Montag, 23. März 2026

4397 Vershattert

 



10:28 a.m.  Ich sitze ganz hinten neben dem Zugang zum Herrenklo, ein schöner Nischenplatz mit Aussicht auf die Eingangstür im vorderen Raum und durch diese auf die Burggasse, unter dem Licht der Wandlampe links, die ein schönes, kurviges und stellenweise verschwommenes Lichtmuster auf die weiße Wand wirft, das sich als eine Variante einer zweidimensionalen Spirale zeigt (besser kann er es nicht beschreiben. Stellt euch vor, ihr zeichnet eine einfache Spirale aufs Papier; so ungefähr, nur aus Licht – der innere Spötter).Wenn ich meinen Kopf vorbeuge, stoße ich an diese schöne Lampe und sie wärmt mir sofort mein drittes Auge auf der Stirn meines etwas zu klein geratenen Hauptes, das kaum die Kappe ausfüllt, die ich zurzeit zu tragen pflege. Aber jetzt ist das Frühstück da; diesmal nur das kleine Wiener Frühstück um Geld zu sparen und weil ich deswegen schon zu Hause ein Müsli gegessen habe.

11:55 a.m.  Mindestens fünf Mal bin ich schon hinter meinem Tischchen hervorgekrochen auf meinem Weg zum Klo oder zum Zeitungsständer. Die Ansage des Kellners, dass ich hier immer willkommen bin und – unausgesprochen: auch wenn ich wenig Geld für Frühstück vel (und/oder) drei Cappuccini habe – er mir immer ein Glas Wasser servieren wird, hat mich zu stillen, schwer sichtbaren Tränen gerührt. Ich lehne in „meiner“ Nische ganz hinten und blicke im Raum – dem hinteren – umher und muß aufpassen, dass ich die anderen Gäste nicht auffällig anstarre. In diesem Raum bin ich selten, darum betrachte ich zum ersten Mal genauer die blaue Wand gegenüber mit ihrem Regal für Bücher, Zeitschriften (?), Gläser, Flaschen, Nippes, Pflanzen in Töpfen und leeren Vasen, sowie deren Schatten. Die Schatten fallen mir auf, wenn mein Blick die Gegenstände abgegrast hat, aber sie sind auch immer irgendwie interessant, egal ob scharf konturiert oder verschwommen, ob dicht oder durch Mehrfachbeleuchtung diffus und die Ränder sozusagen vershattert. („vershattert“ – diese Bezeichnung kenne ich noch aus der Zeit, als man die Vorlagen für Flugblätter händisch herstellen mußte und die Überschriften am besten aus einem vorgedruckten, schwarzen Set mit aufklebbaren Buchstaben zusammengebastelt hat, und mir von damals unter den vielen Vorlagenvarianten der Schriftname „Shatter“ in Erinnerung geblieben ist.)

Vokuhila scheint wieder in zu sein oder zu werden, wie ich an einem Gast (eigentlich Gästin – der innere Spötter) sehe (bei mir ginge nur noch „Vonixhila“, aber heuer habe ich meine Haare wieder auf zwei Millimeter schneiden lassen). Ich hebe mein Gesicht nach oben zu Decke und dann so weit es geht hinten hinunter, um durch das kleine Fenster hinter mir verkehrt in den faden Hof, aber doch auch in den nicht strahlenden, aber blauen Himmel zu schauen.

Heute in der Früh beim Aufwachen habe ich mir gedacht: ich muß ja nicht alles verstehen! Für großartige Erkundungen und Erforschungen, inneren oder äußeren Reisen, überwältigenden Erkenntnissen ist es zu spät (außer für die, die einem beim Sterben geoffenbart werden werden), also nimm alles, wie es kommt und staune oder wundere dich und grüße freundlich.


