Dienstag, 22. September 2026

4621 Auf der Ofenbank

 



10:23 a.m.  Ich bin soeben im Espresso Burggasse angekommen, nur damit ihr wißt, dass ich gut aufgehoben bin.


11:11 a.m.  Faschingsbeginn oder was? So weit sind wir noch nicht, obwohl ich mir immer etwas verkleidet vorkomme. Wobei: verkleiden tu ich mich gern. Übrigens sitze ich im zweiten Raum hinten vorne beim Ofen, ganz nahe am Photo des tätowierten Maori-Priesters in Soutane, ich nehme an: Church of England respektive Anglican Church in Aotearoa, New Zealand and Polynesia. Von hier – teilweise hinter einem Mäuerchen – habe ich schon einen, aber eingeschränkten Blick in den vorderen Gastraum und durchs Fenster auf die Gartenlaube. Zwar sehe ich hinter dem Gebüsch schemenhaft die Autos die Burggasse hinunter flitzen, aber die Platanen sehe ich nicht. Und das Hirschgeweih hoch oben im ersten Raum lugt hinter der schönen Glaskugellampe hervor. Den Lichtengel kann ich nicht sehen und ich habe beim Hereinkommen nicht geschaut, ob er auch heute leuchtet und strahlt. Ich sitze sehr gekrümmt da und es biegt mich stark nach vorne; besonders bequem dürfte die Ofenbank nicht sein (freilich, es könnte auch sein, dass ich falsch sitze und selber schuld bin) (Oida! Deinen vorgetäuschten Schuldkomplex mußt du nicht so penetrant ausbreiten! - der innere Spötter). Die Kellner haben mir beim Eintreten ins volle Lokal einen besseren Platz in Aussicht gestellt, den ich in meiner übergroßen Bescheidenheit abgelehnt habe. Das meine ich allerdings nicht mit falsch sitzen, sondern dass ich in eigener Verantwortung eine ungeeignete Körperhaltung einnehme. Aufs Klo müßte ich auch, aber bei meiner aktuellen Verunsicherung (die ich mir selber eingebrockt habe!) habe ich Hemmungen. Aber bald werde ich mich durchringen müssen.


11:35 a.m.  Ich habe es zwar aufs Klo geschafft, aber – wie soll ich sagen? - nichts rausbekommen. Hoch oben, sogar über dem Ofenrohr, residiert auf einer runden, an die Wand montierten Holzscheibe eine (leere) Weinflasche. Vermutlich eine besondere. Dass ich von hier aus das Etikett nicht lesen kann, ist wurscht, denn der Name des Weines würde mir sowieso nichts sagen. Hinter dem Ofenrohr segelt ein voll geblähtes Blechsegelschiff von einem Südseestrand – ich denke an eine Insel – ins Meer hinaus. Irgendwie lustig dieses Fünfzigerjahre-Wanddekor und wie es aus Blechstücken und gebogenen Metallstäben und Drähten gemacht ist. Zum Beispiel die Meereswellen (Nein! Stopp! Du assoziierst mir jetzt nicht den Grillparzer! Das darfst du nicht! Du kennst doch nur die Überschriften und täuscht eine nicht vorhandene Bildung vor – der innere Spötter).


11:58 a.m.  (Damit ich noch die letzte a.m.-Zeit erwische; ich weiß auch nicht, woher mein Faible für ante meridiem kommt; wegen dem aufsteigenden Sonnenoptimismus oder bloß aus Pseudobildungsdünkel wegen des Latein?) Ich sitze hier schon irgend wie auf einem Armen-Sünder-Bankerl, was schon zu mir passt, wenn mich doch der Gestank des Hygienezeugs aus den Klos stört. Im Winter, wenn der Ofen glüht und die Glut durch das Ofentürl mit Scheibe sichtbar ist, ist es wahrscheinlich zu heiß hier (das nächste Mal werde ich mich, wenn es möglich ist, wieder auf meinem Stammplatz setzen, aber heute koste ich die harte Ofenbank bis zum Ende aus).


13:00.  Der Lichtengel leuchtet und strahlt. Ich bin aufgestanden und habe erst jetzt hingeschaut (13 Uhr Sommerzeit; in Wahrheit High Noon, von nun an geht’s bergab. Die Sonne beginnt zu sinken).

