Dienstag, 11. August 2026

4577 Die Yogapuppe

 



10:54 a.m.  Mein Lieblingscafé hat heute ausnahmsweise geschlossen! Ich wußte das nicht. Jetzt sitze ich ein paar Häuser weiter und muß mich sehr, gar sehr umstellen. Vielleicht hilft ein Frühstück? Meine Luxusausgaben werden mich noch in den Ruin treiben, aber ich brauche meine Arbeits- und Bürozeiten in Cafés! Die sind wichtige Stabilisatoren in meinem Leben. Und ein wengerl was könnte mir schon auch zustehen, oder? (Oida! Vorsicht! Du begibst dich auf dünnes Eis! Rede dir nicht Sachen ein, die du nicht empfindest – der innere Spötter.) Der Kaffee ist gut. Bleiben oder gehen? Eine Schaufensterpuppe in einer stehenden Yogaposition auf einem Bein in der Auslage des Geschäfts gegenüber auf der anderen Straßenseite amüsiert mich und – ja – rettet mich, weil sie mir als Anker dient und ich sie mir ganz irgendwie als etwas „Vertrautes“ hininterpretieren kann, nur weil meine Frau eine Yogini ist, obwohl ich selbst nie Yoga geübt habe; wohl aber vor Jahren Tensegrity/magical passes, das auch nicht nur den Körper, sondern ebenso den Energiekörper und in Richtung Unendlichkeit trainiert.
Dass es Nikotinschwaden immer wieder schaffen, aus Gastgärten in die Lokale hineingeweht zu werden! Das machen die z’fleiß (so! Jetzt legst du dein Schreibzeug weg! - der innere Kontrollor).

Ja, essen hilft, mit einem Ort vertraut zu werden. Und wegen der Yogagestalt drüben hat mich soeben eine prophetische Erkenntnis erreicht: Sturm Graz gewinnt heute gegen Fenerbahçe Istanbul und steigt in die Champions League auf!


11:37 a.m.  Und jetzt gefällt mir auch die Musik aus den Boxen. Und im Klo – ich mag keine Gebläse-Händetrockner – ich frage mich immer, wo dabei der Dreck bleibt, den man in benutzten Handtüchern vorfindet und außerdem will ich mir nach einer Marmeladesemmel – Wiener Frühstück; ich habe gesündigt – auch den Mund abwaschen – also im Klo hier habe ich den ersten Händetrockner erlebt, der ordentlich Wind erzeugt und wirklich trocknet, den ersten! Das ist auch etwas! Überhaupt ist das alles oben und herunten im Keller eine Wahnsinnsanlage.

Jetzt gefällt mir die Musik weniger. Aber geht schon. Zwar mit ein paar Metern Abstand, aber direkt vor der offenen Eingangstür sitzend sehe ich die Passanten und Passantinnen von oben bis unten. Und eben auch die Yoga-Puppe. Ich bin zu dick. Morgen fange ich mit fasten an (aber ich bin in der Hitze so hungrig!). Ach was! Die Yogis sind im Alter auch oft wampert. Schritte habe ich heute noch nicht viel (2.245). (Freundchen! Glaubst du nicht, es wäre Zeit zum Beispiel in die Albertina zu wandern und dich mit anderen Sachen zu beschäftigen, als mit deinen idiotischen Gedanken? - der innere Spötter). Aber ΐδιοϛ heißt eigen, persönlich, also: so what? (So! Jetzt reicht’s! Weg mit dem Schreibzeug! Ich dulde heute keine Schreiberei mehr! Und keine mickrige Bildungsangeberei! - der innere Kontrolleur.) Aber meine Stimmung ist inzwischen entschieden besser! (Zufleiß hat er einmal Kontrollor und einmal Kontrolleur geschrieben – der Tipper, der sich meistens an die handschriftlichen Vorgaben hält.)


