Donnerstag, 30. Juli 2026

4561 Tonspur

 



12:58.  Am Heimweg sitze ich im Mumok in der Tonspurpassage und höre mir die Tonspur an. Das ist jetzt genau das Richtige für mich. Was man spöttisch (und unbedarft) „Instrumentenstimmen“ nennen könnte; aber dieses Suchen, Nicht-Finden, Finden, und die (anscheinend - scheinbar) ratlosen Pausen gefallen mir – wobei der Durchmarsch einer organisierten Ferien-Kinder-Gruppe durch die Passage kurz einen ganz anderen Sound einbringt. Ja, und das exorbitante Ausklingen-Lassen mancher Töne; das suchende Geklopfe auf den Saiten, das alles passt jetzt für mich und meine Seele erholt sich dabei. Dann ein fast gedroschener Klavierakkord, der mich fast erschreckt. Eine Frau von der Reinigung schiebt ihren Putzwagen durch, was auf dem Asphalt wegen der kleinen Räder ordentlich rattert und noch eine Zeit lang im Sich-Entfernen hörbar bleibt. Diese fragmentarische Musik der Passage (von wo nach wo?) passt so gut zu meinem Leben! Immer wieder werden Melodien gesucht und ein paar Takte lang gefunden und dann wieder verloren oder absichtlich zerstört. Oder irgendwer kommt daher und lärmt durch die Musik und übertönt sie. Dann wieder so ein lauter Akkordeinbruch am Klavier, der meist ohne nachhaltige Auswirkungen verklingt (obwohl er natürlich mit seinem Schrecken alles andere verscheucht und den akustischen Nachraum sozusagen freiräumt und somit diesen doch indirekt mitdefiniert). Okay, ich gehe weiter ins Museum moderner Kunst, denn ich muß aufs Klo. Obwohl jetzt gerade eine so schöne, elegische, melancholische Phase gekommen ist. Jetzt ein Akkordeinbruch; ich nutze die Chance und gehe. Die Ausstellungen durchwandere ich bloß; ich hatte vergessen, dass ich sie schon gesehen habe.

13:46.  Ich mache mich wieder auf den Weg nach Hause (37°C im Schatten).


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4560 Gratuliere

 



10:16 a.m.  Italienische Sommermusik aus den Boxen. Nicht mein Fall, obwohl auch sie melancholische Elemente mitbringt. Der Lichtengel leuchtet nicht mehr, ich versuche, am Schatten der Lampe irgendwelche Flügelstrukturen zu entdecken: nein, gibt es nicht wirklich, obwohl ich meine Wahrnehmung unbedingt da hinbiegen will. Was nicht heißt, dass die Schatten dort uninteressant wären: eine Struktur ähnlich einem luftigen Aussichtsturm (Oida! Halt an dich! - der innere Spötter). Bevor ich abhebe – sollte ich hier etwas essen? Mein Depressionsanfall von Sonntag ist vorbei, schon bevor ich gestern wieder Duloxetin eingenommen habe. Weil mir davon (?) recht übel geworden ist, habe ich es dabei belassen und heute keines mehr genommen. Mir geht es psychisch ja nicht mehr schlecht; im Gegenteil: ganz gut. Anscheinend hat mein Kampf, zu dem wahrscheinlich auch diese ganze Prozedur Psychoambulanz-Duloxetinrezept gehört hat, tatsächlich meine Depression von der ersten Stelle wieder weiter nach hinten verjagt. Ich darf mir dazu gratulieren. Jetzt eine italienische Version von Susanna; die gefällt mir gut. Fasziniert schaue ich den aktuellen Szenen hier herinnen zu. Irgendwie gehe ich mit, obwohl ich nur Beobachter am Rande bin; so ähnlich wie beim Aufkommen der ersten Kinos, wo die Zuschauer bei der Verfolgungsjagd zum Beispiel den von bösen Indianern verfolgten Helden unterstützen wollten, indem sie ihre jeweils vordere Sitzreihe in tranceartiger Verwechslung mit der gejagten Kutsche anschoben, manchmal bis jene umgefallen ist (so wurde berichtet). Was ich sagen will: meine Seele bewegt sich mit den Gesprächen und der Gestikulation mit, möchte dem einen sagen: „Jetzt! Jetzt sprich den Kellner an!“ oder: „Warte kurz! Der Kellner telephoniert!“ (Was ich sagen will: deine Bilder und Assoziationen für deine Zustände sind so etwas von daneben – der innere Spötter.)

