Dienstag, 21. Juli 2026

4553 Odysseus – Rosegger - Davis

 



11:59 a.m.  Soll ich richtig frech sein und meinen Kaffeehauskonsum mit der Karte meiner Frau bezahlen, obwohl ich sie wie auch meine Tochter dazu überredet habe, sich zu mir ins Café zu setzen und Kaffee zu trinken? Wäre fast eine Finte odysseusischen Ausmaßes (wir hatten an Hand eines Artikel im Standard über die Verfilmung der Odyssee diskutiert). Ich überlege noch und versuche die zu erwartenden Folgen abzuwägen (meine Psychotherapieteilrückvergütung ist noch nicht auf meinem Konto. Oder ist deren bewilligter Zeitabschnitt schon wieder abgelaufen? Was mache ich dann?! Zu diesem verbalaggressiven Psychiater gehe ich sicher nicht mehr, um eine Verlängerung der Teilrückvergütung zu beantragen!). So sitze ich also im Café Rosegger herinnen – während fast alle anderen Gäste den Gastgarten draußen am Hauptplatz bevorzugen – und schaue auf die Wand mit den Weinregalen und lasse mich von der Endorphinmusik aus den Boxen berieseln. Schritte habe ich heute erst 3.034 auf meinem Schrittkonto. Was tun? Nun, ich bleibe sitzen. Eine Soft-Porno-Variante von No Woman No Cry tönt jetzt aus den Boxen (man verzeihe mir meine Wortwahl, die meinem Intellekt unzutreffend und blöd vorkommt, aber meiner Assoziationslogik passend. Meine Assoziationen können nicht irren! Das Unbewußte ist heilig!). (Diese Behauptung ist freilich unhaltbar! - der innere Kritiker.) (Kümmere dich lieber darum, wie wir das mit dem Mittagessen machen! Und das ständige Platzieren von Sätzen in Klammern ist auch kindisch! - der innere Spötter.) Gut, ich werde jetzt zum Quartier den Seggauberg hinaufsteigen. (Sowie es ausschaut, verhilft dir der Name Rosegger literartechnisch überhaupt nicht zu einem besseren Text! - der innere Spötter.) Was! Ist das jetzt ein Miles Davis aus den Boxen!?! Eine von den „gefälligeren“ Nummern? Das Trompetenspiel klingt so, aber die Nummer kenne ich nicht. Ist das ein Omen, dass ich in der Welt nicht völlig verloren bin und hier auf Erden doch noch eine Funktion als Zeuge habe? (Fragt sich nur: als Zeuge wofür – der innere Spötter.) Die Begleitmusik klingt mir auch gekonnt und raffiniert genug für ein Miles-Davis-Stück. Ja, ich bin mir ziemlich sicher: Miles Davis. Danke, Universum, danke! Ich zahle und gehe los. (Zahlen mit Karte war hier gar nicht möglich – der Tipper.)


(21.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4552 Tempelschlaf

 