(11.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4576 Dilemma

 



8:16 a.m.  Ich habe schlecht geschlafen. Da ist einmal die Hitze. Auch um 22 Uhr hat es in meinem Zimmer um die 30 Grad. Und dann noch das: ich konnte nicht einschlafen, weil ich so viel grübeln mußte. Ich stehe nämlich vor einem Dilemma, das mir unlösbar scheint. Es geht um meine Psychotherapie. Einerseits habe ich mir zu meinem Selbstschutz geschworen, mich nie mehr von diesem Psychiater der kranken Gesundheitskasse wegen einer Verlängerung der teilweisen Rückvergütung meiner Therapiekosten begutachten zu lassen, aber andererseits hat mir mein kurzer, jedoch schwerer Rückfall in die Depression vor – ja, wann war das denn? - ich weiß es nicht – ich müßte erst nachschauen – mein Rückfall also nach zwei Wochen ohne Therapie gezeigt, wie wichtig für meine Gesundheit und mein seelisches Gleichgewicht die wöchentlichen therapeutischen Gespräche sind. Ohne wenigstens teilweiser Rückvergütung ist mir die Therapie zu teuer, trotz des unglaublich kulanten Entgegenkommens meiner Therapeutin – sie verrechnet für eine Stunde einen lächerlich niedrigen Betrag, für den kein Handwerker auch nur eine Augenbraue heben würde. Ohne Rückvergütung machen die Therapiekosten fast die Hälfte meiner monatlichen Pension aus. Also was tun? Ich weiß keine Lösung. Ja und um das auch noch zu erklären: der von der kranken Gesundheitskasse zur Begutachtung beauftragte Psychiater schaut nicht, ob der Antragsteller/die Antragstellerin aus psychischen und finanziellen Gründen diese Hilfe braucht, sondern er ist offensichtlich von der kranken Gesundheitskasse angehalten, die Antragsteller einzuschüchtern und zu vertreiben. Dieser Psychiater schafft es innerhalb weniger Sekunden, mich als unnötigen Versager mit unverschämten Ansprüchen darzustellen, und ich habe keine innere Abwehr dagegen. Das ist ja meine Depression, dass ich in meinem Inneren diesem Vorwurf - du bist nichts und gehörst weg! - nichts Substantielles entgegenzusetzen habe! Darum ist diese Strategie der Einschüchterung so gemein und fahrlässig. Außerdem hat der feine Herr schon beim letzten Mal angekündigt, mir keinesfalls mehr einen Antrag durchgehen zu lassen (ich meine: ein Herzkranker bekommt auch seine Medikamente, solange er sie braucht, nur bei den psychischen Kranken unterstellen sie, das alle Betrüger sind!). (Finanziert die ÖGK nicht auch Privatkliniken?) Pfui, Gesundheitskasse, dreimal Pfui! Wenn du einsparen willst, kranke Gesundheitskasse, entlasse diesen Herrn, seinen Job kann auch ein billiger Rowdy ohne psychiatrische Ausbildung erledigen.


(11.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 10. August 2026

4575 Campus Hof 5

 



10:57 a.m.  Unter den Linden am Schlickplatz, die wiederum unter einem bewölkten Himmel ihre Äste heben und ausbreiten. Eine karge, weitgehend verkrautete, aber nicht komplett verdorrte Wiese bildet ein angenehmes Quadrat. Eine offizielle Frau (Stadtgartenamt) gießt die Bäume und Hecken. Die Straßenbahnen fahren recht ruhig und alle rot vorbei (im Gegensatz zu den Autos). Erstaunlicherweise gefällt es mir hier. Im Sportkäfig trainiert eine junge Frau; sie ist soeben hereingekommen. Blödes, hässliches Männergelächter von irgendwo – ich sehe sie nicht. Ich höre das Plätschern des Wassers. Zwei kleinere Buben mit Ball gehen auch in den Käfig und fangen mit Fußball an. Der Wind ist sanft und schaukelt Äste und Zweige. Jetzt sind es vier Buben, die neuen sind etwas älter. Sie alle spielen ziemlich gut! (Soweit ich Unbedarfter das beurteilen kann.) Die junge Frau trainiert unverdrossen Seilhüpfen und Liegestütz in einer Ecke des inzwischen Platz greifenden Fußballgeschehens. Besonders der eine, kleinere Bub im gelben Trikot erstaunt mich mit seiner Trippel- und Schußtechnik und wie er die Bälle annimmt. (Ich trage auch ein gelbes Leiberl mit der teilweise schon abgelösten Aufschrift gerne). Kurz war die Sonne heraußen. Der Bub im Tor ist auch nicht schlecht.


