Freitag, 2. Oktober 2026

4632 Der Herr

 



11:02 a.m.  Heute habe ich im vollen Café lange gebraucht, um meinen Kaffee zu bestellen. Ich bin keine beeindruckende Erscheinung, die automatisch Aufmerksamkeit erregt, wenn sie einen Raum betritt; im Gegenteil: meine Schüchternheit läßt das eher zu einem stillen, unauffälligen, nicht forcierten Anschleichen werden. Nun sitze ich ganz hinten in der Nische mit dem Fenster zum Hof, den Geruch der stinkenden Hygienekugeln aus der Herrentoilette in der Nase (auf meinem T-Shirt steht: Ich bin freiwillig hier). Vorgesehen und fix eingeplant war für heute ein Fitnessbesuch, doch dann habe ich darauf gepfiffen (ohne einen Ton abzugeben – der innere Spötter) und bin in Sehnsucht nach einem gemütlichen Vormittag ins Lieblingscafé marschiert. Der Kaffee steht schon am Tisch und ich habe schon ein paar Schluck getrunken. Ein bisschen (siehst du, geht doch! - der innere Spötter) unrund ist das ganze jetzt schon noch.


11:36 a.m.  Ich habe jetzt doch den Platz gewechselt und bin in den vorderen Gastraum übersiedelt, nachdem sich das Lokal geleert und mein Lieblingsplatz frei geworden ist. Der Lichtengel strahlt auch. Und ich habe eine Eierspeise bestellt. Ich will ja, dass es mir gut geht (und Monatsanfang haben wir auch – der innere Spötter). Mir gegenüber, auf der anderen Seite des inneren Durchgangs sitzt auch ein alter Herr und ißt ein Schinkenbrot, während er gleichzeitig Zeitung liest. Ich schätze ihn etwas älter ein, jedenfalls eleganter. Und vermutlich wohlhabender. Dafür lasse ich es mir eh gut gehen, wenn auch auf schmarotzerische Weise (was hat schmarotzen mit Rotz zu tun? Tipper, schau nach!) (gar nichts! - der Tipper, der immer recherchieren muß).

Weißt was, mein Freund und Zwetschkenröster (ich habe auf die Schnelle nichts gefunden – der Tipper, der immer recherchieren soll), schreib doch einmal etwas wirklich Absurdes, Schräges, Verrücktes, dass es die Leser Innen nur so durchbläst; dass es scheppert! Der Herr da gegenüber fasziniert mich irgendwie: normal, aber elegant gekleidet (hellblaues Hemd, dunkelblaues Sakko, graubeige Hose – keine Jeans! - Lederschuhe, die Socken, so vermute ich, farblich abgestimmt irgendein grau) (der Van-Gogh tät schimpfen, dass du diese Farben nicht besser und präziser beschreiben kannst – der innere Spötter) (ja, ja, ich lese zur Zeit seine Briefe an Theodor – der Autor). Der Herr gegenüber hat es geschafft und genießt seinen Lebensabend - wie mir scheint – in Wohlstand, Ruhe und ohne gröbere Selbstzweifel. Ich glaube nicht, dass er das Gefühl hat, sich noch beweisen zu müssen oder seine Überzeugungen und (Vor)Urteile über den Haufen zu werfen (und was ist mit dem absurden, schrägen, verrückten Text? Wann kommt der? Oder betest du jetzt die Normalität an? - der innere Spötter). Nein! Nicht schon wieder Trauer und Schwermut!

Na gut, da kenn ich mich immerhin aus. Ich blicke zum Lichtengel; es ist verrückt, aber ich erhoffe mir von dieser Wandlampe tatsächlich Ermutigung! Die Musik passt.


12:06.  Die Eierspeise ist verspeist (deine schwachen Wortspiele kannst du dir sparen – der innere Spötter). Das unbekannte Lied jetzt ist sehr, sehr schön. Kreuzschmerzen hat der elegante alte Herr gegenüber schon, wie ich bemerke, als er vom Sessel aufsteht und ein paar Schritte geht. Schmerzen kennt er. Flügeln aus Licht (ich habe wieder zur Wandlampe in der Nische geblickt).

Der Herr liest jetzt Die Zeit. Ich hätte Lust, daraus einen religiösen Satz zu machen: Der HERR liest jetzt die Zeit (sehr witzig! - der innere Spötter). Der Herr geht ab und verläßt das Lokal (untersteh dich! Der innere Spötter). Wenn man religiös wäre, könnte man sich schon fragen, ob DER HERR die Welt verlassen hat.

Heute bleibe ich lange hier; ich verlasse die lokale Welt nicht, auch wenn mir der Hintern vom Sitzen wehtun wird.


12:40.  Ich habe mir einen Augustin aufschwatzen lassen – viel mußte der Verkäufer nicht reden – und es sind wirklich gute, interessante und kluge Artikel darin (dass er das genauer beschreibt, seine Überlegungen dazu, die darin angestoßene gesellschaftliche Diskussion weiterführt, dazu reicht sein schwaches soziales Engagement nicht – der innere Spötter).

Beim Wieder-Hin-Setzen und Über-Schlagen der Beine haue ich mir den linken Oberschenkel an der Tischkante an, dass es weh tut (wobei: wenn ich von wehtun rede, schreibe ich nicht unbedingt von richtigen Schmerzen) (Und: ist dieser Binde-Strich-Blöd-Sinn deine neue, halblustige Ma-Rotte? - der innere Spötter).

Die unbekannte Musik ist so schön, dass mir ein leichter Schauder über den Rücken läuft. Kaffee 3 ist wahrscheinlich zu viel; ich spüre ihn stark. Ich freue mich, dass ich einiges zum Eintippen habe und auf das Überarbeiten der handschriftlichen Texte dabei (Ufff! - der zukünftige Tipper – und zu recherchieren hast du mir auch schon was aufgetragen).

Solange ich Kaffee und zu essen habe und gute Musik, wäre ich ein freundlicher, wohlwollend von oben auf die Welt hinabblickender HERR, der sich eher nicht einmischt und manchmal unbemerkt und still mitlacht, sich amüsiert, wundert (hahaha! - der innere Spötter) und manchmal weint. Und ich würde mir viele Szenarien ausdenken, die ich dann jedoch nicht erschaffe. Nur überfordern und an die Wand drängen dürfte man mich nicht, dann, unter Stress, könnte ich für meine Reaktionen nicht garantieren.


Mein innerer Impuls drängt mich zum Gehen, aber ich habe mir vorgenommen, lange sitzen zu bleiben. Whuuhuuhuu singen sie sanft und mild aus den Boxen.


13:22.  Erst jetzt mein erster bewußter Blick hinaus auf die Gartenlaube und die eine Platane in meinem Gesichtsfeld. Der Deckenventilator dreht sich im Uhrzeigersinn und schiebt so die Zeit an, anstatt sie ein wenig einzubremsen. Noch ein gemachter alter Herr mit Zeitung tritt ins Lokal (ist das Universum polytheistisch strukturiert? - der innere Spötter). Ein bißchen lächerlich wirken die alten Herren schon in dieser jungen Umgebung. Und immer dieses Phänomen, dass ich nicht richtig pinkeln kann, wenn ein zweiter Mann im Klo ist. Früher war das nur dann so, wenn ich nüchtern war und beim Pissoir kein Sichtschutz – den gibt es hier auch nicht, aber der andere Mann stand abseits mit dem Rücken zu mir am Waschbecken und hat sich die Hände gewaschen. Also eigentlich (wird vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) keine Gefahr.


(2.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4631 Kein Grund

 



11:31 a.m.  Eigentlich (wird vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) habe ich keinen Grund zu schreiben. Ich sitze so halbwegs entspannt (was trotzdem weit mehr als fünfzig Prozent Spannungsanteile bedeutet – der innere Spötter) im Kaffeeamt und verfalle nicht nur meinem Schreib- sondern auch meinem Konsumierzwang (belegtes Croissant). Ich hoffe, ich finde vor dem Jüngsten Gericht Gnade (es gibt kein Jüngstes Gericht und deshalb keine Gnade – der innere Spötter).

