Freitag, 4. September 2026

4599 Die Europafahne

 



14:06.  Gegenüber dem Amt für Eich- und Vermessungswesen sitze ich im Amt für Kaffee und gähne und gähne, obwohl meine Kaffeetasse schon zur Hälfte ausgetrunken ist. Die tiefblaue Europafahne mit ihren gelben Sternen auf der anderen Straßenseite ist eigentlich sehr schön, wirklich sehr schön mit ihrem transparenten Stoff. Da! Wow! Ich bekomme hier einen zweiten Cappuccino geschenkt! Vom Kaffeeamt. Das ist völlig unerwartet; ich werde gleich alle umarmen und abbusseln! (das macht er natürlich nicht; dazu ist er viel zu gedankenschwer, lebensängstlich und feig – der innere Spötter). (Das hat ihn jetzt ganz aus der Bahn geworfen; worüber soll er nun jammern? - der innere Spötter.) Mein depressiv formatiertes Gehirn sucht jetzt krampfhaft irgendeinen Pferdefuß und ich selber bin ganz aufgescheucht [Die Sache ist ganz einfach zu erklären: die Geschäftsführerin hat eine Jobbewerberin gebeten, als Test an der Kaffeemaschine einen Cappuccino zu machen. Selber wollte ihn um diese späte Uhrzeit keine vom Personal trinken – vermutlich weil schon genug Kaffee intus – also haben sie an diesen halben Stammgast gedacht, von dem sie auf Grund seiner üblichen Bestellungen schon wußten, dass er kaffeesüchtig ist, und ihm den Kaffee offeriert. That’s it – der Tipper. Aber danke!].

Langsam und leicht bewegt sich die schöne Europafahne, dreht sich hin und her, wendet sich ab, faltet sich der Länge nach zusammen, öffnet sich wieder, dann legt sie sich um den Fahnenmasten und löst sich wieder ein wenig. Die Musik aus den Boxen fällt mir erst jetzt auf und passt. Zwei helle, weiße Pünktchen schweben draußen durch die Luft; vermutlich sonnenbeschienene Insekten. Ich beginne, wieder zu schwitzen. Ich gehe noch nicht, weil zu Hause gerade die Tageskinderabholzeit ist. Zur Fahne muß ich noch klarstellen, dass sie sowohl oben mit einem Querholz als auch unten ohne Verstärkung in der Mitte ihrer Breite an der Stange befestigt ist. Der Wind wird stärker und rüttelt und zupft auch an irgendwelchen Planen, die geparkte Motorräder? - ich kann das von hier aus nicht klar erkennen – abdecken, und an den noch jungen Kletterpflanzen am Gestell für das Sonnensegel des Gastgartens herum.

Jetzt sehe ich es: die Fahne hat mittig ihrer Länge nach ein Drahtseil laufen, an das sie alle paar Zentimeter mit Ringen festgemacht ist, und diese Drahtseil läuft von der Spitze des Fahnenmasten bis zu seinem Fuß, wo es ebenfalls befestigt ist.


(4.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4598 Wehrlos

 



7:26 a.m.  Ich schlage die Augen auf, sitze an meinem Arbeitsplatz und habe das vorgebeugte Gesicht des Chefs ganz nahe vor mir, der mich anbrüllt: „Vierzig! Vierzig! Ein Wahnsinn!“ Ich weiß gar nicht, was er meint, nur, dass das wohl die Kündigung ist. Überhaupt weiß ich gar nicht, was ich da arbeite und wo ich bin, nur, dass ich einiges oder alles falsch gemacht habe. Lange noch, als ich schon realisiert habe, dass ich in meinem Bett bin und aus einem Traum aufgewacht, klopft mein Herz heftig und ich zittere am ganzen Körper.

Im Traum vorher habe ich vielleicht in einer Art Jugendherberge gewohnt – ein richtiges Hotel war das jedenfalls nicht – oder in etwas Ähnlichem wie ein Studentenheim, aber komischerweise bin ich schon alt und noch komischer von lauter Wirtschafts- und BWL-Studenten umgeben, die freundlich tun, aber grinsen und mich alten Mann als Kuriosum betrachten und mir dämmert, dass sie ihre Scherze mit mir treiben wollen. Sie drängen sich in mein Zimmer und tun und nehmen und bedienen sich schamlos, grapschen alles an und haben noch Schlimmeres vor, aber ich durchschaue ihre Manöver nicht. Ich verstehe auch ihre Anspielungen, ihre Scherze und ihre Jugendsprache nicht; alle sind sie so geschleckte Karrieristen, geistig beschränkt, glatt, und rücksichtslos und bei Gemeinheiten und ihren Vorteilen einfallsreich. Sie haben defacto mein Zimmer übernommen und holen sich auch Mädchen. Ich kann mich nicht wehren. Sie werden mir noch übler mitspielen, das weiß ich schon. Und ich sitze gelähmt vor meinem Zimmer und bin wehrlos.


