Donnerstag, 3. September 2026

4597 Der traurig pfeifende Sänger

 



11:41 a.m.  Nach sehr langer Lektüre habe ich es gerade noch geschafft, vor High Noon (falsch! Wir haben Sommerzeit! - der innere Korrektor) zum Schreibzeug zu greifen und somit meiner kindischen Bevorzugung von Ante-Meridiem-Zeiten zu frönen. Denn schreiben kann ich das hier noch nicht nennen. Die Sonne gibt meiner Selbstkritik recht und verdunkelt sich auch auf der – ungefähr – Nordseite deutlich (naja, 39°NO sind Hausfront, Tür und Fenster; mein Blick geradeaus 302°NW). Auch auf die Gefahr hin, immer und immer wieder das Gleiche herzunotieren (er will nicht immer -schreiben schreiben – der innere Spötter): die schöne, schwermütige Musik geht mir weit in meine Seele (oder doch Psyche? - der innere Spötter) hinein und macht mich angenehm. Mir gefällt sogar der traurig pfeifende Sänger – was an und für sich grenzwertig wäre (der Konjunktiv als ständige Tarnung – der innere Spötter). Um mich von meinen vergeblichen Denk- und Formulierungsversuchen abzulenken, wische ich drei von mir selbst hinterlassene Brösel vom Tisch. Ein schönes Lied soeben, kein Country, aber leicht davon angehaucht. Den Johnny Cash verdanke ich übrigens irgendwie meiner Mutter, das nur nebenbei. Das Stück hier war kein Cash, nur ein Hauch von Country. Kurz ist mir in einzelnen Stimmmomenten vorgekommen, es könnte ein mir völlig unbekannter Bob Dylan sein, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Jetzt ein schönes, feines, weibliches Lied, ein bißchen Shanty oder Folk. Schon vorbei (ich komme mit dem Schreiben nicht nach). John Frusciante fragt einmal live sein Publikum, ob ihm, dem Publikum, traurige Musik happy macht. Die Stimme der Sängerin kommt mir schon bekannt vor.

Ach, wie ist diese Musik schön! (Heulst du schon? - der innere Spötter.) Nein.

Meine Lebensfragen sind ungelöst und es besteht wenig Aussicht auf g’scheite Antworten. Das auszuhalten ist ein bißchen viel verlangt. Aber hier geht es ganz gut. Musik spielt auch eine wichtige Rolle. Mein Gott! Ist dieses Lied jetzt wieder schön!

Fast kann nun das Eigentliche (was ist das? - der innere Spötter) durch Fassaden und Glaswände und die Geräusche der Dualität durchkommen, fast. Ich bestelle meine dritte Melange. Ein Hauch von Tabakrauch weht herein und affiziert sofort mein Nervensystem (hoffentlich ist affizieren nicht affenhaft affektiert! - der innere Spötter). (Und der Schmäh nicht zu billig! - der noch innerere Spötter.) Nach diesem kurzen Ausflug ins Diesseitige versinke ich wieder langsam ins … was weiß ich was. Die gebrauchten Gläser und Tassen am soeben verlassenen Tisch beim Fenster – weil vor allem Glas Licht reflektiert – jetzt wird der Tisch gerade abgeräumt – ergeben ein elegisches Stillleben (-leben passt, weil die Leute, die dort gesessen sind, sozusagen ex negativo noch ätherisch anwesend sind, bevor ihre Aura verraucht sein wird. (Übrigens, weil er gerade von einer Pause zurückkommt – er ist immer recht zufrieden mit sich und seinem Leben, wenn er seine Texte eintippselt – der Tipper.)

Wie schön jetzt dieser Song ist! Auf meinem T-Shirt steht Im Traum kann ich durch Wände gehen, obwohl ich mich an keinen solchen erinnern kann; aber grundsätzlich geht es; das weiß ich. Ich lege meine linke Wange in die aufgestützte linke Hand auf deren Rückseite und höre zu. Ich mache mir im Moment keine Gedanken über den Papst, sein Alter, die Politik oder so etwas, nur über mich und meine Reise durchs Universum – sozusagen – und was ich da noch erfahren kann (im wahrsten Sinne des Wortes). Gut. Es wird wohl Zeit sein, meine Fußwanderung durch die Stadt anzutreten (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein Ruck geht durch mich, ich trinke aus, besuche sicherheitshalber noch die Toilette (so viel Realitätssinn muß sein! - der innere Spötter), zahle und gehe (nur die Musik aus den Boxen will mich nicht ziehen lassen).


