Montag, 24. August 2026

4590 Zerstückelter Rahmen

 



12:52.  Mir ist nicht ganz gut. Nicht schlimm, aber ich bin erschöpft und beim Gehen wandelt es mich leicht (auch wenn keine Wände da sind – der innere Spötter). Vielleicht hilft die Droge Kaffee. Ich hatte mir verboten, auf meiner Stadtwanderung irgendwo einzukehren, aber umdisponiert, weil ich die Berggasse nur schwer heraufgekommen bin. In meinem Hirn und in meinen Sinnen spielt sich auch leicht Komisches ab, ohne dass es besonders lustig ist (aber so lange schreiben noch geht … - der innere Spötter). Auf einmal kann ich nicht mehr ohne Brille schreiben. Vorhin hat das problemlos funktioniert. Trotzig lege ich die Brille trotzdem weg. Es muss gehen. Ich drehe meinen Kopf hin und her und habe dabei den Eindruck, als würde sich ein Teil der Wirklichkeit da draußen mitdrehen. Ich fühle mich wieder so unzulänglich und überständig, aber diese leichte, wirklich nur leichte Übelkeit ist stärker und irritiert meine destruktiven Gedankenmuster und Denkgewohnheiten. Gottseidank. Zwei Hängelampen sehe ich schaukeln und sie schaukeln wirklich. So viel Realitätssinn traue ich mir noch zu. Die 08-15-Musik geht gerade noch. Zu wenig Schlaf! - fällt mir ein; heute habe ich eindeutig zu wenig geschlafen (erstaunlich, wie ihn irgendwelche windigen Erklärungen beruhigen – der innere Spötter).

Jetzt wird alles klarer, auch optisch. Ich vermute, dies ist eine Auswirkung des Kaffees. Auch meine Psyche richtet sich sozusagen auf (und kokettiert schon mit der Schwermut – der innere Spötter). Wenn sie das braucht, dann soll sie. Jedenfalls saust mein Geist schon wieder in meiner Geschichte und der meiner Herkunftsfamilie umher. Ich gehe raus in die Parks und Höfe des alten AKH, obwohl mir die Musik, die jetzt gespielt wird, wirklich gefällt (unbekannterweise). Und natürlich ist sie ordentlich schwermütig. (Im Hof 9) Unterlegt ist die Musik mit so Weh-Akkorden von einem E-Piano, eine weibliche Stimme singt darüber, dezentes Schlagzeug und Gitarren, sehr zurückhaltend. Das entmythologisierte Universum gibt nicht viel mehr her, als diesen zerstückelten Rahmen aus isolierten Akkorden, die sich wiederholen.


(24.8.2026)


©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4589 Ich bleibe sitzen

 



10:53 a.m.  Postpopmusik im Lieblingscafé, ich kenne sie nicht und sie gefällt mir. Damit stehe ich schon an. Vielleicht hilft mehr Kaffee und schon nehme ich einen weiteren Schluck. Heute ist das Datum des Überfalls der Warschauer-Pakt-Staaten auf die Tschechoslowakei. Ich kann mich noch genau erinnern, wie aufgescheucht und aufgeregt ich war; wie ich auf den Irdninger Hauptplatz gegangen bin, weil ich nicht glauben konnte, dass alles einfach so weitergeht (wie mich übrigens auch die Ermordung J. F. Kennedys fünf Jahre früher aufgescheucht hat, und damals war ich erst neun Jahre alt).

(Die Erinnerung an meine Kindheit macht mich immer traurig; ich war so ein – still – aufgewecktes Kind und so einsam und allein gelassen in meinem Lebenskampf.) Im Lokal ist soeben der Strom ausgefallen; nur eine Lampe brennt noch; wahrscheinlich wollen die Götter meine Selbstmitleidsuada stoppen. Jetzt spielt die Musi wieder, der Ventilator dreht sich wieder schnell und die Lampen machen ihren Job. Tatsächlich! Das war der Uranus, der Unterbrecher, irgendwas ist in mir und meinem Weltbild abgerissen.

