Montag, 22. Juni 2026

4522 Fremdsprache




Im Hof unter einem großen Lindenbaum. Ein angenehmes Lüftchen weht durch die Hitze. Wobei es jetzt zuzieht; immer mehr Wolken breiten sich aus. (Ich darf nicht vergessen, auf die Uhrzeit zu achten; Psychotherapietermin.) Ich bin vom Gespräch auf der Nebenbank abgelenkt (verstehen kann ich vom Gespräch der beiden jungen Frauen nichts; diese Jugendsprache ist für mich wie eine Fremdsprache, sowohl was das Vokabular, als auch was die Aussprache betrifft). (Oh mein Gott! - habe ich jetzt verstanden.) Ich will nicht zuhören, aber ignorieren kann ich es auch nicht. Okay! Ich beende das Schreiben.

Am leergeräumten Antiquariat Klabund, dessen Räumlichkeiten schon zur Vermietung ausgeschrieben sind, vorbeizugehen, gibt mir einen Stich ins Herz. Auch wenn ich nur selten etwas gekauft habe, so habe ich doch bei jedem Vorbeiflanieren die Auslagen betrachtet, die Titel der Bücher gelesen, die Photos und Bilder angeschaut. Es sind schon Welten, die da untergehen und verschwinden, mitsamt dem Klabund und dem literarischen neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4521 Öst - Arg

 



12:27.  Heute also Österreich – Argentinien. Ich habe beim Aufwachen rasendes Herzklopfen bekommen, als mir das so aus dem Schlaf heraus eingefallen ist. Unglaublich, war ich da alles draufpicke – ich würde sagen, es geht darum, dass es in dieser Welt im Prinzip möglich sein soll, dass der Schwächere gegen den Stärkeren gewinnen kann oder wenigstens sich behaupten; wenn es mir selber schon nicht gelungen ist, sollte es wenigstens unser Nationalmannschaft gelingen. Da hängt doch tatsächlich meine Lebensgeschichte drin (respektive die, die du dir zusammengezimmert hast – der innere Spötter).

Ich hoffe, dass ich das ohne Herzinfarkt überstehe (meine Mutter hatte einmal, während sie im Fernsehen ein Fußballspiel angeschaut hat, einen Herzinfarkt; einen gefährlichen Hinterwandinfarkt; mit Hubschrauber wurde sie von Irdning nach Bruck an der Mur geflogen. Und als sie wieder aufgewacht ist, war ihre erste Frage an das Spitalspersonal, wie das Spiel ausgegangen ist. Ich muß immer noch darüber lachen). Die aktuelle Hitzeperiode ist auch nicht ohne und setzt mir zu. Ungern gebe ich das zu.

Was anderes: ich sitze im Kaffeeamt und sie spielen The Barrel von Aldous Harding, die morgen in der Arena auftritt. Ein Lied, das ich besonders mag und gleich frage ich mich, ob das ein Wink des Schicksals ist, denn ich habe den Ticketkauf vor mich her geschoben und schon aufgegeben, noch eine Karte zu bekommen. Ich weiß jedoch nicht, ob es noch Karten gibt und um welchen Preis. Ich glaube auch nicht, dass sich das budgetär ausgeht. Ich sollte zumindest nachschauen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4520 Ein Tag am Wasser

 



0:22 a.m.  Ein Tag am Wasser war das gewesen. Aber schwimmen taugt mir nicht mehr richtig. Als hätte ich es verlernt; irgendwie unbeholfen, als stimmte etwas mit den Muskeln nicht. Dabei bin ich mein Lebtag gern geschwommen. Es war sogar die einzige Sportart, in der ich nicht ganz schlecht war (Schule). Jetzt brennen meine Augen vom vielen Sonnenlicht, das noch dazu von den glitzernden Wasserflächen rundum gleißend reflektiert wurde.


