Dienstag, 26. Mai 2026

4479 Manikürzeug

 



15:00.  Kann ich etwas Neues aus dem Gänsehäufel berichten? Nein, nichts Neues unter der Sonne: die Kinder jenseits der Hecke schreien, der Wind läßt von Zeit zu Zeit die Pappelblätter zittern, auch die Lichtreflexionen auf dem Wasser blinken, manche Schatten tanzen, meine Frau schläft auf der Decke, wacht auf, schaut sich um, überlegt anscheinend etwas und nimmt dann die leere Flasche, um Wasser holen zu gehen. Pfingstsonntag. Wo ist der Heilige Geist? Der weht angeblich auch, wo er will. Und schon fährt mich ein Windstoß an (Echt jetzt? - der innere Spötter). Ist das ernst gemeint, frage ich den Wind. Das ferne Grummeln eines Flugzeugs (heute anscheinend sehr wenige, oder habe ich sie bis jetzt nicht registriert?). Die Häuschen am Ufer, dahinter die großen Wohnanlagen; Donaustadt eben. Pappelsamen fliegen langsam herunter, außer der Wind taucht ihnen ordentlich an, dann fliegen sie quer von rechts nach links. Es stinkt nach Zigarettenrauch. Auf dem Wasser die bescheuerten Plastikboote mit Palme (vielleicht sind die in ihren Kübeln sogar echt; das kann ich von hier aus nicht verläßlich feststellen). Vom Nagelbett meines linken kleinen Fingers steht ein Hautstückchen ab und beginnt mich zu nerven. Manikürzeug habe ich nicht dabei. Eine kleine Ameise besucht die aufgeschlagene Notizbuchseite und wendet sich mit Grausen ab, verheddert sich jedoch in der Behaarung meines rechten Oberschenkels. Soll ich wieder eine Wanderrunde durchs Gelände drehen? Ich brauche noch einige Schritte zum Plansoll zehntausend Schritte. Ja, warum nicht. Und nachher ins Wasser.


18:01.  Es wird Abend. Die Hitze hat sich verflüchtigt, zumindest hier am Wasser unter den Bäumen, durch die ein ständiger Wind geht. Die Schatten sind größer und länger geworden und viele Besucher brechen auf. Ich nehme die Kappe ab und werfe sie ins Gras, denn der Schatten, in dem ich sitze, ist dicht und stark. Das Glitzern des Lichts am Wasser wirkt schon etwas schwermütig. Abschied. Wir brechen jetzt auch auf.


(24.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4478 Besonders groß

 



9:31 a.m.  Heute war die Angst am Morgen besonders groß. Ich bin sie immer noch nicht ganz los. Es geht immer um mein Leben: zuerst der Traum, wo ich nicht weiß, wo ich bin und wo ich hingehöre, wo ich wohne und mich einfach mit nichts auskenne und zurechtfinde. Dann die Erinnerungsfetzen aus meinem Leben, alle unmöglich und schwer auszuhalten, oder einfach nur peinlich, und der körperliche Eindruck, die Angst frißt mein Inneres auf. Das alles wiederum vermischt mit neuerlichen Traumfragmenten, oft nur eine einzelne Szene, die mich in diesem gelähmten Zustand angeht. Auch jetzt kann ich mich kaum wach und aufrecht halten.


(24.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 202   peteraloisrumpf@gmail.com

4477 Das Schwimmen

 



14:49.  Im Garten bei den vielen Hollerbüschen habe ich gerade einen Durchhänger. Ich bin müde und erschöpft, kraftlos, aber der Holunder duftet und der Autoverkehr rauscht, die Vögel singen (heute habe ich zizibee herausgehört), Kinder jenseits der hohen Hecke rufen in ihrem Spiel. Mächtige Roßkastanienbäume und noch mächtigere Pappeln, eine leichte Brise, der Himmel blau, nur ganz wenige weiße Wolken am Horizont, ein paar wenige Schleier, eine Waldtaube ruft ihr guruguruuh. Die Laube gewährt mir Schatten und Schutz. Ein Kinderfahrrad steht ungerührt in der frisch gemähten Wiese. Ein blauer Fleck auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite. Mein Magen knurrt. Schmetterlinge (ich sehe nicht so viele), eine Krähe ruft und eine andere antwortet, ein Flugzeug mit Kondensstreifen. Mir ist es fast ein wenig zu heiß und zu sonnig. Schnell beschleunigte Autos weiter weg, klingt fast wie ein illegales Autorennen; Folgetonhorn während ein Plastikbehälter auf Steinplatten verschoben wird (es klingt so, sehen kann ich es nicht). Ich bin so müde, eine Fliege landet auf meinem letzen Knie, Badekleidung hängt zum Trocknen in der Sonne; ist das dort eine junge Libelle? Die Fliege vom Knie ist jetzt auf die aufgeschlagene Notizbuchseite gelaufen und rennt dort hektisch und nervös, wie in Panik, hin und her, bevor sie wieder auf das Knie zurückkehrt und dort verweilt. Das vermeintliche Autorennen könnten auch Motorräder gewesen sein, fällt mir jetzt ein. Aber so deutlich habe ich das Geräusch nicht mehr im Ohr, als dass ich das sicher überprüfen kann. Ein Flugzeug ist zu hören, aber ich sehe es nirgends. Oder doch: ganz hoch oben, der Kondensstreifen ist schon fast zur Gänze aufgelöst. Meine liebe Frau will, dass ich mit ihr schwimmen gehe.

