4623 Partout
11:37 a.m. Es ist ja so: ich nehme das Notizbuch zur Hand, den Pilotstift – wobei ich vorher eine Farbe auswähle – jetzt gerade hatte ich die gewünschte nicht dabei – setze – in letzter Zeit immer seltener – die Lesebrille auf und meistens habe ich keine Idee, was ich schreiben könnte. Nur ganz selten habe ich eine vage Idee zu einem ersten Satz, den Öffner, nach dem alles (im Guten wie im Bösen – der innere Spötter) nur so heraussprudelt – so wie jetzt auch. Aber ich habe ein immer sichereres Vertrauen, dass aus meinem reichen (oder wegen der Fixierungen armen – der innere Spötter) und stark bebilderten und reichlich verbalisierten Innenleben sich immer etwas zu schreiben anbietet (wie gesagt: im Guten wie im Bösen – der innere Spötter). Jetzt kommt aus den Boxen gerade eine sehr schöne, nicht nur, aber stark instrumentalisierte Fassung von Hair und Let the sunshine …, die ich noch nicht kannte. Und der kurze Gesang der unbekannten Sängerin erst gegen Schluß war schön, beeindruckend, dezent und überzeugend. Übrigens sitze ich heute ganz hinten beim gekippten Hoffenster, wo ich durchs ganze Lokal hindurch einen kleinen Ausschnitt der Gartenlaube und der beregneten Burggasse sehe. Ich halte inne und schaue den paar von hier aus sichtbaren Platanenzweigen zu, wie sie sich dem Wind hingeben und sich sanft schaukeln lassen. Ist das freiwillig? Zumindest die Windbestäuber unter den Pflanzen müssen den Wind im Programm haben. Als Egozentriker frage ich gleich (wen eigentlich? - der innere Spötter), was ich im Programm habe. Die Tür mit der Aufschrift Privat keine zwei Meter links vor mir, kann mich nicht daran hindern, mir solche Blößen zu geben. Auch hier sind die Leute so tüchtig, selbst wenn sie etwas unsicher von draußen hereinkommen. Gleich rechts von mir an der Nischenwand hängt eine Schielereproduktion – den Schiele hasse ich und kann ihn nicht mehr sehen – aber dieses Bild hier – Bäume bei untergehender Sonne – geht. Die Farbflächen sind noch nicht zu Ende – ornamentisiert ist nicht das richtige Wort – aber wie sage ich? - … im Farbauftrag ist noch etwas Lebendiges (schweig still, Schwätzer! - der innere Spötter). Ich schaue auf die Uhr und überlege, ob ich gehen soll, aber weil ein Kellner in den hinteren Gastraum kommt, herumschaut, ob alle Gäste zufrieden sind, und dabei auch zu mir einen fragenden Blick wirft, bestelle ich noch einen Kaffee. Mir fällt auf, dass ich immer öfter das zum Kaffee gereichte Schnittenstück verzehre; früher habe ich es meist liegen lassen (innerer Spötter! Falls du dich über diese Erzählungen, die niemand interessieren können, mokieren willst, erinnere ich dich: ich schreibe nur mehr fürs Protokoll!). Die Musik jetzt: leicht lateinamerikanische Rhythmen, jazzige Instrumentierung und Melodienführung und mit englischsprachigem, soulangehauchten, dezent Tom-Jones-ähnlichem männlichen Gesang – sehr tolle Melange und angenehme Musik! (… und im Abgang … - der innere Spötter). Ich schmunzle innerlich beim Gedanken, wie ich so durchs Leben schwimme und drifte, so ohne Plan, ohne Strategie und ohne bewußtes Ziel. Was letztlich auf mich zukommt, das ist absehbar. Trotzdem lasse ich mich jetzt in die Musik, das lokalinterne Stimmen- und Geräuschgewirr, den optischen Reizen - wie die schwankende Deckenlampe, an der sich soeben ein Gast den Kopf angehaut hat - und überhaupt in die dezente Buntheit hier, sowie in das ziellose, passive und ambitionslose Zuschauen der Lebensbewegungen hier sinken und meinetwegen könnte ich untergehen oder wenigstens einschlafen. Zuschauer! Das ist es! Wenn ich wach bin, schaue ich dem Leben zu, sonst schlafe ich (nach dieser großartigen Erkenntnis könntest du das Schreibzeug weglegen und Ruhe geben – der innere Spötter). Eine sehr schöne, trauernde Klarinette, ein sehr schöner, sanfter Frauengesang und schöne, disziplinierte Perkussion; und der Bass weiß auch, was er tut und trumpft nicht unnötig auf - es gibt wirklich viel, viel schöne Musik auf dieser Welt.
14:15. Auf meinem pilgerartig betriebenen Fußmarsch nach Hause hat es mich weit abgetragen, weil ich partout bisher unbekannte Wege gehen wollte.
(24.9.2026)
©Peter Alois Rumpf September 2026 peteraloisrumpf@gmail.com