Donnerstag, 12. Februar 2026

4362 Blutdruck

 



8:28 a.m.  Gut ist mir nicht. Körperlich fühle ich mich schwach. Viel gehustet, schlecht geschlafen. Im Kopf durcheinander. Ich versuche, mich und meine Welt zu ordnen, wie Gott die seine im biblischen Schöpfungsbericht (in dem einen Schöpfungsbericht; es gibt ja mehrere): hell - dunkel, oben – unten, das Identitätsgewölbe aufbauen, trocken – nass, und die Namen nicht vergessen: wie alles heißt und definiert ist, und eine Tagesordnung schaffen – zum Beispiel ante meridiem – post meridiem, und eine für die Zeit überhaupt: zum Beispiel jung – alt, und dass alles gut ist, etcetera, etcetera, etcetera. Ohne dem weiß ich weder, was ich heute tun will, noch, was ich tun kann. Der Pflichttermin ist erst um 5 p.m. nachmittags.

Ich würd’ schon sagen, dass ich krank bin, auch wenn ich kein Fieber habe (Witze über Männerschnupfen fallen mir ein – der innere Spötter). Habe ich Hunger? Mag ich frühstücken? Unentschieden: was da im Magen knurrt, könnte Hunger sein, aber gleichzeitig ekelt es mich so ganz unspezifisch. Ich lauere auf irgendwelche Hinweise, die mir weiterhelfen könnten. Ich phantasiere davon, dass ich ein reicher Galerist und Kunstsammler bin und eine Ausstellung von Thomas Jocher vorbereite und ihn dazu bringen will, einfach die Bilder für sich sprechen zu lassen, ohne allzu viele aufwändige Installationen. Soll ich die Reihe mona gone I und II in den Vordergrund stellen, oder abstracts von 2024? Oder ganz anders? Meine Zeichnerei ist schon wieder erloschen, bevor sie brauchbare Ergebnisse gebracht hat, und flammt nur alle paar Wochen kurz, vergeblich und unbefriedigend auf. Aufflammen ist möglicherweise übertrieben; es kommt eher aus Schuld- und Pflichtgefühl: wenn ich jetzt schon so viel Geld für Zeichenmaterial ausgegeben habe, muß ich es auch verbrauchen (Spießer hald (sic!) – der innere Spötter). Mein Gott! Was für ein fragwürdiges Leben! Kein Wunder, dass mir vor Ekel schlecht ist (naja, irgendwann im Laufe des Tages wird er dann eine ganze volle Schüssel Nahrung in sich hineinstopfen – der innere Spötter). Vom Husten rinnen mir Tränen über die Wangen.

Jetzt kommt ein weiteres Problem hinzu: Weil ich es nicht geschafft habe, vor 9:15 a.m. mein Frühstücksmüsli zu verzehren und bald die Tageskinder kommen, kann ich nicht im Pyjama (kein Problem; ich kann mich anziehen) und ohne Gebiss in die Küche hinunter gehen und das Müsli essen, denn heute kommt auch eine Praktikantin. Aber mit Gebiss das Müsli essen, das ist schmerzhaft. Denn das Gebiss sitzt schlecht und einige Körner geraten dabei immer unter die Plastikteile und stechen dann bei jedem Bissen. Der Husten ist jetzt etwas schwächer und erzeugt keine Tränen mehr. Der nächste ordentliche Anfall kommt bestimmt. Und ist schon da.


12:12. Seit ich dieses Blutdrucksenkermedikament nehme, fühlt es sich an, als wäre ich plötzlich und mit einem Schlag um zehn Jahre gealtert. Ich schleppe mich mühsam umher, kann nur mehr langsam gehen und empfinde meine vertraute Depression viel, viel körperlicher; als würde mir jetzt auch der Körper sagen: „Ich mag nicht! Ich kann nicht mehr! Gib doch endlich auf! Ich will in Frieden ruhen!“ Eine schwache, wirklich nur leichte, aber ständige Übelkeit als Hintergrundrauschen, ebenso eine Weinerlichkeit, die jederzeit aufsteigen kann – ich weiß auch nicht wirklich, warum es mir so wichtig ist, zu betonen: aber ich weine nicht.

So schleppe ich mich durch die Stadt. Kleine Scherze sind jederzeit möglich, so wie vorhin am Haustor, als auch ein anderer alter Mann mit gezücktem Schlüssel langsam aufs Haustor zu getrippelt ist und ich schneller am Tor war und beim Reinstecken des Schlüssels ins Schloss – wo ich oftmals länger brauche, bis ich den richtig angesetzt habe – gesagt habe: “Jetzt muß ich aber schnell sein, sonst ist mein Vordrängen nicht gerechtfertigt!“ und der andere Mann antwortet: „Nur keinen Stress, ich habe Zeit!“

Ich freue mich über solche Begegnungen und meine Seele hellt sich auf (nicht weil ich schneller bei der Tür war, sondern wegen der kleinen Kommunikation), aber zwei Minuten später schlägt das dunkle Meer der Depression wieder über mir zusammen und das Hinaufsteigen in den zweiten Stock geht nicht ohne Mühe. Genau dieser Mechanismus hat sich seit der depperten Blutdrucksenkung – wobei der Blutdruck dem ärztlichen Schema nach immer noch zu hoch ist – unglaublich verstärkt, und statt die letzten fünf Texte zügig einzutippen, wie ich es vorhatte, hocke ich auf dem Bett und habe das unüberwindliche Gefühl, mich erholen zu müssen.


(12.2.2026)


©Peter Alois Rumpf    Februar 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4361 Nachgerade

 



23:56.  Es tropft aufs Fensterblech, also muß es regnen oder geregnet haben; sehen kann ich nichts, denn ich habe das Rollo schon längst heruntergezogen. Ich habe heute geruht, kaum etwas getan, Wohnung und Haus nicht verlassen. Schon wieder ist mir etwas zu kalt. Der Blutdruck ist immer noch zu hoch und husten muß ich auch. Ich glaube fest daran, dass das diesmal keine acht Wochen dauern wird. Es tropft nur mehr selten, die Abstände sich sehr groß, also regnet es nicht mehr. Ich blicke auf meine Notizen und erschrecke für einen Moment über die Leere darin. Daran kann auch die verschiedenfarbige Schrift nichts ändern. Das unverdeckte Weiß des Papiers blendet mich nachgerade (nachgerade – was soll diese komische Wortkombination denn heißen und wo kommt sie her? - der innere Spötter). Manchmal bin ich froh, dass du auftauchst, Spötter! Aber jetzt will ich schlafen.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4360 Marod

 



15:41.  Direkt aus der heißen Badewanne unter die Decke (naja, abgetrocknet hat er sich schon – der innere Spötter), unglaubliche Müdigkeit und Erschöpfung: im Moment jedoch eher ein angenehmer Zustand. Alle inneren und äußeren Verpflichtungen abgesagt oder vergessen. So will ich meine Erkältung auskurieren. Ich will nicht wieder acht Wochen marod herumhängen. Ich bleibe im Bett und werde lesen. Morgen, spätestens übermorgen bin ich wieder fit.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf   Februar 2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4359 FInanz

 



4:55 a.m.  Jetzt ist es sehr still. Kein Fenster leuchtet irgendwo. Kein Auto ist unterwegs. Ich frage mich gerade, ob der Türsteher Gottes, der Heilige Petrus, vorm Himmelstor steht (also: Schütze) oder hinter dem Tor (also im Steinbock)? Zu einer eindeutigen Lösung komme ich nicht. Dafür düdelt mein Handy. Angeblich ist es das Finanzamt (wäre eindeutig Steinbock, wenn es stimmte), das mir per SMS mitteilt, dass meine FinanzOnlineIdentität abläuft und eine Verlängerung braucht. Ich wüßte gar nicht, dass ich eine solche hätte. Habe ich auch nicht und keine Steuererklärung abgegeben. Wie sollte ich? Ich habe weder Geld, noch Vermögen, noch kann ich mein Leben steuern und bei der angegebenen Internetadresse steht FInanz oder sollte das Flanz heißen? (Es passt aber, dass er sich dessen nicht sicher ist und sich von diesem Fake-Scheiß tatsächlich verunsichern läßt. Wegen seiner Depression und seiner schwächelnden Identität weiß er wirklich nicht genau, was er in seinem Leben wann, wo und überhaupt gemacht hat – der Tipper.)

