Mittwoch, 1. April 2026

4406 Ärgerlich?

 



8:36 a.m.  Der gelbe Stift schreibt blau. Nein: schwarz. Das sehe ich erst jetzt. Meine Augen sind noch nicht ganz wach und ganz verklebt. Die erste Selbstvergewisserung des Tages (er ist sich gar nicht sicher, ob das eine Selbstvergewisserung ist oder nicht eher eine Selbstinszenierung – der innere Spötter). Also: ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie es der liebe Gott bei seiner Schöpfung gemacht hat – hell-dunkel, oben-unten etc. - nur dass ich das jetzt nicht zum ersten Male mache, sondern es schon von tausenden Malen eingeübt ist (und ob es gut ist, weiß er auch nicht so recht – der innere Spötter). Gottseidank habe ich dafür Zeit, und so halte ich inne und lausche meinem Surren in den Ohren (da könnte ich ins Chaos zurückgleiten!). Was ist jetzt los? Mein linker Arm schmerzt, dabei halte ich das Notizbuch gar nicht verkrampft, sondern habe meine Hand flach darauf liegen. Geht schon wieder vorbei. Ein bißchen überfordert bin ich mit dieser ganzen Gesundheitscheckerei und Messerei und Tablettenschluckerei schon. So habe ich jetzt bereits endlose Blutdruckstatistiken, aber wer schaut sich das an? Ich kann daraus nicht viel mehr ablesen, als dass er manchmal höher und manchmal niedriger ist; wobei mir rätselhaft bleibt, wieso und wodurch ausgelöst. Werde ich jetzt ärgerlich?


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4405 Schlecht geschlafen

 



1:40 a.m.  Der Amazonas ist weit weg. Wie vieles andere auch. Das tut nicht viel zur Sache. Ich kratze mich am Hals und wundere mich über meine kalten Füße (ich bin doch heute wieder über sechstausend Schritte gegangen!). Gut, die österreichische Nationalmannschaft (männlich, Fußball) hat gewonnen und in meinem Lieblingslokal haben sie die Frühstückskarte geändert. Meine eine Tochter hat heute mit mir geschimpft, weil ich so viele Kunstkarten mit halbnackten Frauen in meinem Zimmer hängen habe. Also geschimpft ist nicht richtig: sie hat es kritisiert. Ich habe mich diesbezüglich taub gestellt. Mit dem Künstlerschmäh wäre ich gar nicht durchgekommen (auch vorm Universum nicht). Wahrscheinlich ist das bloß eine Attitüde, noch dazu aus vergangenen, schon untergegangenen Zeiten. Meine Füße sind immer noch kalt. Mein Blutdruck war wieder zu hoch (mir ist nichts aufgefallen, aber die Messung vor zwei Stunden hat das ergeben). Vergangene Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen.


(1.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4404 Wortspiel

 



9:32 a.m.  Das Wortspiel, das ich mir im Badezimmer beim Waschen meines verschlafenen Gesichtes (zuerst warm, dann kalt) ausgedacht habe, funktioniert nicht: Herr Provisor. Ich meinte eine männliche Person, dessen Leben und dessen Wohnräume immer nur provisorisch sind. (Außerdem gibt es diesen Begriff sowohl im kirchlichen, als auch im apothekischen Bereich, wie ich später beim Googeln herausgefunden habe.) Somit liegt kein Witz darin. Also werde ich ihn nicht in die Facebookgruppe Einwortgedichte, Wortspiele, selbst erfunden posten. Macht nichts. Es kann ja nicht jeder ausgedachte Witz zünden und geistreich sein. (vgl. Etymologie von Witz!)

Können wir jetzt zu einem anderen Thema kommen? Ja? Ja? Ja. Herrlich ist es um diese Zeit noch im warmen Bett zu hocken und Zeit fürs Lesen und eine bewegliche Gliederschreibtischlampe am Kastl daneben montiert zu haben, so dass ich sie je nach Bedarf herdrehen oder wegdrehen kann und höher oder niedriger stellen. Auch zum Schreiben ein idealer Arbeitsplatz. Und der Ausblick in meine kleine Kemenate ist wunderbar: die vielen bunten Bücher, die vielen bunten Kunstkarten an den Wänden, der Cedeturm, der überladene Schreibtisch vorm Fenster drüben, der Sessel mit dem abgelegten Gewand (weiß auf dunkelblau), das Hausaltärchen mit dem verstaubten Räucherzeugs und vieles, vieles mehr; dieser Anblick erfreut mein Herz, obwohl allem etwas Provisorisches anhaftet; oder gerade deswegen … jetzt werden mir die Gedanken zu kompliziert und schal, und ich verstehe nicht, warum ich mich an dieses provisorische Zimmer so klammere. Macht nichts. (Macht natürlich schon etwas – der innere Spötter.) Ich gebe (vorläufig?) diese Untersuchung auf und werde einfach im Buch ab Seite 332 weiterlesen.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4403 Die Unterhose

 



