Dienstag, 14. April 2026

4419 Schnittlauch

 



11:26 a.m.  Beim Essen des köstlichen Schnittlauchbrotes mit viel, viel Schnittlauch auf aufgeschlagener Butter auf Sauerteigbrot in meinem Lieblingscafé fallen viele Schnittlauchstücklein auf das unterlegte Papier und das Serviertablett und auf den Tisch. Ich picke möglichst viele davon auf – alle schaffe ich nicht – und esse auch sie, weil sie so gut schmecken und ich Speisen schwer wegwerfen kann: immerhin sind Pflanzen – wie alle Lebewesen mit Bewußtsein begabt – dafür gestorben (oder sterben noch – der innere Spötter) und damit sie nicht umsonst gestorben sind, esse ich sie (man könnte natürlich argumentieren: kommen die heruntergefallenen Stücklein auf einen Komposthaufen, wären sie auch nicht umsonst gestorben. Oder kann man sagen, im Universum geht überhaupt nichts verloren?).

Wie auch immer: In angeberischer Weise habe ich die REMbox vor mir am Tisch liegen – ein wirklich großartiges, gelungenes, umfangreiches und umfassendes Buch; Dokumentation und Darstellung der Wiener Künstlergruppe REM der Achtzigerjahre – und blättere darin, schaue mir genußvoll die vielen Bilder an, lese die wirklich und in echt interessanten Texte und bin hingerissen (ich gebe zu, dass er nicht nur von seinen eigenen Beiträgen begeistert ist – der innere Spötter). Das ist für mich, als würde ich durch diese Dokumentation ein wenig aus meiner Sackgasse herausgekommen sein, und das hat einen regelrecht erlösenden Effekt auf meine gequälte Seele: nicht alles in meinem (beruflichen) Leben war sinnlos, nicht all mein Wirken habe ich zerstören können, nicht alles ist verloren gegangen. Seit ich das Buch in der Hand habe (seit Freitag – der innere Spötter), bin ich völlig aufgewühlt, bis zur Schlaflosigkeit (aber auch vor Erleichterung und Freude). Obwohl ich diese Bücher beim Verteilen an die AutorInnen und fördernden Institutionen und Personen schwer im Rucksack herumtrage, habe ich das Gefühl, eine jahrzehntealte Last (genau: 37 Jahre alt) losgeworden zu sein. Mir ist zeitweise zum Heulen, aber das ist gut! Das ist wirklich gut!

Wenn ich die Fotos meiner zwei (dann ungefähr 1992 zerstörten) Bilder im Buch (keine Erinnerung mehr, wer die fotografiert hat) anschaue, begreife ich erst, wie sehr ich mich bei dieser Zerstörung verletzt habe; was für ein Stück meines Lebens ich abgehackt habe. Das war ein (mehr als bloß) symbolischer Selbstmord nach der katastrophalen Beratung beim Münchner Astrologen Wolfgang Döbereiner, der mich so in die Enge getrieben hatte. Shame on you, Döbereiner! Ich kann meine damalige Verstörung und den jetzigen Schmerz gar nicht in Worte fassen. Seit damals habe ich beruflich und gesellschaftlich gar keinen Boden mehr unter meinen Füßen gefunden. Shame on you, Döbereiner! Shame on you! Man tritt einen, der wankt und einem nichts getan hat, nicht nieder! Schon gar nicht, wenn er Rat sucht! In der Hölle sollst du schmoren! Gut, von mir aus im Fegefeuer, aber du kommst erst raus, wenn du mit allen Fasern deiner verdorbenen Seele erleben hast müssen, was du – nicht nur bei mir – angerichtet hast.

12:00 Mittag.  High Noon. (Naja, wir haben Sommerzeit; die Sonne steht noch nicht in ihrem Zenit – der innere Spötter.) (In meinem Leben geht sie schon unter.) Die Musik aus den Boxen aus meiner Jugend (jetzt: Spencer Davis Group, Gimme some lovin’) (Er ist ganz stolz, dass ihm nach minutenlangem Nachdenken der Name der Gruppe eingefallen ist – der innere Spötter.)

Diese Kriegsgeneration war wirklich eine Verhaugeneration (c/o Hannes Priesch). Es ist bitter. (Er sitzt tatsächlich da, die REMbox groß sichtbar auf dem Tischchen abgelegt, und träumt davon, dass ihn wer darauf anspricht – der innere Spötter.) Stimmt, ich gebe es schon recht billig. Daran erkenne ich, wie sehr ich die Jahre über in sozialer und seelischer Not war – und erschrecke. So eine Art Ritt über den Bodensee.

