Freitag, 3. April 2026

4408 Plattenspieler

 



15:33 a.m.  (Sommerzeit). Die Matthäus-Passion. Entweder sind meine uralten Platten kaputt oder der Plattenspieler, oder dieser ist schlecht eingestellt (man hört mehr als nur die eine Rille – blöderweise kenne ich mich mit dem Zeug überhaupt nicht aus. Der fragwürdige Umgang mit Dingen, die man nicht versteht). Was ich immer schade finde, dass der Jesus eine Bassstimme ist – verständlich aus der Tradition; Bass als Stimme des Himmels - aber falsch: Jesus von Nazareth war Wanderprediger und ist Sohn, nicht Vater. Aber gut, auf mich kommt es nicht an und vielleicht liege ich Lebensuntüchtiger und Weltfremder ganz falsch (ich ziehe den Schwanz ein und halte meine Behauptung eh schon für ausgesprochen fragwürdig). (Und es ist doch schon ziemlich leichtsinnig – gelinde ausgedrückt – sich so gegen Tradition, Bach und was-weiß-ich-was aus dem Fenster zu lehnen. Und noch dazu, dieses Meisterwerk als bloßen Ausgangspunkt und Anlass für solch ein subjektives Geschreibsel und den eigenen Gefühlsdusel zu nehmen, oder? - der innere Kritiker.)

Blute nur, du liebes Herz … . Jetzt weine ich kurz auf. In den Lautsprechern knackst, klopft, scheppert und flirrt es. Der Wind draußen reißt die Schutzbehängung des Baustellengerüstes mit Netzbahnen am Haus da drüben auf und bewegt und hebt sie und läßt sie flattern und wieder sinken.

Bin ich es? Nun kommt die Sonne durch und beleuchtet das gegenüber liegende Haus und die Wolken am Himmel geben ein paar hellblaue Durchblicke frei. Die Wolken verziehen sich immer mehr.

Inzwischen habe ich versucht, übers Internet herauszufinden, wie man das Gewicht des Tonarms richtig einstellt. Trotz klarer Beschreibung ist es mir nicht gelungen. Jesus ist jetzt in Gethsemane. Es rauscht und pocht aus den Lautsprechern, aber das kann mir die Musik nicht wirklich vertreiben. Nebenbei suche ich meinen Schreibstift, den ich jedoch im Mund halte, ohne dass ich es noch weiß (Multitasking ist nichts für mich). Die Bewölkung hat wieder zugenommen, aber noch scheint die Sonne. Trotz meines gescheiterten Versuchs, die Tonarmeinstellung durchzuführen, scheint es jetzt doch besser zu sein.

Gerne will ich mich bequemen … . Der Wind ist nun schwächer und so laufen schöne, sanfte Wellen durch die teilweise aufgerissenen Schutznetze des Baustellengerüstes. Die Sonne bricht voll und stark durch.

Die tendenziell oder wirklich antisemitische Stelle jetzt tut mir weh (er soll sich nicht so verlogen in Geschichte und Leiden anderer hineintheatern und vor der eigenen Tür seiner Vorfahren kehren! – der innere Korrektor!) (Ist dieser innere Korrektor wirklich innen? Oder kommt er von außen und du bist gar nicht aus dir heraus zu solchen Einsichten fähig? - der innere Spötter.)

Wie hat es in meiner Kindheit geheißen? Ein Sack voll Ohrwaschln ist schnell brockt!

Alles wird schlechter. Zu früh gefreut. Die Tonqualität wird unangenehm.

Jetzt legt sich über alles ein Schatten und das Sonnenlicht ist sehr schwach geworden. Die Schatten der Pflanzen im Musikzimmer sind kaum noch zu sehen an der Wand.

Zweiter Teil. Die Sonne ist kurz wieder da. Nun wird mir das alles bereits etwas zu viel und ich werde unruhig. Mein Jesus schweigt.