Mein innerer Seismograph geht mir schon etwas auf die Nerven. Jemand Kunstszenenprominenter kommt herein, und schon ist meine Nervensystem voll aufgedreht, dass ich erwäge, rein aus Überforderung das Lokal zu verlassen. Ich will das aber nicht tun und versuchen, noch einen Kaffee zu bestellen. Sehr schöne Musik aus den Boxen. Verlegen schaue ich zum Fenster hinaus. Jetzt kommt der innere Humor wieder und ich lache unauffällig in mich hinein ob meiner absurden Spielchen. Die Musik ist wirklich toll. Ich schaffe es jedoch nicht, Kellner oder Kellnerin wegen der Bestellung eines Kaffees anzusprechen. Ich warte, bis sie mich fragen (sie haben im Gastgarten viel zu tun). Ich lausche intensiv auf die unbekannte Musik, inklusive dass ich einzelne Instrumente in ihrem Spiel verfolge. Zur Täuschung setze ich mir die nachdenkliche Maske auf (es geht nur darum, seine Verlegenheit zu tarnen – der innere Spötter). (Ich glaube, das gelingt schlecht.) Ich weiß nicht mehr, wo ich hinschauen könnte. Was würde ich machen, wenn ich in einer Stunde sterben müßte? Ich denke: nichts (ob diese Behauptung einer Überprüfung standhielte? - der innere Spötter).

Die Bestellung ist jetzt gelungen, die Kellnerin hat hergeschaut; ich mußte sie nicht anrufen und nur auf die Kaffeetasse deuten. Übrigens: ich bin heute mit meinem ganzen Schmuck aufgebrezelt hergekommen (oder aufgebreezelt? - der innere Spötter), was mich heute morgen geritten hat, weiß ich auch nicht. Ich beneide Männer mit markanten Gesichtern, die man – einmal gesehen – nicht vergißt (zweimal oder dreimal gesehen ginge auch noch – der innere Spötter). Ich ertappe mich dabei, wie ich schon sekundenlang eine kleine Hirsch-Tannen-Keramik-Skulptur unter der Lampe, die beim kurzen Stromausfall vorhin nicht ausgegangen ist, anstarre, ohne jene wahrzunehmen. Aber XTC’s Making Plans for Nigel, das plötzlich aus den Boxen kommt, weckt mich wieder auf und ich signalisiere dem Kellner mit diesem depperten „Daumen hoch“ und indem ich dann meine Hand mit dieser typischen Horch-Geste ans Ohr lege, dass mir das Musikstück gefällt (eigentlich, dass du das Stück erkannt hast; gefallen hat dir die Musik vorher auch – der innere Spötter). Nun bin ich wieder bei den Lichtspiegelungen im Fenster vor der großen Platane im Gastgarten (eigentlich läuft alles auf ein Tagebuch hinaus, aber eigentlich will ich das nicht).

Und wieder ein kurzer Stromausfall.

Mein Gott! Ist mein Leben absurd! (Damit willst du nur verschleiern, dass du unfähig bist, die Verantwortung zu übernehmen – der innere Kritiker.)

Der prominente Künstler ist gegangen und ich habe es nichteinmal bemerkt. Dabei mußte er an meinem Tisch vorbei.

Ich klopfe mit dem großen Ring im Rhythmus der Musik auf die Kante des Kaffeehaustischchens. Ich höre damit schon wieder auf. Mir unbekannte Nummern von XTC. Wunderschön. Ich bleibe noch sitzen, obwohl ich schon ausgetrunken habe.
 

12:25. Ich gehe jetzt trotz XTC-Musik.


(21.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 20. August 2026

4588 Oberwasser

 



11:22 a.m.  Geschafft! Im Lieblingscafé angekommen. Der erste Schluck (Kaffee ist auch eine Droge). Aber irgendetwas stimmt nicht mit mir. Ich versuche, mich mittels Zeitungslesen zu stabilisieren; obwohl mein üblicher Standard nicht da ist.

Mein Gott! Ich heule mitten im Lokal! Aus den Boxen Police /Message in a Bottle (wie meine Texte hier in der Schublade, die ich ja auch dem anonymen und unabwägbaren Internet anzuvertrauen riskiere!), gelesen habe ich soeben in den Salzburger Nachrichten einen begeisterten Artikel über die Lesung Minichmayrs der Winterreise von Jelinek. Ich weiß auch nicht, warum mir das so nahe geht, aber die Tränen stehen mir in den Augen und sind ein wenig verstohlen auch geronnen. Ich bin ganz aufgewühlt (dass ich mir damit mein Leben verkürze, ist mir wurscht).