11:40 a.m.  Auf einer Bank hinter der Votivkirche gegenüber der Propst-Dr.-Joseph-Hawala-Gedenktafel, den ich nicht kenne und dessen Kopf wie der dornengekrönte Jeschua Ben Yosef ausschaut; oder gehört der Kopf darüber gar nicht zur Gedenktafel?

Ich habe auf eine schattigere Bank gewechselt, aber die Sonne ist stark genug, dass sie durchs Blätterdach von meiner Schreibhand mit Stift scharfkantige Schatten aufs Notizbuchpapier wirft. Vom Gießen ist der Asphalt noch nass. Noch zwei Stunden bis zur Psychotherapie (noch und nöcher – der innere Spötter). Das Miles-Davis-Prinzip: Es gibt keine Fehler! Mach etwas aus dem falschen Ton! Zurück zur grünen Ebene um die Votivkirche herum. Dass ich diese Kirche nicht mag, habe ich schon oft hier deponiert; darüber lasse ich mich nicht mehr aus. Es ist immer interessant, wenn man die Landschaft einer Stadt ahnt.


12:07.  Vom Mittagsgeläut (das mag ich sogar von häßlichen Kirchen) begleitet bin ich zur Schwarzspanierstraße gegangen und ins Weltcafé. Innen fast leer, weil alle draußen sitzen, genieße ich die Ruhe und angenehme Musik aus den Boxen. Die Melonensuppe hat ausgezeichnet geschmeckt. Inzwischen beim Kaffee. Durch eines der Fenster, von dem ich weit weg sitze, schaue ich zu, wie Leute im Schatten des Sonnensegels und der Sonnenschirme wie durch eine Aquariumswand vorbei driften. Oder wie jetzt ein Taxi (es war fast nur das Dachschild zu sehen). Oder wie die Menschen herumstehen und mit den Köpfen nicken, oder sie als Sitzende bewegen. Ich liebe so kleine, unprätentiöse, überraschende Theateraufführungen. Oder jetzt ein weißer Kastenwagen. Noch dazu, wo mir ein Zuschauer in der ersten Reihe gleich beim Fenster (aber auch herinnen) mit seinem Kopf meine Sicht einschränkt, was aber ein guter Trick des unbekannten Regisseurs zur Steigerung von Spannung und Neugierde ist.

Eine Wespe umkreist die Zuckerdose am Nebentisch. Auf der Bühne hinterm Fensterglas zeigen sich nun Szenen großer Gesten, aber weiterhin ohne Ton. Ein stummes Theater. Zwei große, starke Männer kommen in mein Abteil herein und stören meine imaginäre Kreise. Sie sind aber derweil noch ruhiger als erwartet. Aber wenn sie reden werden, werden sie laut sein. Jetzt sind sie gegangen ohne etwas bestellt zu haben. Sollte ich sie vertrieben haben? (Mit deiner Schreiberei? Ist dir dabei zuzuschauen allein schon so schrecklich? Auch wenn man den Text noch gar nicht kennt? - der innere Spötter.) Wäre auch „Macht“, oder? (Abendläuten – der Tipper.) Das Glashaustheater ist momentan ein wenig fad. Na, ja. Geht schon so. Ich sehe zwei Köpfe am unteren Rand der Bühne, die aufeinander zu rollen zu wollen scheinen, aber dann sind sie anscheinend doch irgendwo festgemacht und springen ruckartig zurück. Ende der Vorstellung.


Campus Hof 5. (Uhrzeit notieren vergessen.) Genau auf der Bank unter der Überästelung einer Kastanie mit einer Linde. Die Bilder, Geschichten und Erinnerungen, die mir kommen, sind eher traurig. Aber das macht nichts. Der Hof 5 hat für mich etwas von einem Klostergarten, von vier Seiten von Gebäuden umschlossen … einem Klostergarten, wo man sein Leben aufgegeben hat und am Nachmittag das Sonnenlicht auf den Mauern anschaut. Und halbwegs still sollte es auch sein.


