Freitag, 30. Januar 2026

4346 Eigentlich auch nicht

 



0:06 a.m.  Ich kann mich nicht mehr beruhigen. Der Termin beim Psychiater regt mich so auf. Ich hocke im Bett, mein Herz klopft stark und ich zucke fast aus. An lesen ist nicht zu denken, an schlafen schon gar nicht. An schreiben eigentlich auch nicht.


(30.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 29. Januar 2026

4345 Du lass dich nicht ...

 



12:40.  Heute bin ich in ein traditionelles Wiener Kaffeehaus – weil es auf meinem Weg lag und aus Neugierde – eingekehrt, das ich vor über 40 Jahren öfters frequentiert hatte (meine Besuche in traditionellen Cafés sind fast immer enttäuschend; abgesehen von der oft schlechten Kaffeequalität ist die Stimmung entweder so kellnergrantig oder (selten) zu bedüdelnd. Jedenfalls fast immer ein falscher Tonfall), aber jetzt sitze ich im Espresso Burggasse, um endlich einen guten Kaffee zu bekommen. Und wie gut und zuvorkommend ich hier behandelt werde! Und das ohne alle falsche Freundlichkeit und ohne aufgetragenes Theater. Ganz einfach freundlich, professionell und glaubwürdig. Ein richtiges Asyl für mich und meine gequälte Seele! Was für eine Erholung!

Ich bin seelisch erschöpft von meiner Angst und meinem Zorn über diesen Psychiatertermin und von meinem anstrengenden, aber sicherlich vergeblichen Versuch, im Text Nummer 4344 dem ganzen Dilemma (soll ich hingehen oder nicht) wenigstens gedanklich Herr zu werden.

Ein trauriger, hoffnungserheischenden Blick auf meinen „Lichtengel“ soll mir vielleicht etwas Linderung verschaffen, und tatsächlich beruhigt sich meine Seele ein wenig (gleichzeitig meldet sich der innere Zyniker und spottet über meine verzweifelte Zuflucht in etwas, das ich normalerweise als fragwürdige Esoterik abtue, aber Not lehrt beten heißt es).

Echtes Kerzenlicht ist auch nicht schlecht. Ich starre ein bißchen in die Flamme und mir ist zum Heulen (der innere Zyniker verurteilt mich für mein „Selbstmitleid“). Die stille, ruhige Kerzenflamme, die sanft und schön das ihr Verbrennen bremsende Kerzenwachs verbraucht und so das unvermeidliche Ende legal und regulär hinausschiebt und dabei wenigstens ein bißchen die Welt erleuchtet.

Die Musik aus den Boxen ist melancholisch schön, aber dennoch werde ich bald mein Asyl verlassen und nach Hause wandern, um zuerst das Geschirr abzuwaschen und dann die Texte auf die Schublade stellen. Bevor ich aufgebe will ich das noch dokumentiert haben, als letzten Versuch, in der Welt Resonanz und vielleicht Ermutigung zu finden. (Ach! Das Biermann-Lied! Ich werde es mir heute wieder einmal anhören!)


(29.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4344 Angst und Zorn

 



