Mittwoch, 4. März 2026

4375 Das Nichts

 



23:44.  Ich habe im Bett gelesen und hocke jetzt da vor dem Nichts und gaffe es an. Nein, kein schreckliches Nichts, nicht das große Nichts und nicht die Leere zwischen den Teilchen, nein, ein Nichts, das aus nichts anderem besteht, als dass ich nun nichts zu tun habe, morgen nicht früh raus muß, keine allzu großen Vorhaben erledigen muß, noch nicht ganz müde bin und eigentlich ganz zufrieden. Darum ist es ein angenehmes Nichts. Und still ist es auch um diese Zeit in meiner Kemenate. Dieses Nichts ist so angenehm, dass ich gerne darin verweile.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 3. März 2026

4374 Proskynese

 



11:17 a.m.  Jetzt im Leo (wir im Ennstal haben als Kinder zum Asylstein die Bande gesagt, vielleicht eine Verballhornung von Bahne?), aber auch hier kann ich keine aktuellen Zeitungen finden. Und der Leo-Artikel im Falter ist im hiesigen Exemplar ausgeschnitten und fehlt (weil er an der Wand hängt, was ich aber nicht gesehen hatte). Ganz hoch an der Wand – ich könnte sie nicht derglangen - hängt eine Kinderjacke. Musik und Einrichtung sprechen mich an. Auch hier eine abgescherte, aber nicht übertünchte Decke, was ich meist mag. Auch die hohen Fenster zur Leopoldsgasse hin gefallen mir. Die Vorbeieilenden - einer schleppt ein großes Trumm, anscheinend nicht allzu schwer – wirken wirklich alle in Eile; vielleicht doch nur ein verdrehter Dopplereffekt aus der Perspektive eines Sitzenden. Die Sonne kommt jetzt durch und beleuchtet die Glatze eines Passanten, sodass sie glänzt. Ich finde – im Moment – die Stadt schön (obwohl gerade ein schwarzer Hund sein Frauchen vorbeizieht und mir die verschissenen Trottoirs einfallen). Ein tiefes Saxophon als Intro der aktuellen, mir unbekannten Nummer aus den Boxen. Ich lächle in mich hinein – was man schon auch außen sehen könnte – weil ich mir gerade einen schönen Dialog hier im Leo über die Etymologie von Bahne/Bande und andere mit der Autorin des Falterartikels über Leo ausdenke. Whow! Gerade kommt sie wirklich und in echt bei der Tür herein! Ein Wunder! Aber ich traue mich nicht, sie anzusprechen (erstens: bin ich mir nicht hundert prozentig sicher, ob die hereingekommene Dame wirklich Frau Dusl (korrekter Name nachträglich recherchiert – der Tipper) ist; zweitens: überhaupt, vielleicht fühlte sie sich belästigt). Jetzt bin ich im Stress: ansprechen oder nicht? Wenn ich sie schon herbeiphantasiert habe! (jetzt glaubt er, er ist ein Wundertäter! - der innere Spötter.) Ein richtiges Abenteuer (bis jetzt nur im Kopf – der innere Spötter)! (Außerdem: wie nennt man das? Namedropping? - der innere Spötter.) (Bis jetzt ist ja nichts geschehen. Aber eine Etymologieexpertin!) Jetzt müßte ich noch herbeizaubern, dass jemand sie mit Namen anspricht, damit ich sicher bin (weil: ihren Namen habe ich, wie ich feststelle, nur undeutlich und schlampig, möglicherweise entstellt abgespeichert). Wie so oft traue ich mich nicht hinaus aus meinem Innenleben. Und wenn ich es doch versuche? Aber was sage ich? Dass wir im Ennstal - zum Wienerischen Leo - die Bande gesagt haben? Ist das nicht ein wenig mickrig?

Erst bei meinem Aufbruch und im Hinausgehen habe ich mich getraut, sie anzusprechen; sozusagen unmittelbar vor der Flucht aus dem Asyl. Und sie hat gelächelt! Ich bin high! Mein Glück kennt keine Grenzen, so eine schöne Proskynese (griechisch: Kniefall, liegende oder knieende Ehrenbezeugung; wörtlich: Anhündelung)!


