4009 Allzuviel sehe ich nicht
11:22 a.m. Ich sitze hinten in der Nische neben dem Eingang zum Herrenklo (im vorderen Raum war nichts frei). Dieser Platz hat ein paar Nachteile: betritt oder verläßt jemand die Toilette, weht der ekelhafte Duft dieser Pissoirsteine her; geht jemand vom Personal in das Lager hinunter, steigt ein typischer, muffiger Kellergeruch herauf; und vom kleinen Fenster hinter über mir zieht es kalt her. Trotzdem habe ich im schwach besetzten hinteren Gastraum diesen Platz gewählt, weil er einen Blick durch die zwei Räume auf die gläserne Eingangstüre und damit auf Gehsteig, Schanigarten und Straße zuläßt. Und solche Ausblicke und Durchblicke liebe ich.
Ich habe hier also gefrühstückt (Käse), Standard und Kleine Zeitung gelesen und jetzt schreibe ich. Ich bin der Älteste hier und somit befinde ich mich in einer vertrauten, heimeligen Fremdheit – wobei ich mich sowieso ständig jünger denke, als ich bin. Allzuviel sehe ich bei der Glastür nicht, denn der Ausschnitt ist nicht sehr groß, nur ab und zu geht jemand durch die Tür, oft verdeckt durch andere Gäste oder vorbeieilende Kellner und an den Kleiderhaken hängendes Gewand, aber das macht nichts: was ich liebe ist das Licht da draußen in der Welt; auch wenn es heute verhangen und grau ist, strahlt es herein.
11:57 a.m. Jetzt ist der Ausblick zur und durch die Glastür völlig frei, und wirklich – und so komisch das klingt – mein Herz freut sich und meine Seele lebt auf (ich muß ja nicht alles zur Gänze verstehen). Immer wieder tanzen nun Gestalten durch mein Blickfeld, soeben zum Beispiel hat eine Frau ihre Jacke aufgehängt und nicht bemerkt, dass ihre Jacke sogleich heruntergefallen ist. Warum erwähne ich diesmal nicht die Musik? Für diese sitze ich zu abseits; ich höre sie wie von weitem. Und nun, liebe Leserinnen und Leser, kommt das Schnitten-Kaffee-Wandlungsritual: das Brechen der Schnitte(nverpackung) über dem Cappuccino und deren andächtiger Verzehr. Die Musik wandelt sich von einem presleyähnlichen, amerikanischen Selbstmitleids-Solo-Singsang zu einem aufmunternden, einfachen, mehrstimmigen rhythmisierten (deshalb aufmunternden) Chor, aber das ist schon wieder vorbei. Jetzt klingt’s sinatraartig – wie schon gesagt: es klingt nach Amis – mit dem typischen, jaulenden Gegeige. Jetzt wird es poppiger (Sechzigerjahre Sprachgebrauch) und voller E-Gitarren, eher noch Rythm-and-Blues – das Ganze muß aber nicht von damals sein; ich erkenne die Stücke und die Interpreten nicht; es können auch Neuauflagen oder Retrokompositionen sein.
Meinen dritten Cappuccino habe ich gerade ausgetrunken und in mir meldet sich die Aufbruchsstimme; auch wenn ich die Vermutung habe, dahinter verbirgt sich nur mein ordinäres schlechte Gewissen ob meiner Prasserei (wenn ich einmal in die Grazer Autorinnen Autoren Versammlung aufgenommen sein werde, werde ich dies leichter als wenn schon nicht notwendige, dann doch förderliche Arbeitssituation verbuchen können - als Arbeitszeit sozusagen).
(25.3.2025)
Peter Alois Rumpf März 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite