Freitag, 27. März 2026

4402 Plötzlich

 



9:06 a.m.  Der Sturm heult, klappert und zerrt. Als meine Augen zufallen, erschrecke ich, weil es plötzlich ganz finster ist (finsterer als ansonsten bei geschlossenen Augen, wo ja ein roter Schimmer bleibt!). Der Holzrabe am Fenster schaukelt in der Zugluft. Der Sturm legt eine Pause ein. Jetzt bekomme ich die Augen nicht mehr auf. Es läuft nicht so, wie ich es will. Okay, dann ruhe ich hald (sic!) noch; das tut mir immer so gut. Plötzlich kommt mir vor, mein Notizbuch fällt hinunter und ich greife erschrocken und blitzschnell danach. Aber es liegt ganz normal auf der Bettdecke vor mir und von dort kann es einfach so gar nicht hinunterfallen. Das taktile Empfinden, wie es aus der Hand in eine Tiefe rutscht, war ganz realistisch.

Eigentlich ist es höchste Zeit, aber ich mag immer noch nicht aufstehen.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4401 Bewegt er sich?

 



0:03 a.m.  Ich bewege die Leselampe vom Bett weg und jage damit die Schatten der Kabel des Zedeplayers über die Seitenwand des kleinen Kastens unter dem Schreibtisch drüben. Der starke Wind rüttelt ständig an den schlecht schließenden Fensterflügeln. Morgen will ich wieder ins Fitnesstudio (sic!) gehen. Heute bin ich sehr müde. Ich habe viel gelesen (Fräulein Schmillas Gespür …). Ich will herausfinden, ob der schwarze Holzrabe am Fenster im Luftzug schaukelt. Anscheinend rührt er sich doch nicht, aber vorhin ist es mir so vorgekommen, als bewegte er sich ein wenig. Manchmal scheinen mich meine müden Augen zu necken und ich glaube dann, eine Bewegung wahrnehmen zu können. Zur Überprüfung leuchte ich den Raben mit der wieder her- und jetzt hochgedrehten Leselampe an. Ich bin mir nicht sicher. Es ist nicht eindeutig. Ach, ich bin wirklich müde.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4400 Silbenuntersuchung

 



8:05 a.m.  Es regnet. Im Bett ist es warm und gemütlich. Ich habe das Rollo hochgezogen (ein wenig stolpere ich darüber, dass ich ja die Rollo sagen würde und auch nicht hochziehen, sondern raufziehen) und lasse das graue Licht in mein Zimmer und jetzt zähle ich die Silben der Vornamen in unserer Familie, vielleicht sagt das etwas aus. Zum Beispiel haben meine Töchter die selbe Silbenzahl und in der gleichen Altersreihenfolge wie meine Schwestern, sowohl in den Tauf-, als auch in den Kosenamen. Ganz ernst betreibe ich diese Untersuchung nicht. Ich lasse das auch schon fallen und horche lieber auf das angenehme Geräusch des Regens. Weil mir nichts einfällt, weite ich meine Silbenuntersuchung doch wieder aus, was interessanterweise bei mir ein ziemlich unangenehmes Gefühl erzeugt, vermutlich weil sich doch keine klaren Muster erkennen lassen, was ja unser (unser aller!) kindischer Geist schwer aushält.
Ich döse vor mich hin – ich liebe diesen Zustand und seine Wahrnehmungsverschiebungen – und empfinde meinen rechten Arm als rechts an die Wand gestützt, obwohl ich weiß, dass er ganz normal auf dem Notizbuch auf meiner Bettdecke vor mir aufliegt. „Also dein Vater! Was ist mit ihm?“ lasse ich (?) in meinem Geist eine mir vage erfasste Figur sagen und bin dann verwirrt, weil ich weder weiß, wer das gesagt haben soll, noch zu wem, noch welcher Vater gemeint ist.

Der Regen dürfte ein wenig nachgelassen haben, wenn ich die Geräusche richtig deute. Jetzt gerate ich in eine Krimiszene, aber genauso unklar und chaotisch wie alles. Irgendjemand sagt „dot, dot, dot!“ als ich mir gerade vorstelle, wie Norddeutschland wegen des steigenden Meeresspiegels versinkt und die Fische die untergegangenen Supermärkte plündern und im für sie (noch! Es geht ja schnell) ungewöhnlichen Ambiente ihre neuen Wohnplätze herrichten (ich hatte die Vision eines plötzlichen Anstiegs des Meeresspiegels, ohne ein Erklärung für die Plötzlichkeit vorbereitet zu haben. Irgendwas mit gleichzeitigen Hangrutschungen an den Küsten weltweit und plötzliches, allgemeines Eisschmelzen).

