Freitag, 7. August 2026

4572 Schwermut ist schön!

 



9:26 a.m.  Der Lichtengel strahlt wieder in meinem Lieblingscafé! Und stärker als je zuvor.


9:59 a.m.  Wunderschöne Musik aus den Boxen. Dieses Lied kenne ich, sogar gut, weiß aber weder Titel noch Interpret und auch nicht, woher ich es kenne. Mir kommt vor, ich hätte es zu Hause, aber ist das möglich? Oder ist es eine Coverversion? (Fleedwood Mac; Landslide. Hat er so viel ich weiß nicht zu Hause – der Tipper, der immer recherchieren muß.)

26°C. Was wird das heute mit mir? Jetzt einmal bin ich satt. Ich weide meine Augen an dem Grün draußen bei und vor den Fenstern und in den Spiegelungen (eh schon wissen: die offene Glastür – der innere Spötter). Ich muß es nochmals herschreiben: der Lichtengel strahlt so schön! Als hätte er eine extra Botschaft für mich (das hättest gern! - der innere Spötter). In der Küche fällt ein Blechding zu Boden (und verändert auch die ganze Welt). Ein Kaffee ist schon zu wenig, dass ich auf Touren komme. Der leichte Wind, der bei der offenen Tür (Glastür! - der innere Spötter) hereinweht, ist sehr freundlich und herzerfrischend (ja! Stimmt! Kein Zynismus notwendig!) und auch draußen ist er schön anzuschauen. Die MA48 geht vorbei (der Satz ist sehr wichtig, damit es nicht romantisch wird – der innere Spötter). (Und außerdem habe ich meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgeleistet – der Autor.) Nach einer Wespe kommt jetzt eine Fliege zu mir an den Tisch; genaugenommen auf diesen und dann auf einen Fingerknöchel meiner Schreibhand; was ich ihrer Meinung nach schreiben soll, habe ich nicht verstanden; wir sind in zu unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs; ich habe noch nicht gelernt, das Tempo der Wahrnehmung zu ändern.

Auf meinem T-Shirt übrigens steht Ich lasse mich gehen. („Ein Gedanke, der keine Konkurrenz hat, wird zum Befehl.“ C.C.)

Bei diesem Lied jetzt ist der Bass nicht nur wirklich gut zu hören, sondern wunderschön; wie er einen und seinen Song geradezu fröhlich weitertreibt. Immer wieder schau ich zum Lichtengel, aber fast getraue ich mich das nicht; ich habe eine große Scheu davor, aber jetzt gaffe ich hin in diese zwei Lichter, bis alles zu flimmern beginnt und meine Augen tränen. Dann habe ich diesen Vorsatz zur Hingafferei schon längst wieder vergessen und war in Gedanken weit weg. Dann schaue ich zufällig hin und erschrecke kurz, weil der Lichtengel seine Flügel ein wenig eingezogen zu haben scheint. Bis sich meine Augen offensichtlich wieder an das erhabene Wahrnehmungsobjekt anpassen konnten und die Flügel wieder zur Gänze ausgebreitet sind. Und es flimmert wieder. Der Deckenventilator, den ich bloß so am Rande wahrnehme, scheint unzufrieden zu sein, denn er beginnt, mit seinen flotten Drehungen einen Sog zu entwickeln, den er mir wie einen Schlauch an die höchste Stelle der Calvaria (er versucht anzugeben und meint einfach sein Schädeldach – der innere Spötter) ansetzt, um mir irgendwas aus dem Gehirn zu saugen (was könnte den in deinem Gehirn interessiern? Vielleicht will er bessere Texte herausziehen, weil er dein Geschreibsel unter seinem aerodynamischen Schutzschirm nicht mehr aushält? - der innere Spötter).

Wieder ist etwas an den Engelsflügel anders, oder täusche ich mich? Ich halte – gegen meine Gewohnheit, aber es hat sich so ergeben – meinen Kopf ganz schief (angeblich in der Kommunikation ein Zeichen von Verlogenheit – der innere Spötter). Ach, ich lasse mich gehen und von der angenehmen Musik einlullen. Dabei ist mein Notizbuch fast vollgeschrieben und ich hätte von hier nur ein paar hundert Schritte zum Papiergeschäft, wo ich meine Notizbücher zu erwerben pflege.

