Mittwoch, 10. Juni 2026

4504 Sitzen bleiben

 



12:28 a.m.  Der Song aus den Boxen hebt mit seinem Gebläse gut an. Der Lichtengel leuchtet heute nicht, sondern zeigt nur sein Skelett als Wandlampe. Ein kühler Regentag, was nicht heißt, dass es permanent schüttet. Der Stamm der Platane draußen in der Laube an der Straße wächst kerzengerade in die Höhe, die ich vom Lokal aus nicht bis an ihr Ende ersehen kann. Der Wind oder die Zugluft oder die Arbeit des Ventilators am Plafond bewegt einen an der dem Gastraum zugewandten Seite der Kaffeemaschine befestigten Zettel so, dass ihn immer wieder so eine Art Zittern erfaßt. Mit meinem Penis ist irgendetwas nicht in Ordnung; nichts Schlimmes – ich rede auch nicht von Erektion – es fühlt sich an, als würde er in der Unterhose davonkriechen wollen. Ach! Wird schon nichts sein! (Hänschen klein, ging allein … fällt mir dazu ein). Lassen wir das! (Ich kringle mich ein vor innerem Lachen! Hoffentlich gefällt das auch meiner LeserInnenschaft!) Ich trinke den letzten, schon etwas überständig und kalt gewordenen Schluck aus der Kaffeetasse und werde mir den Frucht-Gemüse-Saft mit Leitungswasser bestellen. Ich will nicht gehen. Ich will heute nicht in die Fitness; ich will sitzen bleiben, sitzen bleiben, sitzen bleiben. Das Soul-Gebläse ist immer noch am Werk und das hier jetzt gefällt mir gut. Heute sitze ich – auf Empfehlung eines der Kellner – näher am Fenster, was mir schon gefällt. Jetzt wird die Musik “popiger“ (ich verwende den Begriff so, wie ich ihn in den späten Sechzigerjahren verstanden habe), was mir auch gefällt (dir gefällt heute sehr viel, fällt mir auf – der innere Spötter). Ich will nicht, dass meine Zeit hier abläuft, ich will wirklich – hingesunken in meine wundervolle Regenmelancholie – sitzen bleiben, einfach sitzen bleiben. Innen der Ventilator, draußen die Passantinnen und der Autoverkehr sind mir Bewegung genug (Nein! Du zählst jetzt nicht die Moves deiner schreibenden Hand auch noch auf! - der innere Zensor). Ahja! Und der Wind in den Platanen. (Er beschreibt nicht alles, was er sieht! - der innere Spötter.) Ein mächtiger Mann – eine alte, europäische Ausgabe des Mighty Quinn – kommt herein und geht aufs Klo (zuerst habe ich Wiener Ausgabe geschrieben, dann auf europäische Ausgabe korrigiert, jetzt bin ich völlig unsicher. Geht mich auch nichts an). Ich reagiere inzwischen schon auf jedes Gedudel meines Handys; so geht das nicht weiter!


(10.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4503 Mehr ist es nicht

 



0:25 a.m.  Boah! Ich bin erschöpft. Längerer Aufenthalt unter fremden Menschen in räumlicher Enge kann mir so zusetzen (wo man schon nicht mehr weiß, wo man sich hinstellen soll, um niemandem im Weg zu stehen, und was man mit den Händen machen soll und erst recht nicht, wie, was, wo, mit wem reden). Obwohl das eine interessante Veranstaltung war und eine schöne Lesung. Ich kann auch in der kleinen Menge verloren sein. Ich beschwere mich nicht, ich klage niemanden an, ich sage nur. Es darf schon so sein. Ich bin erschöpft und spreche das aus. Punkt. Mehr ist es nicht. Das wird man wohl noch sagen dürfen!

Es regnet so schön und ich habe das Vorzimmerfenster offen und ebenso die Zimmertür ins Vorzimmer, so höre ich das Geplätscher des Regens und kann ihn riechen und atme die kühlere Luft; ich werde gut schlafen.


