Freitag, 6. März 2026

4379 Vor meinen müden Augen

 



23:08.  Vor meinen müden Augen verwandelt sich die Hafenstraße von Mali Lošinj in ein Tier, einem Eisbären ähnlich aber nicht gleich, das Beute mit dem Maul geschnappt hat und aus dem Meer zieht. Rettenschoess versinkt rechts in ein finsteres Loch. Veli Lošinj scheint jetzt stabil, aber das ändert nichts daran, dass es wie immer schon langsam von der aus dem Hintergrund heranwallenden reinen Energie aufgelöst wird, wenn man genau hinschaut. Ach, diese schöne Stille hier in meiner Kemenate! Sie wird nicht einmal von meiner Unzulänglichkeit vertrieben.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4378 Nicht ausgetrunken

 



9:45 a.m.  Der Lichtengel ist heute nur einflügelig. Und das Hergehen ohne Frühstück und mit leerem Magen wäre aufregender gewesen: das Hohle in der Leibesmitte zöge deutlicher ans Ziel und erzeugete eine größere Vorfreude, so, dass ich dann regelrecht jubelnd ins Espresso Burggasse geeilt wäre.

10:55 a.m.  Heute sitze ich so, dass ich direkt auf und durch die Fensterfront und weiter auf die Burggasse schaue. Wie auf einer Bühne des Lebens tauchen Gestalten und Gesichter auf und verschwinden meist wieder und ich sitze da und schaue ihnen bei alter Musik aus den Sechzigerjahren zu. Plötzlich heult alles andere übertönend und verdrängend ein Kranken- oder Polizeiwagen vorbei. Nur kurz, dann ist der Status quo ante (anscheinend) wieder hergestellt (er hat auch erst im Fremdwörterbuch nachschauen müssen, wie das genau heißt – der innere Spötter). Aber das ist nichts Neues. C’est la vie! (und der Tod). Ich betrachte die schöne Rinde der Platane draußen. Manche Passanten gehen nicht vorbei, sondern kehren in den wieder geöffneten Schanigarten ein. Manche Passanten werfen im Vorbeigehen einen Blick ins Lokal herein. Heute ist viel los hier. Ich breche jetzt auf. Oh! Ich habe noch gar nicht ganz ausgetrunken.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4377 Lesen

 



0:57 a.m.  Die Lektüre von Dimitré Dinevs Zeit der Mutigen berührt mich sehr. Ganz benommen bin ich vom Lesen (der innere Spötter wollte schon kommentieren „obwohl er nicht mutig ist“, aber ich habe es ihm verboten). (Weil dann offensichtlich geworden wäre, dass ihn das Buch so berührt, weil er nicht mutig ist; also sich die beschriebenen Abenteuer ausleihen will – der innere Spötter.) Lassen wir das. Ich liebe diese Stimmung, wenn ich aus einer tiefen lesenden Versunkenheit auftauche; selbst das Surren in den Ohren ist von den „empfangenen“ Bildern und Worten beeinflußt und die Luft rundherum sowieso.

Ich blicke auf den Holzraben am Fenster und verschwommen, wie ich wegen der Lesebrille wahrnehme, erscheint er mir fast lebendig und ich meine, ein Vibrieren durch seinen Körper laufen zu sehen, auch ganz leichtes Flügelschlagen, das ihn im Gleitflug hält, und immer wieder ein weißlich-hellgelbe Aura um seine Gestalt herum.


(5.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4376 Ein Hammer

 



16:50.  So! Jetzt noch der vierte Arzttermin innert vier Werktagen. Jetzt muß wieder a ruah sein! Schnell noch den ersten Kaffee des Tages bei einer U-Bahnstation. Hektisches Ambiente, aber der Kaffee ist gut. Wirklich gut. Jaaaa, wie meine schon aufgekratzten Nerven sich jetzt … ja was? beruhigen? Vorerst ja. Ein Kind schreit und Kommissarin Schnell lächelt von der Straßenbahn her (Kommissare gibt es in Österreich so nicht! - der Besserwisser). Es ist zu befürchten, dass dieser medizinische Termin einen weiteren nach sich ziehen wird. Aber der Kaffee ist richtig gut. Anruf von REM. Die Präsentation der REM-Buches wird ein Hammer!


