4603 Ein Trick
8:10 a.m. Mir ist nicht gut. Gut, das ist nicht so wichtig.
11:17 a.m. Wirklich, ich fühle mich elend. Ich weiß nicht, was mir jetzt so schwer auf der Seele lastet (mir würde schon was einfallen: dass auf deinem Konto schon jetzt zu Monatsbeginn nur mehr € 40.- drauf sind – der innere Spötter). Der Lichtengel, zu dem ich nun ernsthaft um Hoffnung bittend hinschaue, ist nur eine schöne, hell strahlende Wandlampe, die ein wenig flimmert, wenn ich länger hinstarre. Meine Blicke, die ich da hin und dort hin werfe, auch zur Platane in der Laube draußen, sehen nichts, sondern fallen irgendwie durch alles hindurch, ohne auf etwas Festes zu stoßen. Und wenn ich ihn, den Blick, doch abbremse und er mir sagt, „dort steht eine Platane“, kann ich ihn kaum verstehen und glaube ihm nicht recht und bestenfalls antworte ich „na und?!“. Dabei ist sie, die Platane, ein Lebewesen mit Bewußtsein, mit dem man wirklich kommunizieren könnte. Ja, ich pfeife mein Geschau zurück, auf dass es sich ernsthaft anstrenge, nicht alles Erblickte zu verlieren, denn heute macht mir das ein wenig Angst. Selbst die gute Musik im Lokal macht mich unruhig und nervös. Zum ersten Mal, seit ich dieses Lokal besuche – und das sind einige Jahre – schaue ich mir die Pflastersteinstufen zur Laube hinauf an und betrachte länger ihre Form, ihre Farben, den Mörtel in den Fugen zwischen den einzelnen Steinen.
Die Zeitungen habe ich heute mehr durchgeblättert als aufmerksam gelesen; so etwas wie Überdruß. „Warum“ klebt über der Pissoirmuschel und das frage ich mich auch, aber heute entgleitet mir die Frage, fällt hinunter und verschwindet in einem vagen Abgrund unter dem angeblich stabilen Terrazzoboden. Ein Gelenkbus fährt hinter der Laube die Burggasse hinunter und hinterläßt einen unsichtbaren, tunnelartigen Sog. Die Passanten draußen bewegen sich wie, wie … ich wollte schreiben: wie in einem mechanischen Puppenspiel, aber das trifft es doch gar nicht! Den Song jetzt kann ich viel besser annehmen. Ich blicke auf meine am Kaffeehaustischchen abgelegte feminine Gary-Larson-Cartoon-Brille und frage mich, warum ich gerade diese als Lesebrille verwende, denn dieses komische Kuh-Flecken-Muster an Bügel und Gestell ist doch völlig lächerlich! Aber ändern wird diese Frage nichts – weder an meiner Brille, noch an meinem Leben, noch an der Weltgeschichte (bist du allmählich bereit, dein Haupt zu heben und deine Verzweiflung aufzugeben? - der innere Spötter). Oh ja! Jetzt jammert eine E-Gitarre gemeinsam mit ihrem Sänger so richtig aus den Boxen; darum bleibe ich noch ein wenig sitzen, bleibe noch ein wenig da.
12:10. Auf dem Weg durch das Mittagsgeläut und durch die Stadt sehe ich, wie der Wind ein verdorrtes und abgefallenes Blatt über den Asphalt weht, dass es sich überschlägt.
12:52. Ich sitze nun am Karlsplatz auf einer Bank im Schatten von Platanen und habe am Weg hierher ein paar Lottotipps abgegeben (guter Trick! Sehr gut! Jetzt mußt du jedenfalls die Ziehungen abwarten! - der innere Spötter) und versuche, die Beklemmung loszuwerden. Die Sonne blinzelt durch das Laub, die abgestorbenen Blätter liegen am Boden, kein Wind bewegt sie, eine Wespe überfliegt ein paar von ihnen anscheinend lustlos. That’s it. Laut ist es hier von der Straße (Friedrich-/Lothringer-) und einem Baulärm; das alles hinter meinem Rücken. Vor mir der Park, irgendein Denkmal – mir ist es zu blöd, aufzustehen, hinzugehen und nachzuschauen … ah, jetzt erkenne ich Kopf und Gestalt und kann auf einmal auch die Inschrift lesen (Brahms). Das Ganze spricht mich nicht an; ich verabscheue das Neunzehntes-Jahrhundert-Pathos. Egal! Ich lasse mich darauf nicht weiter ein. Die Karlskirche ist mir auch sowas von egal – ich kann mit dem pseudoreligiösen Theater des Barock nichts anfangen. Ein sanfter Wind kommt auf und schiebt die dürren, abgefallenen Blätter über das Straßenpflaster. Nur kurz. Eine telefonierende Frau nebenan schreit ins Handy, dass es in den Ohren weh tut; auch ihr Tonfall geht mir massiv auf die Nerven. Normalerweise werde ich solche Stimmungen beim Wandern los. Heute funktioniert es nicht. Auf! Los! Weiter!
(Das schöne Angelusläuten beim Eintippen! – der Tipper)
(8.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com