Und alsbald krähete der Hahn.

Erbame dich. Das ist normalerweise meine Heulstelle, aber diesmal habe ich mich gut abgeschottet; nicht zuletzt auch von der wieder ganz schlechten Tonqualität abgelenkt (es geht ihm also doch nur um seine schwächelnden Empfindungen und kleinen Gefühlchen – der innere Spötter).

Vielleicht höre ich hier auf. Das Baustellennetz ist schon so eingerissen, dass es im leichten Wind so ausschaut, als würden sich zwei Netzstränge die Hände schütteln. Ich glaube, das reicht für heute. So oder so.


(3.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4407 Die Kupferröhre

 



12:03.  Die Sonne scheint und auf meinem Konto befindet sich schon die monatliche Pension, darum sitze ich in einem Café, aber drinnen, jedoch am Fenster mit Blick auf den nackten Schanigarten und die Leopoldsgasse. Die Passanten reflektieren einseitig das Sonnenlicht, besonders im Gesicht (da freut er sich über den kindischen Reim, der sich – das gebe ich zu – zufällig ergeben hat. Stabreime liebt er auch – der innere Spötter). Ich sitze mit überschlagenen Beinen etwas verdreht. Die Honorarnote für meine Psychotherapiestunden des Monats März habe ich bei der Zweigstelle der kranken Gesundheitskasse in der Lasallestraße schon eingeworfen und bin dann nach der sonnigen Wanderung den schönen, großzügigen und eigentlich prächtigen Boulevard hinauf (obwohl man es als Hinuntergehen zum Praterstern empfindet, aber die Donau befindet sich im Rücken) und weiter hierher hier eingekehrt. Einfallslos wie ich bin, nehme ich einen Schluck Wasser aus dem Wasserglas. Ich betrachte vor allem die drei großen Bilder an der Wand gegenüber (ich sitze mit Blickrichtung 343° N). Dann betrachte ich ein schönes, schlankes Kupferrohr an der Wand der Nische, in der in sitze, in dem – dem Kupferrohr – das Kabel zum Oberlichtenlüftungsventilator schön und gerade hinauf geleitet wird, an dessen – des Kupferrohrs – unterer Hälfte ein weiteres Kabel mittels Schlaufen außen angeheftet ist, das – das Kabel - von irgendsoeiner, für mich unverständlichen Schalterdose (drei verschiedene Schalter) nach oben in eine – wie heißt das? - Elektrodose in der Wand – ganz beim Kupferrohr, so, dass ein Kreissegment des Deckels sogar unter das Kupferrohr geraten ist – geführt wird, wo es – das Kabel – durch ein aus dem Deckel ausgeschnittenes, umgekehrtes, flächiges V darin verschwindet. Auf der anderen Seite der Kupferröhre befindet sich auch so eine bedeckelte Elektrodose, ebenfalls in die Wand eingelassen, deren ebenfalls kreisrunder Deckel nicht beschnitten ist. Ich mache ein Beweisfoto von der Kupferröhre und drehe mich dann auf meinem Sitz etwas weiter nach rechts auf Fenster, Straße und Sonnenlicht zu (Blickrichtung 33° NO). Vor innerem Vergnügen und wegen der noch kühlen Luft, die bei der offenen Tür hereinkommt, jagt mir ein angenehmer Schauder über den Rücken; trotzdem würde ich gern weinen können. Bald ist es irgendwie (ich habe Verständnis für deine innere Unaufgeräumtheit und Verwirrung, aber muß es immer irgendetwas mit irgend- sein? - der innere Spötter) … irgendwie Zeit, nach Hause zu gehen. Wenn mich die Kellnerin – ich habe sowohl den Kaffee als auch das Wasser schon ausgetrunken – frägete, ob ich noch etwas wünschete, antwortete ich: „Ja, Vollkommenheit!“ Da die aber hier nicht zu kaufen ist, „wünsche“ ich mir - sozusagen sekundär – bloß zu zahlen.


