Freitag, 18. September 2026

4614 Nur fürs Protokoll

 



0:04 a.m.  Ich schließe mein rechtes Auge, dann öffne ich es wieder und schließe mein linkes Auge; ich will herausfinden, mit welchem Auge ich besser sehe. Die Ergebnisse dieser Untersuchung verwirren mich, weil einmal so und einmal so. Dabei war es schon einmal ganz eindeutig; ich wußte nur nicht mehr, ob rechts oder links. Dann lasse ich das hald (sic!).

In meinen Ohren dröhnt es richtig und surrt und schwingt. Am Rande meines Gesichtsfeldes bewegt sich ständig etwas – kommt mir vor. Aber hier bewegt sich nichts und es ist ganz still im Zimmer, nur kurz höre ich aus dem Lichtschacht, wo die Küchen, Bäder und Klos ihre Fenster haben, jemanden pischen, dann noch die Haustür zufallen, dann ist es wieder ganz still. Außen. Innen dröhnt es und ich bin jedesmal erstaunt, wie komplex, vielschichtig und sogar melodiös dieses monotone Surren ist, wenn man genauer hinhört. Ich bin jedoch sehr müde, scheue mich aber noch, mich flach hinzulegen; als hätte ich Angst vor den Gedanken, Bildern und Erinnerungen, die dann hochkommen. Bewußt bin ich mir dieser Angst nicht; ich leite sie nur von meinem Verhalten ab.


(18.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4613 Das letzte Tageslicht

 



18:59.  Im Zimmer ist es schon finster, vom Fenster her leuchtet noch schwach das letzte Tageslicht herein. Mein Magen knurrt, aber ich will noch nicht in die Küche hinunter gehen, weil unten noch der Elternabend stattfindet. Das Buch habe ich „ausgelesen“ - wie man bei uns sagt – und beiseite gelegt, aber den zweiten Band konnte ich noch nicht auftreiben (van Gogh, Briefe II). Ein anderes Buch will ich nicht anfangen.


(17.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4612 Kein Verdienst

 



9:11 a.m.  Im Bett hockend, dösend befasse ich mich gerade mit meiner Sündengeschichte, wenn man das so nennen mag; ich meine: Sünde. Und wie ich da so umhersurfe, wundere ich mich, dass ich mich noch immer als im Grunde „integer“ denke. Ich bin unaufgeregt dabei und sozusagen distanziert beobachtend, aber seufzen muß ich schon von Zeit zu Zeit. Laute Stimmen am Gang draußen werfen mich aus meiner Meditation. Beim Wiedereinstieg komme ich mehr zu meinen halblustigen Erlebnissen: die ersten Hitparaden meines Lebens mit diesem Kaplan Flury „Lass die kleinen Dinge, nimm dir Zeit, einmal ist es auch für dich so weiheiheit …“ - oder so ähnlich (jetzt amüsiert er sich schon wieder köstlich – der innere Spötter). (Übrigens: das Zitat war korrekt! Erstaunlich, wie lange das gehalten hat – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

Ja, von Reue war bei meiner Meditation vorhin erstaunlich wenig die Rede. Aber ich imaginiere nun tagtraumartig ein Gespräch mit richtigen Feministinnen, wo ich meine Sünden – wenn man das so nennen will – verständlich und korrekt zu beschreiben versuche. Also ich imaginiere dabei schon auch zumindest eine aggressive Kontrahentin, die mir meine Erklärungsversuche nicht abnimmt, wodurch ich ganz schön ins Schwimmen komme. Ich meine, ich habe schon vor fünfzig Jahren mit radikalen Feministinnen in der WeGe gewohnt, was jedoch an und für sich auch kein Verdienst ist (wenn du bei diesem Thema nur so herumdruckst, kommen wir nicht weiter - der innere Spötter).


