Dienstag, 17. März 2026

4392 Basteln

 



7:49 a.m.  Ich wache mit und in so viel Grauen auf, dass ich mich nicht rühren mag. Das wird aus den verstörenden Träumen kommen, aber auch der neue Tag vor mir kommt nicht mit Freude und Neugier, sondern verhangen und von Sorgen belastet. Auch vor ihm graut mir. Und ich weiß nicht, was ich mit seinen Möglichkeiten anfangen kann. Ich schaffe es dann schon noch heraus aus meiner Lähmung – ich bin noch immer aufgestanden – aber Kraft und Zuversicht schauen anders aus. So blicke ich verloren und mit verschwommenem, unzentrierten Blick auf mein Bücherregal (das ich auch aufgeben und leeren müssen werde), höre dem Knacken der anspringenden Heizung zu und weiß nicht, wozu ich in der Welt bin. Sicher, es ist genug eingeübte Routine da - zum Beispiel werde ich bald zum Frühstück hinuntergehen – sodass ich den Tag irgendwie hinbringe (wobei ich ich nicht nur das Papier, auf dem ich schreibe, quälen werde).

8:38 a.m. Ich bin hinunter gegangen. Ich habe gefrühstückt. Ich habe den Geschirrspüler eingeräumt und in Betrieb gesetzt. Genug Weltumgang, um ein kleines Gleichgewicht herzustellen. So habe ich mich zum Lesen wieder ins Bett gelegt.

11:00 a.m. Ich liege immer noch im Bett. Ich habe keine Lust, irgendwo hinaus zu gehen. Ich wüßte nicht wofür. Das Buch habe ich schon vor einer Viertelstunde weggelegt und dann die Augen geschlossen. Was ich zu sehen bekommen habe war eine gewölbte Fläche aus hauptsächlich roten und braunen Flecken, die sich später in blaue und braune verwandelt haben. Eine interessante, unbekannte, erstaunlich bunte Schicht der Wirklichkeitszwiebel, die noch öfters vor allem die Farbe, weniger die Struktur geändert hat, ohne dass ich mir das alles merken konnte. Beinahe wäre ich wieder eingeschlafen, aber der Harndrang wird mich jetzt endgültig aus dem Bett und ins Bad treiben und irgendwie werde ich mir einen Tag aus den Trümmern meines Lebens basteln müssen.

Wenn ich sage, ich mag nicht mehr kämpfen, heißt das nicht, dass ich aufgegeben habe. Ich halte immer noch schüchtern Ausschau nach seelischer Heilung (… aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.). Ich will nur nicht daran zerbrechen, wenn es nicht gelingt.


(17.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4391 Singen

 



22:23.  Trauer und Schmerz sind sehr stark. Das ist mir nur recht, dass ich das spüren kann, auch wenn ich etwas weinerlich unterwegs bin. Aber dafür kann ich so gut Musik hören (schöner, oder richtiger gesagt: besser wäre es, ich würde den Schmerz selber hinaus singen – aber das geht nicht). Ich werde ein wenig lesen. Das hilft auch.


23:23.  Jetzt ist es richtig Nacht. Und still. Nur der Wind klappert ein wenig mit dem schlecht schließenden Fensterflügel. Ich bin in ratloser Erwartung. Als würde ich auf etwas warten, aber weiß überhaupt nicht, worauf. Und auch nicht, ob es gut oder schlecht für mich ist. Und auch nicht, ob es überhaupt eintritt. Vielleicht war es das schon für heute. Dabei surrt es um meine Ohren ganz aufgeregt und wie im Alarm. Aber mein Kopf ist schwer und müde und neigt sich zur Seite.


Aber ich drehe das Licht nicht ab und lege mich nicht flach. Das schreibe ich jetzt her, weil der Satz vorhin so geklungen hat, als würde ich mich zum Schlafen betten wollen. So war es auch, jedoch mache ich es nicht. Ist es Angst? Eine wahnsinnige und wahnsinnig vertraute Fremdheit umhüllt mich, wie die Erinnerung an tausende vergebliche Abende. Das Klappern der Fensterflügel wird stärker und häufiger und bekommt einen bedrohlichen Touch. Ich kann jetzt den Wind sogar heulen hören. Mein hölzerner Fensterrabe schaukelt im Luftzug, der durch das geschlossene Doppelfenster und das Rollo kommt. Ich sitze so da und kann nicht vor und nicht zurück. Die Welt jedenfalls hat ihr Versprechen nicht eingelöst; der Wind muß mir nun drohen. Ich schreibe jetzt nur, um nicht einfach nur da zu hocken. Vielleicht ist es doch Angst. Es gibt keine Erlösung – so schaut es zumindest aus. Mein altes, schleißiges Second-Hand-Hemd hängt so erbärmlich an der Zimmertür (First Hand war die meines Vaters. Das ist ja auch ein Witz, was ich so alles auftrage). Die Schatten in meinem Zimmer und dort, wo es hinfällt, das Licht sind von bedrohlicher Stummheit. Dabei könnten sie mir etwas Wichtiges sagen.