16:01.  Als ich unten vorm Haus auf dem bequemen Stuhl saß, dachte ich noch Lazy Monday Afternoon, aber jetzt, heroben am Frauenberg, fühle ich mich verpflichtet, zu schreiben (Arbeit sozusagen). Darum sitze ich am Plateau auf der Bank, der Blick geht Richtung Museum, Kirche, Friedhof; die Sicht auf den Kirchturm ist allerdings von einem großen Apfelbaum verstellt. Die freundliche Museumskustodin hat soeben ihr Museum abgesperrt und mir einen schönen Nachmittag gewünscht. Ich habe ihren Gruß erwidert (wow! - der innere Spötter). Ein angenehmer Wind geht, so stark, dass der steirische Panther auf der Museumsfahne nur so ruckelt und zuckelt. Der typische, schöne, badefreie Sommernachmittag ist das! Aber ich habe erst 8.421 Schritte! Ich muß noch auf 10.000 kommen! Der steirische Panther krallt sich ängstlich an den Fahnenstoff und klammert sich fest, damit ihn der Wind nicht davonweht. Ein hoch fliegendes Flugzeug will ihn mit seinem Brummen beruhigen, aber die Turmuhr schreckt ihn mit ihrem Viertelschlag wieder auf. Der Verkehrslärm ist deutlich, aber entfernt und unten; man muß sich nicht betroffen fühlen. Baustellen gibt es irgendwo da unten auch, aber so weit entfernt, dass sie mich nicht tangieren. Vielleicht klopft der eine seinen Betonmischer aus. Etwas Weißes schwebt durch die Luft und landet in der Wiese vor der niederen Tempelmauer. Der stärker gewordene Wind weht meine kurz auf der Bank abgelegte Brille ein paar Zentimeter Richtung Absturz. Ach! Das Gurren schläfriger Hühner, so ein friedliches Geräusch! Der Wind legt weiter zu und pfeift und heult sogar ein wenig. Ich hätte Lust, mich in die Wiese zu legen und zu schlafen. Tempelschlaf gilt ja als inspirierend. Stattdessen beschließe ich, hier heroben umherzugehen, nur im engeren Tempelareal. Der Wind rauscht schon unheimlich in der riesigen Eiche in der südwestlichen Ecke.


(20.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 19. Juli 2026

4551 Elfuhrfünfundfünfzig

 



11:55 a.m.  Den Zigarettenrauch weht es bis hierher an die lange Bank. Ich huste. Die Sulm rauscht, insoferne sie bei der Steinernen Wehr abrinnt. Meine Augen brennen von Sonnencreme und Sonnenlicht. Ich bin jetzt im Schatten. High Noon (Sommerzeit, also nicht der Zenit des Tages). Ich klicke den Pilotstift auf Standby und versuche, mit dem nun länger aus dem Kugelschreiberschaft herausragenden Klicker in meinem Ohr Ohrenschmalz zu erstierlen. Kein nennenswerter Ertrag (Gottseidank; denn das heißt, ich habe heute Morgen die Ohren eh gründlich geputzt). Zwei kleine weiße Tröpfchen landen urplötzlich auf meinem rechten Unterarm. Hat irgendwer in der Nähe unvorsichtig mit einem Sonnencremesprayer hantiert? Oder war es doch so ein Dinosauriernachfahre aus dem Gebüsch über mir? Erriechen kann ich es nicht. Na gut, man muß ja in seinem kleinen irdischen Leben nicht alle Welträtsel entschlüsseln. Vielleicht sollte ich diese Substanz – bevor sie in die Haut eingezogen oder getrocknet ist, einfach abwaschen und das Ganze vergessen? Schon finde ich die geheimnisvollen Tropfen gar nicht mehr auf meinem Unterarm. Aber wer weiß, was das Zeug für Substanzen enthält! Bis jetzt spüre ich nichts. Einige Insekten führen nun zu meinen Füßen einen hektischen, irren Tanz auf. Vielleicht sollte ich doch ins Wasser gehen, um mich abzukühlen. Außerdem bin ich schon hungrig.


13:29.  Es ist wieder heiß und ziemlich windstill. Der Rauch des Rauchers zieht jetzt nicht in meine Richtung (lange Bank). Die Weide am Ufer und die Pappeln dort sind unglaublich hoch. Und andere Bäume auch. Die Wiese ist heute vom nächtlichen Regen grüner. So schnell geht das. Mit der Windstille ist es jetzt vorbei (er glaubt wirklich, er muß das um der Wahrhaftigkeit willen herschreiben – der innere Spötter). Ich bin satt und träge. Träge und faul und in müder Erwartung wie das trockene Moos auf dem Eternitdach des hölzernen Kabinenhauses (Oida! Deine Vergleiche! Gehen in ihrer Schiefheit auf keine Kuhhaut! - der innere Spötter). Plötzlich wirkt dieses durch und durch braune Kabinenhaus wie ein Fremdkörper, der nur mit seinem Stromkabel am Giebel am gemauerten Buffetgebäude hängt und im Bild gehalten wird.