Seelisch erschöpft – es gibt so viel zum Aufarbeiten und neu Einordnen; immer noch! - sitze ich da und überlege, ob ich einen dritten Cappuccino bestellen soll. Meine Augen füllen sich ein ganz klein wenig mit Tränen (was immer das heißt!- der innere Spötter). Ich muß mich regelrecht beherrschen, den Leuten hier nicht das REMbuch (und besonders seine Beiträge – der innere Spötter) unter die Nase zu halten und meine Schüchternheit hilft mir gottseidank dabei. (Dabei würde er gern sagen: „Seht her, bei dieser wichtigen und tollen Künstlergruppe war ich dabei! Seht her, das habe ich gemalt! Seht her, das habe ich geschrieben! Ich bin kein Versager!“ - der innere Spötter.) (Freundchen! Reiß dich endlich zusammen – der innere Korrektor.)

Nein! Ich zeige meinen Schmerz, meine Angst und meine Einsamkeit (als Kind und beim Ritt über den Bodensee; aber jetzt bin ich drüben und falle nicht tot vom Pferd!). Jetzt das wunderschöne Liebeslied von Jefferson Airplane Today aus den Boxen (danke, Universum!). Jetzt weine ich wirklich verhalten (was immer das ist – der innere Spötter). Ich staue es eh zurück.

Ich verankere meinen Blick kurz am Lichtengel dort in der Fensternische. Seine Flügel strahlen heute besonders schön und trösten mich (richtige Männer brauchen keinen Trost – der innere Spötter). Sie leuchten durch meine Augen in meine kindliche (nicht kindische? - der innere Spötter) Seele.

Ich habe ein wenig Angst davor, wenn die Wirkung der Droge REMbox nachläßt. Was wird dann mit mir passieren? Werde ich den Halt verlieren? Und doch vom (zu hohen?) Ross fallen? Jetzt, wo ich um meinen innereren Bereich herum weich geworden bin? Ein Plakatverteiler kommt herein und fragt, ob er eines aufhängen darf; das habe ich damals für REM auch oft gemacht.

Ach ja, und Herr Hubert Scheibl ist auch herinnen gesessen und ich konnte nicht an mich halten und habe ihm das Foto eines seiner Werke, das in der REMbox abgebildet ist, weil er auch einmal im REM ausgestellt hat, gezeigt. Schüchternheit hin oder her. So etwas wird immer ein wenig peinlich.

Langsam werde ich überständig. Ich finde, dass es schon passend ist, die REMbox in der Öffentlichkeit zu lesen; es geht dabei doch um Öffentlichkeit. Zu Hause weiß ich da nicht so recht, wohin mit meiner Aufgewühltheit. (Meine Notizen im Notizbuch sind nun auch bunter geworden.)


(14.4.2026)


©Peter Alois Rumpf April 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 9. April 2026

4418 Gegenlicht

 



10:40 a.m.  Wegen der Helligkeit draußen haben wir hier herinnen Gegenlicht (sein geliebtes fast vor Gegenlicht hat er gestrichen – der innere Spötter). Amerikanische Popmusik [er ist zu faul – (und eigentlich auch zu inkompetent – der ganz innere Spötter), dies ordentlich auszuführen – der innere Spötter] aus den Boxen. Ich sitze am Eckplatz, wo ich fast (!) nie sitze; wegen der zwei Meter ist das trotzdem eine ganz andere Perspektive. Der Blick auf den Lichtengel ist weiterhin gegeben. Es gibt Menschen, die sitzen so aufrecht da, dass man ihnen ihre Existenz in dieser Welt sofort abnimmt. Die Gläser des verspiegelten Gläserregales hinter der Bar sind deutlich ins Zentrum meines Gesichtsfeldes gerückt und glitzern freudig und Erwartung erweckend drauflos. Ich drehe mich ein wenig nach rechts, Richtung Glasfensterfront. Zwei Anrufe irritieren mich, aber die Wellen verebben wieder (als hätte die Ebbe keine Wellen! - der innere Spötter).