So früh bin ich von hier noch nie weggegangen (11:28 a.m.). Ich schreibe schon auf dem Deckel. Ein Anfall von Schwermut zeichnet sich ab. Aber das geht. Das geht wirklich! Damit komme ich gut zurecht. Schwermut ist schön!


(7.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 6. August 2026

4571 Durchs Heckenlabyrinth

 



Auf dem Marsch vom Unteren ins Obere Belvedere wähle ich die Wege durchs Heckenlabyrinth, um – so gut es geht – im Schatten zu wandeln. Dabei gerate ich wieder ins ergreifende Mittagsläuten. Fast ein bißchen zu heiß für ein sich erhebendes Herz.


12:25.   Das Obere Belvedere habe ich gar nicht aufgesucht, sondern bin schnurstracks zum Belvedere 21 aka Museum des 21.Jahrhunderts aka Zwanzgerhaus gegangen und sogleich in die Lucy-Bar eingekehrt, wo ich völlig verschwitzt ein alkoholfreies Gösser trinke. Pah, ist es hier schön und angenehm! Der Tag ist jetzt schon sehr ergiebig und reich. Ich betrachte die feinen Wasserfontänen, die von den Wassersprühstangen in die heiße Luft entlassen werden und vom Wind mal schwächer, mal stärker in alle möglichen Richtungen, mehr nach oben, mehr nach unten etcetera geblasen werden. Auch das ist schön anzuschauen.

Während ich hier sitze und mir die langen Sacherwürstel einverleibe, bilde ich mir wirklich ein, meine Schreiberei rechtfertige diesen Luxus (auf meinem T-Shirt steht Bin in der Arbeit), wann, wo und warum kommen dann immer die Zweifel?

Vom Händewaschen zurück (genau das! Wörtlich! Nichts anderes) steht der Cappuccino schon am Tisch (hier sind sie auch schon so freundlich zu mir wie im Katscheli, Espresso Burggasse, Kaffeeamt und Leo). 6.494 Schritte; das ist noch nicht allzu viel! 34°C im Schatten. Ich bin wieder beim Wassernebel draußen (mit den Augen). Was mich ein wenig stört: dass genau hinter diesem Nebel das Riesenplakat einer jungen Frau als Werbung für den Fitnessclub dort im Erdgeschoß die schöne, natürlich-abstrakte Wasser-Schwerkraft-und-Wind-Perfomance mit seiner (des Plakates) menschenzentrierten Aufdringlichkeit irritiert.

Vorgestern habe ich die Goeschl-Skulptur da draußen als ein wenig lächerlich bezeichnet, heute nehme ich das zurück; die Ästhetik der Fünfziger-Sechzigerjahre ist angenehmer als all die post- und postpostmoderne Aufgeblähtheit und zum Beispiel fotorealistische Glätte und Plakatgefälligkeit à la Fitnesswerbung. Und abstrakter, was sehr wohltuend sein kann.

Zurück zum Wassernebel (Des Menschen Tage, sie gleichem den Gras; er blüht wie die Blume des Feldes; ein Hauch des Windes, und schon ist sie dahin; und der Ort, wo sie stand, er hat sie vergessen. Angeblich Psalm 103, 15-16.). Wenn ich noch ein wenig Zeit schinden will, könnte ich mich ins Blickle-Kino setzen (Oida! Du bist sterblich! Welche Zeit glaubst du, dass du dabei tot schlägst? - der innere Spötter). Der Wind weht jetzt den Wassernebel kräftig an und treibt ihn schnell und weit nach Süden (glaube ich), so weit, dass er noch hinter der Goeschl-Skulptur zu sehen ist (wer das überprüfen will: ich sitze wieder am Platz mit dem erotischen Lampenschirm und habe den Stuhl ein wenig vom Tisch – der übrigens auch eine schöne und stabile Form hat - abgerückt, sodass ich gut auf den Hydranten mit der Wassernebelstange blicken kann. Meine Wasser-Nebel-Aufmerksamkeitsspanne ist nicht allzu groß; ständig schweift mein Geist mit seiner Aufmerksamkeit ab. Übrigens: der Besuch im Blickle-Kino war keine Zeitverschwendung sondern interessant!