6:26 a.m.  Um knapp vor 5 Uhr bin ich aufgewacht und kann nicht mehr einschlafen. Der Grund: ich grüble, wie ich den Termin mit dem Psychiater XY überstehen soll. Um die Kosten für meine Psychotherapie wenigstens zum Teil von der kranken Gesundheitskasse refundiert zu bekommen (ich weiß von Leuten mit gutem vierstelligem Einkommen, die ihre Psychotherapie zur Gänze und anstandslos von der ÖGK bezahlt bekommen), muß ich mich von diesem fragwürdigen Psychiater begutachten lassen. Beim letzten Mal bin ich mit dem Gefühl hinausgegangen, arschgefickt worden zu sein (Ficken verwende ich nur für gewaltsamen Geschlechtsverkehr, weil nach dem Anlauf nehmendem f das i im ck auf Widerstand stößt und gewaltsam penetrieren will. Für einvernehmlichen Geschlechtsverkehr verwende ich meistens das schöne Wort vögeln. Warum ficken – das Wort stößt mich immer ab – in Deutschland die gebräuchliche Bezeichnung für Geschlechtsverkehr zu sein scheint, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass sich das sexuelle Bedürfnis erst gegen den jeweils inneren protestantisch geprägten Puritanismus mit seinem Sündenvorwurf durchsetzen muß, was aggressiv macht). Offensichtlich hat der ungute Mann - der selber gar keine Kassenpatienten annimmt -  von der kranken Gesundheitskasse den Auftrag, möglichst viele abzuweisen, um die Kosten zu senken (hier! Nicht in den oberen Etagen). Und dann sitzt du da und sollst dem Schnösel deine Depression erklären, wobei der dir unterstellt, dass du die nur vorgibst. Glaubt irgendjemand im Ernst, einer fängt eine Psychotherapie an – noch weit verbreitet mit Unterstellungen von Verrücktsein belastet – mit dem Zweck, den Staat zu betrügen? So à la: super! Ich zahle so und so viel für eine dann unnötige Therapiestunde und reibe mir die Hände, weil ich einen Teil der unnötigen Kosten zurückbekomme? Whow! Das habe ich aber geschickt eingefädelt!? Dass ich mir die Kosten für eine Therapie kaum leisten kann, kann man einfach an der Höhe meiner Pension ablesen (dafür braucht es keinen sicherlich gut bezahlten Psychiater, da genügt einer, der lesen und schreiben kann und ein wenig rechnen). Und was die Überprüfung meines psychischen Zustandes betrifft (um zu verhindern, dass ich eine psychische Krankheit vortäusche, um den Staat respektive die kranke ÖGK dazu zu bringen, eine Teil meiner Kosten für die ungerechtfertigte Therapie zurück zu bekommen?), was also die Überprüfung meines psychischen Zustandes betrifft, warum informiert er sich nicht bei meiner Therapeutin? Die könnte das besser und fachlich präziser erklären. Nein, das Ganze ist ein reines Unterwerfungsritual und ich kotze mich fast an davor, dort hinzugehen. Es geht dabei doch nur darum, dass ich meinen Arsch hinhalten muß und der arrogante Schnösel dann mit mir machen kann, was er will. Ich grüble, ob ich mir das antun soll (der „Gewinn“ aus meiner Prostitution wäre wirklich nicht sehr hoch und erbärmlich! Das rechnet sich nicht!), oder ob ich auf die Teilrückvergütung verzichten soll. Eigentlich habe ich mir geschworen, aus Selbstschutz dort niemals mehr hinzugehen, diese ordinäre Ordination niemals mehr zu betreten. Aber das hieße wohl, auf die Therapie zu verzichten, die ich so dringend brauche, um endlich aus meiner lebenslangen inneren Gefangenschaft rauszukommen oder wenigstens ihren Mechanismus zu verstehen. Ich bin ein Mensch in Not.

Und noch etwas: wenn der irgendwas von „die Komfortzone verlassen“ faselt, gehe ich ihm an die Gurgel!

Wenn ich hingehe, wird es natürlich ganz anders ablaufen. Meine ganzen inneren Vorbereitungen, alles was ich mir an Verteidigung ausgedacht habe, all die Vorsätze, mich nicht unterkriegen zu lassen, werden – von den tausend durchdachten Varianten und vorgestellten Gesprächssituationen abgegriffen und schal geworden – gleich nach dem Eintritt in die Ordination in sich zusammenbrechen. Schon allein deshalb, weil ich mich im realen Leben nie wehren und (m)einen Platz behaupten konnte und weil ich mich immer einschüchtern lasse. Aber auch, weil der feine Herr Doktor seinen Angriff (Niederschlagung von Anträgen) von einer ganz anderen, unerwarteten Seite starten wird und ich völlig überrumpelt sein werde. Ich werde keine Strategie mehr haben und verwirrt sein, unter seiner neoliberalen Selbstverständlichkeit (letztens: „die Gesundheitskasse will nur in die Wiederherstellung der Arbeitskraft investieren, wofür soll sie Sie noch unterstützen?“ Also übersetzt: „du bist es nicht wert, dass dir geholfen wird!“) (man kann schon einen solchen Standpunkt vertreten, aber dann konsequent und überall: keine medizinische Versorgung im Alter, am besten Euthanasie für unproduktive und lebensunwerte Menschen, und das sollen die Vertreter solcher Ideen dann auch offen aussprechen) (wobei das „unproduktiv“ bei mir gar nicht stimmen würde, weil ich immerhin bei Text Nummer 4344 bin und darinnen der eine oder andere Gedanke, die eine oder andere Erkenntnis steht, die geeignet ist, die Welt ein kleines Stück weiterzubringen), ich werde also unter all dem zusammenbrechen und hinausgehen und das letzte Lackerl an Selbstachtung und persönlicher Würde verloren haben. Amen. Nein, verdammt!


(29.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4343 Auch hinführen

 



22:58.  Wieder so früh zu Bett. Ich war so müde. Jetzt allerdings fühle ich mich wiederum frisch und munter. Lesen.