14:37.  Auf meiner Stadtwanderung habe ich in der Innenstadt vergeblich nach dem Max-Weiler-Platz gesucht; ich steuere gern solche Lichtpunkte an, wie ein Pilger auf seiner Pilgerfahrt seine Kirchen, Kapellen, Marterl und Wegkreuze, auf dass wir auf unserer Reise in der Fremde nicht so verloren sind (ich sitze jetzt übrigens vor der ehemaligen Karmeliterkirche). (Offensichtlich bin ich über den Max-Weiler-Platz marschiert, ohne es mitbekommen zu haben, wie meine Recherche am Stadtplan ergeben hat.)


(3.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 1. September 2026

4596 Warum

 



11:12 a.m.  WARUM pickt ein Aufkleber über dem Pissoir. Ja, warum ist überhaupt Seiendes und nicht viel mehr Nichts? Gut, ich bin immer noch pubertär und kindisch. Ich grinse und blicke lächelnd zum unglaublich hellstrahlenden Lichtengel (ich bin beim Schreiben natürlich wieder zurück vom Klo; am Klo schreibe ich noch nicht). Oh! Die köstliche Eierspeis kommt.

Meine Hände fühlen sich nach dem Essen etwas fettig an, obwohl ich nur das Brot in die Hand genommen habe. Ich gehe nicht die Hände waschen, obwohl ich fast aufgeregt befürchte, das deswegen mein heiliges Notizbuch Fettflecken abbekommt, aber ich warte, bis sich dieses Gefühl - das irgendwelche Sensoren an den Händen geliefert haben sollten – vergleiche: Fühler - (das, was man innen findet, wären Empfindungen) – bis sich also dieses Gefühl auflöst, weil ich annehme, dass es nicht auf echte – in diesem Fall – Fettmessdaten zurückgeht, sondern auf so einem einprogrammierten Gehirnprogramm – also meine Hände nicht fettig sein können (oder enthält das Brot ausreichend Fett? - der innere Spötter). Zur Rettung und um auf andere Gedanken zu kommen, bestelle ich noch einen Cappuccino (und um seiner Kaffeesucht genüge zu tun – der innere Spötter). Ich glaube, tatsächlich auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite einen kleinen Fettfleck wahrnehmen zu können – hingetropft kann der jetzt nicht sein; beim Essen war das Notizbuch zugeklappt auf der Bank abgelegt (du hättest doch katholischer Priester werden sollen: da hättest du am Altar die Hände waschen – Lavabo – fanatisch auf die Brösel aufpassen und in Kelch und Patene inbrünstig herumwischen können – der innere Spötter).

Es ist ein schöner Sommertag. Der Wind in der Platane draußen, die freundlichen Menschen, die angenehme Musik aus den Boxen (und der zweite Cappuccino – der innere Spötter) lassen mein Herz aufgehen. Der Deckenventilator kreist, der Lichtengel strahlt – ich bin immer noch jedesmal erstaunt und ergriffen, wenn ich zur Lampe hinschaue – und ich betrachte die Passanten in der Spiegelung der offenen Glastür; keine Sekunde brauchen sie, um meine Betrachtungszone zu queren. Wieder einmal gibt es mir einen Stich, weil mir – beim Betrachten der Passanten – bewußt wird, wie sozial abgehängt und statusnieder ich bin. Aber würde ich mich als erfolgreicher Mann aushalten? Wäre ich dann total blöd? Wurscht! Das muß ich nicht wissen. Und wenn ich sterbe, wird mir eh alles gezeigt. Meine Hände fühlen sich immer noch etwas fettig an. Nähern wir uns dem Waschzwang? Dabei bin ich doch kein Dauerduscher; alle paar Tage genügt mir in normalen Zeiten. Aber die Hände! Was habe ich mit denen getan? Klebt meinem Tun und Handeln (und hanteln – der innere Spötter) eine Art Schuld an? Ja.

Ich blicke auf die Gartenlaube; ich will vom Thema weg. Wie gesagt: wenn ich sterbe, wird mir alles gezeigt werden (und zwar sub specie aeternitatis). Ich könnte in die Albertina gehen und Photos von Bildern für Facebook machen. Beim letzten Mal habe ich unglaublich viele Likes bekommen. Außerdem hätte ich zu Hause genug zu tun.


