9:30 a.m. Ein Radfahrer ist hereingekommen, dessen Gesicht mich frappant an einen berühmten österreichischen Schauspieler (umstritten? Ich kann mich nicht genau erinnern. Ich glaub: ja. Jedenfalls schon tot) erinnert, besonders seine Augenpartie, aber der Name des als möglichen Vorfahr des Radfahrers unterstellten Schauspielers will und will mir nicht einfallen.
10:37 a.m. Nach Frühstück und entspannter Zeitungslektüre ist mir der Name endlich eingefallen: Maximilian Schell. Und was machen wir damit? Nichts gescheites (ich gebe zunehmend meinen Widerstand gegen so manche, meist neue Grammatik- und Rechtschreibregel auf – die ständigen Autokorrekturen beim Eintippen zermürben auch mich – aber diesmal versuche ich es wieder: für mein Sprachempfinden ist
Nichts das Objekt des Satzes und
gescheites das Adjektiv. Ich gebe zu, dass ich in irgendeiner Nacht, als ich in meinen Halbschlafgedanken dieses Thema gewälzt hatte, es für ein paar wackelige Sekunden anders sehen konnte).
Soweit so gut. Der Radfahrer ist wieder gegangen. Der dritte Cappuccino ist nun da, jetzt wende ich mich dem
Lichtengel zu. Beim „Schell’schen Radfahrer“ habe ich mich eh nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt; wir werden es nie wissen und das – hypothetisch! - Wissen, ob meine Unterstellung richtig oder reiner Unsinn ist, würde an der politischen Entwicklung in den USA, Europa und Asien (und in Afrika und Australien und Ozeanien, selbst in der Antarktis) nichts ändern. Würden wir das wissen, änderte dies auch nichts am traurigen Faktum, dass die blaune laut Umfragen die stimmenstärkste Partei in Österreich ist. Leider. Oder würde sich doch etwas ändern? Wer weiß, wie in diesem komplexen, multifunktionalen, vieldimensionalen kräfteparallelogrammatischen, widersprüchlichen und vielschichtigen Universum die Dinge zusammenhängen! Jetzt belästigt mich eine gemeine Stubenfliege. Ist die vielleicht eine von der Freiheitlichen gesteuerte Minidrohne? Tatsächlich lasse ich das Thema fallen und wende meinen Blick auf den
Lichtengel in der Fensternische. Weil es heute recht sonnig ist und vor draußen helles Licht hereinstrahlt, verblaßt sein von mir aus gesehen rechter Lichtflügel ein wenig. Zack! Ab in eine Gewaltphantasie! Mein Geist zuckt unabsichtlich weg in eine phantasierte Szene, wo ich einem mich „provozierenden“ Gewöhnlichkeitsnazi niederschlage, um ihm zu beweisen, was das Gerede von „der hat mich provoziert!“ für eine Verlogenheit ist. Das Ganze hat – sagen wir - drei Sekunden gedauert, in denen ich komplett weg war und meine aktuelle Umgebung nicht wahrnehmen konnte. Im Nachhinein habe ich die Sorge, dass jemand meine Gesichtszuckungen dabei bemerkt hat. Es schaut so aus, dass alle Gäste in ihre eigenen Geschichten und Gespräche vertieft waren; jedenfalls schaut mich – soweit ich das mitbekommen habe – niemand komisch an. Aber auch ich würde, wenn ich eine Szene einer solchen unguten Entrückung gesehen hätte, versuchen, mir nichts anmerken zu lassen. Ein Bettler mit wirklich markantem männlichen Gesicht kommt herein, edel irgendwie in seiner großen, hageren, aufrechten Gestalt (er wird nicht hinausgeworfen und es ist ihm erlaubt, die Gäste um ein Almosen zu bitten. Das spricht sehr für das Café!). Mein Geist ist schon wieder woanders und treibt Wortspiele mit dem Namen des neuen Erzbischofs von Wien, den ein telephonierender Gast zwei Tische weiter erwähnt hat. Seit Wochen keine
Kleine Zeitung/Graz mehr im Zeitungsständer (eigentlich Zeitungs
hänger, denn das Gestell ist an der Wand montiert). Ich könnte eine andere als zweite Zeitung nach dem Standard lesen (es werden die
Salzburger Nachrichten). Mein letztens als
rote Holzkatze beschriebenes neues Objekt an der Wand stellt sich bei näherer Betrachtung als Keramikobjekt als Teil einer Keramikausstellung heraus.
11:50 a.m. Wenn ich noch eine Uhrzeit mit
ante meridiem anbringen will, ist es jetzt höchste Zeit. Jedoch fällt mir nichts ein und somit ist es Zeit für den Aufbruch zur Stadtwanderung.
Auf der Mariahilfer Straße fallen mir die vielen, inzwischen hochgewachsenen Bäume auf, die jetzt so schön ihre nackten, dunklen Äste gegen den herrlichen blaßblauen Himmel strecken und so ein tolles graphisches Gewirr erzeugen, über dem noch der zunehmende Halbmond sichtbar geblieben ist.
(27.1.2026)