Mittwoch, 8. Juli 2026

4539 Ehrenpreis

 



10:01 a.m.  Wie ich es nach so einem Morgen geschafft habe, aufzustehen, zu frühstücken, das Geschirr in den Spüler zu stellen, ein Tab dazuzugeben und einzuschalten, rasieren, zähneputzen, mich anziehen, alles für meine „Reise“ in den siebenten Bezirk herrichten inklusive Wetter checken, alles umschnallen, tatsächlich hinfahren, in der U-Bahn ein zufällig sich ergebenes Gespräch ganz normal führen, den kleinen Fußmarsch von der Straßenbahn ins Espresso Burggasse … dafür gebührt mir ein Ehrenpreis! (die Infantili-Medaille erster bis zweiter Klasse? – der innere Spötter.) Und dabei habe ich bei all der Anstrengung noch gar nichts erreicht, außer dass Geschirr gewaschen wird: kein Einkommen lukriert, keine neuen Förderungen aufgestellt, weder für Bilder noch für Texte, keine Ankäufe, keine Veröffentlichungen, keinen Verlag, keine Einreichung irgendwelcher Art, nichts verkauft; nur aufstehen und den Tag zulassen. In der Nische des Lichtengels ist es finster, aber die ersten Schlucke vom Kaffee tun mir gut (Sucht hald (sic!) - der innere Spötter).


11:30 a.m.  Die Lektüre ist beendet. Lieber keinen Kaffee mehr. So, jetzt funktionieren also auch die Ich-Texte nicht mehr – ich meine, dass mir nicht einmal dafür etwas einfallen will. Ein lässlicher Regentag. Den Text vom Morgen ergänzt (so etwas passiert bei mir selten). Mein linkes Auge hat etwas und tränt; schon seit Tagen (ich komme wieder auf das Bodenozon; obwohl: heute ist es regnerisch und kühl). Ich klicke die Mine des Kugelschreibers wieder aus, weil mir eingefallen ist, dass jedesmal, wenn ich das mit dem Gedanken, dass mir jetzt sowieso nichts zu schreiben einfällt, getan habe, mir dann doch ein Satz zumindest eingefallen ist.


13:08.  Auf der Fußwanderung nach Hause hat mich die Traurigkeit voll erwischt. Mit diesem seelischen Weh in der Brust, das mir fast die Luft nimmt und wo sich irgendwas bei der Nasenwurzel zusammenzieht. Eine emotionale Erschöpfung ist dabei, die auch auf den Körper abstrahlt. Ich sitze auf einem Bankerl in der Postgasse bei der Stankt-Barbara-Kirche und ein blinkender Kleinlastwagen verstellt mir die Sicht. Es beginnt zu tröpfeln und ich will mein Notizbuch schützen, deshalb räume ich alles weg und verstaue es in meiner Umhängetasche.


(8.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4538 Mit voller Wucht

 



7:35 a.m.  Die Angst am Morgen ist mit voller Wucht zurückgekehrt. Ich will noch schlafen, aber ich liege nur gelähmt vor Angst da und halte es kaum aus. Die Angst sitzt in der Leibesmitte (während die Trauer, die vermutlich später auftauchen wird, sich im Bereich des Herzens einnisten wird). Ein Regenschauer geht soeben los. Ich sehe ihn nicht, ich höre ihn nur. Und schon ist er wieder vorbei. Mir ist schlecht vor Angst. Ich habe mich schon aufgesetzt. Das hilft ein wenig, aber nicht viel. Die Angst kommt wieder heftiger in einem neuen Anlauf. Weil ich dabei mit geschlossenen Augen optisch so etwas Anrollendes wahrnehme, fällt mir eine Fiebervision meiner Kindheit ein, wo ich die rollende Kraft aus der Unendlichkeit als heranrollende Feuerbälle auf mich zurasen gesehen habe und wie sie gegen meinen Schutzschild vor der Leibesmitte prallen, um ihn zu zerbrechen. Wäre er zerbrochen, wäre ich gestorben.

