4543 Die steile Stiege hinunter
10:14 a.m. Ich sitze in der Marienkirche am Frauenberg bei Leibnitz/Lipnica (Heilige Maria – Aufnahme in den Himmel – ich halte soetwas für wirklich möglich!), die Turmuhr schlägt Viertel, vier Kerzen à 1.- € habe ich schon angezündet, tatsächlich ein Vaterunser und ein Gegrüßetseistdu gebetet, nun also in der hintersten Kirchenbank; draußen im Friedhof, der die Kirche, wie es in alten Zeiten üblich war, umgibt, wird laut und von kurzen Rufen unterbrochen, Gras gemäht. Und zwar mit diesen – der Name ist schon so häßlich – Rasentrimmern (mußte erst nachschauen, wie die wirklich heißen; er hatte Seitenschneider geschrieben – der Tipper) – jedenfalls ein Spaß für jeden, der gerne Gas gibt; ein unglaublich nerviges Geräusch, als würde ein infantiler Trottel mit dem Gas eines Mopeds spielen und angeben. Aber immerhin haben sie da in der Kirche am Opferstock noch echte Kerzen. An und für sich habe ich heute ein schweres Herz, weswegen ich ja herauf gepilgert bin, aber im Moment bin ich dabei, in Arroganz und Verachtung für die Trotteln da abzurutschen. Direkt vor der Kirchentür wird wieder Gas gegeben, diese ruckartige Hochfahren der hoch aufheulenden Motoren geht mir so was auf die Nerven und läßt mir keine Besinnung aufkommen; dieser ganze barocke Freskenscheiß hier in der Kirche interessiert mich auch nicht, was sollen die in einer Welt, in der es im und rund um einem Gotteshaus keine Stille geben darf, wo sich die dumme Geschäftigkeit und die blinde Rationalität überall und jederzeit breit machen darf und alles andere vertreiben? Aber wahrscheinlich sind die Fresken da mit ihrer verlogenen und areligiösen Verdrehtheit und Theatralik auch schon Teil dieser fatalen Entwicklung. Lassen wir das.
Zurück ins Hier und Jetzt! Die Motormäher sind nun etwas weg vom Kirchentor … nein, ich gehe jetzt raus und steige zum heidnisch-römischen Tempel hinauf. Genauso sinnlos natürlich. Erlösung gibt es nirgends. Die Turmuhr schlägt Halb.
Jetzt sitze ich auf den Mauerresten des Mars-Latobius-Tempels – Siedlungs- und Kultgeschichte hier heroben 6500 Jahre – und erst vorhin, nachdem mich eine Frau angesprochen hat, habe ich gemerkt, dass ich nach dem Zähneputzen vergessen hatte, mein Gebiss reinzugeben. Mit dieser Frau habe noch völlig unbefangen geredet und nicht gewußt, dass ich dabei meine Zahnlücken herzeige. Aber das ist auch schon wurscht (würde mich darauf jemand ansprechen, würde ich eine erfundene Zahnfleischentzündung als Ausrede vorschieben). (Dafür kann ich jetzt im Sonnenlicht ohne Brille schreiben.). Aber das Ganze macht mich unruhig und nervös und ich will doch hinunter ins Quartier, den Fehler zu korrigieren.
Beim Hinuntersteigen über die schmalen Stiegen des Kalvarienberges – Kreuzigungsszene – ich mokiere mich nicht über Ausdruck und Haltung der Figuren daselbst – kurz nachdem mich eine Brennnessel erwischt hat – vermutlich eine Strafe für meinen Hochmut (ich geb schon zu, eine sehr milde Strafe und angeblich gesund) – dämmert mir, ich könnte vielleicht überhaupt auf das morgendliche Zähneputzen vergessen haben. Darüber sinnierend stapfe ich unsicher und leicht schwindelig – seit den scheiß Medikamenten häufiger! - die steile Stiege hinunter.
(13.7.2026)
©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com