4382 Fröhlich
9:27 a.m. Mein Lichtengel ist immer noch einflügelig (eine Lampe ist ausgefallen), aber das wird kompensiert durch ein unglaublich schönes Schattenmuster darüber, vermutlich von der Beschriftung und Bebilderung der lokalen Fensterscheibe. Der Kaffee ist schon da und ich nehme den ersten Schluck. Eine unglaubliche Fröhlichkeit hat mich ergriffen und hereingeweht, fast hüpfend bin ich ins Espresso Burggasse eingelaufen (wahrscheinlich weil er gestern auf ein paar Lottotipps gesetzt hat und jetzt davon träumt, seine finanziellen Sorgen los zu sein und sich bald ein großes Atelier, ein Haus am Land und das Österreichticket plus Absteigen in Hotels leisten zu können. Dabei übersieht er, welche Sorgen ihm der Reichtum bringen würde. Voller Illusionen glaubt er, dem Sog dazu widerstehen zu können – der innere Spötter). Wurscht. Jetzt bin ich fröhlich; auch in der Vorfreude aufs bereits bestellte Breakfast d’anglais. Da kommt es schon.
10:42 a.m. Jetzt sind die schönen Schatten beim halben Lichtengel weg. Der eine Flügel leuchtet nun deutlicher. Die Tischlampe am Wandbord daneben, die mit dem großen Schirm oben am Kopf sozusagen (Melania Trump assoziiert), strahlt – im Gegensatz zu der in den Klammern – erhaben und majestätisch. Ich fürchte mich ein bisschen vorm soeben bestellten dritten Cappuccino; werde ich das aushalten? Noch dazu, wo ich eine Wanderung vom Denepark zu den Steinhofgründen hinauf vorhabe? Werden das mein Herz und mein Knie aushalten? Der melodische Rhythmus aus den Boxen sickert angenehm ein. Jetzt kommt die weibliche, leicht soulige Stimme dazu. Eine Art Ernüchterung und Entmystifizierung tritt stimmungs- und wahrnehmungsmäßig ein. Und so eine Art seelische Müdigkeit. Jetzt machen die Boxen ladinomäßig weiter. Die Welt ist alles, was der Fall ist. Hoffentlich fällt sie nicht zu tief! (Traktiere die Leut’ nicht mit pseudophilosophisch angehauchten, sich literarisch gebenden unlustigen Scherzen – der innere Spötter.) Ich bin ein alter Mann, denke ich, weil mich eine eintretende junge Frau kurz anlächelt, und ich bin auch hier im Lokal nichts, weder Inhaber, noch offizieller, pragmatisierter, aktenkundiger und amtlich registrierter Stammkunde, sondern – so mein Feeling – einer auf Widerruf, kein Platzhirsch (dessen Überreste hängen hoch über dem Fenster in der Nische); ich darf gar nicht stellvertretend oder repräsentativ für die Gäste hier den Gruß erwidern, nur weil ich nahe bei der Eingangstür sitze, denn dazu habe ich kein Mandat! Wenn das geklärt ist, könnte ich einfach so den Gruß erwidern und zurücklächeln, aber dafür ist es längst zu spät. Jetzt sind wir wieder beim Soul. Auf meinem Nacken spielt sich etwas ab; ich kann es nicht benennen, aber gerade noch fühlen. Nur so schaue ich auf mein Handy; ich habe nicht wirklich erwartet, dass dort eine Botschaft abgelegt ist. Ich denke, ich werde bald meine Wanderung antreten, bevor es zu spät ist. Weil ich für meine letzten Schlucke Kaffee, die ich noch genießen will, mein Schreibzeug und die Brille abgelegt und meine Hände ganz profan auf dem Kaffeehaustisch abgestützt gefaltet habe, um meinen Kopf kurz darauf aufzulegen, habe ich – als ich merke, dass ich unabsichtlich in eine Gebetshaltung geraten bin – tatsächlich zu beten begonnen. Ich weiß selber nie, ob ich das ernst meine oder nicht.