(22.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4519 Der Hubschrauber

 



11:38 a.m.  Ich weiß nicht, was das bedeutet – ein Hubschrauber kommt übers Gänsehäufel geflogen, recht nieder, kreist umher, dann erst sehe ich am anderen Ufer viele Rettungsautos, ich glaube, auch Polizei und jemand von den Gaffern (ich bin auch einer) meint, auch Feuerwehr erkannt zu haben. Ich weiß nicht, was passiert ist, ob jemand ertrunken ist, ich kann aus der Entfernung nichts feststellen. Der Hubschrauber landet am anderen Ufer, fährt seine Rotation herunter, ohne sie gänzlich abzustellen und nach einigen Minuten hebt er wieder ab, dreht sich – Entschuldigung, dass ich das in diesem Zusammenhang, wo es womöglich um Leben und Tod geht, so beschreibe – majestätisch, elegant und elegisch in eine bestimmte Richtung (Osten? Süden? Ich weiß es nicht) und fliegt davon. Und das ist der Moment, wo mir die Tränen in die Augen schießen; für meine Verhältnisse sogar eher heftig – ich habe zu tun, das unter den vielen Menschen abzuwürgen und zu verbergen. (Entschuldigung, dass ich da wieder nur über mich und meine Gefühle schreibe, aber was sich da am anderen Ufer ereignet hat, weiß ich nicht und kann es nicht erzählen.) Ich habe den Verdacht, dass es nicht das möglicherweise sehr dramatische Geschehen ist, dass meine Tränen ausgelöst hat, sondern das elegante, langsame, sanfte Abheben des Hubschraubers, seine elegante Drehung um die eigene Achse, wie um sich zu verabschieden, und dann sein zielgerichtetes, schnelles Verschwinden auf Nimmerwiedersehen. (Oder haben darin der Tod und der Weggang einer Seele doch ihr Gleichnis gefunden?)


(21.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4518 Wolkentürme

 



14:49.  Wolkentürme formieren sich und soeben habe ich den ersten Donner gehört. Die Grillen zirpen noch wie verrückt und ein Marienkäfer hat mich gebissen. Ich sitze auf der Hollywoodschaukel im Garten; die schwüle, heiße Luft steht, die Ruhe vor dem Sturm, nur der Autoverkehr läßt sich nicht beeindrucken und spult seinen geistlosen, konventionellen, einfallslosen, berechenbaren, blöden und lästigen Sound ab. Das Gewitter scheint näher zu kommen, aber Wien ist groß. Ein Schmetterling sucht seinen Weg knapp über dem grünen Gras; vielleicht sucht er gar nicht, sondern weiß genau, warum er so fliegt und nicht anders. Welcher Vogel ist das, der da so hingebungsvoll zwitschert? Ich weiß es nicht. War das ein Regentropfen auf meinem Knie? Ein einsamer Vorläufer? Jetzt kommt eine Brise auf, ein Schatten huscht über die Wiese, aber als ich hinschaue, ist dort nichts. Nun eine ausdauernd rufende Krähe. Große Abschiedsszene (menschlich). Irgendwo wird auf Holz geklopft – würde ich sagen. Die Thuje ist an der vorderen Seite offen. Ganz viele verschiedene Grüntöne sind in diesem Garten zu sehen (das ist natürlich nichts Neues – der innere Spötter). Der Wind wird stärker. All ihr angewachsenen und frei beweglichen Wesen da im Garten – es ist schön, dass es euch gibt. Mir kommt vor, der stärkere Wind vertreibt das drohende Gewitter, aber sicher bin ich mir nicht. Ein Flugzeug quert hoch oben unseren Ruheplatz. Der Wind wird fast stürmisch. Dann legt er sich wieder. Jetzt hört man von der Straße einmal eine quietschende Fahrradbremse. Ein Schmetterling besucht den Hollerbusch. Ich ziehe mein Kappe vor ihm (dem Holunder) und sogleich fängt er zu tanzen an.


(20.6.2026)


©Peter Alois Rumpf   Juni 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 19. Juni 2026

4517 Lange Sommerhose

 



10:55 a.m.  Im Espresso Burggasse. Standard zurückgelegt, Kleine Zeitung geholt. Der erste Cappuccino zur Hälfte ausgetrunken. Plötzlicher Drang zu schreiben, obwohl noch nicht alles gelesen. Ist das Trotz? (siehe Nummer 4516 Keinen Kopf machen). Heute habe ich keine REMbox mit! In der Hitze zu schwere Schlepperei (die Medien warnen vor Überanstrengung im Alter). Und jetzt? Ein Schluck Kaffee, die Kleine Zeitung/Ennstal/Todesanzeigen-Bezirk Liezen.

11:21 a.m. (Ich schreibe hald (sic!) so gern ante meridiem). Ohne REMbox weiß ich nicht so recht, was ich jetzt mit meinen Händen, meinen Augen und meiner Aufmerksamkeit anfangen soll. Gut, der Lichtengel wie immer; Cappuccino II und Schnittlauchbrot bestellt. Ich sollte mir vielleicht eine leichte lange Sommerhose zulegen; kann ich noch in der Öffentlichkeit meine nackten Beine herzeigen?