(10.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 9. Juni 2026

4502 Türen öffnen automatisch

 



10:30 a.m.  Der Dienstag ist de facto mein fixer Espresso-Burggasse-Tag, wiewohl noch mehrere Tage dazukommen können. Aber auch die Herfahrt hat einiges zu bieten: mit der U2 ist das so: ab der Station Rathaus bis Karlsplatz fährt sie auf der zukünftigen U5-Strecke, die automatisiert sein wird und wo schon Bahnsteigtüren installiert sind und funktionieren, und das bedeutetet, dass immer alle – ich betone: alle – U-Bahntüren in jeder der Stationen automatisch öffnen und das Drücken des Öffnen-Knopfes an der U-Bahntür nicht nötig ist. Für mich ist das ganz simpel: dort wo es auch Bahnsteigtüren gibt, öffnen die Türen automatisch und das wird auch in jeder der betroffenen Stationen per Lautsprecher in den Waggons angesagt – und wo es die Bahnsteigtüren nicht gibt, muß man/frau den Türöffnerknopf wie bisher auf der U2 und immernoch auf allen anderen U-Bahnlinien drücken, wenn man ein- oder aussteigen will. Ich habe das schnell, nämlich nach der ersten Konfrontation mit diesem provisorischen System, kapiert und bin äußerst arrogant gegenüber den Luschis, die das nicht verstehen (wollen) und mit sinnloser Eifrigkeit die Knöpfe drücken. Noch dazu, wo ich den Eindruck habe, die Wiener Linien wollen es – aus Gründen, die ich nicht kenne, aber als technische vermute – nicht, dass man/frau bei Doppeltürenstationen diese Knöpfe drückt. Ich verachte regelrecht die Leute, die da mit wichtigem Gesichtsausdruck, aber dramhappert und deppert herumdrücken (besonders verachtet er dabei die Frauen, die sowieso die Tendenz haben, bei technischen Sachen die Ohren anzulegen und sich blöd zu stellen – denkt er zumindest, aber das schreibt er nicht hin, weil er sich nicht noch unbeliebter machen will, abgesehen davon, dass er sich mit seinem Beitrag ohnehin schon als Funktionsfaschist geoutet hat – der innere Spötter). Ich kann in diesen Situationen den Impuls, den Leuten, die verschlafen, ignorant oder realitätsverweigernd diesen vermaledeiten Knopf unbedingt und unbelehrbar drücken wollen und schon trancemäßig auf diesen zusteuern, laut zurufen: „Halt! Stopp! Nicht!“ und wenn sie zum Knopf hinlangen, ihnen auf die Finger zu klopfen. Ich kann diesem Impuls also kaum widerstehen. Mein Kompromiss zwischen meinen Impulsen und den gesellschaftlichen Normen ist, dass ich – wenn ich auf dem Weg hierher beim Volkstheater aussteigen will – gleich nach der Station Rathaus mich vom Sitzplatz erhebe, mich ganz bis zur U-Bahntür dränge und mit meinem mächtigen Körper den Zugang zum Druckknopf verstelle.

Und heute war noch etwas: ich steige beim Volkstheater – niemand hatte es gewagt, den Knopf zu drücken - aus – ich hatte mich in der U2 genau in den Waggon und an die Tür platziert, wo ich direkt zur Rolltreppe zur 49iger-Haltestelle hinauf komme – mache die paar Schritte zur Rolltreppe, besteige sie, als ich sehe, dass der junge Mann vor mir zu laufen beginnt, weil er von seiner Position weiter oben schon sehen kann, dass eine 49iger-Straßenbahn in der Station steht und jederzeit losfahren könnte, renne auch ich los – so gut es geht: Knie, Kreuz – und dem Mann vor mir zur Straßenbahn nach. Eine Sekunde und Millimeter, bevor er den Türöffnerknopf erreicht, hat jedoch der Straßenbahnfahrer den Türöffnungsautomatismus ausgeschaltet und die Tür geht nicht mehr auf. Darauf zeigt der junge Mann von ganz hinten nach vorne dem Fahrer den Stinkefinger und ich mache es in seinem Windschatten, aber gut sichtbar ebenso. Da aber schaltet der Fahrer die Türöffnerelektronik wieder ein und wir können einsteigen (möglicherweise hat er dadurch eine Grünphase der entscheidenden Ampel verpasst). Als ich dann Haltestelle Kirchengasse aussteigen will, gehe ich ganz nach vorne und spreche gegen das geschlossene Kommunikationsgitter der Fahrerkabine „ich möchte mich für den Stinkefinger entschuldigen!“, weiß aber nicht, ob der das überhaupt gehört hat. Deshalb drehe ich mich nach dem Aussteigen um und blicke von außen vorne in die Fahrerkabine und lächle den Fahrer an und tippe mit meinen beieinander gehaltenen rechten Zeige- und Mittelfinger auf den Schirm meiner Kappe und auch er lacht und hebt – ein wenig müde? – grüßend seinen Arm.

