Dienstag, 23. Juni 2026

4524 Nicht sicher

 



14:57.  Es ist sehr heiß. Aber ich kann ohne Brille schreiben. Das ist neu! Ist eine Wunderheilung passiert? So eine unauffällige, versteckte? (das wäre bei ihm mit seiner Realitätsunaufmerksamkeit nicht weiter verwunderlich – der innere Spötter). Aber jetzt beginnt schon wieder alles ein wenig zu verschwimmen. Auch interessant! Wie geht das? Was läuft da organisch (oder – huch! - anorganisch) ab? Der Deckenventilator hier im Leo dreht sich nicht. Aber der in der Oberlichte des Fensters arbeitet auf Hochtouren; also ich glaube, dieses Gerät heißt nicht Ventilator, aber wie es heißt, weiß ich nicht (vergessen oder nie gewußt? - der innere Spötter). Zum Lesen der Karte habe ich, ohne zu denken, die Brille aufgesetzt. Jetzt probiere ich, ob ich die Getränkekarte auch ohne Brille derlesen hätte. Ja, habe ich hinbekommen. Aber Ich bin nicht repräsentativ steht auf meinem T-Shirt (warum nicht Leiberl? - der innere Spötter). Heute sitzen alle draußen im „Verschlag“ und ich frage mich auch schon, ob es draußen in der leichten Brise nicht angenehmer ist als hier herinnen (mit Verschlag meint er leicht, aber freundschaftlich spöttelnd den Schani“garten“ auf der Straße, der mit schlichten Holzplatten eh recht schön abgegrenzt ist – der innere Spötter).

Schon wieder habe ich unbemerkt die Brille aufgesetzt. Ich werde heute Abend zum Aldous-Harding-Konzert rausfahren und erwarte, dass es an der Abendkasse noch Karten gibt. Aber jetzt schaue ich mir wieder einmal die ausgestellten Bilder an der Wand gegenüber an, dazu nehme ich jedoch absichtlich die Brille mit. Die Zeichnungen – so fast konventionell sie auch auf den ersten Blick erscheinen – gefallen mir, so klein, so unaufgeregt, bescheiden – wenn man das nur nicht falsch versteht! - also nicht angeberisch, ein wenig wie einfach und nebenbei hingeworfen – aber durchaus gekonnt und nicht nebenbei! Menschenleere Landschaftsminiaturen und kleine Menschenbilder – die separat. Keinesfalls naiv!

Eine eigenartige, betörende, fast in Trance setzende Geräuschkulisse entsteht durch die Mischung der nicht sehr lauten Boxenmusik und dem lauten, rhythmischen Surren der Lüftung in der Oberlichte oben. Schon wieder habe ich die Brille auf und kann mich nicht erinnern, wann und wieso ich sie aufgesetzt habe! (doch! Als du am Etikett der Biorhabarbersaftflasche das Kleingedruckte gelesen hast – der innere Korrektor). Bei der Boxenmusik treten Bass und Schlagzeug stärker hervor als üblich – was mir gefällt und den oben zu beschreiben versuchten Effekt fördert.

Ich kann sagen, dass ich mich inzwischen in vier Cafés – sagen wir: „bekannt gemacht“ habe. Jetzt fehlt nur noch der Wohlstand, dass ich täglich im einen oder anderen frühstücken, jausnen, mittagessen und zum Nachmittagskuchen einkehren kann. Eine kleine Mücke – oder was das ist – krabbelt auf meiner linken Hand herum, kitzelt ein wenig, die Farbe ist grün, Beine und Greifzangen – wenn ich das richtig sehe – gelblich. Aber bezüglich Letzterem bin ich mir trotz Brille nicht sicher.


(23.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4523 Die Frage ist entschieden

 