Also gut, was könnte ich beschreiben? Den Wind draußen, wie er den riesigen Baum an der Kreuzung vorne, das stoffliche Sonnendach über dem Gastgarten und die Pflanzen dort, und die blaue Europafahne bewegt? Ist auch schon ein bißchen fad (dies zu beschreiben; dem Wind könnte ich stundenlang zuschauen). Viele Passanten driften (wird auch vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) (Warum?) (Warum nicht? - der innere Spötter), viele Passanten also driften mehr oder weniger in sich oder ihren Gedanken gekehrt vorbei. Der Kaffee ist schon kalt, aber das bin ich gewohnt. Nur zur Erklärung: in sich und in Gedanken ist nicht zwangsläufig dasselbe: die Gedanken könnten auch eine fremde Installation sein! Ich glaub, ich gehe jetzt zum Friseur und lasse mir die Haare schneiden.


(1.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4630 Keine Gewichte erhöht

 



16:00.  Das Fitnessieren heute war besonders anstrengend, aber nicht weil ich irgendwelche Gewichte erhöht habe; im Gegenteil: die üblichen Gewichter, die mir in letzter Zeit schon fast zu leicht vorgekommen sind, waren mir heute sehr schwer. Warum weiß ich nicht. Anders gesagt: Mir tut alles weh (es ist nicht das erste Mal, dass ich dich bitte, von so blöden Wortspielen wie fitnessieren abzulassen. So schaffst du keine seriöse Literatur! - der innere Korrektor) (Bäääh! - ich).

Wie gestern versprochen sitze ich heute im Kaffeeamt und schaue dem Licht der Nachmittagssonne zu. Und – sozusagen im zweiten Durchgang – auch auf die Schatten. Die wirklich schön blaue Europafahne streckt sozusagen (das streicht der Lektor) ihren Bauch heraus und dreht sich ein wenig um die eigene Achse; nicht ganz herum natürlich, sondern ein bißchen hin, ein bißchen her (könntest du dich langsam mit der neuen Rechtschreibung abfinden? Noch dazu, wo du sie teilweise schon verwendest – der innere Korrektor). Der Wind hilft ihr dabei, sich hin und her zu drehen (siehst du, du blöder innerer Korrektor – hättest du dich nicht eingemischt, hätte ich einfach Der Wind hilft ihr dabei - Punkt! schreiben können. Du machst alles komplizierter und manierierter – der Autor). Ich bin fertig und müde. Eine schwere Trägheit wälzt mich nieder. Ich bekomme kaum das Maul auf, und selbst die Kaffeetasse schaue ich lange an, ohne mich durchringen zu können, den Arm auszustrecken, die Tasse zu ergreifen und zum Mund zu führen. Mein müder Geist trifft den Vorsatz, genau das zu tun, aber irgendeine andere, aber untergebene Instanz ist schneller, fällt diesem Vorsatz in den Rücken (wie schaut der aus? - der innere Spötter) und mein Arm schnellt erstaunlich schnell, entschieden und wach nach vor, nimmt das Wasserglas und führt dieses zum Mund. Der trinkt gehorsam. Die innere Zentralbehörde scheint – wenn nicht außer Gefecht – so doch durchsetzungsschwach zu sein. Ah! Jetzt ist der Schluck Kaffee doch gelungen! Ich glaube, es ist am besten, ich gehe heim und lege mich aufs Bett. Ach! Die Wäsche wird bald fertig und zum Aufhängen sein und die zweite Maschine zu machen. Und der Geschirrspüler. Und Blumengießen. Ich bleibe noch ein wenig sitzen und dämmere weg.


(30.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 29. September 2026

4629 Knirscht

 



11:34 a.m.  Im Lieblingscafé prasse ich – nach der Standardlektüre – gleich drauflos. Ich kann, will und darf mich nicht beherrschen (am T-Shirt heute steht: Ich lasse mich gehen). Es sollte sich finanziell ausgehen. Morgen ist Fitness angesagt, da habe ich keine Zeit für einen Besuch im Espresso Burggasse. Obwohl: Zehn Euro könnte ich dann noch haben und morgen ins nähere Kaffeeamt auf zwei Cappuccini gehen. Und übermorgen ist der Erste und da sollte das Geld am Konto sein.

