4333 Calidum aerem
14:00 (exakt). In einem typischen Wiener Kaffeehaus. Einen sehr speziellen Sitzplatz habe ich mir ausgesucht. Der Kaffee passt. Was den Sitzplatz betrifft: auf der linken Seite des Einpersonentisches ist die gepolsterte Holzwand der Eingangsschleuse, rechts ein gepolsteter Wulst, der meinen Platz vom nächsten gleich um die runde Ecke ein wenig distanziert und räumlich abhebt. Somit ein wenig ein Polstersesselfeeling. Die vielen alten Herren hier – ich meine die Gäste – sind sehr freundlich, schauen einen beim Hereinkommen mit freundlicher Neugier an – einige dürfte verabredet sein – und sprechen einen gleich supportend an (suchen Sie einen Platz? Der wird gleich frei! Suchen Sie jemanden?). Ich vermute schon viel pensioniertes Mittel- bis Großbürgertum (groß für meine Verhältnisse) und anscheinend nehmen sie mich Eintretenden als Ihresgleichen wahr. Wenn die wüßten! Meine Maske wirkt! - zumindest für die ersten Sekunden.
Über die Kellner - gegenüber Kellnern und Obern in traditionellen Wiener Kaffeehäusern bin ich von vornherein so mißtrauisch und abwehrend vorsichtig eingestellt – will ich nichts sagen. Wegen meines notorischen schlechten Gewissens, wenn ich nur Kaffee trinke – diesmal und hier um der Tradition meine Referenz zu erweisen: Mélange – und obwohl es sich um ein richtiges Kaffeehaus handelt - aber mit einem Mittagsmenueangebot – habe ich – als typisch österreichischer fauler Kompromiss – auch Frankfurter Würsteln bestellt und schon gierig verschlungen. Jetzt werde ich mich den Zeitungen widmen; von denen gibt es hier eine ganze Menge und die ganze Palette.
15:00 (exakt). Lektüre inklusive Kleine Zeitung/Graz. Anscheinend keine Toten im Bezirk Liezen (also keine, deren Familien in der Kl.Z. patentieren), aber mein Familienname in einem anderen Bezirk (da tut er jetzt so umständlich herum; offensichtlich hat er schon ein abergläubisches Verhältnis zum Tod – der innere Spötter).
Es ist schon lustig hier (ich bin ja erst mit ausgeglichener Psyche losgegangen) und ich gehe hier auch nicht unter. Aber jetzt reicht es langsam; ich werde meine dritte Mélange noch gemütlich austrinken und dann schrittzählend nach Hause wandern. Es ist schon gut, dass ich heute hier eingekehrt bin. Letzte Beobachtung: es ist wirklich der Eifer, der die Menschen verrät. Und weil ich vorm Verlassen des Lokals noch aufs Klo gehen mußte, schreibe ich das noch her, damit es ein für alle Mal dokumentiert ist:
Wenn ich mich morgens ankleide - und dabei kann es schon auf Mittag zugehen – kommt zuerst eine kurze Unterhose. Dann ein T-Shirt – in letzter Zeit sogar aus meiner geliebten Sammlung derer mit den schönen Sprüchen aus Eigenbau – darüber jetzt im Winter eine lange Unterhose – die aktuelle ist teilweise zerrissen – dann Socken und Stutzen – beziehungsweise etwas ähnliches (also gut: die „Stutzen“ sind in Wahrheit viel zu große Socken, die mir fast bis ans Knie reichen und deren Fersen irgendwo in einer Gegend am Unterschenkel ankommen), dann ein Hemd, dann die Jeans, dann mein Bauchtascherl mit Handy (seit ich die Schritte zählen lasse), darüber ein Pullover und so weiter. Wenn ich jedoch wie soeben in einem Lokal pinkeln muß, und dabei das Pissoir benutze (interessant, dass die französische Endung ein ansonsten als vulgär empfundenes Wort bis zur Unproblematikkeit veredeln kann) (Wenn schon, denn schon! – wenn man mit der neuen Rechtschreibung keine Konsonanten weglassen darf, dann auch hier nicht), also das Pissoir benutze – Sitzbrunzer bin ich eh zu Hause und im Lokal will ich die einzige Scheißkabine nicht für mein kleines Geschäft blockieren – ist es gar nicht so leicht, durch alle diese Schichten bis zum Pimperl vorzudringen: Bauchtascherl wegschieben oder ablegen (wo?), Hosenschlitz Jeans auf, erstes Hemd hochschieben, lange Unterhose: Schlitz oder runterziehen? T-Shirt hochziehen, kurze Unterhose (die aktuelle ohne Schlitz) runterziehen. Eine echte Herausforderung wenn es dringend ist und man sich dauernd vernestelt, weil die Finger ja nicht wissen, ob sie den Stoff des T-Shirts (hochziehen!) oder den Stoff der Unterhose zum Beispiel (runterziehen!) erwischt haben. Nur, damit das auch einmal dokumentiert ist.
Die von der Albertina mitgebrachte Kunstkarte (Anonym, Das heilige Herz, vor 1470) habe ich über The Sun von Matthew Wong, 2016, an die Wand getackert, wobei ich mich beim Heruntersteigen vom Bett, das ich besteigen mußte, um die angepeilte Stelle für das neue Bildchen zu erreichen, verstolpert und einen meiner abgelegten Schlapfen am verrutschten Teppich unabsichtlich regelrecht umgeschleudert habe, sodass er mit der Sohle nach oben zu liegen gekommen ist. (Laut Internet-Übersetzer soll Dampfplauderer auf Latein calidum aerem heißen. Ich glaub's nicht so recht.)
(15.1.2026)
©Peter Alois Rumpf Jänner 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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