4572 Schwermut ist schön!
9:26 a.m. Der Lichtengel strahlt wieder in meinem Lieblingscafé! Und stärker als je zuvor.
9:59 a.m. Wunderschöne Musik aus den Boxen. Dieses Lied kenne ich, sogar gut, weiß aber weder Titel noch Interpret und auch nicht, woher ich es kenne. Mir kommt vor, ich hätte es zu Hause, aber ist das möglich? Oder ist es eine Coverversion? (Fleedwood Mac; Landslide. Hat er so viel ich weiß nicht zu Hause – der Tipper, der immer recherchieren muß.)
26°C. Was wird das heute mit mir? Jetzt einmal bin ich satt. Ich weide meine Augen an dem Grün draußen bei und vor den Fenstern und in den Spiegelungen (eh schon wissen: die offene Glastür – der innere Spötter). Ich muß es nochmals herschreiben: der Lichtengel strahlt so schön! Als hätte er eine extra Botschaft für mich (das hättest gern! - der innere Spötter). In der Küche fällt ein Blechding zu Boden (und verändert auch die ganze Welt). Ein Kaffee ist schon zu wenig, dass ich auf Touren komme. Der leichte Wind, der bei der offenen Tür (Glastür! - der innere Spötter) hereinweht, ist sehr freundlich und herzerfrischend (ja! Stimmt! Kein Zynismus notwendig!) und auch draußen ist er schön anzuschauen. Die MA48 geht vorbei (der Satz ist sehr wichtig, damit es nicht romantisch wird – der innere Spötter). (Und außerdem habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet – der Autor.) Nach einer Wespe kommt jetzt eine Fliege zu mir an den Tisch; genaugenommen auf diesen und dann auf einen Fingerknöchel meiner Schreibhand; was ich ihrer Meinung nach schreiben soll, habe ich nicht verstanden; wir sind in zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs; ich habe noch nicht gelernt, das Tempo der Wahrnehmung zu ändern.
Auf meinem T-Shirt übrigens steht Ich lasse mich gehen. („Ein Gedanke, der keine Konkurrenz hat, wird zum Befehl.“ C.C.)
Bei diesem Lied jetzt ist der Bass nicht nur wirklich gut zu hören, sondern wunderschön; wie er einen und seinen Song geradezu fröhlich weitertreibt. Immer wieder schau ich zum Lichtengel, aber fast getraue ich mich das nicht; ich habe eine große Scheu davor, aber jetzt gaffe ich hin in diese zwei Lichter, bis alles zu flimmern beginnt und meine Augen tränen. Dann habe ich diesen Vorsatz zur Hingafferei schon längst wieder vergessen und war in Gedanken weit weg. Dann schaue ich zufällig hin und erschrecke kurz, weil der Lichtengel seine Flügel ein wenig eingezogen zu haben scheint. Bis sich meine Augen offensichtlich wieder an das erhabene Wahrnehmungsobjekt anpassen konnten und die Flügel wieder zur Gänze ausgebreitet sind. Und es flimmert wieder. Der Deckenventilator, den ich bloß so am Rande wahrnehme, scheint unzufrieden zu sein, denn er beginnt, mit seinen flotten Drehungen einen Sog zu entwickeln, den er mir wie einen Schlauch an die höchste Stelle der Calvaria (er versucht anzugeben und meint einfach sein Schädeldach – der innere Spötter) ansetzt, um mir irgendwas aus dem Gehirn zu saugen (was könnte den in deinem Gehirn interessiern? Vielleicht will er bessere Texte herausziehen, weil er dein Geschreibsel unter seinem aerodynamischen Schutzschirm nicht mehr aushält? - der innere Spötter).
Wieder ist etwas an den Engelsflügel anders, oder täusche ich mich? Ich halte – gegen meine Gewohnheit, aber es hat sich so ergeben – meinen Kopf ganz schief (angeblich in der Kommunikation ein Zeichen von Verlogenheit – der innere Spötter). Ach, ich lasse mich gehen und von der angenehmen Musik einlullen. Dabei ist mein Notizbuch fast vollgeschrieben und ich hätte von hier nur ein paar hundert Schritte zum Papiergeschäft, wo ich meine Notizbücher zu erwerben pflege.
So früh bin ich von hier noch nie weggegangen (11:28 a.m.). Ich schreibe schon auf dem Deckel. Ein Anfall von Schwermut zeichnet sich ab. Aber das geht. Das geht wirklich! Damit komme ich gut zurecht. Schwermut ist schön!
(7.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com