Das auf dem Weg hierher. Nun also sitze ich im Espresso Burggasse, habe die Zeitungen schon gelesen und werde bald meinen zweiten Cappuccino bestellen, vielleicht auch ein Schnittlauchbrot (köstlich! Mit aufgeschlagener Butter!), blicke kurz zum asymmetrischen Lichtengel – der linke Flügel scheint immer schwächer zu leuchten – aber vorher werde ich mein Handy checken. Mein rechter Arm ist von der Schreiberei schon müde, darum wende ich mich der REMbox zu.



11:24 a.m.  Creedence Clearwater Revival aus den Boxen (heute scheinen sie wieder auf Nostalgietrip zu sein (Rolling Stones, sogar Cream … wirklich nicht die Schlechtesten. Dabei sind die Kellner zu jung, um für diese Musik nostalgische Gefühle zu hegen). Auf meinem Leiberl übrigens steht: Lieber nicht! (Crosby, Stills, Nash and Young – genau genommen weiß ich nicht, ob mit oder ohne Mr. Young). Jetzt tritt gerade eine Pattsituation ein, sowohl was das Wetter draußen, als auch was meine Impulse betrifft. Dabei schreibt mir meine Armbanduhr, ich solle mich bewegen und läßt am Display so ein Männele tanzen, aber ich habe einen kindischen Widerstand gegen solche kindischen Aufforderungen. Aus Verlegenheit und ratlos greife ich zur REMbox. Aber die tausendste Betrachtung meiner „verschollenen“ Bilder (in dieser Sache war ich mir mein eigener Nazi) bringt mir heute auch nichts (Griffel weglegen wäre eine Option – der innere Spötter). (Jetzt wieder die Rolling Stones.) Ich betrachte den Unterschied von Lichtstärke und Schatten zwischen der kristallinen Deckenlampe und ihrer Spiegelung im Fenster (den Hit kenne ich auch, aber … doch Rolling Stones … oder doch nicht? - ich bin verwirrt … nein, nein, sicher nicht, aber ich weiß nicht wer). Salzkristalle auf meiner Haut (vom Essen des Schnittlauchbrotes! In China ist ein Sack Reis umgefallen – der innere Spötter).

Gewasserten Frucht- und Gemüsesaft bestellt (das wird ein Scheiß-Text, mein Freund! - der innere Spötter). Der bewässerte Saft schmeckt köstlich! (deine depperten Wortspiele sind auch fürn Hugo! Und fällt dir nichts anderes ein als das köstlich!? - der innere Spötter). Zu viel Rolling Stones gehen mir doch auf die Nerven, ich weiß nicht, ob das an der Quantität oder der Qualität der gespielten Nummern liegt.

An einer Schriftstellerkarriere kann ich nicht arbeiten, ich gehöre zu denen, die entdeckt werden müssen (und dann würde er sich noch ausführlich zieren! Er hat eine Scheißangst vor Erfolg! - der innere Spötter), abgesehen davon, dass mein Alter … (was jetzt! Schreib eine ordentliche Aussage hin! Sei nicht so denkfaul! Die drei Punkte … sind feig! - der innere Kritiker).

Diese Unruhe in der Ruhe vor dem Sturm; diese Pattsituation; diese – scheinbare! - Unentschiedenheit, wo doch schon längst alles beschlossen ist; diese Illusion über die Möglichkeiten des Eingreifens, wenn die Schicksalsmechanik schon abzulaufen beginnt; diese Hin und Her – innen und außen; dieses unangebracht wirkende Aufgescheucht-Sein, dabei ist es absolut angebracht, wenn es auch schon fast zu spät ist; eilt alle in die Luftschutzbunker! Aber auch ich bleibe sitzen und trinke langsam meinen köstlichen Saft. Es wird Zeit, dass endlich die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt! Die Musik irritiert mich immer mehr, nicht, weil sie schlecht wäre, sondern weil sie mir bekannt und in meinen Tiefen der Erinnerungen abgespeichert vorkommt, aber ich keine Ahnung habe, wer da spielt. Vielleicht sind es unbekannte Nummern bekannter Bands oder Sänger (heute nur männliche); vielleicht sind sie remastered und mir deswegen etwas entfremdet, … . Das mit dem Saft war eine gute Idee! (jetzt hau ich dir bald das Schreibzeug aus der Hand! Nimmt dein Klumpert und geh! … heim! – der genervte innere Kritiker.)