7:54 a.m.  Wieder steigt ein Hitzetag aus dem Morgen. Bald werde ich die Fenster schließen. Ich bin noch nicht ganz ausgeschlafen. In meinem Zimmer hat es im Moment 27°C. Ich frage mich, ob ich bei der Hitze ein Fitnesstraining riskieren kann (immerhin wird meine Altersgruppe in den Medien vor Überanstrengung gewarnt). Und das Aldous-Harding-Konzert heute Abend? Komisch, mit diesen Fragen kommt der Stress auf. Dann denke ich über mein Leben nach. Das allein ist fast schon ein Witz. Oft, wenn Tauben rufen, muß ich an Sympathy For The Devil von den Rolling Stones denken (und umgekehrt). Die Taube jetzt legt ihr gru, gruhuu allerdings etwas anders an. Wenn ich – was mir viel lieber ist – ohne Gebiss im Maul frühstücken will, muß ich bald in die Küche hinunter gehen, bevor die Tageskinder und die Hospitantin kommen, obwohl ich noch nicht hungrig bin und überhaupt noch nicht bereit. Ansonsten muß ich nach dem Müsli wieder mein Gebiss reinigen. Eine Szene meines Lebens fällt mir ein, und die macht mich so aggressiv, dass ich zu zucken anfange. Gut, dann kann ich aufstehen und hinunter gehen. Fragt sich noch, ob ich jetzt schon die Fenster schließen und die Rollos herunterlassen soll. Ich rieche Zigarettenrauch. Ich weiß nicht, ob ich mir das einbilde, ob ich eine Geruchshalluzination habe oder ob wirklich jemand im Lichtschacht geraucht hat. Da mir davon übel wird, schließe ich die Fenster und kann auch gleich alles verdunkeln. Diese Frage ist also entschieden.


(23.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 22. Juni 2026

4522 Fremdsprache




Im Hof unter einem großen Lindenbaum. Ein angenehmes Lüftchen weht durch die Hitze. Wobei es jetzt zuzieht; immer mehr Wolken breiten sich aus. (Ich darf nicht vergessen, auf die Uhrzeit zu achten; Psychotherapietermin.) Ich bin vom Gespräch auf der Nebenbank abgelenkt (verstehen kann ich vom Gespräch der beiden jungen Frauen nichts; diese Jugendsprache ist für mich wie eine Fremdsprache, sowohl was das Vokabular, als auch was die Aussprache betrifft). (Oh mein Gott! - habe ich jetzt verstanden.) Ich will nicht zuhören, aber ignorieren kann ich es auch nicht. Okay! Ich beende das Schreiben.

Am leergeräumten Antiquariat Klabund, dessen Räumlichkeiten schon zur Vermietung ausgeschrieben sind, vorbeizugehen, gibt mir einen Stich ins Herz. Auch wenn ich nur selten etwas gekauft habe, so habe ich doch bei jedem Vorbeiflanieren die Auslagen betrachtet, die Titel der Bücher gelesen, die Photos und Bilder angeschaut. Es sind schon Welten, die da untergehen und verschwinden, mitsamt dem Klabund und dem literarischen neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4521 Öst - Arg

 



12:27.  Heute also Österreich – Argentinien. Ich habe beim Aufwachen rasendes Herzklopfen bekommen, als mir das so aus dem Schlaf heraus eingefallen ist. Unglaublich, war ich da alles draufpicke – ich würde sagen, es geht darum, dass es in dieser Welt im Prinzip möglich sein soll, dass der Schwächere gegen den Stärkeren gewinnen kann oder wenigstens sich behaupten; wenn es mir selber schon nicht gelungen ist, sollte es wenigstens unser Nationalmannschaft gelingen. Da hängt doch tatsächlich meine Lebensgeschichte drin (respektive die, die du dir zusammengezimmert hast – der innere Spötter).

Ich hoffe, dass ich das ohne Herzinfarkt überstehe (meine Mutter hatte einmal, während sie im Fernsehen ein Fußballspiel angeschaut hat, einen Herzinfarkt; einen gefährlichen Hinterwandinfarkt; mit Hubschrauber wurde sie von Irdning nach Bruck an der Mur geflogen. Und als sie wieder aufgewacht ist, war ihre erste Frage an das Spitalspersonal, wie das Spiel ausgegangen ist. Ich muß immer noch darüber lachen). Die aktuelle Hitzeperiode ist auch nicht ohne und setzt mir zu. Ungern gebe ich das zu.

Was anderes: ich sitze im Kaffeeamt und sie spielen The Barrel von Aldous Harding, die morgen in der Arena auftritt. Ein Lied, das ich besonders mag und gleich frage ich mich, ob das ein Wink des Schicksals ist, denn ich habe den Ticketkauf vor mich her geschoben und schon aufgegeben, noch eine Karte zu bekommen. Ich weiß jedoch nicht, ob es noch Karten gibt und um welchen Preis. Ich glaube auch nicht, dass sich das budgetär ausgeht. Ich sollte zumindest nachschauen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4520 Ein Tag am Wasser

 



