4419 Schnittlauch
11:26 a.m. Beim Essen des köstlichen Schnittlauchbrotes mit viel, viel Schnittlauch auf aufgeschlagener Butter auf Sauerteigbrot in meinem Lieblingscafé fallen viele Schnittlauchstücklein auf das unterlegte Papier und das Serviertablett und auf den Tisch. Ich picke möglichst viele davon auf – alle schaffe ich nicht – und esse auch sie, weil sie so gut schmecken und ich Speisen schwer wegwerfen kann: immerhin sind Pflanzen – wie alle Lebewesen mit Bewußtsein begabt – dafür gestorben (oder sterben noch – der innere Spötter) und damit sie nicht umsonst gestorben sind, esse ich sie (man könnte natürlich argumentieren: kommen die heruntergefallenen Stücklein auf einen Komposthaufen, wären sie auch nicht umsonst gestorben. Oder kann man sagen, im Universum geht überhaupt nichts verloren?).
Wie auch immer: In angeberischer Weise habe ich die REMbox vor mir am Tisch liegen – ein wirklich großartiges, gelungenes, umfangreiches und umfassendes Buch; Dokumentation und Darstellung der Wiener Künstlergruppe REM der Achtzigerjahre – und blättere darin, schaue mir genußvoll die vielen Bilder an, lese die wirklich und in echt interessanten Texte und bin hingerissen (ich gebe zu, dass er nicht nur von seinen eigenen Beiträgen begeistert ist – der innere Spötter). Das ist für mich, als würde ich durch diese Dokumentation ein wenig aus meiner Sackgasse herausgekommen sein, und das hat einen regelrecht erlösenden Effekt auf meine gequälte Seele: nicht alles in meinem (beruflichen) Leben war sinnlos, nicht all mein Wirken habe ich zerstören können, nicht alles ist verloren gegangen. Seit ich das Buch in der Hand habe (seit Freitag – der innere Spötter), bin ich völlig aufgewühlt, bis zur Schlaflosigkeit (aber auch vor Erleichterung und Freude). Obwohl ich diese Bücher beim Verteilen an die AutorInnen und fördernden Institutionen und Personen schwer im Rucksack herumtrage, habe ich das Gefühl, eine jahrzehntealte Last (genau: 37 Jahre alt) losgeworden zu sein. Mir ist zeitweise zum Heulen, aber das ist gut! Das ist wirklich gut!
Wenn ich die Fotos meiner zwei (dann ungefähr 1992 zerstörten) Bilder im Buch (keine Erinnerung mehr, wer die fotografiert hat) anschaue, begreife ich erst, wie sehr ich mich bei dieser Zerstörung verletzt habe; was für ein Stück meines Lebens ich abgehackt habe. Das war ein (mehr als bloß) symbolischer Selbstmord nach der katastrophalen Beratung beim Münchner Astrologen Wolfgang Döbereiner, der mich so in die Enge getrieben hatte. Shame on you, Döbereiner! Ich kann meine damalige Verstörung und den jetzigen Schmerz gar nicht in Worte fassen. Seit damals habe ich beruflich und gesellschaftlich gar keinen Boden mehr unter meinen Füßen gefunden. Shame on you, Döbereiner! Shame on you! Man tritt einen, der wankt und einem nichts getan hat, nicht nieder! Schon gar nicht, wenn er Rat sucht! In der Hölle sollst du schmoren! Gut, von mir aus im Fegefeuer, aber du kommst erst raus, wenn du mit allen Fasern deiner verdorbenen Seele erleben hast müssen, was du – nicht nur bei mir – angerichtet hast.
12:00 Mittag. High Noon. (Naja, wir haben Sommerzeit; die Sonne steht noch nicht in ihrem Zenit – der innere Spötter.) (In meinem Leben geht sie schon unter.) Die Musik aus den Boxen aus meiner Jugend (jetzt: Spencer Davis Group, Gimme some lovin’) (Er ist ganz stolz, dass ihm nach minutenlangem Nachdenken der Name der Gruppe eingefallen ist – der innere Spötter.)
Diese Kriegsgeneration war wirklich eine Verhaugeneration (c/o Hannes Priesch). Es ist bitter. (Er sitzt tatsächlich da, die REMbox groß sichtbar auf dem Tischchen abgelegt, und träumt davon, dass ihn wer darauf anspricht – der innere Spötter.) Stimmt, ich gebe es schon recht billig. Daran erkenne ich, wie sehr ich die Jahre über in sozialer und seelischer Not war – und erschrecke. So eine Art Ritt über den Bodensee.
Seelisch erschöpft – es gibt so viel zum Aufarbeiten und neu Einordnen; immer noch! - sitze ich da und überlege, ob ich einen dritten Cappuccino bestellen soll. Meine Augen füllen sich ein ganz klein wenig mit Tränen (was immer das heißt!- der innere Spötter). Ich muß mich regelrecht beherrschen, den Leuten hier nicht das REMbuch (und besonders seine Beiträge – der innere Spötter) unter die Nase zu halten und meine Schüchternheit hilft mir gottseidank dabei. (Dabei würde er gern sagen: „Seht her, bei dieser wichtigen und tollen Künstlergruppe war ich dabei! Seht her, das habe ich gemalt! Seht her, das habe ich geschrieben! Ich bin kein Versager!“ - der innere Spötter.) (Freundchen! Reiß dich endlich zusammen – der innere Korrektor.)
Nein! Ich zeige meinen Schmerz, meine Angst und meine Einsamkeit (als Kind und beim Ritt über den Bodensee; aber jetzt bin ich drüben und falle nicht tot vom Pferd!). Jetzt das wunderschöne Liebeslied von Jefferson Airplane Today aus den Boxen (danke, Universum!). Jetzt weine ich wirklich verhalten (was immer das ist – der innere Spötter). Ich staue es eh zurück.
Ich verankere meinen Blick kurz am Lichtengel dort in der Fensternische. Seine Flügel strahlen heute besonders schön und trösten mich (richtige Männer brauchen keinen Trost – der innere Spötter). Sie leuchten durch meine Augen in meine kindliche (nicht kindische? - der innere Spötter) Seele.
Ich habe ein wenig Angst davor, wenn die Wirkung der Droge REMbox nachläßt. Was wird dann mit mir passieren? Werde ich den Halt verlieren? Und doch vom (zu hohen?) Ross fallen? Jetzt, wo ich um meinen innereren Bereich herum weich geworden bin? Ein Plakatverteiler kommt herein und fragt, ob er eines aufhängen darf; das habe ich damals für REM auch oft gemacht.
Ach ja, und Herr Hubert Scheibl ist auch herinnen gesessen und ich konnte nicht an mich halten und habe ihm das Foto eines seiner Werke, das in der REMbox abgebildet ist, weil er auch einmal im REM ausgestellt hat, gezeigt. Schüchternheit hin oder her. So etwas wird immer ein wenig peinlich.
Langsam werde ich überständig. Ich finde, dass es schon passend ist, die REMbox in der Öffentlichkeit zu lesen; es geht dabei doch um Öffentlichkeit. Zu Hause weiß ich da nicht so recht, wohin mit meiner Aufgewühltheit. (Meine Notizen im Notizbuch sind nun auch bunter geworden.)
(14.4.2026)
©Peter Alois Rumpf April 2026 peteraloisrumpf@gmail.com