Ich schreibe ohne Brillen und das geht heute wieder schlechter. Zu wenig Licht? Da fällt mir “mein“ Lichtengel ein – der mit den Lichtverhältnissen hier am Tisch nichts zu tun hat – und ich schaue auf und heute zum ersten Mal hin und er ist nicht eingeschaltet. Nur eine nicht unhübsche, dunkle, kalte (? - der innere Spötter), banale Lampe hängt mit geneigten Lampenschirmen unauffällig an der Wand (du spielst auf Jesus am Kreuz an? Geschmacklos! Außerdem ist das eine schöne Lampe! Nur weil sie jetzt nicht strahlt, mußt du nicht ausfällig werden! - der innere Spötter). Dafür wächst eine schöne, hellgrüne Pflanze in einem tönernen Blumentopf vor ihr in die Höhe, aber verdeckt nur ihre „Füße“ ein wenig. Mein Geist beschäftigt sich jetzt – tagträumerisch – mit Fußball (nicht der Schreibe wert – der innere Spötter). Die Musiknummer aus den Boxen setzt mit einem ordentlichen Gitarrengeklopfe ein (R.E.M. Losing My Religion. R.E.M. bitte nicht mit der Wiener Künstlergruppe REM, wo ich mitlaufendes, etwas verspätetes Gründungsmitglied war, zu verwechseln! Auch wenn beide Namen auf rapid eye movement zurückgehen).

California Dreamin’ (The Mamas and the Papas) jetzt erwischt mich natürlich bei meinen jugendlichen Hoffnungen einst. Nun kommt House of The Rising Sun (The Animals) – für diese Notizen unterbreche ich sogar meine leckere (uuuaaaah! - der innere Spötter) Mahlzeit des köstlichen Omeletts – der Song gehört – ohne jedes Textverständnis damals wie heute – auch in meine frühere, hoffnungsvollere Zeit (als das Wünschen letztlich auch nicht mehr geholfen hat). Es geht heute offensichtlich durch die Hits der Jahrhunderte (Cat Stevens / Wild World). Nachdem ich den Song jetzt nicht kenne, lasse ich das Thema Musik sein, obwohl es ein schönes Lied ist – und schreibe darüber, dass ich plötzlich und überraschend meinen Kopf mit völlig unerwartetem Stolz hebe (nur für kurz! Eh nur für kurz! - der innere Spötter). Der Anfall ist schon wieder vorbei. Die neue Kellnerin übrigens hat mir zum zweiten Cappuccino nicht nur mein Wasserglas angefüllt, sondern auch eine ganze Wasserflasche hergestellt und das Schnittenstück vom ersten Cappuccino am Tisch gelassen und beim zweiten ein weiteres dazuserviert! Das verdiene ich doch gar nicht! Ich bin doch gar nichts! (bitte stoppe diese peinlichen Selbstbezichtigungen! Außerdem kannst du immer bei zwei Cappuccini zwei Schnittchen essen, egal wer serviert – der innere Spötter). Ja, aber das sind die Gedanken, die mein depressionsformatiertes Gehirn wirklich, und fast immer, ausspuckt! Das ist die Wahrheit, die innere Wahrheit genau genommen (obwohl sie außen auch stimmt – der innere Spötter). Mir ist ein bißchen zum Heulen (so! Jetzt reicht’s! Du heulst doch gar nicht! Was soll das! Laß diese Halbheiten! Heul’ oder heule nicht, aus! - der innere Spötter) Innerer Spötter, das ist nicht mehr Spott, das ist blanker Hass. Bitte wieder mehr Humor, mehr Ironie, mehr Augenzwinkern.

Eine Bläsergruppe begleitet abschnittweise aufmunternd die entspannten Reggae-Rhythmen. Genauer gesagt nehmen die Bläser die Schwermut und die Trauer in der Musik auf und heben diese Stimmung einfühlsam und sensibel in die Höhe, ohne die berechtigte Melancholie in Frage zu stellen. Eine wahre Ermutigung! Ich esse gegen all meine Gewohnheiten sogar das zweite Schnittenstück; diese Gabe will ich nicht ablehnen (du wirst gern gefüttert, oder wie? - der innere Spötter). Lassen wir’s gut sein? Gehen wir unsere Schritte? Ja, gut.