Am Klo (zweiter Versuch. Nichts) steht auf einem Plakat „Das Ende ist nah“. Das ist natürlich schon auf dem Plakat ein Zitat. Mach ich das, die Welt in Zitaten und zitierten Zitaten zu beschreiben? Ich trinke fast das ganze Glas Wasser aus (lieber Freund, erkläre mir, warum beschreibst du alles so gern in solch umständlichen Kurven von der anderen Seite her? „fast das ganze“? Warum nicht „ich trinke einen kräftigen Schluck Wasser“? Denk einmal darüber nach!- der innere Spötter).

(Dein Lieblingsplatz im vorderen Raum ist schon längst frei. Ist dein heutiger Platz hier dein Schmollwinkel? Aber auf wen schmollst du? Aufs Lokal kann nicht sein, denn dir wurde zweimal ein besserer Platz angeboten. Oder hast du dir gedacht: ich verordne mir zur Strafe Winkerlstehen und begnadige mich gleichzeitig dazu, dabei sitzen zu dürfen? Weißt was: geh jetzt nach Hause! - der innere Spötter.)

Halbherzig reibe ich mir die Augen und grüße – auch halbherzig – den Hirsch hinter der runden Deckenlampe. Dann trinke ich den Kaffee aus und mache das, wozu mich der innere Spötter aufgefordert hat.


13:43.  Im Museumsquartier ist die Tonspurpassage von einer Kanalräumbrigarde belegt. Ob die Tonspur dabei weiter läuft, konnte ich bei dem Lärm nicht feststellen. Ich glaub’ aber schon. Der Kleinbaggerfahrer schimpft „Gurwa! Gurwa!“ - aber nicht zu mir. Er lacht dabei. Vermutlich hat er seinem Arbeitskollegen etwas erzählt (also auch ein Zitat, das – wenn Polnisch – mit „K“ geschrieben würde).


(22.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4620 Bumm!

 



0:58 a.m.  Spät ist es heute geworden und das wird es in den letzten Tagen immer wieder. Dabei bin ich glücklich, wenn ich dann müde endlich ins Bett steige. Das ist eine meiner frühesten Erinnerungen, dass ich im Kinderwagen gut zugedeckt liege und mich hinter dem Regenverdeck mit Sichtfenster vor Wind und Wetter und ankontaktelnden Idioten zumindest im Moment gut geschützt fühle. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob das wirklich eine ganz so alte Erinnerung ist, oder ob ich das erst später rekonstruiert oder mir überhaupt ausgedacht und mir dann eingebildet habe, dies in der Kinderwagenzeit erlebt zu haben. Aber diese Rekonstruktion oder Einbildung als solche stammt eindeutig aus der früheren Kindheit noch vor Schule und Kindergarten, als ich mir gedacht habe, wie schön das war, im Kinderwagen geschützt zu liegen und durch das Sichtfenster in die Welt zu schauen. Und geschlafen werde ich auch haben.


Bumm! Jetzt bin ich irgendwie stecken geblieben. Ich weiß nicht, habe ich da ein wichtiges, tief verankertes Thema angeschnitten oder bloß an irgendwelchen belanglosen Oberflächen herumgewischt. Es geht nicht weiter. Ich bin blockiert. Oder leer. Ich lege das Schreibzeug weg.


1:28 a.m.  Und wie sich herausstellt: schlafen kann ich jetzt auch nicht. Da muß doch etwas Wichtiges hinter diesem Thema, hinter dieser (Pseudo?)Erinnerung verborgen sein. Was mir nun an der Szene im Kinderwagen – egal ob sie echt ist oder konstruiert – auffällt: sie findet als Bild für Sicherheit und Geborgenheit im Kinderwagen und draußen statt, nicht zu Hause im Bett, wie doch zu erwarten wäre.


(22.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 21. September 2026

4619 Draußen in „der Natur“

 



12:18.  Ja, draußen in „der Natur“ wirbelt der Wind genau in dem Moment, wo ich aus dem Kaffeeamt auf die Straße trete, in großartiger Performance dürre, gelbe Blätter hoch durch die Luft, so hoch, dass die Blätterwolke die Bäume der Oberen-Donaustraße übersteigt, um sie dann gleich wieder fallen zu lassen. Aber danke, lieber Wind, für das schöne Blätterspiel, das mein Herz erfreut und irgendwas in mir jubeln läßt.