13:55.  Ich gehe in den Garten und Skulpturenpark hinaus und es überrascht mich bei dieser Hitze intensives Vogelgezwitscher. Dann stelle ich mich bei Thomas Baumanns Wellenmaschine am Ende des Wasserbeckens an die kleine schattige Stelle und warte, ob die Wellen kommen. Aber sie kommen nicht. Oder doch? Ja! Jetzt! Aber sehr mickrig! Das war doch einmal stärker, oder!? Ich gehen zum anderen Ende näher zur Maschine und sehe eine Ente in diesem Wasser schwimmen, während ich knackend und krachend über die unzähligen Eicheln schreite, die der riesige Eichenbaum, der guten Schatten spendet, abgeworfen hat. Auch jetzt fallen noch Früchte auf den gepflasterten Grund, ich kann sie aufschlagen hören.

Ich gehe dann einfach durch den Schweizergarten ab und zertrete dabei noch unzählige Früchte der Linden.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com




4570 Weinen

 



9:52 a.m.  Ich sitze im Kaffeeamt, lese im Standard den Bericht über die Salzburger Aufführung von Messiaen’s Saint François d’Assise und fange richtig zu weinen an. Ich schlage meine Hände vors Gesicht und muß den Tränen kurz freien Lauf lassen. Verdammt! Ich wußte nicht, dass ich eine solche Gottessehnsucht habe! Dabei mag ich den Franziskus gar nicht (siehe Text Nummer 8 „Über das Heilige und das Unheilige II“ auf dieser Schublade). So sitze ich also hier, halte meinen Kopf gesenkt, dass man meine Tränen nicht sieht und versuche übers Beschreiben wieder Contenance und Oberhand zu gewinnen. Ich werfe mir mein Geheule nicht vor; ich will damit nur nicht anecken und meine tiefsten Sehnsüchte nicht irgendjemandem Unwürdigen oder einem blöd grinsenden Zyniker zeigen. Mir fallen dazu schon Geschichten meiner Kindheit ein, aber so weit möchte ich das Analysieren jetzt nicht treiben. Das unkontrollierte Weinen ist nun gestoppt.

So, durch weiteres Zeitungslesen bin ich wieder normal. Aber der da zum Vorschein gekommen ist, der ist schon der echtere, der ich – sozusagen – „wirklicher“ bin.


11:20 a.m.  Zum Analysieren und Infragestellen gäbe es natürlich viel. Und ich meine nicht nur die psychologischen, soziologischen Vorbehalte, die zwar auch angebracht sein können, aber nie so tief gehen wie Kritik und Vorbehalte der (echten) Seher (dazu gäbe es noch viel zu sagen; das habe ich aber alles schon hier in der Schublade geschrieben). Erinnerungen meiner Kindheit in einer teilweise und oft versteckten religionsfeindlichen Umgebung fallen mir ein; mein kindlicher Wunsch, Priester zu werden (den ich heute noch als ernstzunehmend einschätze und nicht als infantil!); meine erste, kurze Miniaturbegegnung mit der Musik von Olivier Messiaen als Jugendlicher (als ich noch viele Lebenshoffnungen hatte) über den Musiker Peter Dankelmaier; mein Hang zu einer gewissen, gefährlichen, geistigen Radikalität, die der des Franziskus ähnlich sein könnte.

Momentan sitze ich im Unteren Belvedere vor den prächtigen Textilarbeiten der Anni Albers, genieße deren Schönheit, die Stille und die Kühle des Raumes (draußen hat es 33°C – das ist auch heiß!). Mit den anderen Besuchern der Ausstellung bin ich ungeduldig.


11:48 a.m. Uff! Rasten! Neben mir trinkt ein polnisches (?) Kleinkind im Buggy Wasser, das ihm seine Mutter reicht. Und immer wieder denke ich mir tagträumerische Geschichten aus, in denen mein Leben bereichert und wirklich verändert wird. Das alles auf den Sitzbänken vor der Ausstellung von Erna Rosenstein.


(6.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 5. August 2026

4569 Hinweg und Rückweg

 



10:42 a.m.  Brav bringe ich jedes Monat meinen Psychotherapie-Kosten-Teil-Rückvergütungs-Antrag persönlich in die Österreichische-Gesundheits-Kasse-Stelle oben in der Lassalle-Straße (ich weiß, näher an der Donau kann nicht oben sein, weil Flüsse immer unten sind, aber hier schaut es einfach so aus, als wäre das hier oben, vermutlich wegen der Auffahrt zur Reichsbrücke – als führe die Lassalle-Straße hinauf). Gerne gehe ich nach dem Einwerfen des Briefes in die Service-Box zu Fuß zum Praterstern „hinunter“. So auch heute. Und immer, wenn ich die Lassalle-Straße entlang wandere, denke ich: die wäre eigentlich ein prächtiger Boulevard! Wenn … ja, was wenn? Jedenfalls wenn es einige einladende Cafés gäbe. Eine Klientel, die mehr Zeit und Muße hat? Andere Firmen? Studenten? (aber nicht von TU und WU!)


12:52. Jetzt hocke ich wieder in der Tonspurpassage im MuseumsQuartier. Die ist freilich nicht klimatisiert, da sie bloß ein Durchgang von einem Hof zum anderen ist, aber es weht gelegentlich ein kleiner, warmer Wind durch, der einen schon ein wenig kühlt. Wieder lausche ich der schon bekannten Tonspur, aber nicht mehr so andächtig wie beim ersten Mal. Der Weg von hier ins Mumok ist mir trotz der Kühlung im Gebäude dort zu sonnig und zu heiß. Ich werde mich außen im Schatten an den Mauern der ehemaligen Hofstallungen entlangschleichen (selber schuld! Warum willst du an einem hitzeverwarnten Tag unbedingt deine zehntausend Schritte gehen – der innere Spötter). Man könnte auch so sagen: Romantiker verdienen es nicht anders, als zu scheitern. Nur: den reinen Technokraten gehört trotzdem eine in die Goschn! (Sind eh die zwei Seiten der selben Medaille.)


13:45.  (Innere Stadt: 39°C) Auch bei großen Kreuzungen und Fußgängerquerungen wie zum Beispiel bei den Wienzeilen/Naschmarkt unten beim Verkehrsbüro gehörten die Fußgängerampeln so geschaltet, dass sogar ein leicht maroder Fußgänger in einem, ich betone: in einem von der einen Seite Linke Wienzeile zur anderen Seite Rechte Wienzeile hinüberkommt (oder umgekehrt). Es ist bei dieser Hitze unzumutbar, in der prallen Sonne auf einer Verkehrsinsel, oder wie hier auf dem Naschmarktplateau mitten in den überhitzten Ausdünstungen und Hitzeabstrahlungen der Autos auf die Grünphase der zweiten Ampel zu warten und ausharren zu müssen. Die in den klimatisierten Autos und SUVs können ruhig länger auf ihre Grünphase warten. Das gilt mutatis mutandis auch bei Regen. Und überhaupt. Verbrenner raus aus der Stadt!


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026     peteraloisrumpf@gmail.com

4568 Die Kugellampen

 



11:07 a.m.  Es ist zu heiß zum Schreiben. Oder fehlt bloß der Kaffee? Da ist er schon. Layla schweißt und jault so schön aus den Boxen. Mir fehlt die Zeitung.

11:48 a.m.  Doch noch die richtige Zeitung gefunden. Es ist irre heiß: 37°C. Zu Hause würde ich es auch nicht aushalten, da dürfte es jetzt auch 30°C haben (aktuell 16:20 knapp über 30°C im Zimmer – der Tipper). Ich glaube, ich lasse das Schreiben heute. Wohin könnte ich gehen?