(4.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 4. März 2026

4375 Das Nichts

 



23:44.  Ich habe im Bett gelesen und hocke jetzt da vor dem Nichts und gaffe es an. Nein, kein schreckliches Nichts, nicht das große Nichts und nicht die Leere zwischen den Teilchen, nein, ein Nichts, das aus nichts anderem besteht, als dass ich nun nichts zu tun habe, morgen nicht früh raus muß, keine allzu großen Vorhaben erledigen muß, noch nicht ganz müde bin und eigentlich ganz zufrieden. Darum ist es ein angenehmes Nichts. Und still ist es auch um diese Zeit in meiner Kemenate. Dieses Nichts ist so angenehm, dass ich gerne darin verweile.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 3. März 2026

4374 Proskynese

 



11:17 a.m.  Jetzt im Leo (wir im Ennstal haben als Kinder zum Asylstein die Bande gesagt, vielleicht eine Verballhornung von Bahne?), aber auch hier kann ich keine aktuellen Zeitungen finden. Und der Leo-Artikel im Falter ist im hiesigen Exemplar ausgeschnitten und fehlt (weil er an der Wand hängt, was ich aber nicht gesehen hatte). Ganz hoch an der Wand – ich könnte sie nicht derglangen - hängt eine Kinderjacke. Musik und Einrichtung sprechen mich an. Auch hier eine abgescherte, aber nicht übertünchte Decke, was ich meist mag. Auch die hohen Fenster zur Leopoldsgasse hin gefallen mir. Die Vorbeieilenden - einer schleppt ein großes Trumm, anscheinend nicht allzu schwer – wirken wirklich alle in Eile; vielleicht doch nur ein verdrehter Dopplereffekt aus der Perspektive eines Sitzenden. Die Sonne kommt jetzt durch und beleuchtet die Glatze eines Passanten, sodass sie glänzt. Ich finde – im Moment – die Stadt schön (obwohl gerade ein schwarzer Hund sein Frauchen vorbeizieht und mir die verschissenen Trottoirs einfallen). Ein tiefes Saxophon als Intro der aktuellen, mir unbekannten Nummer aus den Boxen. Ich lächle in mich hinein – was man schon auch außen sehen könnte – weil ich mir gerade einen schönen Dialog hier im Leo über die Etymologie von Bahne/Bande und andere mit der Autorin des Falterartikels über Leo ausdenke. Whow! Gerade kommt sie wirklich und in echt bei der Tür herein! Ein Wunder! Aber ich traue mich nicht, sie anzusprechen (erstens: bin ich mir nicht hundert prozentig sicher, ob die hereingekommene Dame wirklich Frau Dusl (korrekter Name nachträglich recherchiert – der Tipper) ist; zweitens: überhaupt, vielleicht fühlte sie sich belästigt). Jetzt bin ich im Stress: ansprechen oder nicht? Wenn ich sie schon herbeiphantasiert habe! (jetzt glaubt er, er ist ein Wundertäter! - der innere Spötter.) Ein richtiges Abenteuer (bis jetzt nur im Kopf – der innere Spötter)! (Außerdem: wie nennt man das? Namedropping? - der innere Spötter.) (Bis jetzt ist ja nichts geschehen. Aber eine Etymologieexpertin!) Jetzt müßte ich noch herbeizaubern, dass jemand sie mit Namen anspricht, damit ich sicher bin (weil: ihren Namen habe ich, wie ich feststelle, nur undeutlich und schlampig, möglicherweise entstellt abgespeichert). Wie so oft traue ich mich nicht hinaus aus meinem Innenleben. Und wenn ich es doch versuche? Aber was sage ich? Dass wir im Ennstal - zum Wienerischen Leo - die Bande gesagt haben? Ist das nicht ein wenig mickrig?

