4542 So leicht!
11:43 a.m. Am Steinernen Wehr kann ich ohne Brillen schreiben [Mein Gott! Da bist du an einem herrlichen Platz an der Sulm, eingesäumt von schönen großen Bäumen – ich vermute sogar einen Maulbeerbaum, habe jedoch keine Ahnung, ob das überhaupt möglich ist (möglich ja, aber das da ist kein Maulbeerbaum – der Tipper, der immer recherchieren muß) – warst schon im kühlen Wasser schwimmen und strömen, läßt dich in der Sonne trocknen, ein Urlaub, den du gar nicht selbst finanzierst, bekommst alles geschenkt inklusive Nahrung und Rückeneinschmieren, ein herrliches Sommerwetter, und noch vieles andere, und dir fällt nicht mehr ein, als dass du im Sonnenlicht ohne Brille schreiben kannst! Oida! - der innere Spötter]. Eine Frau spielt Gitarre, aber ist kaum zu hören, weil hier das übliche Badeplatzgeschrei – das so sehr mit den Ferien verbunden ist – fast alles übertönt. Die Sulm rauscht auch, insoferne sie über die Überlaufrohre der Wehr abrinnt und – sagen wir – einen Meter hinunterstürzt. Ansonsten fließt sie komplett still. Boote werden geräuschvoll und laut durch die Wiese, über den Sand und über Steine gezogen und entlang der Steinernen Wehr, bevor sie ins Wasser klatschen. Ich muß niesen und denke daran, dass ich noch die nasse Badehose anhabe. Eine junge Frau trägt einen Nasenschmuck, der mir beim ersten Anblick wie ein Chaplin-Bärtchen vorgekommen ist. Das soll jetzt aber nicht als letzter Satz dastehen, bevor ich eine Pause mache und Wasser trinken gehe.
12:34. „Ich habe noch nie gesehen, wenn einer umfällt“, sagt ein Mann. Und ein anderer fragt mich, ob mein Tatoo mit einem Sternbild zu tun hat – er entschuldigt sich vorher für seine Neugier. Ich gebe brav Auskunft; und durchaus geschickt, sodass ich für die Deformierung des Orion eine plausible Ausrede habe. Ja, das ist gelungen! Ich nehme diese Argumentation in mein Repertoire auf (auch ihm selber gegenüber – der innere Spötter). (Und um sein Versagen beim Tätowieren zu minimieren – der noch innerere Spötter.) Die Kanuleute sprechen über ihre Kunden und rauchen und trinken Bier. Jetzt aber reden sie auch über die Tiere, die sie gesehen haben. Das ergibt bei mir ein paar Pluspunkte. Ich werde langsam hungrig.
14:06. (Nach dem Essen) Die brauchen sich gar nicht aufregen, wenn ich mich in ihrer Nähe auf die lange Holzbank, die auch mit zum Trocknen ausgelegtem Badezeug belegt ist, setze! Sie regen sich eh nicht auf; aber sicherheitshalber stelle ich das hier schriftlich fest (und er befürchtet wirklich, verspaukt zu werden und fürchtet sich richtig davor – der innere Spötter). Die Kaffeeschlange ist sehr lang (beim Buffet drüben – schreibt das dazu! - der innere Spötter). Ein Baby schreit, bis die Mutter es stillt. Es kann nicht viel mehr als ein paar Tage alt sein. Dabei hätte ich auch gerne einen Kaffee, aber ich warte ab, bis der Andrang am Buffet nachläßt (lieber Freund, ich hab das mit den Ich-Texten schon kapiert und will trotz aller aktuellen Literaturkritik auch gar nicht schimpfen, aber das soll jemanden interessieren? Ich echt? Bitte! Denk ein wenig nach! - der innere Spötter). Ein leichter, angenehmer Wind (das schreibst du auch nicht zum ersten Mal! - der innere Spötter). (Der Wind weht auch nicht zum ersten Mal! - der Schreiber.) (Es gibt übrigens auch einen inneren Zensor! Nur dass das auch einmal gesagt ist! - der innere Zensor.)
In der Lücke zwischen den Bäumen dort im Wald türmen sich weiße Wolken. (M)Eine Frau schleicht umher, kommt näher und setzt sich neben mich auf die Bank, aber vorher verschiebt sie von jemand anderem zum Trocknen ausgebreitetes Badezeug, um Platz zu schaffen; ich sage noch: „Das kannst du nicht machen! Das gehört nicht dir!“, aber sie macht es einfach und lacht. So einfach kann das Leben sein! Zum Kaffee anstellen will sie sich nicht.
(12.7.2026)
©Peter Alois Rumpf Juli 2026 peteraloisrumpf@gmail.com