Mittwoch, 20. Mai 2026

4471 Fernweh

 



14:15.  Bleiben wir einmal beim Kaffee. Nimm nicht gleich Buch, Zeitung oder Schreibzeug zur Hand. (Vergeblich! - der innere Spötter.)

Vorhin, beim Friseur (Zwei-Millimeter-Schnitt): ich habe ein wenig warten müssen; dabei habe ich durch die offene Tür auf den Karmelitermarkt geblickt; hinter dem eigenartigen Dach eines Neunzehnten-Jahrhundert-Hauses mit Kuppel und anderen Spezialitäten schwankte leise ein roter Kran im Rhythmus der orientalisch angehauchten Musik im Frisiersalon, obwohl er sie niemals hören konnte. Der Himmel hinter dem Kran war blau, mit weißen Schleiern, aber auch ein paar kompakte weiße Wolken zogen über das Firmament (das gar nicht so firm ist, sondern sehr verletzlich – der innere Spötter) und diese kompakten weißen Wolken riefen in mir eine starke Sehnsucht hervor, stärker als es der bloß blaue Himmel hervorrufen hätte können. Fernweh (obwohl er gar nicht verreisen will – der innere Spötter). (Aus der Box im Leo wird jetzt keine Zukunft, immer nur Gegenwart! gesungen.) Soll man sich darüber freuen? Ich muß hier eine für mich lesbare Zeitung finden (die Zeit, die herumliegt, halte ich nicht aus). Finde keine für mich passende. Also dann wieder in der REMbox blättern.

Mein Gott! Ich sitze am Fenster und schau gar nicht hinaus. Das muß (s)ich sofort ändern! Zwettler Sonnenschirme. Drüben geht eine Schulklasse von rechts nach links; herüben eine orthodox-jüdische Familie von links nach rechts. Nun kommt eine junger, schlanker, flotter Telefonierer mit deutlicher Rückfrisur (herüben, links - rechts). Und der Wind: auch deutlich, aber nicht wild (und schon hat er das Interesse an den Passanten wieder verloren – der innere Spötter). Jetzt ist die volle Abholzeit; darum bleiben wir noch ein wenig sitzen, bleiben noch ein wenig da (das war noch gar nicht die Abholzeit, wie er später bemerkt hat, als er beim Nachhausegehen erst recht in die Rushhour der Abholzeit geraten ist. Das kommt davon, wenn man eine Armbanduhr mit super designten Ziffern trägt, die man sich nie merkt und nicht g’scheit derlesen kann – der innere Spötter).

Der Wind wird stärker, die Sonnenschirme draußen zittern und wanken schon. Aus den Boxen: It’s okay! It’s okay! It’s okay!

Das Fernweh übrigens hat in echt mit einer ganz anderen Ferne zu tun: mit der des weggedrängten Energiekörpers, nach dem man sich sehnt und den man fürchtet (So! Nach dieser richtigen, aber trotzdem beschissenen Belehrung deiner LeserInnen mußt du jetzt nach Hause gehen! Wäsche und Geschirr warten! - der innere Spötter).


(20.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 19. Mai 2026

4470 Ich schwöre

 



11:26 a.m.  Der letzte Schluck vom ersten Cappuccino. Alles ist genau so, wie ich es gern habe: das Lokal nicht überfüllt, weil an sonnigen Tagen wie heute viele in der Laube draußen sitzen, das Schnittlauchbrot mein zweites Frühstück, wobei ich jedes, ich schwöre: jedes Schnittlauchstückchen aufgelesen und gegessen habe, die Musik (aus den Boxen – der innere Spötter) ist unbekannt und angenehm (fürs Wohlgefühl ist angenehm eine hinreichende Bedingung), Standard und Kleine Zeitung (Ennstal) habe ich schon durchgeblättert; ab jetzt mit dem Notizbuch auch die REMbox am Tisch, sanfter Wind schaukelt draußen die Zweige der zwei herrlichen Platanen, die offene Lokaltür macht meinen momentanen Lebensraum offen und frühsommerlich, als böte das Leben noch viele Chancen. Jetzt wird es etwas laut hier, weil ein paar junge Männer vor Freude aufjubeln (ich weiß nicht, warum). Ein junger Mann, der die Lokalwand mit ihren Bildern betrachtet, verstellt mir die Sicht auf den asymmetrischen Lichtengel – der von mir aus gesehen linke Lichtflügel leuchtet stärker und reicht höher auf die Wand hinauf – aber das ist keine Beschwerde: der junge Mann darf das, noch dazu, wo es mir soeben erst eingefallen ist, den Lichtengel mit einem Blick zu begrüßen, obwohl ich schon eine gute Dreiviertelstunde hier herinnen sitze.

Ich blättere in der REMbox und als ich sie zuklappe und auf den Tisch lege, zucke ich unbewußt – ich weiß nicht genau, wie und mit welchen Körperteilen – jedenfalls mit einem der Beine, sodass ich unabsichtlich den Kaffeehaustisch verrücke. So, das nur zur Vollständigkeit.

