Donnerstag, 3. April 2025

4016 Fast frei

 



17:53.  Ich setze mich fast notgedrungen an den Schreibtisch im Musikzimmer: seit mindestens zwei Wochen gibt es auf ZDF keine neuen SOKOs und kein Notruf Hafenkante, also weiß ich nicht mehr, was ich reinziehen könnte. Das Geblendet in Gaza von Aldous Huxley habe ich heute Vormittag „ausgelesen“ – wie man so schön sagt – und um mich auf ein neues Buch einzulassen, brauche ich eine Pause. Fatal übrigens: ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich den Roman vor nicht allzu langer Zeit schon gelesen hatte; alles weg! - was mir schon Sorgen macht – nur ab und zu eine schwache, unglaubwürdige Ahnung, dass diese oder jene Szene oder Beschreibung schon mal in meinem Bewußtsein war. Erst am Schluß war ich mir einigermaßen sicher, den Roman schon gelesen zu haben. Offensichtlich kann ich nicht erfassend lesen und mein Gedächtnis setzt offensichtlich zeitweise völlig aus. Also sitze ich nun am Schreibtisch – hauptsächlich weil ich ein schlechtes Gewissen – hauptsächlich meiner Frau gegenüber - habe, wenn ich gar nicht „arbeiten“ würde und nichts notieren – sitze da und will die Trümmer zusammenklauben. Eine Spinnwebe zieht sich vom Fenstergriff zum Fensterrahmen, der Impuls, das weg zu tun, ist da, aber hat keine Durchschlagskraft. So schaue ich auf den heller und stellenweise blau werdenden Himmel. Es sind sanfte Farben, das schwache Sonnengelb auf den hellen Wolken hat schon einen leicht rötlichen Stich. Zumindest kommt es mir so vor. Es ist schon eine große Müdigkeit in meinem Geist. An Flecken und Spiegelungen an oder hinter den Fenstern da drüben sehe ich obskure Gesichter, die sich schnell ändern. Ich stelle diesen Spuk ab. Das Sonnenlicht auf den Wolken ist wieder gelber geworden. Mein Geist ist nicht nur müde, er ist auch sehr traurig. Tapfer lächle ich dagegen an. Eine Stimme aus dem Nebenhaus kommt durch die Zimmerwand. Irgendwas mit „Morgen …“. Die Neunzehntes-Jahrhundert-Dekorationen an den Hausfassaden kommen mir wie in den Albträumen meiner Kindheit bedrohlich vor; irgendwann bricht aus ihnen Gewalttätigkeit hervor. Die industrielle Aneinanderreihung verstärkt das Gefühl. Ist das r nach einem Vokal – sowieso außer am Silbenbeginn und nach t, d, g, k, b, p - noch zu retten? Ich hab sicher irgendwas vergessen. Mein Verstand ist zu träge.

Der Himmel ist inzwischen fast frei.


(1.4.2025)


1:05 a.m. Na gut, dann nicht!


(2.4.2025)


Peter Alois Rumpf April 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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