4527 Sechsunddreißig Grad
11:13 a.m. Vielleicht sollte ich mir eine Wohnung im siebentem Bezirk zulegen, denn ich sitze wieder im Espresso Burggasse. Scherz beiseite: davon bin ich meilenweit entfernt und es wäre auch schade um meine inzwischen fast tägliche Anreise und die schönen Stadtwanderungen zurück (wo ich schon weiß, wo ich am Weg pinkeln kann und wo Wasser trinken). Ich habe heute beim Eintreten zur Lokalchefin eh gesagt, dass ich ohne Espresso Burggasse nicht mehr leben kann.
Irgendwas spielt sich hier ab, aber die Diskussion wird auf Englisch geführt; da bin ich draußen.
Nein, nein, ich sitze schon herinnen. Wieder einmal blockieren sich meine inneren Kräfte, Gedanken, Gefühle et cetera (dass ich’s einmal korrekt hinschreibe, ohne dass das Rechtschreibprogramm mit roten Wellen herummeckern muß) gegenseitig und nichts geht. Jetzt blödeln die Kellner und schon geht das Leben weiter. Ich werde mich mit einem Schnittlauchbrot stärken, denke ich. Es dauert, bis ich mich aufraffe, meinen Arm als Signal für den Kellner zu heben, aber jetzt ist es geschafft. Erstaunlich, dass ich bei der Hitze schon wieder hungrig bin (34°C). Ja, und ich sitze Blickrichtung 284°W; dort, wo die Sonne untergeht.
11:55 a.m. Alle vom Brot gefallenen Schnittlauchstückchen, die mir zugänglich waren (Tablett, Tisch), habe ich aufgepickt und in den Mund gesteckt; mit abgeschlecktem Zeigefinger habe ich sie aufgesammelt, aber alles auf elegante Art, mit regelmäßigem Mundabwischen mit der mitgelieferten Serviette mindestens nach jedem Bissen und jeder Atzung. So! Fertig! Händewaschen und den Mund. So, jetzt bin ich wieder am Platz. Das Schreiben ohne Brille geht immer besser (nein, falsch! Es wird nicht besser; es geht heute so leidlich, wie es gestern gegangen ist. Ich warne vor Faktenverdrehungen aus ritualisierten Sprachgewohnheiten - der innere Korrektor).
Was macht die – ich glaube - Achtzigerjahre-Mainstream-Musik (Maneater) mit mir? Ich kenne sie, aber habe sie nie bewußt und mit Absicht angehört. Die Kellner singen laut im Duett mit; mich rührt diese Fröhlichkeit zu Tränen; wohl auch das Lied jetzt, ein großer Hit damals, dessen Titel und Name des Sängers mich nie interessiert hat und mir jetzt auch nicht einfällt (Toto; Africa – der Rechercheur). Ich sag’s ja, Namen und Titel habe ich nie gewußt. Jetzt dieser unsägliche Maikl Jäcksn, den ich hasse, immer gehasst habe und immer hassen werde, aber der Song nun gehört offensichtlich auch zu den Requisiten meines Lebenstheaters, ob ich will oder nicht. Übrigens: das mit den Tränen in den Augen wie vorhin ist bei mir schon inflationär; meine Altersrührseligkeit nimmt täglich zu (mindestens 3,7%). Noch so ein Hit aus den Achtzigern. Jetzt aber, beim neuen Song, heißt es isolation is not good for me (Fools Garden; Lemon Tree; aha: 2021 – der Rechercheur). Für mich – in moderater Form - jedoch schon. So am Rand und als Zuschauer. Verdammt! Ein ordentlicher Wohlstand gehört her! Nicht, dass es mir schlecht geht, ah wo! - immerhin sitze ich nach Cappuccino1, Gemüsesaft, Schnittlauchbrot und Cappuccino2 noch immer im Espresso Burggasse und meine Gedanken kreisen um Cappuccino3! - aber he! Her mit der Kohle! Universum, ziehe an! Soooviel Zeit wird mir auch nicht mehr bleiben, dass es sich dann noch richtig auszahlt. Bald ist es zu spät.
Jetzt David Bowie, da sind wir mir schon näher.
13:22. Wird es langsam Zeit für die Wanderung nach Hause? Ich frage das Universum. Jetzt erst mach ich den ersten Blick auf den Lichtengel, und der hat seinen stärker leuchtenden Flügel verloren! Das habe ich nicht erwartet (hoffentlich war nicht die Glühbirne zu stark für die Lampenfassung und die ist jetzt kaputt!). Wieder einflügelig. Nur ganz wenig strahlendes Licht kommt vom schwächeren rechten Flügel auf die tote linke Seite herüber; aber immerhin hat er seinen – von mir aus gesehen – linken Flügel noch nicht aufgegeben. Die zwei leeren Barhocker an der Wand gegenüber sind mit ihren Rückenlehnen so gedreht, dass man zwei einander direkt gegenüber Sitzende imaginieren kann. Oder ist das eine optische Täuschung? Ja, ist es. Die Barhocker stehen Rückenlehnen gemäß zirka 90° zueinander. Jetzt bin ich durch mit den Graden (Temperatur, Himmelsrichtung, Winkel), jetzt schließe ich das Kapitel ab und gehe los (36°C).