(10.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4574 Also was?

 



7:03 a.m.  Die Möwe neben meinem Kopf schaukelt hin und her. Irgendetwas gerät sehr schief. Und der Holzrabe beim Fenster hält seinen Schnabel leicht geöffnet, wie es viele Vögel bei der Hitze tun. Die Unsicherheit des Morgens hat sich auf mein Gemüt gelegt. Bin ich überhaupt schon ausgeschlafen? Die Traumgeschehen scheinen gerade erst unzugänglich geworden zu sein und klingen noch blind nach. Schwarze Gedanken schleichen sich heran. Kurz war ich drüben und bin mit einem deutlichen Ruck wieder zurück. Manche taktilen Empfindungen können nicht stimmen: ich habe die Hände auf der Bettdecke, nicht darunter. Okay, schreiben ist meine Aufgabe; soweit habe ich jetzt die Wirrnis geordnet. Ein Getränk wird serviert, das mir neu ist (ich war wieder in einen Traum abgerutscht). In der Mitte der Notizbuchseite bildet sich ein Lichtspot, der jedoch verschwindet, wenn ich ihn anschauen will. Oh! Es ist schon 8:03 a.m. Ich sollte aufstehen.


10:22 a.m.  Irgendwas Gescheites geht sich jetzt nicht aus; aber dafür gibt es seit Freitag ein Photo von mir, wo ich richtig lache! Das ist ja auch schon mal was! (und was? - der innere Spötter). Ich bin innerlich unruhig, weil ich mir einbilde, die hier wollen, dass ich mehr konsumiere als bloß einen Kaffee und noch dazu Zeitung lese und schreibe. (Fragt sich, ob die Bilder, die hereinkommen, wirklich die äußere Realität transportieren, oder ob mein inneres seismisches Warnsystem sozusagen selber und nur in sich zittert.) Ich gehe besser. Ich kann mich nicht entspannen und auf die Zeitung und meine Arbeit konzentrieren.

Beim Zahlen sagt der eifrige Kellner erstaunt: „Du verlässt uns schon?“ (der Kellner schreibt verlässt sicher korrekt und nicht wie du mit scharfem ß – der innere Korrektor). Aber … was heißt das jetzt wirklich? Ich hätte länger bei meinem Kaffee sitzen können oder der Kellner hat erwartet, dass ich noch etwas esse? Also … was?


(10.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4573 Zu dritt

 