(4.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 3. September 2026

4597 Der traurig pfeifende Sänger

 



11:41 a.m.  Nach sehr langer Lektüre habe ich es gerade noch geschafft, vor High Noon (falsch! Wir haben Sommerzeit! - der innere Korrektor) zum Schreibzeug zu greifen und somit meiner kindischen Bevorzugung von Ante-Meridiem-Zeiten zu frönen. Denn schreiben kann ich das hier noch nicht nennen. Die Sonne gibt meiner Selbstkritik recht und verdunkelt sich auch auf der – ungefähr – Nordseite deutlich (naja, 39°NO sind Hausfront, Tür und Fenster; mein Blick geradeaus 302°NW). Auch auf die Gefahr hin, immer und immer wieder das Gleiche herzunotieren (er will nicht immer -schreiben schreiben – der innere Spötter): die schöne, schwermütige Musik geht mir weit in meine Seele (oder doch Psyche? - der innere Spötter) hinein und macht mich angenehm. Mir gefällt sogar der traurig pfeifende Sänger – was an und für sich grenzwertig wäre (der Konjunktiv als ständige Tarnung – der innere Spötter). Um mich von meinen vergeblichen Denk- und Formulierungsversuchen abzulenken, wische ich drei von mir selbst hinterlassene Brösel vom Tisch. Ein schönes Lied soeben, kein Country, aber leicht davon angehaucht. Den Johnny Cash verdanke ich übrigens irgendwie meiner Mutter, das nur nebenbei. Das Stück hier war kein Cash, nur ein Hauch von Country. Kurz ist mir in einzelnen Stimmmomenten vorgekommen, es könnte ein mir völlig unbekannter Bob Dylan sein, aber das ist äußerst unwahrscheinlich. Jetzt ein schönes, feines, weibliches Lied, ein bißchen Shanty oder Folk. Schon vorbei (ich komme mit dem Schreiben nicht nach). John Frusciante fragt einmal live sein Publikum, ob ihm, dem Publikum, traurige Musik happy macht. Die Stimme der Sängerin kommt mir schon bekannt vor.

Ach, wie ist diese Musik schön! (Heulst du schon? - der innere Spötter.) Nein.

Meine Lebensfragen sind ungelöst und es besteht wenig Aussicht auf g’scheite Antworten. Das auszuhalten ist ein bißchen viel verlangt. Aber hier geht es ganz gut. Musik spielt auch eine wichtige Rolle. Mein Gott! Ist dieses Lied jetzt wieder schön!

Fast kann nun das Eigentliche (was ist das? - der innere Spötter) durch Fassaden und Glaswände und die Geräusche der Dualität durchkommen, fast. Ich bestelle meine dritte Melange. Ein Hauch von Tabakrauch weht herein und affiziert sofort mein Nervensystem (hoffentlich ist affizieren nicht affenhaft affektiert! - der innere Spötter). (Und der Schmäh nicht zu billig! - der noch innerere Spötter.) Nach diesem kurzen Ausflug ins Diesseitige versinke ich wieder langsam ins … was weiß ich was. Die gebrauchten Gläser und Tassen am soeben verlassenen Tisch beim Fenster – weil vor allem Glas Licht reflektiert – jetzt wird der Tisch gerade abgeräumt – ergeben ein elegisches Stillleben (-leben passt, weil die Leute, die dort gesessen sind, sozusagen ex negativo noch ätherisch anwesend sind, bevor ihre Aura verraucht sein wird. (Übrigens, weil er gerade von einer Pause zurückkommt – er ist immer recht zufrieden mit sich und seinem Leben, wenn er seine Texte eintippselt – der Tipper.)