14:11.  Ich schleppe mich auf die lange Bank (er übertreibt; er hat sich gerade in der kühlen Sulm erfrischt – der innere Spötter). Allmählich füllt sich die Badeanstalt (ob er jemals wieder einfach dasitzen und schauen kann, ohne ständig zu formulieren und zu schreiben? - der innere Spötter). Die Biker starten ihre Maschinen und drehen das Gas rauf und runter (brumm! brumm! - der innere Spötter). (Endlich verspottet er einmal nicht mich! - der Autor.) Okay! Vielleicht sollte ich doch nicht so viel schreiben; meine Frau kommt mit dem Lesen nicht mehr nach! Und sonst dürfte ich auch nur noch eine regelmäßige Leserin (das -in vermutlich) haben, die aber auch längst nicht mehr alles schafft.


(19.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Samstag, 18. Juli 2026

4550 In der Lourdesgrotte

 



10:37 a.m.  Jetzt sitze ich in der Kirche des Leibnitzer Kapuzinerklosters (einen Cappuccino habe ich schon intus) und zwar in der Lourdesgrottenkapelle. Und es gefällt mir hier. Das halbrunde Deckengewölbe – dem Querschnitt nach; der längliche Kapellenraum erstreckt sich so gute zehn oder fünfzehn Meter. Und an der Stirnwand die Nische mit der Heiligen Maria ohne Kind, umgeben vom typischen Grottendesign à la Tropfsteinhöhle (ich verkneife mir den Spott, was da und warum es tropft – vielleicht erkläre ich es an anderer Stelle; heute will ich nicht arrogant sein), zwei Engel wachsen aus den Seitenwänden heraus und flattern vergeblich auf die Verehrte zu (im Katholischen wird Maria verehrt, nicht wie eine Göttin angebetet – offiziell). Rechts in einer kleinen Nische der heilige Antonius von Padua mit Kind, und links der heilige Judas Thaddäus, der in Notfällen anzurufen ist. Zwei Beichtstühle, je einer links und rechts. Ein Betstuhl zum Knien in gehörigem Abstand vom Marienaltar. Und viele brennende Kerzen am Gestell davor – der Ort wird offensichtlich gern aufgesucht. (Draußen beginnt es zu tröpfeln – der Tipper.)

Auch hier ist meine „Andacht“ von ständigem Autolärm begleitet – und zwar von außen und von innen – siehe die Anmerkung oben (er meint es so: gestört vom inneren Ego, weil griechisch αύτόϛ/autos selbst heißt. Er kann’s nicht lassen, anzugeben zu versuchen! – der innere Spötter).

Es kommen wirklich ständig BeterInnen herein, was mir gefällt. Was mir auch gefällt: der Preis für eine „Opferkerze“ – das ist ein schwerfälliger, schwermütiger, zu schwerer Begriff für das Licht, das man für sein Anliegen oder nur so, um die lokalen „Götter“ zu würdigen, vor einem Heiligenbild zum Beispiel anzündet – der Preis also ist nicht wie in allen anderen Kirchen vorgegeben, sondern es wird um eine freiwillige Spende gebeten. Also könnte zur Not einer ohne Geld trotzdem eine Kerze zur Unterstützung seines Anliegens bei den Himmelskräften anzünden. Franziskanische Demut hald (sic!).

Irgendwie lustig: links und rechts vom Altar sind Nischen, zu und in denen das Grottendesign vom Lourdesaltar weitergeführt ist. In der rechten Nische befindet sich ein Fenster; in der linken – etwas versteckt, aber offen und letztlich einsichtig – die Besenkammer mit Gießkanne für die vielen Blumenstöcke am Altar.