(16.3.2026)


©Peter Alois Rumpf      März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4390 Schade

 



19:51.  Es ist Nacht geworden. Das Deckenlicht im Zimmer hat diese Farbe, diesen Glanz, der die Nacht anzeigt. Es ist noch nicht die stille Nacht. Der Abend ist noch nah. Das Tagewerk oder sonstwas Ähnliches ist noch nicht vorbei. Mich sucht Trauer heim, aber das macht nichts; ich habe dafür genug Lieder. Ich habe heute auf der Straße geweint (nachdem mir von der Österreichischen Gesundheitskasse von der Honorarrechnung über 5 Therapiesitzungen, für die ich € 250.- bezahlt habe, nur der Rückvergütungssatz einer Therapiestunde von zirka 38.- rückvergütet wurde, und mir deswegen jetzt in der Monatsmitte das Geld ausgegangen ist, und mir an der ÖGK-Stelle Lasallestraße, wo ich persönlich aufgetaucht bin, nicht geholfen werden konnte und ich dann auf die Straße hinausgegangen bin, konnte ich nicht mehr an mich halten und habe geweint), nur kurz, abgehackt, irgendwie hat es für mich unecht geklungen, aber Wasser ist mir aus den Augen geronnen, das kann ich bezeugen. Darüber bin zur Hälfte froh (ganz froh wäre ich, wenn ich ordentlich und nicht verhalten geweint hätte). Mein kleiner innerer Großinquisitor hat mir verächtlich Selbstmitleid vorgeworfen (und da zucke ich sofort schuldbewußt zusammen und schäme mich), aber es ist wirklich schade um mich. Schade, dass ich meine Talente nicht richtig entfalten konnte (und nicht nur, weil ich dann eine höhere Pension hätte!). Damit das klar ist: ich klage nicht. Ich erzähle und beschreibe.


(16.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4389 Staubteilchen

 



23:52.  Die Staubteilchen – ich nehme an, hauptsächlich Abrieb vom Bettzeug – fliegen nur so durch die Luft und queren den Lichtkegel der Leselampe vor meinem Gesicht. Alle von links nach rechts, als herrschte in meiner Kemenate eine heimliche Drift. Ich habe mich schon zu Bett begeben und will zur Ruhe kommen und da begegnet mir meistens die Trauer. Nicht, dass ich unglücklich wäre; einfach eine Trauer, ohne konkreten Anlass oder Anhaltspunkt. Diese Trauer habe ich ganz gern. Wie schon öfters gesagt: ich finde sie angemessen.


(15.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März   2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4388 Aus der Traum

 



8:29 a.m.  Aus der Traum! An den ich mich gar nicht erinnern kann. Aber noch richtig verschlafen bin ich. Übrigens: der Traum vom Reichtum hat sich – wie zu erwarten – nicht erfüllt. Es geht dabei darum, ab und zu dem Schicksal die Chance zu geben, mir Wohlstand zu schenken, wenn es das will (dass es mir nicht so geht wie in dem herrlichen jüdischen Witz, wo der Junge und dann Mann täglich sein ganzes Leben lang Gott um einen Lottogewinn bittet, und wo dann zu seinem achtzigsten Geburtstag vom Himmel eine Stimme erschallt: „NN, gib mir eine Chance! Kauf dir endlich ein Los!“). Aber so viel ich über die Gesetze des Universums weiß – und ich weiß nicht viel – ist das nicht drin. Das Schicksal läßt sich nicht anbetteln.