(1.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4595 Erst jetzt

 



23:23.  Es regnet. Erst jetzt. Es gluckert und tröpfelt und rauscht, dass es eine Freude ist. Ach! Mein optischer Abwärtslift funktioniert wieder! (Um es zu erklären: er starrt aufs Bücherregal in der dunklen Hälfte seines Zimmers, fixiert mit seinem Blick gedankenlos und unaufmerksam eines der Regalbretter mit den Büchern darauf und auf einmal sinken die ziemlich deutlich und ziemlich schnell nach unten: Dann ist sozusagen Filmschnitt und sie sind wieder oben am ursprünglichen Platz und sinken sofort wieder ab – und bleiben dann natürlich an ihrer Stelle. Das geht recht flott in kurzen Sprüngen. Manchmal bildet er sich was-weiß-ich-was auf diese optische Täuschung ein, so in dem Sinne, als würde er Wunder sehen und hätte sein Alltagsgeschau ausgetrickst. Der Narr! - der innere Spötter.)

Ja, ich werde das Licht abdrehen, mich zum Schlafen hinlegen und auf den Regen horchen.


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4594 Halb

 



14:46.  Schnell etwas hinkritzeln? Maximal zehn Minuten habe ich Zeit. In Hof 9 fegt der Wind gedankenverloren das abgefallene Laub umher. Und die Regenwolken ziehen schon auf. Der Wind tut noch nicht so richtig und hält sich noch zynisch zurück, als bereite er sich provozierend spielerisch auf den Wetterumsturz vor. Aber in manchen Böen zeigt er schon seine Kraft. Die trockenen Blätter rascheln unheilverkündend auf dem Asphalt. Die Menschen - scheint’s – ahnen noch nichts. Einer am Fahrrad pfeift sogar halbfröhlich (ahnt er es doch schon und will die halbe Angst vertreiben?).


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 31. August 2026

4593 Die Sicherheitsschleuse

 



9:00 a.m.  Ich verliere mich ein wenig im Betrachten des Rettenschoess-Bildes. Das habe ich schon lange nicht mehr getan. Seit gestern beim Vorlesen finde ich meine Texte so richtig scheiße. Aber ich bin jemand, der schreibt. Das werde ich trotz mehrtägiger Pause, die einfach so passiert ist, nicht aufhören (können). Oder reißt jetzt wirklich etwas ab? Rettenschoess. Rettenschoess. Man könnte sich dem Bild nach auch eine Überschwemmung in der Landschaft vorstellen. Die innere Anspannung ist schwer auszuhalten. Nach außen hin hocke ich ruhig im Bett. Leicht zitternd atme ich tief ein und aus. Man muß in das Bild keine Überschwemmung hineininterpretieren. Es ist ungewöhnlich, dass ich wieder im Bett schreibe; ich habe das schon lange nicht mehr getan. Es beunruhigt mich und macht mich nervös. Mein Blick will immer von Rettenschoess zu Mali Lošinj hinüber, ich jedoch will bei Rettenschoess bleiben. Jetzt kommt wieder die Müdigkeit und ich könnte wegdösen. Die Augen sind mir schon zugefallen. Meine linke Hand schläft ein. Mein Gott! Ist das uninteressant, was ich da herschreibe! In der Traumwelt bin ich soeben unbehelligt und unkontrolliert durch eine Sicherheitsschleuse gekommen, obwohl ich keine Zutrittsgenehmigung hatte. Jetzt wäre es nicht schlecht, zu wissen, was für ein Gebäude das ist, wer dort herrscht und was dort gemacht wird.


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4592 Die Sonnenblume

 



9:12 a.m.  Gestern hat mir die Sonnenblume in der Vase noch direkt ins Gesicht geschaut, heute hat sie sich schon zum Fenster, zur Sonne gedreht. Während sie stirbt. (Kann das stimmen? Dass sie sich noch im Sterben in der Vase drehen kann?)


(30.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 25. August 2026

4591 Also jetzt

 



9:38 a.m.  Eigentlich sollte bei einem Schriftsteller bei seiner Arbeit sein Leben dahinter stehen und wachen. Eigentlich. Darum sage ich bei mir lieber nicht Schriftsteller, sondern: „Ich bin jemand, der schreibt“.


11:38 a.m.  Endlich im Lieblingscafé. Alle sitzen draußen in der Gartenlaube. Das Hirsch-Tannen-Keramik-Relief hat sich gedreht: ich sehe es nun von der Schmalseite als ein eigenartiges, groteskes Türmchen und weder Hirschen noch Tanne sind zu erkennen. Das erinnert mich an das großartige, wahre Buch (also keine Fiktion) von Fynn; Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna.

