4362 Blutdruck
8:28 a.m. Gut ist mir nicht. Körperlich fühle ich mich schwach. Viel gehustet, schlecht geschlafen. Im Kopf durcheinander. Ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie Gott die seine im biblischen Schöpfungsbericht (in dem einen Schöpfungsbericht; es gibt ja mehrere): hell - dunkel, oben – unten, das Identitätsgewölbe aufbauen, trocken – nass, und die Namen nicht vergessen: wie alles heißt und definiert ist, und eine Tagesordnung schaffen – zum Beispiel ante meridiem – post meridiem, und eine für die Zeit überhaupt: zum Beispiel jung – alt, und dass alles gut ist, etcetera, etcetera, etcetera. Ohne dem weiß ich weder, was ich heute tun will, noch, was ich tun kann. Der Pflichttermin ist erst um 5 p.m. nachmittags.
Ich würd’ schon sagen, dass ich krank bin, auch wenn ich kein Fieber habe (Witze über Männerschnupfen fallen mir ein – der innere Spötter). Habe ich Hunger? Mag ich frühstücken? Unentschieden: was da im Magen knurrt, könnte Hunger sein, aber gleichzeitig ekelt es mich so ganz unspezifisch. Ich lauere auf irgendwelche Hinweise, die mir weiterhelfen könnten. Ich phantasiere davon, dass ich ein reicher Galerist und Kunstsammler bin und eine Ausstellung von Thomas Jocher vorbereite und ihn dazu bringen will, einfach die Bilder für sich sprechen zu lassen, ohne allzu viele aufwändige Installationen. Soll ich die Reihe mona gone I und II in den Vordergrund stellen, oder abstracts von 2024? Oder ganz anders? Meine Zeichnerei ist schon wieder erloschen, bevor sie brauchbare Ergebnisse gebracht hat, und flammt nur alle paar Wochen kurz, vergeblich und unbefriedigend auf. Aufflammen ist möglicherweise übertrieben; es kommt eher aus Schuld- und Pflichtgefühl: wenn ich jetzt schon so viel Geld für Zeichenmaterial ausgegeben habe, muß ich es auch verbrauchen (Spießer hald (sic!) – der innere Spötter). Mein Gott! Was für ein fragwürdiges Leben! Kein Wunder, dass mir vor Ekel schlecht ist (naja, irgendwann im Laufe des Tages wird er dann eine ganze volle Schüssel Nahrung in sich hineinstopfen – der innere Spötter). Vom Husten rinnen mir Tränen über die Wangen.
Jetzt kommt ein weiteres Problem hinzu: Weil ich es nicht geschafft habe, vor 9:15 a.m. mein Frühstücksmüsli zu verzehren und bald die Tageskinder kommen, kann ich nicht im Pyjama (kein Problem; ich kann mich anziehen) und ohne Gebiss in die Küche hinunter gehen und das Müsli essen, denn heute kommt auch eine Praktikantin. Aber mit Gebiss das Müsli essen, das ist schmerzhaft. Denn das Gebiss sitzt schlecht und einige Körner geraten dabei immer unter die Plastikteile und stechen dann bei jedem Bissen. Der Husten ist jetzt etwas schwächer und erzeugt keine Tränen mehr. Der nächste ordentliche Anfall kommt bestimmt. Und ist schon da.
12:12. Seit ich dieses Blutdrucksenkermedikament nehme, fühlt es sich an, als wäre ich plötzlich und mit einem Schlag um zehn Jahre gealtert. Ich schleppe mich mühsam umher, kann nur mehr langsam gehen und empfinde meine vertraute Depression viel, viel körperlicher; als würde mir jetzt auch der Körper sagen: „Ich mag nicht! Ich kann nicht mehr! Gib doch endlich auf! Ich will in Frieden ruhen!“ Eine schwache, wirklich nur leichte, aber ständige Übelkeit als Hintergrundrauschen, ebenso eine Weinerlichkeit, die jederzeit aufsteigen kann – ich weiß auch nicht wirklich, warum es mir so wichtig ist, zu betonen: aber ich weine nicht.
So schleppe ich mich durch die Stadt. Kleine Scherze sind jederzeit möglich, so wie vorhin am Haustor, als auch ein anderer alter Mann mit gezücktem Schlüssel langsam aufs Haustor zu getrippelt ist und ich schneller am Tor war und beim Reinstecken des Schlüssels ins Schloss – wo ich oftmals länger brauche, bis ich den richtig angesetzt habe – gesagt habe: “Jetzt muß ich aber schnell sein, sonst ist mein Vordrängen nicht gerechtfertigt!“ und der andere Mann antwortet: „Nur keinen Stress, ich habe Zeit!“
Ich freue mich über solche Begegnungen und meine Seele hellt sich auf (nicht weil ich schneller bei der Tür war, sondern wegen der kleinen Kommunikation), aber zwei Minuten später schlägt das dunkle Meer der Depression wieder über mir zusammen und das Hinaufsteigen in den zweiten Stock geht nicht ohne Mühe. Genau dieser Mechanismus hat sich seit der depperten Blutdrucksenkung – wobei der Blutdruck dem ärztlichen Schema nach immer noch zu hoch ist – unglaublich verstärkt, und statt die letzten fünf Texte zügig einzutippen, wie ich es vorhatte, hocke ich auf dem Bett und habe das unüberwindliche Gefühl, mich erholen zu müssen.
(12.2.2026)
©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com