Heute ist ein Tag ohne gröbere Verpflichtungen und ohne Termine, aber ich habe noch vor, zum Caritaslager zu wandern, um Decken für die REMbox-Präsentation in der Secession am 27.5. um 19h zu besorgen. Zu Hause dann will ich die angestauten Texte eintippen (macht er jetzt brav – der Tipper). Ob mein Vorgehen bezüglich der Texte sinnvoll, angemessen oder übertrieben, oder blauäugig ist, frage ich mich nicht … frage ich mich schon manchmal, aber am eingeübten Ablauf ändert das bis dato nichts mehr.

Wenn ich in der REMbox blättere, gerate ich inzwischen immer auf die selben Seiten, so mein Eindruck (heute bin ich schüchtern, aber ich frage trotzdem: wen interessiert das? - der innere Spötter). Mittersteig 10 notiere ich, nachdem ich am Smartphone nachgeschaut habe, wo ein Caritaslager ist (ich wiederhole: w.i.d? - der innere Spötter). Soll ich schon losstarten? Bald.

Jetzt.


(19.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4469 Üppig

 



7:59 a.m.  Meine frankophone Schweizerin schaut heute wieder so feist aus, obwohl sie das nicht ist, was ich mir jederzeit beweisen könnte, wenn ich aufstünde und an die Kunstkarte im Regal herantretete. Feist ist sowieso übertrieben, aber üppig, üppig erscheint sie mir (dabei ist die abgebildete Frau schlank). Diese optische Täuschung muß etwas mit den Farben zu tun haben, damit, wie ihr rechter Oberarm aus dem grünen Hintergrund herausleuchtet (wenn es denn nicht doch mit seinen inneren Bildern zu tun hat – der innere Spötter). Der unmögliche Hut wirkt aufgesetzt (Oida! - der innere Spötter) und von hier aus, als wäre er ein steckengebliebener, schlecht gemalter Energiewirbel (nein, nein, das ist schon ein Hut; ein riesiger, überkandidelter Damenhut, der gar nicht zu der bäuerlichen Frau passt).

(So bin ich heute der morgendlichen Angst entkommen, bevor sie die Chance hatte, mich zu überfallen.)


(19.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4468 Menü

 



13:29.  Es gibt keine Tageszeit, an der mich die Schwermut nicht anfahren kann. Ich beschwere mich nicht, ich stelle nur fest. Draußen auf der Schwarzspanierstraße scheint die Sonne, und manchmal macht es mir die Schwermut leicht, mich schwebend zu fühlen, weil der Körper sich nicht rühren mag (Natürlich rührt er sich! Er übertreibt wieder! Außerdem hat er verschwiegen, dass er sich gerade erst mit dem 9.90-€-Menü – Bärlauchsuppe und Röstkartoffeln mit Zwiebeln an Cremespinat – vollgefressen hat – der innere Spötter). Langsam gewöhne ich mich an die kunstvoll-unleserlichen Ziffern meiner Armbanduhr und nach Wochen kann ich sie immer sicherer ablesen, zeitweise auch ohne Brillen. Das habe ich vergessen: die Musik aus den Boxen ist auch melancholisch und ich reagiere stark auf Musik. Soll ich schon zu Therapie aufbrechen? Etwas zu früh, aber warum nicht.

Als ich vorm Weggehen im Klo in den Spiegel schaue und ein alter Mann herausschaut, erschrecke ich im ersten Moment ein wenig, aber dann freue ich mich und denke: der hat das meiste schon hinter sich. Also war das doch Lebensangst. Vielleicht jedoch verdränge ich nur den Tod aus meinem Bewußtsein? Ich nehme es mir nicht ab, dass ich mich vor dem Tod nicht fürchte. Wenn der richtig näher kommt, wird es mich schon ordentlich herbeuteln; ich muß jetzt schon lachen!


(18.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4467 Erstaunlich

 



8:01 a.m.  Angst, Angst, und immer wieder diese Angst. Na gut, stellen wir uns. Den schwarzen Fensterraben sehe ich am Brillenrand doppelt und sein Hin-und-Her spiegelt sich im Glas eines im Bücherregal aufgestellten kleinen gerahmten Bildes. Wenn diese Angst genau so da wäre, wenn ich wohlhabend wäre, wäre sie wohl nicht Existenzangst, sondern Lebensangst, oder? Ich erkenne nämlich nicht, welche Angst das ist. Sie sagt mir nichts beziehungsweise ich verstehe sie nicht. Vielleicht sind es beide (und sie schaukeln einander auf). Gibt es noch andere? Ich bin mir jetzt ziemlich sicher: es sind beide beteiligt: Lebensangst und Existenzangst. Und? Hilft mir die Erkenntnis? Ein wenig schon, obwohl viele Ungewissheiten bleiben. Der Fensterrabe hat zu schaukeln aufgehört, nur ganz minimale Bewegungen bilde ich mir ein, ausmachen zu können. Bin ich bereit zum Frühstück? Ich bin bereit zum Frühstück.


