Donnerstag, 3. April 2025

4017 Boulevard St. Lassalle

 



13:45.  Ich sitze in meinem Lieblingslokal und mir fällt immer noch nichts ein. Dafür darf ich einer analogen Kussszene drei Tische weiter bei- … -wohnen wäre übertrieben: beisitzen. Inzwischen war ich am Klo und jetzt fließen da drüben weibliche Tränen und er, er schaut ernst, streng und finster drein. Übrigens: heute bin ich schon weit von hier die Lasallestraße zum Praterstern gegangen: eigentlich ein herrlicher Boulevard: breit, offen, sonnig, großzügige Trottoirs, Bäume, aber keine Cafés, keine Buchläden, kein kleingeschäftliches Leben, zumindest nicht auf ihrer linken Seite, wenn man rechts Richtung Praterstern geht. Kein Boulevard Saint-Lasalle.

Das Lokaltelephon läutet. Mich hebt es nach zwei Cappuccini fast aus, aber ich kann es nicht lassen. Meine Schreiberei „feiert“ die Welt als unergründliches Chaos, nur weil ich zu faul bin, die unter der Oberfläche wirkenden Muster zu erkennen. Selber sind mir bei Fifty Ways To Leave Your Lover die Tränen gekommen; mit ins Notizbuch gesenktem Kopf kaschiert. Jetzt wird aus den Boxen der Sheriff erschossen. Heute ist herinnen nicht allzu viel Andrang, wodurch ich kein schlechtes Gewissen habe, nur bei Kaffee den Platz seit Stunden zu versitzen. Stunden klingt vielleicht übertrieben, aber zwei Stunden könnten es doch sein. Ich bewege gekonnt meinen Kopf, um meinen Nacken zu lockern; alles nur Show, obwohl mein Nacken tatsächlich zu Steifheit neigt. „No more pain, no more shame“ singt einer aus den Boxen (Michael Kiwanuka? - der Tipper). Mit aufgesetzt tiefsinnigem Gesicht starre ich in eine Ecke, deren Kleinarchitektur ich nicht entschlüsseln kann (ja, geschwollene Beschreibungen von Banalitäten liebt er; dabei sieht er nur schlecht in die Ecke und kann die Möbel dort nicht gut erkennen - der innere Spötter). (Es gibt nichts Banales! Alles ist eine Frage auf Leben und Tod! Alles! - der innere Korrektor.) Jetzt lasse ich meinen Blick in irgendwelchen komplexen, unaufgelösten Spiegelungen verfließen, versinken, verenden (das hat wiederum nichts mit dem Tod zu tun – der Blick, der in meinem Auge beginnt, endet einfach dort. Aus. - PAR). Jetzt ist im Lokal irgendein Schmäh gelaufen, den ich wegen meiner Scheinanwesenheit nicht mitgehört und nicht mitbekommen habe; vielleicht über mich? Weil die zwei Männer, die mit diesem Scherz das Lokal verlassen, mich dabei angeschaut haben? Eher nicht. Draußen geht das Lachen weiter. Mein innerer Aufbruchsalarm meldet sich; ich will aber noch bleiben (sonst komme ich wieder zur Abholzeit nach Hause). Drei Tische weiter wird nicht mehr geweint, sondern wieder geküsst. Es ist jetzt fast leer hier, was für mich auch sehr schön ist. Die Hausfassaden leuchten im natürlichen Licht der Sonne. Die Autos sausen möglichst unauffällig die Burggasse hinunter (er will damit sagen, dass von seiner Sitzposition aus hinter dem Schanigarten draußen nur die Dächer der vorbeifahrenden Autos zu sehen sind und wegen der Lokalmusik lautlos – der innere Kritiker und Aufdecker). Was ich mit meinem Restleben (er könnte auch Rumpfleben schreiben – der innere Spötter) noch wirklich anfangen will, weiß ich nicht wirklich. Mehr als den natürlichen Abgang zu verwalten, fällt mir nicht ein. Die ewige Scheiterei hat mir das Wasser abgegraben, das innere Feuer gelöscht, den Wind aus den Segeln genommen, meine Hoffnungen begraben. Stopp! Halt! Schluß! Genug davon! Dafür haben wir wirklich keine Zeit! (Selbst wenn du so gewissenhaft, eifrig und geflissentlich alle vier Elemente anrufst – ein solches Selbstmitleid geht nicht! - der innere Spötter) . Stopp! (Übrigens waren es im Endeffekt über vier Stunden im Lokal.)


(3.4.2025)


Peter Alois Rumpf April 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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