4307 Zu spät
0:51 a.m. Heute (kalendarisch eigentlich gestern, aber für mich ist der Tag zu Ende, wenn ich mich zum Schlaf lege). Heute also bin ich durch das nebelgraue Wien gewandert; auf dem Weg zur Psychotherapie, den ich fast immer zu Fuß absolviere. Und weil ich noch Zeit hatte, bin ich kleine Umwege gegangen. Es ist ja so, dass in den letzten Tagen und Wochen mein depressives Grundwasser wieder höher gestiegen zu sein scheint, denn ich halte zur Zeit nicht viel von mir und meiner Schreiberei zum Beispiel, und fühle mich lebensuntüchtig und völlig weltfremd, und segle in resignativem Wind. Ich gehe also und komme an einer Baustelle vorbei, die wie üblich mit einem Zaun eingefasst ist, dessen Gitter mit – wie ich annehme – so einer Art Plastikfolie oder Plastiknetz überzogen sind, auf der der Name der Baufirma groß und deutlich prangt. Hradil oder Sedlacek oder anders – ich habe den Namen schon wieder vergessen – jedenfalls ein schöner slawischer Name tschechischer oder slowakischer Provenienz, wie ich vermute. Ich lese den Namen und könnte heulen: der Name des Firmeninhabers (oder des ehemaligen …) steht einfach da; der und sein Träger genieren sich nicht, stehen dazu, wissen, wer sie sind und was sie hier zu tun haben. Ich könnte vor Neid und Wut schreien. Aber nur kurz könnte ich das (und schon gar nicht wirklich). Dann sehe ich alles ein. Ich sehe ein, dass ich nichts wert bin, weil ich nicht weiß, wofür ich stehe – zum Beispiel – und nicht weiß, was ich hier zu tun habe. Hier auf Erden. Und jetzt ist es wohl zu spät. Jetzt muß ich diese unerträgliche Last, gescheitert zu sein, bis ans Lebensende aushalten. Und das will ich auch.
(16.12.2025)
©Peter Alois Rumpf Dezember 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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