Den Hauptaltar lasse ich heute aus; offensichtlich dem heiligen Andreas geweiht (und dem Heiligen Kreuz – wie ich recherchiert habe – der Tipper). Ich werde gleich gehen und den steilen Weg hinauf in unser Quartier steigen, den Standard und den Falter nach Hause zu bringen. Das Stadtcafé, wo ich zuerst schreiben wollte, hatte mich irgendwie nervös gemacht. Die Einheimischen schreien immer so, wenn sie reden.

In der Nachbarkapelle der von Lourdes – ich bin immer noch in der Kirche - befindet sich zu meinem Erstaunen in einer Ecke ein großer Bildschirm an der Wand – ich tät’ sagen: ein Fernseher. Was genaues weiß man nicht.

Bei meiner Kniebeuge vorm Verlassen der Kirche knackst vor allem mein linkes Knie ordentlich (welcher Orden? Franziskanisch? - der innere Spötter), aber ich habe mich eh mit Weihwasser bekreuzigt.

Bevor ich die Kirche tatsächlich verlasse, fällt mein Blick noch auf ein Bild über dem Broschürenkasten: der Tod des heiligen Franziskus, tät’ ich sagen; die Brüder umstehen ihn, der schon am Rücken liegt, und manche weinen. Die Engel aber, die die Seele des Sterbenden in Empfang nehmen wollen, mit ihren hellblau-esoterischen Flügeln, die schauen von Gesicht, Frisur und ihren flatternden Haaren und ihrer halbnackten Erscheinung her wie sehr irdische Weiber aus; nicht wie Gestalten einer anderen Welt.


(18.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4549 Soda-Zitron

 



12:15.  Der Wind, der Wind, das himmlische Kind, er wieget die Bäume so lind. Ich bin der Schriftführer. Meine Frau kommt mit ihrem Soda-Zitron und bietet mir an, davon zu trinken. Ich nehme an und ein paar Schlucke und sage zu ihr und spreche: „Danke, liebe Frau! Du bist so gut zu mir!“ Dann wende ich mich wieder der Umgebung zu, lasse meine Augen über die großteils sonnige und großteils leere Wiese gleiten, blicke hinüber zur Steinernen Wehr und wie das überlaufende Wasser linksseitig aus den Rohren schießt und rauscht und den tiefer gelegenen Flußabschnitt zu befüllen versucht.


13:57.  Stellt sich das Wetter um? Eher ist es noch Wetter-Umstellung-Preparatión (das Gewitter ist erst in der Nacht gekommen – der Tipper). Die Brause nebenan wird angedreht (gedrückt eigentlich). Die Kinder spielen. Ich höre ihr Geschrei und meine, die einzelnen bekannten Stimmen herauszuhören. Ein bisschen hart, die Holzpritsche, auf der ich sitze. Die Leute lagern im Schatten. Ich stehe vom Platz auf und gehe gute zehn Meter weiter, um zu sehen, was denn die Kinder spielen. Wenn ich es richtig sehe, geht es darum, gegen die Strömung des herabschießenden Wassers zu schwimmen und zu klettern. Bei dieser Höhe scheint mir das nicht wirklich gefährlich. Boris Johnson zieht sich neben mir eine Hose an und stöhnt und schnauft dabei vor Anstrengung (ich kenn’ das auch!); Boris Johnson spricht Tirolerisch. Die Kinder klettern die Steinerne Wehr hinauf und dann wieder hinunter und werfen so ein kleines Plastikschwimmbrett ins Wasser und müssen es dann in der Strömung – die aber nicht lange stark ist und sich nach ein paar Metern schnell im beckenartigen unteren Flußbett verliert – zurückholen. Jetzt schleppen sie einen Riesenast aus dem Wasser – ich glaube, sie wissen noch nicht, was sie mit ihrer Beute anfangen sollen. Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit steht auf meinem T-Shirt, das bei der Decke drüben auf dem Gewandberg liegt und in der Sonne die Schweißflecken meiner Wanderung hierher hinaustrocknet. Die Kinder spielen jetzt auf der schrägen Uferwiese Fußball, aber nicht lange – verständlicherweise – dann wechseln sie nämlich in den ebenen Bereich weiter hinten. Die Zweige des Ufergebüsches kitzeln mich im Rücken. Die Fliegen versuchen mich zu vertreiben – unterstelle ich mal. War das eine Bremse? Der leichte Wind ist angenehm, richtig lindernd (was eigentlich? - der innere Spötter).