(17.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 15. September 2026

4611 Die Zisterzienser in England

 



10:21 a.m.  Nun bin ich in meinem Lieblingscafé angekommen. Ziemlich voll hier. Ich fühle mich schon schuldig, weil ich nur Kaffee trinke und nichts dazu esse und somit einen begehrten Platz versitze. Ich hatte schon im Vorfeld befürchtet, dass, wenn ich mich auf etwas freue, die Götter neidisch werden werden und mir hineinscheißen. Noch weiche ich nicht vor meinem schlechten Gewissen, das mir sagt, dass ich ein Versager bin, der es nicht geschafft hat und dem so etwas wie Kaffeehaussitzen und Zeitunglesen und gar Schreiben gar nicht zusteht. Vielleicht kann ich mich doch noch entspannen. Ich hole mir eine Zeitung.

Der Standard ist nicht in der Zeitungsablage. So nehme ich zuerst die Salzburger Nachrichten. Aber dann traue ich mich, in den Gastgarten zu gehen und den, der den Standard am Tisch liegen hat, ohne ihn zu lesen, zu fragen, ob er ihn noch braucht, und er überläßt ihn mir. Das sind die wichtigen kleinen Schritte gegen die Depression.

10:58 a.m.  Irgendwie funktioniert es heute nicht richtig. Ein (unbekannter!) Vorarlberger am Nebentisch lacht so laut schreiend, dass es mir in den Ohren weh tut. Ich kann mich nicht entspannen.

Jetzt wird es leerer herinnen, weil es wärmer wird und immer mehr Leute draußen in der Laube sitzen. So kann ich besser atmen (das sind schon größenwahnsinnige Ansprüche, dass ein Lokal, dass er frequentiert, leer sein soll! Und dann trinkt er nur ein, zwei Kaffees! - der innere Spötter). In meinem Geiste gehe ich auf Reisen (auf seinem T-Shirt steht Geisterfahrer – der innere Spötter) und beschäftige mich mit kruh und chleb. Dieses Ausweichmanöver hilft mir aber schon, mich zu entspannen und nicht mehr wie auf Nadeln zu sitzen.

Zur Lesung heute, zu der ich persönlich eingeladen worden bin, werde ich trotz Zusage doch nicht gehen; die Ansammlung so gescheiter, gebildeter, mehr oder weniger fröhlicher, erfolgreicher Schriftsteller halte ich in meiner Depri nicht aus; ich würde mir dort wie der letzte, dumme, stinkende Trottel vorkommen (das sind alles seine Dämonen! - der innere Spötter). Das würde mein labiles System nicht aushalten. Das kommt mir selbst sehr unvernünftig vor, denn solche Kontakte können einem Schreiberling nützlich sein, aber – das stelle ich mehr fest, als dass ich mich dazu entschlossen habe – ich habe es anscheinend aufgegeben, mit meiner Schreiberei irgendwo irgendwie zu reüssieren zu wollen und bezweifle selber deren Qualität. Ich scheibe sozusagen nur mehr fürs Protokoll (die letzten 11 schubladisiereten Texte haben keine LeserInnen gefunden – der Tipper) und strebe auch keine Lesungen mehr an (obwohl meine Texte laut vorgelesen gehörten, um ihre Wirkung zu entfalten) (so sie eine haben - der innere Spötter).

11:29 a.m. Ach, erst jetzt mein erster Blick auf den hoffnungsvollen Lichtengel.