Schön war’s, das Schwimmen. Erfrischend.


(23.5.2026)


©Peter Alois Rumpf   Mai 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4476 Epstein

 



16:34.  Bin im Leo. Im Traum kann ich durch Wände gehen steht auf meinem T-Shirt, obwohl ich mich an keine solche Traumszene erinnern kann. Woran ich mich erinnern kann, ist, dass mir heute Jeffrey Epstein im Traum erschienen ist. Er sitzt mir gegenüber und sagt: „Was machen wir noch mit dir!?!“ Das hat durchaus besorgt geklungen, dass er mich alte, gescheiterte Existenz nirgends mehr beruflich und gesellschaftlich unterbringen kann. Ich bin so eingekrümmt gesessen – in etwa wie mein realer Körper in meiner seitlichen Schlafposition – der Brustkorb zusammengedrückt, die Arme vor die Brust gepresst. Epstein macht meine Körperhaltung nach – durchaus im ernsthaften Versuch, meine Lebenssituation zu verstehen, um mich gesellschaftlich und beruflich adäquat einsetzen zu können. Wie ein Coach, der probiert, aus mir doch noch etwas zu machen. Vielleicht wollte er mich auch auf meine selbstbehindernde Haltung aufmerksam machen. Ich habe immer nur gesagt: „Mir ist kalt! Mir ist so kalt!“ Mehr habe ich nicht geträumt. Von Sex war nicht die Rede; das Thema war gar nicht da. Sehr eigenartig. Sehr, sehr eigenartig.

Zurück ins Leo. Fensterplatz. Gegenüber auf der anderen Straßenseite der Radfux. Le… ah! Die Family ist gekommen und will draußen sitzen.


(22.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4475 Stille Fröhlichkeit

 



22:35.  Das Fenster habe ich soeben geschlossen und ein wenig tanzt der hölzerne Fensterrabe noch. Heute bin ich nicht übermüdet und meine Augen sehen so weit noch klar. Still ist es, ich habe meine Füße mit den Zehen hochgestellt, während sich die Fersen in die Matratze pressen, damit meine herangezogenen Beine nicht davonrutschen. Still ist es, und eine seltene, aber häufiger auftauchende ruhige Fröhlichkeit umhüllt mich. Irgendwo scheppert kurz ein Fenster. Oder eine Tür. Jetzt gehen doch die optischen Verschiebungen los – zum Beispiel wirkt es so, als würde die frankophone Schweizerin wie in einem Lift abwärts fahren, aber sie rührt sich nicht von der Stelle. Diese optischen Verschiebungen stören mich gar nicht. Ich finde sie interessant. Ich bette mich jetzt zum Schlafen. Und wenn ich noch nicht einschlafen kann, will ich nur in die stille Nacht lauschen. Hier, mitten in der Stadt.


(21.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 21. Mai 2026

4474 Gegessen werden alle

 



10:18 a.m.  Heute wieder das köstliche Schnittlauchbrot; für den Pfingstmontag habe ich nach einem Blick in die Frühstückskarte schon etwas Üppigeres anvisiert, aber bereits wieder vergessen (kein Problem! Steht ja eh in der Karte, gell?! - der innere Spötter). Gerade schlage ich die treu mitgeschleppte REMbox auf, schon ist das Schnittlauchbrot da. Ich werde mich auch heute bemühen, alle Schnittlauchstückchen, auch die beim Abbeißen vom Brot gefallenen, aufzulesen und zu verspeisen. Und richtig! Ein Schnittlauchstückchen ist schon beim Anheben und ersten Biß (Biss schaut mir zu sehr wie Pisse aus) vom Tablett mit dem Brot zum Tablett mit dem Cappuccino rübergesprungen. Ein zweites muß es ihm von mir unbemerkt nachgemacht haben – ich entdecke es unterm Mannerschnittchen beim Kaffee versteckt. Eines ist im weiteren Verfahren der Nahrungsaufnahme auf die rote Resopaltischplatte gehüpft, eine weiteres hat es nur auf die äußerste Kante der Brottabletts geschafft. Gegessen werden alle; sie sollen nicht umsonst gestorben sein (und wenn sie irgendwo verrotten, wäre es umsonst? - der innere Spötter). Sicherheitshalber, wer weiß, wo sie sonst landen. Aber stimmt, die Gesamtmenge der Energie im Universum wird vermutlich gleich bleiben, oder? Kann mich wer physikalisch, kosmologisch und teilchenphänomenologisch aufklären? (Wie weit ist es literaturassoziatorisch von Tablett zu Tablette? - der innere Spötter.)