Aber jetzt ist es wieder relativ leer herinnen (fast alle sitzen draußen in der Laube) und ich kann mir wieder überlegen, ob ich über die Stränge schlagen will und etwas essen, während der Italiener aus den Boxen vom Mare singt.

Während ich am Klo war, haben neue Gäste den Innenraum erobert beziehungsweise fürs Zahlen okkupiert und ich schaue wieder den „Szenen“ zu. Wo ist eigentlich meine Sonnenbrille? Ich konnte sie zu Hause nicht finden. Ich werde sie am Nachmittag nochmals suchen. Aber jetzt einmal essen und trinken. Zur italienischen Musik aus den Boxen möchte ich sagen, dass sie schon dem gehobenen Segment angehört, nur: mir liegt sie nicht. Jetzt singt eine Italienerin über das Mare (obwohl auch montano vorkommt). (Wer nichts zu sagen hat, schweige still – der innere Spötter.) Beim darauf folgendem Ausklicken meines Pilotstiftes rutscht mir dieser aus der Hand und fliegt – vom Rückstoß angetrieben – ein paar Zentimeter nach vor und landet auf der blanken Seite meines Notizbuches, die ich jedoch soeben zu beschreiben (wörtlich!) begonnen habe. Noch ein Mare-Sänger. Hat man meine schüchtern-aufdringliche Bestellung vergessen? Soll ich urgieren? (Was für ein komisches Wort!) Obwohl ich seit kurzem den Namen des Kellners weiß, traue ich mich nicht, ihn anzusprechen (oder gerade deswegen?). Aber nach einigem inneren Kampf werde ich es schon schaffen – ich bin durstig und hungrig. Geschafft (ohne Namensnennung). Vielleicht habe ich mich unbeliebt gemacht (so denkt mein depressionsverseuchtes Gehirn). Es ist furchtbar, aber ich kann nur schwer Menschen - vor allem beim Namen - ansprechen. Ich muß mir da innerlich immer einen Tritt geben; es fühlt sich so an, als stünde mir das nicht zu, weil ich nicht auf Augenhöhe bin. Aber dieses Dalit- oder Nicht-Initiierten-Syndrom habe ich eh schon öfters beschrieben. Isjawurscht, der bestellte Saft ist schon da und den Kren vom Schinkenbrot kann ich bereits riechen; es wird wohl bald kommen. Wenn ich es richtig höre, singen die Italiener nun von acqua.

Ich bin ganz unsicher jetzt, das Schinkenbrot kommt nicht; soll ich nochmals nachfragen? Sie haben in der Küche viel zu tun. Ich weiß nicht. Ich warte noch und trinke den Saft. Ich kann die Realität so schlecht einschätzen. Ein Gesicht fällt mir ein, kommt plötzlich vor mein inneres Auge, keine Ahnung, wo ich es hingeben soll. Ich sehe es vor mir, aber wer und woher? Übrigens: auf meinem T-Shirt steht scheinanwesend. Passt doch, oder? Oh! Das riesige Schinkenbrot ist jetzt da! Also wurde es nicht vergessen, sondern es gab viele Bestellungen für die Küche.

Die Boxen haben längst auf Englisch gewechselt, und obwohl ich Englisch nicht wesentlich besser verstehe als Italienisch, das ich gar nicht kann, gefällt mir die Musik mehr. Ich frage mich wieso und habe keine rechte Antwort. Ist es die andere Musikalität? Sind es die überbetonten Vokale? Die geographische Nachbarschaft? Romanisch versus „Germanisch“? (Vergleiche meine Studie über das stark unterschiedliche Rauschverhalten in den „germanischen“ und den romanischen Kulturen, das jeweils eine völlig andere Individuum-Konstruktion zeigt.) (Ist schon gut! Beruhige dich! - der innere Spötter.) Vielleicht ist es Zeit, meine Wanderung nach Hause anzutreten (35°C im Schatten). Ich gehöre eindeutig zum „germanischen“ Kulturbereich – ob’s mir passt oder nicht – mit barbarischem Minderwertigkeitsgefühl, das – nicht von mir, aber von den andern (Oida! - der innere Spötter) – nur rowdyhaft und vulgär kompensiert werden kann (ich habe gesagt, es genügt! Es ist zu heiß und du bist schon lange abgehängt. Außerdem spielst du dabei mit dem Feuer und deiner Depression! Willst du die wieder hervorlocken? - der innere Spötter). Gemma? Gemma! Die letzten zwei Schluck Kaffee noch austrinken, bitte. (37°C im Schatten.)