Während mein dritter Cappuccino kommt, beobachte ich die Gäste in der Laube via Spiegelung in der offenen Glastüre (keine Sorge, das schaut mehr wie gestikulierende Schattenwesen aus; ein Theaterspiel, das man nicht entschlüsseln kann, aber als solches schön – der innere Spötter). (Innerer Spötter, warum hast du mir diesen Satz gestohlen? Der passt gar nicht zu dir! – der Autor.) Die gläserne Eingangstür ist nicht der einzige Spiegel: die Blätter der Bäume und der Büsche spiegeln sich in der Glasvitrine der Mehlspeisen beim Fenster und im Schutzglas eines in der Fensternische neben der Lichtengel-Lampe aufgehängten Bildes (das ist kein Bild, sondern das Zertifikat eines Weines in einem rahmenlosen Wechselrahmen – auch rahmenloser Bildhalter genannt - der Korrektor, der aufgestanden und hingegangen ist).

Ich starre ins Licht der beiden kristallinen Kugellampen, die vom Deckenventilator leicht bewegt werden. Die kugelförmigen Oberflächen der Lampen scheinen sich zu verändern; sie bekommen Dellen und Ausbeulungen, was nichts mit der an sich schon unruhigen Oberfläche aus Glasstückchen zu tun hat. Vor allem die nähere Lampe, die den runden Motorteil im Zentrum des Ventilators verdeckt, so dass nur dessen Flügelspitzen hinter der Lampe diese umkreisen, erscheint in einer tollen optischen „Situation“ (er meint, er würde so beinahe sehen. Kannst du eine „Entrückung“ hier im Lokal wirklich brauchen? Na also! - der innere Spötter). Nun starre ich auf die andere Deckenlampe hinter dem Ventilator. Sie schaukelt leicht mit der Musik und leuchtet schön und mit sanftem Stolz wie eine milde, versöhnliche, erträgliche Sonne. Ja, und ich kann die Aura sehen! (Oida! Kein Wunder, wenn du lange in das Licht starrst! - der innere Spötter.) Auch dieser Lichtkörper bekommt Dellen und Wülste, wenn ich länger hinschaue. Jetzt versuche ich, irgendwie beide Lampen gleichzeitig im Blick zu halten, was nicht so leicht geht (aber seine Stimmung hebt und er vergißt fast die Hitze – der innere Spötter). Wie machen wir das mit dem Heimweg? Bei allen Museen am Weg zur Kühlung einkehren? Mich würde interessieren, wie viel Grad es hier herinnen hat; draußen offizielle 37°C im Schatten.
(Jetzt zu Hause im Atelier, wo ich eintippe: knapp über 31°C - der Tipper.)


(5.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 4. August 2026

4567 Nicht rauf in die Hitze

 



11:07 a.m.  Endlich in der Lucy-Bar. Soda-Zitron gegen den Durst. Schön kühl hier.

Ich versinke im großen Sessel. Der Lampenschirm über mir (an dem er sich beim Aufstehen schon den Kopf angehaut hat – der innere Spötter) ist erotisch (da schorsch, da schorsch håd wimmerl am oasch – der innere Spötter). Fast alle Lampenschirme hier sind toll und künstlerisch gestaltet. Meine verschwitzte Wanderererscheinung passt nicht so ganz in dieses edle Ambiente, aber ich harre aus und habe ganz fest vor, hier verweilend meine Zeit hier auf Erden zu genießen. Jazzig angehauchte Popmusik aus den Boxen. Das Blau der Fauteuils ist in echt sehr schön und beeinflußt durch die große Anzahl das optische und sonstige Raumklima positiv. Ich betrachte durch das große Fenster den stummen Autoverkehr draußen, den Wind in den Fahnen und Bäumen, die schon ein wenig lächerliche Goeschl-Skulptur, den unbenutzten „Burggraben“ und die Bauten dieses neuen Viertels beim Hauptbahnhof. Und die Passanten, natürlich. Jetzt in die Ausstellungen?


