Donnerstag, 8. Januar 2026

4320 Naja

 



11:41 a.m.  Ich wollte beim Hergehen etwas schreiben und habe es vergessen. Immerhin bin ich dieser Angst am Morgen ausgekommen und habe es in mein Lieblingscafé geschafft. So, jetzt ist eine Zeitung frei. Pause.

Ende der Pause. Ich grinse bei einer zusammenphantasierten Szene still in mich hinein mit – wie ich glaube – leichten Spuren davon im Gesicht. Eine Fliege belästigt mich schon seit zwanzig Minuten, indem sie meinen Kopf umkreist und sich immer wieder auf Gesicht und Ohren setzt. Auf der Hand stört sie mich nicht. Die große rote Kerze auf den drei Sockeln brennt heute nicht. Mein Lichtengel in der Nische. Schöne Musik. Happy 2026 mit einem Spiralschnörksel steht mit Kreide auf der Wandtafel. Was wollte ich aufschreiben? Es fällt mir immer noch nicht ein. Vielleicht ist diese Idee verloren wie alle die beruflichen Pläne meines Lebens, meine alten Texte, meine frühen Bilder, meine Hoffnungen und viele andere Schreibideen und nicht erhaltenen Resonanzen. Ist diese Drahtfigur dort in der Ecke – ich blicke von hier nicht frontal, sondern bloß extrem von der Seite drauf – ein iberischer Reiter auf einem Esel? Die Fliege kommt wieder, belästigt aber nur mein Notizbuch. Jetzt putzt sie sich sichtlich sorgfältig am Knöchel meines linken Zeigefingers. Der "iberische Reiter" entpuppt sich – ich bin hingegangen – als elegante Fünfzigerjahredame mit Hut an einem Fünfzigerjahre-Kaffeehaustischchen – alles aus Draht - mit – ich bin nochmals hingegangen – geschminkten Lippen – alles aus Draht - einer Flasche Wein am Tisch und ein Glas in der rechten Hand, das sie gerade hochhebt. Und – ich bin ein drittes Mal hingegangen – der Kellnerin ist es schon aufgefallen – sie trägt auch eine Sonnenbrille – aus Draht und Blech (photographisches Gedächtnis hat er nicht; zu viele eigengedünkelte Filter verstellen die Wahrnehmung und behindern die Erinnerung – der innere Spötter). Die junge, reale Dame am Nebentisch schreibt direkt in das Laptop. Ich bastle mir in meinem inneren Dialog (der eigentlich ein vor allem aus dem frühkindlichen Dialog entwickelter Monolog ist) ein Argument, eine Rechtfertigung für meine Handarbeit so etwa mit die Weisheit der Hand zurecht, ohne dass ich sie wirklich überzeugend finde. Ich bewundere und beneide selbstbewußte Menschen, die offensichtlich aufrecht durch die Welt gehen. Mit meinem dreimaligen Besuch der Ecke der Drahtfigur habe ich im Lokal schon ein wenig Aufmerksamkeit requiriert, ein Mann ein paar Tische weiter beobachtet mich. Das darf er. Solange es mich ein wenig geheimnisvoll macht, genieße ich das (hier fürchte ich keine Attacken des Pöbels. Darum bin ich so gerne hier). Ich schaue den Lichtengel an und mir kommen die Tränen. Sofort beuge ich mein Gesicht über das Notizbuch und gewinne schreibend (objektivierend, distanzierend, formulierend) wieder meine verdammte Fassung. Flügeln aus Licht.

Meine Schublade im Internet (www.dieschublade.blogspot.co.at) ist übrigens ein Trick, mit dem ich mich selbst überliste: wegen Schublade kann ich mir einreden, dass ich meine angezweifelten Texte bloß in meine – realiter nicht vorhandenen – Schublade am Schreibtisch – wie es sich für einen Paria gehört – zum Vergessen ablege, aber „unabsichtlich“ – also mit vergessener Absicht – veröffentliche ich sie doch und schicke sie in die Weite des Universums hinaus; auch wenn sie dort verloren gehen sollten, sind sie in der Welt. (Naja! Das gälte auch für das Papier in einer Schublade – der innere Spötter.)


(8.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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