Jetzt bin ich sitzend überhaupt gleich ums Eck gerückt und blicke ins Gegenlicht auf die Burggasse 351° N. Die seitlich beleuchteten Gesichter der in entsprechender Position sitzenden Gäste sind sehr interessant: ich sehe sie nämlich im Profil, das Licht von draußen kommt aus der mir gegenüber liegenden Richtung, und somit sind es nur wenige Lichtflecken, die ich aus meiner Perspektive auf den Gesichtern – sozusagen an ihren „Kanten“ – sehen kann und das gibt diesen Gesichtern so ein interessantes, fast artifizielles, überirdisches Aussehen (Puh! Jetzt hat er sich angestrengt! - der innere Spötter). Oh! Bin ich happy! Ich vertiefe mich in diese Gesichtsbetrachtungen, so als wären sie lebende Gemälde, die sich bewegen. Zum Beispiel streut das Licht so schön bei den Stirnen herein und erzeugt tolle Licht-Schatten-Effekte. (Das Gefühl, dass er damit übergriffig in Leben und Integrität anderer gafft und für sein ästhetisches Vergnügen missbraucht, hat er nicht. Es sind ja bloß „Kunstwerke“ – der innere Spötter.) Kaffeerauschmäßig steuere ich nun auf einen Höhepunkt zu. Der Wind schaukelt die noch ganz schwach belaubten Zweige der Platanen draußen vor der Tür. In meiner direkten Blicklinie zum Fenster hinaus befinden sich sieben seitlich beleuchtete Gesichter, alle weiblich (was seine „Betrachtungen“ vermutlich auch leichter macht! - der innere Spötter) (Nein! Da verwahre ich mich dagegen! Auch du, Spötter, hast nicht das Recht, bloß mit Unterstellungen zu arbeiten; das Ganze hat nichts damit zu tun! Ich betrachte diese Gesichter in Ehrfurcht vor Leben, Universum und Schöpfung! - der Schreiber.) (Meinetwegen tendenziell – der innere Spötter.) Apropos Schreiber(ling): Für Schriftsteller gibt es den PEN, für Autoren die Grazer AutorinnenAutorenVersammlung (die mich nicht aufgenommen hat), für unsereinen gründe ich den Verband für (verletzte) Schreiberlinge.

Ah! Jetzt sitzt auch ein Mann in meiner Blicklinie, und wie es der Teufel oder wer-oder-was-auch-immer will, gibt sein Gesicht – ich weiß nicht, ob wegen der Physiognomie oder der zufälligen Kopfhaltung – lichttechnisch nicht viel her. Nur die Unterlippe glitzert ein wenig beim Reden. Vielleicht ist auch das Sonnenlicht draußen etwas schwächer geworden.

Ich atme durch und bereite mich innerlich auf meine Wanderung in die Innenstadt vor, um wie geplant Kräutertees zu kaufen. Deshalb kippe ich den letzten Schluck Kaffee hinunter und habe mich dabei jedoch verkutzt und einen Husten mit substantiell nicht nur luftigen Auswurf, der sich am ganzen Tischchen ausgebreitet hat, nicht verhindern können. Oh wie peinlich! Meine ganze seriöse (mehr oder weniger – der innere Spötter) Schriftstellerei ist desavouiert! Autoren und Schriftsteller verschlucken sich nicht in aller Öffentlichkeit! Brav und demütig habe ich die Tröpfchen und die Krenstücklein aufgewischt.


(9.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4417 Der heikle Morgen

 



7:38 a.m.  Der immer etwas heikle Morgen scheint gut überstanden zu sein. Ich hocke schon mit gewaschenem Gesicht lesebereit im Bett. Der Blutdruck ist schon gemessen und die Morgentablette schon eingenommen. Ein wenig kreist die Angst noch um die Leibesmitte, aber lähmen wird sie mich heute nicht mehr. Ein Hustenanfall rüttelt mich noch einmal durch, gestreckt habe ich meine Glieder vorhin.

Zum Lesen kann ich mich doch noch nicht durchringen. Ich liege nur da und versuche, auch innen nicht zu sprechen und nicht zu denken.


(9.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4416 Vorstadtcafé

 