12:33.  (38°C)  Jetzt endlich Kaffee. Mein Herz klopft bereits ordentlich. Hat es überhaupt einen Sinn zu schreiben, wenn ich alles zensuriere? Der Wind draußen ist zeitweise heftig und flattert (transitiv!) die Fahnen vorne und die Sonnenschirme hinten (gemeint: hinter dem schönen Gebäude des Zwanzigerhauses auf der Gartenseite – der innere Spötter). Ach was! Ich gönne mir einen zweiten Kaffee! Haut’s mich um, haut’s mich hald (sic!) um! Der Kaffee wirkt schon gut auf die Stimmung (Darm-Hirn-Konnektion?) (wenn man ein gewisses Überkandidel mag, bevor es ins Depressive oder Aggressive kippt – der innere Spötter). Gottseidank gibt es legale Drogen wie Kaffee (Alkohol mag ich gar nicht mehr). Die Lucy-Bar ist leidlich voll (das heißt: es ist noch genug Platz – der innere Spötter). Nun erst habe ich den zweiten Cappuccino bestellt. Ich bin eh froh, wenn ich dabei etwas Zeit schinden kann (im Sinne: die Sitzzeit möglichst auszudehnen – der innere Spötter). Der erste Schluck vom zweiten Durchgang. Herrlich! Aaaah! Wie schön und köstlich bitterer Kakao vom Milchschaum mitgeschwemmt wird. Realitätsaufmerksam bin ich nicht: am Tisch vor mir hat sich zum jungen Mann (naja, soo jung ist er auch nicht mehr, schon ein paar graue Strähnen im allerdings beeindruckend vollen Haupthaar) eine wirklich junge Frau gesetzt und ich habe das nicht bemerkt. Ein Handwerker mit Handwerkszeug und einer großen Kabel- oder Seilrolle latscht müde durch das Café (das ist keine Kritik!). Der Wind draußen schaut so interessant aus! Natürlich biegt er auch Bäume und Gebüsch. Beobachten ist schon böse, wenn man mit Moral arbeiten will. Aber eigentlich bin ich da wie ein Kind, das in die Welt der Erwachsenen schaut, in der es noch nicht mitmachen und nicht mitreden darf. Nur dass dieses noch in meinem Alter längst ein falsches Versprechen ist und in meinem Leben nie mehr eingelöst werden wird. Meine Kaffeeeuphorie nähert sich ihrer Klimax. Ich lache vor mich hin, lege das Schreibzeug weg (Brillen brauche ich in letzter Zeit nicht mehr zum Schreiben) und wische mit meinen Händen über mein Gesicht; laute Selbstgespräche führe ich noch nicht (oder sehr selten – der innere Spötter). Aber es ist so schön hier! Wen könnte ich begeistern? Die Leute rundherum wirken zu selbstverständlich und zu etabliert (und – gib’s doch zu – deine Anliegen und Geschichten, die du anbringen willst, sind – zumindest aus deinem Mund – viel zu fragwürdig – der innere Spötter). Das Wasserglas schien mir aus der Hand rutschen zu wollen. Okay, gehen wir hinaus in die Hitze, aber heute gehe ich nicht zu Fuß heim, sondern fahre öffentlich. (Das würde mich noch interessieren: ob dieser Aufbruchsimpuls tatsächlich meine innere Stimme ist, oder eine fremde Installation, die mir wegen meiner Herumsitzerei ein schlechtes Gewissen macht, so in dem Sinn: das steht dir nicht zu! Raus aus der Komfortzone!) (Letzteres ist einer der blödesten Sprüche, die ich kenne. Nicht so sehr wegen seinem Inhalt – der kann vielleicht, eventuell, in einzelnen Fällen, manchmal berechtigt sein – sondern wer das üblicherweise wie und zu wem sagt; es sind meistens die größten Trottel, die damit herumschlagen, während sie in ihren Komfortzonen hocken.)


14:01.  (39°C)  Ich warte in der S-Bahnstation Quartier Belvedere seit über einer dreiviertel Stunde auf einen Zug in meine Richtung. Ich gehe jedoch nicht rauf in die Hitze.