(30.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 27. Juli 2026

4559 Die nächste Sache ist Geld

 



10:25 a.m.  Die nächste Sache ist das Geld. Die Jahreskarte für die Verkehrsbetriebe ist empfindlich teurer geworden, meine Steuern höher (die Pensionserhöhung ist so gut wie aufgefressen), die Teilrefundierung meiner Psychotherapie dürfte ausgelaufen sein, ein Betrag von zirka 100.- steht noch aus und kommt seit fast einem Jahr nicht (stimmt nicht! Die bewilligten Therapiestunden waren aufgebraucht - der Tipper, der recherchiert hat). Man ist so machtlos gegen die Tücken der Bürokratie. Und zu diesem Psychiater, der bei der kranken Gesundheitskasse für die Begutachtung der Antragsteller auf wenigstens teilweiser Refundierung der Behandlungskosten zuständig ist, gehe ich nicht mehr, denn der ist ein Kotzbrocken. Er hat von der kranken Gesundheitskasse offensichtlich nicht die Aufgabe, zu schauen, ob einer, ob eine psychisch und finanziell Hilfe notwendig hat, sondern potentielle AntragsstellerInnen zu entmutigen und zu verscheuchen. Einem Depressiven einfach so und um ihn abzuschrecken zu signalisieren und vorzuwerfen, dass er es nicht wert ist, unterstützt zu werden und Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist wirklich keine große Kunst, sondern eine Gemeinheit; und – ich gebe es zu – sehr effektiv, weil der bald zurückstecken wird.

Ich habe Angst vor der nächsten Hitzewelle und davor, meine Kaffeehausbesuche, die für mich wie schöne Lektüre- und Schreibarbeitsstunden waren, aufgeben zu müssen: später Vormittag ins Café, lesen, schreiben, dann die Fußwanderung nach Hause, dort Geschirr, Wäsche erledigen, spätes Mittagessen, dann die Vormittagstexte eintippen und dabei überarbeiten. Dann ist Abend. Das gab meinem Tag Struktur und Sinn und meinem Leben Halt (natürlich kann man einwenden, dass diese Arbeit kein Geld gebracht hat und darum nicht zählt).

Ich habe das Gefühl, die letzten einigermaßen guten Tage zu erleben, bis dann der große Zusammenbruch kommt. Ich muß natürlich aufpassen, dass mir mein depressionsverseuchtes Hirn nicht falsche Bilder der Realität und meiner Möglichkeiten und Fähigkeiten vorspiegelt, aber diese alte Leier meiner Kindheit: „du bist nichts wert!“ wird in letzter Zeit unglaublich stark und entzündet sich schon auch an der Tatsache, dass es mir in meinem Leben nicht gelungen ist, beruflich, sozial und finanziell Boden unter die Füßen zu bekommen, was ich jetzt ausbaden muß. Dabei geht es schon auch, aber nicht nur um Geld (der Kapitalismus drückt seine „Wertschätzung“ in Geld aus und bevorzugt Rowdies, Betrüger, gierige Gauner und schief grinsende Trickser), sondern auch um Resonanz; und damit ist es bei mir auch nicht weit her; ich habe längst den Anschluß verloren.

Ich atme tief durch, nehme mir zum hunderttausendsten Mal vor, mich „zusammenzureißen“ und die Folgen meiner Lebensentscheidungen tapfer auszuhalten (dabei war es ja nicht so, dass mir nicht einige Arschlöcher reingecrasht sind und mich in den Straßengraben abgedrängt haben; besonders der bajuwarische Affenarsch). Ich will mich jetzt auch nicht auf das große Weh einlassen. Ich hole tief Luft, betrachte den Wind in der großen Platane draußen und will jetzt den zweiten Cappuccino und ein Schinkenbrot mit Kren bestellen. Auch wenn das so eine Art Henkersmahlzeit wird (So! Jetzt reicht’s! Bei aller Nachsicht: jetzt ist Schluß mit dem Gejammer! - der innere Korrektor). Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann.

