4621 Auf der Ofenbank
10:23 a.m. Ich bin soeben im Espresso Burggasse angekommen, nur damit ihr wißt, dass ich gut aufgehoben bin.
11:11 a.m. Faschingsbeginn oder was? So weit sind wir noch nicht, obwohl ich mir immer etwas verkleidet vorkomme. Wobei: verkleiden tu ich mich gern. Übrigens sitze ich im zweiten Raum hinten vorne beim Ofen, ganz nahe am Photo des tätowierten Maori-Priesters in Soutane, ich nehme an: Church of England respektive Anglican Church in Aotearoa, New Zealand and Polynesia. Von hier – teilweise hinter einem Mäuerchen – habe ich schon einen, aber eingeschränkten Blick in den vorderen Gastraum und durchs Fenster auf die Gartenlaube. Zwar sehe ich hinter dem Gebüsch schemenhaft die Autos die Burggasse hinunter flitzen, aber die Platanen sehe ich nicht. Und das Hirschgeweih hoch oben im ersten Raum lugt hinter der schönen Glaskugellampe hervor. Den Lichtengel kann ich nicht sehen und ich habe beim Hereinkommen nicht geschaut, ob er auch heute leuchtet und strahlt. Ich sitze sehr gekrümmt da und es biegt mich stark nach vorne; besonders bequem dürfte die Ofenbank nicht sein (freilich, es könnte auch sein, dass ich falsch sitze und selber schuld bin) (Oida! Deinen vorgetäuschten Schuldkomplex mußt du nicht so penetrant ausbreiten! - der innere Spötter). Die Kellner haben mir beim Eintreten ins volle Lokal einen besseren Platz in Aussicht gestellt, den ich in meiner übergroßen Bescheidenheit abgelehnt habe. Das meine ich allerdings nicht mit falsch sitzen, sondern dass ich in eigener Verantwortung eine ungeeignete Körperhaltung einnehme. Aufs Klo müßte ich auch, aber bei meiner aktuellen Verunsicherung (die ich mir selber eingebrockt habe!) habe ich Hemmungen. Aber bald werde ich mich durchringen müssen.
11:35 a.m. Ich habe es zwar aufs Klo geschafft, aber – wie soll ich sagen? - nichts rausbekommen. Hoch oben, sogar über dem Ofenrohr, residiert auf einer runden, an die Wand montierten Holzscheibe eine (leere) Weinflasche. Vermutlich eine besondere. Dass ich von hier aus das Etikett nicht lesen kann, ist wurscht, denn der Name des Weines würde mir sowieso nichts sagen. Hinter dem Ofenrohr segelt ein voll geblähtes Blechsegelschiff von einem Südseestrand – ich denke an eine Insel – ins Meer hinaus. Irgendwie lustig dieses Fünfzigerjahre-Wanddekor und wie es aus Blechstücken und gebogenen Metallstäben und Drähten gemacht ist. Zum Beispiel die Meereswellen (Nein! Stopp! Du assoziierst mir jetzt nicht den Grillparzer! Das darfst du nicht! Du kennst doch nur die Überschriften und täuscht eine nicht vorhandene Bildung vor – der innere Spötter).
11:58 a.m. (Damit ich noch die letzte a.m.-Zeit erwische; ich weiß auch nicht, woher mein Faible für ante meridiem kommt; wegen dem aufsteigenden Sonnenoptimismus oder bloß aus Pseudobildungsdünkel wegen des Latein?) Ich sitze hier schon irgend wie auf einem Armen-Sünder-Bankerl, was schon zu mir passt, wenn mich doch der Gestank des Hygienezeugs aus den Klos stört. Im Winter, wenn der Ofen glüht und die Glut durch das Ofentürl mit Scheibe sichtbar ist, ist es wahrscheinlich zu heiß hier (das nächste Mal werde ich mich, wenn es möglich ist, wieder auf meinem Stammplatz setzen, aber heute koste ich die harte Ofenbank bis zum Ende aus).
13:00. Der Lichtengel leuchtet und strahlt. Ich bin aufgestanden und habe erst jetzt hingeschaut (13 Uhr Sommerzeit; in Wahrheit High Noon, von nun an geht’s bergab. Die Sonne beginnt zu sinken).
Am Klo (zweiter Versuch. Nichts) steht auf einem Plakat „Das Ende ist nah“. Das ist natürlich schon auf dem Plakat ein Zitat. Mach ich das, die Welt in Zitaten und zitierten Zitaten zu beschreiben? Ich trinke fast das ganze Glas Wasser aus (lieber Freund, erkläre mir, warum beschreibst du alles so gern in solch umständlichen Kurven von der anderen Seite her? „fast das ganze“? Warum nicht „ich trinke einen kräftigen Schluck Wasser“? Denk einmal darüber nach!- der innere Spötter).
(Dein Lieblingsplatz im vorderen Raum ist schon längst frei. Ist dein heutiger Platz hier dein Schmollwinkel? Aber auf wen schmollst du? Aufs Lokal kann nicht sein, denn dir wurde zweimal ein besserer Platz angeboten. Oder hast du dir gedacht: ich verordne mir zur Strafe Winkerlstehen und begnadige mich gleichzeitig dazu, dabei sitzen zu dürfen? Weißt was: geh jetzt nach Hause! - der innere Spötter.)
Halbherzig reibe ich mir die Augen und grüße – auch halbherzig – den Hirsch hinter der runden Deckenlampe. Dann trinke ich den Kaffee aus und mache das, wozu mich der innere Spötter aufgefordert hat.
13:43. Im Museumsquartier ist die Tonspurpassage von einer Kanalräumbrigarde belegt. Ob die Tonspur dabei weiter läuft, konnte ich bei dem Lärm nicht feststellen. Ich glaub’ aber schon. Der Kleinbaggerfahrer schimpft „Gurwa! Gurwa!“ - aber nicht zu mir. Er lacht dabei. Vermutlich hat er seinem Arbeitskollegen etwas erzählt (also auch ein Zitat, das – wenn Polnisch – mit „K“ geschrieben würde).
(22.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com