Donnerstag, 27. März 2025

4011 Ich will heim

 



23:56.  Weil ich nichts zu sagen habe, kann ich so viel schreiben.


(26.3.2025)


11:23 a.m.  Und jetzt? Jetzt kann ich nichts schreiben, weil ich etwas zu sagen habe? Dabei habe ich gar nichts zu sagen. Ich bin in der Albertina herumgekreist und erschöpft. Die Bilder oder meine Augen konnten die Hülle aus leichter Übelkeit nicht durchdringen, sogar meine Lieblingsbilder sind nicht recht aufgegangen und haben mich ermüdet. Scheiß Fitnessstudio! Scheiß Astorvastatin! Auch die zwei Sphinxen, rechts von mir, wo ich jetzt raste – die eine auf meiner Seite des Ganges, die andere auf der drüberen – können mir nichts helfen und nichts raten. Es hätte mich auch gewundert, wie die aussehen! Ich will heim in mein Zimmer, auf mein Bett. Mir ist aber schlecht und ich muß noch rasten. Die Alltagswelt wankt. Die Menschen finde ich nicht anziehend. Mein Spiegelbild gegenüber: ein alter, zusammengekrümmter Mann mit idiotischer Kappe. Alles blau: Kappe, Sakko, Hose. Ich bekomme zu wenig Luft. Der akustische Andrang ist unangenehm; als würde jeder Laut meine elektrische Schutzhülle aufschlitzen können. Kein Mensch schaut so aus, dass eines Hoffnung haben könnte (für Vorbilder ist es sowieso schon längst zu spät – der innere Spötter). Ach Gott! Diese Sphinxen schaun so deppert drein, nichts von Weisheit, Weitsicht, Sehen oder Ähnliches; eine Visage wie irgendeine Neunzehntes-Jahrhundert-Tussi (das weißt du so genau? - der innere Spötter). Interessant, als jetzt wieder der innere Spötter aufgetaucht ist, ist meine Übelkeit zurückgegangen.
Jetzt bin ich umringt von Jugendlichen mit ihren Handys, die hier auch rasten wollen. Komisch, dass ich mich nicht richtig bedrängt fühle, nicht mehr als überhaupt. Ihre Sprache? Skandinavisch? Nein. Ein vorbeieilender alter Mann bleibt am Fuße der Treppe zwischen den Sphinxen stehen und starrt mich lange an. Ich bin bigott und fromm und tu so, als wäre das ganz normal. Dass die Jugendlichen immer so nuscheln und so undeutlich sprechen! Vielleicht auch Holländisch, Flämisch oder etwas in der Art. Aber sie reden nur in kurzen, verschluckten Halbsätzen und einzelnen Lauten. Wieder hat mich ein Mann – diesmal ein jüngerer – im Vorbeigehen angestarrt. Ich kann im Spiegel nichts Komisches an mir erkennen.
Ich komm nicht drauf, welche Sprache das ist. Doch eher eine skandinavische? Fragen tu ich nicht, also gebe ich auf. Ich werde als braves Kind in die frische Luft gehen. Vorher mußte ich noch die zwei Stockwerke per Treppe in die Toilette hinunter – eine kleine Herausforderung bei meinem leichten Schwindel – und außerdem mag ich keine überfüllten Toiletten und auch Pissoirs – auch wenn es hier eh Sichtschutz gegeben hat. Beim Hinausgehen ins Freie haben mich die gelben Streifen der Stufenmarkierung im Sonnenlicht fast umgeworfen und mir die Alltagswelt fast weggezogen. Aber jetzt, jetzt beruhige ich mich. Die kühle, windige Luft tut gut. Aber nur kurz. Dann quält eine Kreissäge mein Gehör und meine Seele. Jetzt schlagen die Uhren zwölf und läuten die Kirchenglocken Mittag. Das beruhigt mich wirklich. Ich muß nicht alleine die ganze Welt herrichten.


(27.3.2025)


Peter Alois Rumpf März 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite