Dienstag, 12. Mai 2026

4463 Ich glaube: live

 



12:50.  Am Heimweg ein kurzer Abstecher zum Giacometti (ich glaubte, im Mumok gäbe es eine neue Ausstellung, aber die offen sind, kenne ich schon alle. Aber das macht nichts). Das habe ich bereits gesagt: mir wäre die femme debout III von den anderen Ausstellungsstücken abgesetzter und allein stehend lieber, aber das Konzept hier sieht Konfrontation, Gegenüber- und Nebeneinanderstellung vor. Wer bin ich, dass ich das begutachten will.

Andererseits renne ich da mit Notizbuch und Pilotstift in der Hand herum, als würde ich mich in diesem Museum nicht bloß auskennen, sondern als wäre ich vom Fach oder sogar Kurator oder sonst ein wichtiger Mann hier (denkste! - der innere Spötter) – naja, ich kann auch entsprechend wichtig dreinschauen – ich muß lachen, woher ich diese Chuzpe nehme (und? Lachst du auch darüber, dass du dich an jüdischen Wörtern vergreifst und dich damit völlig zu Unrecht aufplustern willst? - der innere Spötter).

Na gut, gehen wir einen Stock tiefer zur Barbara Kapusta, die ich auch so gerne anschaue.

Dort wird eine Schulklasse belehrt und die Stühle vorm Video, dem ich so besonders gern zuschaue, sind alle besetzt. Ich gehe deswegen in den größeren Raum zurück und zu George Grosz, Victor Brauner und Friedl Dicker-Brandeis nach hinten. Jetzt wird die Klasse abgezogen und es wird ruhiger und ich tanze in den frei gewordenen Zwischenräumen zwischen Barbara Kapustas Giants herum, weil die Videostühle immer noch besetzt sind. Ich fange gefährlich zu schwanken an und fürchte, mit dem aufgeschlagenen Notizbuch vorm Bauch, dem Griffel in der Hand und der abgesehen von Lesen und Schreiben optisch verunsichernden Brille auf, auf eine der schönen Skulpturen zu stürzen. Darum nehme ich mehr Abstand und setze mich auf einen der soeben frei gewordenen Sessel vorm tollen Video von Barbara Kapusta … (jetzt hast du typischerweise zu lange im Stehen herumgeschrieben, bevor du dein Vorhaben ausgeführt hast, und jetzt sind wieder alle Plätze besetzt – der innere Spötter). Aber jetzt! Der Mann neben mir nimmt das Video auf. Ich lasse mich zunächst nur von Begleitmusik und Begleitstimme, deren Englisch ich gar nicht verstehe, davontragen, bevor ich auf den Bildschirm schaue. Gut, dass es diese Ausstellung noch gibt! Sie berührt mich immer. Ich hoffe, dass in meiner Treue und Hingabe nicht nur Unterwerfung und toxisches Absaugen fremden Lebens ist, sondern auch Liebe. (Ich war sicher schon zwanzigmal hier.) Und die zerspringenden Ringe und die zerspringende Hand lösen immer noch einen kleinen Schock aus. Geht es doch nur um den Reiz? Das wäre schade. Ein wenig gehe ich noch umher, dann verlasse ich die Ausstellung in … Stimmung (welches Wort würde passen? Weinerlich, wenn es nur beschreibend und nicht abwertend wäre. Mit Tränen in den Augen ist übertrieben, denn ich weine nicht; ich bin dem nur nahe).


14:47.  Das Wandern durch die 12-Grad-Celsius-Stadt hat mir gut getan. Ich sitze nun auf einer der Bänke vor unserem Haus im Wind unter den Säulengleditschien und warte, bis die Tageskinder-Abholzeit-Rush-Hour mit ihrem Gedränge im Vorzimmer vorbei ist. Eine Taube fliegt auf und davon. Eine schwarze Krähe (hier gibt es auch Nebelkrähen) zieht nicht allzu hoch über uns hinweg. Aus irgendeiner Wohnung in der Gasse ertönt ein Klavier. Ich glaube: live.


