4006 „Kritische Distanz“
8:34 a.m. Schnell noch hinuntergehen und die Sechzig-Grad-Wäsche in die Maschine, bevor die Tageskinder aus dem Augarten zurückkommen, denn ich bin noch im Pyjama und will mich dann nochmals ein wenig ins Bett legen. Oder hocken. Ein sonniger Tag zeichnet sich heute am Frühlingsbeginn ab, auch wenn die Nacht noch sehr kalt war. Das österreichische Justizsystem kann mir Korruption und Spionage nicht angemessen umgehen. Sonst noch was? Ich denke an meinen Vater, weil ich gestern zum ersten Mal seine Briefe aus dem Krieg an seine Eltern (er war da 19 Jahre alt), und vor allem den einen an seine Mutter zum Muttertag, noch vor seiner Verletzung, gelesen habe. Nebst den offiziellen Mitteilungen aus dem Lazarett, wo er – nur knapp dem Tod entkommen - schwer verwundet gelegen ist und noch nicht selbst schreiben konnte. Das beschäftigt mich seit gestern sehr, und meine Stimmung schwankt zwischen heulen wollen und dem Versuch zu so einer Art „kritische Distanz“, die mir äußerst windig, feig und unwürdig vorkommt. Von den Ereignissen wußte ich, aber noch nie habe ich dabei seine damalige Stimme „gehört“. Ich bin sehr aufgewühlt und richtig durcheinander.
Mein Blick fällt zufällig - oder weil sie in der Richtung hängen, wo ich von hier aus wegen meiner üblichen Kopfhaltung und Kopfausrichtung sozusagen automatisch hinschaue - auf Rettenschoess und Mali Lošinj, und schicke ihn dann absichtlich zur Riesneralm und nach Veli Lošinj, damit die nicht zu kurz kommen und das System ausgeglichen ist und Gerechtigkeit herrscht (hahaha, ich sag jetzt nichts – der innere Spötter). Der Holzrabe schaukelt im Aufwind über dem Heizkörper und ich frage mich, ob er mich auslacht (ich würde sagen: nein, denn seine Bewegungen sind sanft und bedächtig).
(20.3.2025)
Peter Alois Rumpf März 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite