Dienstag, 2. Dezember 2025

4294 Gampeli

 



16:17.  Mit den Kose- bis Spottnamen ist das bei uns so: vor Jahren hatte mein liebes Weib eine Frau aus dem Schwäbischen bei ihr in Ausbildung und als der Kurs zu Ende ging und es zum Verabschieden gekommen war, frug sie – meine Frau – was sie - ihre Azubi – jetzt machen werde und diese – auch schon etwas älter – antwortete: „Ich bleibe noch ein paar Tage in Wien“ - mit schwäbischem Akzent natürlich – „und werde mit meinem Männele die Stadt anschauen.“ Dieses Männele hat meiner Frau so gut gefallen (das Wort! Den Mann hat sie nie zu Gesicht bekommen, deshalb können wir dazu keine Aussage machen) und bald ist dieser Spottkosename auch auf mich gekommen und nicht allzu lange später habe auch ich begonnen, sie manchmal, manchmal aus Notwehr, mein Weibele zu rufen. Übrigens: wenn euch auffällt, dass ich meine Frau in meinen Texten nie beim Namen nenne, so stimmt das. Ich habe eine große Hemmung dagegen, obwohl mir meine Frau auch als eine blöde Floskel vorkommt, gar erst die beste Ehefrau von allen (© Ephraim Kishon), wo mir der Spott, den auch ich hege, zu offensichtlich wird. Die Scheu vor der Namensnennung scheint ein ganz archaischer Mechanismus zu sein – ich verweise auf das alte Lied Mit Lust tät ich ausreiten – sehr schön die Fassung von Ludwig Senfl (c1490-1543) – wo der Jäger im Wald drei Fräulein findet und zwei beim Namen nennt, aber das dritt hat keinen Namen, das soll des Jägers sein. Also hat der (Schürzen)Jäger Angst, den Namen zu verraten, weil in diesem magischen Denken den Namen zu wissen bedeutet, über die Person Macht zu bekommen (nicht ganz falsch, wenn wir bedenken, dass wir nur mit Dingen umgehen können, für die wir Namen und Begriff haben, das Namenlose kommt nicht in unsere Verfügbarkeit, solange wir keinen Begriff davon entwickeln). Wurscht! Sei’s drum! Der Jäger hat Angst, dass ihm wer sein (!) Fräulein wegnimmt, wenn der den Namen weiß. Zu dieser Macht-Namen-Sache verweise ich auch auf Rumpelstilzchen (keine blöden Scherze! Es heißt Rumpelstilzchen und nicht Rumpfelstilzchen!). So weit, so gut, oder was auch immer. In letzter Zeit ist mir dieses Männele – über das ich meistens durchaus lachen kann – manchmal in seiner Häufigkeit und alltäglichen Anwendung schon etwas auf die Nerven gegangen, weil ich mich dann manchmal doch verspottet vorgekommen bin – was einen in einer depressiven Phase oft übers Lachen raushelfen, aber einen sehr selten zwar, auch tiefer hineinstoßen kann. Ich stehe nicht an zuzugeben, dass es auch umgekehrt ironisch-spöttischen Ansagen an meine liebe Frau gibt, die im falschen Moment auch verletzend sein können.

Am verwichenen (©Telemax) Sonntag, bei unserer hustenden Textsuche, sind wir auf einen alten Text von mir gestoßen, wo die Frau ihren Mann mein Gampeli nennt. Keine Ahnung, wo ich das her hatte, ob ich es gehört oder gelesen hatte oder gar geträumt. Seitdem werde ich manchmal auch so bezeichnet. Assoziieren tu ich damit ein altes Schweizer oder Vorarlberger Volkslied, das ich wohl im Musikunterricht meiner Gymnasialzeit kennengelernt hatte. Nur diese Zeilen sind mir hängen geblieben – und man/frau möge meine fehlerhafte Ausdrucksweise des Alemannischen und dessen schlechte Verschriftlichung verzeihen: „… laß das Gambele go, das Gambele wir dir scho vergo“. So singt die Frau zum Mann, der anscheinend einen Hang zum Aussigrasn hat. Ich verweise auch auf Englisch gamble, hier wohl im Sinne von blöd herumspielen oder so ähnlich.

Gampeli. Fragt sich nur, was meine Angetraute – auch so ein blöder Ausdruck – mir damit sagen will?