18:19.  Ich traue mich fast nicht mehr, meine Texte herzuzeigen, sie zu bewerben oder auf Facebook zum Beispiel anzuzeigen. Diesbezüglich ziehe ich mich immer mehr zurück. Ich erwarte keine Resonanz mehr (oder befürchte sie – der innere Spötter). Ich sitze im Gastgarten im zweiten Bezirk auf der Bank, die Nachbargespräche nerven mich – nämlich allein die Stimmen und ihr Tonfall – und besonders der Gestank der Aschenbecher - davon wird mir übel (Lokale, sorgt dafür, dass die Aschenbecher regelmäßig wenigstens ausgeleert, wenn schon nicht gereinigt werden!). Aber die Hauslimonade ist sehr gut (der Kaffee hier auch, aber heute verzichte ich darauf). Ich sitze mit dem Rücken zum losen Autoverkehr, mit dem Gesicht Richtung Lokalfassade. Bis jetzt beherrsche ich mich, die Leute nebenan anzuschauen. Und es ist klar, dass mir nicht zusteht, diese Leute zu begutachten und zu bewerten. Ich beneide Menschen, die so selbstbewußt erscheinen und verachte so sehr, wie billig sie dabei rüberkommen. Ich weiß ja auch nicht, wie meine Kommunikation von außen wirkt. Nikotin jedenfalls ist ein Nervengift. Ich habe immer noch nicht die am Nebentisch (eigentlich rechts zwei Tische weiter) angeschaut; ich scheu mich, meinen akustischen Eindruck mit dem optischen zu konfrontieren. Deswegen halte ich meinen Blick gesenkt, was beim Schreiben nicht schwer fällt. Wenn ich den Blick hebe, blicke ich auf die Lokalfassade und suche sie nach irgendwelchen Botschaften, Hinweisen und Anregungen ab. Das Deutlichste ist aber der angenehme Wind. Weil ich inzwischen auf der rechten Notizbuchseite schreibe und deswegen den Kopf ein wenig mehr nach rechts gedreht halten muß, geraten die Personen zwei Tische weiter fast schon an den Rand meines Gesichtsfeldes, aber ich schaue immer noch nicht hin. Ich höre immer einen Mann und eine Frau reden, aber anscheinend sind sie zu dritt, weil sich nach mindestens fünfzehn Minuten jetzt eine zweite weibliche Stimme einmischt. Neu dazugekommen ist die Frau nicht, das hätte ich bemerkt. Musik kommt von irgendwo her; ich kann nicht feststellen, von wo (von hinten?). Sie reden über Filme und Serien; von denen her müssen sie alt sein; seine Stimme hätte ich jünger eingeschätzt. Ich drehe den Kopf nach links und blicke die Leopoldsgasse hinunter Richtung Salztorbrücke und Donaukanal, die man von hier noch nicht sehen kann, und liebe das abendliche Sonnenlicht auf den Hausfassaden. Eine Wespe umfliegt meine Schreibhand. Jetzt reden sie über Krankheiten, was meine Neugier steigert, aber ich schaue sie dennoch nicht an, sondern links die sonnenbeleuchteten Fassaden. Vielleicht sind es jetzt vier Personen nebenan, oder eine der Frauen war am Klo, weil ich eine weibliche Gestalt am Rande meines Gesichtsfeldes undeutlich hinschleichen gesehen habe. Oh! Das Abendläuten! Das versöhnt mich mit allem! Das Polizeiauto stört mit seiner überlauten Sirene das schöne Geläut, aber ist wenigstens schnell weg. Ave Maria. Der Autoverkehr hinter mir nimmt plötzlich zu; die höher gestimmte Glocke übernimmt, läutet, setzt aus, läutet wieder … und jetzt ein Motorrad, jault auf, parkt ein, tuckert … auch zu laut. Was haben die alle gegen das Aveläuten? Es wird doch niemand zum Beten gezwungen. Jetzt sind sie wieder bei den Serien (sie reden hald (sic!) so laut, dass ich nicht weghören kann). Das Bändchen am neu angefangenen Notizbuch ist rot.

Am Weg vom Klo zurück war es unvermeidlich, dass ich die Nachbarn angeschaut habe. Sie sind zu dritt.


(8.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 7. August 2026

4572 Schwermut ist schön!

 



9:26 a.m.  Der Lichtengel strahlt wieder in meinem Lieblingscafé! Und stärker als je zuvor.


9:59 a.m.  Wunderschöne Musik aus den Boxen. Dieses Lied kenne ich, sogar gut, weiß aber weder Titel noch Interpret und auch nicht, woher ich es kenne. Mir kommt vor, ich hätte es zu Hause, aber ist das möglich? Oder ist es eine Coverversion? (Fleedwood Mac; Landslide. Hat er so viel ich weiß nicht zu Hause – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