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4462 Gutt!

 



10:11 a.m.  Oh! Ist das sauguat! Im Lieblingscafé, ein üppiges, köstliches Schinkenbrot mit aufgeschlagener Butter mit Kren, der erste Cappuccino schon ausgetrunken, mit REMboxverteilungsSMS beschäftigt – also voll im Geschäft – boah! Ist das vui gutt (oder gout)! Ist das urgeil! Ich fühle mich großartig! CCR und die Box Tops (The Letter) aus den Boxen (das sind schöne Lieder! Es geht mir nicht um Nostalgie; die RHCP zum Beispiel, oder Aldous Harding oder Agnes Obel et cetera würden mir auch gefallen). Jetzt geht die Musik schon mehr in die amerikanischen Fünfzigerjahre – der Johnny Cash ist noch gegangen – aber bei dem da steige ich aus.

Und warum der Rückfall ins rustikale Sprachgut als Ausdruck deiner Euphorie? – fragt der innere Wächter. Ja, das ist eine interessante Frage. Ich stöbere schon in meinen Kindheitserinnerungen, so richtig fündig werde ich nicht (abgesehen davon, dass auch in meiner Kindheit rustikales Sprachgut nicht meines war). (Jetzt kommt eine neuerer Johnny Cash aus den Boxen, den ich mag). Egal. Lesen wir wieder Zeitung.

11:06 a.m.  Die E-Gitarre klimpert so schön in ihrem Understatement (bitte! Schreib jetzt nicht aus den Boxen! - der innere Spötter). Ja, ich sitze wirklich mitten im Weltgeschehen! Rundherum spielt sich das Leben ab und draußen bläst der Wind durch die Platanen (ich mußte vier oder 5 Sekunden nachdenken, bis mir der Name der mir so vertrauen Bäume eingefallen ist. Arbeitet mein Gehirn schon an seiner Auflösung?) und den Weingewächsen am Gestänge der Laube (und was es sonst noch an Pflanzen in der kleinen Oase gibt). Eine schwermütige Mundharmonika zieht ihre monotone, sehnsüchtige Linie durch den Song; keine Ahnung wer; ich bin und bleibe ein Amateur, ich hoffe, dass das wirklich von der Liebe kommt (keine Hobbies! Darauf bestehe ich, weder das Schreiben, noch das Zeichnen, noch das Musikhören, noch sonst irgendwas ist bei mir ein Hobby!). Ich schlage die REMbox auf und gerate an die Hinterköpfe von Manfredu Schu, Hannes Priesch und Peter Battisti (Seite 111; mehrfacher Uranus, glaube ich). Was sagt uns das? Keine Ahnung.

Langsam werde ich es gewohnt, die REMbox am Tisch liegen zu haben: es kommt mir fast gar nicht mehr komisch, aufdringlich oder angeberisch vor.

Heute hat zum ersten Male jemand gefragt, was das für ein Buch am Tisch sei, wenngleich die Dame selbst auch ein – wenn ich spöttisch wäre, würde ich sagen: „missionarisches“ Anliegen hatte, wie auch ich auf meine passiv-autoritäre Art (die REMbox als verführerisch gewünschte Aufmerksamkeitsfalle am Tisch liegen haben). Vielleicht werde ich auf einen Vortrag eingeladen.

Ich selber, ich rede zu viel. Eindeutig rede ich zu viel. Kaffeerausch und aufgekratzte Euphorie – aber ich beklage mich nicht, ich kann das schon genießen und darüber lachen. So! Bevor ich hier überständig bin, werde ich jedoch aufbrechen.