Ich habe nachgeschaut: das Volkslied ist eh das bekannte Schweizer Vo Luzern uf Wäggis zue und die Zeilen lauten: maidele, lass das gambele go, s’Gambele wird dir schon vergoh. Klar, das hätte ich mir denken können, dass das keine Frau zum Mann, sondern in strikter patriarchalischer Manier eine anscheinend lebenslustige, junge Frau bedroht und eingeschüchtert werden soll. Womit wir unabsichtlich aber passend beim aktuellen Thema Femizide gelandet sind. In Gewissenserforschung nachzuprüfen hätte ich noch, warum ich es andersherum abgespeichert hatte.


Liebe Leute, ich muß euch wohl enttäuschen; vielleicht habe ich „gambele“ ganz falsch verstanden. Trotz Nachfrage bei meiner Schweizerischen Verwandtschaft väterlicher- und mütterlicherseits konnte mir niemand meine Vermutungen bestätigen. Sie alle kannten das Wort nicht. Etymologisch ist nur rauszufinden – zumindest für mich und meine bescheidenen Mitteln – dass es etwas mit wackelig gehen, wackeln zu tun haben könnte – meine Schweizer Cousine Claudia hat auch scherzhaft vorgeschlagen, es mit dem hüftschwingenden Gang in Verbindung zu bringen. Oder doch damit, in Gefahr zu sein, in der Treue schwankend zu werden. Wie auch immer: meine Annahmen stehen auf wackeligen Beinen.


Und noch schlimmer: ich mußte bei einer Kontrolle feststellen: in meinem alten Text steht eindeutig Gimpeli! Auch das noch! Alles fürn Hugo! Beziehungsweise fürn Gimpel, der auch Dompfaff genannt wird. Womit wir bei meinem Theologiestudium wären, assoziativ.


(1.12.2025)


Nachtrag: Nach meinem Ruf in die Cloud des von mir täglich frequentierten Facebookes, mir beim Herausfinden der Bedeutung des Schweizer Wortes gambele zu helfen – schlichter gesagt: eine valide Übersetzung zu bekommen – hat mich der hilfsbereite, liebens- und ehrenwerte Herr Bossew auf eine Übersetzungsseite verwiesen – ich selber bin zu blöd, soetwas zu finden – wo gambele mit spielen, wetten, zocken übersetzt wird. Ich gehe davon aus, dass damals bei der Entstehung der vierten Strophe des Liedes es in Luzern nicht üblich war, das Mädchen (maidele) beim Zocken Haus und Hof verspielen konnten – in Ermangelung solcher Besitztümer und des entsprechenden rechtlichen Statuses – deswegen komme ich wieder auf meine Theorie vom Herumspielen bei einer von einem Typen ausgehenden Anbandelung. Vielleicht will sie einen anderen, vielleicht will sie sich noch (?) nicht wirklich binden, vielleicht glaubt er, sie gehöre ihm, aber sie windet sich noch (?) unter diesem Übergriff, hat andere Pläne, zaudert, kann nicht klar nein sagen, oder – auch das wäre möglich – führt den Gimpel ein wenig an der Nase herum und verhält sich, was die patriarchalische Männerwelt abwertend als zickig bezeichnet, (also das Gambele (noch) nicht auf die eingeforderte Treue bezogen, sondern auf ein Verhalten, das Zeit gewinnen will, oder einfach selbstbewußt – auch das ist möglich – den Gimpel schlicht und einfach verarschen will. Was weiß ich, ich war ja nicht dabei. Und die Drohung (s’Gambele wird dir scho vergoh!) wäre dann – um es östereichisch-rustikal zu zitieren – Dirndl, die pfeifn, und Hendln, die krahn, soi ma am besten den Hois umdrahn! Ich scheiß auf solche Traditionen und eine solche Volkskultur!


Übrigens: um das nochmals zu überprüfen habe ich diese Übersetzungsseite wieder und dann mehrmals befragt; die (vermutlich) KI hat als Übersetzung vorgeschlagen: "Gabel, Wurf, Schinken, Wurst, Fleisch, Glibber, Zappel, springen, Zähne, wackelig, unsicher, Gelenke, Bein, Fuss (sic!), spielen, wetten, verdrehen, verheddern, schlampen, Unordnung …" da habe ich dann aufgehört.


(3.12.2025)


©Peter Alois Rumpf Dezember 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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