12:29. Vom Rande der Steinhofgründe blicke ich auf die Berge des Wienerwaldes im Süden (eigentlich 244° SW) (und von hier aus sind sie ihm zu groß, um sie noch z’fleiß Hügel zu nennen – der innere Spötter), während mich im Nacken ein kühles Lüftchen anweht und ich nicht weiß, ob das unangenehme Folgen haben wird. Der Ausblick jedenfalls ist wunderbar, und die Rufe der Krähen, selbst das ferne Baggergeräusch geht. Das ausgebreitete, aber von hier aus nicht wirklich einsichtige Rosental mit seinen Hangsiedlungen erscheint mir im leicht verschleierten Sonnenlicht elegisch, die einzelnen Häuser mehr oder weniger gelungene Manifestationen der menschlichen Tüchtigkeit, in ihrer Ansammlung vielleicht nur aus der Distanz (Luftlinie ein Kilometer?) erträglich. Diese Wienerwaldhügel, wie sie sich da wölben und senken, versprechen etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, und von dem ich nicht glaube, dass sie es einhalten können. Vielleicht Fernweh nach Süden, oder überhaupt nach der Unendlichkeit. In dieser Jahreszeit erinnern mich die gerade erst grünenden und stellenweise noch braunen Wiesen und Leiten an die Osterbesuche meiner Kindheit bei den Großeltern auf der Buchau. Die Bäume noch ohne Laub, aber der Frühling ist schon gestartet (obwohl es das auch mit Schnee gegeben hat). Hier die Flugzeuge und Krähen. Dunst in den Tälern zwischen den Hügeln. Irgendwo eine Motorsense (wenn ich das Geräusch richtig deute. Auf der Buchau hat noch mein Großvater händisch gemäht und gedengelt).
Ich wollte zeichnen. Wirklich blöd, dass ich den Bleistift vergessen habe. Eine kleine Zeichnung mit Kugelschreiber. Mehr traue ich mich nicht, weil mich sofort eine große Aufregung, fast Panik erfaßt. Als verletzte ich ein strenges Tabu. So sitze ich einfach in der Sonne und schaue dem kleinen Wind zu, wie er noch ein paar braune Blätter aus dem Gras hebt und herumtreibt. Ist diese Pflanze dort, die sich da herüberbiegt und im Wind ständig schaukelt, wirklich ein einzelnes, dürres Schilfrohr? Passt wohl nicht hierher an diese trockene Stelle, aber nicht allzu weit gibt es einen kleinen Teich.
Soll ich den Berg weiter hinauf gehen? Dort oben war ich schon jahrelang nicht mehr. Schaffen ich, mein Knie und mein Herz das? Wie heißt es dort oben? Zu den drei Eichen? (Kreuzeichenwiese – der Tipper).
Ich bilde mir ein, man sieht es älteren und alten Männern an, wenn sie auch nur ein einigermaßen erfolgreiches Berufsleben hinter sich haben (und umgekehrt). Wegen der zwei Passanten; nicht nur Kleidung und Stil, auch Gesichtsausdruck, Auftreten und Gesprächsselbstverständlichkeit. Zur Strafe wandere ich jetzt wirklich den steilen Berg hinauf.
13:43. Der Weg durch den braunen, braunen, braunen Wald. Lediglich ein paar Efeus, Gundelreben und irgendein Strauch tüpfeln ein wenig grün. Und an manchen Stellen Bärlauch und ein paar andere, die ich nicht kenne. (Und das Moos auf den Baumrinden – der innere Korrektor.) Hier ist es windstill. Erst beim „Einstieg“ zum letzten Aufstieg weht mir der frisch aufgekommene Wind einige Blätter quer über den Weg, als würde er mich vom Weitergehen abhalten wollen. Aber nachdem ich diese Grenze überschritten habe, bläst ein anderer Wind unzählige Blätter neben mir her, als würde mich ein ganzes Schippel lebhafter Kinder auf meiner Wanderung begleiten, oder kleine, freundliche Geister, die sich freuen, neben her zu rennen. Bin ich nun in das Revier eines anderen magischen Herrschers eingetreten, der nichts dagegen hat, dass ich sein Gebiet durchwandere? Oder? Es wird wieder windstill; nur vereinzelt dreht ein leichtes Lüftchen einzelne Blätter vor mir um, wie um ein Orakel aufzuschlagen oder mich unbedingt die Rückseite und das Kleingedruckte lesen zu lassen. Aber ich kann das nicht lesen. Der letzte Aufstieg war dann kürzer, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Oben am Plateau rennen und spielen die Hunde. Ein großes Flugzeug fliegt auf Schwechat zu, das nächste grollt schon heran, dann das nächste, und wieder das nächste …
Nach kurzer Zeit werde ich wieder in die Niederungen der Dualität hinunterwandern. That’s it. Die erste Biene des Jahres. Vermutlich eine der einzeln lebenden. Ich überlasse ihr eines der Zuckerwürfelstückchen, die ich zur Behandlung von Bienen- oder Wespenstichen bei mir trage.
(10.3.2026)
©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com