14:04.  Der Wind treibt das Licht vorm Fenster auf und ab und ein Lachen bei der offenen Tür herein. Die unglaublich hohen Fichten wanken schon unheimlich hin und her. Schlank sind sie, ihre Äste sind nicht weit ausgestreckt, so eng stehen sie beisammen, wie eine statische, aber wankende Armee. Dort drüben sehe ich viele Misteln in den kahlen Laubbäumen. Oder sind diese „Fichten“ von vorhin in Wirklichkeit Tannen? Ich merke mir nie den Unterschied, obwohl ich den schon oft nachgelesen habe. Sonst weiß ich jetzt nichts zu schreiben. Ein bißchen verloren sitze ich da. Eh angenehm, denn ich bin müde. Mein Bewußtsein plätschert so dahin, nimmt nur schlampig auf, was rundherum passiert, registriert so ungefähr die sich bewegenden Lichtflecken auf dem Tisch, streift gelangweilt nochmals die Fichten-Tannen-Frage und läßt sie wieder fallen. Jetzt hat mein Bewußtsein doch zugegriffen und meinem Körper den Befehl erteilt, am Handy im Internet den Unterschied Fichte-Tanne nachzuschauen, aber ich weiß es noch immer nicht. Die Bilder sind mir nicht deutlich genug (Zeichnungen wären klarer als Fotos. Der Fehler der Realitätsfanatiker). Egal.


(14.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 13. März 2026

4387 Die Sonn’ im Nacken

 



10:19 a.m.  Die Sonne im Nacken (wirft genau an die jeweilige Stellen, wo ich mit dem Pilotstift schreibe, einen Schatten auf das Papier). (Die Sonne wirft die Schatten? - der innere Spötter.)

10:51 a.m.  (Ist diese Uhrzeitmanie nicht schon etwas peinlich? - der innere Spötter.) Naja, ich weiß nicht. Es ist schon auch eine Information, die das Verstehen fördern könnte. Zumindest die, ob es Morgen, Mittag, Abend oder Nacht ist. Nun habe ich ein wenig mit der Lokalchefin geplaudert. Über Krankheiten, wie es sich für einen alten Mann geziemet. In Linz müßte man sein. (Er will diesen Einschub nicht erklären; diesmal weiß er jedoch, warum er drauf gekommen ist – der innere Spötter.) Also gut: aus einem Lokalgespräch Linz aufgeschnappt. Mehr sage ich nicht. Ich kann mich schwer konzentrieren. Ein lautes Gespräch im fast leeren Lokal (alle sitzen draußen) kann sehr ablenkend sein. Oder zu etwas hinführen, was man anschauen sollte. Alkoholismus z.B., Parkinson z.B., Demenz z.B.. Freitag der Dreizehnte ist heute. Das ändert nichts daran, dass mir deutlich wird, wie sehr ich weg vom Fenster bin. Vom Leben. Das Leben spielt sich weit weg von mir ab. Okay. So ist es. (Oder falle ich auf etwas herein? Ich bin so leicht zu beeindrucken.) Bestimmung oder nicht. Okay. Okay, okay, okay (die eigentliche Frage wäre: ist das Leben weit weg von ihm, oder er vom Leben? Beziehungsweise: läßt er das Leben, das ihn umgibt, nicht an sich heran? - der innere Spötter.) Ich trinke aus und werde heimgehen (dort wo auch Leben zu Hause ist).


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4386 Hecke

 



6:50 a.m.  Wie so oft: ich wache friedlich in angenehmer Wärme unter der Bettdecke auf. Leichte, ganz leichte Kreuzschmerzen (die vergehen werden, wenn ich mich wieder bewegen werde). So liege ich da, noch ganz ohne Gedanken, ohne Bilder, ohne Plan. Und da, plötzlich, fährt eine Angst ein, eine Panik wie aus dem Nichts. Mit nichts verbunden, ohne Bild, ohne Idee, ohne Begriffe. Ich kann nicht sagen: mir ist dies oder das eingefallen, und da ist die Angst gekommen. Nein, und trotzdem muß etwas wach geworden sein. Vielleicht bin ich mir – noch ohne Bilder oder Gedanken, sozusagen verzippt – meiner und meines Lebens bewußt geworden und davon schockiert. Die Begegnung mit dem Destillat meines Lebens. Dass mein Bewußtsein sich in diesem Moment an seinen Inhalt (mein Leben, meine Erfahrungen, meinen Status quo) erinnert. Wie gesagt: keine Bilder, keine einzelnen, konkreten Inhalte, keine Sätze, sondern die Quintessenz. Ja, es ist ein Erschrecken, ein Schock, was solch eine Angst auslöst. Das sitzt nicht nur im Geist, es sitzt auch im Körper; im Leib, und wacht – ein wenig verzögert – mit den Bewußtsein auf. Schreiben ist übrigens eine Technik, diese namenlose, große, überwältigende Angst – nun ja: in den Griff zu bekommen wäre übertrieben, sagen wir: um sie einzuhegen. Freilich weiß man, dass das bloß ein Trick ist, der im letzten, entscheidenden Moment, wenn die schützende Hecke dem Ansturm nicht mehr standhält, nicht funktionieren wird.


(13.3.2026)


©Peter Alois Rumpf     März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com