Donnerstag, 15. Januar 2026

4331 Gefaßtes Gemüt

 



10:35 a.m.  Die Angst am Morgen muß etwas mit dem zu tun haben, was auf mich zukommt. Ich habe es heute genau beobachtet: ich wache unbefangen und angstfrei auf, weiß noch nichts, denke noch nichts, für ein paar Sekunden bleibt es so, aber dann setzt mein Denken ein – ich denke an den kommenden Tag zum Beispiel – und die Angst sucht mich wie ein Flächenbrand heim mit seinem Ausgangspunkt und Zentrum in der Leibesmitte (dabei weiß ich heute, was ich vorhabe). Obwohl es die Angst vor dem ist, was mich erwartet, muß sie aus der Vergangenheit stammen, denn sie setzt erst ein, wenn Alltagsbewußtsein und Denkapparat hochgefahren sind. Aus den Träumen und dem dort Erlebten scheint sie nicht zu kommen (was ich auch als Möglichkeit erwogen habe; aber heute scheint das eben nicht der Fall zu sein). Es ist nackte Lebensangst. Vermutlich sowohl die Angst vor als auch um das Leben (erstere scheint in dieser Phase stärker zu sein). Näher komme ich nicht heran. Die Angst überfällt mich schlagartig in dem Moment, an dem ich mich erinnere, wer oder was ich bin. Wichtig ist, dass es aber im Aufwachen eine kurze, nur ein paar Sekunden lange Phase gibt, wo ich einfach nur existiere, ohne die ganze Last der verfestigten Vergangenheit, er unerträglichen Erinnerungen und der daraus gefilterten panischen Befürchtungen. Aus irgendeinem Warnsignal wegen irgendeiner rein körperlichen Fehlfunktion scheint sie nicht zu kommen, denn dann müßte sie gleich beim Aufwachen da sein, oder?

Ich hatte heute vor, gleich nach dem Aufwachen aufzustehen, zu frühstücken und in die Albertina zu wandern, aber diese Attacke und die damit einhergehende leichtere Übelkeit haben mich dazu gebracht, mich wieder ins Bett zu hocken, gut zuzudecken und abzuwarten, bis meine Seele ins Gleichgewicht gekommen ist, sich mein Geist beruhigt und mein Körper entspannt hat. Und obwohl mir mein innerer Ankläger – der ist eben auch schon in Betrieb – vorwerfen will, dass ich faul bin, weiß ich, dass es besser ist, erst mit gefaßtem (steht so in meinem alten Österreichischen Wörterbuch) Gemüt in die Welt hinaus zu gehen.


(15.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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