Mittwoch, 22. April 2026

4433 Im Leo

 



Ich blättere im Café Leo (die Uhrzeit zu notieren hat er vergessen – der Tipper) in der REMbox, aber um gründlich zu lesen, bin ich zu müde (2 Stunden Fitness!) und zu nervös (Einkäufe! Wäsche! Geschirr! sind noch zu erledigen). Beim neuen Falter hat jemand von den letzten zwei Blättern Stücke weggerissen. Ich hasse das bei Texten, die ich lesen will. Na gut, die Frau Dusl kann man noch lesen. Ich liebe ihre etymologischen Ableitungen (auch wie sie formuliert sind)!

Die Flaschen der stärkeren Getränke ganz oben im hochgehängten Regalkastl (hoch gehängt ist nicht das selbe wie hochgehängt! - der Autor) beeindrucken mich in ihrer fröhlichen Ansammlung und verdichteten Gemeinschaft; fast schon poetisch. Die Musik aus den Boxen ist wunderschön! Keine Ahnung, wer das ist. Irgendetwas Irisches in zeitgemäßer Interpretation, vielleicht? Soll ich zu saufen beginnen? So richtig wegkippen und sich selbst vergessen? Seit über zwanzig Jahren hat das überhaupt keinen Reiz mehr auf mich ausgeübt.

Jetzt – plötzlich wird es mir klar – weiß ich, warum ich die REMbox umherschleppe: sie soll meine Anwesenheit stärken und rechtfertigen, mir genug Daseinsberechtigung verschaffen und mich vor Angriffen, Verleumdungen und Beschimpfungen schützen. Damit mich nicht jeder Anhauch von Infragestellung verwehen kann (beachte: ver-weh-en; vergleiche: letz, ein altes Wort für schwach und verletzen – der Autor). Ein existenziales Schutzschild und schlagkräftiges Argument. So ungefähr.

Nach dieser Erkenntnis ist es aber höchste Zeit, aufzubrechen und mit der Erledigung der Einkäufe zu starten. Obwohl: die Spielraumkinder kommen so nach 16 Uhr; wenn ich jetzt einkaufen gehe, komme ich vermutlich zur Rushhour zurück und das ist nicht gut: die Kleinen kennen mich noch nicht so und fürchten sich noch manchmal vor mir. Dabei habe ich den Einkauf schon verschoben, damit ich nicht um 3 Uhr p.m. mit dem vollen Trolley in die Abholphase der aktuellen Tageskinder und damit in den Stau im Vorzimmer komme (diese Kinder fürchten mich nicht mehr, sondern begrüßen mich manchmal mit „Kaka Peter!“, was mir sehr gefällt. In echt!). (Normalerweise erledige ich zuerst die Arbeit, bevor ich es mir gemütlich mache – ich will sie hinter mir haben und nicht mehr daran denken müssen.) Ich geh jetzt einfach nach Hause, lege den schweren Rucksack mit der REMbox ab und schnappe mir den Trolley; notfalls kann ich ja auf einer der Bänke unter den drei Säulengleditschien vorm Haus warten, wenn ich zu ungünstiger Zeit mit dem Einkaufen fertig sein sollte. Würde es nicht aufs Monatsende zu gehen und meine Finanzen nicht schon etwas angespannt sein, würde ich einen zweiten Cappuccino trinken und alles abwarten. Aber egal!


(22.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 21. April 2026

4432 Ich liebe das Weite

 



10:51 a.m.  Das Lokal ist ziemlich voll und ich finde einen Platz im hinteren Raum. Die hoch gehängten Spiegel an der mittelgrauen Klinkerwand gegenüber und gleichzeitig el condor pasa aus den Boxen. Einer der Spiegel ist mit einem ungewöhnlichem englischsprachigen Werbeplakat für ungarische Weine beklebt, wenn es denn ich Wahrheit nicht die Ankündigung eines Club-Events hier im Lokal ist (aus dieser Distanz kann ich nur Teile der Überschrift lesen, das Kleingedruckte gar nicht). Das einzige Fenster hier geht auf den Hinterhof; obwohl das kein so toller Anblick ist und in der Fensternische ein turtelndes Paar sitzt, schaue ich von hier aus quer durch den Raum durch das kleine Fenster hinaus, denn ich suche das Weite. Selbst wenn der Blick nur durch den Hof kommt und dann dort an der Hauswand stehen bleiben muß, eignet ihm ein leichter Anhauch von Weite und Unendlichkeit. So ist das. Die Sehnsucht nach dem Unendlichen gibt nicht auf. Ich aber werde jetzt wieder in der REMbox blättern und den Beitrag von Hans Pfefferle lesen (REM – ein romantischer Igel).

Jetzt habe ich ein Schnittlauchbrot gegessen und dabei ist es mir gelungen, alle, wirklich alle Schnittlauchstücklein, auch die, die vom Brot auf Serviette, Tablett und Tisch gefallen sind, zu finden, aufzusammeln und zu verzehren. Denn wenn Pflanzen schon verletzt oder gar getötet werden, um uns zu ernähren, will ich sie und ihr Bewußtsein würdigen und ehren, indem ich alles aufesse (es gibt hier im Lokal und im Urbanen keine beziehungsweise zu wenige naturbelassene Flächen, die nicht von irgendwelchen Kontroll-, Beschneidungs- und Säuberungsbrigaden heimgesucht werden, sodass man keine paar Brösel und Tropfen der Erde, um sie zu würdigen und zu bedanken, überlassen und zurückschenken kann (bedanken hier grundsätzlich transitiv, aber nicht reflexiv! - der Autor). (Als Dank für diesen Satz solltest du, um die Erde des Weiteren und auch von deinen Gedankengängen zu verschonen, wirklich nur mehr bio essen! - der innere Spötter.)

Das ist wirklich ein grandioser Text vom Hans Pfefferle! So eine gute Analyse und Einordnung! (Ich hab eh angerufen und ihm das gesagt.) Ein Schauder läuft mir über den Rücken. (Den Goethe mag ich allerdings nicht!) Jetzt füllt sich das Lokal wieder mit den Mittagessern (exakt 12 Uhr). Boxenstopp (ich; nicht die Musik).

Von Magnesium ist die Rede. Ich überlege das Heimgehen; schließlich habe ich viel zu tippen (sehr viel! - der Tipper) und eine „romantische“ Unruhe ficht mich an (Pfefferletext!).

Auf dem Weg zum Klo schaut mich ein am Boden liegender Hund, dessen Vorderpfoten unter dem Sessel hervorschauen, traurig an und ich steige vorsichtig über seine Vorderbeine, und ich weiß nicht, ist diese Traurigkeit im Blick von mir oder von dem Tier? Als meine Projektion muß ich es nicht erklären, aber trauert die Art der Hunde über den Verlust der ursprünglichen Wolfheit? Der Preis war wohl sehr hoch, oder? (Und wie ist das mit der Menschheit? - der innere Spötter).


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4431 FrühstückerInnen

 



8:22 a.m.  War heute schon im Pyjama recht aktiv: die Tagesration Kräutertee gebraut, gefrühstückt, Geschirrspüler ausgeräumt, eingeräumt, in Betrieb gesetzt, vorher noch am Fenster gewunken, wegen der Kälte und von meiner Frau empfohlen in eine Decke eingehüllt (war trotzdem kalt). Jetzt habe ich mich wieder ins Bett gehockt, um mich aufzuwärmen und den Tag im Geiste zu ordnen (von ordnen kann keine Rede sein – er denkt, phantasiert, und assoziiert einfach so chaotisch herum; man kann es nicht einmal sortieren nennen – der innere Spötter).

Ich lausche dem Surren in den Ohren, um meine Gedanken zu beruhigen, aber dann fällt mir ein, dass ich gestern im Internet gelesen habe, dass solches Surren ein Symptom für einen bevorstehenden Schlaganfall sein kann. Und dann fällt mir ein, dass ich auch gestern im Internet gelesen habe, dass lange Zeit im Internet zu verbringen, eine Auswirkung und Folge von Depression und Angststörung sein kann und helfen soll, von den ständigen negativen Gedanken und Selbstanklagen abzulenken.

Irgendwie ist es mir heute nicht gelungen, die Pölster im Rücken richtig zu schlichten, denn es tut mir schon der Nacken weh. Ich rücke und zupfe herum; vielleicht passt es jetzt. Nach welchen bewußten uund unbewußten Prinzipien hatte ich mein Leben angelegt? Gibt es überhaupt Prinzipien? Der Verkehrsüberwachungshubschrauber jetzt wird mir auch nicht helfen, dahinter zu kommen. Naja, ich hab eh keine Kraft mehr, mich deswegen richtig anzustrengen. (Und jetzt? Jetzt hockt er mit verschränkten Armen da und hat die Augen geschlossen und ist ganz zufrieden und frönt der Illusion, irgendwas im Griff zu haben – der innere Spötter.) [ich hätte es mit h geschrieben.]

Wende im Wendenland am Bett der Sav’ (ursprünglich ist der deutsche Name der Sava: Sau, wie Drava: Drau) (irgendsoein Halbschlafsatz).

Wenn ich die Lesebrille auf habe, bewegt sich der Schatten dort am Bild im Bücherregal; nehme ich die Brille ab (ab, nicht runter ist ein kleines Geschenk an meine bundesdeutschen LeserInnen), verharrt er bewegungslos. So, jetzt fühlt er sich ertappt, der Schatten, und rührt sich auch bei aufgesetzter Brille nicht. Wie wäre es mit einem Ausflug in mein Lieblingscafé Espresso Burggasse? Die erste Welle der FrühstückerInnen sollte schon vorbei sein bis ich hinkomme.


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4430 Der Leibnitzgedanke

 



0:22 a.m.  (Endlich wieder vor Mittag.) Ansonsten habe ich jetzt nichts zu sagen, aber mir wird schon noch etwas einfallen. Schließlich bin ich jetzt optimistischer als vor zwei Wochen. Allerdings bin ich sehr müde, sehr müde. Ich überlege gerade, wie es wäre, wenn ich am Frauenberg bei 8430 Leibnitz/Lipnica stürbe? (Jedenfalls historisch – der innere Spötter). Am Schädel juckt es. Ich lasse den Leibnitzgedanken wieder fallen. Und dort oben begraben sein? - nehme ich ihn wieder auf. Naja, zu weit hergeholt. Ich bin schon recht müde. Der Holzrabe am Fenster scheint in seinem statischen Gleitflug sanft die Flügel zu bewegen; nicht schlagen, nur leicht dem Luftstrom anpassen. Ich bin wirklich schon müde.


(21.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4429 Vor der Therapie

 



12:26.  Ich sitze im Weltcafe, aber an der anderen Wand als üblich und das Bild gegenüber gefällt mit tendenziell besser als die auf meiner Seite, auf die ich ansonsten starre (obwohl von dem/der selben MalerIn). Der Kaffee ist schon da, der Toast kommt bald, nehme ich an. Ein Typ gegenüber mit sehr beeindruckendem markanten, männlichem Gesicht irritiert mich; fast frißt mich der Neid. Der Toast ist noch nicht da (Mittagszeit! Viel Betrieb). Läßt die Wirkung der Droge REMbox schon nach? Wieder das alte Drecksgefühl über mich? Ich will das noch nicht glauben. Soll ich einfach die REMbox auf Seite 255 aufschlagen und meine Bilder anschauen (zum Wiederhochladen des Hochgefühls)? Und wenn die Dosis dann zu schwach ist, werde ich enttäuscht sein? [RëMTE. Ein toller Text von Karin Peschka in der REMbox! - nebenbei lese ich auch darin.] (Geht dir das RemRemRem nicht schon langsam auf die Nerven? - der innere Spötter.) (cold turkey? - der noch innerere Spötter.) Nein.

