspreitzer genannt; also andere Baustelle (Stelle ist es fast die gleiche, aber eine andere Kategorie respektive ein anderes biologisches System – der innere Spötter).


(13.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 11. September 2026

4606 Über Nacht

 



8:51 a.m.  Endlich ist richtiger Regen da. Über Nacht hat es immer wieder geregnet. Ich spüre leichte Vibrationen in mir; ähnlich wenn man sehr aufgeregt ist; ein bewegungsloses Zittern. Ich wüßte nicht, dass und warum ich aufgeregt sein sollte. Oder genügt schon das Aufwachen in einen neuen Tag, der mich einfach von vornherein überfordert? Ich meine, es ist ja in meinem Leben vieles ungeklärt und scheint unlösbar, angefangen bei meiner sogenannten sozialen Sicherheit.

Nun beginnt es wieder zu regnen und das Geräusch ist so schön! Ich kann das genießen (außer es regnet so stark und böig, dass dir das Wasser bei der undichten Stelle am Fenster herein rinnt – der innere Spötter).

Es ist schon wahr, dass ich eigentlich angespannt bin und meine Ruhe bloß eine verschreckte Oberflächlichkeit à la Totstellen. Mein Gehirn vermutet überall Gefahren und in Wirklichkeit kommt mir vor, dass alles in mir, und rundherum die gegenständliche und gesellschaftliche Wirklichkeit zerbröselt und das Ganze bald zusammenbrechen wird. Ich empfinde mich in einer Endzeit (das ist ja schon von deinem Alter her nicht ganz falsch – der innere Spötter).

Aber ich genieße trotzdem das Rauschen des Regens, das melancholische Grau draußen und freue mich auf das üppige Frühstück, das ich mir bald bereiten werde. Aber jetzt will ich noch ein wenig im Bett lesen.


(11.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4605 Das Käuzchen ruft

 



23:49.  Lange ist es nicht mehr bis zur Geisterstunde (oder halten sich die Geister nicht an die Sommerzeit? - der innere Spötter). Ich habe den Tag genossen: wieder auf meine alte Art mit Käse und Gemüse gefrühstückt und mit Tee statt Kaffee; habe gelesen (van-Gogh-Briefe, sehr sehr interessant! Gehen mir zumindest stellenweise sehr nahe), einkaufen, dann die Walking-Runde 13475 Schritte, fast 10 Kilometer, dann habe ich mir Salat zubereitet, Buchweizen gekocht, Cremespinat dazu, dem ich etwas Knoblauch beigegeben habe. Nach dem Essen war ich richtig satt und voll. Ein bißchen Küchenarbeit, Internet, lesen … ein schöner Tag!

Ist das ein Käuzchen, das da ruft? Sind doch schon die Geister da? Ruft es noch? Ich werde aufstehen und nachschauen.

Ich bin aufgestanden und aus meinem Zimmer ins ehemalige Atelier gegangen und tatsächlich: auf der Hofseite ruft ein Käuzchen. Ich habe kein Licht aufgedreht, um in die Nacht hinaus sehen zu können, aber wie zu erwarten habe ich das Käuzchen nicht entdeckt. Aber seine Rufe sehr nahe und deutlich gehört. Und so schön! (Ich pfeife auf den Aberglauben) (Und wenn schon! - der innere Spötter) Danke, Universum, danke.

Natürlich habe ich heimlich spekuliert, dass es eine Botschaft für mich sein könnte (die Zeit wirft immer Bilder aus), und eine solche könnte ich brauchen. Freilich ist das eitel, kindisch und letztlich größenwahnsinnig. Und gäbe es wirklich eine Botschaft, wäre ich zu blöde, sie zu verstehen (sooo mußt du dich auch wieder nicht Rationalität und Vernunft unterwerfen – der innere Spötter).

Jetzt höre ich keine Rufe mehr. Zurück vom Atelier (ich) hat es (das Käuzchen) aufgehört zu rufen.

Und wie schön und schwarz die Götterbäume im Hof im Dunkeln über die Dächer ragten. Mir gehen die Rufe des Käuzchens ab; ich würde sie gerne noch länger hören. Bin ich zu früh zurück ins Zimmer gegangen? Mir war aber schon kalt und vom Stehen bekomme ich Kreuzweh.


(10.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com