4582 For Men
12:53. Bin neugierig, wie der erste Kaffee des Tages auf meine Schwermut wirkt. Bestellt ist er schon. In letzter Zeit meine ich ständig so einen leichten Gestank wahrzunehmen (er fürchtet immer, der kommt aus seinem Inneren – der innere Spötter), aber identifizierbar ist er für mich nicht.
Der erste Schluck. Wichtigtuerische Sprecherin zwei Tische weiter. Stört schon, aber es ist, wie es ist und muß hingenommen werden, wenn man nicht weggehen will. Heute war mir schon richtig schwindlig, alles hatte sich gedreht und ich mußte das Eintippen meiner Texte unterbrechen und konnte nur mit Mühe in mein Zimmer gehen und mich hinlegen. Das ist vorbei, aber flau ist mir immer noch. Und schwer ums Herz. Ich atme ein und dehne dabei meinen Brustkorb; vielleicht lockert sich die Beklemmung ein wenig. Ich habe einen Toast bestellt, obwohl ich strikt vorhatte, heute in Lokalen kein Essen zu konsumieren, aber um das ganze System etwas zu stabilisieren habe ich meinen Vorsatz über Bord geworfen (wie heißt das? Rette einen Menschen, dann rettest du die ganze Welt – der innere Spötter).
Der Toast ist verschlungen; eigentlich zu wenig (aber ich bin geizig in der zweiten Monatshälfte). Wird schon reichen. Die Riesenblätter des unbekannten Baums, dessen Zweige beim Fenster hereinschauen, sind mir etwas unheimlich. Obwohl sie sich recht ruhig verhalten. Ich muß mir noch die Hände waschen (und das Maul – der innere Spötter). Kann es sein, dass es draußen wieder sehr schwül ist? Mir kommt vor.
Das erste Mal mit Slipeinlagen in diesem Lokal; FOR MEN natürlich; FOR MEN. Was es alles gibt. Die Sprecherin nebenan hat sich beruhigt und redet jetzt „normaler“ (oder habe ich mich an ihre Stimme gewöhnt?). Noch ein Kaffee? 38 Minuten bis zur Psychotherapie. Das wird ein wenig knapp, wenn ich ihn langsam trinken will. Wenigstens weiß ich, worum es heute in der Therapie gehen wird. Ich habe mich entschlossen: kein zweiter Kaffee.
Zum Zahlen habe ich mich an die Budel gestellt und warte auf den Kellner, der im Gastgarten Tische abräumt. Dabei sehe ich, wie er das restliche Wasser aus den den Kaffees beigegebenen Wassergläsern in die Blumenkistchen des Zaunes gießt. Jetzt hat er gleich noch einen großen Pluspunkt bei mir! Dass er im Arbeitsstress auch an die Blumen denkt! Ich sage ihm das auch, als ich zahle.
Nun sitze ich in Hof 8 vorm Springbrunnen; Lang bleibe ich nicht; ich könnte in meinen klandestinen Klosterhof 5 gehen.
Ich gehe in meinen klandestinen Klosterhof (mein Gott! Jetzt muß er wieder mit aus der Zeit gefallenen Vokabeln angeben! Klandestin heißt nichts anderes, als heimlich, geheim. Amen! - der innere Spötter). Was hat das alles mit meiner Psychotherapie zu tun? Nicht viel, fürchte ich, nicht viel (oder: sehr viel, fürchtet er, sehr viel! - der innere Spötter). Zeit zum Aufbruch.
(17.8.2026)
©Peter Alois Rumpf August 2026 peteraloisrumpf@gmail.com