26°C. Was wird das heute mit mir? Jetzt einmal bin ich satt. Ich weide meine Augen an dem Grün draußen bei und vor den Fenstern und in den Spiegelungen (eh schon wissen: die offene Glastür – der innere Spötter). Ich muß es nochmals herschreiben: der Lichtengel strahlt so schön! Als hätte er eine extra Botschaft für mich (das hättest gern! - der innere Spötter). In der Küche fällt ein Blechding zu Boden (und verändert auch die ganze Welt). Ein Kaffee ist schon zu wenig, dass ich auf Touren komme. Der leichte Wind, der bei der offenen Tür (Glastür! - der innere Spötter) hereinweht, ist sehr freundlich und herzerfrischend (ja! Stimmt! Kein Zynismus notwendig!) und auch draußen ist er schön anzuschauen. Die MA48 geht vorbei (der Satz ist sehr wichtig, damit es nicht romantisch wird – der innere Spötter). (Und außerdem habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet – der Autor.) Nach einer Wespe kommt jetzt eine Fliege zu mir an den Tisch; genaugenommen auf diesen und dann auf einen Fingerknöchel meiner Schreibhand; was ich ihrer Meinung nach schreiben soll, habe ich nicht verstanden; wir sind in zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs; ich habe noch nicht gelernt, das Tempo der Wahrnehmung zu ändern.

Auf meinem T-Shirt übrigens steht Ich lasse mich gehen. („Ein Gedanke, der keine Konkurrenz hat, wird zum Befehl.“ C.C.)

Bei diesem Lied jetzt ist der Bass nicht nur wirklich gut zu hören, sondern wunderschön; wie er einen und seinen Song geradezu fröhlich weitertreibt. Immer wieder schau ich zum Lichtengel, aber fast getraue ich mich das nicht; ich habe eine große Scheu davor, aber jetzt gaffe ich hin in diese zwei Lichter, bis alles zu flimmern beginnt und meine Augen tränen. Dann habe ich diesen Vorsatz zur Hingafferei schon längst wieder vergessen und war in Gedanken weit weg. Dann schaue ich zufällig hin und erschrecke kurz, weil der Lichtengel seine Flügel ein wenig eingezogen zu haben scheint. Bis sich meine Augen offensichtlich wieder an das erhabene Wahrnehmungsobjekt anpassen konnten und die Flügel wieder zur Gänze ausgebreitet sind. Und es flimmert wieder. Der Deckenventilator, den ich bloß so am Rande wahrnehme, scheint unzufrieden zu sein, denn er beginnt, mit seinen flotten Drehungen einen Sog zu entwickeln, den er mir wie einen Schlauch an die höchste Stelle der Calvaria (er versucht anzugeben und meint einfach sein Schädeldach – der innere Spötter) ansetzt, um mir irgendwas aus dem Gehirn zu saugen (was könnte den in deinem Gehirn interessiern? Vielleicht will er bessere Texte herausziehen, weil er dein Geschreibsel unter seinem aerodynamischen Schutzschirm nicht mehr aushält? - der innere Spötter).

Wieder ist etwas an den Engelsflügel anders, oder täusche ich mich? Ich halte – gegen meine Gewohnheit, aber es hat sich so ergeben – meinen Kopf ganz schief (angeblich in der Kommunikation ein Zeichen von Verlogenheit – der innere Spötter). Ach, ich lasse mich gehen und von der angenehmen Musik einlullen. Dabei ist mein Notizbuch fast vollgeschrieben und ich hätte von hier nur ein paar hundert Schritte zum Papiergeschäft, wo ich meine Notizbücher zu erwerben pflege.

So früh bin ich von hier noch nie weggegangen (11:28 a.m.). Ich schreibe schon auf dem Deckel. Ein Anfall von Schwermut zeichnet sich ab. Aber das geht. Das geht wirklich! Damit komme ich gut zurecht. Schwermut ist schön!


(7.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 6. August 2026

4571 Durchs Heckenlabyrinth

 



Auf dem Marsch vom Unteren ins Obere Belvedere wähle ich die Wege durchs Heckenlabyrinth, um – so gut es geht – im Schatten zu wandeln. Dabei gerate ich wieder ins ergreifende Mittagsläuten. Fast ein bißchen zu heiß für ein sich erhebendes Herz.


12:25.   Das Obere Belvedere habe ich gar nicht aufgesucht, sondern bin schnurstracks zum Belvedere 21 aka Museum des 21.Jahrhunderts aka Zwanzgerhaus gegangen und sogleich in die Lucy-Bar eingekehrt, wo ich völlig verschwitzt ein alkoholfreies Gösser trinke. Pah, ist es hier schön und angenehm! Der Tag ist jetzt schon sehr ergiebig und reich. Ich betrachte die feinen Wasserfontänen, die von den Wassersprühstangen in die heiße Luft entlassen werden und vom Wind mal schwächer, mal stärker in alle möglichen Richtungen, mehr nach oben, mehr nach unten etcetera geblasen werden. Auch das ist schön anzuschauen.