12:57.  In Hof 5 sitze ich hoffentlich ein wenig windgeschützt, sehe dicke, weiße Wolken über das Firmament ziehen (über das Firmament, das gar nicht so stark ist, sondern nach oben offen). Die Sonne blinzelt zwischen den zwei Kronen der doppelstämmigen Kastanie durch (genau genommen wächst die Kastanie in einem Stamm aus dem Boden, jedoch in gut zwei Metern Höhe teilt sich der Stamm in zwei gleich dicke Äste, die sich zu zwei eigenen Stämmen ausgewachsen haben; beide wachsen annähernd gerade in die Höhe – der innere Korrektor). Der Wind ist recht stark und bläst von Zeit zu Zeit kräftig unter schon abenteuerlichem Rauschen in den trapezförmigen Hof herein. Die miniermotten-zerfressenen Blätter der Kastanien hier hängen schon sehr traurig an den Zweigen. Der vierzehnteilige Fahrradständer ist komplett leer und in seinem sonnenbeschienenen Abschnitt wirft er schön geordnete Schatten auf den Asphalt. Weibliches Lachen irgendwo hinter mir, der Wind droht mir die Kappe vom Kopf zu wehen; der Wind mag keine auch nur im Entferntesten anzüglich deutbare Kommentare. Soll ich weitergehen? Ich glaube, der Wind will, dass ich mich trolle.


14:22.  Eine gute halbe Stunde noch bis zur Psychotherapie treibe ich mich in den Parks des alten Akahas herum und am Schotterweg im Hof 3 habe ich eine reife Kastanie am Boden aus ihrer halben Schale gekickt (Spötter! Halts Maul! Ich schreibe nur mehr fürs Protokoll). Hier im größeren Hof treibt es der Wind viel toller, die Bäume drehen ihre Kronen kokett hin und her (Alarm! Alarm! Diese Bewegungen der Bäume haben nichts mit deinen internalisierten Bildern und Interpretationen weiblichen Verhaltens tu tun! - der innere Korrektor). (Und die angedachten „weiblichen Bewegungen“ mit deinen inneren Bildern und Interpretationen vermutlich auch nichts. Und außerdem: welche Waffen sind gemeint, zu denen wer greifen soll? - der innere Spötter.) (Komm! Steh auf und geh weiter! Sonst bekommst du nicht genug Schritte für deine Zählung zusammen. Geschrieben hast du eh schon zu viel; das wird kaum noch zu dertippen sein! - der zukünftige Tipper.)


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4618 So!

 



11:32 a.m.  So! Im Kaffeeamt gelingt es mir nicht, mich auf Anhieb so mit überschlagenen Beinen zu setzen, dass ich das Notizbuch zum Schreiben auf Tischkante und Knie ablegen kann. Warum ich diese mich beim Schreiben so inspirierende und die Meditation fördernde Sitzhaltung verlernt habe, weiß ich nicht. Ich versuche es nochmals. Gut, optimal ist das jetzt nicht, aber ich habe jetzt meine Beine halb unter dem Tisch etwas halbert und lächerlich unvollendet überschlagen und das Notizbuch auf Tischkante und Bauch abgelegt, was jedoch nicht sehr bequem ist, weil ich es doch mit meiner linken Hand festhalten und in den Bauch pressen muß, dass es mir da nicht abrutscht. Ich muß das wieder ändern: ich rücke den Stuhl zurück, überschlage meine Beine, ohne von der Tischzarge behindert zu sein ordentlich und lege das Notizbuch einfach zur Gänze auf meinen linken, oberen Oberschenkel ab. Da muß ich es zwar auch festhalten, aber solange ich auf der linken Seite schreibe, geht das. Ein Niesanfall will unbedingt diesen meinen Bericht unter-, wahrscheinlich aber überhaupt abbrechen. Wer pfuscht mir da rein? Wer sind eigentlich die für Schreiberei und Literatur zuständigen Götter/Göttinnen oder Heilige? Und wer ist es im Tengrismus und wer bei den Tolteken? Weil: mindestens einem oder einer von denen wird meine egozentrische Schreiberei nicht passen und so ärgern, dass sie mich als Schreibenden verhindern wollen (du solltest eher die Götter und heiligen Schutzpatrone der Lesenden abfragen! - der innere Spötter). Ich aber schreibe um mein Leben (ich weiß, nur fürs Protokoll – der innere Spötter) weiter! Ich habe keine andere Wahl mehr.

