4327 Sinnfinden
Auf Facebook wurde mir heute ein Posting von Arne Tempel über Depression vorgeschlagen, das mich wirklich interessiert hat. Es wird dabei unter der Überschrift „Echt leben mit Depression“ für ein Hörbuch geworben, das ich nicht kenne, aber das tut hier nichts zur Sache. In diesem Text wird zuerst einer der typischen Sprüche zitiert, wie sie ein Depressiver, eine Depressive oft zu hören bekommt, um zu zeigen, wie wenig hilfreich die sind: „Du musst nur einen Sinn im Leben finden!“ wird zitiert und dann kommt der Text, der die Sinnlosigkeit dieses Spruches aufdeckt. Ich zitiere Arne Tempel: „Sinn bei Depressionen finden ist wie Schätze zu suchen in einem brennenden Haus. Theoretisch sind sie da, praktisch bin ich zu sehr mit Überleben beschäftigt.“ (Betonung durch Fettdruck von Arne Tempel)
Das hat mich sofort angesprochen, denn genau das wurde mir zum Beispiel von meiner Schwester mit einem Franklzitat gewürzt gesagt. Und mit dem Verweis, wenn sogar Menschen im KZ einen Sinn finden können, so habe ich kein Recht, verzweifelt zu sein. Erstens: vom Sinnfinden im KZ können nur die Überlebenden berichten, die Toten können ihre Geschichte nicht erzählen; die Toten haben keine Stimme. Zweitens: warum soll nur ich mich mit den Menschen im KZ vergleichen, aber die mir meine Depression vorwerfen, vergleichen sich selbst nicht mit ihnen. Und - das ist jetzt geradezu gefährlich, das zu sagen und steht mir nicht zu: zum Überleben im KZ (oder Gulag etc) gehörte nicht nur Glück, sondern oft auch die Bereitschaft, zum Beispiel sich selbst von der Todesliste nehmen zu lassen und einen anderen draufzuschreiben, der anstatt meiner in den Tod geht (die Überlebensstrategien von diversen Gruppen der KZ-Häftlingsverwaltung, besonders die der Kommunisten). Alles verständlich! Aber Vorsicht damit, dies zu einem allgemeinen Prinzip zu machen!
Ich versuche es nochmals anders zu sagen: wenn jemand mit Depression oder ohne Selbstwertgefühl ins KZ (oder Gulag etc.) gekommen ist, hatte er/sie vermutlich wenig bis keine Überlebenschance. Mag schon sein, dass bei dem einen/der anderen der Schock eine seelische Verschiebung, die eine Umorientierung bewirken konnte, ausgelöst hat, aber der Normalfall – wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von „normal“ reden kann - wird das - so vermute ich - nicht gewesen sein. Bei den Überlebenden vermute ich eher, dass sie keine depressive Anlagen hatten und so auch keine von Depression verformte Abläufe im Gehirn, die ihnen ihre Wertlosigkeit täglich vorsagen, was natürlich nicht heißt, dass sie dort nicht völlig verzweifelt waren und dann lebenslang mit ihren Erfahrungen schwer zu kämpfen hatten. Wenn meine Vermutung jedoch stimmt, dann geben die Botschaften der nicht-depressiven Überlebenden für uns Depressive nicht allzuviel her, denn wir glauben ja tendenziell, was uns unserer fremdgesteuerter innerer Monolog vorspricht, nämlich dass uns Überleben nicht zusteht.
(12.1.2026)
©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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