Während ich hier sitze und mir die langen Sacherwürstel einverleibe, bilde ich mir wirklich ein, meine Schreiberei rechtfertige diesen Luxus (auf meinem T-Shirt steht Bin in der Arbeit), wann, wo und warum kommen dann immer die Zweifel?

Vom Händewaschen zurück (genau das! Wörtlich! Nichts anderes) steht der Cappuccino schon am Tisch (hier sind sie auch schon so freundlich zu mir wie im Katscheli, Espresso Burggasse, Kaffeeamt und Leo). 6.494 Schritte; das ist noch nicht allzu viel! 34°C im Schatten. Ich bin wieder beim Wassernebel draußen (mit den Augen). Was mich ein wenig stört: dass genau hinter diesem Nebel das Riesenplakat einer jungen Frau als Werbung für den Fitnessclub dort im Erdgeschoß die schöne, natürlich-abstrakte Wasser-Schwerkraft-und-Wind-Perfomance mit seiner (des Plakates) menschenzentrierten Aufdringlichkeit irritiert.

Vorgestern habe ich die Goeschl-Skulptur da draußen als ein wenig lächerlich bezeichnet, heute nehme ich das zurück; die Ästhetik der Fünfziger-Sechzigerjahre ist angenehmer als all die post- und postpostmoderne Aufgeblähtheit und zum Beispiel fotorealistische Glätte und Plakatgefälligkeit à la Fitnesswerbung. Und abstrakter, was sehr wohltuend sein kann.

Zurück zum Wassernebel (Des Menschen Tage, sie gleichem den Gras; er blüht wie die Blume des Feldes; ein Hauch des Windes, und schon ist sie dahin; und der Ort, wo sie stand, er hat sie vergessen. Angeblich Psalm 103, 15-16.). Wenn ich noch ein wenig Zeit schinden will, könnte ich mich ins Blickle-Kino setzen (Oida! Du bist sterblich! Welche Zeit glaubst du, dass du dabei tot schlägst? - der innere Spötter). Der Wind weht jetzt den Wassernebel kräftig an und treibt ihn schnell und weit nach Süden (glaube ich), so weit, dass er noch hinter der Goeschl-Skulptur zu sehen ist (wer das überprüfen will: ich sitze wieder am Platz mit dem erotischen Lampenschirm und habe den Stuhl ein wenig vom Tisch – der übrigens auch eine schöne und stabile Form hat - abgerückt, sodass ich gut auf den Hydranten mit der Wassernebelstange blicken kann. Meine Wasser-Nebel-Aufmerksamkeitsspanne ist nicht allzu groß; ständig schweift mein Geist mit seiner Aufmerksamkeit ab. Übrigens: der Besuch im Blickle-Kino war keine Zeitverschwendung sondern interessant!


13:55.  Ich gehe in den Garten und Skulpturenpark hinaus und es überrascht mich bei dieser Hitze intensives Vogelgezwitscher. Dann stelle ich mich bei Thomas Baumanns Wellenmaschine am Ende des Wasserbeckens an die kleine schattige Stelle und warte, ob die Wellen kommen. Aber sie kommen nicht. Oder doch? Ja! Jetzt! Aber sehr mickrig! Das war doch einmal stärker, oder!? Ich gehen zum anderen Ende näher zur Maschine und sehe eine Ente in diesem Wasser schwimmen, während ich knackend und krachend über die unzähligen Eicheln schreite, die der riesige Eichenbaum, der guten Schatten spendet, abgeworfen hat. Auch jetzt fallen noch Früchte auf den gepflasterten Grund, ich kann sie aufschlagen hören.

Ich gehe dann einfach durch den Schweizergarten ab und zertrete dabei noch unzählige Früchte der Linden.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com