0:36 a.m.  Ich lese (also bin ich – der innere Spötter) und bekomme nichts mehr mit. Weil ich schlampig und verschlingend lese, merke ich mir keine Namen und auch sonst nicht viel. Wenn dann noch ein oder zwei Tage Lesepause dazwischen kommen, kenne ich mich in der Handlung gar nicht mehr aus. Wer warum wen attackiert oder verfolgt und um welchen Schmuggel es geht. Trotzdem lese ich weiter. Trotzdem mag ich es, benommen und verwirrt durch für mich unverständliche Welten zu taumeln. So wirklich weiß ich nicht warum und auch nicht, was ich mir dabei heraushole. Gefühle? Fremde Erlebnisse? Stimmungen? Beschreibungen (also Wörter und Sätze, Redewendungen, Metaphern, weiß der Teufel was)? (Er kennt es von seinem echten Leben auch nicht anders, das Taumeln meine ich – der innere Spötter.) Etwas in mir hat sich eingehakt und zieht mich weiter. Jetzt muß ich aber aufs Klo. Vielleicht lese ich nachher weiter. Ich muß morgen nicht früh aufstehen. Der Holzrabe am Fenster hat wieder seine weißlich-gelbe Aura. Ich lache innerlich über meine (inzwischen seit Jahrzehnten untypische) weiße Unterhose, die oben auf dem Gewandsessel ausgebreitet liegt, als würde sie mich noch auf etwas aufmerksam machen wollen und auf der dunkelblauen Fläche meines T-Shirts darunter (das mit dem Aufdruck geeignete Zielperson) forciert herausleuchten wollen. Aber jetzt endlich aufs Klo. Wahrscheinlich ist es eh nur nervöser Harndrang.


(30.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 27. März 2026

4402 Plötzlich

 



9:06 a.m.  Der Sturm heult, klappert und zerrt. Als meine Augen zufallen, erschrecke ich, weil es plötzlich ganz finster ist (finsterer als ansonsten bei geschlossenen Augen, wo ja ein roter Schimmer bleibt!). Der Holzrabe am Fenster schaukelt in der Zugluft. Der Sturm legt eine Pause ein. Jetzt bekomme ich die Augen nicht mehr auf. Es läuft nicht so, wie ich es will. Okay, dann ruhe ich hald (sic!) noch; das tut mir immer so gut. Plötzlich kommt mir vor, mein Notizbuch fällt hinunter und ich greife erschrocken und blitzschnell danach. Aber es liegt ganz normal auf der Bettdecke vor mir und von dort kann es einfach so gar nicht hinunterfallen. Das taktile Empfinden, wie es aus der Hand in eine Tiefe rutscht, war ganz realistisch.

Eigentlich ist es höchste Zeit, aber ich mag immer noch nicht aufstehen.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4401 Bewegt er sich?

 



0:03 a.m.  Ich bewege die Leselampe vom Bett weg und jage damit die Schatten der Kabel des Zedeplayers über die Seitenwand des kleinen Kastens unter dem Schreibtisch drüben. Der starke Wind rüttelt ständig an den schlecht schließenden Fensterflügeln. Morgen will ich wieder ins Fitnesstudio (sic!) gehen. Heute bin ich sehr müde. Ich habe viel gelesen (Fräulein Schmillas Gespür …). Ich will herausfinden, ob der schwarze Holzrabe am Fenster im Luftzug schaukelt. Anscheinend rührt er sich doch nicht, aber vorhin ist es mir so vorgekommen, als bewegte er sich ein wenig. Manchmal scheinen mich meine müden Augen zu necken und ich glaube dann, eine Bewegung wahrnehmen zu können. Zur Überprüfung leuchte ich den Raben mit der wieder her- und jetzt hochgedrehten Leselampe an. Ich bin mir nicht sicher. Es ist nicht eindeutig. Ach, ich bin wirklich müde.


(27.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4400 Silbenuntersuchung

 



8:05 a.m.  Es regnet. Im Bett ist es warm und gemütlich. Ich habe das Rollo hochgezogen (ein wenig stolpere ich darüber, dass ich ja die Rollo sagen würde und auch nicht hochziehen, sondern raufziehen) und lasse das graue Licht in mein Zimmer und jetzt zähle ich die Silben der Vornamen in unserer Familie, vielleicht sagt das etwas aus. Zum Beispiel haben meine Töchter die selbe Silbenzahl und in der gleichen Altersreihenfolge wie meine Schwestern, sowohl in den Tauf-, als auch in den Kosenamen. Ganz ernst betreibe ich diese Untersuchung nicht. Ich lasse das auch schon fallen und horche lieber auf das angenehme Geräusch des Regens. Weil mir nichts einfällt, weite ich meine Silbenuntersuchung doch wieder aus, was interessanterweise bei mir ein ziemlich unangenehmes Gefühl erzeugt, vermutlich weil sich doch keine klaren Muster erkennen lassen, was ja unser (unser aller!) kindischer Geist schwer aushält.
Ich döse vor mich hin – ich liebe diesen Zustand und seine Wahrnehmungsverschiebungen – und empfinde meinen rechten Arm als rechts an die Wand gestützt, obwohl ich weiß, dass er ganz normal auf dem Notizbuch auf meiner Bettdecke vor mir aufliegt. „Also dein Vater! Was ist mit ihm?“ lasse ich (?) in meinem Geist eine mir vage erfasste Figur sagen und bin dann verwirrt, weil ich weder weiß, wer das gesagt haben soll, noch zu wem, noch welcher Vater gemeint ist.

Der Regen dürfte ein wenig nachgelassen haben, wenn ich die Geräusche richtig deute. Jetzt gerate ich in eine Krimiszene, aber genauso unklar und chaotisch wie alles. Irgendjemand sagt „dot, dot, dot!“ als ich mir gerade vorstelle, wie Norddeutschland wegen des steigenden Meeresspiegels versinkt und die Fische die untergegangenen Supermärkte plündern und im für sie (noch! Es geht ja schnell) ungewöhnlichen Ambiente ihre neuen Wohnplätze herrichten (ich hatte die Vision eines plötzlichen Anstiegs des Meeresspiegels, ohne ein Erklärung für die Plötzlichkeit vorbereitet zu haben. Irgendwas mit gleichzeitigen Hangrutschungen an den Küsten weltweit und plötzliches, allgemeines Eisschmelzen).

Jetzt plätschert es draußen wieder richtig. Frühstück? Dann lesen?


(26.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com