Ich könnte natürlich auch die anderen Gäste hier beobachten und mich über sie lustig machen oder mokieren. Ich mache es nicht. Ich bekomme richtig Lust, mein letztes Geld in einem großartigen Wisch rauszuwerfen, aber ich halte an mich. Die melancholische Musik aus den Boxen gefällt mir sehr (no-na! - der innere Spötter).

Draußen hat der Wind zugelegt und Wolken müssen die Sonne verdeckt haben. Mehrere Gäste wechseln nach innen. Regen sehe ich nicht, obwohl es sogar herinnen nach Regen riecht.

11:56 a.m.  Das Essen hat mir gut getan. Das Schinkenbrot ist hier sehr üppig und dicht belegt. Langsam läßt der Druck auf meiner Brust nach. Ich überlege ernsthaft, doch wieder auf Medikamente gegen Depression zurückzugreifen, aber zögere noch (sind auch wieder Mehrkosten und ich möchte es gerne ohne hinbekommen. Ich war schon irgendwie stolz drauf, es jahrelang ohne geschafft zu haben). Jetzt fällt mir der Doderer ein mit seinem Sadismus und ich muß lachen. Wenn man es sich leisten kann, einen Hausmeister zu bezahlen dafür, dessen Frau schlagen zu dürfen. Ich muß lachen. Natürlich ist das verwerflich, aber ich muß lachen (es tut mir leid, Leute, aber Depression hat etwas mit zurückgestauter Aggression zu tun). So gesehen muß ich ja froh sein, dass ich nicht wohlhabend bin und nicht aus der Oberschicht stamme. Ein Hoch auf meinen massiv eingeschränkten Handlungsspielraum! Die Kugellampe über mir schaukelt sanft im Ventilatorwind. Ein Niesanfall treibt mir Tränen in die Augen (und den Rotz in die Nase, aus der er ihn kaum rausbekommt – der innere Spötter). Es könnte sein, dass es jetzt Zeit für meine Wanderung wird. Aber ich zögere noch. Summer of Sadness steht auf einem Plakat am Klo, das für Tage des traurigen Films wirbt. Es regnet jetzt und ich gehe freiwillig hinaus in den Regen (der sich als nicht wirklich ergiebig herausstellen wird).


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4558 Nicht schlecht

 



7:37 a.m.  Mein depressiver Anfall ist vorbei. Zwar bin ich mit etwas Angst aufgewacht, aber das ist etwas ganz anderes. Ich bin sogar gleich nach dem Aufwachen hinunter gegangen, um – zwar verschlafen, aber doch – meiner Frau einen guten Morgen zu wünschen. Meine morgendliche Lebensangst ist leicht und läßt mich nur wenig zittern. Das ist nicht schwer auszuhalten. Ich hocke nun im Bett und versuche, mich zu sammeln und zu festigen. Ich überlege meine nächsten Schritte und beruhige mich dabei. Das Zittern, das sowieso nicht stark war, ist so gut wie vorbei. Es schaut für heute nicht schlecht aus.


(27.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4557 Die inneren Dämonen

 



Wieder in Wien – ich weiß nicht, ob das etwas damit zu tun hat – hat mich ein ordentlicher depressiver Schub überrollt. Ich wache am Morgen auf, verschiedene Szenen meines Lebens – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter – fallen mir ein, alle beschämen mich oder klagen mich an. Ich beginne zu grübeln und meine Bilanz ist: rundum gescheitert. Ich denke mir nur mehr Selbstmordszenen aus (das sind reine Phantasien à la Tagträume, keine realistischen Vorbereitungen oder Planungen! Wobei der Gedanke, dass es endlich vorbei ist, schon verführerisch erscheint. Aber wir sind hier nur in Gedankenspielen und auf jeden Fall im falschen Film). Da ist jetzt überhaupt eine wichtige Zwischenbemerkung notwendig: ich habe schon vor langem einen Pakt mit mir geschlossen, dass ich das nie machen werde. Auch weil ich weiß, dass man sich damit nichts erspart. Was man so vermeiden will, wird einem im Tod unvermeidlich serviert. Ich rede nicht von irgendwelchen außerirdischen Scharfrichtern oder alten Deppen da oben, sondern von so einer Art Naturgesetz und davon, dass einem spätestens im Sterben der Energiekörper mit der Ganzheit des Selbst konfrontiert und wir die ganze, unverfälschte Wahrheit anschauen müssen und dürfen, sozusagen sub specie aeternitatis und nicht nach unserer fragmentierten Wahrnehmung und eingeschränkten Einsichten. Es funktioniert keine Abkürzung. Ende der Zwischenbemerkung.

