4591 Also jetzt
9:38 a.m. Eigentlich sollte bei einem Schriftsteller bei seiner Arbeit sein Leben dahinter stehen und wachen. Eigentlich. Darum sage ich bei mir lieber nicht Schriftsteller, sondern: „Ich bin jemand, der schreibt“.
11:38 a.m. Endlich im Lieblingscafé. Alle sitzen draußen in der Gartenlaube. Das Hirsch-Tannen-Keramik-Relief hat sich gedreht: ich sehe es nun von der Schmalseite als ein eigenartiges, groteskes Türmchen und weder Hirschen noch Tanne sind zu erkennen. Das erinnert mich an das großartige, wahre Buch (also keine Fiktion) von Fynn; Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna.
Ich bin also jemand, der schreibt. Ob genug dahinter steht, also vom Hintergrund her genügend Substanz da ist, weiß ich nicht. Der Kellnerin gefällt mein T-Shirt mit der Aufschrift Lieber nicht und sagt es mir auch. Kurz plaudern wir deswegen. Wie wohltuend das ist! Wie wohltuend (kommen schon die Tränen? Nein? Nicht wirklich? Schwach!! - der innere Spötter). Lieber nicht habe auch ich geschrieben.
Heute konsumiere ich mit angezogener Handbremse (das Monatsende naht). Ich wollte etwas Tiefgründiges schreiben, das ich mir beim Hergehen ausgedacht habe, aber alles ist vergessen. Ich schwanke beim Gehen wirklich leicht; deswegen stelle ich mich, wenn ich an einer Ampel auf grün warte, nicht mehr ganz an den Rand des Gehsteigs, weil ich fürchte, plötzlich nach vorne zu kippen, besonders, wenn das Trottoir sich zur Straße hin absenkt. Die Musik aus den Boxen ist toll und unbekannt. Es herrscht angenehm kühles Wetter und es geht ein noch angenehmer Wind, der leicht ins Lokal hereinweht. Ein Motorrad heult auf und röhrt davon. Gesehen habe ich es nicht. Sehen kann ich nur meist graue Autos, die hinter Platanen und Gebüsch der Gartenlaube die Burggasse hinunter ziehen. Die Musik ist wirklich toll. Oh! Oh! Oh! Der Lichtengel leuchtet wieder! Das fällt mir erst jetzt auf, dabei sitze ich schon eine gute Stunde hier! Und wie er strahlt! Sofort erfreut er mein Herz. Wie konnte ich den übersehen? Er hängt gar nicht weit von der gedrehten Hirsch-Tanne-Keramik-Skulptur, wo ich länger hingeschaut habe, an der Wand. Aber ich freue mich [nachdem nicht jeder Leser, jede Leserin alle Texte gelesen haben – und das ginge gar nicht bei seinen 4590 Texten – erkläre ich es nochmal: sein „Lichtengel“ ist nichts anderes, als die durch Löcher in den Metalllampenschirmen entstehende Licht- Schattenstreifen einer zweilampigen Wandleuchte, die genau wie zwei ausgebreitete Flügel aus Licht (und Schatten) an der Wand erscheinen. Das ist es. Mehr nicht. Die Wandlampe war länger ausgefallen oder nicht aufgedreht. Kein Mysterium! – der innere Spötter]. (Hast du eine Ahnung! - der Autor.)
Ja, ich werde wohl gehen müssen.
12:32. Ich sitze im Museumsquartier in der Tonpassage (dem Durchgang zwischen zwei Innenhöfen, der mit Toncollagen bespielt wird). Diesmal ohne Behelligung (was hat eine Behelligung mit Helligkeit zu tun, oder geht es um die Hölle? Nachforschen!). (Aha! Behelligen kommt von dem mittelhochdeutschen Wort helligen – durch Verfolgung ermüden, plagen und weiter von Althochdeutsch hellic – müde, erschöpft – der Tipper, der immer recherchieren muß.)
Sehr schöne Tonspur! Eine alte Frau geht mehrmals vor mir auf und ab und hin und her und schaut mich an. Ich ignoriere sie und schaue nicht zurück. Ich erwäge, ob es jemand aus alten Zeiten (da das Wünschen auch kaum geholfen hat) sein könnte. Mir fällt niemand ein und ich habe keine Idee dazu. Inzwischen ist sie abgegangen. Ich bin wieder in der Tonspur, beziehungsweise will wieder hineinfinden. Aber mein unruhiger Geist, der sich ärgert, weil er sich heute bloß einen Cappuccino zu konsumieren getraut hat, während mein Körper nach mehr verlangt, fängt an, destruktiv zu assoziieren – ah! Jetzt Kirchenglocken auf der Tonspur; dass die mich immer so beglücken! Ende des Einschubs – also mein verärgerter Geist assoziiert: Tonspur – Bremsspur (letzteres zweideutig! Slipeinlagen trage ich schon! Ruhe jetzt!). Ich muß richtig (halblaut – der innere Spötter) lachen. Die Tonspur habe ich dabei aus den Ohren verloren. Ein Schauder läuft mir über den Rücken. Das macht mich stark. Natürlich gehen ständig Leute durch die Passage. Kann auch interessant sein. Zwei junge Amerikanerinnen werfen in den Tonspurautomaten in der Ecke – keine Ahnung, was der auswerfen soll – eine Münze ein, aber es kommt nichts heraus. Ich bin dann hingegangen, als sie weg waren, um den Automaten anzuschauen, bin jedoch nicht wirklich schlau geworden.
(25.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com