(23.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4396 Das Gähnen hört nicht auf

 



23:56.  Ich lache still in mich hinein. Was finde ich so witzig? Das habe ich bereits vergessen. Mein innerer Gedankenstrom ist nicht einzufangen. Dafür muß ich jetzt ausführlich gähnen. Ich blättere um, obwohl auf der verlassenen Seite noch ein paar Wörter Platz gefunden hätten. Vielleicht locken die leeren Seiten mehr Worte, Gedanken und Bilder hervor. Wieder wandern die Staubflankerln von links nach rechts. Das ist mir ein Rätsel. Ich stecke meinen Finger in den Mund und halte ihn dann aufrecht in die Luft. Tatsächlich scheint im Zimmer an dieser Stelle ein leichter Luftzug von links nach rechts zu gehen. Ich habe den Finger sogar gedreht und ihn dann nach unten gehalten, die kühlere Seite war immer die, die nach links schaute. Das Gähnen hört nicht auf (und bei deinen LeserInnen? - der innere Spötter). Vielleicht sollte ich es mit schlafen versuchen.


(21.3.2026)


©Peter Alois Rumpf    März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4395 Kleiner Ausblick

 



14:21.  Ich sitze im Licht unter der sechslampigen Deckenleuchte, von der nur fünf Glühbirnen brennen. Draußen ist es etwas düster; es schaut immer wieder nach Regen aus, aber bis jetzt ist es trocken geblieben. Vielleicht wandere ich zu Fuß nach Hause. Der Weg von Sievering geht sanft bergab. Momentan ist es windstill. Nur ab und zu ein Auto auf der ansonsten viel befahrenen Straße; die Küchenuhr tickt; der Kühlschrank in der Küche brummt und meine Ohren surren mitten am hellichten Tag (sic! Ich mag dieses Drei-Konsonanten-Anhäufungs-Gesetz nicht! Man kennt sich auch bei zwei aus). Die Thujen bedecken das halbe Wohnzimmerfenster, aber ich sehe noch genug von den baumbestandenen Gärten und das Nebengebäude des Heurigen (wenn ich richtig orientiert bin) und das Grundstück der abgerissenen Flotow-Villa, das jetzt schon lange brach liegt. Die Laubbäume im Südosten (148°) zeichnen sich vorm Hintergrund eines hellen Himmels graphisch so schön ab mit ihren schwarzen Ästen und Zweigen und interessant gewachsenen Stämmen und ihren Misteln, und am Rand dann die Nadelbäume.


(21.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 20. März 2026

4394 Nein! Nicht dorthin!

 



12:04.  Unglaublich, wie schnell ich ermüde. Ich sitze in der Albertina, jetzt zur Erholung vor den geliebten Werefkins. Die vertrauten Bilder und Räume beruhigen mich. Während ein Mann irgendwo im Saal niest, läuft mir ein Schauder über den Rücken. Ich überrede mich, trotz der vielen Menschen noch ein wenig hier zu verweilen und lasse meine Augen über die zwei Bilder der Werefkin gleiten. Ich vertiefe mich in die Details und es ist, als würde davon ein Flash durch mein Bewußtsein gehen. Heute ist es vor allem der Nachtschwärmer, die Bäume machen mich irre. Wahnsinn! So toll! Hier wird heute fast nur französisch gesprochen.


Und nun raste ich bei den zwei Kokoschkas, meine Lieblingsbilder hier (London, Dresden). Meine Erschöpfung ist enorm. Es sind fast nur seine Städtebilder, die mich so stark ansprechen. Ich werde bald gehen müssen, alles ist mir zu viel.


Vorlauter körperlicher Erschöpfung raste ich noch ein wenig im Stiegenhaus bei den Sphinxen (er ist zu müde, um sein übliches Adjektiv depperten bei diesen Figuren anzubringen – der innere Spötter). Langsam bin ich aus dem Ausstellungsräumen geeilt, Klee, Giacometti habe ich gestreift. Mich biegt es brutal zusammen; ich kann meinen Oberkörper nicht gerade halten. Wahrscheinlich bräuchte ich einfach Kaffee. Aber ich verbiete es mir, mein letztes Taschengeld schon heute zur Monatsmitte in einem Kaffeehaus auszugeben, in dem ich wieder eindrucksmäßig überfordert wäre (mein Lieblingscafé spare ich mir auf; hier ist nur eines von den anstrengenden klassischen Wiener Kaffeehäusern in der Nähe. Nein! Nicht dorthin!). Wenn es nur um die Droge geht, kann ich mir auch zu Hause einen Kaffee machen. Jetzt hüpfen sie alle die Stufen zwischen den Sphinxen herunter. Naja, nicht alle. Ich muß raus ins Freie, die Luft hier halte ich nicht mehr aus.


