Freitag, 2. Januar 2026

4315 Ausflug ins bessere Ich

 



11:59 a.m.  Der Zenit des Tages ist erreicht und ich sitze noch beim Kaffee. In meinem Lieblingslokal. Eine rote Kerze mit gelber Flamme brennt ruhig – und wenn sie sich bewegt, dann nur sachte – vor der hellblauen Wand gegenüber, zwischen dem Spiegel mit dem goldenen Gitter und der Tafel für mit Kreide angeschriebene Angebote – momentan leer – auf einem kleinen hockerartigen Ding, das aus binsenartigem Material zu sein scheint, das auf einem kleinen Holztischchen, schwarz, eher wie ein Schemel, steht, das seinerseits am linken Rand eines Wandbords ruht, das an seinem rechten Rand eine schöne Lampe stehen hat. Rechts davon, in der Fensternische, mein Lichtengel (für die, die davon noch nie gelesen haben – und das sind viele – erkläre ich es nocheinmal: eine schöne – wie übrigens alle Gegenstände hier schön sind, soweit das technisch geht – eine schöne Wandlampe also mit zwei Glühbirnen, die so zirka im 30-Grad-Winkel voneinander in jeweils andere Richtungen leuchten und Metalllampenschirme mit vielen ausgestanzen runden Löchern haben, und somit Lichtstrahlbündel aussenden, die von Schattenstreifen unterbrochen sind, wodurch ein Muster entsteht, das einer Darstellung von Flügeln sehr nahe kommt, noch dazu, wo durch die Stellung der Lampen und der Form der Schirme die „Lichtflügel“ in einem weiten Bogen nach oben drehen wie bei ausgebreiteten Flügeln zum Beispiel eines aufrecht stehenden und nach vorne zu mir her blickenden Engels).

Irgendwie fetzt’s heute noch nicht. Wahrscheinlich brauche ich einen zweiten Cappuccino. Außerdem füllt sich das Lokal. Ich erinnere mich an die Platanen draußen vor der Tür und werfe einen kurzen Blick hinaus auf den Stamm mit den schönen Rinden der einen Platane und auf die vertrockneten, ja, hässlichen Blätter (ich schreibe das ungern her) – vertrocknetes Grün und absterbendes Braun, als könnten sich die Blätter nicht entscheiden, ob sie sterben oder weiterleben wollen (ich versteh schon! Die Platane weiß, was sie tut, und hat ihre Gründe für ihr Vorgehen, für ihr Winterprogramm, von dem ich keine Ahnung habe). Zwei Gäste setzen sich an den Nebentisch, legen ihr Gewand ab, dann packen sie alles zusammen und gehen in den hinteren Raum, der – keine Ahnung, warum – SchaumRaum heißt. Mein Eigendünkel will diesen Platzwechsel unbedingt mit mir in Verbindung bringen und so frag ich mich, ob ich beim Zunicken irgendetwas falsch gemacht habe, oder so grauslich ausschaue, oder ob ich stinke (ja, der Eigendünkel ist ein Hund! Manchmal kommt er so, manchmal so). Ein Mann am „Solipsistentisch“ – das ist der im Schatten der Bar an ihrer Krümmung – liest ein Buch. Vom Layout her tät ich sagen: Verlag DTV. Für Genaueres sitzt er zu weit weg (beim Zahlen dann recherchiert: Das Foucaultsche Pendel).

Meine Schritteapp schreibt mir: „Du erschaffst ein besseres Ich! Hör nicht auf, weiterzugehen!“ Ich hatte zunächst gelesen: „ein besseres Licht“ – was mir eindeutig besser gefiele. Durch Gehen ein besseres Licht erzeugen! Wunderbar! (Das mit den Rufzeichen ist auch so eine Sache! - aber dazu vielleicht ein andermal!) Es wird voll hier. Ich bekomme schon das unvermeidliche Schuldgefühl, weil ich nicht speise, sondern bloß Kaffee konsumiere (wiewohl ich nicht der einzige bin, der nur Kaffee trinkt). Ein Hund bellt. Soll ich ausnahmsweise das zweite Schnittenstück, das zum Kaffee serviert wird, essen? Der überzuckerte scharfe Nachgeschmack ist nicht gut. Ich lasse es. Es kommen noch mehr Leute herein, die vergeblich einen Platz suchen. Ich beginne, fanatischer und schneller zu schreiben. Ich bin nicht er Einzige, der bloß Kaffee trinkt, aber bin ich der Einzige mit Schuldgefühlen? Das würde mich wirklich interessieren. Eine Fliege trinkt von meinem Kaffee respektive schlabbert Kaffeeschaum vom Rand der Tasse; genau dort, wo ich meine Lippen ansetze. Automatisch verjage ich sie ohne nachzudenken. Der innere Stress wird unerträglich. Ich werde schnell austrinken und abhauen. Mein Zeichenzeug habe ich ganz umsonst mitgenommen. Nachdem ich vom Platz aufgestanden bin, mache ich noch das ältere Paar, das da herumsteht, auf den freigewordenen Platz aufmerksam.


13:11.  Ich erhole mich bei Barbara Kapustas Giants und ihrem schönen Video in der Nebenkammer, das mich fast immer zum Heulen bringen will mit seinen metallenen Objekten, die sich berühren, zerstören und … ja, was eigentlich? Diese Leere des Gegenständlichen, das Bewegen und Zittern und Zerfließen und Zerspringen des an sich toten Materials. Dazu diese verhallte, singsangende Stimme (wo ich kein Wort verstehe, weil Englisch) und die elektronische, sphärenanklingende Begleitmusik. Es wirkt fast lebendig, ist es aber nicht. Es wirkt fast, als hätten diese Gegenstände Gefühle, Absichten, Gedanken, haben sie aber nicht. Es ist so traurig! Irgendwie scheint sich da meine Traurigkeit wiederzuerkennen. Das Wort toxic im Sprechgesang verstehe ich. So deep. Pieces. Parts. Effection. My body next to your body. So much sense. Seems so. (Alles ohne Gewähr!) Ich gehe wieder hinaus zu den Giants, die da am Boden herumstehen und liegen, und zur ornamentisierten, unleserlich gewordenen Schrift. Eine Familie mit zwei Kindern kommt herein. Der kleinere Bub im Buggy – wohl noch ein Baby – ruft immer wieder Äh! - scharf und pointiert. Das etwas größere Mädchen krabbelt aus seinem Buggy, geht um die Giants herum und legt sich dann wie der liegende Giant auf den Boden, dreht sich auf den Rücken und versucht anscheinend, dessen Haltung nachzustellen. Mir aber kommen vor Rührung echt die Tränen (haben wir nicht alle versucht, die Haltungen der „Riesen“ nachzuspielen? Diese hier sind aber nicht lebendig, sondern tot und kalt). Bevor ich richtig losheule, fahre ich mit dem Lift in den 4. Stock, steige die Stiegen in den 5. hinauf und gehe aufs Klo. Nachher richte ich mir meinen Gürtel – übrigens mit einer Schnalle, die mit dem österreichischen Bundesadler geschmückt ist – und gehe in den 4. Stock hinunter und setze mich – wie schon oft – vor Giacomettis Femme debout III in gehörigem Abstand. Eigentlich bin ich jetzt fertig und könnte nach Hause. Gehen? Fahren? Ich weiß noch nicht. An und für sich pausiert mein Gehprogramm. Ich nehme noch meine Zeichensachen heraus und kritzle ein wenig herum.


(2.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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