23:10.  Das Buch ist aus(gelesen). Ein neues fange ich heute nicht mehr an. Ich hocke im Bett und höre damit nicht auf. Irgendwo muß das auch hinführen.


(29.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4342 Ganz einfach

 



1:02 a.m.  Das ist ganz einfach: nach 27 kommt 28 (weil ich das Datum gesucht habe). Dann schaue ich auf das gelbe Fenster (gelb wegen des Rollos). Der schwarze Holzrabe dafür: schwingt er ganz leicht oder ist dies eine optische Täuschung? Um den schwarzen Holzraben bildet sich eine hellgelbe Aura, heller als das Rollo (mir passt das gar nicht, dass ich wegen der Korrektheit das Rollo schreibe, obwohl ich bei meinem Reden innen und außen – so wie es bei uns das Herkommen war – nur die Rollo verwende). Ich muß das nochmals im Österreichischen Wörterbuch nachschlagen (leider nein; auch das; ich wette, niemand in Österreich verwendet in seiner Umgangssprache dieses das). Aber gut, so fremd sind mir in der lauten Stillen Nacht die Regeln von Rechtschreibung und Grammatik.

Jetzt jedoch kommt die Müdigkeit noch deutlicher, aber ich will mich noch nicht zum Schlafen hinstrecken und hocke im Bett und weiß nicht warum. Warum hocke ich im Bett und blicke unaufmerksam in meinem kleinen Zimmer umher? Was suche ich? Suche ich etwas? Was soll mir noch einfallen? Was will ich noch erleben? Noch mehr vom Surren in den Ohren? Wollen meine Augen noch länger und mehr mein Zimmer mit all dem verstaubten Zeugs aufnehmen und irgendwo abspeichern? Um es im Jenseits nachzubauen? Dafür blicke ich viel zu schlampig, viel zu beliebig, viel zu unkonzentriert und viel zu ungenau. Mein Gähnen reißt mir mein Maul auf und meine Hände kratzen die Haut am Kopf und raufen nur so, ohne Groll, Zorn oder Trauer meine Haare, insoferne sie noch da sind.


(28.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 27. Januar 2026

4341 Der Radfahrer

 



9:30 a.m.  Ein Radfahrer ist hereingekommen, dessen Gesicht mich frappant an einen berühmten österreichischen Schauspieler (umstritten? Ich kann mich nicht genau erinnern. Ich glaub: ja. Jedenfalls schon tot) erinnert, besonders seine Augenpartie, aber der Name des als möglichen Vorfahr des Radfahrers unterstellten Schauspielers will und will mir nicht einfallen.

10:37 a.m. Nach Frühstück und entspannter Zeitungslektüre ist mir der Name endlich eingefallen: Maximilian Schell. Und was machen wir damit? Nichts gescheites (ich gebe zunehmend meinen Widerstand gegen so manche, meist neue Grammatik- und Rechtschreibregel auf – die ständigen Autokorrekturen beim Eintippen zermürben auch mich – aber diesmal versuche ich es wieder: für mein Sprachempfinden ist Nichts das Objekt des Satzes und gescheites das Adjektiv. Ich gebe zu, dass ich in irgendeiner Nacht, als ich in meinen Halbschlafgedanken dieses Thema gewälzt hatte, es für ein paar wackelige Sekunden anders sehen konnte).