Im Freien auf einer Parkbank vor der Albertina. Ein angenehmes Lüftchen. Werde ich es schaffen, zu Fuß nach Hause zu gehen? Nur wegen meinem Schritt-Zähl-Wahn will ich nicht mit der U-Bahn fahren. Der Wind rollt einen eingerollten Kassenbon über den Asphalt. Sind es die vielen Menschen, die mich anstrengen? Nur ihre Anwesenheit? Oder die feudalen, Macht demonstrierenden Prachtgebäude? Oder die kastrierten, beschnittenen Bäume hier? Was weiß ich! „Ich sehne mich fortzugehen vom Geklapper verbrauchter Lügen, vom Geschrei alter Ängste, das schrecklicher wird, wenn der Tag über die Berge schwindet ins Meer … Ich sehne mich fortzugehen, aber ich fürchte, etwas vom unverbrauchten Leben wird bersten aus alten, am Boden brennenden Lügen, die in der Luft explodieren und mich fast blenden.“ (von Dylan Thomas; in: Carlos Castaneda, Die Kunst des Träumens, Seite 206; Übersetzung: Thomas Lindquist)


(19.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4393 Presslufthammer

 



7:18 a.m.  Heute habe ich der morgendlichen Angst ein Schnippchen geschlagen. Weder weiß ich, wie das zustande gekommen ist, noch, worauf dieses Redewendung zurückgeht. Der Holzrabe am Fenster schaukelt wie verrückt, weil ich das Rollo hochgezogen habe und einen fernen Presslufthammer kann ich auch hören. Die Sonne scheint – nicht in mein Zimmerchen, aber beim Gang aufs Klo konnte ich ihr Licht im Hof auf den Hausfassaden sehen. Durch meinen Oberkörper gehen Wellen, die meinen in die Pölster gelehnten Kopf leicht wackeln lassen und mein Kinn zittern. Ein Staubsauger im Lichtschacht? Klingt so, aber wird wohl woanders sein. Ach ja, damit ich’s nicht vergesse: ich war vorhin ein wenig eingenickt. Und nun der Hubschrauber, von der Verkehrsüberwachung nehme ich an.


(19.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 17. März 2026

4392 Basteln

 



7:49 a.m.  Ich wache mit und in so viel Grauen auf, dass ich mich nicht rühren mag. Das wird aus den verstörenden Träumen kommen, aber auch der neue Tag vor mir kommt nicht mit Freude und Neugier, sondern verhangen und von Sorgen belastet. Auch vor ihm graut mir. Und ich weiß nicht, was ich mit seinen Möglichkeiten anfangen kann. Ich schaffe es dann schon noch heraus aus meiner Lähmung – ich bin noch immer aufgestanden – aber Kraft und Zuversicht schauen anders aus. So blicke ich verloren und mit verschwommenem, unzentrierten Blick auf mein Bücherregal (das ich auch aufgeben und leeren müssen werde), höre dem Knacken der anspringenden Heizung zu und weiß nicht, wozu ich in der Welt bin. Sicher, es ist genug eingeübte Routine da - zum Beispiel werde ich bald zum Frühstück hinuntergehen – sodass ich den Tag irgendwie hinbringe (wobei ich ich nicht nur das Papier, auf dem ich schreibe, quälen werde).