Eine schwere Verzweiflung hat sich auf mich gelegt, die dann schon Richtung Resignation und Gleichgültigkeit abrutscht. Ich kämpfe mit aller geistigen Kraft gegen dieses einprogrammierte Selbstzerstörungsprogramm und halte immer wieder fest und sage es mir ständig vor: Das ist nicht meine innerste Stimme, das ist eine fremde Installation (ich werde die Definitionen meiner Kindheit nicht und nicht los). Ich kämpfe gegen meine inneren Dämonen und das ist so anstrengend, dass ich nicht nach außen kommunizieren kann. Ich rede auch meine Frau neben mir nicht an, weil mir vorkommt, dass mir das in meiner schmarotzerischen Wertlosigkeit nicht zusteht. Ich sage mir immer wieder vor, dass diese Denke das Ergebnis der Traumata meiner Kindheit ist und keine profunde Bilanz, dass ich beziehungsweise diese Fremdzuschreibung nicht in der Lage ist, mein ganzes Leben mit allem Drum und Dran zu bilanzieren und mehr den Hass von damals widerspiegelt. Und dass das Ganze deswegen wenig mit dem Hier und Jetzt zu tun hat.

Als meine Frau das Frühstück bringt, esse ich stumm, aber ich registriere erleichtert, dass ich Appetit habe und mir das Essen schmeckt. Also sooo tief kann der Anfall nicht sein, ich muß nur noch ein wenig durchhalten. Ja, ich stehe auf, rasiere mich, putze mir die Zähne und setze mein Gebiss ein, arbeite beim Abbau der Urlaubsbewässerung und gieße dann ein noch wenig die Zimmerpflanzen und schaffe es gegen großen inneren Widerstand und Hoffnungslosigkeit doch wie gestern ausgemacht mit meiner Frau, mit der ich kaum rede, ins Fitnessstudio zu gehen. Und auch mein übliches Zwei-Stunden-Programm durchzuziehen. Dann ist mir etwas leichter. Ich bin richtig hungrig und meine Frau lädt mich in einem Restaurant zum Essen ein, das ich mit Appetit verzehre. Jetzt weiß ich: das Ärgste ist überwunden. Aber ich bleibe den ganzen Tag noch verschlossen und in mich gekehrt. Ich schreibe das auch auf (um 17:26), weil ich es nicht aussprechen kann, aber meine gute Frau wird den Text lesen. Vielleicht versteht sie dann meine Distanziertheit heute.


(26.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 23. Juli 2026

4556 Yogamatten

 



16:57.  Sommernachmittag. Das Flugzeug oben und die Rasenmäher unten klingen schon fast elegisch, oder als wäre ihnen fad. Ich bin wieder am Tempel heroben. Der Aschenbecher neben der Sitzbank stinkt mit seinem verbrannten Inhalt, aber das vertreibt mich nicht. Die rot-weißen Absperrbänder zur archäologischen Grabung zittern im Wind. Schöne Wolken, sehr schöne Wolken, wie im Bilderbuch, nur echter; sie stören nicht den blauen Sommerhimmel. Und erst der Blick über die Ebenen Richtung Osten! Eine Weite, die mir fast im Herzen weh tut. Ich sehe eine Elster ins Gebüsch am Südhang fliegen. Blauer Schatten hat sich auf die weiße Notizbuchseiten gelegt. Diese lockere Reihe weißer Wolken zieht so getragen und majestätisch den Horizont entlang, langsam wie eine edle Karawane. Dieses schon ins Abendliche gleitende Sonnenlicht auf den Bäumen und Mauern und Wiesen; man ahnt, dass die heimlichen Versprechen des Tages nicht mehr eingelöst werden. Was für eine Unmittelbarkeit! Eine Frau ist jetzt auf den Frauenberg herauf gekommen, mit Yogamatte und Kerze; sie wird hier wohl üben. Sie legt die Karten. Das hier ist sicherlich ein sehr geeigneter Ort dafür. Der Wind wird stärker. Die Absperrbänder flattern laut. Die Frau hat mit ihren Übungen begonnen. Ich schaue zur Seite, dann doch wieder hin auf die Frau, die sich zirka zehn Meter direkt vor mir befindet. Ich will sie nicht irritieren, aber weggehen will ich auch nicht. Ich betrachte links die rostigen Eisengestelle für das Sieb der archäologischen Erdarbeit. Auch ich nehme eine meditative Haltung im Sitzen ein und schließe die Augen. Ich bemerke wieder stark den Geruch der Asche und der Zigarettenstummel im Aschenbecher bei der Bank. Jetzt kommt ein Mann mit Yogamatte. Die beiden kennen sich. Jetzt reden sie. Eine Schwalbe fliegt von links vorne nach rechts hinten; eine Taube von rechts hinten nach links vorne. Jetzt kommen viele Schwalben. Noch eine Frau mit Yogamatte und Kind kommt. Der Bub fährt dann mit seinem Rad wieder weg. Eine Nebelkrähe. Die Yogaleute reden immer noch. Langsam fühle ich mich genötigt, zu gehen. Die schier endlose Wolkenkarawane zieht immer noch am Horizont dahin. Ja gut, ich gehe. Ich habe das Gefühl, ich störe sie. Unauffällig verneige ich mich in ihre Richtung mit gefalteten Händen und leisem „namaste!“