13:02.  Natürlich denke ich mir jetzt: „was für ein unnötiger, peinlicher Auftritt! Ich habe mich nicht einmal vorgestellt. Außerdem hat sie gerade das aufgeschlagene Frühstücksei essen wollen und das ist durch mein Gequassel sicherlich zu sehr ausgekühlt.“ Wurscht! Ich muß trotzdem lachen. Dass ich mich zum Deppen mache, kenne ich schon und schreckt mich nicht mehr wirklich.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4373 Die Steckdose

 



9:44 a.m.  Vielleicht geht schreiben im (Welt)Café besser. Nein, geht nicht besser.


Nach dem Frühstück: besser? Bis jetzt nicht. Ist meine Schreiberlingsphase vorbei? Der eingerollte Sonnenschirm draußen im Schanigarten auf der Schwarzspanierstraße wirkt wie eine schmale Skulptur (Schau! Geht doch! - der innere Spötter). Gut, jetzt heißt’s einfach sitzen bleiben. Ich schlage die Beine übereinander (Vorbild: Walther von der Vogelweide – der innere Spötter), was den Schreibmodus fördert und stabilisiert. (Nach diesem beschissenen Psychiater muß ich alles neu lernen beziehungsweise neu aufrufen. Wobei ich oft nicht weiß, was ich da noch abgespeichert hatte.) Die Frühstücksspeisekarte habe ich schon fotografiert, eventuell für das Geburtstagsfrühstück mit meinen Töchtern. Die Bilder an der Wand Sch… - ich suche dennoch schöne Stellen. Die Steckdose gegenüber fällt mir wieder ein – sie ist frei, aber zeitweise durch den Kopf der jungen Frau verdeckt; also Augenkontakt mit ihr – der Steckdose – ist heute nicht möglich. Jetzt kurz doch: sie – die Steckdose – blickt still, ruhig und stabil zurück. Ein Schluck vom Kaffee. Die Frage, wie lange die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auch hier bei uns einigermaßen stabil und friedlich bleiben, stellt sich doch auch in meine Kaffeehausidylle herein. Der zusammengeklappte Schirm draußen – von grauer Farbe – wirkt tatsächlich mit dem kleinen, runden Knopf oben wie eine Karikatur einer barocken Heiligenfigur à la Dreifaltigkeitsbrunnen. Irgend so ein geschrumpfter, abgemagerter Asket, die Arme hat er sich schon weggehungert, aber noch steht er aufrecht und der Faltenwurf ist sehr überzeugend. Sein ovaler Heiligenschein – eine Lampenspiegelung im Fensterglas – verfehlt jedoch deutlich sein Schrumpfköpfchen. Aber obwohl die Arme fehlen, kann man am Faltenwurf seines Gewandes seine Arme und seine betenden, flehenden oder segnenden Hände erahnen. Wirklich! (Das Foto davon ist nichts geworden, entweder bin ich zu nahe, dann entsteht der Heiligeneffekt nicht, oder ich bin zu weit weg, dann schafft es die „Figur“ nicht in die fotografische Sichtbarkeit – der Autor.) Ob die fehlenden Arme auch noch Kraft hätten, weiß ich nicht. Ich muß seit Tagen an den Hauptquälgeist meiner Kindheit, den Hackl Sepp denken; soll schon länger tot sein. Wie schon betont: sitzen bleiben ist angesagt. Oder wo könnte ich hingehen? Hier gibt es keine gescheiten Zeitungen. Ich werde sehr unruhig.


(2.3.2026)


©Peter Alois Rumpf   März 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4372 Achtung Sarkasmus

 



8:37 a.m.  Das Düdeln meines Handys jagt eine kleine Schockwelle über meinen ruhenden Körper. Die Message selbst holt mich etwas näher an die Alltagswelt heran. Dazwischen sind mindestens zehn Minuten verstrichen, in denen ich mit mir ringen mußte, das Handy in die Hand zu nehmen und die Botschaft zu lesen, und dann wieder, um nach dem Notizbuch zu greifen und es aufzuschreiben, denn dieser Impuls war tagelang schon komplett weg und folgerichtig fühlt sich mein Schreiben wie eine groteske, überdrehte Anmaßung gegenüber der Welt an, sodass ich gleich wieder aufhöre, denn mir fehlt zum und dennoch! die Kraft. Und ich habe ein Unbehagen, mich damit zu versündigen. Danke, Herr Psychiater! (Achtung Sarkasmus!)