Ich kann jetzt auch nichts essen, was sicherlich die Angst dämpfen würde, ich bekomme jedoch nichts hinunter. Ich überlege, die verordneten Medikamente abzusetzen, weil mir der Verdacht kommt, dass das hier ihre Nebenwirkungen sind, aber das getraue ich mich auch nicht, weil dann Blutdruck und Cholesterin wieder hochschießen könnten. Mir ist schlecht. Ich werde mich zwingen müssen, das Müsli hinunterzuwürgen, aber dafür muß ich es aus dem Bett schaffen.


(8.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 7. Juli 2026

4537 Kröpflweg und Kröpfelsteig

 



14:03.  Weil im Leo eine kleine Zeichnung einer kleinen Ausstellung an der Wand mich – nicht nur – vom Sujet her an den „Köpflweg“ in der Albertina erinnert (obwohl sie doch anders ist) und mir der Name der Malerin nicht und nicht einfällt, habe ich den zu googeln versucht, was mir nicht gelungen ist. Ich bekomme da lauter Schmarrn angeliefert und das ärgert mich. Auch der zweite Versuch ist fehlgeschlagen. Selbst auf der Albertinasuche nix. Von Mon...zky; jedenfalls ein polnischer Name tät ich sagen. Der Vorname war vorhin schon da und ist jetzt wieder weg. Montessietzky? Stimmt nicht ganz. Ich muß aufpassen, dass mir nicht ständig der Vorname der Werefkin, deren Bilder ich auch liebe, dazwischenrutscht. Ich versuche ein dritte Suchen mit der Arbeiter, auch ein Bild der Montessietzky (Schreibung stimmt nicht), aber ich finde auch nichts.

Ich lasse das und drehe mich mehr zum Fenster hin. Soviel gibt der Blick auch nicht her: ich blicke in zwei aufgeschlagene Laptops zweier draußen sitzender Lokalgäste und registriere achtlos ein paar für mich momentan uninteressante Passanten. Ich weiß schon: ich müßte nur genauer hinschauen, dann würde jeder, jede interessant, aber momentan mag ich mich nicht anstrengen. Ich will wissen, wie die Künstlerin heißt, deren Bild mir beim Betrachten dieser Zeichnung hier eingefallen ist. (Also: in der Albertina: Marie Luise von Motesiczky, Kröpfelsteig, Hinterbrühl, 1927. Und dann: Marianne von Werefkin. Im Leo: Frau Parmis Taraqki, deren Zeichnungen mir gefallen – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Jetzt betrachte ich doch interessiert eine Szene beim Fahrradgeschäft gegenüber, aber zum Aufschreiben und Schildern reicht es nicht. Jetzt spielt sich auch herinnen eine Szene ab, aber wie oben. Die Universumsmechanik und die Lebensdynamik und was-weiß-ich-wer-noch erzeugen doch immer wieder „Szenen“, darauf kann man sich verlassen. Ein kleines Mädchen mit seinem Vater kommt herein; so ein ernsthaftes Gesicht! Mir treibt es die Tränen in die Augen (nicht schon wieder! - der innere Spötter); der junge Vater strahlt nur so voller Liebe zu seinem Kind; da sollte alles gut gehen!?! Die Reparaturszene vorm Fahrradgeschäft ist auch noch nicht zu Ende. Die Musik passt auch: traurig-schönes E-Gitarren-Gejammer auf solidem Bass und unnachgiebigen Rhythmen.


(7.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4536 Bloßer Gedanke

 



0:26 a.m.  Ich empfinde seit Tagen eine starke Trauer. Am Morgen kommt eher die Angst – bei weitem nicht so heftig, wie sie schon einmal war – im Laufe des Tages dann die Trauer, sehr stark, mit richtigem Druck auf die Brust; ich kenne das so dominant nur von großen Trennungen; aber was diese jetzige Trauer auslöst, weiß ich nicht. Sicher, das Alter wird eine Rolle spielen, die ablaufende Lebenszeit und die Erkenntnis, was alles von meinen Erwartungen und Hoffnungen ans und Träumen vom Leben unerfüllt bleiben wird. Trotzdem verstehe ich sie in ihrer Heftigkeit nicht. Oder steht wirklich schon der Tod hinter mir und wird mir bald auf die Schulter klopfen? Spürt das mein Körper, dass es bald schon Abschied nehmen heißen wird? Und nur mein Ich-Bewußtsein weigert sich, es zur Kenntnis zu nehmen? Und spielt bestenfalls damit herum, als wäre es ein bloßer Gedanke?


(7.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4535 Steirisches Ennstal

 



10:56 a.m.  Der Lichtengel leuchtet nicht. Er hängt nur als ausgeschaltete Wandlampe in der Fensternische. Ein wenig traurig schaut sie aus, obwohl es ein wirklich schönes Fünfzigerjahre-Design ist. Ich fürchte mich vor der Urlaubsreise; mir ist alles zu viel: Kofferpacken, Entscheiden, ob ich ein Laptop mitschleppen soll oder nicht, den Zug nicht verpassen und die geplante Kajakfahrt. Alles ganz harmlos, aber meine Angst schnürt mich ein. Und Nein-Sagen schaffe ich auch nicht. Außerdem: wenn wir dort sind, werde ich es genießen; ich kenne mich. Es ist lediglich ein Kampf gegen meine inneren Dämonen; aber: es ist ein Kampf, und der ist anstrengend. Ich sehne mich danach, endlich angekommen zu sein, meinen Platz zu haben (wo es allerdings auch nicht bei geschlossenem Fenster reinregnen sollte), wo nicht dauernd irgendwo eine Lücke aufreißt. Aber so etwas ist unrealistisch. Das Leben ist ein Kampf, aber ich bin müde und ängstlich. Lassen wir das; ich drehe mich dabei im Kreis. Eine unglaubliche Trauer erfaßt mich (oder ein gigantisches Selbstmitleid – der innere Spötter). Draußen beginnt es zu regnen, und das löst einige Hektik in der Gästelaube in der Burggasse aus. Es ist gleich dunkler geworden, der Gastraum füllt sich mit den Regenflüchtlingen und ich hole mir den oder die eine oder andere Prominente zu einem imaginären Gespräch herbei. Wir reden eher Belangloses (ein bißchen Selbstrechtfertigung ist schon dabei, gell? - der innere Spötter). Aber nennen wir das Ganze hier einmal so: Endzeitstimmung.

Zum Thema Lebenskampf ist zu sagen: es ist ein Unterschied, ob man regulär zu einem Kämpfer ausgebildet wurde, die entsprechenden Schulungen und Übungen bei einem erfahrenen Lehrer, der einen trainiert, sein Können weitergibt und einem den einen oder anderen Trick zeigt, durchlaufen hat, oder ob man einfach so, ohne je in Sicherheit und Ausbildung (nehmt das Wort ruhig wörtlich: Aus-Bildung – das Bild kann ausblühen und sich entfalten) gewesen zu sein, in die Arena geworfen wurde und so von Anfang an ums Überleben kämpfen mußte, ohne richtig Luft holen zu können (und was hat das mit dir zu tun? Verfälscht du gerade deine Lebensgeschichte? - der innere Spötter).

Weil ich nichts mehr zu sagen habe, versuche ich, aus dem Gesprächssound der kleinen Damenrunde nebenan herauszuhören, aus welcher Region sie kommen. Ich tippe sogar aufs Steirische Ennstal, dann verwerfe ich es. Aber dann fällt das Wort „Grimmingtherme“, wenn ich mich nicht verhört habe. Dann verwerfe ich den Gedanken noch einmal. Fragen traue ich mich nicht. Was soll’s! Das sind so blöde Ablenkungsmanöver vor dem, was im Inneren hochkommen will. Und wenn sie wirklich von dort wären, was hätten sie mit mir zu tun? Obwohl ich dort aufgewachsen bin: Nichts! Gar nichts! Aber ein Spaß wäre es schon gewesen, wenn ich sie gefragt hätte und doch recht geraten habe. Ich versuche, die Spiele unserer Nationalmannschaft in der Gruppenphase zu rekonstruieren, aber mir fallen nicht einmal alle Gegner ein; es ist wie ausgelöscht. Sollte ich mir Sorgen machen? Dass etwas mit meinem Gehirn nicht stimmt, vermute ich schon länger. … So, jetzt habe ich doch alle beinander (ich mache mir auch Sorgen, wenn du in einen rustikalen Ton verfällst – der innere Spötter). Es ist wohl so, dass ich alle Trümmer, Bruchstücke, Einzelteile meines Lebens nicht zusammenhalten kann. Bin ich mir selber fremd? (das ist doch völlig wurscht! - der innere Spötter.)

Weil es draußen regnen könnte – es zieht so herum – hülle ich Notizbuch und das kleine Büchlein zum Zeichnen, das ich auch immer dabei habe, in ein Plastiksackerl und stecke beide dann in mein Albertinatascherl. Dabei schaue ich seit Monaten zum ersten Mal wieder in dieses Zeichenbüchlein und staune über die Zeichnungen und sie gefallen mir. Aber ich fürchte, ich werde damit trotzdem nicht weiterkommen. In mir ist zu viel abgebrannt (ha,ha,ha! Deine Leidensangeberei nimmt dir niemand mehr ab! - der innere Spötter). Ich habe auch nur die letzten zwei Zeichnungen angeschaut, eine vom März, eine vom Jänner.


(6.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 3. Juli 2026

4534 Plauderton

 



16:01.  Heute ist der Wind stark und warm. An sich nicht unangenehm, wie der so um die nackten Beine und Arme streicht, aber Unruhe bringt er schon: das ständige Gerüttel und Geflatter an Vorhängen & Co. Ich starre vor mich hin und das heißt - so wie ich hier im Lokal sitze – ich starre durch den offenen Mittelteil der Besteckstellage in den Bereich hinter die Budl, die offiziell natürlich einen besseren Namen haben dürfte. Aber manchmal reizt es mich, veraltete, aussortierte, als dialektal empfundene und bestenfalls rustikal geduldete Begriffe zu verwenden, vor allem, wenn mir das Ambiente etwas gehoben vorkommt, was im Prinzip ja kein Nachteil ist – für mich allerdings genügt für so eine Kategorisierung, wenn in einem Lokal erwartet wird, dass man sich den Platz zuweisen läßt, was ich gerne mich blöd stellend unterlaufe (oder betont unterwürfig - und das ist nicht gespielt – indem du untertänigst fragst, ob du dich dort hinsetzen darfst – der innere Spötter) – (Mir geht dein schnüffelnder und süffelnder Plauderton schon gehörig auch die Nerven! Und warum kannst du nicht einfach süffisant schreiben? - der innere Spötter.) Aber vermutlich ist das alles sowieso nur in meinem Kopf.

Interessant ist es, dass es unter den Gästen immer wieder eine Person gibt, die die Atmosphäre des Gastraums zur Gänze dominiert. Diese Person muß gar nicht besonders laut reden – eine gewisse Lautstärke gehört allerdings schon dazu – ich kann es auch nicht an dem festmachen, was sie sagt – obwohl: ganz wurscht ist das auch nicht – eher ist es der Tonfall. Und die Selbstverständlichkeit einer übertriebenen Anwesenheit. Die deutet freilich doch auf Unsicherheit im Tieferen hin, oder? Ich frage meine LeserInnen.

Die Musik ist auch angenehm und schön wehmütig (nein, nein! Noch heult er nicht! - der innere Spötter). Der Wind hat alle Wolken verblasen und die Sonne erzeugt so schöne Lichtflecken in den Fensternischen, die von so schönen, tiefen, scharfen Schatten begleitet werden, aber schon etwas von der Trauer des Abends und des Untergangs mitbringen. Ich bin schon anfällig für gefälligen Pop, nur traurig muß er sein und gut ist auch eine gezogene E-Gitarre (wegen der Nabelschnur wahrscheinlich – der innere Spötter). (Das mit der Nabelschnur meint der innere Spötter so: die Saiten der Gitarre als Symbol für die Nabelschnur, besonders wenn sie elektrisch verstärkt wird. Sozusagen ein Schwächlings und Muttersöhnchen Gejaule und Gejammer. Das dürfte er dem bajuwarischen Affenarsch abgeschaut haben. Ich selber habe mir versprochen, von diesem Typen nichts mehr zu übernehmen und ihn in meinen Texten nicht mehr zu zitieren oder zu erwähnen. Der hat genug angerichtet! - der Autor.)

Der Wind zerrt an der EU-Fahne draußen vorm Eich- und Vermessungsamt; die aber hängt fest. Und ebenso reißt der Wind am Sonnensegel des kleinen Schanigartens. Mein Gleichgewicht ist schon fragil. Und zur E-Gitarre ist noch zu sagen: auch wenn sie ordentlich „schweißt“, die Nabelschnur ist gebunden und nicht frei und der Gitarrist spielt Mamas wilden Liebling (ah! Jetzt kommt der Oberlehrer durch. Und hast du nicht bemerkt, dass du, ja du damit wieder dem bajuwarischen Affenarsch voll auf den Leim gegangen bist? - der innere Spötter).

Vermutlich ist das alles nur in meinem Kopf.

Der Schatten eines Firmensymbols vermutlich, auf der Glasscheibe des Fensters – nehme ich an – den ich an der Nischenwand da vorne langsam mit der absteigenden Sonne versinken und verschwinden sehe, zerreißt mir fast das Herz. Jetzt (16:59) ist er weg, und der Ort, wo er stand, er hat ihn vergessen (ich will jetzt wirklich nicht spotten; ich will nur wissen, ob du hier das Bibelzitat wirklich ernst meinst? - der innere Spötter).


(3.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 2. Juli 2026

4533 Der Pakt

 



11:13 a.m.  Im Espresso Burggasse tönt aus den Boxen nach einigen Hits aus meiner Zeit nun Jolene, das ich damals nicht so am Schirm hatte. Aber es ist ein Lied, das mir vor Jahren meine Töchter auf ihrer Geschenkcede neben Von hier an blind, Born to die, Knocking on heavens door, Paparazzi, Scientist, Space Oddity und Stadium Arcadium für mich gesungen und gespielt haben und schon – meine regelmäßigen LeserInnen ahnen es schon – kommen mir die Tränen. Hier ist das aber wirklich berechtigt, denn von der Liebe seiner Kinder berührt zu sein, kann doch nicht falsch sein! (Die Frage, die sich erhebt – Weigel schau owa! - ist eher, ob und wie sehr ich mich dieser Liebe würdig erwiesen habe. Aber das gilt für alle Kinder-Eltern-Beziehungen. Und damit es kein Mißverständnis gibt: ursprünglich lieben alle Kinder ihre Eltern! So, jetzt Schluß damit!)

Aus den Boxen kommt nun amerikanische, folknahe, rockige Bob-Dylan-Gitarrenmusik, wo sich der Verdacht auf Nabelschnurmusik auftut (um einmal nicht erhebt zu sagen), was meine Rührung noch erhöht (ach! Schon wieder so ein Ich-Text! - der innere Spötter). Auf meinem T-Shirt steht Ich bin freiwillig hier und damit könnte das Espresso Burggasse gemeint sein, überhaupt diese unsere Welt hier oder die sentimentalitätsverdächtige Rührseligkeit (es ist immer noch in Rechnung zu stellen, dass das die Droge Kaffee sein kann).

Der Deckenventilator steht. Mein erster Cappuccino ist ausgetrunken. Wie geht es weiter? Aha! Eine traurig-sehnsuchtsvolle Mundharmonika heult aus den Boxen. Natürlich geht es um die Liebe, wie ich wegen meiner schlechten Englischkenntnisse kaum, aber letztlich doch dem Liedtext entnehme. Jetzt Stand by me; Jetzt The Boxer. Ein bißchen angst und bange wird mir schon bei so viel nostalgischer Musik, die mich mehr aufwühlt, als mir (oder deinem Selbstbild? – der innere Spötter) lieb ist. Es geht weiter mit alten Hits – Have You Ever Seen the Rain? … Jetzt muß ich aufpassen, dass ich nicht komplett in meine Gymnasiumszeit mit allem Pi-Pa-Po abrutsche … house of the rising sun … und vieles andere.

Platzwechsel. Ich blicke jetzt direkt in die Laube hinaus (18°N) wie auf eine Bühne. In ihrem Hintergrund läßt der Regisseur ständig so Vehikel von links nach rechts durchs Bühnenbild fahren.

Dann kommt eine alte Bettlerin herein. Ins Lokal. Das wird hier zugelassen, wenn die Bettler die Gäste nicht zu sehr belästigen (und das gefällt mir sehr!) Niemand will oder kann ihr etwas geben, ich auch nicht. Sie steht herum, will nicht sogleich abtreten und murmelt etwas von der schlechten Welt. Sie ist wirklich sehr alt. Die ältere Frau am Nebentisch, die offensichtlich an ihrem Laptop arbeitet und mit der ich nach dem Eintreten ein paar Worte gewechselt hatte, reagiert ziemlich verbal-aggressiv im Tonfall und sagt etwas wie „Hören Sie auf, die Leute zu belästigen!“ Mir erschreckt daran die Wut, die da durchkommt. Ich meine, wenn sie das Gefühl hat, dass diese Frau ein bequemeres und leichteres Leben hat als sie, so kann sie doch ihren Job aufgeben, ihre Besitztümer weggeben und sich selbst zum Betteln auf die Straße stellen und die Lokale abklappern.

Die Szene ist schon längst vorbei, aber ich bin innerlich immer noch mit der strengen Frau in Verhandlung und sage alles, was ich jetzt nicht gesagt habe. Erst langsam kann ich wieder bewußt meine Umgebung wahrnehmen, etwa wie der Wind draußen durch die Krone der großen Platane und das Gebüsch dort streift.

California Dreamin‘. Die Musik davor konnte ich wegen meines inneren Bettlerin-Dialogs gar nicht registrieren. Warum geht mir das so nahe? (willst du das jetzt wirklich erforschen? - der innere Spötter.)

Der Lichtwechsel draußen auf der Bühne muß auch noch erwähnt werden. Offensichtlich ziehen Wolken über den Himmel, den ich von hier aus nicht sehen kann. Der nächste Bettler ist im Anmarsch und ich fürchte ein Auszucken der Frau am Nebentisch; solche Szenen halte ich schwer aus. Aber es ist gut ausgegangen: der Mann ist hereingekommen, hat seine Zeitungen (Augustin) angeboten, hat alle Neins einfach akzeptiert und ist wieder hinaus. Die Frau am Nebentisch hat nichts gesagt. White Room – ich heule schon beinahe. So kann das mit mir nicht weitergehen! Was muß für mich damals alles an dieser Musik gehangen sein! (Vielleicht ist das die Aufgabe für dein restliches Leben, dass du ordentlich zu heulen lernst – der innere Spötter.) Jetzt die Beach Boys. Die hier wollen mich heute mürbe machen! Wenn es mir zu viel wird, kann ich ja gehen. Das Agieren der Schauspieler auf der Bühne habe ich noch nicht beschrieben: sie sitzen da, essen, trinken, reden, gestikulieren … mehr ist nicht zu sagen; jedenfalls spielen sie es geschickt auf realistisch. Noch so ein alter Hit; Titel und Band fallen mir nicht ein. Wenn ich die Lichtverhältnisse draußen, den Wind und so weiter richtig deute, sind jetzt ideale Wetterverhältnisse für den Weg nach Haus (an das Universum: er meint mit Zuhause die Schreygasse, nicht die Ewigkeit oder etwas in der Art – der innere Spötter). Der Aufbruch jetzt wäre etwas früh. Die Frau am Nebentisch, obwohl sie still und konzentriert am Laptop arbeitet, ist mir seit dem Zwischenfall unangenehm (ich beziehe ihren ihr von mir unterstellten Vorwurf an die Bettlerin, unselbständig und schmarotzerisch zu sein, sofort auch auf mich und habe dem innerlich kaum etwas entgegenzusetzen). Ich gehe. Und ich gehe in eigener Verantwortung und freiwillig und mache niemandem Vorwürfe. Bis bald, geliebtes Espresso Burggasse.