Inzwischen ist der Standard aufgetaucht und ich werde mich mit weiterer Lektüre zu beruhigen versuchen (das Viele erschlägt das eine).


12:10.  Meine leichte Übelkeit ist nach einem ordentlich fetten Schnittlauchbrot weg. Ich gewinne zunehmend Oberwasser (diese Redewendung kommt aus der Sprache der Müller und besagt, dass genug Wasser im Fluß ist, sodass es oben auf das Mühlrad rinnen kann und so das Werkel antreiben – der innere Besserwisser) (der es aber auch erst googeln mußte – der innere Spötter).


12:42.  Viele Songs aus meiner Jugend waren heute schon dran. Ich brauche manchmal sehr lange, bis mir die Namen der Interpreten und die Titel einfallen. Oder: ich gehe aufs Klo, um mir mein ganz leicht verheultes Gesicht zu waschen und nach Stunden, als ich schon längst wieder am Tisch sitze und lese, merke ich, dass ich zwar auf dem Klo war, aber das Gesicht zu waschen vergessen hatte (dieses leichte Ziehen auf der Gesichtshaut). Aber schlecht ist mir nicht mehr (das hast du schon geschrieben – der innere Spötter). Ich gehe jetzt mein Gesicht waschen. Doch bin ich mir nicht mehr sicher, ob es nicht umgekehrt war und ich vergessen habe, dass ich mir das Gesicht schon gewaschen habe, denn mein Gesicht zeigt im Spiegel keine Spuren von Tränen (nur die Tränensäcke sind deutlich größer). Egal.


13:34.  Auf dem Weg zur Toilette werfe ich durch das Fenster einen Blick in den eher tristen Hinterhof und sehe dort im Vorbeigehen eine beeindruckende – ich nehme an – wild wachsende Pflanze mit großen Blättern. Ich beschließe, am Rückweg länger und genauer dieses Gewächs anzuschauen, habe aber diesen Vorsatz beim Zurückgehen schon wieder vergessen. Und mir ist wieder etwas unwohl. Ich stehe jetzt auf, gehe zum hinteren Fenster und werde die Pflanze anschauen. Ja, dieses Bäumchen – ich habe solche schon öfters in Höfen wachsen sehen, aber weiß nicht, wie sie heißen – wächst tatsächlich auf einem schmalen Mauervorsprung über den dort abgestellten Mistkübeln. Nebenbei gesagt: ich bin überständig hier, ich muß gehen. Creedence Clearwater Revival aus den Boxen wird mich beim Hinausgehen hinausbegleiten.


(20.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4587 Peterchens Mondfahrt

 



10:06 a.m.  Peterchens Mondfahrt soll auch heute in sein Lieblingscafé gehen. Aber er muß sich noch zurechtmachen, Zähne putzen et cetera. Er hat sich heute vertrödelt und hockt noch lesend im Bett. Außerdem ist ihm ein bißchen schlecht. Eine leichte Übelkeit ist allem unterlegt. Und dann ist da noch das bedrohlichen Dröhnen des Kompressors im Hof (Rosa Moser – Comp Air – 17 C38), das mein labiles Gleichgewicht bearbeitet. Trotzdem schaffe ich es nicht, weiter zu tun und endlich die Wohnung zu verlassen.


(20.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4586 Hauslimonaden

 



18:58.  Mit meiner Frau auf (je) eine Hauslimonade in einem nahen Lokal. Weil sie unbedingt draußen sitzen will – das ist ja so toll, so urlaub, so frei! - muß ich jetzt den ganzen unangenehmen Rauchergestank riechen. Drinnen wäre es so angenehm leer (okay! Er ist immer noch unglücklich mit sich selber – der innere Spötter). Die Abendglocken läuten; ein Motorrad brettert vorbei (brettern kommt eigentlich vom Skifahren – der innere Besserwisser); das Sonnenlicht hängt noch an den Hausfassaden (es hängt? Hängt es wirklich? - der innere Spötter). Die Szenen, die ich sehe … ach was! … die beschreibe ich nicht! Keine Lust!

