4668 Sowieso unvermeidlich
Um 11:23 a.m. bin ich im Espresso Burggasse angekommen, habe meinen Stammplatz frei vorgefunden und ebenso einen Standard, und schon kommt ein Glücksgefühl auf, von der Musik aus den Boxen unterstützt. Ich werde auch eine Eierspeis essen.
11:59 a.m. „Mein“ Lichtengel strahlt im Novembergrau besonders hell und – meine Ratio wehrt sich dagegen, diese Kausalität anzuerkennen – erfreut mein Herz und impft mich mit Optimismus und Zuversicht. Die Musik unterstützt dies wohlwollend mit ihren flotten Rhythmen und melancholischen Gitarren. Im hinteren Raum brennt schon das Feuer im Holzofen, das durch das Fenster im Ofentürl so schön und erfreulich anzuschauen ist. Ich sitze allerdings vorne auf meinem Lieblingsplatz. Die Blätter der Platane draußen sind noch recht grün; das Gelb schleicht sich erst zaghaft ein. An der Rundung der Bar, hinter der Kaffeemaschine, also zum Gastraum hin, brennt eine große, weinrote Kerze mit zitternder Flamme und am Abstelltischchen neben der Garderobe (wie mir dieses Wort, langsam und einigermaßen französisch ausgesprochen, gefällt!) eine ebensolche, von einem dezenten Schutzgitter umgeben, schon weit herunter gebrannt (so wie deine Lebenskerze – der innere Spötter). In der Fensternische, wo auch der Lichtengel an der Wand strahlt, steht eine zur Hälfte heruntergebrannte Kerze auf dem Glasregal mit Topfpflanzen, Flaschen, Mehlspeisen, ebenfalls rot, wie auch das Licht auf der Bar hinten an der Wand beim Weinregal, jenes jedoch in einem roten Glas. Und die Musik! Die Musik! Immer wieder die Musik, die meine melancholische Seele aus dem Abgrund herausführt. Damit es kein Mißverständnis gibt: ich habe nichts gegen Traurigkeit; ich halte sie für angemessen; ich darf trauern darüber, was aus mir hätte werden können, wenn das Leben freundlicher zu mir gewesen wäre (ihr mit den falschen Vergleichen, haltet den Mund! Ich habe freundlicher geschrieben und nicht leichter!). Und ahnen kann man unabhängig von mir und meiner Geschichte eine fast schon „kosmische“ Trauer darüber, wie sehr die Menschheit in ihren dummen, blind machenden Beschränkungen verstrickt ist seit der „Vertreibung aus dem Paradies“ – wenn ich dieses Bild verwenden darf (dieses Bild wird ungeheuer viele Mißverständnisse und Aggressionen auslösen – der innere Spötter). (Das ist sowieso unvermeidlich – der Autor.) Die unerkannte und verdrängte Trauer aber über das verlorene „Paradies“ (das ganz anders ausgeschaut hat als unsere Bilder davon) ist es, das die Menschheit in solch einen Wahnsinn treibt (und der ist viel umfassender, als wir uns das denken). Mein innerer Korrektor sagt mir, ich solle mit dem Predigen aufhören. Auch das Abbild der Garderobe mit den paar einsamen Kleidungsstücken im Spiegel an der Wand hinten macht einen leicht trauernden Eindruck; das auf ihre Spitzen gestellte Muster der Fugen zwischen den quadratischen Spiegelglasstücken, aus denen die Spiegelfläche besteht, verstärkt diesen Eindruck noch, auch wenn das alles so schön und sauber zusammengefügt ist, dass das Stückwerkhafte leicht übersehen werden kann (der zweite Kaffee wirkt schon stark! - der innere Spötter).
Soll ich noch einen dritten Cappuccino respektive eine dritte Melange trinken, um mich für den geplanten, neuerlichen Besuch der Boeckl-Josephsohn-Ausstellung so richtig hochzufahren? Soll ich? (wenn du die Frage so hartnäckig stellst, ist die Sache meist schon entschieden – der innere Spötter). Und wenn ich dann überschnappe?
Der Zenit scheint überschritten, die Musik wirkt fader (es ist nicht ausgeschlossen, dass sie das tatsächlich ist – der innere Korrektor), die gute traurige Stimmung scheint fragiler und tendenziell von einer leichten, in der Außenwelt unbegründeten Ärgerlichkeit befallen zu werden. Noch einen drauflegen? Der dritte Cappuccino ist schon da und bevor ich den ersten Schluck genommen habe, wird die Musik wieder anregender. Wahrscheinlich ist Nummer 3 schon eine Überdosierung.
Ich konzentriere jetzt meine Aufmerksamkeit auf alles, was hier im Raum direkt oder indirekt leuchtet, angefangen beim Lichtengel. Aber mein Geist schweift wieder ab und amüsiert sich an der Szene vorhin, als ein Mann das Lokal betreten hat und laut „Mahlzeit!“ gerufen hat – ein in Wien um diese Tageszeit durchaus üblicher Gruß – ich jedoch „Halbzeit!“ gehört habe (mir war schon klar, was gemeint war) und, als ich zum Wandspiegel nach vorne gegangen bin, um aus der Nähe sein Gittermuster zu betrachten, um zu sehen, wie es zustande kommt, habe ich zu ihm gesagt: „Ich habe Halbzeit verstanden“ und er hat gelacht und erwidert: „Das passt auch!“ Und an die Szene vorhin, als ich aus der Toilette gekommen bin und im hinteren Raum im Vorbeigehen im Ofen das schöne Feuer erblickt habe, das sofort meine wunde Seele erfreut hat, und ich vor Glück zu der jungen Frau, die beim Ofen gesessen ist, gesagt habe: „Sie haben da vor dem Ofen einen schönen Platz!“, obwohl mir bewußt war, dass dies als billige Anmache mißverstanden werden könnte, aber ich wußte, dass ist in reiner, heiliger Unschuld und vor lauter Glück gesagt – egal, wie ich sonst unterwegs bin – und ich bin auch gleich weiter zu meinem Platz im vorderen Raum zurückgegangen (ich weiß nicht, ob ihr mir das abnehmen könnt, aber da hat er recht, dass er seinen reinen, heiligen, nicht dualen, also gewissermaßen universellen Anteil in seiner Seele vor dualen Unterstellungen verteidigt – der innere Spötter). [Bist du sicher, innerer Spötter, dass du da wegen der Sehnsucht, die du auch hast, dass etwas gut ist und du deinen Zynismus einmal beiseite lassen kannst, nicht auf etwas hereinfällst? - der innere Ankläger (althebräisch heißt der Ankläger שטּוּ - Satan) (ob er’s Hebräisch richtig geschrieben hat, ist er sich auch nicht sicher – der innere Spötter).]
Schaffe ich die Ausstellung Boeckl-Josephsohn heute emotional und geistig überhaupt noch?
Eine Wirkung der Coffein-Überdosierung ist unabstreitbar: sie treibt mich ständig auf die Toilette, aber bald habe ich den Cappuccino 3 geschafft und dann werde ich aufbrechen.
Die schöne Flamme auf und über dem Holzscheit im Ofen und die herrliche, so intensiv und lebendig glühende Glut!
Die Boeckl-Joesphsohn-Ausstellung im Leopoldmuseum ist heute Dienstag geschlossen.
(3.11.2026)
©Peter Alois Rumpf November 2026 peteraloisrumpf@gmail.com