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf     August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4566 Zwanzig Minuten

 



10:15 a.m.  (33°C)  Ich bin von zu Hause zu Fuß zum Einundzwanzigerhaus, das noch geschlossen ist, gewandert. Ich habe dafür 75 Minuten und 7901 Schritte gebraucht und bin dabei zirka 5 Kilometer gegangen. Noch geschlossen, also nichts mit einem ersten Kaffee in der wunderschönen Lucy-Bar. So sitze ich im Schweizergarten im Schatten, irgendwo heult eine Maschine (ob Garten oder Baustelle) und nervt. Ich bin verschwitzt und eine Nebelkrähe schaut mich an, dann geht sie weiter. Ich habe es befürchtet, dass das Belvedere 21 erst um 11 Uhr aufsperrt, aber fest daran geglaubt, dass um 10 Uhr aufgesperrt wird (wie sagt Luther? „Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer“ - oder so ähnlich – der innere Spötter). Einen Trinkbrunnen sehe ich hier im Park nicht. Ein Mann übt unter einem Baum Tai Chi. Mir gibt es sofort einen Stich, weil ich Tensegrity (magical passes) seit Jahren nicht mehr übe und es nicht schaffe, damit wieder anzufangen; denn die Sehnsucht danach ist groß. Den Vögeln ist auch heiß, alle haben ihren Schnabel offen. Ein Mähtraktor fährt fröhlich vorbei und stinkt unbekümmert, die Frauen auf der Nebenbank führen ein tiefes Gespräch mit Gebeten und so, links vor mir unter einem jungen, etwas vertrockneten Ahornbaum blüht eine geliebte Wegwarte (siehste! Geht doch! - der innere Spötter). Direkt vor mir auf der anderen Seite des Weges, der vorbei führt, steht ein Mistkübel – wenn das alles keine kosmische Versuchsanordnung - wie für mich gemacht - ist! Nehme ich die Einladung an? (Auf meinem T-Shirt steht Kein Interesse.) Drüben hinter der Baumgruppe tollt eine Kindergruppe unter lauter und akustisch scharfzüngiger Anleitung der russisch (?) sprechenden Pädagogin (oder so ähnlich) auf der vertrockneten, gelb-braunen Wiese umher; und nochmals dahinter wird der bereits verschwundene Rasen gesprengt (mit Wasser natürlich, mit Wasser). In 20 Minuten von jetzt an sollte die Lucy-Bar aufsperren. Eine der Damen nebenan spricht Vorarlbergerisch und erwähnt die Schesaplana, deren Name in Verbindung mit Vorarlberg mich als Kind irritiert und jedoch schon sofort fasziniert hat (damals wußte ich noch nichts von unserem romanischen Erbe). Zwanzig Minuten, das ist noch lang. Ein Hund mit um-, aber ausgehängtem Beißkorb läuft allein und sichtlich entspannt vorbei; kein menschlicher Begleiter weit und breit. Hinter der Wegwarte – die gehören zu meinen Lieblingsblumen; ich wünschte mir nur einen schöneren Namen; -warte, das klingt für mich nach Deutschtümelei und Nazizeit, wegen Blockwart – hinter der Wegwarte also wächst eine Melde (Familie der Fuchsschwanzgewächse; keine Sorge, ich mußte das auch erst googeln (und? Was meldet dir die Melde? Von wegen kosmischer Versuchsanordnung - der innere Spötter.). Außerdem: das Deutschtümelnde im Namen der Wegwarte mag ja falsch sein, aber ich assoziiere das sofort und immer). Die Kinder der Feriengruppe müssen Sackhüpfen spielen, während die Kommandantin sie filmt. Ich muß einen Trinkbrunnen suchen (und er hat keinen gefunden – der Tipper).


[Andere Namen für die Wegwarte laut KI (pfui! - der innere Kritiker): Zichorie, Wegleuchte, Blaue Distel, Sonnendraht, Sonnenwirbel, Sonnengold, Arme-Sünder-Blume (siehste! Passt wie oben! - der innere Spötter), Faule Gretel – der Tipper, der immer recherchieren muß.]


(4.8.2026)


©Peter Alois Rumpf    August 2026    peteraloisrumpf@gmail.com