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4461 Undicht

 



0:14 a.m.  Das Gefühl, als würde eine Uhr in meiner Mundhöhle ticken und ich die Unruh spüren, wie sie im Mund hin und her springt. Naja, es wird wohl das Pochen des Herzschlags sein, den ich da wahrnehme. Ein eigenartiger Tag ist das heute (11.5.) gewesen. Nichts besonderes ist geschehen, nur so ein Schleier von Fremd- und Eigenartigkeit. Und jetzt bin ich – unverständlich – erschöpft. Ich gähne lang und in stoßartigen Wellen, und dann nochmals in einem lange sich dahinziehenden, einzigen Zug. Genug! Schlafen.


8:04 a.m. Eine Träne rinnt aus dem Auge vorsichtig am Rande der Wange hinab, links, eine – wie mir scheint – allergische Reaktion, die zusammen mit Niesen gerne am Morgen auftritt. Es regnet, und mein Zimmerfenster ist tatsächlich undicht, wenn ein starker Wind das Wasser gegen die Scheiben klescht. Aber jetzt regnet es wieder moderat und brav von oben nach unten und somit besteht im Moment für meine Kemenate keine Gefahr.

Bis jetzt ist dieser Morgen ganz angenehm, gefrühstückt habe ich schon; auch sonst. Der Tag liegt leer vor mir, was er alles schon vorbereitet hat, weiß ich natürlich nicht (also dürfte die Leere in mir liegen). Schauen wir, was wir mit der Leere jetzt anfangen können; alle Varianten gelten, selbst einschlafen. Das will ich nämlich klar gesagt haben, von vornherein gibt hier kein richtig und falsch (hast du das auch wirklich verstanden? - der innere Spötter).


(12.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 11. Mai 2026

4460 Pflichtbewußtsein?

 



16:23.  Es ist Nachmittag und ich bin müde. Ich bin den ganzen Tag etwas neben der Spur. Das Gewitter ist vorüber und ich wundere mich, dass bei meinen alten Doppelfenster auch die Scheiben des inneren Flügels bis zur halben Oberlichte hinauf Regenspritzer abbekommen haben. Ich kann mir das nicht erklären; während des Gewitters war ich nicht zu Hause, sondern in meiner Psychotherapiestunde. (Und ich wundere mich, dass ich beim dritten Satz auch schreiben wollte, aber zuerst und hingeschrieben habe, während mein Geist auch denkt. Was ist da los?) Eigentlich wollte ich die angestauten, handgeschriebenen Texte eintippen und auf die Schublade stellen, aber ich mag nicht. Ich mag nicht. Ich fühle mich kraftlos und müde und es fällt mir ein, dass ich schon den ganzen Tag mühsam und gekrümmt umherschleiche. Ein paar Seiten habe ich gelesen (Melinda Nadj Abonji, Tauben fliegen auf), dann war der Roman „ausgelesen“. Ich versuche, mich mit dem Gedanken anzutreiben, dass, stürbe ich jetzt, die letzten zwei (jetzt drei – der Korrektor) Texte nicht auf der Schublade gerettet und verfügbar wären, aber der Trick funktioniert heute nicht, weil es mir völlig wurscht ist. Was für eine komische Erschöpfung, für die ich keinen Grund erkennen kann; ich habe mich heute nicht angestrengt. Oder merke ich das nicht mehr?

Mit Pflichtbewußtsein (?) hat es funktioniert: als mir eingefallen ist, dass ich das Geschirr noch nicht gemacht habe und es meine treue Frau morgen für die Tageskinder braucht, habe ich es geschafft, wieder tätig zu werden.


(11.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4459 Schwere Augen

 



