4556 Yogamatten
16:57. Sommernachmittag. Das Flugzeug oben und die Rasenmäher unten klingen schon fast elegisch, oder als wäre ihnen fad. Ich bin wieder am Tempel heroben. Der Aschenbecher neben der Sitzbank stinkt mit seinem verbrannten Inhalt, aber das vertreibt mich nicht. Die rot-weißen Absperrbänder zur archäologischen Grabung zittern im Wind. Schöne Wolken, sehr schöne Wolken, wie im Bilderbuch, nur echter; sie stören nicht den blauen Sommerhimmel. Und erst der Blick über die Ebenen Richtung Osten! Eine Weite, die mir fast im Herzen weh tut. Ich sehe eine Elster ins Gebüsch am Südhang fliegen. Blauer Schatten hat sich auf die weiße Notizbuchseiten gelegt. Diese lockere Reihe weißer Wolken zieht so getragen und majestätisch den Horizont entlang, langsam wie eine edle Karawane. Dieses schon ins Abendliche gleitende Sonnenlicht auf den Bäumen und Mauern und Wiesen; man ahnt, dass die heimlichen Versprechen des Tages nicht mehr eingelöst werden. Was für eine Unmittelbarkeit! Eine Frau ist jetzt auf den Frauenberg herauf gekommen, mit Yogamatte und Kerze; sie wird hier wohl üben. Sie legt die Karten. Das hier ist sicherlich ein sehr geeigneter Ort dafür. Der Wind wird stärker. Die Absperrbänder flattern laut. Die Frau hat mit ihren Übungen begonnen. Ich schaue zur Seite, dann doch wieder hin auf die Frau, die sich zirka zehn Meter direkt vor mir befindet. Ich will sie nicht irritieren, aber weggehen will ich auch nicht. Ich betrachte links die rostigen Eisengestelle für das Sieb der archäologischen Erdarbeit. Auch ich nehme eine meditative Haltung im Sitzen ein und schließe die Augen. Ich bemerke wieder stark den Geruch der Asche und der Zigarettenstummel im Aschenbecher bei der Bank. Jetzt kommt ein Mann mit Yogamatte. Die beiden kennen sich. Jetzt reden sie. Eine Schwalbe fliegt von links vorne nach rechts hinten; eine Taube von rechts hinten nach links vorne. Jetzt kommen viele Schwalben. Noch eine Frau mit Yogamatte und Kind kommt. Der Bub fährt dann mit seinem Rad wieder weg. Eine Nebelkrähe. Die Yogaleute reden immer noch. Langsam fühle ich mich genötigt, zu gehen. Die schier endlose Wolkenkarawane zieht immer noch am Horizont dahin. Ja gut, ich gehe. Ich habe das Gefühl, ich störe sie. Unauffällig verneige ich mich in ihre Richtung mit gefalteten Händen und leisem „namaste!“
(22.7.2027)
©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com