2337 Im Wohnzimmer
Ich sitze auf der Wohnzimmercouch. Die ist für meinen von
der ständigen Sitzerei überstrapazierten Hintern angenehmer weil weicher als
der Küchensessel.
Die Tagis sind nun abgeholt und ich warte auf die
gattinverfügte (oder soll ich „göttinverfügte“ schreiben?) Supermarktlieferung.
Von links weht mich noch der Duft aus dem Windelkübel an. Von rechts aus dem
Nebenzimmer höre ich undeutlich meine großartige Frau und Piklerpädagogin ihre
Hospitantinnen „belehren“. Ein bißchen Spott kann ich mir aus Neid nicht
verkneifen. Und will es auch gar nicht. Schließlich ist das Belehren meine
Lieblingsbeschäftigung und meine Berufung und ich habe es verpasst, mir
rechtzeitig das nötige Umfeld zu schaffen und den richtigen Beruf dafür zu
ergreifen, sodaß ich ohne Publikum und ohne meinen Drang sinnvoll ausgelebt zu
haben, da auf der Couch sitze.
Ein sommerlicher Nachmittag; es geht auf halb vier. In mir
steigt die Erinnerung an einen solchen Sommernachmittag aus meiner Kindheit
auf: kein zu heißer Tag. Im Bereich unserer Buwog-Siedlung waren damals große
Betonteile, vermutlich für die Überbauung eines Baches, gelagert; große
Röhrensegmente, auch übereinander geschlichtet. Dort sind wir Kinder oft
herumgeklettert, abwechselnd war das Gebilde ein Schiff, ein Flugzeug, ein
Lastwagen, eine Burg ... An diesem einen Nachmittag, an den ich mich jetzt –
und in letzter Zeit öfters – erinnere, war ich allein dort. Ich bin ganz hinauf
geklettert und habe mich oben hingesetzt. Dort saß ich gern, aber mir war fad.
Der Wind hat in Böen hergeweht – so wie heute durchs offene Fenster – und an
mir herumgezerrt. Aus Langeweile ist meine Frustration immer stärker geworden
und immer unerträglicher. Gleichzeitig öffnete sich etwas und eine Ahnung wurde
sichtbar, dass es da irgendwo – wie ich heute weiß: in mir – ein ungeheures
Reservoir an Kraft und Intensität gibt, zu dem ich aber nicht und nicht
durchkomme. Ich spüre: es könnte alles ganz anders sein, aber ich finde den
Schlüssel nicht. Dieser Augenblick mit seiner Ahnung und Frustration hat sich
so tief in mir eingeprägt, dass ich ihn nie vergessen werde. Das Bild ist noch
vor mir, wenn auch undeutlich: ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, nicht, welche
Kleidung ich trug, wie lange ich gesessen bin, wie genau die Umgebung
ausgeschaut hat, wie viele Betonröhren gelagert waren, das alte Feuerwehrhaus
dürfte noch gestanden sein …
(20.7.2021)
©Peter Alois Rumpf Juli 2021
peteraloisrumpf@gmail.com
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