13:00.  Beim Weggehen habe ich noch der Frau am Nebentisch einen schönen Tag gewünscht – übrigens sitze ich im Hof des Museumsquartiers und eine Taube bettelt mich an; die da oben haben schon Sinn für Humor! - habe der Frau also einen schönen Tag gewünscht, denn das gehört sich für mich und ich sagte es einigermaßen ehrlich und in segnender Professionalität (wenn es nicht ein blödes Selbsterhöhungs-Selbstbeweihräucherungstheater und saudepperter Unterwerfungs-Masochismus ist – vielleicht wäre es wichtig gewesen, der Frau zu sagen, dass man/frau nicht das Recht hat, die Möglichkeit zu unästhetischen Begegnungen wegradiert zu bekommen; vor allem, wenn man/frau selber eindeutig gesellschaftlich und sozial in einer besseren Position ist. Oder es waren deine "guten Wünsche" gar ein passiv-aggressives Dem-andern-glühende-Kohlen-aufs-Haupt-Streuen, was schon recht unverschämt wäre – der innere Spötter).

Und an der Kreuzung Burggasse/Museumstraße habe ich gesehen, wie ein junger Priester in Soutane – also vermutlich stockkonservativ – an der Fußgängerampel den Knopf gedrückt hat, aber den, der nur die Lautstärke des Blindensignals erhöht und so mehr Lärm, aber keine frühere Grünphase bringt, und ich eile auf ihn zu, um ihm das mit versteckter, hinterfotziger Aggressivität zu sagen, aber er versteht kein Deutsch. Vermutlich hat mich getriggert, dass er als völlig weltfremder junger Mann im Gegensatz zu mir doch seinen Ort, sein Arbeitsgewand und sein Einkommen gefunden hat, wobei auch ich annehme, dass er in seinem Job mehr Schaden anrichtet, was nicht heißt, dass ich und auch die progressiven Katholiken aus dem Schneider sind. Okay. Ich gehe jetzt weiter und schleppe in der Hand die bestellten Klebeetiketten mit, die größenmäßig nicht in mein Albertinatascherl passen, was ich nicht erwartet habe, weil ich nicht mit diesem Verpackungsgrößenwahn gerechnet habe.

14:30.  Heute spielt in der Fußballweltmeisterschaft Österreich gegen Spanien. Ich hatte überlegt, wo ich das Match anschauen soll: Katscheli, Public Viewing irgendwo, oder doch zu Hause. Ich hatte mich für letzteres entschieden. Aber heute auf meiner Fußwallfahrt durch die Stadt treffe ich zufällig auf der Straße die Chefin und eine Kellnerin vom Katscheli, und damit ist meine Entscheidung aufgehoben und durch eine neue ersetzt: ich werde ins Katscheli gehen. Ich kann diesen Wink des Schicksals doch nicht ignorieren und möchte keinesfalls die Schicksalgöttinnen gegen mich und mein Land aufbringen! Das können heute weder ich noch die österreichische Nationalmannschaft brauchen! Um diesen Pakt zu bestätigen und abzusichern, bin ich am Heimweg gleicht ins Katscheli auf ein Getränk eingekehrt. Amen!


(2.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com