Freitag, 13. März 2026

4387 Die Sonn’ im Nacken

 



10:19 a.m.  Die Sonne im Nacken (wirft genau an die jeweilige Stellen, wo ich mit dem Pilotstift schreibe, einen Schatten auf das Papier). (Die Sonne wirft die Schatten? - der innere Spötter.)

10:51 a.m.  (Ist diese Uhrzeitmanie nicht schon etwas peinlich? - der innere Spötter.) Naja, ich weiß nicht. Es ist schon auch eine Information, die das Verstehen fördern könnte. Zumindest die, ob es Morgen, Mittag, Abend oder Nacht ist. Nun habe ich ein wenig mit der Lokalchefin geplaudert. Über Krankheiten, wie es sich für einen alten Mann geziemet. In Linz müßte man sein. (Er will diesen Einschub nicht erklären; diesmal weiß er jedoch, warum er drauf gekommen ist – der innere Spötter.) Also gut: aus einem Lokalgespräch Linz aufgeschnappt. Mehr sage ich nicht. Ich kann mich schwer konzentrieren. Ein lautes Gespräch im fast leeren Lokal (alle sitzen draußen) kann sehr ablenkend sein. Oder zu etwas hinführen, was man anschauen sollte. Alkoholismus z.B., Parkinson z.B., Demenz z.B.. Freitag der Dreizehnte ist heute. Das ändert nichts daran, dass mir deutlich wird, wie sehr ich weg vom Fenster bin. Vom Leben. Das Leben spielt sich weit weg von mir ab. Okay. So ist es. (Oder falle ich auf etwas herein? Ich bin so leicht zu beeindrucken.) Bestimmung oder nicht. Okay. Okay, okay, okay (die eigentliche Frage wäre: ist das Leben weit weg von ihm, oder er vom Leben? Beziehungsweise: läßt er das Leben, das ihn umgibt, nicht an sich heran? - der innere Spötter.) Ich trinke aus und werde heimgehen (dort wo auch Leben zu Hause ist).


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4386 Hecke

 



6:50 a.m.  Wie so oft: ich wache friedlich in angenehmer Wärme unter der Bettdecke auf. Leichte, ganz leichte Kreuzschmerzen (die vergehen werden, wenn ich mich wieder bewegen werde). So liege ich da, noch ganz ohne Gedanken, ohne Bilder, ohne Plan. Und da, plötzlich, fährt eine Angst ein, eine Panik wie aus dem Nichts. Mit nichts verbunden, ohne Bild, ohne Idee, ohne Begriffe. Ich kann nicht sagen: mir ist dies oder das eingefallen, und da ist die Angst gekommen. Nein, und trotzdem muß etwas wach geworden sein. Vielleicht bin ich mir – noch ohne Bilder oder Gedanken, sozusagen verzippt – meiner und meines Lebens bewußt geworden und davon schockiert. Die Begegnung mit dem Destillat meines Lebens. Dass mein Bewußtsein sich in diesem Moment an seinen Inhalt (mein Leben, meine Erfahrungen, meinen Status quo) erinnert. Wie gesagt: keine Bilder, keine einzelnen, konkreten Inhalte, keine Sätze, sondern die Quintessenz. Ja, es ist ein Erschrecken, ein Schock, was solch eine Angst auslöst. Das sitzt nicht nur im Geist, es sitzt auch im Körper; im Leib, und wacht – ein wenig verzögert – mit den Bewußtsein auf. Schreiben ist übrigens eine Technik, diese namenlose, große, überwältigende Angst – nun ja: in den Griff zu bekommen wäre übertrieben, sagen wir: um sie einzuhegen. Freilich weiß man, dass das bloß ein Trick ist, der im letzten, entscheidenden Moment, wenn die schützende Hecke dem Ansturm nicht mehr standhält, nicht funktionieren wird.


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4385 Weinerlich

 



23:42.  Jetzt bewegt sich nichts. Nur kurz verrutscht mein Notizbuch auf der Bettdecke über meinen angezogenen Beinen und der Pilotstift, den meine rechte Hand über das Papier führt, und manchmal ist es ein tiefer Atemzug, der meinen Bauch und damit die Bettdecke darüber anhebt. Aber sonst bewegt sich nichts. Heute hätte ich gerne geweint, aber das geht nicht; ich nehme es wohl nicht echt und ernst genug. Aber müde und erschöpft sind meine Augen schon und – wenn man das so sagen kann – weinerlich. Ich vertiefe mich ein wenig in die Mechanik meiner Schreibtischlampe vor meiner Nase, die ich als Leselicht neben dem Bett installiert habe. Nur so, ohne Grund, höchstens aus ein wenig verlegener Neugier. Aber ich bin einfach zu müde.