8:38 a.m. Ich bin hinunter gegangen. Ich habe gefrühstückt. Ich habe den Geschirrspüler eingeräumt und in Betrieb gesetzt. Genug Weltumgang, um ein kleines Gleichgewicht herzustellen. So habe ich mich zum Lesen wieder ins Bett gelegt.

11:00 a.m. Ich liege immer noch im Bett. Ich habe keine Lust, irgendwo hinaus zu gehen. Ich wüßte nicht wofür. Das Buch habe ich schon vor einer Viertelstunde weggelegt und dann die Augen geschlossen. Was ich zu sehen bekommen habe war eine gewölbte Fläche aus hauptsächlich roten und braunen Flecken, die sich später in blaue und braune verwandelt haben. Eine interessante, unbekannte, erstaunlich bunte Schicht der Wirklichkeitszwiebel, die noch öfters vor allem die Farbe, weniger die Struktur geändert hat, ohne dass ich mir das alles merken konnte. Beinahe wäre ich wieder eingeschlafen, aber der Harndrang wird mich jetzt endgültig aus dem Bett und ins Bad treiben und irgendwie werde ich mir einen Tag aus den Trümmern meines Lebens basteln müssen.

Wenn ich sage, ich mag nicht mehr kämpfen, heißt das nicht, dass ich aufgegeben habe. Ich halte immer noch schüchtern Ausschau nach seelischer Heilung (… aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.). Ich will nur nicht daran zerbrechen, wenn es nicht gelingt.


(17.3.2026)


©Peter Alois Rumpf März   2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4391 Singen

 



22:23.  Trauer und Schmerz sind sehr stark. Das ist mir nur recht, dass ich das spüren kann, auch wenn ich etwas weinerlich unterwegs bin. Aber dafür kann ich so gut Musik hören (schöner, oder richtiger gesagt: besser wäre es, ich würde den Schmerz selber hinaus singen – aber das geht nicht). Ich werde ein wenig lesen. Das hilft auch.


23:23.  Jetzt ist es richtig Nacht. Und still. Nur der Wind klappert ein wenig mit dem schlecht schließenden Fensterflügel. Ich bin in ratloser Erwartung. Als würde ich auf etwas warten, aber weiß überhaupt nicht, worauf. Und auch nicht, ob es gut oder schlecht für mich ist. Und auch nicht, ob es überhaupt eintritt. Vielleicht war es das schon für heute. Dabei surrt es um meine Ohren ganz aufgeregt und wie im Alarm. Aber mein Kopf ist schwer und müde und neigt sich zur Seite.


Aber ich drehe das Licht nicht ab und lege mich nicht flach. Das schreibe ich jetzt her, weil der Satz vorhin so geklungen hat, als würde ich mich zum Schlafen betten wollen. So war es auch, jedoch mache ich es nicht. Ist es Angst? Eine wahnsinnige und wahnsinnig vertraute Fremdheit umhüllt mich, wie die Erinnerung an tausende vergebliche Abende. Das Klappern der Fensterflügel wird stärker und häufiger und bekommt einen bedrohlichen Touch. Ich kann jetzt den Wind sogar heulen hören. Mein hölzerner Fensterrabe schaukelt im Luftzug, der durch das geschlossene Doppelfenster und das Rollo kommt. Ich sitze so da und kann nicht vor und nicht zurück. Die Welt jedenfalls hat ihr Versprechen nicht eingelöst; der Wind muß mir nun drohen. Ich schreibe jetzt nur, um nicht einfach nur da zu hocken. Vielleicht ist es doch Angst. Es gibt keine Erlösung – so schaut es zumindest aus. Mein altes, schleißiges Second-Hand-Hemd hängt so erbärmlich an der Zimmertür (First Hand war die meines Vaters. Das ist ja auch ein Witz, was ich so alles auftrage). Die Schatten in meinem Zimmer und dort, wo es hinfällt, das Licht sind von bedrohlicher Stummheit. Dabei könnten sie mir etwas Wichtiges sagen.


(16.3.2026)


©Peter Alois Rumpf      März 2026      peteraloisrumpf@gmail.com