(9.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4501 Hinstrecken

 



0:58 a.m.  Ich entdecke, was ich da – mir gar nicht recht bewußt – mit Datum und Uhrzeit eigentlich hinschreibe: die Zeit; und die vergeht. Und wenn sie ganz vergangen ist, bin ich tot.

Jetzt allerdings bin ich nur müde und möchte schlafen und nichts mehr denken. Um mein eingespieltes Protokoll zu erfüllen, schaue ich mich noch ein wenig im Zimmer um, wo ich aber auch nichts Besonderes feststelle: die Dinge bleiben an ihren Plätzen, ich höre keine Stimmen (solche hat er – außer vor Jahrzehnten einmal in einem Traum, wo jemand flehentlich seinen Namen gerufen hat und er davon wach geworden ist, und das Rufen immer noch vernommen hat – auch gar nie gehört – der innere Spötter), das Surren bleibt unauffällig (solange er nicht genau hinhört – der innere Spötter) und somit mache ich nun Schluß und werde mich zum Schlaf hinstrecken (hinstrecken ist nicht korrekt; er rollt sich immer zur Seite ein – der innere Spötter).


(9.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 8. Juni 2026

4500 Wie gesagt: wenn

 



15:30.  Wenn ich Literat bin, dann bin ich inzwischen ein Kaffeehausliterat. Wie gesagt: Wenn. Wenn nicht, dann bin ich ein schreibender Kaffeehaussitzer (wobei ich die traditionellen Kaffeehäuser vermeide). Ui! Jetzt bin ich in die Handytipperei abgerutscht. Das muß ich wieder einbremsen! Übrigens: Kaffeeamt. Zufrieden muß ich gähnen. Ich habe heute schon viel geschafft: am Morgen der Kampf mit dem Drachen, obwohl ich den eher ausgetanzt habe; vier Texte eingetippt und - bis jetzt – sagen wir: zwei Texte geschrieben (und das bei insgesamt nur zwei Kaffees! - der innere Spötter); ach ja, eine Ladung Geschirrspüler von Mittag wird auch schon fertig sein; nicht zu vergessen: in der Früh rasieren, Zähneputzen; die kleine Wanderung in den Achten, auf der Brücke über den Donaukanal die Vier-Elemente-Andacht … sonst will mir jetzt nichts Wichtiges mehr einfallen. Also Zeit, nach Hause zu gehen, den Geschirrspüler ausräumen und die zweite Ladung vorbereiten? Auch hier macht die Sonne draußen an den Mauern und in den Fensternischen herinnen schöne Lichtflächen.


(8.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4499 Spielverderber

 



12:45.  Ich sitze im Weltcafé ausnahmsweise auf der wunderbar schattigen Terrasse draußen an diesem heißen Tag, somit im Raucherbereich, und hoffe, dass mir das Geschehen in der Schwarzspanierstraße Beschreibungsmaterial liefert. Im Moment allerdings habe ich einen großen Durchhänger, aber schon kommt der üblicherweise bestellte Cappuccino. Es ist wirklich ein Weltcafé: zwei Tische weiter reden drei junge Damen Tirolerisch! Die anderen Tische kann ich nicht gut genug abhören (Spionageausrüstung wäre nicht schlecht!). Was sie alle reden, verstehe ich sowieso nicht. Und: der Wind versucht meine aufgeschlagene Notizbuchseite umzublättern. Versitze ich hier einen begehrten Essplatz beim ledigen Kaffeetrinken? Meine Skrupel scheinen unausrottbar. Damit kann ich schon leben, wie mit meiner Morgenangst, dem knappen Budget, dem zumindest unsicheren gesellschaftlichen Status, den Besenreisern an den Beinen, den zur Zeit moderaten Knie- und gelegentlichen Kreuzschmerzen, der zunehmenden Vergeßlichkeit (jetzt passiert es ihm schon, dass er ein Wort mit doppel s schreibt und dann auf ß korrigiert; er wird bald widerwillig, aber doch auf die neue Rechtschreibung umgeschaltet haben – der innere Spötter), der Weltfremdheit, meinem Fremdkörperdasein, weniger mit den lästigen Stoff- oder Plastikmarkerln oben innen am Kragen der T-Shirts, die mich ständig am Hals kratzen, aber wieder gut mit dem Anblick von kurzbehosten oder -berockten oder -bekleideten Damenbeinen (es ist nicht so schlimm, wie es klingt; das findet er hald (sic!) witzig; verzeiht es ihm, er wurde noch in den Fünfzigerjahren grundsozialisiert - der innere Spötter), und mit Kaffee, der mich schon optimiert hat, stimmungsmäßig (später dann und bei Überdosierung macht ihn der Kaffee weinerlich – der innere Spötter). Vorhin habe ich gelesen, dass es für die Haut gesünder ist, nur zwei- oder dreimal die Woche zu duschen! Ich hab’s gewußt! Ich hab’s gewußt! Zurück in die Schwarzspanierstraße: die Tischbesetzung nebenan wechselt (es hat rundherum schon mehrere Wechsel gegeben, aber er ist mit dem Schreiben nicht nachgekommen – der innere Spötter).


