Donnerstag, 24. April 2025

4032 Der Kellner mixt

 



13:14 a.m.  („ante meridiem“! Das hättest gern, dass du so früh unterwegs bist! - der innere Spötter) Ich sitze in meinem Lieblingscafé (Espresso Burggasse), habe trotz Knappheit und gegen jede Vernunft und trotz massiv schlechtem Gewissen vor allem meiner Frau gegenüber (damit das auch einmal klar und deutlich ausgesprochen ist: die so viel und hart arbeitet, um das Geld zu verdienen, von dem auch ich lebe – mein finanzieller Beitrag zur gemeinsamen Lebensführung ist so gut wie nicht vorhanden, weil ich neben meiner Psychotherapie mein Geld so verplempere), also trotz schlechtem Gewissen habe ich mit Genuß und Appetit das Breakfast d’anglais verzehrt und lese nun – nach Standard und Kleiner Zeitung – den Falter, bin seelisch etwas angeschlagen – weswegen ich ja hierher geflüchtet bin und mir Selbstverwöhnung erlaubt habe – und gerade in den lesenswerten Artikel über das R im Roten Wien von Armin Turnher vertieft, als aus den Boxen mitten unter der angenehmen und niveauvollen Hintergrundmusik ein mir – wie alles andere – unbekanntes Musikstück erklingt, das irgendetwas anderes hat, das sofort meine Seele berührt. Ich weiß nicht, was es ist, vielleicht der orientalische Orchestertouch, aber eindeutig zu dem gehörig, was ich im altertümlichen Sinn – das heißt wie in meiner Jugend: alles was nicht Klassik, Volksmusi, Operette, Schrammel, Rock’n Roll et cetera, aber modern ist – „Popmusik“ nenne, und gleich füllen sich meine Augen mit Tränen – und darüber wundere ich mich (was immer diese Tränen heißen! Das kann ja aus einem aufrichtigen Empfinden kommen oder durch ein via Selbstmitleid, weinerlicher Selbstüberschätzung und Eigendünkel mehr oder weniger raffiniertes Manöver der Lebenslüge und des Selbstbetrugs erzeugt sein. Oder möglicherweise aus einer kruden Mischung aus beidem). In letzter Zeit scheine ich nahe am Wasser gebaut zu sein – aber was wirklich los ist, verstehe ich trotz Ahnungen nicht. Ist es ein oder das große Abschiednehmen? Ich wüßte nicht, was dieses Lebensgefühl ausgelöst haben könnte (oder will er es nicht wissen? - der innere Spötter). Untergehen ist mit Luxus – und im Café frühstücken gehört für mich zum Luxus – viel schöner, angenehmer und melancholischer, als obdachlos in der Gosse verrecken: von Regen und Kälte bedrängt, die Kreuzschmerzen wegen Nässe und Kälte unerträglich, in der Stadt umherirrend, einen Platz zum Verweilen und einen Schlafplatz suchend, den man – so nehme ich an – auch erst erobern und verteidigen muß, ständig dem „feinen“ und dem „niederen“ Pöbel ausgeliefert, den Aggressivlingen preisgegeben, verachtet; das Schwierigste wird wohl sein, sich den letzten Rest an Selbstachtung nicht zerschlagen zu lassen. Und das mit der Selbstachtung ist sowieso schon das Problem.

14:21.  Das Café geht in den Nachmittagsmodus über und ist leerer, aber nicht leer geworden. Ich hätte Lust 25 Cappuccini zutrinken, auf dass es mich umhaut – Melancholie kann ja so kindisch sein! - doch bringe ich meine dritte Tasse kaum noch runter. Aber ein kleiner Schluck geht immer. Ich hebe meinen schon von der Zeitungslektüre und jetzt beim Schreiben tief gesenkten Kopf – ich habe einmal gehört, die, die ständig den Kopf gesenkt halten und zu Boden blicken, schaueten (Konjunktiv) auf die Toten. Fragt sich auf welche: auf die toten Vorfahren zum Beispiel oder auf die eigenen Toten und Ermordeten und die der Vorfahren – ich hebe also den Kopf und blicke schwermütig im Raum herum und schaue sogar gütig und wohlwollend von oben herab die Gäste ein wenig an. Wie es hald (sic!) so geht. Natürlich ist niemand so toll wie ich, aber ich bin gütig und gnädig. Sie können es nicht besser. Der Kellner mixt einen Drink - das habe ich hier auch noch nie erlebt – wieder ein Hinweis, dass die Mittagszeit vorbei ist und ich kein Abendgast bin. Für mich wird es Zeit, sagt meine innere Uhr, von der ich auch nicht weiß, ob sie wirklich meine ist oder eine fremde Installation. Am Heimweg besuche ich noch Yoko Ono.


(24.4.2025)


Peter Alois Rumpf April 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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