(3.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 1. April 2026

4406 Ärgerlich?

 



8:36 a.m.  Der gelbe Stift schreibt blau. Nein: schwarz. Das sehe ich erst jetzt. Meine Augen sind noch nicht ganz wach und ganz verklebt. Die erste Selbstvergewisserung des Tages (er ist sich gar nicht sicher, ob das eine Selbstvergewisserung ist oder nicht eher eine Selbstinszenierung – der innere Spötter). Also: ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie es der liebe Gott bei seiner Schöpfung gemacht hat – hell-dunkel, oben-unten etc. - nur dass ich das jetzt nicht zum ersten Male mache, sondern es schon von tausenden Malen eingeübt ist (und ob es gut ist, weiß er auch nicht so recht – der innere Spötter). Gottseidank habe ich dafür Zeit, und so halte ich inne und lausche meinem Surren in den Ohren (da könnte ich ins Chaos zurückgleiten!). Was ist jetzt los? Mein linker Arm schmerzt, dabei halte ich das Notizbuch gar nicht verkrampft, sondern habe meine Hand flach darauf liegen. Geht schon wieder vorbei. Ein bißchen überfordert bin ich mit dieser ganzen Gesundheitscheckerei und Messerei und Tablettenschluckerei schon. So habe ich jetzt bereits endlose Blutdruckstatistiken, aber wer schaut sich das an? Ich kann daraus nicht viel mehr ablesen, als dass er manchmal höher und manchmal niedriger ist; wobei mir rätselhaft bleibt, wieso und wodurch ausgelöst. Werde ich jetzt ärgerlich?


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4405 Schlecht geschlafen

 



1:40 a.m.  Der Amazonas ist weit weg. Wie vieles andere auch. Das tut nicht viel zur Sache. Ich kratze mich am Hals und wundere mich über meine kalten Füße (ich bin doch heute wieder über sechstausend Schritte gegangen!). Gut, die österreichische Nationalmannschaft (männlich, Fußball) hat gewonnen und in meinem Lieblingslokal haben sie die Frühstückskarte geändert. Meine eine Tochter hat heute mit mir geschimpft, weil ich so viele Kunstkarten mit halbnackten Frauen in meinem Zimmer hängen habe. Also geschimpft ist nicht richtig: sie hat es kritisiert. Ich habe mich diesbezüglich taub gestellt. Mit dem Künstlerschmäh wäre ich gar nicht durchgekommen (auch vorm Universum nicht). Wahrscheinlich ist das bloß eine Attitüde, noch dazu aus vergangenen, schon untergegangenen Zeiten. Meine Füße sind immer noch kalt. Mein Blutdruck war wieder zu hoch (mir ist nichts aufgefallen, aber die Messung vor zwei Stunden hat das ergeben). Vergangene Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen.


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4404 Wortspiel

 



9:32 a.m.  Das Wortspiel, das ich mir im Badezimmer beim Waschen meines verschlafenen Gesichtes (zuerst warm, dann kalt) ausgedacht habe, funktioniert nicht: Herr Provisor. Ich meinte eine männliche Person, dessen Leben und dessen Wohnräume immer nur provisorisch sind. (Außerdem gibt es diesen Begriff sowohl im kirchlichen, als auch im apothekischen Bereich, wie ich später beim Googeln herausgefunden habe.) Somit liegt kein Witz darin. Also werde ich ihn nicht in die Facebookgruppe Einwortgedichte, Wortspiele, selbst erfunden posten. Macht nichts. Es kann ja nicht jeder ausgedachte Witz zünden und geistreich sein. (vgl. Etymologie von Witz!)