(28.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4371 Fliegt vorbei

 



10:36 a.m.  El cóndor pasa aus den Boxen. Seit Tagen wieder einmal zum Notizbuch gegriffen, weil der Kondor vorbei geflogen ist.


(24.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 20. Februar 2026

4370 Der Tag danach

 



16:32.  Und? Wie ist der nächste Tag? Wie fühlt es sich an? Erstaunlich ruhig, fast friedlich. Meine Körperfunktionen funktionieren: ich bekomme Hunger, kann essen, muß aufs Klo, kann schlafen. Aber ein wenig taub. Ein wenig taub fühlt sich alles an, als hätte ich zu allem eine Distanz. Ich kann reden, sogar plaudern, aber es fühlt sich an, als würde ich lügen, oder zumindest bloß zum Schein mitmachen. Als käme alles bei mir nicht ganz an. Ein gewisser Reaktionsautomatismus, der fast ohne mich abläuft.

Ich fühle mich wie ein Hund, der in seinen Hundekäfig zurückgepfiffen wurde. Zu seinen Hundekäfigträumen. Es war gestern schon eine Konfrontation mit der festen Realität, und ich empfinde es schon so, dass ich Flausen im Kopf hatte: ein völlig unrealistisches Bild von der Welt und vor allem: von mir. Mit eingezogenen Schwanz zurück in den Käfig. Sitz! Couch! Mir ekelt immer noch vor mir selbst, aber – wie schon gesagt – essen, scheißen, schlafen kann ich; ich war heute sogar brav im Fitnesstudio; ist auch erstaunlich gut gegangen; mußte nicht vor Erschöpfung abbrechen wie beim letzten Mal. Ich schüttle über mich selber den Kopf. Wie kann man nur so daneben sein? Verstehen kann ich es nicht. Nein, verstehen kann ich es nicht.


(20.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 19. Februar 2026

4369 Beim Psychiater

 



10:45 a.m.  Ich sitze nach dem unsäglichen Psychiatertermin in meinem Lieblingscafé – das wollte ich mir spontan gönnen, um mir etwas Gutes zu tun – meine Nase rinnt, genauer: tröpfelt - ich sitze also zum ersten Mal beim schönen Holzofen, neben einem alten Photo eines tätowierten katholischen oder eher anglikanischen Priesters mit von einem von ehemaligem Schmuck vergrößerten Ohrenläppchen – vermutlich ein Maori – in seiner Soutane.

Als ich vor diesem Termin mit dem Psychiater etwas zu früh angereist in den Straßen der Umgebung herumgetanzt bin, um den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, tauchte über mir plötzlich ein Schwarm schreiender Krähen auf, aus dem dann die eine mit versehrtem, wie zerrissenem Flügel umgedreht ist und von ihrer Gesellschaft weg flog. Ich sitze hier unter einer Box und auch das Gerede hier in dem hinteren Raum des Lokals ist sehr laut.

Was den Termin mit dem Psychiater betrifft: meine Vorbereitungen und Überlegungen haben mir überhaupt nichts geholfen. Allein schon seine stattliche Erscheinung, einen Kopf größer – ich hatte sein Aussehen nicht mehr in Erinnerung – hat mich sofort eingeschüchtert und alle Vorsätze und zurechtgelegten Strategien waren weggeblasen und vergessen. Sein maskenhaftes, strenges, feindseliges, unerbittliches Gesicht hat ganze Arbeit geleistet. Der neutrale, über allem stehende, natürlich gaaanz objektive, naturwissenschaftliche Begutachter, der sich in Wirklichkeit zum Büttel der fehlgeleiteten Politik der kranken Gesundheitskasse gemacht hat.