13:30.  Der große Narrenturm wölbt sich hinter der niederen Hecke auf der kleinen Böschung vor dem richtig blauen Himmel fast erschreckend nahe zu mir her, als ich aus dem Tietzetor getreten bin, obwohl der Abstand reichlich sein müßte. Ich lehne mich an die schattige Hausmauer und schaue zum alten, sonnenbestrahlten Rundbau hin (das ist es für jetzt, länger mag er nicht stehen und krampfhaft das Notizbuch mit der Unterkante an seinen Bauch pressen um zu schreiben – der innere Spötter). Ich lasse den Wind die Notizbuchseite umblättern, weil sie vollgeschrieben ist. Hoffentlich weht er mir in Dankbarkeit neue Ideen zu (naja, die Sache spielte sich in Wahrheit so ab: der Wind will seine Seite umblättern, erhält das Blatt nieder, schreibt den Satz Ich lasse den … ganz unten am Rand der Seite hin, weil er die Idee hat, den Wind tatsächlich die Seite umblättern zu lassen, die aber erst jetzt, nach obigem Satz, voll ist; als er aber den Wind dann umblättern lassen will, kommt dieser aus der anderen Richtung und drückt das Blatt nieder – der innere Spielverderber).


(8.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4498 Standhalten

 



7:31 a.m.  Es ist ein schöner Sommermorgen. Ich wache gut ausgeschlafen auf, die optimistischen Geräusche der aufgeweckten Stadt kommen beim offenen Fenster herein, nicht zu aufdringlich, eher wie ein Angebot zu einem tüchtigen Leben, aber mir fährt die nackte Angst ein, die mich innerlich zittern läßt und die meine Körpermitte bis zur Übelkeit traktiert. Ein großes Verzagen kommt über mich und der Gedanke, dass mir das alles zu viel ist. Ich weiß jedoch, dass dieser Zustand vergeht und vergesse das nicht und halte stand, aber vom Empfinden her würde ich am liebsten verschwinden, als wäre ich in der falschen Welt gelandet oder hätte an die falschen Tür geklopft. Langsam aber beruhige ich mich nun und langsam kann ich mit dieser Welt da etwas anfangen: ich verspüre leichten Hunger und denke an das Frühstück, ich stelle mir das sonnenbeschienene Draußen vor – hier herinnen in meiner Kemenate sieht man kein Sonnenlicht – denke an meine kleine Wanderung zur Psychotherapie heute und ob ich das hier zum Thema machen könnte, überlege, ob ich vorher auf einen Cappuccino ins Weltcafe einkehren soll und dort noch ein wenig schreiben, oder ob ich letzteres in den Parks des alten AKH machen könnte und dabei das Licht und all die Schatten vor allem der Bäume betrachten und zuschauen, wie ein möglicher Wind sie bewegt. Meine Atemzüge werden nun tiefer und gewinnen allmählich mehr Terrain, die Panik scheint sich auf einen winzigen Punkt irgendwo in der Leibesmitte zusammengezogen zu haben, aber dort sitzt sie nun und lauert und wartet auf die Gelegenheit für einen weiteren Ausbruch. Ein wenig zittert noch mein Kinn, aber jetzt einmal ist das Ärgste überstanden.


(Diese Angst ist übrigens nicht neu; er kennt sie schon sein ganzes Leben – der Tipper)


(8.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com