Ich bin also jemand, der schreibt. Ob genug dahinter steht, also vom Hintergrund her genügend Substanz da ist, weiß ich nicht. Der Kellnerin gefällt mein T-Shirt mit der Aufschrift Lieber nicht und sagt es mir auch. Kurz plaudern wir deswegen. Wie wohltuend das ist! Wie wohltuend (kommen schon die Tränen? Nein? Nicht wirklich? Schwach!! - der innere Spötter). Lieber nicht habe auch ich geschrieben.

Heute konsumiere ich mit angezogener Handbremse (das Monatsende naht). Ich wollte etwas Tiefgründiges schreiben, das ich mir beim Hergehen ausgedacht habe, aber alles ist vergessen. Ich schwanke beim Gehen wirklich leicht; deswegen stelle ich mich, wenn ich an einer Ampel auf grün warte, nicht mehr ganz an den Rand des Gehsteigs, weil ich fürchte, plötzlich nach vorne zu kippen, besonders, wenn das Trottoir sich zur Straße hin absenkt. Die Musik aus den Boxen ist toll und unbekannt. Es herrscht angenehm kühles Wetter und es geht ein noch angenehmer Wind, der leicht ins Lokal hereinweht. Ein Motorrad heult auf und röhrt davon. Gesehen habe ich es nicht. Sehen kann ich nur meist graue Autos, die hinter Platanen und Gebüsch der Gartenlaube die Burggasse hinunter ziehen. Die Musik ist wirklich toll. Oh! Oh! Oh! Der Lichtengel leuchtet wieder! Das fällt mir erst jetzt auf, dabei sitze ich schon eine gute Stunde hier! Und wie er strahlt! Sofort erfreut er mein Herz. Wie konnte ich den übersehen? Er hängt gar nicht weit von der gedrehten Hirsch-Tanne-Keramik-Skulptur, wo ich länger hingeschaut habe, an der Wand. Aber ich freue mich [nachdem nicht jeder Leser, jede Leserin alle Texte gelesen haben – und das ginge gar nicht bei seinen 4590 Texten – erkläre ich es nochmal: sein „Lichtengel“ ist nichts anderes, als die durch Löcher in den Metalllampenschirmen entstehende Licht- Schattenstreifen einer zweilampigen Wandleuchte, die genau wie zwei ausgebreitete Flügel aus Licht (und Schatten) an der Wand erscheinen. Das ist es. Mehr nicht. Die Wandlampe war länger ausgefallen oder nicht aufgedreht. Kein Mysterium! – der innere Spötter]. (Hast du eine Ahnung! - der Autor.)

Ja, ich werde wohl gehen müssen.


12:32.  Ich sitze im Museumsquartier in der Tonpassage (dem Durchgang zwischen zwei Innenhöfen, der mit Toncollagen bespielt wird). Diesmal ohne Behelligung (was hat eine Behelligung mit Helligkeit zu tun, oder geht es um die Hölle? Nachforschen!). (Aha! Behelligen kommt von dem mittelhochdeutschen Wort helligendurch Verfolgung ermüden, plagen und weiter von Althochdeutsch hellic – müde, erschöpft – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Sehr schöne Tonspur! Eine alte Frau geht mehrmals vor mir auf und ab und hin und her und schaut mich an. Ich ignoriere sie und schaue nicht zurück. Ich erwäge, ob es jemand aus alten Zeiten (da das Wünschen auch kaum geholfen hat) sein könnte. Mir fällt niemand ein und ich habe keine Idee dazu. Inzwischen ist sie abgegangen. Ich bin wieder in der Tonspur, beziehungsweise will wieder hineinfinden. Aber mein unruhiger Geist, der sich ärgert, weil er sich heute bloß einen Cappuccino zu konsumieren getraut hat, während mein Körper nach mehr verlangt, fängt an, destruktiv zu assoziieren – ah! Jetzt Kirchenglocken auf der Tonspur; dass die mich immer so beglücken! Ende des Einschubs – also mein verärgerter Geist assoziiert: Tonspur – Bremsspur (letzteres zweideutig! Slipeinlagen trage ich schon! Ruhe jetzt!). Ich muß richtig (halblaut – der innere Spötter) lachen. Die Tonspur habe ich dabei aus den Ohren verloren. Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Das macht mich stark. Natürlich gehen ständig Leute durch die Passage. Kann auch interessant sein. Zwei junge Amerikanerinnen werfen in den Tonspurautomaten in der Ecke – keine Ahnung, was der auswerfen soll – eine Münze ein, aber es kommt nichts heraus. Ich bin dann hingegangen, als sie weg waren, um den Automaten anzuschauen, bin jedoch nicht wirklich schlau geworden.


(25.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com