1368 Die Flüche der Toten
Nur kurz war ich unterwegs zum Paim (dreißig Minuten ist
kurz, oder?). Beim Antiquariat, wo ich an den heraußen stehenden Büchertischen
mit geschlossenen Augen vorbeigehen wollte - mir jedoch dann gedacht habe: kann
mir eh keine Bücher mehr leisten, also kann ich ja mit offenen Augen
vorbeigehen – bin ich erst recht hängen geblieben und habe mir von den fünfzig
Euro, die ich von meinem für den Zahnersatz reservierten – momentan trage ich
provisorisch - und somit zum zweitenmal geplünderten Sparguthaben, mit dem ich
mein überzogenes Konto ausgeglichen und mir eben diese fünfzig auf die Hand
auszahlen habe lassen, mit dem ich aber bis Monatsende auskommen wollte und
sollte, zwei tolle Bücher gekauft. Meine diesmonatige Pension hat nämlich nicht
ausgereicht, mein Konto ins Plus zu manövrieren, weil in den Mai fünf
Therapiestunden a siebzig Euro gefallen sind (bei einer Pension von nicht ganz
vierhundert Euro) und ich die Teilrefundierung durch die Krankenkasse noch
nicht erhalten habe. Ich habe also die Zukunft der Gegenwart geopfert – lieber
Zahnlücken als ohne Bücher (na und?! An irgendwas klammere ich mich halt auch
und auf der ganzen Welt gibt es Menschen mit sichtbaren Zahnlücken!)
Auch auf meine Kräutertees für Nieren, Leber, Herz, Prostata
möchte ich nicht verzichten – ich führe mein gesundes Blutbild trotz markanter
Medikamente auf diese Tees zurück – und ebenso will ich nicht auf die
Kaffeehausbesuche verzichten, solange es nur irgendwie geht. Wenn ich den
Vertrag zur Zahnprothese schon unterschrieben haben sollte, wie es in meinem
Hinterkopf herumgeistert, ja dann …
Nur: mit Geld für den Blumenschmuck am Grab meiner Eltern
ist es jetzt aus. Was gehen mich Gräber an! Ich will leben. Ich habe keine
Angst vor den Flüchen der Toten. (Warum auch? Die der Lebenden waren viel wirksamer und schlimmer.)
(3.6.2019)
©Peter Alois Rumpf
Juni 2019
peteraloisrumpf@gmail.com
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