Das passiert mir immer so. Solche Kämpfe kann ich nicht gewinnen. Er hat überhaupt nichts aufkommen lassen, mich gleich mit seinen Fragen bedrängt, ja bloßgestellt, es war sofort klar, dass ich zu nichts berechtigt bin und mir höchstens Gnade gewährt wird. Gleich einmal die Frage, wann ich zum Psychiater gehe und mir Psychopharmaka verschreiben lasse. Nicht ob, warum eher nicht oder so etwas, sondern sogleich die unabwendbare Forderung und als Vorwurf. Ich bin mir wie vor einem Inquisitionstribunal vorgekommen. Ich hatte keine Chance, meine Bedenken bezüglich staatlich unterstützter Drogensucht anzubringen. Ich hatte keine Chance, aber nutzte sie (Achternbusch; die Atlantikschwimmer) und so bekomme ich jetzt bis August doch eine Teilrückvergütung. Aber ich fühle mich arschgefickt und es graut mir vor mir selber. Ich kann nur zu Boden schauen. Ich esse jetzt im Lokal, um irgendwie dagegenzusteuern, sogar das zum Kaffee gereichte Schnittenstück, aber ehrlich, die extreme Süße ist grauslich und ich empfinde den Geschmack im Mund als ziemlich unangenehm; vielleicht helfen wenigstens die Kalorien. Ich hole mir eine Zeitung; Ablenkung ist angesagt. Ablenkung um jeden Preis.

Ich komme auch in der Reflexion gegen diesen Typen nicht an. Er hat meinen Antrag auf Teilrückvergütung zu einem Machtkampf gemacht, wo die reale Verteilung der institutionellen Macht mir keine Chance gelassen hat (Heinrich Gross en miniature); nichts von einer grundsätzlich wohlwollenden Überprüfung des Anliegens, ein reiner Unterwerfungsakt. Selbst die Gewährung der Teilrückvergütung ist mit einer Art Drohung versehen: dass ich nicht glaube, dass das so weitergeht. Ich bin voll ins Schuldgefühl hinein getreten worden, dass ich eine ungerechtfertigte Förderung ergattert habe. Ich nehme mir wieder vor, das niemals mehr zu beantragen. Ich werde mich niemals mehr überreden lassen, noch einmal dort hinzugehen.


13:16. Ehrlich gesagt, bin ich richtig enttäuscht von mir: ich hoffte doch immer wieder, dass es einmal reicht und ich zurückschlage; aber nein, ich kann mich nicht und nicht derwehren. Warum lasse ich mir das gefallen und schlage nicht zurück? Wie viel Demütigungen braucht es noch, bis das Fass überläuft und ich aggressiv werde? Ich kann mir das nicht verzeihen, dass ich mitgemacht und nun wieder wie arschgefickt herumlaufe und meine Trümmer zusammenklaube so nach dem Motto: mehr steht dir nicht zu und du bezahlst dafür mit Unterwerfung. Vielleicht war es das, was mir die Krähe mit dem verletzten, gespaltenem Flügel zeigen wollte: du hast in dieser Gesellschaft nichts zu melden und nichts verloren. Geh weg! Dreh um und geh gar nicht hin! Geh weg! Aus Selbstschutz. Mehr steht dir wirklich nicht zu.


14:23. Ich mach hald (sic!) alles, was ich nach solchen Erlebnissen seit meiner Jugend mache: ich höre meine Musik, lenke mich irgendwie ab und versuche, meine Fassungslosigkeit zu fassen. Ich tue irgendwie herum, bis ich das Ganze geschluckt, mich an meine Niederlage gewöhnt habe und mich auch nur halbwegs auszuhalten fähig bin und mein Selbstbild korrigiert und zurückgeschraubt habe. Gleichzeitig komme ich mir extrem größenwahnsinnig vor, weil ich mir eine andere, anständige Behandlung durchzusetzen oder auch nur klar artikuliert einfordern zu können erwartet hatte. Werch ein illtum! Ich kann nur an mir und meinem Selbstbild Abstriche machen und meine Wertlosigkeit zur Kenntnis nehmen und irgendwie, irgendwie aushalten. Trotz Schuldgefühle und Scham.


(19.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com