8:43 a.m.  Graues Licht kommt beim Fenster herein und ich hocke satt im Bett, mein Bauch voller Müsli, die Augen brennen ein wenig und ich nehme mir einen entspannten Vormittag vor mit lesen und schreiben. Aber die Augen fallen mir noch zu, und so verfolgt meine Aufmerksamkeit bei geschlossenen Augen, wie sich der Speisebrei in meinen Innereien (er traut sich nicht Magen oder Darm schreiben, weil er sich anatomisch überhaupt nicht auskennt – der innere Spötter) langsam fortbewegt. Zumindest habe ich den Eindruck, dass es das ist, was ich wahrnehme. Je nachdem, wo meine Gedanken hin kreisen, kann auch Angst kurz aufwallen, aber im Griff hat sie mich heute nicht. Ich hebe die Augenbrauen so weit es geht an, aber die Lider bleiben geschlossen. Ich stelle an meinen Augen eine leichte Unklarheit fest und schon füllen sie sich mit Tränen. Das ist eindeutig eine körperliche Reaktion, keine seelische. Mir fällt auf, dass ich - um für mein Notizbuch mit den Oberschenkeln eine Auflage zu schaffen habe ich die Beine herangezogen und die Füße an sich auf dem Leintuch aufgepresst – dass ich die Füße also mit den ins Leintuch gepressten Fersen als Drehpunkt vorn hochgestreckt habe und dabei die Zehen spreize. Das wirkt etwas verkrampft, obwohl ich entspannt sein will. Das Grau am Fenster wird auch schon etwas heller und klarer und die Augen bekomme ich immer noch schwer auf.


(11.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4458 Das fröhliche Müsli

 



9:10 a.m.  Ich ziehe den Rotz hoch (weil beim Schneuzen die Nase verstopft ist und nichts weitergeht) und schaue auf die abgefallenen Blütenblätter der Pfingstrosen am großen Tisch im Wohnzimmer und auf die Blumen selbst in den zwei Vasen. Die Frühstücksvorspeise ist da, aber ich bin noch traumverwirrt und traumverhangen (ich träume fast täglich von REM) und reagiere nicht. Unser dreifaltiger Wohnzimmerbaum in den zwei Töpfen schaut heute anders aus: irgendwie „transparenter“ und „deutlicher“, ausdifferenzierter und „zerrupfter“, also detailgenauer; ein bisserl dekonstruiert. Aber das wird wohl an meinen Augen und meinem Bewußtsein liegen; die drei Pflanzen werden sich von gestern auf heute nicht so verändert haben. Eine Amsel schimpft im Hof (wenn es denn eine Amsel ist) und bevor ich mir in meinem getrübten Zustand wirklich Klarheit verschaffen kann, hat sie aufgehört. Ich verschlinge nun die Vorspeise (Salatblatt, Paprikastückchen, Orangenstückchen, Zuckermelonenstückchen) und der Vogel, der jetzt singt, ist eindeutig eine Amsel; um das zu erkennen, reicht meine Weltkenntnis aus. Das Tablett mit dem fröhlichen Müsli, dem Getränk aus Kurkuma latte und Rise & Shine Raw Cacoo & Mushrooms Morning Mix With Lion’ Mane, Maca, Ashwagandha & Spices aus Portugal, der Kerze im Glas und den Vitamin D3-Tropfen bringt mir meine liebe Frau ins Bett.


(10.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4457 Zweitöpfig

 



8:46 a.m.  Oh! Ich muß noch die Zimmerpflanzen gießen! Heute ist ihr Tag.

8:54 a.m.  Done. Und jetzt? Ich bin voller Tatendrang, aber mir fallen keine passenden Taten ein. Ein wenig huste ich, als hätte ich Wasser in der Lunge (was einem Hypochonder hald (sic!) alles so einfällt – der innere Spötter). Dabei will ich nicht glauben, dass ich Hypochonder bin. Egal, wenden wir uns höheren Dingen zu.

Der dreifaltige, zweitöpfige Wohnzimmerbaum mit seinen Bändchen, die ihn hochziehen und halten, dass er nicht zusammenfällt, ein oder zwei Wäschekluppen stecken im Gezweig und ein nicht leuchtendes Papierlampenimitat aus Papier. Ich frage mich: vertragen sie sich gut, der Avocado, die Monstrera und der Benjamini? Oder haben sie einen lebenslangen, zermürbenden Konkurrenz- und Überlebenskampf in ihrer unfreiwilligen Dreiecksbeziehung?
Jetzt ist das Frühstück da.


(9.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com