(12.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4384 So früh

 



7:04 a.m.  So früh beim Zahnarzt! Im Warteraum (= der Flur). Boah! Ich bin noch nicht ganz wach. Träume ich? Nein, nein, diese Fremdheit da ist schon die Realität. Ich bin zu früh hier, vor lauter Angst, zu spät zu kommen und den Termin zu versäumen. Noch kein Alltagsgerede stabilisiert das Ganze da; alle sitzen stumm herum. Im Gegenteil: die sanften Geräusche der Lüftung oder Heizung – was weiß ich, was das ist – wollen mich wieder abziehen und wegtragen. Sehr verführerisch! Mein Blick bleibt am Schild Desinfektion hängen, mit dem Symbolbild einer nach oben geöffneten Hand, auf die drei Tropfen Flüssigkeit fallen. In einem angenehmen, dunklen Blau gehalten.

Ui! Jetzt geht der Bildschirm los! Das ist unangenehm; viel zu aufdringlich, entweder kindische Comics oder von glatter, geschleckter, medizinischer Scheißästhetik. Obwohl ich gerade gegenüber sitze - wäre der Bildschirm bei der Platzwahl schon gelaufen, hätte ich mich so gesetzt, dass ich ihn nicht sehen kann – versuche ich nicht hinzuschauen. Der Sog der bewegten Bilder ist freilich groß. Den Sitzplatz wechsle ich nicht.


(12.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4383 Schon

 



22:35.  Schon im Bett. Erschöpft. Okay.


(10.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 10. März 2026

4382 Fröhlich

 



9:27 a.m.  Mein Lichtengel ist immer noch einflügelig (eine Lampe ist ausgefallen), aber das wird kompensiert durch ein unglaublich schönes Schattenmuster darüber, vermutlich von der Beschriftung und Bebilderung der lokalen Fensterscheibe. Der Kaffee ist schon da und ich nehme den ersten Schluck. Eine unglaubliche Fröhlichkeit hat mich ergriffen und hereingeweht, fast hüpfend bin ich ins Espresso Burggasse eingelaufen (wahrscheinlich weil er gestern auf ein paar Lottotipps gesetzt hat und jetzt davon träumt, seine finanziellen Sorgen los zu sein und sich bald ein großes Atelier, ein Haus am Land und das Österreichticket plus Absteigen in Hotels leisten zu können. Dabei übersieht er, welche Sorgen ihm der Reichtum bringen würde. Voller Illusionen glaubt er, dem Sog dazu widerstehen zu können – der innere Spötter). Wurscht. Jetzt bin ich fröhlich; auch in der Vorfreude aufs bereits bestellte Breakfast d’anglais. Da kommt es schon.


10:42 a.m.  Jetzt sind die schönen Schatten beim halben Lichtengel weg. Der eine Flügel leuchtet nun deutlicher. Die Tischlampe am Wandbord daneben, die mit dem großen Schirm oben am Kopf sozusagen (Melania Trump assoziiert), strahlt – im Gegensatz zu der in den Klammern – erhaben und majestätisch. Ich fürchte mich ein bisschen vorm soeben bestellten dritten Cappuccino; werde ich das aushalten? Noch dazu, wo ich eine Wanderung vom Denepark zu den Steinhofgründen hinauf vorhabe? Werden das mein Herz und mein Knie aushalten? Der melodische Rhythmus aus den Boxen sickert angenehm ein. Jetzt kommt die weibliche, leicht soulige Stimme dazu. Eine Art Ernüchterung und Entmystifizierung tritt stimmungs- und wahrnehmungsmäßig ein. Und so eine Art seelische Müdigkeit. Jetzt machen die Boxen ladinomäßig weiter. Die Welt ist alles, was der Fall ist. Hoffentlich fällt sie nicht zu tief! (Traktiere die Leut’ nicht mit pseudophilosophisch angehauchten, sich literarisch gebenden unlustigen Scherzen – der innere Spötter.) Ich bin ein alter Mann, denke ich, weil mich eine eintretende junge Frau kurz anlächelt, und ich bin auch hier im Lokal nichts, weder Inhaber, noch offizieller, pragmatisierter, aktenkundiger und amtlich registrierter Stammkunde, sondern – so mein Feeling – einer auf Widerruf, kein Platzhirsch (dessen Überreste hängen hoch über dem Fenster in der Nische); ich darf gar nicht stellvertretend oder repräsentativ für die Gäste hier den Gruß erwidern, nur weil ich nahe bei der Eingangstür sitze, denn dazu habe ich kein Mandat! Wenn das geklärt ist, könnte ich einfach so den Gruß erwidern und zurücklächeln, aber dafür ist es längst zu spät. Jetzt sind wir wieder beim Soul. Auf meinem Nacken spielt sich etwas ab; ich kann es nicht benennen, aber gerade noch fühlen. Nur so schaue ich auf mein Handy; ich habe nicht wirklich erwartet, dass dort eine Botschaft abgelegt ist. Ich denke, ich werde bald meine Wanderung antreten, bevor es zu spät ist. Weil ich für meine letzten Schlucke Kaffee, die ich noch genießen will, mein Schreibzeug und die Brille abgelegt und meine Hände ganz profan auf dem Kaffeehaustisch abgestützt gefaltet habe, um meinen Kopf kurz darauf aufzulegen, habe ich – als ich merke, dass ich unabsichtlich in eine Gebetshaltung geraten bin – tatsächlich zu beten begonnen. Ich weiß selber nie, ob ich das ernst meine oder nicht.


12:29.  Vom Rande der Steinhofgründe blicke ich auf die Berge des Wienerwaldes im Süden (eigentlich 244° SW) (und von hier aus sind sie ihm zu groß, um sie noch z’fleiß Hügel zu nennen – der innere Spötter), während mich im Nacken ein kühles Lüftchen anweht und ich nicht weiß, ob das unangenehme Folgen haben wird. Der Ausblick jedenfalls ist wunderbar, und die Rufe der Krähen, selbst das ferne Baggergeräusch geht. Das ausgebreitete, aber von hier aus nicht wirklich einsichtige Rosental mit seinen Hangsiedlungen erscheint mir im leicht verschleierten Sonnenlicht elegisch, die einzelnen Häuser mehr oder weniger gelungene Manifestationen der menschlichen Tüchtigkeit, in ihrer Ansammlung vielleicht nur aus der Distanz (Luftlinie ein Kilometer?) erträglich. Diese Wienerwaldhügel, wie sie sich da wölben und senken, versprechen etwas, von dem ich nicht weiß, was es ist, und von dem ich nicht glaube, dass sie es einhalten können. Vielleicht Fernweh nach Süden, oder überhaupt nach der Unendlichkeit. In dieser Jahreszeit erinnern mich die gerade erst grünenden und stellenweise noch braunen Wiesen und Leiten an die Osterbesuche meiner Kindheit bei den Großeltern auf der Buchau. Die Bäume noch ohne Laub, aber der Frühling ist schon gestartet (obwohl es das auch mit Schnee gegeben hat). Hier die Flugzeuge und Krähen. Dunst in den Tälern zwischen den Hügeln. Irgendwo eine Motorsense (wenn ich das Geräusch richtig deute. Auf der Buchau hat noch mein Großvater händisch gemäht und gedengelt).

Ich wollte zeichnen. Wirklich blöd, dass ich den Bleistift vergessen habe. Eine kleine Zeichnung mit Kugelschreiber. Mehr traue ich mich nicht, weil mich sofort eine große Aufregung, fast Panik erfaßt. Als verletzte ich ein strenges Tabu. So sitze ich einfach in der Sonne und schaue dem kleinen Wind zu, wie er noch ein paar braune Blätter aus dem Gras hebt und herumtreibt. Ist diese Pflanze dort, die sich da herüberbiegt und im Wind ständig schaukelt, wirklich ein einzelnes, dürres Schilfrohr? Passt wohl nicht hierher an diese trockene Stelle, aber nicht allzu weit gibt es einen kleinen Teich.

Soll ich den Berg weiter hinauf gehen? Dort oben war ich schon jahrelang nicht mehr. Schaffen ich, mein Knie und mein Herz das? Wie heißt es dort oben? Zu den drei Eichen? (Kreuzeichenwiese – der Tipper).

Ich bilde mir ein, man sieht es älteren und alten Männern an, wenn sie auch nur ein einigermaßen erfolgreiches Berufsleben hinter sich haben (und umgekehrt). Wegen der zwei Passanten; nicht nur Kleidung und Stil, auch Gesichtsausdruck, Auftreten und Gesprächsselbstverständlichkeit. Zur Strafe wandere ich jetzt wirklich den steilen Berg hinauf.