Beim Bezahlen plaudere und scherze ich noch ein wenig mit dem Kellner und der Kellnerin und lachend verabschiede ich mich und wandere richtig fröhlich und glücklich los (so ein bißchen ein Hänschen-klein-ging-allein-in-die-weite-Welt-hinein-Effekt? - der innere Spötter). Mir egal, ich habe mich in die Sonne gesetzt, um das zu notieren und lasse mir meine gute Stimmung nicht zusammenschlagen. „Theorien“ werden nicht nur unter-, sondern auch überschätzt.


13:02.  Es ist so toll, wenn man flott auf Schotterwegen unter Bäumen dahinschreitet und jeder Schritt so optimistisch und voller Tatendrang unter den Schuhsohlen knirscht. Das ist Welterlebnis! Man bearbeitet die Erde und sie reagiert darauf.


13:24.  Ich raste am Karlsplatz, und wenn ich Karl Valentin abwandelnd zitieren darf: “Ich freue mich, wenn die Sonne scheint, denn wenn ich mich nicht freue, scheint sie auch!“. Ich gebe zu, meine Fröhlichkeit ist mir nicht ganz geheuer. Nicht ganz. Ein bißchen fürchte ich, dass sie bloß eine Euphorie ist, die demnächst zusammenbrechen könnte, wie zum Beispiel eine Föhnwetterlage. Aber noch bleibe ich dabei und gebe meine gute Stimmung nicht auf. Ich blicke – zufällig und unbeabsichtigt – auf die Skulptur von Henry Moore (Hill Arches im Wasserbecken vor der Karlskirche) – so durch die Bäume des Parks hindurch – und registriere ihre in der Sonne stark glänzenden Stellen [ein strenger Lektor würde mir das so bei so durch die Bäume streichen, aber ich bestehe auf meinen Stil, der nahe an der gesprochenen Rede siedelt (Oida! - der innere Spötter), weil ich eigentlich (streicht er auch – der innere Spötter) ein Geschichtenerzähler wäre und kein Literat bin]. Gemma weiter? Gemma weiter!


13:54.  Beim Durchwandern der Dominikanerbastei komme ich hinten am renovierten – was weiß ich – so ein Postgebäude? - vorbei und höre aus dem Innenhof Musik. Scheint ein Soundcheck zu sein, weil verschiedene Musikpassagen angespielt und dann wieder abgebrochen werden. Sehr pathetisch; elegisch; erhabend (ich weiß, es heißt entweder erhebend oder erhaben, aber ich wollte eine Mélange aus beiden) und ich betrete zum ersten Mal in meinem Leben diesen Innenhof. Jetzt werden gerade die Bässe ausgetestet – alles über eine elektronische Musikanlage – und für wahr! - die bearbeiten meine Leibesmitte (dort wo der Schutzschild gegen das Unbekannte sitzt) recht heftig. Ich bin schon ein wenig begeistert von der Musik (also nicht so ganz, aber doch im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckt – der innere Spötter), obwohl ich von den Bässen beinahe weggeweht worden werde. Ein Typ in langem, schwarzen Mantel und langen, im Nacken zusammen gebundenen grauen Haaren schient der Komponist oder der Regisseur zu sein. Leute mit Kleinkind halten sich hier auch auf; das scheint mir problematisch zu sein, denn die Bässe vor allem und die Lautstärke entwickeln große Gewalt.

Ich werde weitergehen; ich muß nur noch herausfinden, wie dieses Gebäude heißt. Übrigens: neben mir auf dem Podest, auf das ich mich gesetzt habe, liegt eine Kapsel einer Gösser-Natur-Radler-Flasche (ich werde für Produktplatzierung NICHT bezahlt!)

Ja, Posthöfe heißt es hier. Ich bin da immer unsicher, weil sich gleich gegenüber die ehemalige Postsparkasse befindet und ich immer, wenn ich an dieses ehemalige Postgebäude hier denke, denke, ich verwechsle etwas.


