4471 Fernweh
14:15. Bleiben wir einmal beim Kaffee. Nimm nicht gleich Buch, Zeitung oder Schreibzeug zur Hand. (Vergeblich! - der innere Spötter.)
Vorhin, beim Friseur (Zwei-Millimeter-Schnitt): ich habe ein wenig warten müssen; dabei habe ich durch die offene Tür auf den Karmelitermarkt geblickt; hinter dem eigenartigen Dach eines Neunzehnten-Jahrhundert-Hauses mit Kuppel und anderen Spezialitäten schwankte leise ein roter Kran im Rhythmus der orientalisch angehauchten Musik im Frisiersalon, obwohl er sie niemals hören konnte. Der Himmel hinter dem Kran war blau, mit weißen Schleiern, aber auch ein paar kompakte weiße Wolken zogen über das Firmament (das gar nicht so firm ist, sondern sehr verletzlich – der innere Spötter) und diese kompakten weißen Wolken riefen in mir eine starke Sehnsucht hervor, stärker als es der bloß blaue Himmel hervorrufen hätte können. Fernweh (obwohl er gar nicht verreisen will – der innere Spötter). (Aus der Box im Leo wird jetzt keine Zukunft, immer nur Gegenwart! gesungen.) Soll man sich darüber freuen? Ich muß hier eine für mich lesbare Zeitung finden (die Zeit, die herumliegt, halte ich nicht aus). Finde keine für mich passende. Also dann wieder in der REMbox blättern.
Mein Gott! Ich sitze am Fenster und schau gar nicht hinaus. Das muß (s)ich sofort ändern! Zwettler Sonnenschirme. Drüben geht eine Schulklasse von rechts nach links; herüben eine orthodox-jüdische Familie von links nach rechts. Nun kommt eine junger, schlanker, flotter Telefonierer mit deutlicher Rückfrisur (herüben, links - rechts). Und der Wind: auch deutlich, aber nicht wild (und schon hat er das Interesse an den Passanten wieder verloren – der innere Spötter). Jetzt ist die volle Abholzeit; darum bleiben wir noch ein wenig sitzen, bleiben noch ein wenig da (das war noch gar nicht die Abholzeit, wie er später bemerkt hat, als er beim Nachhausegehen erst recht in die Rushhour der Abholzeit geraten ist. Das kommt davon, wenn man eine Armbanduhr mit super designten Ziffern trägt, die man sich nie merkt und nicht g’scheit derlesen kann – der innere Spötter).
Der Wind wird stärker, die Sonnenschirme draußen zittern und wanken schon. Aus den Boxen: It’s okay! It’s okay! It’s okay!
Das Fernweh übrigens hat in echt mit einer ganz anderen Ferne zu tun: mit der des weggedrängten Energiekörpers, nach dem man sich sehnt und den man fürchtet (So! Nach dieser richtigen, aber trotzdem beschissenen Belehrung deiner LeserInnen mußt du jetzt nach Hause gehen! Wäsche und Geschirr warten! - der innere Spötter).
(20.5.2026)
©Peter Alois Rumpf Mai 2026 peteraloisrumpf@gmail.com