Jetzt plätschert es draußen wieder richtig. Frühstück? Dann lesen?


(26.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4399 Mit gezücktem Stift

 



9:15 a.m.  Ich hocke da und – da ich kein konkretes Thema habe – habe ich mir gedacht, ich lasse einfach so die Gedanken vorbeiziehen und dann schauen wir, ob etwas dabei ist. Von einem Red-Hot-Chili-Peppers-Song (I could have lied) zu (m)einer illegalen Wohnung vor Jahrzehnten und dann zum Monsignore P.S.. Weiter zu … mir ist davon schwindlig geworden. Aber das Ganze dreht sich weiter in Spiralen und obwohl ich es mir vorgenommen habe, bekomme ich nichts so recht zu fassen. Ich denke an die Zeit, als ich mit meinem Lebensgefühl oben war und was ich da alles angerichtet habe. Ich seufze und schon dreht sich wieder alles weiter. Jetzt geht es mehr um die heutige Tagesgestaltung (was ich wo in den Rucksack gebe und ähnliches). Nun bin ich bei meinem Surren in den Ohren und vertiefe mich hörend in die heute recht komplexen und für einen monotonen Geräuschestrom abwechslungsreichen Abläufe. Jetzt ist meine Aufmerksamkeit mehr bei den Geräuschen des Hauses. Eine Tür schlägt zu, Kinder johlen im Stiegenhaus, nochmals eine Tür, in der Ferne entdecke ich etwas, was ich als Rauschen der Stadt bezeichnen würde, vermutlich hauptsächlich entfernter Autoverkehr, aber irgendein ein wenig näheres Gerät mit Motor müßte auch dabei sein. Wenn mich nicht alles täuscht. Wie sich das hier anhören würde, wenn für eine Stunde wirklich alle Räder still stünden? Ich könnte noch ein wenig dösen. Ich döse mit gezücktem Pilotstift. Mein Kopf kippt zur Seite.


(25.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 24. März 2026

4398 Die Wanderung

 



Ich liebe es immer mehr, durch die Stadt zu wandern; diesmal habe ich von meinem Lieblingscafé Espresso Burggasse nach Hause einen großen Umweg gewählt, und mir war nicht richtig bewußt, dass ich da durch Gegenden gehe, mit denen ich früher viel zu tun hatte. So ist es eine Wanderung durch meine Vergangenheit geworden.

Hier der siebente Bezirk – da habe ich gewohnt, ich werfe einen Blick auf meine ehemaligen Fenster. Hinter dem Häuserblock da hat damals meine Geliebte gewohnt und da vorne war (ist) die Bluebox, mein täglich besuchtes Lieblingslokal zu dieser Zeit (Achzigerjahre). Und die vielen Künstler-Wohngemeinschaften, hauptsächlich von TirolerInnen, wo ich fast immer jemanden zufällig getroffen habe oder mir jemand von einem Fenster zugewunken hat, wenn ich die Neubaugasse oder Nebengassen entlang gegangen bin.

Und jetzt komme ich in den sechsten Bezirk. Hier habe ich jahrelang bei meiner damaligen Freundin gewohnt (auch hier werfe ich einen Blick auf ihre ehemaligen Fenster hoch oben über der Gumpendorferstraße mit dem weiten Ausblick nach Süden) und hier habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet. Viele Erinnerungen und Szenen wehen mich an. (Wird das das große Abschiednehmen? - der innere Spötter.)

Ich überschreite den Wienfluß und damit die Grenze zum fünften Bezirk und wandere die Pilgramgasse hinauf zur Margarethenstraße. Da hat ein langjähriger Freund und mein Trauzeuge seine Firma, und wie es ausschaut, blüht und gedeiht sie, denn anscheinend wurden die Büros erweitert. Und da, die Margarethenstraße hinunter Richtung Innenstadt, habe ich eine Zeit lang in einer Tischlerei gearbeitet, ewig her und nicht sehr erfolgreich (gelinde gesagt – der innere Spötter) und weiter unten das Geschäft eines ehemaligen Arbeitskollegen. Geschlossen, ob vorübergehend oder für immer, ist mir unklar, eher vorübergehend, vermute ich.

Nun nähere ich mich dem Mozartplatz, dem Standort der Galerie unserer Künstlergruppe REM. Dort setze ich mich auf eine Bank. Nicht weit von hier habe ich auch ein paar Jahre gewohnt. Das war damals eine ereignisreiche Zeit, in der ich trotz allem (trotz allem, was dagegen spricht) irgendwie oben auf war (zumindest beruflich, im Gegensatz zu heute – wie gesagt: trotz allem). Hier habe ich unter anderem meine Aktion „Haut an Haut“ durchgeführt und im Keller ein Gehege gebaut und mich darin darin zehn Tage lang eingesperrt. Viele, auch lustige Erinnerungen! Nicht weit das Café, wo Jandl und Mayröcker verkehrt sind und ich manchmal ihre Gespräche belauscht habe („Aus der Fremde“). Ich gehe auch am Haus meiner damals (illegalen) Wohnstätte vorbei.


13:41.  Jetzt sitze ich am Karlsplatz vor dem großen Teich vor der großen Kirche, voll der aufgewühlten Erinnerungen, der alten aufgeworfenen Hoffnungen und halbvergessenen Lebensträume, die – ich weiß nicht – ob den Bach oder was auch immer hinuntergegangen sind. Aufgewühlt von meiner zumindest bewußt ungeplanten, vielleicht jedoch mit unbewußter Absicht angetretenen Wanderung durch meine Lebensgeschichte. Mein Herz ist schwer – einerseits; andererseits erstaunt mich die Fülle meines Lebens, wie voll, reich, aufregend und spannend mein Leben war, alles viel mehr und intensiver, als ich es abgespeichert und überschrieben habe („Voll, reich, spannend“ hätte ich nicht als Überschrift über meine Leben gewählt). Das ist jetzt kein schlechtes Gefühl (hat er am Lebensende doch etwas abzugeben und nicht nur seine vergrabenen Talente in der Hand? – der innere Spötter)!

Ich atme unfreiwillig die ausgeatmete Nikotinluft vom Typen auf der Nachbarbank ein, der jetzt aufsteht und geht, aber um meinen kleinen Husten zu verhindern, ist das zu spät. Das halte ich auch noch aus. Die MA 3435 (falsch! MA 42? oder 34? – der unsichere innere Korrektor) fährt mit orangenem Blaulicht vorbei; zwei Typen sitzen im Auto und scheinen ihren Status zu genießen. Jetzt kommt ein älterer Mann mit Ziegenbart und in weiblicher Begleitung (der Bart wäre meinem nicht unähnlich, wenn ich ihn länger wachsen ließe) und mit langen, teuflisch hochgebürsteten Augenbrauen vorbei. Wahrscheinlich glaubt er, das sei kreativ und keck (was ich gut verstehen kann; ich mache auch immer wieder solche Fauxpas).

Eines der Minarette der Karlskirche ist eingerüstet. Im Teich ist schon Wasser (oder ist es über den Winter gar nicht ausgelassen worden?); mir kommt vor, im Sommer ist der Wasserstand höher.

Viele Leute sind hier, aber der Platz ist groß und weit. Ein buddhistischer Mönch und eine buddhistische Nonne in Begleitung dreier älterer Frauen photographieren sich vor der Karlskirche hin und her (also: einmal photographiert der/die eine die andern dann umgekehrt und in verschiedenen Kombinationen). Eine Gruppe Touristen steht beisammen und sie hören einem zu und dann klatschen sie, bevor auch sie sich zum Fotografieren auf den Rand des Wasserbeckens setzen (der Mönch und die Nonne repräsentieren etwas Altes, darum „ph“; die Touristen etwas Zeitgeistiges, deshalb „f“ – der innere Spötter).

Oh! Erst jetzt merke ich es: die Henry-Moore-Skulptur ist auch durch eine Art vierseitigem Paravent versteckt, natürlich (meistens ist das „natürliche“ unnatürlich) sind auf allen vier Abdeckflächen Fotos der Skulptur aufgedruckt.

Jetzt kommt die traktor-motorisierte Armada der Arbeiter der MA Gartenbau (42 – der Tipper).