15:28.  Schreiben ist meine einzige Daseinsberechtigung – rede ich mir ein – (wobei sich das Einreden auf die Daseinberechtigung bezieht und nicht auf das Wort einzige; das einzige muß ich mir nicht einreden; das liegt auf der Hand). (Jetzt, wo er die unvermeidliche „Selbsterniedrigung“ absolviert hat, sollte es eine Zeit lang genügen und wieder weiter gehen – der innere Spötter.)
Wind kommt auf. Vertreibt er die Wolken ober schiebt er sie her? Die anderen Bankerlsitzer – ich sitze wieder auf der langen Bank – die anderen Bankerlsitzer also zappeln ständig herum, wippen nervös mit Beinen und Füßen, sodass die Holzbank von den Schwingungen zittert. Interessiert euch, wie es mit dem Wetter weitergeht? Es weht der Wind und der hat der Sonne freie Sicht auf unser Leben verschafft. Die Wolken scheinen sich zu verziehen. Spatzen hüpfen umher auf der Suche nach Nahrung (sie sähen nicht, sie ernten nicht, aber arbeiten den ganzen Tag). Ein Amselweibchen sammelt fleißig und ausdauernd und fliegt mit ihrer Beute zum Nest im Ufergebüsch. Die Bachstelze von gestern habe ich heute noch nicht umher stolzieren gesehen; nur einmal eine in der Dachrinne des Buffetgebäudes. Die Elegie des … das hatten wir schon! Ein Nachmittag am Wasser. Ein unbekanntes Insekt, das mich gebissen hat, habe ich getötet. Dann insgesamt drei.


(17.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 16. Juli 2026

4548 Der schmerzensreiche Rosenkranz

 



(1) …, der für uns Blut geschwitzt hat

Ein bisschen ungemütlich, wie Petrus und Johannes schlafen. Johannes liegt flach, verkrampft und streckt seine Nase gen Himmel, noch irgendwie verdreht. Petrus schläft überhaupt im Halbsitzen, ohne dass man sieht, wo er sich anlehnen könnte. Schaut also falsch aus. Vom Mund her könnte es sein, dass er schnarcht. Jesus verdreht theatralisch den Kopf und faltet die Hände ins Nichts. Die Gelsen stechen (mich). Jesus kniet. Die Augen wirken glasig, der Mund ist nach unten verzogen. Der Ausdruck im Gesicht hat etwas. Ist es Angst, was sich zeigt? Ich weiß es nicht. Hinter Johannes sind Lüftungsschlitze im Mauerwerk.
 

(2) …, der für uns gegeißelt worden ist

Dieser Jesus ist farblos, ganz blaß und unbemalt. Der Geißler schlägt sich fast selbst die Rute ins Gesicht, steht zu weit weg, ist eitel und scheint mit seinem erhobenen linken Arm seinen rechten beim Zuschlagen zu behindern. Er schaut auch ganz woanders hin. Rechts neben Jesus liegt schon wieder einer am Boden und schläft, wieder halb aufgerichtet, stützt sich nur mit seinem rechten Arm ab; wenn ich Gesicht und Frisur richtig deute, könnte das der Petrus sein. Aber wieso? Was macht der Feigling so nahe an der Szene? Und schlafend? Oder ist es doch ein weiterer, müde gewordener Schläger? Der weiße Jesus steht so da, mit den Händen an einen Block gefesselt, leicht verdreht und im Gesicht erinnert er mich an einen der Highwaymen, dessen Name ich nicht parat habe, den Mund leicht geöffnet, als fange er gleich ins Mikrophon zu singen an.