Soweit so gut. Der Radfahrer ist wieder gegangen. Der dritte Cappuccino ist nun da, jetzt wende ich mich dem Lichtengel zu. Beim „Schell’schen Radfahrer“ habe ich mich eh nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt; wir werden es nie wissen und das – hypothetisch! - Wissen, ob meine Unterstellung richtig oder reiner Unsinn ist, würde an der politischen Entwicklung in den USA, Europa und Asien (und in Afrika und Australien und Ozeanien, selbst in der Antarktis) nichts ändern. Würden wir das wissen, änderte dies auch nichts am traurigen Faktum, dass die blaune laut Umfragen die stimmenstärkste Partei in Österreich ist. Leider. Oder würde sich doch etwas ändern? Wer weiß, wie in diesem komplexen, multifunktionalen, vieldimensionalen kräfteparallelogrammatischen, widersprüchlichen und vielschichtigen Universum die Dinge zusammenhängen! Jetzt belästigt mich eine gemeine Stubenfliege. Ist die vielleicht eine von der Freiheitlichen gesteuerte Minidrohne? Tatsächlich lasse ich das Thema fallen und wende meinen Blick auf den Lichtengel in der Fensternische. Weil es heute recht sonnig ist und vor draußen helles Licht hereinstrahlt, verblaßt sein von mir aus gesehen rechter Lichtflügel ein wenig. Zack! Ab in eine Gewaltphantasie! Mein Geist zuckt unabsichtlich weg in eine phantasierte Szene, wo ich einem mich „provozierenden“ Gewöhnlichkeitsnazi niederschlage, um ihm zu beweisen, was das Gerede von „der hat mich provoziert!“ für eine Verlogenheit ist. Das Ganze hat – sagen wir - drei Sekunden gedauert, in denen ich komplett weg war und meine aktuelle Umgebung nicht wahrnehmen konnte. Im Nachhinein habe ich die Sorge, dass jemand meine Gesichtszuckungen dabei bemerkt hat. Es schaut so aus, dass alle Gäste in ihre eigenen Geschichten und Gespräche vertieft waren; jedenfalls schaut mich – soweit ich das mitbekommen habe – niemand komisch an. Aber auch ich würde, wenn ich eine Szene einer solchen unguten Entrückung gesehen hätte, versuchen, mir nichts anmerken zu lassen. Ein Bettler mit wirklich markantem männlichen Gesicht kommt herein, edel irgendwie in seiner großen, hageren, aufrechten Gestalt (er wird nicht hinausgeworfen und es ist ihm erlaubt, die Gäste um ein Almosen zu bitten. Das spricht sehr für das Café!). Mein Geist ist schon wieder woanders und treibt Wortspiele mit dem Namen des neuen Erzbischofs von Wien, den ein telephonierender Gast zwei Tische weiter erwähnt hat. Seit Wochen keine Kleine Zeitung/Graz mehr im Zeitungsständer (eigentlich Zeitungshänger, denn das Gestell ist an der Wand montiert). Ich könnte eine andere als zweite Zeitung nach dem Standard lesen (es werden die Salzburger Nachrichten). Mein letztens als rote Holzkatze beschriebenes neues Objekt an der Wand stellt sich bei näherer Betrachtung als Keramikobjekt als Teil einer Keramikausstellung heraus.

11:50 a.m. Wenn ich noch eine Uhrzeit mit ante meridiem anbringen will, ist es jetzt höchste Zeit. Jedoch fällt mir nichts ein und somit ist es Zeit für den Aufbruch zur Stadtwanderung.

Auf der Mariahilfer Straße fallen mir die vielen, inzwischen hochgewachsenen Bäume auf, die jetzt so schön ihre nackten, dunklen Äste gegen den herrlichen blaßblauen Himmel strecken und so ein tolles graphisches Gewirr erzeugen, über dem noch der zunehmende Halbmond sichtbar geblieben ist.


(27.1.2026)
 

©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4340 Meine Versuche

 



0:35 a.m.  Meine Versuche, vor Mitternacht schlafen zu gehen, gelingen nicht. Ich will es anscheinend nicht, obwohl ich es mir so toll und gesund vorstelle, den Tag über tätig zu sein und in der Nacht rechtschaffen zu schlafen. Aber jetzt bin ich im Bett und dabei, den Namen des Gitarristen von Led Zeppelin zu suchen, aber der will und will mir nicht einfallen. Dabei weiß ich genau, wen ich meine, und kann sein Gesicht und seine hagere Gestalt abrufen, und außerdem habe ich heute schon einmal nachgeschaut, weil er mir auch da nicht und nicht einfallen wollte. Und jetzt wieder. Das ist doch nicht normal, oder? Es hat Zeiten gegeben, da ist mir sein Name leichter eingefallen als der des Sängers. Vorsichtig frage ich. Ist das schon Demenz? (wen fragst du? Dich? Den Laptop? Deine LeserInnen? Das Papier? Das Universum? - bitte präziser formulieren! - der innere Spötter). Oh! Die Regalbretter hinter dem Lichtkegel der Leselampe beim Bett fahren heute nach oben, hinauf! Bleiben natürlich auch auf ihrem Platz. Augenmuskelermüdungserscheinungen – nehme ich als Ursache an – sind keine Wunder. Jetzt versuche ich zu vermeiden, dass die Augen scharf stellen und erzeuge so eine diffuse, undeutliche Welt. Dann lasse ich das und hocke nur so da. Liebe ich dieses In-die-Luft-Schauen wirklich so, oder vermeide ich es, mich flach zu legen? (Auch mir ist jetzt der Name nicht auf Anhieb eingefallen. Erst nach einigen Minuten – der Tipper.)


(26.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com