Dienstag, 22. April 2025

4029 Yoko Ono

 



Heute wieder ins Museum. Anzug: Schriftsteller; so gerüstet. (Ein sensibler Mensch hat ja nicht bloß den Impuls, davonzurennen, wenn die Eindrücke zu dicht werden, sondern muß sich auch rüsten, bevor er in die Welt hinausgeht. Und es sind vor allem die Menschen, vor denen er sich in Hut nehmen zu müssen glaubt.)

13:28.  Ich sitze im Museum moderner Kunst und schaue auf die fünf ausgestellten Pyjamahosen, die da vor mir auf einem Gestell hängen. Diese Eindrücke kann ich leicht wegstecken. Außerdem habe ich mich ja unter der Überschrift „Schriftsteller“, der Eindrücke zum Beschreiben braucht, von zu Hause aufgemacht und mir sozusagen den Schriftstelleroverall angezogen. Was für mich nicht so leicht ist, denn ich bin es ja offiziell nicht und habe keine ernsthaften (von der Gesellschaft aus gesehen) Veröffentlichungen. So habe ich mich am Morgen mit dem Aufstehen schwer getan. Selbst die Anwesenheit der Tageskinder ist etwas, worauf ich mich innerlich vorbereiten und rüsten muß. Aber es gibt den Moment, wo das innere Gleichgewicht und damit die Bereitschaft für Begegnungen hergestellt ist und das Aufstehen von einer Sekunde auf die andere ganz leicht ist. Freilich bleibt dieses Gleichgewicht sehr labil und kann ganz leicht zerschlagen werden. Also hatte ich mir heute den „Schriftsteller“ angezogen, versuchte mich gerade zu halten und bin losgezogen. Das ändert nichts daran, dass ich jetzt wieder ganz gekrümmt auf der Bank vor den fünf Pyjamahosen sitze – sicherheitshalber habe ich vorher gefragt, ob die Bänke eh zum Sitzen gedacht sind und nicht Teil der Readymade-Ausstellung von Park McArtur sind – aber ich werde nun aufstehen und in einen anderen Saal gehen.

14:28.  Ich war unten auf Etage -4 bei den Sechzigerjahren und bin so herumgegangen, mehr oder weniger beeindruckt. Die vielen Videos habe ich nicht gründlich angeschaut, alles nur so im Vorbeigehen (ich mein’, ich halt ja die Wiener Aktionisten auch nicht mehr aus). Nur bei dem Video cut piece von Yoko Ono vom 21.4.1965 in New York bin ich stehen geblieben. Ich kannte diese Aktion nicht und sah das Video zum ersten Mal. Da mag schon der prominente Name auch eine Rolle gespielt haben, aber es war ihr Gesicht, dass mich dazu gebracht hat, mich darauf einzulassen. Bei dieser Aktion sitzt Yoko Ono am Boden auf ihren Füßen und neben ihr liegt eine Schere. Den Besuchern wird erlaubt, beziehungsweise werden sie aufgefordert, die Schere zu nehmen und ein Stück vom Gewand abzuschneiden und mitzunehmen. Manche Menschen machen das dezent, mit Achtung und Zurückhaltung, manche weniger. Im Gesicht von Yoko Ono meine ich Angst, Trauer, aber auch Selbstbeherrschung und große Disziplin wahrzunehmen. Nur als so ein Lümmel auftritt, der ihr respektlos und unter Scherzen mit seinen Haberern im Publikum gezielt zuerst die Bluse und dann die BH aufschneidet, da zuckt sie zusammen und macht verhalten abwehrende Bewegungen mit den Armen (mir kommt vor, dass sie tapfer ihr Konzept durchziehen will, aber jetzt richtig Angst hat). Sie hält noch den nun trägerlosen BH über ihrem Busen fest. Mich aber hat das richtig erschüttert, dass ich weinen muß. Es ist fast nicht auszuhalten, wie sie sich den Übergriffen ausliefert und wie diese Typen reagieren: wir haben die Erlaubnis, also tun wir es auch. Nicht alle Cutter machen das so verächtlich, respektlos. Das Abschneiden eines Kleidungsstückes kann ja auch – was weiß ich – als echte Begegnung vollzogen werden, oder fast zärtlich, oder „sachlich“. Mich würde interessieren, ob bei einer der Aktionen jemand die Schere vorm Schneiden wieder weggelegt hat oder ob jemand beim Nehmen der Schere Yoko Ono in die Augen geschaut hat und so weiter. Ich weiß nur, dass in London in der Galerie – anscheinend war die Aktion dort schon bekannt – zehn junge Männer bereits gewartet haben und Yoko Ono in zehn Minuten nackt war. Das war aber nicht die Intension der Aktion – wenn es auch dazugehört hat, es nicht zu verhindern. (Übrigens im Gegensatz zu meiner Aktion Haut an Haut 1984 im REM in Wien, wo ich zehn Tage in einem Gehege gelebt habe, aber durch den Zaun die Besucher ausgesperrt waren und ich mich selber einmal nackt gemacht habe.) Danke Yoko Ono.


(15.4.2025)


Peter Alois Rumpf April 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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