Können wir jetzt zu einem anderen Thema kommen? Ja? Ja? Ja. Herrlich ist es um diese Zeit noch im warmen Bett zu hocken und Zeit fürs Lesen und eine bewegliche Gliederschreibtischlampe am Kastl daneben montiert zu haben, so dass ich sie je nach Bedarf herdrehen oder wegdrehen kann und höher oder niedriger stellen. Auch zum Schreiben ein idealer Arbeitsplatz. Und der Ausblick in meine kleine Kemenate ist wunderbar: die vielen bunten Bücher, die vielen bunten Kunstkarten an den Wänden, der Cedeturm, der überladene Schreibtisch vorm Fenster drüben, der Sessel mit dem abgelegten Gewand (weiß auf dunkelblau), das Hausaltärchen mit dem verstaubten Räucherzeugs und vieles, vieles mehr; dieser Anblick erfreut mein Herz, obwohl allem etwas Provisorisches anhaftet; oder gerade deswegen … jetzt werden mir die Gedanken zu kompliziert und schal, und ich verstehe nicht, warum ich mich an dieses provisorische Zimmer so klammere. Macht nichts. (Macht natürlich schon etwas – der innere Spötter.) Ich gebe (vorläufig?) diese Untersuchung auf und werde einfach im Buch ab Seite 332 weiterlesen.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4403 Die Unterhose

 



0:36 a.m.  Ich lese (also bin ich – der innere Spötter) und bekomme nichts mehr mit. Weil ich schlampig und verschlingend lese, merke ich mir keine Namen und auch sonst nicht viel. Wenn dann noch ein oder zwei Tage Lesepause dazwischen kommen, kenne ich mich in der Handlung gar nicht mehr aus. Wer warum wen attackiert oder verfolgt und um welchen Schmuggel es geht. Trotzdem lese ich weiter. Trotzdem mag ich es, benommen und verwirrt durch für mich unverständliche Welten zu taumeln. So wirklich weiß ich nicht warum und auch nicht, was ich mir dabei heraushole. Gefühle? Fremde Erlebnisse? Stimmungen? Beschreibungen (also Wörter und Sätze, Redewendungen, Metaphern, weiß der Teufel was)? (Er kennt es von seinem echten Leben auch nicht anders, das Taumeln meine ich – der innere Spötter.) Etwas in mir hat sich eingehakt und zieht mich weiter. Jetzt muß ich aber aufs Klo. Vielleicht lese ich nachher weiter. Ich muß morgen nicht früh aufstehen. Der Holzrabe am Fenster hat wieder seine weißlich-gelbe Aura. Ich lache innerlich über meine (inzwischen seit Jahrzehnten untypische) weiße Unterhose, die oben auf dem Gewandsessel ausgebreitet liegt, als würde sie mich noch auf etwas aufmerksam machen wollen und auf der dunkelblauen Fläche meines T-Shirts darunter (das mit dem Aufdruck geeignete Zielperson) forciert herausleuchten wollen. Aber jetzt endlich aufs Klo. Wahrscheinlich ist es eh nur nervöser Harndrang.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 27. März 2026

4402 Plötzlich

 



9:06 a.m.  Der Sturm heult, klappert und zerrt. Als meine Augen zufallen, erschrecke ich, weil es plötzlich ganz finster ist (finsterer als ansonsten bei geschlossenen Augen, wo ja ein roter Schimmer bleibt!). Der Holzrabe am Fenster schaukelt in der Zugluft. Der Sturm legt eine Pause ein. Jetzt bekomme ich die Augen nicht mehr auf. Es läuft nicht so, wie ich es will. Okay, dann ruhe ich hald (sic!) noch; das tut mir immer so gut. Plötzlich kommt mir vor, mein Notizbuch fällt hinunter und ich greife erschrocken und blitzschnell danach. Aber es liegt ganz normal auf der Bettdecke vor mir und von dort kann es einfach so gar nicht hinunterfallen. Das taktile Empfinden, wie es aus der Hand in eine Tiefe rutscht, war ganz realistisch.

Eigentlich ist es höchste Zeit, aber ich mag immer noch nicht aufstehen.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com