(3) …, der für uns mit Dornen gekrönt worden ist

Jetzt ist der Jesus wieder bemalt und hat schon die Dornenkrone auf. Sein Mantel purpur, mit grünem Band. Die zwei Soldaten brechen gerade jeder einen weiteren Zweig. Wirken auch eitel und eigentlich gelangweilt. Sie stieren ins Leere; auch etwas verdreht (das Pseudoreligiöse scheint das Verdrehte zu bevorzugen), schauen weder auf den Gefolterten, noch zu uns Betrachter und Spötter. Der linke Folterknecht tanzt beinahe. Hier hat Jesus ein feines, schönes Gesicht. Die zwei Folterer haben überdeutliche Gesichter.


(4) …, der für uns das schwere Kreuz getragen hat

Maria schaut beleidigt drein, dreht den Körper von Jesus weg, nur den Kopf in ungefähr in seine Richtung, aber findet ihn nicht und schaut an ihm vorbei. Sie ist beleidigt, dass ihr großartiger, wundertätiger Sohn so endet und will das nicht sehen. Der Jesus schaut einfach deppert drein. Sein Bart wirkt aufgepickt, wie bei einem Laiendarsteller; schlechter Visagist. Das Holzkreuz scheint er nicht zu spüren – es liegt auf seiner Schulter und er braucht es anscheinend nicht beachten – aber sein Kreuz tut ihm schon lange weh, so wie er dasteht. Und auch sein linkes Knie. Jooo, soga, da dokta hot gsog, i muass opariern, und dann Reha, die Kranknkassa zohlt’s eh!


(5) …, der für uns gekreuzigt worden ist

Der rechte und der linke Schächer schauen nicht soo verschieden aus, wie sonst bei den Kreuzigungsszenen üblich, aber ich kann dem linken schlecht ins Gesicht schauen, weil genau hinter seinem Kopf die Sonne steht und mich blendet. Etwas traurig Verzweifeltes meine ich schon zu sehen (während mich eine Wespe umkreist und belästigt und gegen mein Gesicht anfliegt). Der rechte Schächer hat schon etwas Abgeklärtes in seinem Gesicht. Der Jesus ist fertig. Die Maria schaut so betroppezt drein, der Johannes faltet und hebt seine Hände wie ein ungeübter Laiendarsteller in eine sinnlose Höhe. Dem Jesus reißt es schon den Leib auf und der Lack geht ab. Aber sein Gesicht: irgendwie schön. Die Nasenlöcher der Maria dürften irgendwelche Insekten mit einem Insektenhotel verwechselt und zur Eiablage benutzt zu haben. Es wölbt sich ein halb blauer, halb wolkiger Himmel über das Geschehen (abgesehen davon, dass es von ständigem Autolärm begleitet wird).



©Peter Alois Rumpf    Juli 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4547 Der Baum ist tot

 



11:41 a.m.  Der riesige Baum ist tot. Es schaut so aus, als wäre er zu Tode geschnitten worden. Alle Äste sind beschnitten. Aber ich weiß nicht, was passiert ist - ich sehe nur den toten Baum vor mir.

Hinter mir klappern die Störche, die hier mitten in der kleinen Stadt auf einem kleinen Schlot nisten. Die Turmuhr schlägt Dreiviertel. Eigentlich wollte ich mich in die Kirche setzen, aber dort hat es mir nicht behagt (wegen dem Sargtransportwagen, der im Mittelgang abgestellt ist? - der innere Spötter). Also sitze ich heraußen vorm typischen Kriegerdenkmal mit Blick auf den toten, zugerichteten Baum (342°N). Ein Passant pfeift eine unangenehme Melodie. Zwei Zweige – ich bemerke es erst jetzt – scheinen kleine Blättchen ausgetrieben zu haben (vor oder nach dem Baumschnitt? - das ist die entscheidende Frage).


(16.7.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juli 2026    peteraloisrumpf@gmail.com