Der Lichtengel übrigens leuchtet heute nicht (ich glaube nicht, dass die Lampe kaputt ist, ich vermute, dass sie nicht eingeschaltet wurde). Macht nichts! Er ist ja geistig-geistlich da (Ähem!! - der innere Spötter). Die Musik ist angenehm. Eigentlich habe ich auch hier nicht zum Fenster hinausgeschaut, aber jetzt habe ich kurz die im Glas der geöffneten Eingangstüre sich spiegelnden Passanten in ihrem Vorbeigehen betrachtet. Den Wind in den Platanenzweigen zu erwähnen mag schon eine unzulässige Wiederholung sein, aber der Wind in den Zeigen ist einfach Realität. Um die geht es doch auch, oder?


11:52 a.m.  (Damit ich auch wieder einmal eine Uhrzeit aufschreibe.) Ich starre ein wenig ins vollgefüllte, leere Chaos der kaum sortierten optischen Wahrnehmung (zwischen den Dingen, die sich auch spiegelnd überlagern können, ist viel leerer Raum). Darum hole ich mir jetzt wieder eine Zeitung.


12:23.  (Um wieder einmal eine Uhrzeit bekannt zu geben.) Es müssen Wolken die Sonne verdecken und ich lasse das graue Lesezeichenbändchen meines Notizbuches, das auf dem roten Tisch gelegen ist und mir so in dieser ambientalen Konstellation irgendwie uncool vorgekommen ist, mittels Aufheben des an die Tischkante gelehnten Notizbuches in den dadurch entstandenen Spalt zwischen letzterem und dem Tisch fallen, wo es jetzt einfach herunterhängt und auf dem Oberschenkel meines überschlagenen Beines zu liegen kommt. Ein rotes Palästinensertuch im Lokal stört und beunruhigt mich (dabei habe ich selbst vor 48 Jahren ein solches in schwarz getragen; leider, Gott sei’s geklagt!). Eine gewisse Pattsituation ist nun entstanden (du hättest auch eine ungewisse Pattsituation schreiben können – der innere Spötter).

Habe ich schon genug geschrieben? Ich habe genug geschrieben (ich habe ja einen Ruf als Vielschreiber zu verteidigen!). (Einen Ruf?!? - der Scherz war gut! - der innere Spötter.) Ich sitze in einer gespielten Erschockenheitsgeste (beide Hände vorm Mund) da und warte auf innere Klärung. Das Innere sagt jedoch: es ist Zeit zu gehen (fragt sich welches Innere, das eigene oder das fremd installierte? – der innere Spötter).


(21.5.2026)



©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4473 Scheißt nicht

 



8:11 a.m.  Der Acht-Uhr-Hubschrauber nervt gewaltig; sein aufgeregtes Geflatter und Geknatter – und er fliegt nicht einfach von a nach b, sondern hin und her, vielleicht irgendetwas umkreisend – ich kann ihn ja nicht sehen – mein Nervensystem jedoch ist alarmiert im wörtlichen Sinn, denn es muß sofort an Krieg denken. Soviel ich weiß, geht es um Verkehrsüberwachung. Ich kann mir nicht helfen, ich finde dieses Getue und diesen Aufwand maßlos übertrieben und selbst als technische Notwendigkeit aus der Logik des verhätschelten Autoverkehrs fragwürdig.

Nun hocke ich also verschlafen im Bett, die linke Seite des aufgeschlagenen Notizbuches zwischen Zeige- und Mittelfinger der Richtung Faust eingekrümmten linken Hand geklemmt und festgehalten und kämpfe gegen die zufallenden Augen. Also kämpfen ist übertrieben – gegen die Augen! Gott bewahre! - ich versuche einfach, nicht mehr einzuschlafen.


8:29 a.m.  Und wenn wir schon beim Herummeckern sind: Mir geht die ärztlich verordnete Blutdruckmesserei zweimal am Tag gehörig auf die Nerven: ich sammle Liste um Liste voll mit den erhobenen Messdaten; kein Arzt schaut sich das an; wenn der Blutdruck dann einmal höher ist, bin ich gleich alarmiert und aufgeregt und kenne mich nicht aus. Was tun? Denn ich kann nicht nachvollziehen, warum er meistens bei 130 plus minus herumkrebst und dann plötzlich und trotz der Medikamente auf 140 und mehr hinaufschießt und auch nicht, warum und was das bedeutet (so wie eben).

(Übrigens: eine Premiere: er hat heute tatsächlich Schreibzeug und Brille mit aufs Klo genommen, sitzt jetzt am Thron und schreibt, aber scheißt nicht – der innere Spötter.)


(21.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com