Übrigens sitze ich heute nicht an meinem Stammplatz - der war beim Hereinkommen besetzt – sondern neben den Plastikpflanzen an der Wand ganz hinten. Und nochmals übrigens: meinen Vorsatz, nur einen, höchstens zwei Kaffees zu konsumieren, kann ich bei vollem Lokal, wo alle Tische besetzt sind und einige Möchtegern-Kunden stehend warten, vor lauter schlechtem Gewissen darüber, dass ich Minus-Konsument – also unterdurchschnittlicher – einen Platz besetze, der mit jemand anderem fürs Lokal einträglicher wäre, nicht durchhalten. So habe ich beim ersten, leisen Hungergefühl, das ich normalerweise übergangen hätte, ein belegtes Croissant bestellt (das – übrigens die dritte! - gut geschmeckt hat). Hungergefühl ist nicht eindeutig: von eigentlichem Hunger kann keine Rede sein (eigentlich: Schreibe – der innere Spötter); nicht einmal von etwas wie Appetit, ich meine, dass mich eine der in der Glasvitrine ausgestellten oder der in der Karte angeführten und beschriebenen Speisen so affiziert hätte – in die Karte habe ich gar nicht geschaut – nein, sondern es war bloß so eine Andeutung vom Magen her, dass er jetzt wieder Platz für Nahrung hätte.

Die dezente, nicht zu laute Musik aus den Boxen hat nun etwas Feierliches, Getragenes, Tiefes, Bedeutungsschwangeres (genau wie dein von dir soeben beschriebenes Daseinsdrama – der innere Spötter). Auf meinem Stammplatz sitzt jetzt – wenn auch in die andere Richtung blickend als ich es vorziehe – auch ein älterer, aber verglichen mit mir jüngerer Herr im vollen Berufsleben, zu dem die Kellnerinnen genauso freundlich sind wie zu mir. Ich überlege, ob es notwendig ist, eifersüchtig zu werden. Aber bevor ich zu einem Ergebnis komme, kommt ein mir bekannter, alter Herr an seinen Stöcken herein, in Künstlerkreisen ein wohlbekannter Ministerialrat in Ruhe, dem ich schon mehrfach eigentlich unbeabsichtigt auf die Nerven gegangen bin und den ich öfters mehr oder weniger unabsichtlich sekkiert habe. Ich weiß nicht, ob er mich noch kennt; ich jedenfalls tue so, als wäre er mir völlig unbekannt. Dass ich schon wieder dabei bin, meine vor kurzem erst erhaltene teilweise Rückvergütung meiner Psychotherapiekosten zu verprassen, ist mir im Moment egal. Wenn’s weg ist, ist es hald (sic!) weg und ich muß mich dann sowieso nach der Decke strecken und den zweiten Band der Van-Gogh-Briefe habe ich heute Vormittag schon im Voraus bezahlt. Amen! Und der Herr Ministerialrat adé hat sich tatsächlich hinter meinen Rücken gesetzt und trinkt auch nur einen Kaffee und hat sich sämtliche Zeitungen auf seinen Tisch gelegt (während ich ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich mir ausnahmsweise den Standard und den Falter gleich zu Beginn zum Tisch mitgenommen hatte). So! Nichts wie raus in „die Natur“!



(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4617 Das Zimmertheater

 



9:07 a.m.  Der Wind heult ein bißchen, dann hört er wieder auf (ich hocke nicht bequem im Bett; ich muß ein wenig herumrücken und den Polster im Rücken einen Zentimeter höher ziehen. So, jetzt passt’s). Die Lichtverhältnisse ändern sich in meiner Kemenate, also müssen Wolken am Himmel umherziehen. Aus dem Lichtschacht ist es im Moment still. Ich hab’s verschrien: eine Tür knallt zu. Oh, jetzt wird es ziemlich dunkel, das muß eine fette Wolke sein (ich habe gelesen, dass in der Atmosphäre so viel Feuchtigkeit ist, wie seit hunderttausend Jahren nicht mehr. Und das alles kommt irgendwann herunter). Jetzt ist es wieder heller geworden (es ist ja nett und so schön bescheiden von dir, wie du das Wetter draußen zu einem kleinen Theaterstück in deinem Zimmer umdeutest, aber glaubst du im Ernst, dass das irgendjemand interessiert? Ach so! Du schreibst ja nur mehr fürs Protokoll! - der innere Spötter).