Unsicherheit und Ärger steigen auf und schade um die tiefe Stille vorhin. Ich schreibe jetzt nicht mehr weiter. Ich habe Angst, mich flach hinzulegen, ich bleibe noch hocken. Meine Augen fühlen sich von innen fiebrig an, die Stirn ist aber nicht heiß.


(11.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar   2026   peteraloisrumpf@gmail.com

4358 Weiterlesen

 



23:42.  Vor Mitternacht. Es ist vor Mitternacht (so redet es in ihm! - der innere Spötter). Meine Finger sind kalt. Höre ich Schritte? Oder knackst die Stiege nur so? Die innere Stimme sagt nichts mehr; oder geht sie im Lärm der Stille unter? (Reiß dich ein wenig zusammen und konzentrier dich! - der innere Spötter.) Ich lege mir die linke Hand mit ihren kalten Fingern an die Stirn. Die Finger der rechten Hand sind warm. Ich huste ein wenig. Geht das wieder los? Letzte Nacht konnte ich deswegen kaum schlafen und mußte im Bett aufrecht hocken bleiben, um den Hustenreiz zu dämpfen. Die Stäubchen tanzen immer noch im Lichtkegel der Leselampe. Ein wenig Mißmut. Ein wenig Überdruß. Ein wenig Unruhe. Fast ärgerlich und zwanghaft bewege ich meine Zehen und drehe die Füße hin und her. Ich mißtraue den Medikamenten immer mehr. Meine Augen jucken ein wenig. So fürchte ich mich vor der Nacht. Ich könnte weiterlesen.


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf       Februar 2026        peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 10. Februar 2026

4357 Schotterweg

 



10:05 a.m.  W. ist der Mann der Schwester des Ex-Mannes meiner Frau. Ihm verdanke ich, dieses wunderbare Lokal kennengelernt zu haben (er hat mich seinem Gesprächspartner als Mann der Exfrau des Bruders seiner Frau vorgestellt). Der erste Cappuccino wird mir schon ohne Bestellung serviert; sie kennen mich hier schon. Hergefahren bin ich wie in schwerfälliger Trance; gesund bin ich nicht, aber Fieber – so glaube ich – habe ich nicht. Das wöchentliche Frühstück hier im Espresso Burggasse – auf das ich mich die ganze Woche freue – wird mir schwer fallen, einzusparen. Einmal in der Woche ein „Souverän“, der bestellen und bezahlen kann und ein ordentliches oder vernünftiges Trinkgeld gibt (meistens – der innere Spötter). Der erste Schluck Kaffee auf nüchternem Magen treibt sofort meinen Herzschlag in die Höhe (könnte nach dem Blick auf den Herzschlagmesser tatsächlich stimmen – der innere Korrektor). Mein erster Blick heute durch die Glasfront auf die Burggasse und die eine Platane hinaus, die von hier aus sichtbar ist. Die zweite Platane liegt außerhalb meines jetzigen Wahrnehmungsfeldes. Mir ist gleich zum Weinen zumute (aber er weint nicht – der innere Korrektor).

Das große Wiener Frühstück hat mich gestärkt. Meine Stimme ist von der Erkältung tief und rau (um nicht sehr männlich zu sagen – der innere Spötter) und die Musik ist heute besonders schön. Zeitung.

Jetzt ist mir etwas schummrig. Soll ich besser nach Hause gehen? (Anscheinend verträgt er das Blutdrucksenkungsmedikament nicht gut – der innere Korrektor.) Alles fühlt sich an wie Endzeit. Nur keine Apokalypse herbeireden! (weder äußere noch innere). Ich würde hinter der Apokalypse nicht erlöst, befreit und erneuert hervorkommen. Ich gehöre nicht zu den Auserwählten (solltest du nicht, bevor du das schreibst, einmal die Apokalypse des Johannes lesen? - der innere Spötter). In allem ist ein eigenartiger Ton, auch in der Musik jetzt, aber ich kann ihn nicht benennen. Alte Herren strecken sich, auch im Lokal. Beim Heimgehen fotografieren für das Album Der Wanderer nicht vergessen! (klingt alles nach mehr als es ist – der innere Spötter).