13:43.  Der Weg durch den braunen, braunen, braunen Wald. Lediglich ein paar Efeus, Gundelreben und irgendein Strauch tüpfeln ein wenig grün. Und an manchen Stellen Bärlauch und ein paar andere, die ich nicht kenne. (Und das Moos auf den Baumrinden – der innere Korrektor.) Hier ist es windstill. Erst beim „Einstieg“ zum letzten Aufstieg weht mir der frisch aufgekommene Wind einige Blätter quer über den Weg, als würde er mich vom Weitergehen abhalten wollen. Aber nachdem ich diese Grenze überschritten habe, bläst ein anderer Wind unzählige Blätter neben mir her, als würde mich ein ganzes Schippel lebhafter Kinder auf meiner Wanderung begleiten, oder kleine, freundliche Geister, die sich freuen, neben her zu rennen. Bin ich nun in das Revier eines anderen magischen Herrschers eingetreten, der nichts dagegen hat, dass ich sein Gebiet durchwandere? Oder? Es wird wieder windstill; nur vereinzelt dreht ein leichtes Lüftchen einzelne Blätter vor mir um, wie um ein Orakel aufzuschlagen oder mich unbedingt die Rückseite und das Kleingedruckte lesen zu lassen. Aber ich kann das nicht lesen. Der letzte Aufstieg war dann kürzer, als ich ihn in Erinnerung hatte.

Oben am Plateau rennen und spielen die Hunde. Ein großes Flugzeug fliegt auf Schwechat zu, das nächste grollt schon heran, dann das nächste, und wieder das nächste …

Nach kurzer Zeit werde ich wieder in die Niederungen der Dualität hinunterwandern. That’s it. Die erste Biene des Jahres. Vermutlich eine der einzeln lebenden. Ich überlasse ihr eines der Zuckerwürfelstückchen, die ich zur Behandlung von Bienen- oder Wespenstichen bei mir trage.


(10.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 9. März 2026

4381 Die Hereinkommenden

 



13:10.  Heute hebt der abgemagerte Asket draußen auf der Schwarzspanierstraße seine weggehungerten Hände beschwichtigend, als würde er mir empfehlen, es nicht zu übertreiben, aber was? Außerdem mißtraue ich Asketen (was nicht heißen soll, dass ich ihnen nicht auf den Leimgehen kann. Den Genußmenschen übrigens auch. Überhaupt allen, die nach Vorstellungen leben). Die Sonne scheint klar und nahezu ungetrübt und der Wind rüttelt den Säulenheilgen ein wenig hin und her (Auflösung des Asketen-Säulenheiligen-Rätsel unter Nummer 4373 Die Steckdose hier auf/in der Schublade). (Er mag nicht in jedem Text alles erklären – der innere Spötter.) Ein viel zu großes Kuchenstück habe ich gegessen. Solche Bestellungen sind absolute Ausnahmen. Die Leute, die hereinkommen, bewegen sich im Gegenlicht der starken Abstrahlung der Sonnenlichtflecken auf den Fensternischen (Naja, schon auch vom Licht, das schlicht und einfach und direkt bei den Fenstern hereinkommt – der innere Korrektor).

Der Asket wackelt immer noch auf der Stange. Weil ich gestern mit family hier gebruncht habe, sitze ich heute viel entspannter hier – sozusagen bürgerlich bewährt (obwohl er das alles gar nicht bezahlt hat – der innere Spötter). Ich wäre schon gern wohlhabend (schlecht geht es dir aber nicht! - der innere Korrektor), aber vielleicht würde ich das gar nicht derpacken. Meine armen Kinder erben hald (sic!) nichts. Sie haben nichts davon, dass es bei uns in Österreich keine Erbschaftssteuer gibt. Die Leute im Lokal werden von meinem Platz aus gesehen alle von hinten beleuchtet, sodaß ich ihre Gesichter kaum erkennen kann (das hat er mit Gegenlicht gemeint – der innere Spötter). Übrigens: bei den Hereinkommenden werden immer zuerst ihre Schatten am aufgezogenen Türvorhang sichtbar. Die Stunde der Psychotherapie naht. Langsam sollte ich an schnelleres Austrinken denken. Der Säulenheilige wackelt richtig wild; mindestens fünf Zentimeter hin und her oben bei seinem Schrumpfköpfchen. Ich vermeine in seinem „Gesicht“ (in Wirklichkeit ist der „Kopf“ nur der Knopf oben an der Spitze des nicht aufgespannten Sonnenschirms) den Blick himmelwärts gerichtet zu sehen. Weil ich das Ding spaßeshalber gegen den Strich als Heiligenfigur umdeute, oder weil Farb- und Lichtflecken am Knopf tatsächlich ein Gesicht mit Blick suggerieren?


(9.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com