Jetzt hat der Wind Erbarmen mit meinem lächerlichen, faden Zimmertheater und heult ordentlich auf und Türen oder Fenster werden auf- oder zugemacht oder gekippt. Wobei: lächerlich und fad ist das Stück nur für die anderen; für mich ist es schön und beinahe ergreifend; ich lasse dabei meine Seele sich erholen und aufatmen und genieße die Ruhe und Stille sehr.


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4616 Flucht

 



0:25 a.m.  Schreiben oder Flucht in ein nächtliches Tagträumen, in der Hoffnung, dass es dann ins echte Träumen übergeht? Ich höre vereinzelt Regentropfen. Ansonsten dröhnt meine innere Lärmmaschine. Heute achte ich mehr auf den Rhythmus, der sich als viel komplexer herausstellt, als es der monotone Klangteppich vermuten läßt. Jetzt regnet es leicht.


(21.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4615 Aus dem Graben

 



13:57.  Das Grundstück auf der anderen Seite der Straße ist von jedem Bewuchs befreit (wobei befreit beschönigend ist, denn was hat eine Wiese davon, wenn alle ihre Pflanzen deportiert sind?) und die blanke Erde oben ist eingeebnet. Steil und braun fällt das Grundstück zur viel tiefer gelegenen Straße ab. Schaut nach baldigem Baubeginn aus. Dass etwas Schönes gebaut wird, erwarte ich nicht; eher etwas geistig und geschmacklich Verwahrlostes wie die Neubauten rundherum. Unten zieht der lästige Autoverkehr lautstark vorüber, aber oben ziehen still die schönen Wolken. Still und majestätisch ziehen sie. In der Sonne ist es noch heiß (im Schatten 24° Celsius). Man hört nicht nur den dichten Autoverkehr, sondern auch überdeutlich die Gespräche der Ein- und Aussteigenden aus dem Graben herauf. Ab und zu sehe ich den einsamen Helm eines Radfahrers tief unten vorbeigleiten; tiefer in den Graben hinein sehe ich von hier aus nicht. Nur an einer löchrigen Stelle gibt die Hecke gerade so viel frei, dass man das obere Drittel der Autos kurz vorbeiflitzen sehen kann (wovor fliehen sie? Fliehen, Intensivform: flitzen; wie schneiden – schnitzen etc.). Der Lärm und das undeutliche Sekundengeflitze lenkt so sehr ab, dass ich die schönen Wolken aus dem Blick verloren habe. Eine nahe Krähe ruft und eine Heuschrecke krabbelt über den Tisch. Einige Menschen hier liegen und schlafen im Garten. Die Kappen der Fußgänger kann man doch auch an der Lücke der Hecke vorbei schweben sehen. Die Krähe entfernt sich langsam, aber stetig. Der Autolärm hört einfach nicht auf (was hat aufhören mit hören zu tun?). Nur selten entsteht eine kurze Pause, wo die Seele aufzuatmen beginnt, aber bevor man richtig eingeatmet hat, kommt schon das nächste Auto und erschreckt einen. Es steckt schon unglaublich viel Aggression und Zerstörungswut im ehemaligen technischen Fortschritt, darum wird der Lärm auch so bedrohlich empfunden. Nur die, die sich eindeutig auf die Seite der Zerstörer geschlagen haben, jubeln bei aufheulenden Motoren und merken nicht, dass sie sich letztlich gar nicht selbst ermächtigt, sondern unterworfen haben. Dieses Autogedröhn ist so nahe und stark; ich kann dabei die Umgebung nicht beschreiben.

Meine Armbanduhr zeigt keine Ziffern an, oder kann ich sie im Sonnenlicht nicht sehen? Wäre natürlich auch wichtig und interessant, wie viel Zerstörung und Arbeitsleid in der leiseren, moderneren Technologie steckt. Irgendwo aus dem Graben kommt komprimiertes, hochgepresstes Sekundengelächter herauf.


(19.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com