Mittwoch, 14. Januar 2026

4330 Vermutungen

 



9:29 a.m.  Ich hab’ solche Angst! Keine Sorge, ich komme damit zurecht. Ich schreibe das her, weil ich sie begreifen will. Was ist das für eine Angst? Was will sie mir sagen? Wo kommt sie her? Auf den ersten Blick scheint sie mir aus dem Nichts zu kommen, was doch nicht sein kann. Ich wache auf, der neue Tag liegt unschuldig, frisch und unbeschrieben vor mir ausgebreitet und ich springe nicht fröhlich, neugierig auf die neuen Erfahrungen, die da warten, auf, sondern bekomme richtig Angst. Vor dem, was da auf mich zu kommt? Vor der Leere, weil ich noch keine Pläne und Vorgaben habe? Mir ist fast schlecht vor Angst. Sie sitzt anscheinend sehr tief. Es wird wohl etwas sehr altes sein, das sie aktiviert. Aber was löst die Angst hier und jetzt aus? Ich komme nicht näher heran. Der Eindruck, als säße sie im Gedärm. Ich will dahinterkommen, deshalb verharre ich ruhig, um sie nicht durch Aktivitäten zu verscheuchen. Ich will sie begreifen. "Konzentriere dich mehr auf die Angst als auf das Schreiben", sage ich mir. Kommt sie aus meiner Säuglingszeit, als ich unter einem Magenpförtnerkrampf litt und die Nahrung schwallartig rauskotzte? Sozusagen eine uralte Angst vorm Verhungern? (Medizinischer Name: Pylorospasmus. Tritt fast nur bei West- und Nordeuropäern auf (1:300), kaum in Asien, nicht in Afrika. Fünfmal so oft bei Buben als bei Mädchen, bevorzugt bei den erstgeborenen Söhnen; der Säugling ist unterernährt – Wikipedia) Klingt plausibel, aber ich spüre es nicht eindeutig. Und wenn ja, was triggert sie jetzt? (Ich muß mich ja auch fragen, ob meine Einfälle und Assoziationen dazu die Angst wirklich beschreiben und so näher bringen, oder ob sie sie eher verschleiern und verdecken.) Und wenn diese Pylorospasmus-Vermutung stimmt, was hat damals als Säugling diese Panik ausgelöst, dass mein Körperchen so reagiert hat und nicht entspannt Nahrung aufnehmen konnte? Nochmals: was löst heute diese morgendliche Panik aus? (Mit der ich schon zu Rande komme, keine Sorge!) Es muß ja auch heute einen Auslöser geben. Ich lege das Schreibzeug weg, schließe die Augen und versuche, nach innen zu spüren. Ich bekomme die Angst kaum noch zu fassen, aber ihr Zentrum scheint wirklich im Gedärm zu sitzen, etwas links von der Leibesmitte. Oder vermische ich dabei zwei völlig verschiedene Abläufe? Es bleibt so unklar. Ich komme auf keine stimmigen Einsichten und auf keine einleuchtenden Erkenntnisse. Ich habe die Angst mit meiner Schreiberei schon fast zur Gänze vertrieben. Schade eigentlich; ich hätte ihre Geschichte gerne kennengelernt.

Ich lege das Schreibzeug weg, drehe die Lampe ab und bleibe noch im Bett. Meine Gedanken wandern umher und bleiben bei der alten Unterernährung (der Arzt hatte meiner von ihm als hysterisch eingeschätzten Mutter die Schilderungen meiner Zustände nicht geglaubt, bis ich ihn ordentlich angekotzt habe. Wie lange das so unbehandelt geblieben ist, weiß ich nicht) hängen. Da wird mir bewußt, dass ich jetzt keinen Hunger habe, sondern beim Gedanken ans Frühstücksbreichen eher so etwas wie Ekel. Als ich jedoch später aufgestanden bin, als die Angst völlig abgeklungen war, habe ich den Brei mit Appetit gegessen. Ich habe immer noch nicht richtig verstanden. (Oder will es nicht zugeben - der innere Spötter.)


(14.1.2026)


©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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