Die Straßenbahn fährt mit solch unglaublicher Traurigkeit zur Kreuzung hin und bleibt dann bei rot stehen (49; Bellariastraße/Museumsstraße).

Ich gehe auf dem unasphaltierten Schotterweg hinter dem Naturhistorischem Museum Richtung Ring. Die Wasserlacken rufen uralte, ferne Erinnerungen auf; vielleicht sogar von Admont. Es läutet von den Kirchen Mittag.

Ich stehe an der roten Ampel und die Autos rasen am Kaiser-Franz-Josephs-Kai so schnell vorbei, dass mir angst und bang und schwindlig wird; als würden die Autos Stücke meiner Seele mitreißen. (Autos sind falsche Selbste! - der innere Wichtigtuer.) Ich huste.

Die vier Elemente grüße ich auf der Salztorbrücke nur mit „Hallo alle vier!“ (er will sagen: „so erschöpft bin ich“ – der innere Spötter.)

Wie ein Dummsel ziehe ich ständig meine rutschende Hose mit Griffen unter Mantel, Sakko und Pullover über den Bauch hinauf und zurre vergeblich den ausgeleierten Gürtel fest. (Ihr fragt euch, warum er sich keinen neuen Gürtel kauft? Ich mich auch. Er behauptet, bei Depressionen ist das so (wegen dem sich warat’s) – der innere Spötter.)


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf     Februar 2026      peteraloisrumpf@gmail.com

4356 Rascheln

 



1:03 a.m.  Da sind wir wieder nach Mitternacht und hocken im Bett, gelesen haben wir schon, der Blutdruck ist immer noch zu hoch und ich huste wie gehabt. Kalt ist es, wie es zu dieser kaputten Jahreszeit gehört. Was wird es im Zimmer haben? 18? 19 Grad? Ich steh jetzt nicht auf und schaue nach. Die zwei auseinander geschnittenen Zwiebelhälften, die ich im Zimmer zur Vertreibung der Erkältung aufgehängt habe, haben das meiste ihrer Kraft schon an die Zimmerluft abgegeben und duften nur noch schwach. Ich weiß nicht, ob ich morgen eine neue Zwiebel aufschneiden werde, denn ich weiß auch nicht wirklich, ob diese Prozedur hilft. Ich erinnere mich schon, dass sie zumindest ein Mal eine herangeschlichene Erkältung abgefangen hat, aber manchmal war es entweder schon zu spät oder hat einfach nicht gewirkt. Jetzt hocke ich also da und schreibe zufrieden vor mich hin – ich bin immer zufrieden, wenn ich schreibe – auch wenn mir allmählich die Schreibideen auszugehen drohen (als hätte dich das jemals abgehalten! - der innere Spötter). Macht nichts, ich kann ja einen Punkt machen und aufhören. Ich mache aber keinen Schlusspunkt und gehe aufs Klo.

Dafür mußte ich vom Bett aufstehen, „und“, dachte ich mir, „ich kann gleich zum Zimmerthermometer gehen und die Temperatur ablesen“. Gedacht, getan: ich drehe die Schreibtischlampe auf, nehme das Thermometer von der Wand, halte es unter das Licht und lese 19,5 Grad ab. 19,5 Grad! Warum ist mir dann so kalt? Ich versteh das nicht, dass mir immer so kalt ist.

Der Besuch am Klo – kleine Seite – war übrigens nicht sehr ergiebig; der Drang kam wohl eher von Kälte und Nervosität als von einer vollen Blase. Das Bett wird sich schon wieder aufwärmen; in der Früh ist mir immer auch schon vorm Anspringen der Heizung unter der Decke richtig angenehm warm.

Meinem Ohrengesumse hat sich jetzt ein Ton beigesellt, den ich fast als Rascheln wahrnehme. Auffällig lebhaft und variantenreich das Ganze heute.


(10.2.2026)


©Peter Alois Rumpf Februar 2026 peteraloisrumpf@gmail.com