Erst bei meinem Aufbruch und im Hinausgehen habe ich mich getraut, sie anzusprechen; sozusagen unmittelbar vor der Flucht aus dem Asyl. Und sie hat gelächelt! Ich bin high! Mein Glück kennt keine Grenzen, so eine schöne Proskynese (griechisch: Kniefall, liegende oder knieende Ehrenbezeugung; wörtlich: Anhündelung)!


13:02.  Natürlich denke ich mir jetzt: „was für ein unnötiger, peinlicher Auftritt! Ich habe mich nicht einmal vorgestellt. Außerdem hat sie gerade das aufgeschlagene Frühstücksei essen wollen und das ist durch mein Gequassel sicherlich zu sehr ausgekühlt.“ Wurscht! Ich muß trotzdem lachen. Dass ich mich zum Deppen mache, kenne ich schon und schreckt mich nicht mehr wirklich.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4373 Die Steckdose

 



9:44 a.m.  Vielleicht geht schreiben im (Welt)Café besser. Nein, geht nicht besser.


Nach dem Frühstück: besser? Bis jetzt nicht. Ist meine Schreiberlingsphase vorbei? Der eingerollte Sonnenschirm draußen im Schanigarten auf der Schwarzspanierstraße wirkt wie eine schmale Skulptur (Schau! Geht doch! - der innere Spötter). Gut, jetzt heißt’s einfach sitzen bleiben. Ich schlage die Beine übereinander (Vorbild: Walther von der Vogelweide – der innere Spötter), was den Schreibmodus fördert und stabilisiert. (Nach diesem beschissenen Psychiater muß ich alles neu lernen beziehungsweise neu aufrufen. Wobei ich oft nicht weiß, was ich da noch abgespeichert hatte.) Die Frühstücksspeisekarte habe ich schon fotografiert, eventuell für das Geburtstagsfrühstück mit meinen Töchtern. Die Bilder an der Wand Sch… - ich suche dennoch schöne Stellen. Die Steckdose gegenüber fällt mir wieder ein – sie ist frei, aber zeitweise durch den Kopf der jungen Frau verdeckt; also Augenkontakt mit ihr – der Steckdose – ist heute nicht möglich. Jetzt kurz doch: sie – die Steckdose – blickt still, ruhig und stabil zurück. Ein Schluck vom Kaffee. Die Frage, wie lange die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auch hier bei uns einigermaßen stabil und friedlich bleiben, stellt sich doch auch in meine Kaffeehausidylle herein. Der zusammengeklappte Schirm draußen – von grauer Farbe – wirkt tatsächlich mit dem kleinen, runden Knopf oben wie eine Karikatur einer barocken Heiligenfigur à la Dreifaltigkeitsbrunnen. Irgend so ein geschrumpfter, abgemagerter Asket, die Arme hat er sich schon weggehungert, aber noch steht er aufrecht und der Faltenwurf ist sehr überzeugend. Sein ovaler Heiligenschein – eine Lampenspiegelung im Fensterglas – verfehlt jedoch deutlich sein Schrumpfköpfchen. Aber obwohl die Arme fehlen, kann man am Faltenwurf seines Gewandes seine Arme und seine betenden, flehenden oder segnenden Hände erahnen. Wirklich! (Das Foto davon ist nichts geworden, entweder bin ich zu nahe, dann entsteht der Heiligeneffekt nicht, oder ich bin zu weit weg, dann schafft es die „Figur“ nicht in die fotografische Sichtbarkeit – der Autor.) Ob die fehlenden Arme auch noch Kraft hätten, weiß ich nicht. Ich muß seit Tagen an den Hauptquälgeist meiner Kindheit, den Hackl Sepp denken; soll schon länger tot sein. Wie schon betont: sitzen bleiben ist angesagt. Oder wo könnte ich hingehen? Hier gibt es keine gescheiten Zeitungen. Ich werde sehr unruhig.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com