9:00 a.m.  Vielleicht ist es aber auch der Horror vor der Leere. Vor der Leere, die da nach dem Aufwachen vor mir liegt.


11:20 a.m.  Vielleicht ist der Roman, den ich gerade lese, doch nicht so schlecht. Jedenfalls läßt er mich nicht los.

Erstaunlich: die eine Kunstkarte, die da im Regal an ein paar Buchrücken lehnt, erkenne ich nicht wieder; als sähe ich sie jetzt zum ersten Mal. Dabei habe ich sie irgendwann vor Jahren dort hingelehnt. Ich erkenne nicht, was sie darstellt, die unidentifizierten Formen lassen sich nicht deuten, schon gar nicht weiß ich, von wem das abgebildete Bild gemalt ist. Das ganze Bild kann so nicht stimmen. Mich irritiert, dass mich meine Augen am helllichten Tag so narren können. Ich trete zum Regal, endlich setzt mein Gehirn das Bild richtig zusammen. Ein schönes Bild einer in einem Garten auf einem Liegestuhl ruhende Dame. Ich nehme die Kunstkarte und drehe sie um: Henri Charles Manguin; La sieste ou Le rocking Chair, Jeanne; 1905. Aber immer noch kann ich mich an dieses Bild nicht erinnern, weder, dass ich es je gesehen habe, noch dass ich es hingestellt habe; als bemerkte ich es heute zum ersten Male.


(18.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4466 Nerven

 



9:56 a.m.  Die Nerven sind bis zum Zerreißen gespannt. Ich warte auf eine mir unbekannte Dame (REMboxübergabe).

(Alles gut gegangen – der Tipper)


(14.5.2026)


14:32.  Im Leo finde ich den Falter nicht. Ein bisserl gekrümmt sitze ich da, verbogen (nach dem Fitnessstudio). Ziegelergasse steht in gelber, leuchtender Schrift im Notizbuch; trotzdem leicht zu übersehen. Das war vorgestern. Heute ist alles ganz anders. An Jugendliche wird kein Alkohol ausgeschenkt. Gut. Einverstanden. Ich habe den falschen Mann im Auge gehabt, oder? Aus Verlegenheit schlage ich die REMbox auf und blättere darin und gerate an REM ist tot, aber später dann doch deppensicher auf meine Seite. Eines der Monsterablätter zeigt sich im runden Spiegel hoch oben. Eine rote Ziffernanzeige der – so vermute ich - Kühlbox für die Kuchen und Torten ganz unten knapp über dem Fußboden springt zwischen – ich glaube – 1 und 5 hin und her; genau kann ich es nicht sehen, weil diese Ziffernanzeige sich hinter einer metallenen Schutzblende mit drei Längsstreben befindet, die über die gesamte Breite des hohen Apparats verläuft und nur Bruchstücke der Ziffernanzeige sichtbar läßt. Ich glaube, das reicht für heute.


(15.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4465 Verabredet

 



5:54 a.m.  Das habe ich jetzt davon: seit über einer Stunde liege ich wach und kann nicht schlafen. Ich weiß nicht, was mich so aufregt. Ist es diese ganze REM-Geschichte? Oder weil ich von den vielen dadurch aufgewühlten Erinnerungen und Erkenntnissen emotional so aufgescheucht bin? Oder sind es die Medikamente, die ich nehmen muß? Ich werde jetzt einfach lesen.


16:20.  Im Kaffeeamt. Sonst fällt mir nichts ein.


17:03.  Dafür sitze ich jetzt auf der Mariahilferstraße (Maria, hilf!), die tief stehende Sonne im Rücken blicke ich auf die daherkommenden, sonnenbeleuchteten Gesichter, die aus dem Farbkonglomerat der Umgebung herausstrahlen (passiv; ob sie auch aktiv strahlen, weiß ich nicht und dersehe es nicht; dafür müßte ich aufmerksamer hinstarren, und das ist mir zu gefährlich). Hier ist schon so eine Verdichtung und ein Auto nach dem anderen biegt hier in die Zieglergasse ab, denn weiter dürfen sie nicht in die Mariahilferstrasse (vulgo Mahü), was anscheinend eine gewisse Aggression erzeugt.

An der Stelle, wo ich sitze, ist inzwischen die Sonne hinter den Mahügebäuden untergegangen, und die Gesichter der Entgegenkommenden leuchten nicht mehr. Die Bänke sind etwas verdreckt (Masse erzeugt meistens Dreck, besonders die der „normalen“ Konsumenten). Ich schaue auf die Uhr: 17:17. Ich warte auf eine Schlüsselübergabe (nicht für mich), dazu bin ich verabredet.


(13.5.2026)


©Peter Alois Rumpf    Mai 2026    peteraloisrumpf@gmail.com