Durchs Oberlichtenfensterglas sehe ich an so undeutlichen Lichtzuckungen, dass sich drinnen der Deckenventilator dreht (was soll er denn sonst machen?! - der innere Spötter). Ich stochere mit den gläsernen Strohalm in der köstlichen Limonade herum und tauche die Zitronenstücke, die grünen Blätter und die Eiswürfel so richtig fest und wild unter. Durch die offene Lokaltür sehe ich, dass es drinnen Kerzenlicht in Glas gibt. Und Plakate an der Klotür. Manchmal kommt mir vor, ich spüre feine Wassertropfen auf Hand und Arm, aber Regen oder Nebel kann es nicht sein. Und Tau wohl auch nicht. Das Sonnenlicht klettert immer noch die Hausfassaden hinauf und wird von Schatten verfolgt (aber alles in Zeitlupe! In Zeitlupe! - der innere Spötter). Die silbrig glänzende Türschnalle an der Klotür sehe ich auch [eigentlich ist es nicht die Schnalle, sondern das Langschild (mußte erst die Fachbegriffe googeln – der Tipper), das er gesehen hat – der innere Korrektor]. (Halt die Gosch’n, du Arschloch! - der Autor.) An drei Tischen wird Karten gespielt. Fast nur junge Leute hier. Nachdem ich meine aufgeschlagene Notizbuchseite unabsichtlich mit Wassertropfen vom Limonadenglas benetzt habe, lasse ich das alles besser sein. Der Grant ist ein schlechter Coach-Hintergrund-Trainer-Berater-Sparringpartner-Lektor.

Die Gespräche heutzutage verstehe ich nicht mehr: sowohl akustisch, in der Wortwahl, von der Artikulation her, als auch inhaltlich nicht.

An dem einen schlichten Holzfuß der Sitzbank da vorne hängt ein kleines, welkes Blättchen an einem Spinnenfaden – vermutlich – und schaukelt im sachten Wind; wenn es nicht ein kleines Federchen ist. Unter der Bank ist es so dunkel.


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4585 Scheiß Scham

 



16:42.  Eigentlich fühle ich mich schon schuldig, weil ich bei bloß einem Cappuccino schon zu lange da hocke und Zeitung gelesen habe (Standard; übrigens viel mehr Artikel als üblich). Aber gerade deswegen – nämlich des schlechten Gewissens wegen – habe ich das Notizbuch hervorgeholt, um mich von den inneren Aufbruchsforderungen abzulenken, mich und meinen Platz hier ein wenig zu festigen und Kaffee und Wasser in gefährdeter, aber nicht völlig vertriebener Ruhe langsam auszutrinken. Leute, ich sag’s euch! Ich habe dieses ewige Schuldgefühl bis oben satt! Und diese verschissene, geschissene, beschissene Scheiß Scham über ja, worüber eigentlich? Über meinen geringen Sozialstatus? Über meine finanzielle Impotenz? Oder einfach über mein gescheitertes Leben? So klar ist das gar nicht. Meine Scham ist älter als meine Sprache und sitzt tiefer, als ich denken kann. Meine Scham ist älter und sitzt tiefer als meine Gedanken und Erklärungen dazu … ich meine, diese Scham ist älter, mächtiger, nachhaltiger und tiefgreifender als alle meine gedanklichen Bebilderungen dazu; und sie ist ursprünglich wortlos. Deswegen komme ich trotz jahrelanger Therapien auch nicht an ihre Wurzeln heran und werde sie wohl nicht mehr los. So wie einem Amputierten zum Beispiel sein fehlender Arm nicht mehr nachwächst. Meine Psyche ist ein Krüppel – um es einmal überdeutlich zu sagen. (Ich habe bewußt Psyche und nicht Seele geschrieben!)

Und wie die da ein paar Tische weiter bedeutungsaufgedreht reden, halte ich auch nicht aus (das hat er immer, wenn er mit sich selbst unglücklich ist – der innere Spötter).


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4584 Ganz still

 



0:09 a.m.  Es hat laut gedonnert. Und jetzt fängt es zu tröpfeln an. Mehr ist es nicht. Es ist ganz still hier; selbst das Tröpfeln hat schon wieder aufgehört. Ganz still ist es hier. Ganz still.


(19.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com