Ich verschiebe die Entscheidung bezüglich langer Sommerhose und esse das Schnittlauchbrot. Ich bin nicht der einzige Danebene hier – wie ich gerade an einer Gast-sucht-die-ausgestellten-Mehlspeisen-Szene ablesen kann. Heute ist die Musik weiblich (wie auch besagter Gast). Das Welttheater ist gar nicht so uninteressant. Ich schau mich um und genieße meine Abseitsposition (so gut es geht – der innere Spötter). Ja, ich finde es wirklich schön, elegisch und bedeutungsvoll, wie da die Menschen draußen vorübergehen und der leichte Wind die Zweige der Platane, die schon ihre Früchte ausbildet … denk beim Schreiben, dass du das alles zeitnahe eintippen mußt, denn es könnte ja sein, dass dich die Götter z’fleiß bei deiner lächerlichen, leicht durchschaubaren, folkloristischen und unglaubwürdigen Todessehnsucht erhören – im Gegensatz zu deiner Sehnsucht nach einem ordentlichen Lottogewinn, der dich von einigen deiner Sorgen befreien würde (und dir jede Menge neuer bescheren – der innere Spötter). Der – von mir aus gesehen – rechte Flügel des Lichtengels wird wirklich immer schwächer. Oh, gedankenlos habe ich ein vermeintliches Stäubchen vom Notizbuch gewischt, vielleicht jedoch war das ein kleines Insekt, das ich jetzt getötet habe. Wenn ja, muß ich mit den Konsequenzen leben. Ich beobachte die Gesten der Gäste in der Laube draußen und ziehe – gottseidank – keine Schlüsse daraus (was sich im Paralleluniversum abspielt, weiß ich natürlich nicht). Langsam werde ich unruhig. Bald breche ich zur Stadtwanderung durch die Hitze auf. Die junge Frau am Nebentisch scheint etwas Mathematisches zu lernen oder zu erarbeiten, aber was weiß ich.


(19.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4516 Keinen Kopf machen

 





8:49 a.m.  Satt, mit vollem Bauch hocke ich im Bett; die Lesebrille verschmiert, so dass sie meine Sicht trübt; ein heißer Morgen, ich versuche, mit meinem Leiberl die Brille zu putzen, was leidlich gelingt; bin voller Erwartung, was der Tag bringen wird (in meiner Planung wird er gemütlich); ich spüre ein wenig in mich hinein und deswegen fällt es mir auf und ich entspanne meine zur Faust verkrampfte linke Hand und strecke die Finger. Genau genommen zweifle ich immer noch an meiner Schreiberei, genauer gesagt: mein Urteil besagt, dass solche Selbstbetrachtungen und Selbstbeschreibungen die Menschheit nicht weiterbringen und deshalb sinnlos sind. Irgendwas in mir wehrt sich gegen dieses Urteil, aber kommt nicht dagegen an und kann nicht einmal für sich selbst seine Einwände artikulieren. Aber ich habe mir das Schreiben angewöhnt und könnte es vermutlich ohne Entzug nicht loswerden. Ich seh schon ein, dass solche Betrachtungen für die Leser und Leserinnen fad sind, weil ich den Punkt, wo das Unendliche auf das Endliche trifft – oder umgekehrt – verpasse. Gottseidank gibt’s die Fußballweltmeisterschaft. Ganz so leicht ist es ja nicht, ein sinnloses Leben zu Ende zu leben (Männer definieren sich vor allem über ihren Beruf, ihre Arbeit, ihren gesellschaftlichen Status), aber die Bühne bietet doch genug Ablenkung und Möglichkeiten zum Selbstbetrug an. Und man kann ja immer ins Gelächter flüchten, zumindest so lange, bis es ernst wird und einem das Lachen vergeht (Halt! Ich möchte darauf hinweisen, das du damals, als du dich schon aufzulösen begonnen hast und dabei warst, deinen Körper zu verlassen, durch zuerst einen Wut-, und deswegen dann einen Lachanfall zurück gekommen bist - der innere Korrektor). Stimmt auch wieder. Vielleicht kann man wirklich lachend sterben. Man wird ja sehen! Da muß ich mir jetzt keinen Kopf machen. Auf ins Espresso Burggasse!


(19.6.2026)


©Peter Alois Rumpf    Juni 2026    peteraloisrumpf@gmail.com