Wie schön jetzt dieser Song ist! Auf meinem T-Shirt steht Im Traum kann ich durch Wände gehen, obwohl ich mich an keinen solchen erinnern kann; aber grundsätzlich geht es; das weiß ich. Ich lege meine linke Wange in die aufgestützte linke Hand auf deren Rückseite und höre zu. Ich mache mir im Moment keine Gedanken über den Papst, sein Alter, die Politik oder so etwas, nur über mich und meine Reise durchs Universum – sozusagen – und was ich da noch erfahren kann (im wahrsten Sinne des Wortes). Gut. Es wird wohl Zeit sein, meine Fußwanderung durch die Stadt anzutreten (im wahrsten Sinne des Wortes). Ein Ruck geht durch mich, ich trinke aus, besuche sicherheitshalber noch die Toilette (so viel Realitätssinn muß sein! - der innere Spötter), zahle und gehe (nur die Musik aus den Boxen will mich nicht ziehen lassen).


14:37.  Auf meiner Stadtwanderung habe ich in der Innenstadt vergeblich nach dem Max-Weiler-Platz gesucht; ich steuere gern solche Lichtpunkte an, wie ein Pilger auf seiner Pilgerfahrt seine Kirchen, Kapellen, Marterl und Wegkreuze, auf dass wir auf unserer Reise in der Fremde nicht so verloren sind (ich sitze jetzt übrigens vor der ehemaligen Karmeliterkirche). (Offensichtlich bin ich über den Max-Weiler-Platz marschiert, ohne es mitbekommen zu haben, wie meine Recherche am Stadtplan ergeben hat.)


(3.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 1. September 2026

4596 Warum

 



11:12 a.m.  WARUM pickt ein Aufkleber über dem Pissoir. Ja, warum ist überhaupt Seiendes und nicht viel mehr Nichts? Gut, ich bin immer noch pubertär und kindisch. Ich grinse und blicke lächelnd zum unglaublich hellstrahlenden Lichtengel (ich bin beim Schreiben natürlich wieder zurück vom Klo; am Klo schreibe ich noch nicht). Oh! Die köstliche Eierspeis kommt.

Meine Hände fühlen sich nach dem Essen etwas fettig an, obwohl ich nur das Brot in die Hand genommen habe. Ich gehe nicht die Hände waschen, obwohl ich fast aufgeregt befürchte, das deswegen mein heiliges Notizbuch Fettflecken abbekommt, aber ich warte, bis sich dieses Gefühl - das irgendwelche Sensoren an den Händen geliefert haben sollten – vergleiche: Fühler - (das, was man innen findet, wären Empfindungen) – bis sich also dieses Gefühl auflöst, weil ich annehme, dass es nicht auf echte – in diesem Fall – Fettmessdaten zurückgeht, sondern auf so einem einprogrammierten Gehirnprogramm – also meine Hände nicht fettig sein können (oder enthält das Brot ausreichend Fett? - der innere Spötter). Zur Rettung und um auf andere Gedanken zu kommen, bestelle ich noch einen Cappuccino (und um seiner Kaffeesucht genüge zu tun – der innere Spötter). Ich glaube, tatsächlich auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite einen kleinen Fettfleck wahrnehmen zu können – hingetropft kann der jetzt nicht sein; beim Essen war das Notizbuch zugeklappt auf der Bank abgelegt (du hättest doch katholischer Priester werden sollen: da hättest du am Altar die Hände waschen – Lavabo – fanatisch auf die Brösel aufpassen und in Kelch und Patene inbrünstig herumwischen können – der innere Spötter).

Es ist ein schöner Sommertag. Der Wind in der Platane draußen, die freundlichen Menschen, die angenehme Musik aus den Boxen (und der zweite Cappuccino – der innere Spötter) lassen mein Herz aufgehen. Der Deckenventilator kreist, der Lichtengel strahlt – ich bin immer noch jedesmal erstaunt und ergriffen, wenn ich zur Lampe hinschaue – und ich betrachte die Passanten in der Spiegelung der offenen Glastür; keine Sekunde brauchen sie, um meine Betrachtungszone zu queren. Wieder einmal gibt es mir einen Stich, weil mir – beim Betrachten der Passanten – bewußt wird, wie sozial abgehängt und statusnieder ich bin. Aber würde ich mich als erfolgreicher Mann aushalten? Wäre ich dann total blöd? Wurscht! Das muß ich nicht wissen. Und wenn ich sterbe, wird mir eh alles gezeigt. Meine Hände fühlen sich immer noch etwas fettig an. Nähern wir uns dem Waschzwang? Dabei bin ich doch kein Dauerduscher; alle paar Tage genügt mir in normalen Zeiten. Aber die Hände! Was habe ich mit denen getan? Klebt meinem Tun und Handeln (und hanteln – der innere Spötter) eine Art Schuld an? Ja.