(29.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4628 Es geht

 



8:47 a.m.  Auch jetzt bin ich satt. Meine Augen sind noch ganz vom Schlaf verklebt, aber ich raste noch ein wenig und sammle mich, bevor ich zur Morgentoilette ins Bad gehe. Und schon verliere ich mich in Gedankenreisen und habe vergessen, mitzuschreiben. Ich habe heute vor, in mein Lieblingscafé zu kommen und freu mich und bin ganz aufgeregt, aber ganz angstfrei ist der Start in den Tag trotzdem nicht. Aber es geht.


(29.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4627 Das Zeug weglegen

 



21:53.  Manchmal sehne ich mich unglaublich nach Ruhe und nach Feierabend auch für die Seele, dass sie sich nicht ständig so quälen muß. Deshalb habe ich mich schon zu Bett begeben, hocke noch bei Leselicht mit den Pölstern im Rücken da und horche mich außen und innen um. Ich will nichts. Trotzdem klopft mein Herz aufgeregt, was ich als einen Widerspruch zu meiner müden Trauer um die Augen herum empfinde. Ich lasse alles wie es ist. Ich bin auch satt. Die Augen fallen mir immer wieder zu. Ich spüre mein Herz arbeiten; ganz deutlich spüre ich, wie es pumpt. Ich muß seufzen. Vom Flur kommen Stimmen herein. Kurz, dann höre ich, wie eine Tür geschlossen und abgesperrt wird.

Ich werde jetzt das Zeug weglegen, das Licht abdrehen und in die Dunkelheit starren.


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4626 Ein Schippel

 



12:11.  Ein gelber Hubschrauber fliegt diagonal über die Sorbait-Tor-Ecke des beschaulichen Hofes mit der Nummer 5 und macht viel Lärm. Ein fast spätsommerlicher Herbsttag, sonnig, warm, blauer Himmel. Ich wollte gar nichts schreiben – eigentlich bin ich heute vor meiner Psychotherapiestunde schmähstad – aber die Macht der Gewohnheit … - oder was das wirklich ist. Sanft raschelt der Wind mit den dürren, mottenzerfressenen Blättern im Kastanienbaum. Viele Rosskastanien liegen schon blank, in Schale oder mit Stachelkappe herum. Wirklich still ist es hier nicht, aber ruhig. Die komplett leeren Fahrradständer – zur Gänze in der Sonne – werfen ihre regelmäßig und geordneten Schatten zu Boden. Werfen? Gut, sie lassen sie zu Boden. Sie schicken sie zu Boden. Nein, auch nicht. Die Schatten sind einfach da. Ich komme mir ziemlich herzlos vor, dass ich da sitze und schreibe. Mir fällt die grüne Treffpunkt-Tafel auf. Hier also soll ein markierter Treffpunkt sein. Meinetwegen. Manchmal gehen, laufen oder skaten Leute durch den Hof. Die fallenden Kastanien schlagen mit dumpfen Knall am Boden auf. Ein älterer Mann telefoniert und ruft: „Schau ma mal!“ Ich bin hier – soweit ich weiß – nicht allzu weit von den zum Sezieren aufbewahrten Leichen entfernt. Der Geräuschpegel sinkt fast bis zur Stille ab. Fast. Und nur kurz. Der Verkehrslärm legt wieder zu. Schritte im Laub und raschelndes Papier. Ich bekomme auch Hunger, zumindest Appetit, aber ich werde es mir verkneifen, zum Supermarkt vorzugehen und etwas zum Essen zu kaufen. Ich werde unruhig und ein ganzes Schippel Kastanien knallt gleichzeitig auf den Boden. Ich werde zu unruhig. Zu Hause hatte ich noch im Internet eine der üblichen, vermutlich nicht ganz seriösen, wahrscheinlich nicht ganz falschen Listen der Merkmale der Narzissten gelesen. Und wie immer, wenn ich so etwas lese, denke ich: Die treffen alle auf mich zu! Und gleichzeitig: Verdammt! Ich bin schon leicht zu beeinflußen!


(28.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com