Die vollgestopften Bücherkästen unerreichbar hoch an der Wand gegenüber, direkt unter den Entlüftungsrohren, altes Holzzeugs, viele Bücher, deren Titel ich aus der Entfernung nicht entziffern kann. An fremden Leben mitnaschen (ich verfolge die Chats auf xxx). Die drei Bücherkästen: mit je zwei Stützen unter ihren Bodenplatten, und je eine Lampe ist an der oberen Stirnleiste montiert, die die Bücher beleuchtet (nicht gleichmäßig; das geht sich bei diesem Lichtkegel nicht aus). Oben drauf, unter den Entlüftungsrohren fast eingequetscht, je zwei Blumenstöcke (wenn die echt sind: wer gießt die und wie?).

Ratlos, ob ich noch einen Kaffee bestellen soll, ratlos, weil schon in der Monatsmitte sich deutlich zu Ende neigende Geldmittel. Was mache ich morgen, wenn ich heute schon fast alles ausgegeben haben werde? (Wer weiß, lebst du morgen noch! - der innere Spötter.) Noch 42 Minuten bis zur Psychotherapie. Soll ich in den Höfen des Alten AKH herumgehen? Mit dem schweren Rucksack? (Selber schuld, was schleppst du auch den REM-Ziegel mit dir herum – der innere Spötter). 41 Minuten.


(20.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4428 Nun denn

 




0:00.  Genau Mitternacht, als ich zu schreiben beginne und deswegen – wie schon längst angewöhnt – auf die Uhr schaue. Ein neuer Tag also. Es ist still. Außen still, innen laut: da surrt’s, singt’s, brummt’s, heult’s, vibriert’s, …

Mir fallen die Augen zu. Nun denn …


(20.4.2026)


©Peter Alois Rumpf   April  2026 peteraloisrumpf@gmail.com

4427 Die Sonne im Nacken

 



12:00.  Der Sommer ist (jetzt) da, ich sitze jedoch drinnen, mit der Sonne im Nacken. Das heißt: im Katscheli. An der Wand drüben die Barlampe, mit doppelspiraligem Glühteil in der runden Glasbirne. Ich habe nach dem Lesen den Standard schlecht in die Zeitungshalterung an der Wand gesteckt und korrigiere das nun. Jazzige Querflötenmusik aus den Boxen. Ich bin hier, um mit der REMbox anzugeben, nicht nur wegen des Kaffees. Ich finde meine Angeberei lächerlich und unreif, kann sie jedoch kaum verhindern. Oder ist das eh normal, dass man herzeigen will, worauf man stolz ist?

Wenn ich meine Wege gehe, schaue ich herum, ob ich jemanden sehe, den oder der die REMbox interessieren könnte, oder jemandem, dem oder der das Buch laut Liste zukommen soll (AutorInnen, Kulturmanager …). Das kommt mir selbst lächerlich und peinlich vor (als würden die alle ständig ausgerechnet hier umherrennen), aber das ist ein interessantes sozial-psychologisches Phänomen, das ich da an mir beobachte: denn vor diesem Buch war ich fast immer mit vor Scham über mein gescheitertes Berufsleben gesenktem Kopf unterwegs, und diese Dokumentation, in der auch Arbeiten von mir abgebildet und beschrieben sind, und so für überlieferungswürdig geachtet werden, hat bewirkt, dass ich öfters gehobenen Hauptes und mit offenem Blick meine Wege gehe. Erstaunlich, was das bisschen Resonanz – ich meine das bisschen nicht abwertend, ich meine das auf das Weltgeschehen bezogen – ausmacht. Ich bin sehr dankbar für dieses Buch und bedanke mich bei allen, die es gemacht, betrieben und gefördert haben.


(17.4.2026)


©Peter Alois Rumpf    April 2026    peteraloisrumpf@gmail.com