15:01.  Aus Verlegenheit in einem Vorstadtcafé mitten in der Stadt. Nur Krone und Kurier. Der Kaffee ist nicht so toll. Ein sehr hoher Tisch. Die Vorstadtcafés und die Landcafés sind sich ziemlich gleich. Der Kaffee kann besser oder schlechter sein, das Ambiente ist gleich. Braun, rosa zum Beispiel; es gibt natürlich auch verblümelte und übermusterte Varianten. Das Zeug in den Fensternischen: gleich. Ebenso die Wandvertäfelungen, die Lampen, sonstiges Dekor. Und nur die anspruchslosen Zeitungen. Auch die überdesignten Kleiderhaken (wie sich der Geschmacklose das Edle so vorstellt). Hier ist der Tisch ungewöhnlich hoch. Ungewohntes Sitz- und Schreibgefühl. Ich meckere so vor mich hin, aber das ältere, soeben hereingekommene Paar ist sehr freundlich. Sie wechseln den Platz, weil er meint, sie würden mir am vorigen das Licht auf das Notizbuch nehmen. Dabei habe ich gar nichts gesagt und gemeint, das sei gar nicht nötig (Oida! Du willst nichts gesagt haben und sprichst dennoch davon, dass das nicht nötig sei?! Das ist keine Logik, auch wenn man sich denken kann, dass mit nichts sagen keine Beschwerde über verstelltes Licht gemeint war! Ich erwarte, dass du stringenter und widerspruchsfrei formulierst! - der innere Spötter). (Und weil die beiden, eigentlich er, so nett waren, wenn auch ein wenig ins Distanzlose kippend, hat er gleich davon phantasiert, doch am Land leben zu können. So schnell geht das bei ihm: ein wenig Freundlichkeit und schon ändert er seine Meinung. Dabei weiß er, dass die Freundlichkeit bis jetzt nur darauf beruht, dass der Mann ihn einfach als Gleichgesinnten angenommen hat. Dem Stresstest war diese Freundlichkeit noch nicht ausgesetzt – der innere Spötter.) (Mir ist jedoch wichtig, festzuhalten, dass der Ausgang eines solchen Stresstestes wirklich offen ist! - der innere Korrektor.) Den Kaffee habe ich schon ausgetrunken. Jetzt geht es energiemäßig wieder. Ich werde dann weitergehen, Papier für den Drucker besorgen. 10 457 Schritte habe ich heute schon absolviert. Daheim wartet die 60-Grad-Wäsche in der Waschmaschine aufs aufgehängt Werden, die 40 grädige aufs gewaschen Werden. Und der Geschirrspüler ist auch noch nicht fertig eingeräumt. Dann kann ich lesen.

21:53. (14 243 Schritte sind es jetzt geworden. Zum Lesen ist er irgendwie nicht gekommen; vielleicht jetzt.)


(8.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4415 Vielleicht

 



0:36 a.m.  Vielleicht ändert sich etwas Wichtiges in mir. Vielleicht findet ein Umbau statt. Vielleicht verpuppe ich mich oder bin es schon. Vielleicht wachsen mir Flügel, oder Kiemen, oder ein Schwanz, oder Fühler.

Der Gedanke macht mich regelrecht glücklich. Als würde ich jetzt den Ausweg wissen und schon die ersten Schritte auf ihm gehen. Vielleicht ist schon irgendetwas Blödes von mir abgefallen. Unbefangen und jugendlich kratze ich mich am Kopf. Und dann gähne ich unverschämt in die Welt hinaus. Wieder kratze ich mich mit verträumter Lust am Kopf. Die absolute Stille hier dröhnt und surrt und hebt und senkt ihren melodiösen Wasserstand. Ich wippe voll Erwartung mit den Füßen; den rechten zwischen großer Zehe und der zweiten des linken Fußes gesteckt, und das bei ausgestreckten Beinen (darum muß er mit der linken Hand das Notizbuch hochhalten – der innere Spötter). Es ist schon spät, aber ich mache mir keine Sorgen.


(8.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 7. April 2026

4414 Der Walkingstecken

 