(22.7.2027)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4555 Sturm und Lourdes

 



11:28 a.m.  Sturm (Graz – der innere Korrektor) hat gestern großartig gewonnen und heute, beim Abstieg vom Seggauberg nach Leibnitz/Lipnica hinunter ist mir ein Reh über den Weg gehüpft: so schnell, so ruhig, so gekonnt und unglaublich elegant. Ich sitze wieder im Rosegger (Café … – der innere Korrektor). (Vielleicht hilft dir heute der lokal-literarische Namenspatron beim Schreiben – der innere Spötter.) Nein, ich bleibe verdächtig einfallslos. Auf meinem Konto ist endlich Geld eingelangt, was mein Selbstbewußtsein gleich bis zur Arroganz hebt (also fast schon zur Selbst-Bewußtlosigkeit wird – der innere Spötter). Mit dieser späten, ungeordneten und uninspirierten Morgenplauderei bin ich bereits am Ende meines Schreibelans. Ich versuche es noch mit irgendetwas über die Boxenmusik oder mein Hinstieren aufs Weinregal, aber daraus entsteht nichts. Ich bedanke mich beim Kellner überschwänglich für die Köstlichkeit der Rhabarber-Basilikum-Limonade und bitte ihn, mein Lob der Küche weiterzuleiten. Ich beobachte die anderen Gäste, aber daraus wird auch nichts Schreibwürdiges (es gibt ja auch einen inneren Zensor – der innere Zensor). Ich gebe für den Moment meine Schreibversuche auf, aber was mache ich jetzt?


12:35.  Am Rückweg ins Quartier bin ich wieder beim Kapuzinerkloster eingekehrt und sitze in der Lourdeskapelle (Das Lied von Bernadette von Franz Werfel liebe ich!). Weil ich jetzt wieder Geld habe, habe ich für die drei Kerzen ordentlich bezahlt und mich zum Beten sogar auf den Betstuhl gekniet – was nicht ganz schmerzfrei abgegangen ist – und ich stelle fest, dass ich eine große Sehnsucht nach (religiöser) Hingabe habe – was immer das heißt, aus welcher psychologischen Situation auch immer das kommt. Was mich schon etwas wundert, denn ich bin auf dieser Ebene ein aufgeklärter Zyniker. Ich mißtraue diesen „religiösen“ Impulsen und ich glaube zu recht. Nichtsdestotrotz genieße ich das Knien und Beten, obwohl ich es mir nicht abnehmen kann, aber anscheinend spiele ich es gern. Das Katholische – in dem ich vom Familiären her nicht aufgewachsen bin – muß mich in meiner Kindheit viel mehr beeindruckt haben, als mir bewußt ist (und es ist mir bewußt). Ich möchte noch festhalten, dass meine Religionskritik in Wirklichkeit, wenn ich richtig loslege, viel tiefer geht als die der aufgeklärten Rationalisten (das will ich jetzt nicht ausführen; dafür gibt es genug Beispiele und Belege hier auf der Schublade). Mein düdelndes Handy lenkt mich ab und bricht den Bann. Ich gehe jetzt (wobei sich die Frage erhebt, was der ärgere Bann ist: Lourdes oder Handy – der innere Spötter).


(22.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com