0:22 a.m.  Ein Tag am Wasser war das gewesen. Aber schwimmen taugt mir nicht mehr richtig. Als hätte ich es verlernt; irgendwie unbeholfen, als stimmte etwas mit den Muskeln nicht. Dabei bin ich mein Lebtag gern geschwommen. Es war sogar die einzige Sportart, in der ich nicht ganz schlecht war (Schule). Jetzt brennen meine Augen vom vielen Sonnenlicht, das noch dazu von den glitzernden Wasserflächen rundum gleißend reflektiert wurde.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4519 Der Hubschrauber

 



11:38 a.m.  Ich weiß nicht, was das bedeutet – ein Hubschrauber kommt übers Gänsehäufel geflogen, recht nieder, kreist umher, dann erst sehe ich am anderen Ufer viele Rettungsautos, ich glaube, auch Polizei und jemand von den Gaffern (ich bin auch einer) meint, auch Feuerwehr erkannt zu haben. Ich weiß nicht, was passiert ist, ob jemand ertrunken ist, ich kann aus der Entfernung nichts feststellen. Der Hubschrauber landet am anderen Ufer, fährt seine Rotation herunter, ohne sie gänzlich abzustellen und nach einigen Minuten hebt er wieder ab, dreht sich – Entschuldigung, dass ich das in diesem Zusammenhang, wo es womöglich um Leben und Tod geht, so beschreibe – majestätisch, elegant und elegisch in eine bestimmte Richtung (Osten? Süden? Ich weiß es nicht) und fliegt davon. Und das ist der Moment, wo mir die Tränen in die Augen schießen; für meine Verhältnisse sogar eher heftig – ich habe zu tun, das unter den vielen Menschen abzuwürgen und zu verbergen. (Entschuldigung, dass ich da wieder nur über mich und meine Gefühle schreibe, aber was sich da am anderen Ufer ereignet hat, weiß ich nicht und kann es nicht erzählen.) Ich habe den Verdacht, dass es nicht das möglicherweise sehr dramatische Geschehen ist, dass meine Tränen ausgelöst hat, sondern das elegante, langsame, sanfte Abheben des Hubschraubers, seine elegante Drehung um die eigene Achse, wie um sich zu verabschieden, und dann sein zielgerichtetes, schnelles Verschwinden auf Nimmerwiedersehen. (Oder haben darin der Tod und der Weggang einer Seele doch ihr Gleichnis gefunden?)


(21.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4518 Wolkentürme

 



14:49.  Wolkentürme formieren sich und soeben habe ich den ersten Donner gehört. Die Grillen zirpen noch wie verrückt und ein Marienkäfer hat mich gebissen. Ich sitze auf der Hollywoodschaukel im Garten; die schwüle, heiße Luft steht, die Ruhe vor dem Sturm, nur der Autoverkehr läßt sich nicht beeindrucken und spult seinen geistlosen, konventionellen, einfallslosen, berechenbaren, blöden und lästigen Sound ab. Das Gewitter scheint näher zu kommen, aber Wien ist groß. Ein Schmetterling sucht seinen Weg knapp über dem grünen Gras; vielleicht sucht er gar nicht, sondern weiß genau, warum er so fliegt und nicht anders. Welcher Vogel ist das, der da so hingebungsvoll zwitschert? Ich weiß es nicht. War das ein Regentropfen auf meinem Knie? Ein einsamer Vorläufer? Jetzt kommt eine Brise auf, ein Schatten huscht über die Wiese, aber als ich hinschaue, ist dort nichts. Nun eine ausdauernd rufende Krähe. Große Abschiedsszene (menschlich). Irgendwo wird auf Holz geklopft – würde ich sagen. Die Thuje ist an der vorderen Seite offen. Ganz viele verschiedene Grüntöne sind in diesem Garten zu sehen (das ist natürlich nichts Neues – der innere Spötter). Der Wind wird stärker. All ihr angewachsenen und frei beweglichen Wesen da im Garten – es ist schön, dass es euch gibt. Mir kommt vor, der stärkere Wind vertreibt das drohende Gewitter, aber sicher bin ich mir nicht. Ein Flugzeug quert hoch oben unseren Ruheplatz. Der Wind wird fast stürmisch. Dann legt er sich wieder. Jetzt hört man von der Straße einmal eine quietschende Fahrradbremse. Ein Schmetterling besucht den Hollerbusch. Ich ziehe mein Kappe vor ihm (dem Holunder) und sogleich fängt er zu tanzen an.


(20.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com