Ich versuche, alle schlechten Gedanken wegzuschieben beziehungsweise vorbeiziehen und am Ende des inneren Tunnels in den Abgrund abstürzen zu lassen. Sind das aus den Boxen schon die Posaunen von Jericho? Oder die des jüngsten Tages? (wie war das mit „die-schlechten-Gedanken-durchwinken“? - der innere Spötter.) Ich kann „Welt“ einfach nicht (und wie war das vorhin mit der „Eroberung des Standard“? - der innere Spötter). Ain’t Got No aus den Boxen von einer mir unbekannten Sängerin mit Klavierbegleitung (aber hair hast du auch nur mehr wenig am Kopf – der innere Spötter). Nach einem kurzen Geplauder mit einem Kellner bin ich ganz aufgewühlt - einfach nur, weil er mit mir geredet hat - und weil aus den Boxen jetzt Mercy, Mercy, Mercy von Joe Zawinul ertönt, schaue ich nach, woher der Name Zawinul kommt; ich hatte aus Rumänien vermutet, aber die KI sagt Südmähren. Oh! Ich sehe am Licht draußen auf der Burggasse, dass sich Wolken vor die Sonne geschoben haben. Die Depri ist aber verflogen; also ist alles gut gegangen. (Wenn ich nicht aufpasse wie ein Haftelmacher und auf manche Gedanken erst gar nicht einsteige, ist sie schnell wieder da. Sie hat mich schon wieder angehaucht.) Ich werde wohl meine Wanderung durch die Stadt bald antreten. Weil wir vorhin über die großen Vierkanthöfe in Oberösterreich gesprochen haben, fallen mir die Zisterzienser in England ein, die mit ihrer erfolgreichen Landwirtschaft mit fabrikartiger Arbeitsdisziplin und ohne Erbteilungen den freien Bauernstand ruiniert haben und deren große, reiche Güter nach dem Bruch mit der katholischen Kirche unter Heinrich VIII an dessen Gefolgsleute vergeben wurden, weshalb es viele reiche Landlords gibt. Das erkläre ich in Gedanken dem englischen Kellner. So! Jetzt ist es genug! Abmarsch! (manchmal muß er mit sich streng sein – der innere Spötter). Aber mit ein bisserl echter und ein bisserl phantasierter Kommunikation halte ich mich über Wasser. Da kannst du sagen, was du willst!


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4610 Notwendige Schritte

 



8:06 a.m.  Obwohl ich mich schon gestern dazu entschlossen hatte, trotz knapper Kasse mir heute zu erlauben, in mein Lieblingscafé zu gehen und sich mit dieser Entscheidung sofort meine depressive Stimmung aufgehellt hatte, weil ich mich darauf wirklich freue, muß ich mich heute nach dem Aufwachen trotzdem wieder durch einen Sumpf von lähmender Angst kämpfen, um mich überhaupt aufstehen zu trauen. Nur langsam überstrahlt das Bild, wie ich beim Lichtengel dort sitze, lese und schreibe, die diffuse, bildlose Angst. Aber jetzt werde ich es bald geschafft haben; Ich hocke schon im Bett und es kann nur mehr um Sekunden gehen, bis ich die Decke zurückwerfe, mich zur Bettkante drehe, meine Füße auf den Fußboden stelle und aufstehe. Wahrscheinlich werde ich mich für ein paar Sekunden an der Wand abstützen müssen, weil ich noch wanke, aber dann werde ich mit den notwendigen Schritten in den Tag und zum Espresso Burggasse starten.


(15.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4609 Zwei Cappuccini

 



23:50.  Ich habe in meinem Leben so vieles verfehlt, aber genauer bekommt es mein müdes Gehirn nicht hin. Ich weiß nicht, wo ich die entscheidende falsche Abzweigung genommen habe, obwohl ich ein paar Situationen in Verdacht habe. Nun, für morgen habe ich vor, trotz knapper Kasse in mein Lieblingscafé zu gehen und zwei Cappuccini zu trinken. Auf das freue ich mich wirklich und das ist ein echter Lichtblick mitten in meinen trüben Gedanken.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4608 Okay

 



8:44 a.m.  Der Angst am Morgen ist kaum beizukommen; selbst der volle Magen nach dem Frühstück dämpft sie nur etwas ab. Ich bin vom Leben so überfordert. Das hört wohl nie auf. Okay, dann atme ich durch und werde lesen.


(14.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com