12:54.  Hinter der Votivkirche im Park. Die Sonne scheint, der Wind ist noch ein wenig frisch, die Bäume schlagen aus (ich schreibe ohne Brille!). Ein breiter, dünner Kondensstreifen zieht sich über die Kirche. Das Müllabfuhrauto beim Hotel drüben dreht und wendet lautstark seinen Abfall, nachdem es ihn eingeworfen bekommen hat, in seiner Transporttonne. Vögel sehe ich keine. Doch, einige wenige sausen durch den Park und sind schon wieder verschwunden. Ich vermute, es waren Nebelkrähen. Das junge Grün ist jedes Jahr eine neue und echte Überraschung. Ein Hund pisst ohne Baum direkt in die Wiese. Dafür hat er einen Ball im Maul und jetzt kommt er an mir vorbei. Immer wieder irgendwelche Folgetonhörner (oder wie das heißt). Suche ich noch? Warte ich nur mehr? Oder warte ich gar nicht mehr richtig? Jetzt im Konkreten bis es Zeit für meine Psychotherapiestunde ist. Ein bisschen Kopfweh von der engen Kappe, aber würde ich den Verschluss weiter stellen, würde mir der Wind die Kappe vom Kopf wehen. Ich nehme die Kappe kurz vom Haupt und betrachte sie: sie ist auch nicht mehr schön. Jetzt, wo es windstill ist, wird es sogleich warm. Nun sehe ich ein paar Tauben. Es werden immer mehr. Sie flattern oben auf den neugotischen Stützen und Balustraden der Kirche herum. Der Wind wird wieder stark und rauscht. Ich entdecke ein Vogelnest im nur leicht angegrünten Baum links von mir. Auch zwei Arbeiter klettern mit Helm und Seil auf der Kirche herum. Der Wind weht mir einen meiner hinter mir an der Parkbank angelehnten Walkingstecken auf die linke Schulter und dies gibt mir einen leichten Schlag, der mich aufschreckt, weil ich das nicht kommen gesehen habe. Vielleicht sollte ich weitergehen. Ich schaue noch ein wenig den Arbeitern oben zu. Solch eine Arbeit hätte ich niemals machen können!


(7.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4413 Wartesaal

 



10:09 a.m.  Im Weltcafé ein englisches Frühstück? Ist das bei dieser weltweiten Frühstückskarte nicht ein wenig kolonialistisch? Egal, mir ist kalt und ich brauche Kalorien und Kraft, die Leib und Seele beisammen hält. Aus den Lautsprechern jault es laut, weiblich und funky-soulig. Der Kaffee ist schon da. Ich habe ein sehr schönes Hemd an. Ein Erbstück meines Vaters. Er hat es auch geschenkt bekommen (hast du nichts Interessanteres zu schreiben? - der innere Spötter). Die Musik hat sich verändert (Oida! - der innere Spötter). Meine Handschrift gefällt mir auch, aber als ich das hinschreibe, muß ich plötzlich furchtbar niesen, was ich aber, weil ich nicht schnell genug ans Taschentuch gekommen bin, abwürgen mußte. Das fette englische Frühstück ist da.

Das Hallenartige hier hat auch etwas. (Er widersteht der Versuchung, über seine schrumpfköpfige Heiligenfigur aka zusammengefalteter Sonnenschirm vorm Fenster zu schreiben – der innere Spötter.) Ich sitze nahe an der inneren Ecke eines Ļ (mein Sitzplatz eine Spur näher an der Ecke als der Strich beim Ļ da; außerdem: seitenverkehrt) und blicke somit in zwei verschiedene Welten (äußerlich: Restaurantabteil – Caféabteil, mit den niederen Tischchen). Jetzt nach dem Essen wäre eine halbwegs ordentliche Tageszeitung nicht schlecht. Gibt es hier anscheinend nicht. Dabei wäre genug Platz für Herumsitzer. Zumindest um diese Zeit. Besser, ich finde mich mit einem gewissen Weltverzicht ab und werde fröhlich. Ich meine, unglücklich bin ich jetzt auch nicht, höchstens leicht melancholisch (was ich grundsätzlich durchaus in Ordnung finde).

Die Bilder an der Wand sind für mich grenzwertig, und damit meine ich, dass sie wirklich kippen zwischen erträglich und unerträglich. Auf meine „Heiligenfigur“ draußen wandert in Zeitlupe ein gepunkteter Lichtfleck zu. Eine Frau kommt ins Lokal, schaut ums Eck zu mir her, rümpft die Nase und geht wieder. Wenn die meinen Namen kennete!

Im Wartesaal! Das hier ist wie in einem gemütlicheren Wartesaal! Frägt sich nur, worauf ich warte. Der Lebenszug ist längst ohne mich abgefahren. Der grüne gepolsterte Sitzhocker zeigt ein arrogantes Katzengesicht (aufgedruckt), der rosarote einen fruchtbeladenen Apfelbaum, die anderen sind ohne Bilder, so weit ich sehen kann. Ganz hinten in der Ecke entdecke ich noch einen Apfelbaumhocker. Und bei dem unter dem Nachbartischchen vermute ich noch eine Katze, aber ich bin nicht sicher, da ich nur die Rückseite sehen kann. Jetzt wäre Bewegung gut, oder? Wofür habe ich die Walkingstecken mit? Ein bißchen träge (so sehr, dass er den Satz nicht beenden kann – der innere Spötter).


(7.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026   peteraloisrumpf@gmail.com