Ich blicke auf die Gartenlaube; ich will vom Thema weg. Wie gesagt: wenn ich sterbe, wird mir alles gezeigt werden (und zwar sub specie aeternitatis). Ich könnte in die Albertina gehen und Photos von Bildern für Facebook machen. Beim letzten Mal habe ich unglaublich viele Likes bekommen. Außerdem hätte ich zu Hause genug zu tun.


(1.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4595 Erst jetzt

 



23:23.  Es regnet. Erst jetzt. Es gluckert und tröpfelt und rauscht, dass es eine Freude ist. Ach! Mein optischer Abwärtslift funktioniert wieder! (Um es zu erklären: er starrt aufs Bücherregal in der dunklen Hälfte seines Zimmers, fixiert mit seinem Blick gedankenlos und unaufmerksam eines der Regalbretter mit den Büchern darauf und auf einmal sinken die ziemlich deutlich und ziemlich schnell nach unten: Dann ist sozusagen Filmschnitt und sie sind wieder oben am ursprünglichen Platz und sinken sofort wieder ab – und bleiben dann natürlich an ihrer Stelle. Das geht recht flott in kurzen Sprüngen. Manchmal bildet er sich was-weiß-ich-was auf diese optische Täuschung ein, so in dem Sinne, als würde er Wunder sehen und hätte sein Alltagsgeschau ausgetrickst. Der Narr! - der innere Spötter.)

Ja, ich werde das Licht abdrehen, mich zum Schlafen hinlegen und auf den Regen horchen.


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4594 Halb

 



14:46.  Schnell etwas hinkritzeln? Maximal zehn Minuten habe ich Zeit. In Hof 9 fegt der Wind gedankenverloren das abgefallene Laub umher. Und die Regenwolken ziehen schon auf. Der Wind tut noch nicht so richtig und hält sich noch zynisch zurück, als bereite er sich provozierend spielerisch auf den Wetterumsturz vor. Aber in manchen Böen zeigt er schon seine Kraft. Die trockenen Blätter rascheln unheilverkündend auf dem Asphalt. Die Menschen - scheint’s – ahnen noch nichts. Einer am Fahrrad pfeift sogar halbfröhlich (ahnt er es doch schon und will die halbe Angst vertreiben?).


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 31. August 2026

4593 Die Sicherheitsschleuse

 



9:00 a.m.  Ich verliere mich ein wenig im Betrachten des Rettenschoess-Bildes. Das habe ich schon lange nicht mehr getan. Seit gestern beim Vorlesen finde ich meine Texte so richtig scheiße. Aber ich bin jemand, der schreibt. Das werde ich trotz mehrtägiger Pause, die einfach so passiert ist, nicht aufhören (können). Oder reißt jetzt wirklich etwas ab? Rettenschoess. Rettenschoess. Man könnte sich dem Bild nach auch eine Überschwemmung in der Landschaft vorstellen. Die innere Anspannung ist schwer auszuhalten. Nach außen hin hocke ich ruhig im Bett. Leicht zitternd atme ich tief ein und aus. Man muß in das Bild keine Überschwemmung hineininterpretieren. Es ist ungewöhnlich, dass ich wieder im Bett schreibe; ich habe das schon lange nicht mehr getan. Es beunruhigt mich und macht mich nervös. Mein Blick will immer von Rettenschoess zu Mali Lošinj hinüber, ich jedoch will bei Rettenschoess bleiben. Jetzt kommt wieder die Müdigkeit und ich könnte wegdösen. Die Augen sind mir schon zugefallen. Meine linke Hand schläft ein. Mein Gott! Ist das uninteressant, was ich da herschreibe! In der Traumwelt bin ich soeben unbehelligt und unkontrolliert durch eine Sicherheitsschleuse gekommen, obwohl ich keine Zutrittsgenehmigung hatte. Jetzt wäre es nicht schlecht, zu wissen, was für ein Gebäude das ist, wer dort herrscht und was dort gemacht wird.


(31.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com