Ich fange zufällig einen zufälligen Blick einer Touristin (?) auf, während ich am Nagelbett meines rechten Ringfingers ein abstehendes Hautstückchen spüre und so entdecke. Vom Spielplatz kommt lautes Geschrei und Gekreische der vielen Kinder. Ich werde wohl weiterwandern, aber nicht deswegen.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 23. März 2026

4397 Vershattert

 



10:28 a.m.  Ich sitze ganz hinten neben dem Zugang zum Herrenklo, ein schöner Nischenplatz mit Aussicht auf die Eingangstür im vorderen Raum und durch diese auf die Burggasse, unter dem Licht der Wandlampe links, die ein schönes, kurviges und stellenweise verschwommenes Lichtmuster auf die weiße Wand wirft, das sich als eine Variante einer zweidimensionalen Spirale zeigt (besser kann er es nicht beschreiben. Stellt euch vor, ihr zeichnet eine einfache Spirale aufs Papier; so ungefähr, nur aus Licht – der innere Spötter).Wenn ich meinen Kopf vorbeuge, stoße ich an diese schöne Lampe und sie wärmt mir sofort mein drittes Auge auf der Stirn meines etwas zu klein geratenen Hauptes, das kaum die Kappe ausfüllt, die ich zurzeit zu tragen pflege. Aber jetzt ist das Frühstück da; diesmal nur das kleine Wiener Frühstück um Geld zu sparen und weil ich deswegen schon zu Hause ein Müsli gegessen habe.

11:55 a.m.  Mindestens fünf Mal bin ich schon hinter meinem Tischchen hervorgekrochen auf meinem Weg zum Klo oder zum Zeitungsständer. Die Ansage des Kellners, dass ich hier immer willkommen bin und – unausgesprochen: auch wenn ich wenig Geld für Frühstück vel (und/oder) drei Cappuccini habe – er mir immer ein Glas Wasser servieren wird, hat mich zu stillen, schwer sichtbaren Tränen gerührt. Ich lehne in „meiner“ Nische ganz hinten und blicke im Raum – dem hinteren – umher und muß aufpassen, dass ich die anderen Gäste nicht auffällig anstarre. In diesem Raum bin ich selten, darum betrachte ich zum ersten Mal genauer die blaue Wand gegenüber mit ihrem Regal für Bücher, Zeitschriften (?), Gläser, Flaschen, Nippes, Pflanzen in Töpfen und leeren Vasen, sowie deren Schatten. Die Schatten fallen mir auf, wenn mein Blick die Gegenstände abgegrast hat, aber sie sind auch immer irgendwie interessant, egal ob scharf konturiert oder verschwommen, ob dicht oder durch Mehrfachbeleuchtung diffus und die Ränder sozusagen vershattert. („vershattert“ – diese Bezeichnung kenne ich noch aus der Zeit, als man die Vorlagen für Flugblätter händisch herstellen mußte und die Überschriften am besten aus einem vorgedruckten, schwarzen Set mit aufklebbaren Buchstaben zusammengebastelt hat, und mir von damals unter den vielen Vorlagenvarianten der Schriftname „Shatter“ in Erinnerung geblieben ist.)

Vokuhila scheint wieder in zu sein oder zu werden, wie ich an einem Gast (eigentlich Gästin – der innere Spötter) sehe (bei mir ginge nur noch „Vonixhila“, aber heuer habe ich meine Haare wieder auf zwei Millimeter schneiden lassen). Ich hebe mein Gesicht nach oben zu Decke und dann so weit es geht hinten hinunter, um durch das kleine Fenster hinter mir verkehrt in den faden Hof, aber doch auch in den nicht strahlenden, aber blauen Himmel zu schauen.

Heute in der Früh beim Aufwachen habe ich mir gedacht: ich muß ja nicht alles verstehen! Für großartige Erkundungen und Erforschungen, inneren oder äußeren Reisen, überwältigenden Erkenntnissen ist es zu spät (außer für die, die einem beim Sterben geoffenbart werden werden), also nimm alles, wie es kommt und staune oder wundere dich und grüße freundlich.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4396 Das Gähnen hört nicht auf

 



23:56.  Ich lache still in mich hinein. Was finde ich so witzig? Das habe ich bereits vergessen. Mein innerer Gedankenstrom ist nicht einzufangen. Dafür muß ich jetzt ausführlich gähnen. Ich blättere um, obwohl auf der verlassenen Seite noch ein paar Wörter Platz gefunden hätten. Vielleicht locken die leeren Seiten mehr Worte, Gedanken und Bilder hervor. Wieder wandern die Staubflankerln von links nach rechts. Das ist mir ein Rätsel. Ich stecke meinen Finger in den Mund und halte ihn dann aufrecht in die Luft. Tatsächlich scheint im Zimmer an dieser Stelle ein leichter Luftzug von links nach rechts zu gehen. Ich habe den Finger sogar gedreht und ihn dann nach unten gehalten, die kühlere Seite war immer die, die nach links schaute. Das Gähnen hört nicht auf (und bei deinen LeserInnen? - der innere Spötter). Vielleicht sollte ich es mit schlafen versuchen.


(21.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com