4336 Supertiming
11:16 a.m. Ein Einhorn auf der Kreidetafel schickt Bussis (eigentlich nur eines – der innere Korrektor), daneben neu eine riesen rote Katze aus Holz. Der Lichtengel wird von einer Pflanze – der Name fällt mir nicht ein, obwohl ich mehrere davon zu Hause betreue – am Rande schon anüberwuchert. Liebe LeserInnen, ist euch das schon zu fad? Mir nicht, ich erlebe es ja richtig und jedesmal von Neuem mit kleinen Veränderungen. Tja, die schöne Lokalmusik aus den Boxen (mein Gott! Wo wird sie denn sonst herkommen! - der innere Spötter). Die rote Katze mit dem Blumenbauch (wenn ihr das überprüfen und kapieren wollt, müßt ihr herkommen!) verschreckt beinahe die Fünfzigerjahrephotos daneben. Vielleicht irritiert mich nur, dass die Katze so katzenstur zurückgafft. Ein schönes neues Objekt neben der Lampe auf dem Wandbord, das ich noch nicht einordnen kann. Ein Gefäß? (Nachtrag: eine Vase.) Der Mann mit der tiefen (versoffenen?) Stimme (versündige dich mit deinen Vorurteilen nicht an der Unschuldsvermutung! - der innere Korrektor) ist ein Auskenner, der sich sicherlich (Obacht! Siehe oben! - der innere Korrektor) überall auskennt. Trotzdem fühle ich mich hier nicht bedroht. Das schöne, neue Objekt könnte ein Behältnis sein (eine Vase, das hast du schon gesagt! - der innere Spötter). Mir fällt ein, dass meine „Toleranz“ nichts als Schwäche ist (das muß nicht so sein! Echte Toleranz kommt aus innerer Stärke – der innere Wichtigtuer). Aber jetzt gehe ich dem nicht nach; ich will mir den schönen Tag nicht verderben. Es ist, wie es ist! (Jetzt will er wieder auf abgeklärt machen - zu spät oder zu früh – der innere Spötter.) Nun, in dieser meiner unterstellten Sicherheit hier denke ich an den Tod. Was wäre, wenn ich heute sterben würde? Sagen wir: am Abend (er will seine noch nicht eingetippten Texte der Welt nicht vorenthalten und sie noch rechtzeitig auf die Schublade stellen. Außerdem wäre es ein Supertiming, um 11:40 a.m. den eigenen Tod zu „meditieren“ und am Abend zu sterben und diese Koinzidenz wäre hieb- und stichfest dokumentiert! Fast schon wie ein echter Seher! - der innere Spötter). (Er kommt mit seiner „Meditation“ eh nicht weiter; sie stockt - der innere Spötter.) Zur Ablenkung zurück zur nun dominanten roten Katze. Ich muß mich erst an ihren Anblick gewöhnen. Die Musik aus den Boxen wird gerade besonders schön. So ein schönes einfaches Lied (vielleicht irisch?) mit sanfter Instrumentalbegleitung. Sonntagsanzug steht auf einer Tafel ganz oben auf dem obersten Bord an der von mir aus linken Wand der Bar, das gleichzeitig die Blende der Beleuchtungsleiste ist. Durch eine aus emotionaler Erregung bei der Korrektur des soeben Geschriebenen plötzlich unwillkürlich auszuckende Handbewegung meiner - damals erzwungenen – rechten Schreibhand rutscht mir der Pilotstift aus den Fingern und fliegt dem am Nebentisch sitzenden Mann an den Hintern und bleibt fast ganz darunter liegen. Er erschrickt und ich entschuldige mich (sich entschuldigen wäre auch eine Abhandlung wert! Aber hier passt’s schon!). Die zwei am Nebentisch schreiben auch, aber in ihre Laptops (fühlt er sich wegen seiner handschreibenden Zurückgebliebenheit clamheimlich überlegen? - der innere Spötter). Ich habe soeben die Tagtraum-Phantasie, dass „das Rehlein“ aus der BlueBox von vor 40 Jahren hereinkommt (da war nichts! Und den Tod hat er jetzt schon vergessen – der innere Spötter). Pustekuchen mit der tiefen, philosophischen Ernsthaftigkeit (danke, Tschudo-Judo!). Das Leben ist schön. Der eine Barhocker an der Katzenwand gegenüber hat eine Spiraleinfassung für die interessant positionierten drei Metallbeine, der andere einfach einen einfassenden Ring über die vier klassisch angeordneten. Ist mir zum ersten mal aufgefallen. Wäre es nicht langsam Zeit, diesen Text absterben zu lassen? Ich betrachte noch das riesige Bild an der (Katzen)Wand. Eine klassisch italienische Hafengroßszene mit vielen historisch (Barock?) gekleideten Menschen und Zirkuselementen, aber unitalienisch sehr dezent, sparsam, zurückhaltend, farbenarm und vieles auslassend - im Gegensatz zu den mediterranen Erwartungen - gemalt. Ein klassisch frühmodernes Kunstthema, untypisch ausgeführt. Sicher 20. Jahrhundert; schätzungsweise Fünfzigerjahre (die hier optisch, aber nicht atmosphärisch sehr präsent sind). Der Kellner stolpert beinah über eine schräg gestellten Sessel am Nebentisch. Somit Zeit zum Aufbruch.
(20.1.2026)
©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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